Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt – Teil 2

Johnson City, 18.Juni 2007

Nun schlägt sich Julian bereits seit 2 Monaten mit der Frage rum wie er Keenan ins Vertrauen ziehen sollte, das war gar nicht so einfach wie er sich das vorgestellt hat. Jade, seine Cousine, hatte ihn vor wenigen Wochen auf den Kopf zu gefragt, sie meinte sie hätte gespürt das er bereit gewesen wäre und da wollte sie ihren Verdacht nicht länger zurück halten. Sie arbeitet in seinem Lieblingscafé als Bedienung solange sie im Hause seiner Großmutter zu Besuch war, ihre Eltern waren der Meinung gewesen, sie besser einmal ein wenig Zeit fern von zuhause verbringen zu lassen um einen klaren Kopf zu bekommen. Ihre Noten waren sichtlich abgesackt und sie hatte sich stark verändert, ihre Eltern schoben dies auf den angeblich so schlechten Umgang den Jade pflegte und damit hatten sie , wie Jade wusste nicht so ganz Unrecht .

Mittlerweile war Jade bereits seit einem halben Jahr bei den Kane’s zu Besuch und sie war schon wieder die liebenswürdige junge Frau von früher gewesen. Sie und Julian waren sich im Freundschaftlichen Sinne sehr nahe gekommen. Gerade sie war es auch die ihn in die Offensive zwang und ihn geradezu herausforderte durch ihre Fragerei, ihr gegenüber reinen Wein einzuschenken und das tat er nach anfänglichen stottern und zögern doch mit Erleichterung. Als die ersten Worte über seine Lippen gestolpert sind konnte er die nächsten zwei Stunden nicht mehr aufhören zu reden. Er erzählte ihr alles wie ihn die Gefühle seit Monaten schon plagten bzw. deren Geheimhaltung und wie er für Keenan empfand, den sie ja nun auch kannte. Sie verstand allerdings nicht was ihn an diesem Jungen anzog.

Von da an teilten Jade und Julian eine Menge, sie führten oft lange Gespräche über die Gefühlswelt von Julian damit er merkte das es genauso normal war ,als Mann einen anderen Mann zu lieben wie eine Frau. Sie wollte ihm zeigen, dass er keine Angst zu haben brauchte und so beschloss er das nicht Keenan sein nächster Schritt war, er brauchte Rückhalt. Er brauchte seine Eltern.

Leider war das eine ganz andere Geschichte, oh sie waren verheiratet aber sie lebten nicht zusammen. Julian lebte quasi bei beiden. Da war Lilian, seine Mutter, ihr gehörte ein großzügiges Haus, nun ja eigentlich eher eine Villa. Ihre Familie gehörte zu den Einflussreichsten Familien in Tennessee und das machte sich eben bezahlt und auf der anderen Seite sein Vater, Jeff eigentlich Jeffrey, der Besitzer der Farm. Auch Jeff gehörte einer sehr einflussreichen Familie an, die Farm war der Grundstein einer erfolgreichen landwirtschaftlichen Gesellschaft gewesen. Jetzt diente sie als Familiensitz der Familie Kane.

Die Frage mit der er sich nun rumquälen musste war, mit wem er als erstes sprechen sollte. Allgemein hin und das hatte er auch im Internet oft bestätigt gesehen das man mit der Mutter anfängt weil Mütter einen eigenen Instinkt haben was ihre Kinder angeht. Aber bei Julian stellt sich die frage nicht da beide recht offen allem gegenüber stand. Trotzdem wollte er mit seiner Mum beginnen, sie hatten immer ein besonders zutrauliches Verhältnis weil Lilian dachte sie müsse irgendetwas gutmachen seit der Trennung. Julian hatte das immer anders empfunden, allerdings hat er ihr das nicht gesagt aus Angst sie könnte sich danach zurückziehen. Dieses Risiko wollte er nicht eingehen.

Jackson, 18. Juni 2007

Noel war gerade erwacht, sein Vater, so wusste er, ist schon lange arbeiten und würde vor dem späten Abend nicht wiederkehren. Es wurde Zeit mit der Planung für seinen bevorstehenden Umzug zu beginnen. Er hatte ein Zimmer im Studentenwohnheim der ETU zugewiesen bekommen und wollte dort zum ersten des nächsten Monats einziehen, ab dem fünften, sollte er dann auch in der Produktionsfirma anfangen und die Uni fängt dann erst einen Monat später an, allerdings braucht es einiges an Vorbereitungen und er musste ja sehen wie er mit der Arbeit zurecht käme.
Nachdem Noel seine Pflichten erledigt hatte, ging er zur nächsten Bank. Auf seinem Konto befand sich eine sehr ansehnliche Summe, welche bestimmt für den Umzug reichen würde. Ebenso hatte er auch schon den Dienstplan seines Dads ausgekundschaftet und rausgefunden das dieser am 30. Juni Dienst hatte und das nicht gerade kurz, wie gehabt also. Innerlich war Noel dermaßen aufgeregt das er Angst hatte Fehler zu machen, sein Dad hatte immer gesagt: „ Wer Angst hat und Nervös ist, ist wesentlich anfälliger für Fehler als der besonnene Soldat.“

Noel ging bei einer kleinen Speditionsfirma vorbei und leierte alles an, bezahlte und machte einen Termin zur Abholung aus sowie dem Umfang des Transports, allgemein würde er nicht viel brauchen. Im Wohnheim sind die Zimmer möbliert sonst braucht er nur Wäsche und persönliche Dinge also reichte ein kleiner Transporter. Als auch das erledigt war ging Noel spazieren. Er malte sich die Reaktion seines Vaters aus und lachte sich ins Fäustchen, andererseits war er aber auch traurig zu solchen Mitteln greifen zu müssen um in seinem Leben dahingehend voran zu kommen wie er es möchte und nicht wie sein Vater es wünscht.

Er machte sich so seine Gedanken, wie sein Leben in der neuen Stadt werden würde und ob er schnell neue Freunde finden könnte oder ob er dort ganz allein sein würde wie es in Jackson schon quasi der Fall ist. Kumpels hatten Noel, aber keine Freunde und sonst auch nichts in Richtung Beziehung oder ähnliches. Er hoffte dies würde sich dann in Johnson City ändern und er war optimistisch eingestellt, dass alles gut werden würde.

Johnson City, Abend 18.Juni 2007

Nervös saß Julian auf dem Sofa im Salon seiner Mutter. Sie war noch nicht zu hause. Lilian hatte vor einiger Zeit einen neuen Mann kennen gelernt, mit dem war sie ausgegangen. Sie rechnete schließlich nicht mit ihrem Sohn und dessen interessante Offenbarung, genauso wenig rechnete er mit ihrer Reaktion. Als Lilian endlich nach hause gekommen war und sich von Ihrem neuen Freund Dusty verabschiedet hatte, bemerkte sie erst Julians Anwesenheit. Sie war etwas nervös da Julian in ihren Augen keine Ahnung hatte von Dusty, das dies nicht stimmte wusste Lilian nicht, Julian hatte die beiden eines Abends durch Zufall gesehen und sich den Rest zusammengereimt. Über Ihre Nervosität bemerkte Lilian aber nicht wie nervös ihr Sohn war. Seine Hände waren schwitzig und er konnte nicht still sitzen, geschweige denn Lilian in die Augen schauen.

Nach anfänglichen Stottern, bat er seine Mutter platz zu nehmen und zuzuhören. Er erzählte von seinem neuen Verhältnis zu Jade und das er etwas habe was ihm schwer auf der Seele lastet, das dies nicht einfach sei und das er nicht weis wie sie, Lilian, reagieren würde.

Lilian machte sich langsam sorgen, hatte Julian ein Mädchen geschwängert? Jemanden zusammengeschlagen? Sie wurde ungeduldig und bat Julian ihr einfach zu sagen was denn los sei.
Julian schaute auf den Boden und ganz leise kam es dann aus seinem Mund: „ Mum, ich bin schwul!“ Sie hatte es nicht richtig verstanden und bat darum das er es wiederholen möge.
„Mum, ich bin schwul. Ich steh auf Männer!“

Lilian glaubte nicht was sie da hörte, was hatte sie nur falsch gemacht? Wie konnte sie mit ihrer Erziehung so falsch liegen? Sie saß völlig geschockt da und war nicht fähig ein Wort zu sagen. Letztendlich brachte Sie dann nur: „Du kannst nicht schwul sein!“, heraus. Sie fing an zu reden, sie redete sich leicht in Rage. Lilian wusste an Schwulen und Lesben ist nichts Annormales, aber wieso ausgerechnet ihr Sohn, ihr Stolz? Beim aufstehen verkündete sie nur, das Julian und sie am nächsten Tag einen Psychiater aufsuchen werden. Mit diesen Worten ging sie aus den Salon und in den 1. Stock in ihr Zimmer.

Julian konnte nicht glauben was er eben gehört hat. Ihm war es völlig unverständlich wie seine Mutter so intolerant reagieren konnte, dabei waren Jade und er sich so sicher das sie nicht in dieser Art reagieren würde. Er war zutiefst erschüttert, er musste hier raus und fuhr zur Farm. Julian wollte in dieser Nacht nicht unter einem Dach mit seiner Mutter schlafen.

Jackson, um die gleiche Zeit

Noel, lag bereits im Bett. Er wollte nicht mehr auf seinen Vater stoßen heute, dieser war meist aufgebracht oder griesgrämig wenn er vom Dienst kam, das wollte er sich nicht anhören.
Noel hatte heute den Grundstein zu seinem Umzug gelegt, der wiederum so hoffte er, ein Grundstein zu seinem neuen Leben war. Nur noch knappe 2 Wochen und er würde Jackson für sehr lange Zeit verlassen und mit Jackson auch seinen Vater.

Johnson City, der Morgen des 19. Juni 2007

Julian erwachte erschrocken, er hörte unten im Erdgeschoß des alten Farmhauses den Streit zwischen seiner Mutter und seinem Vater. Nur gut, dass er sich noch am selben Abend bei seinem Vater geoutet hat und das dieser weit weniger Probleme damit hat das Julian schwul ist, was ihn ein wenig Mut gab. Und nun stritten die Beiden wieder, diesmal aber nur wegen ihm.
Er mochte den Gedanken schon nicht, dass sie stritten, aber auch noch wegen ihm, das setzte ihn sehr zu, was sollte er tun? Was konnte er tun?

Fragen über Fragen belasteten ihn, sollte er mit seiner Mutter mit gehen und den Psychologen aufsuchen den sie schon angekündigt hatte? Empfand er sich den als psychisch krank? Nein, eigentlich nicht, beantwortete er sich die Frage ehrlich. Ist es krank einen Mann zu lieben statt einer Frau? Wieso darf er nicht lieben wen er möchte, andere tun es doch auch? Während er so sinnierte, stand er auf, wusch sich und zog sich an um sich der grausigen Realität im Erdgeschoss zu stellen, denn es war mittlerweile erstaunlich ruhig.

Sein Vater kam ihn entgehen.

„Julian, du solltest mit ihr reden, sie ist im Wohnzimmer und redet mit Jade!“

„Und was soll ich ihr sagen? Sie meint doch ich bin krank, weil ich nicht Frauen sondern Männer liebe.“

„Das kann ich dir nicht sagen, aber ich denke sie hat nur Angst, generell hat sie eine recht gute Einstellung zu Schwulen und Lesben das weist du selbst.“

„Ich versuch es, aber ich denke nicht das ich einen Psychologen benötige zumindest denk ich nicht das ich krank bin!“

„Das denk ich allerdings auch!“, grinste ihn sein Vater an.

Zwischenzeitlich war ihr Verhältnis leicht beeinträchtigt durch die Trennung aber mittlerweile waren sie mindestens genauso gute Freunde wie zuvor.

Als Julian in das sehr große Wohnzimmer eintrat, wurde er zuerst von Jade bemerkt, die sich diskret entschuldigte um die beiden allein zu lassen und ihrem Gespräch die benötigte Ruhe zu geben. Lilian blickte ihn an, er blickte zurück. Niemand rührte sich, Julian war der Meinung seine Mutter müsse definitiv den Anfang machen. Zahn Minuten stand er schon in dem Türrahmen als seine Mutter aufstand.

„Julian, es tut mir sehr leid, ich weis ich hab genau das Falsche gesagt.“

„Ja, da hast du wohl recht.“, besonders leicht wollte er es ihr nicht machen.

„Ich habe eine Bitte, das ist nicht um dich zu heilen oder so, sondern um dir vielleicht mehr über dich im Klaren zu sein. Ich möchte das du dich mit einem Freund von mir triffst.“

„Und was ist das für ein Freund?“

„Er ist Pfarrer in eine der Nachbarstädte, ich kenne ihn schon länger. Er möchte sich nur mit dir unterhalten.“

„Und was will er mir näher bringen? Das, da was ich empfinde Sünde ist? Darauf kann ich verzichten, ich bin gerade dabei mich selbst zu entdecken und mich zu öffnen und anstatt zu sagen das du mich liebst wie ich bin, willst du mir einen Priester auf den Hals hetzen!“

„Aber nein, er ist kirchlicher Beauftragter für Jugend, er kennt das und hat das oftmals miterlebt, er kann dir vielleicht mit seinem Rat zur Seite stehen auf den Weg zu dir selbst. Ausserdem kann nichts meine Liebe zu meinem Sohn mindern das müsstest du doch wissen.“

„Da bin ich mir einfach nicht mehr sicher, wann soll ich diesen Priester denn treffen?“

„Er wartet in der Villa auf uns.“

„In Ordnung, ich red mit ihm.“

Lilian lächelte dankbar und wissend.

Jackson, 19. Juni 2007

Noels Tag begann wie jeder andere, gegen Mittag setzte er sich in das Büro seines Vaters um sich dessen Dienstplan etwas genauer anzuschauen, er wollte wissen was er die kommenden zwei Wochen zu erwarten hatte. Das erste was er bemerkte, versetzte ihn direkt einen Schlag er hatte demnächst zwei Tage frei, das würde weniger schön für Noel, immer wenn sein Vater frei hatte hieß das für ihn, sehr früh aufstehen, wandern, zelten, Überlebenstraining oder sich zu hause alle zwei Minuten fragen lassen warum seine Frisur nicht korrekt war oder warum seine Meldepapiere noch nicht da seien, dabei hat Noel die Meldepapiere abgefangen und die Meldung durch seinen Vater an seinem Geburtstag widerrufen.

Es war schwer solche Tage durchzustehen und dann gleich zwei davon, das ist sogar recht ungewöhnlich. Commander Tisdon, verließ sich nur selten auf seinen Stellvertreter und das weniger weil er ihm nicht vertraute sondern viel mehr weil für ihn freie Tage mehr verschwendete Zeit darstellte, allerdings war er verpflichtet eine bestimmte Anzahl an freien Tagen zu nehmen um nicht unangenehm aufzufallen in der internen Untersuchungsabteilung.

Noel war der, der die schlechte Laune seines Vaters dann ertragen durfte, beileibe schlug er Noel zwar nicht aber er stachelte ihn an mit seinen militärischen Methoden. Noel musste stundenlange Wandertouren machen, meilenlange Gewaltmärsche oder wie bereits erwähnt Überlebenstraining. Commander Tisdon, auch wenn man ihm das nicht ansah, hatte ein abgeschlossenes Psychologiestudium, welches er dazu benutzte seine Kadetten quasi zu brechen. Sie sollten willige Kampfmaschinen unter seinem Kommando sein und genau das schaffte er immer wieder. Nur bei Noel versagten seine Methoden aber dies, so vermutete Noel, lag mehr daran das er dem nicht dauerhaft ausgesetzt ist und weniger das er so widerstandsfähig ist.
Nachdem er zufrieden festgestellt hat das sonst keine Ungereimtheiten in dem Dienstplan seines Vaters auftauchten, konnte er zufrieden die Füße hochlegen und von der Zukunft träumen, einer Zukunft die, wie er hoffte schon bald beginnen und fast gänzlich ohne seinen Vater von statten gehen würde.

ENDE Teil 2

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