Solarplexus Manipura – Teil 11

Als Kay ihn fragend ansah, meinte Daniel weiter: „Immer, wenn der Kerl damals aufgetaucht ist, hat er rumgestänkert und Basti auf Übelste nieder gemacht. Ich hab keine Ahnung, warum der sich das so lange gefallen lassen hat.”

Mit wachsender Unruhe beobachteten Kay und auch die anderen, wie Rolf auf Bastian einredete. Als er seine Hand nach ihm streckte, wurde es Kay zu bunt und er umrundete zügig den Tisch, um zu seinem Freund zu kommen.

Bei ihm angekommen, stellte er sich schräg vor ihn und blickte gelangweilt auf Rolf.

Rolf reagierte sofort auf die von ihm gewohnte Art: „Ach, das ist ja immer noch der Blondie… der muss es dir ja mächtig gut besorgen, was?” Mit einem gehässigen Grinsen musterte er dabei Kay.

Ich war so schockiert darüber, Rolf in diesem Laden zu sehen, dass ich im ersten Moment absolut nicht reagieren konnte. All die Ängste, die ich die letzten Monate und vor allem in der letzten Nacht unserer Beziehung durchlebt hatte, kamen mit einem Schlag wieder hoch. Meine Hände zitterten unkontrolliert, meine Knie wurden weich vor Angst und mir war plötzlich schrecklich kalt.

Mein Kopf war so leer, dass ich keinen einzigen Gedanken mehr fassen konnte. Die Angst in mir übermächtig.

Wie aus weiter Ferne hörte ich Kay sagen: „Du verschwindest besser, bevor ich mich vergesse.”

„Wer sagt das … DU?!”, mit einem überheblichen Grinsen trat Rolf einen Schritt auf Kay zu, doch dieser rührte sich nicht vom Fleck. In einem gefährlich ruhigen Ton wiederholte er seine Worte: „Verschwinde von hier.”

Rolf stand einfach nur mit seinem fetten Grinsen da und musterte Kay anzüglich von oben bis unten. „Obwohl … deinen Arsch würd ich auch nicht von der Kante stoßen!”

Selbst von so einem derben Spruch hatte sich Kay nicht aus der Ruhe bringen lassen, er ließ sich zu keiner einzigen Bemerkung in der Richtung hinreißen.

Mit einem gehässigen Grinsen und sogar mit einem Zwinkern in meine Richtung wandte Rolf sich ab und es hatte den Anschein, als wolle er freiwillig das Feld räumen. Eine Sekunde später ging er auf Kay los.

Er rammte ihm völlig überraschend die Faust ins Gesicht und schrie dabei: „Scheiß Arschficker!” Kay war auf diesen Schlag nicht gefasst gewesen und taumelte nach hinten.

Jedoch sprang er sofort wieder vor und ging nun seinerseits auf Rolf los. Er packte ihn einfach beim Kragen und schlug ihm mit der Faust ebenfalls ins Gesicht.

Während ich noch immer total geschockt von dem Geschehen war, versuchten Matthias und Daniel einzugreifen. Jedoch vergeblich versuchen sie, die beiden auseinander zu ziehen, wobei dann auch Daniel einen Schlag einstecken musste. Die restlichen Besucher des Cafés standen einfach nur rum und gafften, was das Zeug hielt.

Als meine Starre endlich von mir wich, geriet ich vollkommen in Panik. Ich klammerte mich verzweifelt von hinten an Rolf, um ihn irgendwie an weiteren Angriffen zu hindern. Wie aussichtslos und lächerlich dieser Gedanke gewesen war, merkte ich schon nach nicht einmal einer Minute, als er rammte mir scheinbar ganz nebenbei seinen Ellbogen in den Magen rammte. Im ersten Moment war ich nicht einmal mehr fähig zu atmen und stürzte völlig desorientiert zu Boden.

Geistesgegenwärtig wurde ich mir darüber bewusst, dass wir es alleine wohl nicht schaffen würde und zog ohne nachzudenken und unter einem schweren Hustenanfall mein Handy aus der Hosentasche. Als mir das endlich gelungen war, wählte ich die Notrufnummer der Polizei, denen ich eine schwere Schlägerei meldete. Ich flehte sie an, so schnell wie möglich zum Café zu kommen und legte einfach wieder auf.

Obwohl Kay nicht gerade wehrlos zu sein schien, hatte ich eine panische Angst um ihn, wusste ich doch, wie hinterhältig und brutal Rolf werden konnte.

Immer wieder schlugen sie aufeinander ein und es schien kein Ende zu nehmen, bis Rolf einen Schlag direkt in Kay’s Magengegend erzielen konnte. Keuchend sank er daraufhin zu Boden und ich wollte sofort zu ihm stürzen, doch Rolf hinderte mich daran und riss mich schroff am Arm herum: „Du kleine Schwuchtel kommst mit mir!”

Er zerrte mich einfach mit sich in Richtung Haupteingang, beachtete meine Fluchtversuche nicht einmal. Gerade als er mit mir durch die Tür verschwinden wollte, wurde er von hinten grob zurückgehalten.

Irgendjemand hatte Rolf an der Schulter gepackt, ihn fast schon brutal umgerissen. Er konnte gar nicht mehr so schnell reagieren und glitt mit einem überraschten Keuchen zu Boden, als er einen brutalen Schlag in den Magen abbekam. Mich ließ er dabei los, woraufhin ich einige Schritte von ihm weg stolperte. Beim Umdrehen sah ich auch, wer Rolf zu Boden gebracht hatte. Kay schien sich allerdings nicht damit zufrieden zu geben, denn er schlug weiterhin auf Rolf ein, während er ihm ein Knie auf die Brust drückte, um seine Verteidigungsversuche schon im Keim zu ersticken.

Während mich Daniel einfach an sich zog, versuchten Matthias und Thomas Kay von Rolf wegzuzerren. „Mann, du bringst ihn noch um, wenn du so weiter machst…!”, hörte ich irgendjemanden zwischendurch aus dem Stimmengewirr schreien.

Doch Kay war völlig außer sich, als könne er seine Handlungen gar nicht mehr bewusst steuern.

Ich war einerseits schockiert über die Brutalität, mit der mein Freund handeln konnte, andererseits hätte ich mich nicht dazu durchringen können, ihn davon abzuhalten.

Beinahe apathisch starrte ich auf Rolfs Gesicht, das mittlerweile blutverschmiert war, doch gleichzeitig sah ich ihn auch wieder nicht.

Es drängten sich immer wieder Erinnerungen in meine Wahrnehmung.

Erinnerungen daran, wie oft ich so auf dem Boden gelegen hatte…

Erinnerungen, wie oft Rolf mich verprügelt hatte…

Erinnerungen, wie oft ich Ausreden gegenüber meinen Eltern erfunden hatte, wenn sie die sorgfältig versteckten blauen Flecken doch einmal gesehen hatten.

Diese eine Nacht bei ihm, die letzte Nacht, kam mir in den Sinn. Bilder tauchten in meinem Kopf auf, davon wie er mich damals eiskalt ins Schlafzimmer gezerrt hatte, während sein sogenannter Besuch nur schadenfroh gegrinst hatte. Spürte den Schmerz, den er mir zugefügt hatte. Wie sehr er mich gedemütigt hatte…

Sein schmerzverzerrtes Keuchen, als Kay nicht von ihm abließ, wurde eins mit dem Keuchen dieser Nacht, in der er sich an mir vergangen hatte. Eine einzelne Träne suchte sich ihren Weg über meine Wange.

Einen Unterschied gab es zu dem Geschehen der Gegenwart. Während Kay auch immer wieder auf Rolfs Gesicht einschlug, hatte Rolf das bei mir immer vermieden. Er hatte mich nur ein einziges Mal im Gesicht geschlagen und das war natürlich jedem gleich aufgefallen. Von da an hatte er sich auf die unteren Regionen konzentriert. Die, die man leicht unter der Kleidung verbergen konnte. Trotz seiner Übergriffe hatte er so wenig Aufmerksamkeit wie möglich erregen wollen. Außer bei seinen Freunden. Denn vor denen war er grundsätzlich so drauf. Hatte mich vor ihnen niedergemacht, wenn ihm etwas nicht gepasst hatte oder hatte sich einfach nur über mich lustig gemacht.

Ich hatte nicht wirklich registriert, wann die Polizei angerückt war sondern bemerkte sie erst, als sie Kay regelrecht von Rolf runter zerren mussten. Als ihnen das zu dritt endlich gelungen war, sprang Rolf plötzlich erneut auf und wollte sich wieder auf Kay stürzen. Viel Erfolg hatte er dabei allerdings nicht, denn seine Bewegungen waren kaum mehr als ein Torkeln gewesen. Zwei Polizisten ergriffen ihn an den Armen und einer davon legte ihm hinter dem Rücken Handschellen an.

Endlich aus meiner Starre gelöst, wollte ich sofort zu Kay, der gerade sein Kinn befühlt hatte, doch einer der Polizisten hatte mich zurück gehalten. „Sind Sie der junge Mann, der uns angerufen hat?” In dem Moment schrie Rolf wütend: „Die kleine Schwuchtel hat mir den Kerl auf den Hals gehetzt und jetzt auch noch die Bullen!”

Der Polizist, der mich angesprochen hatte, drehte sich zu Rolf um und meinte in einem ruhigen, fast gelangweilten Ton: „Sprechen Sie ruhig weiter, Herr Berger. Das ist uns alles nur bei der Arbeit behilflich.”

Sofort schoss mir die Frage, woher der Polizist Rolfs vollständigen Namen kennen konnte, durch den Kopf.

An mich gewandt meinte er: „Bitte bleiben Sie noch einen Moment, damit wir Ihre Personalien und Ihre Angaben zu dieser … Beobachtung aufnehmen können.”

Wortlos nickte ich und der Polizist machte sich nun daran, die anderen Gäste zu befragen. Rolf stand bei einem weiteren Polizisten, der ihn sehr grimmig beobachtete und ich konnte nicht anders. Ich besah mir Rolf etwas genauer. Er wirkte so anders. Obwohl er bis auf die Verletzungen genauso aussah wie immer, hatte ich das Gefühl diesen Menschen nicht zu kennen. So lange waren wir ein Paar gewesen, dennoch fühlte ich … nichts. Von Traurigkeit einmal abgesehen.

Nachdenklich wandte ich meinen Blick von Rolf ab und beobachtete stattdessen Kay, der sich heftig gestikulierend mit einem der Polizisten unterhielt. Verwundert stellte ich fest, dass statt des üblichen Zweierteams sogar eine Gruppe von sechs Polizisten anwesend war. Sie waren alle, bis auf den einen, der Rolf bewachte, damit beschäftigt, die Zeugen zu befragen.

Ich ließ meine Blicke weiter über den gesamten Raum schweifen, doch nahm alles wie durch einen dichten Nebel wahr. Obwohl ich so viele Stimmen hörte, konnte ich kein einziges Wort von dem, was sie sprachen, verstehen. Fast so, als wäre ich gar nicht wirklich da gewesen. Ich fühlte mich so fern von den anderen, als würde ich nicht dazu gehören und wurde plötzlich sehr einsam.

Ich hatte immer wieder versucht, den Grund für diese Auseinandersetzung zu verstehen, doch das schaffte ich nicht wirklich. Warum war Rolf so ausgerastet und warum konnte er mich nicht einfach in Ruhe lassen. Er hatte mich doch damals loswerden wollen, sollte also eigentlich doch froh sein, dass er mich nicht mehr am  Hals hatte. Was hatte ihn dazu getrieben, überhaupt auf mich zuzugehen? Ich hatte mit eigenen Augen gesehen, dass er sich längst auch anderweitig vergnügte, wozu in Gottes Namen brauchte er MICH dann noch?

Kopfschüttelnd lenkte ich meinen Blick wieder auf Kay, der noch immer in das Gespräch mit dem Polizisten vertieft war. Nur umspielte seine Lippen nun ein Lächeln und mir wurde sofort warm ums Herz. Er strahlte immer so eine Zuversicht aus und ich fühlte mich in seiner Nähe einfach sicher.

Ich konnte mein Glück noch immer nicht richtig fassen, dass ich tatsächlich mit diesem Mann fest zusammen war. Selbst nach Monaten war ich noch immer so glücklich wie am ersten Tag.

Das Gespräch zwischen den beiden schien beendet zu sein, denn sie reichten sich die Hand und der Polizist blickte sich kurz suchend um. Als sein Blick auf mich fiel, lächelte er kurz und kam dann auf mich zu. Nach einer kurzen Begrüßung fragte er dann auch gleich: „Sie haben bei uns angerufen, nehme ich an?”

Ich nickte wortlos.

„Gut, Ihr Freund”, er zeigte dabei auf Kay, „hat mir schon das eine oder andere über ihre … Bindung zu Herrn Berger erzählt.”

Ohne weiter darauf einzugehen, fragte er mich, ob ich Anzeige erstatten wolle.

Verwundert sagte ich, wenn überhaupt, dann müsste das doch Kay tun? Schließlich hatte Rolf ihn körperlich angegriffen, bei mir war er durch Kay nicht zum Zug gekommen.

Der Polizist schaute mich ebenso verwundert an, wie ich es gerade noch getan hatte und erwiderte: „Ja sicher, der wird das sowieso tun. Aber wie ich eben gehört habe, hatten sie bereits vor dem heutigen Abend negative Erfahrungen mit dem Herrn Berger gemacht.”

Er sah mich fragend an, bis ich verunsichert nickte und fuhr dann fort: „Bitte entschuldigen Sie meine Direktheit, aber durch Ihre Aussage wäre der erst mal weg vom Fenster.”

„Mit Sicherheit”, meinte ich ihn einem ironischen Ton, „der bekommt doch maximal Bewährung und dann lauert er mir erst recht überall auf. Da kann ich mich ja gar nicht mehr allein auf die Straße trauen.”

Mit fragendem Blick meinte er dann: „Nun, es mag durchaus sein, dass auf diese Weise mit einem Ersttäter verfahren werden würde. Aber hier sind die Begebenheiten doch noch ein wenig anders. Da Herr Berger bereits auf Bewährung draußen ist, dürfte das seinen Bewährungshelfer äußerst missmutig stimmen. Und durch Ihre Aussage wird er sich noch für ein weiteres Verbrechen verantworten müssen. Es wird also nicht nur die bereits festgelegte Strafe fällig, sondern bekommt noch eine Ehrenrunde…”

Rolf? Vorbestraft? Erstaunlich, was  es noch so alles von einem Menschen zu erfahren gab, von dem man eigentlich geglaubt hatte, man würde ihn kennen.

„Aber sind Sie sich da denn sicher? Ich wusste nicht, dass Rolf überhaupt irgendwelche Vorstrafen hat.”

„Ja, Herr Berger hat bereits einiges auf dem Kerbholz. Darunter Versicherungsbetrug, Drogenhandel und Körperverletzung. Ich möchte dabei nicht wissen, für welche Vergehen dieser Mensch noch nicht belangt werden konnte.” Als ich darauf nichts erwiderte, fuhr der Polizist fort: „Er steht sogar unter Verdacht, in einem Zuhälterkreis involviert zu sein, allerdings gibt es dafür bisher keinerlei stichhaltige Beweise.”

Mir kamen sofort einige Erinnerungen in den Sinn, denen ich zu der Zeit damals keine Beachtung geschenkt hatte. Und an die ich auch nicht gerne dachte. Rolf hatte manchmal seltsame Sprüche von sich gelassen. So in der Art, er müsse mich mal ein paar Leuten vorführen und so. Ich hatte mir nichts bei so einem Satz gedacht, vermutete, er wolle mich seinen Freunden vorstellen.

Immer mehr Puzzelteile fügten sich zu einem Gesamtbild zusammen, das mir so ganz und gar nicht gefiel. Tanja’s Worte hallten in meinem Kopf: „Der Kerl führt doch irgendwas im Schilde. Basti, pass auf dich auf.” Mit einer unvorstellbaren Wucht wurde ich mir dessen bewusst, dass sie die ganze Zeit Recht gehabt hatte. Rolf hatte mich nie auch nur ansatzweise geliebt.

Es war schmerzhaft, sich das einzugestehen. Sehr schmerzhaft. Doch ich wusste einfach aus einer inneren Sicherheit heraus, dass es so war. So war es in diesem Moment nicht sehr schwer für mich, dem Polizisten meine Entscheidung mitzuteilen: „Ich werde ebenfalls Anzeige erstatten.”

Der Polizist nickte und meinte: „Gut, Sie müssten dann noch aufs Revier kommen, damit wir Ihre Aussage aufnehmen können. Die müssten Sie dann auch gleich unterschreiben und dann kann alles in die Wege geleitet werden.”

Wir hatten noch einen festen Termin vereinbart und ich hatte außerdem die Visitenkarte des Beamten bekommen, damit ich ihn jederzeit hätte erreichen können.

„Danke, Herr Winkel, ich melde mich spätestens zum Termin bei Ihnen”, versprach ich ihm und wollte mich verabschieden.

Doch da nahm er mir die Karte noch einmal aus der Hand, kritzelte noch etwas auf die Rückseite und reichte sie mir wieder mit den Worten: „Ich habe Ihnen noch meine Privatnummer dazu geschrieben. Scheuen Sie sich nicht, sie auch zu nutzen.”

Überrascht nahm ich die Karte wieder an mich und fragte ihn auch gleich: „Ist das bei Ihnen so üblich?”

„Nein, ganz gewiss nicht. Aber … ich will Ihnen nicht zu nahe treten … wenn Sie tatsächlich den Worten Ihres Freundes zustimmen sollten, dann fände ich es besser, wenn Sie auch einen Ansprechpartner außerhalb Ihres Freundeskreises hätten. Sie können sich jederzeit an mich wenden.”

„Vielen Dank, ich werde es nicht vergessen”, entgegnete ich gerührt und reichte ihm die Hand zum Abschied.

Er hatte noch einen Moment gewartet, bis Rolf abgeführt worden war und hatte dessen Verhalten mit einem scharfen Blick beobachtet.

Dieser hatte zwar kein Wort mehr gesagt, aber er hatte mich so hasserfüllt angestarrt, dass mir richtig schlecht wurde. Ich hatte seinem Blick noch nicht einmal stand halten können und mich zu Kay, der hinter mich getreten war, umgedreht. Schützend legte er seine Arme um mich und drückte mich fest an sich, während ich mein Gesicht an seiner Brust versteckte.

Der Polizist meinte noch mit einem väterlichen Lächeln, bevor auch er ging: „Keine Sorge, Sie haben vor diesem Menschen nichts mehr zu befürchten. Außerdem sehe ich, dass sie einen guten Beschützer an der Seite haben.”

Wir machten es uns noch etwas an der Bar gemütlich, doch die Stimmung war nur mehr sehr bedrückt. Obwohl eigentlich nochmal alles gut gegangen war, hing jeder seinen Gedanken nach und fast keiner sprach ein Wort. Es war erschreckend, wie alleine man plötzlich da stand, wenn es hart auf hart kam. Das gesamte Cafè war voll besucht gewesen, doch eingegriffen hatte kein einziger. Was musste erst passieren, damit jemand zu Hilfe kam?

Nachdenklich lehnte ich mich an Kay, der bereits seinen Arm um meine Schulter gelegt hatte und mich schweigend festhielt.

„Basti?”, kam es leise von Matthias.

„Hm?”

„Lass dir von dem nicht dein Leben versauen. Du bist ihn nun endgültig los…”

Ich nickte nur schweigend. So richtig nach Reden war mir eigentlich nicht zumute.

„Außerdem … jetzt hast du die mündliche Zusage: Dein Kay ist endgültig bei uns aufgenommen und akzeptiert…”

Ich sah Matthias überrascht an, er bedachte mich mit einem frechen Grinsen und mit einem Zwinkern. Auch wenn sein Versuch nicht unbedingt geglückt war, ich lächelte ebenfalls ihm zuliebe.

In diesem Moment kam der Barkeaper zu uns an den Tisch und servierte uns unaufgefordert Getränke für jeden von uns. Er sagte nichts dazu, sondern meinte nur entschuldigend: „Geht aufs Haus…”

Nach einem mitleidigen Blick in meine Richtung entfernte er sich wieder. Ich sah ihm verwundert nach und überlegte noch, was das zu bedeuten habe. Immerhin war unsere Gruppe unmittelbar an der Schlägerei beteiligt gewesen und eigentlich hätte das auch gereicht, um uns aus dem Café zu verweisen.

Ich ließ meinen Blick umher wandern und bemerkte erst jetzt, wie leer das Café geworden war. Scheinbar war diese Art von Unterhaltung zuviel für die meisten Besucher gewesen und so hatten es viele vorgezogen, den Ort des Geschehens zu verlassen.

Die wenigen, die noch dort waren, schienen eher neugierig zu sein und begierig darauf, zu erfahren, was hier eigentlich passiert war. Uns war das jedoch egal, wir blieben unter uns und ließen auch nichts nach außen sickern. Nur gedämpft unterhielten wir uns noch ein wenig über allgemeine Sachen, vermieden es dabei, ein Wort über Rolf fallen zu lassen.

Doch trotzdem, die Stimmung wollte nicht wieder so richtig auftauen, viel zu geschockt und auch erschöpft waren wir alle.

Plötzlich meinte Matthias: „Kay, genau sowas in der Richtung habe ich vorhin andeuten wollen. Sobald der Kerl irgendwo auftaucht, gibt’s Ärger…”

Kay nickte, machte dabei aber einen gequälten Gesichtsausdruck und sagte nichts dazu.

Matthias sprach weiter: „Ich hätte echt Lust, dem Dreckskerl nochmal zu begegnen. Heute hat er uns überrascht… aber das würde er nicht noch mal schaffen…”

Daniel und Thomas stimmten ihm grimmig zu und man konnte die aufkeimende Aggression fast greifen.

Plötzlich meinte Thomas triumphierend: „Na, wir wissen doch, wo er wohnt. Wir könnten doch seiner Wohnung mal einen kleinen Besuch abstatten…”

„Was bringt das denn, wenn er bei den Bullen hockt?”, rätselte Matthias noch, doch dann hellte sich auch sein Gesicht auf. „Klar, eine demolierte Wohnung ärgert einen vermutlich noch mehr, als wenn ein gewachsener Schlägertyp ein paar in die Fresse bekommt…”

„Jungs, ich halte das für keine gute Idee. Rolf wird ohnehin nicht drum rum kommen, für seine Verbrechen bezahlen zu müssen. Der kommt so schnell nicht mehr aus dem Knast raus, bei dem was er sonst noch so auf dem Kerbholz hat”, lenkte Kay ein.

„Na und? Ein bisschen mehr Ärger schadet dem Kerl doch nicht?”

Ich war fast ein bisschen schockiert über die Aussagen meiner Freunde, konnte sie aber dennoch verstehen. Rolf war diesmal entschieden zu weit gegangen. Den Bogen überspannt hatte er schon öfter, aber das hatten meine Freunde danke meiner Heimlichtuerei ja nie mitbekommen.

„Leute, lasst euch doch nicht auf sein Niveau sinken. Am Ende seid ihr noch wegen Einbruchs dran, obwohl ER hier der Verbrecher ist und nicht ihr…”

„Hmm … wer sollte uns denn verraten?”, kam es fast lauernd von Matthias und blickte dabei erst in die Runde, um dann Kay direkt in die Augen zu sehen.

„Matthias, jetzt hör aber auf”, redete ich dazwischen, um die Situation wieder etwas zu entspannen. Ich konnte es nicht brauchen, dass sich nun doch alle noch mit Kay verkrachten. Schon gar nicht, wenn es um Rolf ging. „Das bringt doch eh nix. Was passiert ist, ist nun mal passiert und es würde nichts daran ändern… egal, was wir machen.”

Ich benutzte mit Absicht das Wort „wir”, um durchblicken zu lassen, dass wir wohl alle in einem Boot saßen und wir absolut keinen Grund hatten, uns nun auch noch anzugiften.

„Basti hat Recht. Es würde nichts bringen. Außerdem hätte das nichts mit Verrat zu tun, wenn wir geschnappt würden… die Polizei müsste doch nur eins und eins zusammenzählen, um darauf zu kommen, wer die Wohnung so zugerichtet hätte…”

Kay hatte wohl meinen Wink verstanden und sprach ebenfalls von uns in der Gruppe, von unserem gemeinsamen Plan.

Es schien zu funktionieren, denn Matthias und auch Thomas entspannten sich zusehends. „Vermutlich hast du Recht. Außerdem … sollten wir uns echt an diesem Sauhaufen von Wohnung die Finger dreckig machen?”

Wir schüttelten alle entschieden mit dem Kopf und ich musste sogar ein Lachen unterdrücken. „Leute, was haltet ihr davon, wenn wir für heute Schluß machen? Ich bin ehrlich gesagt ziemlich müde und eigentlich sogar total fertig…”, schlug ich, ein Gähnen unterdrückend, vor.

Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen und so machten wir uns langsam auf, unsere Jacken anzuziehen und gingen vor das Café. Dort verabschiedeten wir uns noch einzeln und jeder mit einer Umarmung.

Kay meinte dann noch eher scherzhaft: „Und dass ihr ja keinen Scheiß baut, Jungs… ich will euch morgen nicht auch noch auf der Wache abhol…”

Er schafft es nicht mehr, diesen Satz zu Ende zu sprechen…

Von einer Sekunde auf die andere brach er keuchend, die Hände auf den Bauch drückend, vor unseren Augen zusammen. Ich konnte gerade noch zu ihm stürzen und seinen Kopf vor einem schweren Aufprall zu schützen, indem ich ihn während dem Fall abstützte und selbst mit Kay zu Boden ging.

„Kay!!!!!!”

Er reagierte nicht mehr. Sein Augen waren geschlossen, sein Mund leicht geöffnet.
Meine Gedanken überschlugen sich. „Oh Gott, Kay!!! Sag doch was! Kay….”

Mit Panik in den Augen schrie ich: „Ruft einen Arzt … schnell!”

Der Satz kam natürlich viel zu spät, denn Thomas hielt bereits sein Handy in der Hand und telefonierte mit irgendjemandem.

Während ich Kay panisch umklammerte, hielt Matthias prüfend sein Handgelenk. Erschrocken blickte er in meine Augen und flüsterte: „Oh Scheiße! Er hat keinen Puls…”

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