Stille Nacht – Teil 1

von Co-Autor

Soeben habe ich die erste Kerze am Adventskranz angezündet, der helle Schein taucht das Wohnzimmer in ein mildes Licht. Es ist schon dunkel draußen, ist ja bereits fünf Uhr am frühen Abend des ersten Adventssonntags. Ich habe es mir im Wohnzimmer auf der Coach bequem gemacht. Vor mir am Tisch eine dampfende Tasse Kakao, daneben in einem Teller die ersten selbst gebackenen Weihnachtsplätzchen., vom CD-Player rieselt leise Musik, dazu der Kerzenschein im ansonsten dunklen Zimmer – könnte man noch stimmungsvoller den Beginn der Vorweihnachtszeit feiern?

Ja, könnte man, wenn, ja wenn man nicht alleine wäre. Dabei bin ich es doch eigentlich gar nicht, nein, ich habe einen festen Freund, Julian mit Namen. Er ist wie ich im fünfundzwanzigsten Lebensjahr, er ist groß, schlank, hat schwarzes, leicht gewelltes Haar, sieht mit einem Wort blendend aus und ist mein Freund.

Seit etwas mehr als drei Jahren leben wir hier in unserer gemütlichen Wohnung beisammen. Aber wir kennen uns schon viel länger. Unsere Eltern sind Nachbarn, wir haben zusammen die Volksschule besucht. Erst die verschieden Berufsausbildungen haben uns eine Zeit lang getrennt. Während ich Koch lernte, hat sich Julian zum Bürokaufmann ausbilden lassen.

Schon früh habe ich erkannt, dass mir eben Männer besser gefallen als Frauen und dass ich schon lange für Julian mehr empfinde als bloße Freundschaft. Er tat sich da etwas schwerer, hatte Freundinnen, bezeichnet sich als bisexuell. Aber dann gestand er sich ein, dass er mich liebt.

Ja, das war vor vier Jahren und vor über drei Jahren haben wir uns entschlossen, zusammen zu ziehen. Ich liebe Julian wirklich und ich kann mir seiner Zuneigung sicher sein, besser gesagt, ich konnte es, bis vor etwa einem halben Jahr.

Am Anfang dachte ich mir gar nichts dabei, als er ab und zu mit Kollegen vom Büro ausging, mal zum Essen, mal zum Kegeln. Und dass er mir öfter von seiner Kollegin Susi erzählte, hat mich anfangs nicht wirklich beunruhigt. Ich habe sie mal kurz gesehen und ich konnte ihn verstehen, sie sieht, naja für eine Frau eben, recht gut aus.

Wir hatten nie Geheimnisse voreinander und so hat er mir immer alles erzählt, auch, dass es dann nicht mehr Kollegen waren, mit denen er weg war, sondern nur noch mit dieser Susi. Das hat mich dann schon unruhig werden lassen, ich wusste ja um seine zweigleisige Veranlagung. Wobei er ja die eine Seite seit unserem Zusammensein völlig ausschaltete. Aber jetzt kam sie halt wieder zum Durchbruch, wobei diese Person sicher alle ihre Reize einsetzte, um ihn zu umgarnen. Und dass Julian gut aussieht und auch sonst viele Vorzüge hat, das spürt auch das weibliche Geschlecht, ganz klar.

Jedenfalls blieb er eines abends länger weg als geplant und erzählte mir dann hinterher, dass es nun passiert ist, was ich befürchtet hatte, aber immer verdrängte, er hat mit ihr geschlafen und es hat ihm gefallen. Wenigstens war er ehrlich.

Ich war entsetzt, aber was sollte ich tun? Ich liebte Julian und er versicherte mir, dass sich dadurch an unserer Beziehung nichts ändert, weil er mich nach wie vor liebt und er halt nichts für seine Veranlagung, dass er eben auch Interesse an den Frauen hat, könne.

Mit einem unguten Gefühl und schweren Herzens habe ich es akzeptiert, dass er von da an fast jede  Woche einen Abend bei Susi verbrachte. Nein, ehrlich gesagt, ich habe es nicht akzeptiert, ich habe es mehr oder weniger hingenommen, weil ich ihn nicht verlieren wollte.

Natürlich waren es jedesmal schlimme Stunden, wenn ich wusste, er ist bei ihr, die Eifersucht zerfraß mich beinahe. Und wenn er dann wieder bei mir war, da hatte ich schon Schwierigkeiten, ganz unbefangen Zärtlichkeiten auszutauschen, denn ich wusste ja zum Beispiel, an diesen wunderschön geschwungenen Lippen, da hing vor kurzem noch sie. Und wenn wir dann wieder Sex miteinander hatten und ich mich seiner prächtig ausgestatteten unteren Region annahm, da blitzte natürlich der Gedanke auf, wer sie zuletzt nicht nur gesehen hat und wo sein in meiner Hand befindlicher Lustbolzen wenige Stunden vorher gesteckt hat.

Aber der Mensch kann sich ja mit allem arrangieren, notgedrungen. Es war alles andere als ein befriedigender Zustand. Aber ich merkte, wie Julian diese Zweigleisigkeit befriedigte und so hielt ich still.

Freilich wurde es dann beinahe unerträglich, als er vor etwa zwei Wochen erstmals eine Nacht weg blieb. Er hat mich schon vorher angerufen, um mich zu beruhigen. Aber ich wäre beinahe gestorben vor lauter Eifersucht und habe mir fest vorgenommen, gleich am nächsten Tag mir ihm zu reden, denn so ging es mit Sicherheit nicht weiter.

Gerade als ich anfangen wollte, mit ihm zu reden, da kam er mir zuvor und mit der Idee, über Weihnachten und Neujahr Urlaub auf Gran Canaria zu machen, vierzehn Tage nur wir Zwei, kein Abend oder gar Nacht mit Susi.

Ich muss dazu auch sagen, dass wir schon ein paar mal auf der Insel waren und es uns dort immer sehr gut gefallen hat. Freilich über die Feiertage auf der Insel, das wäre auch für uns Neuland.

Wir mögen beide Weihnachten und alles was damit zusammenhängt sehr gerne. Wir mögen die Weihnachtsmärkte mit Lebkuchen- und Glühweinduft, mögen überhaupt die stimmungsvolle Adventszeit, mit weihnachtlich geschmückter Wohnung, mit Plätzchen backen. Vor allem, wenn es dann draußen auch noch winterlich aussieht, dann ist die Vorweihnachtsstimmung vollkommen. Und gar das Fest selber mit geschmücktem Christbaum, mit liebevoll verpackten Geschenken, mit gutem Essen, mit weihnachtlicher Musik und dem Gang zur Christmette, vielleicht gar noch bei leichtem Schneefall, umwerfend romantisch, vielleicht kitschig, aber wir mögen es.

Freilich wird das Weihnachtsfest dort auf der Insel des ewigen Frühlings etwas anders aussehen, als wir es von hier gewohnt sind, aber vielleicht gefällt es uns genauso. Hauptsache aber ist doch, dass wir beisammen sind und keine Susi unser Glück stört..

Was soll ich sagen, schon am nächsten Tag als Julian mit dem Vorschlag kam, haben wir im Reisebüro gebucht und werden somit vom zwanzigsten Dezember bis zum dritten Januar in Playa del Ingles auf Gran Canaria sein. Und wie ich mich darauf freue!

Freilich, reden müssen wir zwei trotzdem, das ist nicht aufgehoben, nur aufgeschoben. Denn auf Dauer kann ich Julian nicht mit ihr teilen. Anfangs mit den gelegentlichen Treffen, da hab ich es einfach verdrängt. Aber jetzt, wenn er eine ganze Nacht weg bleibt – nein, das kann ich nicht verkraften. Und nur die Aussicht auf den baldigen Urlaub, lässt mich etwas hoffnungsvoller in die Zukunft blicken.

Natürlich weiß Susi von mir und dass wir zusammen sind und das so lange schon. Aber das hat sie nicht daran gehindert, sich in unsere Beziehung zu drängen. Obwohl man gerechterweise auch sagen muss, dass man sich nur schwerlich in eine Beziehung drängen kann, wenn es nicht einer in dieser Beziehung auch will. Und Julian wollte es ja.

Heute am ersten Advent ist er wieder mal bei ihr, wo auch sonst. Und es ist zum ersten mal ein Sonntag, wo er mich wegen ihr allein lässt. Zum Mittagessen hat sie ihn eingeladen, will ihm „was Schönes und Gutes“ kochen. Dabei weiß sie doch genau, dass ich Koch von Beruf bin und sie mit ihren angeblichen Kochkünsten kaum mit mir konkurrieren kann. Aber sie glaubt halt, mit Speck fängt man Mäuse, auch wenn es in dem Fall ein Mäuserich ist.

Kaffee trinken wollte er auch noch bei ihr, weil sie ihm einen vorzüglichen Kuchen gebacken hat. Bah, meine Kuchen und Torten sind mehr als vorzüglich.Aber spätestens um Vier wollte er wieder zurück sein. Weiß er doch um unser Ritual, am ersten Adventssonntag um genau fünf Uhr gemeinsam die erste Kerze anzuzünden.

Nein, er ist um vier Uhr nicht gekommen und war auch um Fünf nicht da. Ich hab zum ersten mal seit wir beisammen sind, die erste Kerze allein angezündet. Wenn das nur kein schlechtes Omen für die kommende Weihnachtszeit ist!

Und so sitze ich jetzt um halb Sechs immer noch alleine hier, meine Kakaotasse ist leer, die Plätzchen habe ich gar nicht angerührt, schmecken einfach nicht, wenn man sie alleine essen muss. Nein, diesmal ist Julian zu weit gegangen, da kann er sich was anhören von mir. Sicher wird es bei den Beiden nicht nur zum Essen und Trinken gekommen sein. Mit Sicherheit sind sie auch wieder im Bett gelandet, weiß ich doch um Julians starke Potenz. Nein, trotz des gemeinsamen Urlaubs über Weihnachten müssen wir reden. Ja reden, aber dazu müsste er erst mal da sein.

Aber jetzt ist er hier, soeben hat er die Wohnung betreten, steht nun vor mir im Wohnzimmer und gibt von sich:

„Advent, Advent, ein Lichtlein brennt, erst eins, dann….“

Abrupt unterbreche ich ihn:

„Hör sofort auf! Jetzt kommst du erst daher, obwohl vier Uhr ausgemacht war. Und dann fällt dir nichts ein, als dich über mich lustig zu machen. Ist das deine Entschuldigung? Und außerdem, sag mal, hast du getrunken? Ich rieche es bis hier her.“

„Ja, aber nur etwas Glühwein und ja, hast ja recht, Florian, tut mir leid, dass es später geworden ist. Aber es ist einiges dazwischen gekommen, was nicht geplant war. Auch Susis älterer Bruder mit der Frau ist zum Kaffee gekommen und da konnte ich doch schlecht einfach abhauen. Wie hätte das ausgesehen.“

„Jaja, aber wie es bei mir aussieht, das ist dir egal. Immer haben wir gemeinsam die erste Kerze angezündet, immer seit wir beisammen sind und immer um die gleiche Zeit. Und du weißt das!“

„Aber du hast sie ja eh schon angezündet, hättest ja auch warten können, dann hätten wir sie gemeinsam…Aber komm, Florian, sei nicht böse, ich hab mich doch eh entschuldigt. Man kann einfach vorher nicht alles so planen, sagte ich ja schon. Zuerst hat es mit dem Essen schon länger gedauert, dann der Besuch, dann….“

„Ein kleines Fickerchen…“ kann ich nicht lassen, ihn zu unterbrechen.

„Musst du immer gleich so vulgär daherreden?“

„Willst du es etwa abstreiten? Aber lassen wir das, bringt eh nichts. Aber ehrlich, Julian, wie soll es mit uns weitergehen? Ehrlich du, wenn ich nicht die Aussicht auf den Urlaub hätte….“

„Ach ja, der Urlaub. Weißt du übrigens, dass die Familie, also die Eltern von Susi, eine Skihütte in den Zillertaler Alpen haben, mitten in einem wunderschönen Skigebiet. Ich habe heute Fotos gesehen, sieht einmalig aus dort. Skifahren ist auch im schneearmen Winter möglich, dann sind mehrere Skilifte in der Umgebung und die Hütte selbst ist sowas von gemütlich und urig und trotzdem mit allem ausgestattet, was…

„Ich unterbreche dich nur ungern in deiner Schwärmerei, Julian, aber ehrlich gesagt, interessiert mich die Skihütte nicht die Bohne!“

„Ach Florian, du bist immer noch beleidigt. Aber ehrlich, ist es wirklich so schlimm, dass du die erste Kerze alleine anzünden musstest?“

„Mensch Julian, darum geht es doch gar nicht allein, ich hab einfach….“

Jetzt unterbricht er mich:

„Naja, du weißt doch, wie gerne ich Ski fahre und Susi übrigens auch und naja, sie hat mich, das heißt eigentlich uns beide, jawohl, hat sie ausdrücklich gesagt, hat uns eingeladen auf diese Skihütte.“

„Nein danke, ich will bestimmt nirgends hin, wo mich alles an dieses Weibsbild erinnert!“

„He, das ist Susi, red nicht so von ihr!“

„Mit anderen Worten, sie will ein Wochenende mit dir auf der Hütte, richtig?“

„Ja, das heißt nein, es ist auch ihr Bruder und seine Frau dabei.“

„Also zuerst ein Abend, dann eine Nacht, jetzt ein Sonntag und bald ein ganzes Wochenende. Das hab ich mehr oder weniger befürchtet, dass es so kommt. Wenn man erst mal diesem Miststück den kleinen Finger reicht, zappelt bald der ganze Kerl an ihrer Hand.“

„Sie ist kein Miststück, Florian, du müsstest sie nur besser kennen lernen. Und nein, es wäre auch kein Wochenende, naja, es ist so, wie soll ich es sagen, ja gut, sie will Weihnachten und Silvester dort verbringen.“

„Weihnachten und Silvester also, na gut, soll sie doch, da sind wir ja auf der Insel.“

„Ich weiß das, Florian, aber….naja…“

„Aber? Julian, du wirst doch nicht…nein, das glaube ich jetzt nicht. Du willst unseren Urlaub auf Gran Canaria, unseren gemeinsamen Urlaub, sausen lassen und dafür mit dieser Schnepfe in der Skihütte von Weihnachten bis Silvester vög….?“

„Warum musst du immer gleich so ausfallend werden, Florian, ich will doch nur….“

„Sag mal, was hat dir dieses Frauenzimmer heute ins Essen getan? Ich glaubs einfach nicht! Du selbst bist mit der Idee vom Weihnachtsurlaub gekommen. Wir haben fest gebucht und zumindest ich für meinen Teil freue mich wie ein Kleinkind auf den Urlaub. Seit wir beisammen sind, haben wir immer alles zusammen gemacht, Weihnachten immer gemeinsam gefeiert, und jetzt willst du, nein, das ist doch alles nur ein schlechter Scherz, oder?

„Ja, das heißt nein, ich hab das ja gewollt mit unserem Urlaub, wirklich, aber dann hat Susi eben das von der Hütte erzählt und mir die Bilder gezeigt und auch ihr Bruder hat die Hütte in den höchsten Tönen gelobt. Natürlich wusste Susi dass wir den Urlaub schon gebucht haben. Aber sie meint auch, dass man das stornieren oder umbuchen kann. Außerdem ist es im Dezember eh nicht so toll mit dem Wetter da unten. Und du weißt, wie gerne ich in den Bergen und im Schnee bin. Und überhaupt, was regst du dich so auf, du sollst ja auch mitkommen. Meinst du ich lasse dich Weihnachten alleine hier?“

„Ich hab dir schon gesagt, dass ich das niemals tun werde. Ja glaubst du wirklich, ich sehe zu, wenn ihr miteinander…Nein, niemals! Außerdem weißt du sicher, dass wir keine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen haben, also kriegen wir, wenn überhaupt, nur einen Bruchteil von der bereits überwiesenen Summe wieder heraus.“

„Aber warum nur sträubst du dich , mitzukommen, glaub mir, es würde dir gefallen, du kannst doch auch ganz gut Ski fahren und vor allem die Landschaft dort ist sowas….“

„Spar dir deine Schwärmerei, nie und nimmer!“

„Ja und wenn du doch auf die Insel fliegst, nein, natürlich nicht allein, aber da gibt es doch sicher jemanden, der gerne mitkommt. Deine Kollegin zum Beispiel, wie heißt sie gleich, ach ja, die Gabi, mit der du dich gut verstehst oder mit Stefan, deinem Kollegen, den magst du doch auch und er ist nicht verheiratet, soviel ich weiß. Oder warum gibst du nicht einfach eine Anzeige auf, machen doch heute alle.“

„Also langsam glaube ich wirklich, dir haben sie ins Hirn geschissen. Sag mal, weißt du überhaupt, was du da für einen Schwachsinn von dir gibst? Wir beide, du und ich, sind zusammen und das schon so lange, Anfang nächsten Jahres wollten wir die Partnerschaft eintragen lassen. Und dann kommst du daher und redest mir zu, ich soll mit jemand anderem für vierzehn Tage Urlaub machen. Also tut mir leid, aber das höre ich mir nicht mehr länger an, ich gehe ins Bett. Und vielen Dank auch, dass du mir den ersten Advent so versaut hast.“

„Jetzt warte doch mal Florian, lass uns das ausreden. Glaubst du, mir fällt das alles leicht, wo ich doch weiß, wie sehr du dich auf die Insel gefreut hast. Und ich ja auch. Aber, naja, es ist halt so, wie  soll ich es dir erklären, also Susi sagt, wenn ich dieses Weihnachten nicht mit ihr verbringe, naja, dann ist es aus. Und ich will sie halt nicht verlieren.“

„Soso, dieses Anhängsel willst du also nicht verlieren, aber bei mir ist es dir scheinbar egal. Weißt du was Julian, fahr mit ihr in den Schnee, aber dann ist es mit uns aus. Du kannst dich jetzt entscheiden. Du weißt ja, dass ich von Montag bis Mittwoch auf dem Seminar bin. Bis zum Mittwoch kannst du es dir überlegen. Aber wenn du dich für sie entscheidest, dann möchte ich dich am Mittwoch hier nicht mehr sehen! Es liegt jetzt an dir.“

„Das kann doch nicht dein Ernst sein, Florian, warte doch!“

Aber ich eile so schnell ich kann aus dem Wohnzimmer, höre zwar noch, wie Julian nach mir ruft, aber es gibt für mich nichts mehr zum Bereden.

Lange liege ich wach, kann nicht einschlafen. Julian kommt nicht in unser gemeinsames Schlafzimmer. Ich nehme an, er hat sich auf der bequemen Coach im Wohnzimmer sein Nachtlager gerichtet, was jeder von uns schon hin und wieder macht, um den anderen nicht aufzuwecken, wenn es später geworden ist. Bei meinem Schichtdienst kommt es ja oft vor.

Zu viele Gedanken gehen mir durch den Kopf, zu groß die Enttäuschung. Ich kann einfach nicht glauben, was da kurz vorher im Wohnzimmer abgelaufen ist. Ich hatte ja die Befürchtung, dass diese Susi immer mehr von Julian will, dass ihr die gelegentlichen Treffen nicht mehr ausreichen. Aber nie und nimmer hätte ich gedacht, dass sie ihn soweit bringt, dass er unseren bereits gebuchten Urlaub absagt, um mit ihr Weihnachten zu verbringen.

Nein, dass ist nicht mehr der Julian, wie er noch vor einem halben Jahr war! Die hat ihn dermaßen beeinflusst und er ist ihr verfallen mit Haut und Haar. Aber ich kann daran nichts ändern, das könnte nur er selbst. Und ob er das will, ich bezweifle es. Ich hab ihm ja die Frist bis Mittwoch gegeben, bis dahin muss er sich entscheiden. Aber ich befürchte, im Grunde hat er sich bereits entschieden. Ist das nun das Ende unserer Beziehung? Das wäre wirklich schlimm. Aber, wie heißt es immer, lieber ein Ende mit Schrecken und der wäre tatsächlich riesengroß, als ein endloser Schrecken, also ein Julian, den ich immer mehr an diese Person verlieren würde.

Nun haben wir bereits Mittwoch, es ist früher Abend und ich bin soeben vom Fortbildungskurs zurück in unsere Wohnung gekommen. Es war ein Kurs über Schonkostzubereitung und Diätpläne. War etwas langweilig, aber doch wichtig, weil in dem Hotelrestaurant, in dem ich in der Küche beschäftigt bin, immer mehr auch Schonkost verlangt wird.

Nun gut, der Kurs ist vorbei, ich bin wieder hier und um eine kleine Hoffnung, die bis zuletzt vorhanden war, ärmer. Ja, ich hatte die vage Hoffnung, Julian hätte es sich doch anders überlegt und wartet in unserer gemeinsamen Wohnung auf meine Ankunft.

Nichts dergleichen! Und so muss ich wohl davon ausgehen, dass unsere Wohnung nur mehr meine Wohnung ist. Julian ist nicht mehr hier und mit ihm sind alle seine Sachen weg. Sein Zimmer, wo alle seine Möbeln waren, ist völlig leer geräumt, seine Kleidung im Schlafzimmerschrank ist weg. Auch sonst sehe ich nichts mehr, was ihm gehören würde. Sein Wohnungsschlüssel liegt am Küchentisch und daneben ein kurzer Brief, in dem er mich bittet, Weihnachten doch auf Gran Canaria zu verbringen, ich würde schon jemanden finden, der gerne mitkommt. Seinen Anteil an den bereits bezahlten Reisekosten könne ich behalten oder eben für die andere Person, die mit mir mitkommt, hernehmen. Er ist bei Susi eingezogen, schreibt er dann noch, die ihn sehr gerne aufgenommen hat. Naja, war ja klar! Und zum Schluss meint er dann noch, dass ihm alles sehr leid tue, aber ich habe ja nicht mit mir reden lassen, denn er liebt mich immer noch.

„Ja glaubst du das wirklich selbst, Julian? Ich zweifle echt daran!“ sage ich zu mir selber.

Liebe ich ihn noch? Ja, da ist schon noch was da, sonst würde die Trennung, die nun wohl endgültig ist, nicht so weh tun. Wie war es denn während des Kurses, hat es eine Stunde in den drei Tagen gegeben, wo ich nicht an ihn dachte? Sind nicht jeden Abend und jede Nacht, wo ich alleine im Zimmer war, Tränen geflossen? Und sind nicht meine Augen im Moment wieder nass, während ich die Zeilen seines kurzen Briefes lese?

Nein, man kann nicht einfach die bisher so harmonische Beziehung von über drei Jahren so mir nichts dir nichts auslöschen, ohne dass Wunden bleiben. Ja, Julian hat sich entschieden und ich bin nun allein.

Auch heute liege ich im Bett lange wach und überdenke diese für mich neue Situation. Und ich denke an das bevorstehende Weihnachtsfest. Nein, alleine hier in der Wohnung bleiben, das werde ich mit Sicherheit nicht. Ja, ich könnte zu meinen Eltern, die würden sich freuen und ich habe ja immer noch ein sehr gutes Verhältnis zu ihnen, auch wenn ich schon ein paar Jahre meine eigene Wohnung habe. Aber wenn ich alleine komme, muss ich erklären, was mit Julian ist und das möchte ich im Moment noch nicht.

Also doch Weihnachten auf der Insel, so wie geplant? Aber eben nicht mit Julian, der zieht ja den Schnee dem Meer vor. Aber mit wem dann? Julians Vorschlag, mit einer Kollegin oder einem Kollegen zu fliegen, war eh wahrscheinlich nicht ernst gemeint. Sie sind zwar beide nicht verheiratet und zur Zeit ohne Partner. Aber beide wohnen bei den Eltern und Geschwistern, mit denen sie sicherlich Weihnachten feiern wollen.

Doch alleine auf die Insel des ewigen Frühlings? Nein, ist keine gute Idee, da käme ich mir noch einsamer vor als zu Hause. Ich war ja mit Julian schon ein paar mal auf Gran Canaria. So würde mich natürlich Vieles dort an ihn und an so manche glückliche Stunde erinnern.

Also nicht allein, nicht mit Kollegen oder Freunden, aber was bleibt dann noch? Doch eine Anzeige aufgeben? Suche Reisebegleiter usw.? Na, ich weiß nicht, so auf die Schnelle jemanden finden, kann das gut gehen? Jedenfalls müsste es schnell gehen, in drei Wochen ist ja schon der Abflug. Eine Anzeige käme in einschlägigen schwulen Zeitschriften aus Zeitmangel ohnehin nicht mehr in Frage, blieben also nur Tageszeitungen.

Soll ich es wirklich versuchen? Aber was hab ich schon zu verlieren? Und es kann ja sein, dass es Leute gibt, die gerne mal ein anderes Weihnachten erleben wollen, Weihnachten am Strand und unter Palmen auf den Kanaren anstatt bei Eis und Schnee in Deutschland. Der Entschluss steht fest: Ja, ich machs, eine Anzeige wird aufgegeben!

Wie gut, dass es Internet und E- Mails gibt. Soeben habe ich meine Anzeige in einer regionalen und einer überregionalen Tageszeitung per elektronischer Post aufgegeben. Und da es ja schnell gehen soll, habe ich in der Anzeige meine Handy-Nummer angegeben. Wenn sich nun jemand am Telefon meldet, dann kann ich ihm ja, falls mir der Betreffende zusagt, meine E-Mail-Adresse geben, damit er mir schreiben und vor allem ein Bild mitschicken kann. Nun kann ich nur noch auf Anrufe warten.

Ja, die Anrufe sind gekommen, zwar etwas weniger als ich angenommen hatte, aber immerhin an fünf Leute habe ich meine Adresse weitergegeben. Nun ist bereits Sonntag-Abend und ich schaue meine Mails durch.

Werbung, Werbung und nochmals…aber halt, da ist doch noch was, da meldet sich ein gewisser Dietmar, in der Nähe von Stuttgart wohnend, einer, dem ich am Telefon meine Adresse gegeben habe. Nun ja, seine Stimme klang sehr nett und auch wie er schreibt, also mir gefällt das. Vor allem aber sieht er sehr gut aus, wie ich dem Ganzkörperbild, das der Mail in der Anlage beiliegt, entnehmen kann. Er ist sehr groß, 191 cm sogar, sehr schlank, hat schwarzes, kurzes Haar. Auf dem Bild trägt er zum grünen T-Shirt nur kurze weiße Shorts, ist scheinbar vom Sommer dieses Bild. Also mir gefällt er sehr, muss ich sagen. Aber eben auch die ganze Art, wie er schreibt, sagt mir ungemein zu und macht ihn sympathisch.

Also, warum sollte ich noch länger warten, ich werde ihn sofort anrufen und mit ihm ein Treffen, vielleicht irgendwo zwischen unseren Wohnorten für kommenden Mittwoch ausmachen.

Was bin ich vielleicht nervös, wie ein Teenager vor dem ersten Stelldichein. Ich bin auf dem Weg zum Treffen mit Dietmar. Es sind zwar noch ein paar Mails gekommen, auch noch Anrufe auf die Anzeige, aber entweder waren die Leute doppelt so alt wie ich oder können nicht schon am zwanzigsten Dezember, das ist ja der Abflugtag, weg, oder aber sie entsprachen in keinster Weise meinen Vorstellungen eines Reisebegleiters. So bleibt eben Dietmar, auf den ich alle meine Hoffnungen setze.

Und was soll ich sagen, er hat alle meine Hoffnungen und Vorstellungen erfüllt. Es ist Mittwoch Abend und ich bin zurück von unserem Treffen, bin wieder hier in meiner Wohnung.

Ja, Dietmar sieht nicht nur blendend aus, er macht auf mich auch einen sehr guten Eindruck. Er ist wirklich nett, charmant, hat immer ein kleines Lächeln auf den Lippen und man kann sich gut mit ihm unterhalten.

Er ist im übrigen zwei Jahre jünger als ich, immer noch ohne festen Freund und arbeitet im Rathaus einer Kleinstadt im Schwäbischen. Was mir auch besonders gut gefällt, ist sein „Schwäbeln“, also sein Dialekt. Und das Schwäbische ist ja dem Bayrischen zumindest ein wenig ähnlich, so dass es also in dieser Hinsicht im Urlaub keine Schwierigkeiten geben dürfte. Und er war noch nie auf den Kanaren, auf die er aber immer schon gerne wollte. Deshalb freut er sich ja so sehr auf unseren Flug.

Ich werde also morgen gleich ins Reisebüro gehen und die Umbuchung vornehmen lassen. Kostet sicher eine Kleinigkeit, aber das geht nicht anders. So wird halt aus Julian ein Dietmar, der mit Florian auf die Insel fliegt und dort vierzehn Tage Urlaub macht.

Ja, Julian, natürlich ertappe ich mich immer wieder bei dem Gedanken an ihn, immer ist noch etwas Wehmut dabei, war ja doch eine schöne Zeit mit ihm. Ich weiß nicht, ob es mit Dietmar mehr werden kann, als eine Reisebekanntschaft, dazu wohnen wir wahrscheinlich auch zu weit voneinander entfernt. Aber ich bin im Moment froh und ich freue mich, mit ihm Weihnachten und Neujahr auf der Insel verbringen zu dürfen.

Eviva Gran Canaria! Die Insel hat mich wieder! Nach einem etwas unruhigen Flug mit einigen Turbulenzen ein ein paar Kaffeeflecken auf Dietmars weißer Hose sind wir doch gut auf dem Flughafen Gando gelandet.

Es war Dietmars erster Flug, entsprechend begeistert war er von der Fliegerei. Das war aber auch schon das einzig Positive an diesem ersten gemeinsamen Tag unseres Urlaubs. Schon als wir am Morgen am Flughafen zusammentrafen, fiel mir auf, dass er nicht gerade bester Laune war. Gut, es war fünf Uhr in der Früh, wer ist da schon gut drauf, dachte ich mir. Vom Flug selbst war er zwar hellauf begeistert, trotz der vielen Luftlöcher, aber dann am hiesigen Flughafen und auf der Fahrt mit dem Bus ins Hotel, merkte ich überdeutlich, dass sich seine Laune alles andere als gebessert hat.

Als wir dann auf unserem Zimmer waren und er gleich ins Bad ging oder eben aufs Klo wollte, suchte er vergebens einen Schlüssel, mit dem man die Badetür absperren kann. Aber da gab es nichts, weder einen Schlüssel noch einen Riegel. Er war sichtlich entsetzt darüber. Auch auf meinen Einwand, dass wir ja eh nur zu Zweit hier im Zimmer sind und wir dann ja wissen, wen einer im Bad ist, ließ er sich kaum beruhigen.

Es ist Abend des ersten Tages . Soeben sind wir von einem Rundgang in die nähere Umgebung des Hotels zurück gekommen. Ich liege auf dem Bett. Unsere Betten stehen im übrigen nicht direkt nebeneinander, es ist ein Schränkchen dazwischen.

Ja, ich kann mich nur über diesen veränderten Dietmar wundern. Was ist aus dem netten, charmanten und immer lächelnden, sympathischen Menschen für ein Stinkstiefel geworden.

Wir waren also unterwegs, Dietmar hat sich extra einen Ortsplan beschafft, obwohl ich ihm erzählt hatte, dass ich mich doch ganz gut auskenne, schließlich bin ich nicht das erste mal hier. Aber er wollte eben unsere Wege auf dem Plan verfolgen. Nun ja, er studierte diesen unterm Gehen genauestens und sah, so dachte ich, nicht auf den Weg. Wer schon mal in Playa del Ingles war, der weiß, welche Löcher oder Unebenheiten auf manchen Gehwegen sind. Die tauchen da plötzlich auf und wie schnell ist was passiert. So habe ich Dietmar gewarnt, als ich sah, wie er, stadtplanstudierend auf so ein Loch zusteuerte. Und er?

„Brauchscht me it so behandle wi a klois Kind, i hän do selber Auge im Kopf!“

Auf meinen schüchternen Einwand, dass ich es doch nur gut gemeint habe, erwiderte er:

„I ka des trotzdem it braucha!“

Nun, darauf sagt ich gar nichts mehr, was auch. Ich konnte mich nur noch wundern.

Nun ist er im Bad, ohne die Türe verschließen zu können. Aber ich wäre der Letzte, der in jetzt im Bad überraschen möchte. Na gut, vielleicht ist er ja morgen besser drauf, war ja auch ein langer Tag heute, früh musste man aufstehen, der lange Flug, der Stress mit dem ewigen Warten. Ja, das wird es sein, morgen sieht sicher alles anders aus.

Soeben kommt er aus dem Bad, trägt nur noch eine kurze Hose mit undefinierbarer Farbe, wahrscheinlich wird das seine Schlafshorts sein. Hat er sich also im Bad umgezogen. Dann legt er sich ins Bett, deckt sich zu und werkelt mit beiden Händen unter der Decke rum. Was macht er denn da? Die Lösung der Frage ergibt sich gleich: Er hat unter der Decke seine Shorts ausgezogen, die er jetzt auf das Schränkchen neben dem Bett legt. Er trägt nun noch eine blaue Unterhosen, wie ich kurz von der Seite sehe, als er die Bettdecke etwas angehoben hat.

Da zieht er sich also im Bad um, zieht dort eine kurze Hose über die Unterhose und zieht die Shorts dann versteckt unter der Decke aus. Und da er sie gleich in Griffweite neben das Bett gelegt hat, nehme ich an, dass er morgen die gleiche Prozedur nur eben umgekehrt wieder vollzieht.

Was soll man dazu noch sagen? Geht es noch prüder? Das ist ja schon direkt beleidigend für mich. Hat er etwa Angst, ich falle über ihn her, wenn ich ihn nur leicht bekleidet oder gar nackt sehe? Da kann er aber lange warten!

Naja, ich jedenfalls denke gar nicht daran, zum Umziehen ins Bad zu gehen, soll er sich dabei denken was er will. Ich lege mich dann rasch ins Bett, murmle nur mehr ein „Nacht“ und drehe ihm demonstrativ den Rücken zu. Na, das kann ja ein heiterer Urlaub werden! Aber vielleicht ist er ja morgen wirklich besser drauf, wenn er gut geschlafen hat.

Geschlafen hat er sicher gut, bin sogar ein paar mal wach geworden, weil er so gut und vor allem „laut“ geschlafen hat. Und das tut er jetzt auch noch, obwohl es bereits halb Zehn ist, also nur noch eine halbe Stunde, wo es Frühstück gibt. Soll er weiter pennen, gehe ich eben allein.

Der zweite Urlaubstag neigt sich dem Ende zu. Ich sitze auf dem Balkon unseres Zimmers im Hotel und genieße die milde Abendluft. Ja, es ist auch jetzt noch, immerhin ist es bereits neun Uhr, angenehm mild draußen, ganz ungewöhnlich, so habe ich mir sagen lassen, für diese Zeit so kurz vor Weihnachten.

Dietmar liegt drinnen auf seinem Bett und hat mit starken Blähungen und Magenproblemen zu kämpfen. Selber schuld der Kasper! Da hat er doch zum Abendessen, dass wir gemeinsam einnahmen, vom großen Büfett einen gehäuften Teller mit Zwiebelringen geholt. Ich hab mich schon gewundert, wie ich ihn daherkommen sah und ihn gefragt, ob er die vielen Zwiebeln wirklich alle essen will. Da hat er zuerst mich ganz erstaunt angesehen, dann seinen Teller, hat daran gerochen und schließlich kleinlaut zugegeben, dass er die Zwiebeln für Rettich gehalten hat, und den mag er doch so gerne.

Ja ja, das kommt davon, wenn man zu eitel ist, die Brille aufzusetzen, die man eigentlich tragen müsste. Den ganzen Teller zurück tragen wollte er dann doch nicht, also blieb ihm nichts anderes übrig, als alles aufzuessen. Und nun kämpft er naturgemäß mit den Folgen des übermäßigen Zwiebelgenusses. Ich glaube, ich bleibe noch eine ganze Weile hier auf dem Balkon an der frischen Luft.

Ja, das Abendessen, das war das einzige an diesem zu Ende gehenden Tag, wo wir beisammen waren. Ich frage mich inzwischen wirklich, für was ich eine Reisebegleitung habe, wenn ich dann doch fast immer alleine bin.

Nach dem Frühstück, das er ja verschlief, habe ich ihn gefragt, ober der mit zum Strand kommt. Nein, er wollte noch etwas schlafen, hat er gemeint. Na dann ging ich eben allein. Als ich dann am Nachmittag ins Hotel zurück kam, war er unterwegs und kam erst kurz vorm Abendessen ins Hotel. Seine Laune war nicht besser als gestern. Keine Spur von dem netten Kerl, wie ich ihn bei der ersten Begegnung kennen lernte.

Vorhin habe ich ihn gefragt, ob wir nicht doch noch ein wenig zur Promenade vor gehen, ein Verdauungsspaziergang wäre doch gerade in seinem Falle, ganz vorteilhaft. Aber er wollte nicht, legte sich aufs Bett.

Es ist zehn Uhr und ich mache mich fürs Bett fertig. Ist natürlich viel zu früh, normalerweise geht man hier einige Stunden später in die Falle. Aber so alleine rumsitzen, ist mir auch zu blöd.

Gerade als ich mich ins Bett lege, steht Dietmar auf und geht ins Bad. Aha, denke ich mir, macht er sich zum Schlafengehen fertig, wahrscheinlich die gleiche Prozedur wie gestern. Nach einer Weile kommt er ins Zimmer zurück und ist immer noch fertig angezogen. Er angelt sich seine Lederjacke vom Haken und meint:

„Also dann, i geh jetz, schau mi a bisle im Yumbo um, do sind doch die viela schwula Lokale, hob i glesa.“

Und schon ist er draußen bei der Tür. Soll ich mich noch wundern über sein Verhalten, oder gar ärgern? Sich zu ärgern ist es nicht wert und mich wundert bei dem Kerl eigentlich gar nichts mehr. Aber damit ist wohl auch klar, ich habe zwar eine Begleitung in diesem Urlaub dabei, die aber ihre eigenen Wege geht. Ich bin auf mich allein gestellt.

Und ich weiß auch, dass ich einen großen Fehler begangen habe. Wie kann man auch glauben, einen Menschen nach nur einem Treffen, und das auch nur für ein paar Stunden, gut zu kennen, so gut, dass man sagt, ja, mit dem mag ich in Urlaub fahren. Na gut, jetzt ist es zu spät. Aber ich muss wenigsten versuchen, alles zu tun, dass dieser Urlaub nicht zum Albtraum wird. Angst und bange wird mir aber schon, wenn ich an das bevorstehende Fest denke.

Heute haben wir bereits den 22. Dezember, noch zwei Tage zum Heiligen Abend. Ich lasse Dietmar mehr oder weniger links liegen. Ha, das passt ja wirklich, er schläft links von mir. Er soll in diesem Urlaub tun und lassen, was und wie es ihm gefällt. Ich ignoriere ihn soweit es geht. Ist ihm scheinbar eh das Liebste.

Ich habe mich nach dem Frühstück auf zum Strand gemacht, bin dort entlang gewandert, barfuß im Wasser, so wie es die meisten tun, und habe es bis hinunter zum Leuchtturm in Maspalomas geschafft. Dann bin ich wieder zurückgegangen und auf dem Heimweg frischte der Wind ganz schön auf. So bin ich recht froh, dass ich nun wieder im Hotel bin und mit einer heißen Dusche meine kalten Glieder erwärmen kann. Ja, das tut wirklich gut.

Da fällt mir ein, dass ich vorhin an der Rezeption beim Vorbeigehen wieder den älteren Herrn sah, der dort auch bei unserer Ankunft seinen Dienst verrichtete. Ich habe ihn in äußerst guter Erinnerung, er spricht fließend Deutsch und war überdies sehr freundlich und nett. Ich möchte ihn etwas fragen und bei diesem Herrn, da bekomme ich sicher Gehör und vielleicht sogar eine positive Antwort.

Ich stehe nun vor der Rezeption und werde, wie erwartet, mit einem Lächeln begrüßt:

„Einen schönen guten Tag, der Herr aus….mal überlegen ….aus München, richtig?“

„Si Señor, aber woher können sie so gut Deutsch?“

„Ach ich war viele Jahre in Deutschland, habe in einigen Hotels gearbeitet, darum. Aber was kann ich für sie tun?“

„Also es ist so, ich bin von Beruf Koch, arbeite im Restaurant eines Hotels in München. Und so würde es mich halt sehr interessieren, einmal die Küche ihres Hotels zu sehen. Glauben sie, dass das möglich wäre?“

„Ist normalerweise Gästen nicht gestattet, hm…mal überlegen…einen Moment Señor, ich frage in Küche nach, wer heute Dienst.“

„Gracias!“ kann ich dazu nur sagen.

Und dann telefoniert Señor Ramos, denn so steht es auf seinem Namensschild. Ich verstehe natürlich gar nichts von dem Gespräch, erstens kann ich kaum Spanisch und zweitens redet er so schnell, dass ich selbst mit Grundkenntnissen nichts verstünde. Nur ab und zu ein „Si“ und „München“ verstehe ich. Dann legt er den Hörer auf.

„Wir haben Glück, Küchenchef ist zur Zeit nicht da, er würde es vielleicht nicht gestatten. Fernando ist in der Küche und er wird ihnen Küche zeigen. Fernando spricht noch besser Deutsch als ich, war viele Jahre in ihrem Land. Gehen sie bitte in den Speisesaal, Fernando wird sie dort erwarten. Einen schönen Tag noch, Señor!“

Mit einem „Gracias, Señor Ramos!“ mache ich mich auf den Weg in den Speisesaal und freue mich, dass ich in meiner Einschätzung über Herrn Ramos nicht getäuscht habe.

Der Speisesaal ist jetzt am frühen Nachmittag völlig leer. Ich gehe zur rückwärtigen Seite des Saales, dort wo die Tür zur Küche sein muss. Denn von dort, das habe ich schon ein paar mal beobachtet, werden von verschiedenen Köchen die Speisen in den Saal getragen und am Büfett aufgebaut.

Schwungvoll wird die Tür zur Küche aufgemacht und ein Koch, angetan mit der üblichen Kochkleidung, jedoch ohne der obligaten Haube, kommt heraus. Er sieht zu mir her, lächelt und steht dann direkt vor mir. Das muss Fernando sein, richtig, steht ja auch auf seinem Namensschild.

„Hallo, ich bin Fernando, du willst unsere Küche sehen? Ein seltener Wunsch eines Gastes muss ich sagen. Aber darf ich deinen Namen wissen?“

Ich bin so verwirrt, dass ich zu stottern anfange:

„Äh Flo…Äh …Florian“, geht’s noch peinlicher?

Aber ist es ein Wunder, wenn dieser Traum von einem jungen Mann vor einem steht? Großgewachsen, schlank, schwarze, kurze Haare, große, braune Augen, natürlich braun gebrannt, ungefähr in meinem Alter. Und dabei hatte ich doch einen älteren Kanario erwartet, dem man schon am Bauchumfang ansieht, dass er nicht nur gerne kocht.

Endlich habe ich mich von seiner faszinierenden Gestalt los gerissen und finde auch meine Sprache wieder:

„Ja, ich würde gerne eure Küche sehen, wäre das möglich?“

„Naja, eigentlich dürfen Gäste nicht hinein, aber bei einem Kollegen, da kann man schon mal eine Ausnahme machen. Du kommst aus München, habe ich gehört?“

„Ja, dass heißt ich arbeite im Restaurant eines Münchner Hotels und habe in der Stadt auch eine Wohnung. Aber ursprünglich komme ich aus Niederbayern, wo auch meine Eltern noch wohnen.“

„Aha, interessant. Aber sag mal, in welchem Hotel arbeitest du denn? Ich war ja auch bis vor etwa drei Jahren in München?“

„Ach darum sprichst du so gut Deutsch, hab mich schon gewundert. Naja, ich arbeite in einem Hotel direkt am Stachus.“

„Ehrlich? Jetzt sag bloß nicht, dass es das „City“ ist?“

„Du kennst es?“

„Na du bist gut, ich hab doch dort bis vor drei Jahren gearbeitet, hab dort gelernt und war dort beschäftigt, bis wir hierher gezogen sind. Du musst wissen, dass ich zwar auf Gran Canaria geboren bin, aber meine Eltern sind schon als ich gerade mal Vier war nach Deutschland. Alle meine Geschwister sind dort geboren.

Meine Eltern waren beide in einem Hotel am Stadtrand von München beschäftigt. Das Hotel hat vor drei Jahren dicht gemacht, meine Eltern waren arbeitslos und so sind sie halt mit uns Kindern wieder zurück. Gottseidank haben sie im Palace gleich wieder Arbeit bekommen. Hätte auch dort anfangen können, aber so dauernd mit meinen Eltern beisammen, in der Arbeit und auch zu Hause, das wäre dann doch zu viel des Guten. Aber ich habe hier die Stelle in der Hotelküche bekommen und mir gefällt es.

Aber ich rede und rede und dabei willst du doch die Küche sehen. Nein, aber ehrlich, wie mich das freut, einen Kollegen aus meinem ehemaligen Hotel zu treffen!“

Ja, man merkt es ihm wirklich an, dass er sich echt freut, seine großen Augen strahlen wie bei Kindern zu Weihnachten. Erst jetzt fallen mir seine wunderschön geformten Lippen, seine schwarzen, dichten Augenbrauen und seine Ohren, die, wie mir scheint, nach oben etwas spitz zulaufen. Elfenohren? Also mir gefallen sie, wie mir der ganze Kerl unheimlich gefällt.

Wir sind nun in der großen Hotelküche angekommen. Da ist zur Zeit nicht allzuviel Betrieb. Nur  in einer Ecke, da sind zwei Jungköche mit Gemüseschneiden beschäftigt. In ein oder zwei Stunden, so denke ich, ist hier sicher wieder Hochbetrieb, wenn das Abendessen vorbereitet wird. Ansonsten sieht es in dieser Küche nicht viel anders aus, wie wohl in den meisten Großküchen, für mich aber trotzdem interessant, was mir Fernando alles erzählt und erklärt.

„Ach übrigens, da fällt mir ein, Fernando, ich habe vor drei Jahren im City angefangen, im Oktober war das, wann hast du dort aufgehört?“

„Das war im September, genau im September vor drei Jahren.“

„Mensch, dann habe ich ja deine Stelle übernommen, Fernando! Jetzt fällt mir ein, die Birgit, die hat mir öfter von einem feschen Spanier vorgeschwärmt, der hier bis vor kurzem gearbeitet hat, wie sie mir erzählte. Dann warst ja du das! Jetzt kann ich sie verstehen!“

Er sieht mich an, lächelt und ich werde feuerrot, weil mir bewusst wird, was ich da gerade von mir gegeben habe.

„Ach ja, die Birgit“ überbrückt er die für mich peinliche Situation, „die wollte immer, wie sagt man in Bayern gleich wieder? Ach ja, anbandeln. Aber da biss sie bei mir auf Granit. Ich war damals ja nicht mehr solo. Ist eigentlich der Luigi aus Italien immer noch Küchenchef?“

„Ja, ist er und immer noch auf jüngere Männer fixiert. Aber jetzt, so hab ich gehört, hat er einen festen Freund, der ihn schwer an der Kantarre hält. Im Moment ist es aus mit den wechselnden Bekanntschaften.“

„Ach ja, der Luigi, hat es bei mir auch immer probiert, hat es aber dann bald aufgegeben. Aber ansonsten ist er ein feiner Kerl gewesen und ein prima Chef, hab wirklich viel von ihm gelernt. Aber wo hast du gelernt, Florian? Auch in München?“

„Nein, da hatte ich großes Glück mit meiner Lehrstelle. Durch Zufall ist mein Vater, der ja auch im Hotelfach tätig ist, mit dem Sternekoch, dem Alfons Schlaubeck zusammen gekommen. Ich weiß nicht, ob du von dem schon mal gehört hast. Jedenfalls kamen sie ins Reden und ich hatte meine Lehrstelle.“

„Wahnsinn! Natürlich kenne ich den Alfons, hab mal ein Seminar von ihm besucht. Also da hattest du aber wirklich großes Glück gehabt,. Florian. Davon hab ich auch immer geträumt, bei einem dieser großen Köche, lernen zu dürfen. Aber Luigi war auch nicht schlecht und hat mir viel beigebracht.“

„Glaub ich dir, Fernando, vor allem ist er im Umgang mit den Auszubildenden sicher humaner als es mein Lehrherr war. Aber ich hab was läuten hören, dass Luigi nach Italien zurück und dort ein eigenes Lokal aufmachen will. Naja, vielleicht hab ich dann sogar Chancen, eines Tages Küchenchef zu werden, mal abwarten.“

„Würde mich ehrlich für dich freuen, Florian, nein, zum Chef werde ich es hier wohl nie bringen, da sind schon noch einige vor mir dran. Aber ich muss ja schon froh sein, überhaupt Arbeit zu haben. Wie du vielleicht weißt, ist die Arbeitslosigkeit auf den Kanaren überdurchschnittlich hoch im Vergleich zum übrigen Spanien. Und gerade in den Hotels und Restaurants hier sieht es zappenduster aus. Die Urlauber bleiben weg, auch eine Folge der Wirtschaftskrise. Viele Hotels müssen zu machen. Aber was anderes, wie lange bist du hier?“

„Wir sind am zwanzigsten Dezember gekommen und haben bis dritten Januar gebucht, also auch über Silvester und Neujahr.“

„Aha, du bist mit deiner Frau oder Freundin hier? Entschuldige, wenn ich so direkt frage.“

„Nein, macht doch nichts. Ich bin nicht verheiratet, ich bin mit einem…. Freund hier.“

„Ach ja!“ ist seine kurze Antwort.

Natürlich ist Dietmar alles andere als ein Freund, aber wie soll ich Fernando jetzt das alles erklären, so gut kenne ich ihn ja auch noch nicht, um ihm gleich mit meinen komplizierten Freundschaftsgeschichten zu kommen. Aber ich glaube, er hat bemerkt, dass ich etwas gezögert habe, bevor mir das „Freund“ über die Lippen kam.

„Aber du, Fernando, bist du verheiratet? Siehst du, ich frage auch direkt.“

Er lacht und lässt seine auffallend weißen Beißerchen blitzen, die natürlich bei seinem dunklen Teint besonders auffallen.

„Nein, ich habe auch keine Frau, Florian, aber gute Freunde.“

Und wieder dieses umwerfende Lächeln und der Blick mit seinen großen braunen Augen, die mich fixieren. Aha, keine Frau, aber gute Freunde, sagt er, wie soll ich das jetzt verstehen? Ist er etwa genau so schwul wie ich selbst? Schließlich hat er gesagt, dass er keine Frau hat. Und er hat das in einem Ton gesagt, dass er auch keine vermisst. Und er hat Freunde, gute hat er gesagt, nichts von Freundinnen.

„Bevor du dein, wie sagt man in Bayern…ach ja, dein Hirnkastl überanstrengst Florian, ja, ich bin schwul, das war es doch, was du überlegt hast, ja?“

Um Himmels willen, kann er Gedanken lesen? Ich fühle mich regelrecht ertappt und werde zum zweiten mal in kurzer Zeit feuerrot.

„Ich hoffe, du hast kein Problem damit, Florian, so sagt man doch in so einem Fall immer, ja? Ich entspreche nun mal den bekannten Klischeevorstellungen der schwulen Köche, also, was solls?“

„Nein, nein, Fernando, natürlich habe ich keine Probleme damit, wirklich nicht.“ versuche ich rasch seine Bedenken zu zerstreuen. Schaue mich aber auch gleich in der Küche, in der wir immer noch stehen, um, ob jemand zuhört.

„Nein, ich hab keine Probleme damit, wie sollte ich auch, bestätige ich doch selbst durch meine Person und meine Veranlagung dieses berühmt berüchtigte Klischee.“

Er überlegt etwas, dann lacht er wieder und meint:

„Na dann ist ja alles in Ordnung!“

Um von diesem etwas heiklen und darauf folgendem peinlichem Schweigen weg zukommen, frage ich ihn dann, wie es denn hier in der Vorweihnachtzeit so läuft, ob es Weihnachtsfeiern gibt. Auch habe ich nirgends Adventskränze oder Adventskalender gesehen.

„Nein, das findest du hier nicht. Freilich kenne ich die Sachen aus meiner Zeit in Deutschland, aber hier verläuft die Adventszeit etwas ruhiger. Aber auch hier werden die Geschäfte und auch Häuser mit bunten Lichterketten geschmückt, je bunter und grelle, desto besser, die Spanier lieben das. Sogar die Palmen überall erstrahlen in einem bunten Lichterglanz.

Was aber einen festen Platz in der Vorweihnachtszeit hat, das sind die Krippen, Kripperl, sagt man doch bei euch, ja? Siehst du, das weiß ich noch.“

„Und die werden schon vor dem Fest aufgestellt?“ frage ich nach.

„Ja, schon Anfang Dezember siehst du sie in den Kirchen, aber auch auf öffentlichen Plätzen, kunstvoll gestaltete Figuren, die die Geburt Christi nachstellen. Überhaupt ist ja die Krippe hier wichtiger als der Weihnachts- oder Christbaum.“

„Ja, das habe ich schon gehört. Aber sag, Fernando, halte ich dich nicht von der Arbeit ab? Nicht dass du wegen mir noch Schwierigkeiten bekommst!“

„Na, a bissal hob i scho no Zeit!“ und er lacht dazu über seine Exkursion in das Bayrische.

„Heute habe ich noch bis sieben Uhr Dienst, aber dann ist Weihnachtsurlaub bis nach Neujahr. Ich freue mich darauf. Haute Abend aber sitzen wir alle gebannt vor dem Fernseher. Loteria de Navidad! Sagt dir das was?“

Ich kann nur den Kopf schütteln.

„Die Weihnachtslotterie! Viele sehen in ihr den Höhepunkt des ganzen Jahres. Fast jeder Spanier beteiligt sich daran. Schon im Sommer kannst du Lose kaufen und heute, also am 22. Dezember, da ist die Auslosung. Ja, sie gilt als die älteste und größte Lotterie der Welt und es gibt sie seit dem achtzehnten Jahrhundert. Möchte man kaum glauben. Die Live-Sendung war ja bereits heute Mittag

Aber wer hat da schon Zeit, ich jedenfalls nicht. Auch meine Eltern natürlich nicht.

Und so sitzen wir heute alle vor, wie sagt ihr in Deutschland, ach ja, vor der Glotze und sehen die Aufzeichnung an. Wenn man vorher nichts gesehen hat, ist das genau so spannend wie die Live-Sendung. Die Show im Fernsehen dauert bis zu drei Stunden, denn es gibt ja nicht nur den El Gordo, den Hauptgewinn, sondern zahlreiche kleinere Gewinne. Naja, ist immer sehr spannend und aufregend. Halte mir die Daumen, Florian, vielleicht gewinne ich dann was, muss ja nicht gleich der Dicke, also der Hauptgewinn sein.“

„Wie heißt der?“

„Ja, ich kann auch nichts dafür, aber ins Deutsche übersetzt, ist der Hauptgewinn eben der Dicke, ja, so ist das, gibt es gar nichts zu lachen.“

„Ich lach ja gar nicht, aber ich halte dir die Daumen, Fernando, ist doch Ehrensache. Aber sag mal, nennen sie dich hier alle mit dem vollen Namen, ist doch so lang?“

„Sagen zu dir alle Florian? Ist doch auch kaum kürzer, oder?“ lacht er mir zu.

„Nein, Florian sagt nur meine Mutter, wenn ich was ausgefressen habe, sonst nennt sie mich auch Flori oder noch kürzer Flo. Wobei ich Letzteres weniger mag, wer mag schon wie ein Ungeziefer heißen. Und bei dir?“

„Also hier im Hotel, da nennen mich viele den Alemann, wegen meines langen Deutschland-Aufenthaltes. Ansonsten in der Familie und bei Freunden bin ich der Feri.“

„Aha, na dann, ich muss jetzt aber wirklich gehen, sonst bekommst du tatsächlich noch Schwierigkeiten. Gracias Fernando für das Zeigen der Küche und deinen interessanten Vortrag über die spanische Vorweihnachtszeit. Hat mich ehrlich gefreut!“

„Fernando? Und wie wärs mit Feri, ist doch viel kürzer, oder Flori?“

„Aber gerne, Feri, wenn ich darf.“

„Ich sag ja auch einfach Flori und ehrlich, es hat mich sehr gefreut, dass ich dich kennen lernte, noch dazu jemanden, aus meiner ehemaligen Heimat. Vielleicht sehen wir uns ja nochmals, bevor du wieder weg musst, Flori. Auf alle Fälle wünsche ich dir ein schönes Fest, feiere schön mit deinem Freund!“

Muss er das jetzt unbedingt erwähnen? Unwillkürlich zucke ich bei dem Wort Freund zusammen.

„Ist was Flori, du schaust plötzlich so ernst drein, stimmt was nicht?“

„Nein, nein, alles in Ordnung. Dir auch schöne Weihnachten, Feri. Naja, vielleicht sehen wir uns ja nochmal. Ach ja und viel Glück für deinen Dicken! Äh…ich meine für ……“

Heute tappe ich wirklich von einem Fettnäpfchen ins andere und meine Gesichtsfarbe sieht wieder sehr gesund aus. Und Feri lacht ganz ungeniert dazu.

„Ist schon klar, ich weiß was du meinst.“

Er gibt mir die Hand, dann aber besinnt er sich anders, umarmt mich und drückt mir einen leichten Kuss auf die Wange. Dann löst er sich und sieht mich mit den großen Augen an.

„Adios Flori!“

„Adios Feri!“

Ich drehe mich um, gehe zum Ausgang, sehe an der Tür nochmals zurück und winke ihm zum Abschied zu. Dann bin ich draußen und gehe, noch ganz benommen von dem Erlebten und dem faszinierenden Menschen, zurück aufs Zimmer.

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