Der Dieb – Teil 1

Der kalte Novemberwind blies mir ins Gesicht, mit fast nach unten gerichtetem Blick lief ich die Einkaufsstraße entlang um schnell in das hiesige Einkaufszentrum zu kommen. Schnell ging ich durch die Drehtür und hielt erst mal einen Moment inne.

Ich lies erst einmal die Wärme die dort herrschte auf mich wirken, ehe ich die Kapuze meiner Jacke abnahm. Schnell nahm ich einen Rundblick und sah, was ich vermutet hatte: scheinbar die ganze Stadt war unterwegs um ihre Weihnachtsgeschenke einzukaufen.

Ich hatte, Gott sei Dank, dieses Problem nicht mehr. Meine Geschenke für die Eltern und Großeltern hatte ich schon rechtzeitig besorgt.

Wollte mich einfach ein wenig von der vorweihnachtlichen Stimmung gefangen nehmen lassen, aber dass so viele Leute unterwegs waren, hätte ich nicht gedacht.

Schlendernd führte mich mein Weg an den üppig gefüllten Schaufenstern entlang.  Hier und da sah ich etwas Interessantes aber ich konnte mich nicht entschließen in eines der Geschäfte zu gehen.

Aber an dem Spielzeugladen blieb ich länger stehen. Nicht die Auslage bewunderte ich, sondern mein Blick ging weit in das Geschäft hinein. Langsam ging ich zum Eingang um dann das Geschäft zu betreten. In einer Reihe sah ich ihn wieder. Ja, das musste er sein, Ich war mir sicher!

Schon einmal bin ich diesem Jungen begegnet. Er sah diesmal aber noch schlimmer aus als vorher. Die Jacke, die er schon vor zwei Wochen trug war noch schmuddeliger und seine braunen Haare hingen ihm auch noch weiter im Gesicht.

Als ich ihm das erste Mal sah, trafen sich unsere Blicke für einen kurzen Moment. Konnte ich seine schwarzen Augen sehen, die mich bis heute nicht mehr losließen. Damals wirkte er gehetzt, flüchtete fast aus dem Supermarkt als er mich anrempelte.

Langsam ging ich weiter, versuchte meinen Blick in die Regale zu richten, um ihn aus dem Augenwinkel zu beobachten.

Er schaute sich auch diesmal wie gehetzt um. Als er den Blick in meine Richtung lenkte, schaute ich schnell in das Regal vor mir und nahm erst jetzt wahr, in welcher Abteilung ich mich befand. War doch hier alles zu haben, aus der Kinderglücklichmachenden Serie von „Hello Kitty“.

Fassungslos starrte ich immer noch diese irre Katze an, als ich einen leichten Schubs in meinem Rücken merkte. Schon wieder hatte er mich angerempelt auf seiner Flucht. Wieso hatte es dieser Kerl immer so eilig?

Langsam drehte ich mich um, wollte ebenfalls, wenn auch nicht so schnell, das Geschäft wieder verlassen, als ein kreischendes Geräusch mein Ohr erreichte. Hektik brach aus, einige Verkäuferinnen rannten durch die Gänge zum Ausgang.

Als ich dort ankam sah ich, dass sie diesen Jungen festhielten. Sie hatten ihn, jede an einem Arm, gegriffen. Ich blickte ihm in seine schwarzen Augen, als sie ihn an mir vorbeizogen.

Es war die Traurigkeit darin, die mich erschütterte. Ich realisierte erst jetzt, dass er wohl geklaut hatte und beim Verlassen des Geschäftes den Alarm auslöste.

Nie in meinem Leben hatte ich bis jetzt etwas gestohlen. Ich verabscheute es, noch nicht einmal zu den „Mutproben“ lies ich mich hinreißen. Nein, das war nicht mein Fall.

Aber ich hatte es auch nicht nötig zu stehlen, erfüllten mir meine Eltern auch jeden Wunsch, nur nicht den einen, den ich schon Jahre heimlich mit mir rumtrug. Aber einen Bruder oder eine Schwester konnte man nicht einfach stehlen.

Ich wusste nicht, was ich noch machen sollte, in diesem Einkaufstempel, also setzte ich mich erst einmal auf eine Bank und aß eine Tüte gebrannter Mandeln.

Meine Stimmung war auf dem Tiefpunkt. Ich sah noch immer die traurigen Augen dieses Jungen vor mir. Was würde wohl mit ihm geschehen, wieso hatte er überhaupt gestohlen?

Ich saß noch eine Weile, in meinen Gedanken versunken, als ich kurz aufblickte und er ging an mir vorbei. Es bestand kein Zweifel, die Jacke, die Haare, er war es! Langsam erhob ich mich und folgte ihm.

Er hielt den Kopf gesenkt und steuerte auf den Ausgang zu. Draußen schlug er sich den Jackenkragen hoch, um sich vor dem eisigen Wind zu schützen. Ich zog auch schnell meine Kapuze über.

Seine Schritte wurden immer schneller und ich folge ihm im selben Tempo. Das er stehen blieb bekam ich erst mit, als ich voll aufgelaufen war. Der Schreck ging mir durch alle Glieder. Er drehte sich zu mir um und ich sah wieder in diese traurigen Augen.

„Äh, äh, entschuldige“, stammelte ich, „war nicht meine Absicht“ und eine Röte erfasste mein Gesicht, die nicht von der Kälte kam.

„Schon gut“ sagte er leise, drehte sich wieder um und lief weiter.

Was sollte ich nun machen? Einfach weiter hinterhergehen oder umkehren? Ohne es selbst zu merken hatte ich die Verfolgung auch schon wieder aufgenommen.

Diesmal hab ich ihn mit meinen Kopf im Rücken getroffen, den ich wegen des eisigen Windes weit gesenkt hatte.

„Verfolgst du mich?“

Erschrocken sah ich auf und direkt in seine Augen.

„Nein, oh Mann, das tut mir aber leid“,  mehr bekam ich nicht raus.

„Pass einfach nur auf, wohin du gehst. Nicht dass du noch einen Alten vor den Bus schubst“, und ein kurzes Lächeln zuckte durch sein Gesicht.

Ich starrte ihn wie gebannt an. Diese Augen und das Haar, was ihm im Gesicht hing ließen mich erschaudern.

„Kann ich dich zu einer Tasse Kaffee einladen?“ Woher hatte ich auf einmal den Mut, einem Fremden eine solche Frage zu stellen.

„Gern“, war seine leise Antwort, die ich kaum verstehen konnte.

„O.K. lass und dort drüben reingehen“, und zeigte auf einen kleinen Bäckerladen.

Wir überquerten die Straße und gingen schnell in das Geschäft. Er stellte sich an einen der Stehtische am Eingang  und ich ging zum Tresen und bestellte zwei Kaffee. Nachdem ich  bezahlt hatte ging ich mit dem duftenden Gebräu zu ihm an den Tisch.

„Ah, Danke! Ich glaub das tut jetzt gut“, sagte er und machte sich Zucker und Milch in die Tasse. Genau wie ich, ging es mir durch den Kopf.

„Darf ich fragen wie du heißt“, kam es von meinem gegenüber, der die Tasse in beide Hände nahm um sich die Finger zu wärmen.

„Ähh, ich heiße Phillipp“, mehr brachte ich nicht heraus und schaute wie gebannt auf meinen Kaffee.

„Wie darf ich dich nennen“, kam es kaum hörbar aus meinem Mund ohne aufzusehen.

„Sag einfach Marcus“, kam leise von ihm.

Ich sah hoch und direkt in seine Augen. Wieso fesselten sie mich so sehr?

„Wieso hast du vorhin gestohlen?“  Ich wollte es nicht fragen, aber mein Mund war wieder einmal schneller als mein Verstand.

Seine Augen wurden groß, er sah mich irritiert an.

„Ja, du warst das im Spielzeugladen! Ich wusste doch, dass ich dich schon mal gesehen habe“, er war etwas lauter geworden.

Unfreiwillig zuckte ich zusammen und stierte wieder in meinen Kaffee. „Tschuldigung, ich wollte nicht so indiskret sein, aber…“.

„Aber was, spionierst du mir hinterher? Also darauf kann ich verzichten“, wurde er immer lauter, „ich habe ganz andere Probleme um die ich mich kümmern muss! Danke für den Kaffee!“ sagte er noch, drehte sich um und verließ den Laden.

Ich stand da wie ein begossener Pudel. Hatte ich doch nicht beabsichtigt, dass er wütend wird. Ich wollte doch nur etwas von ihm erfahren. Aber mit einer solchen dämlichen Frage hatte ich mich natürlich selbst ins Aus befördert.

Ich war nun mal einfach ein Idiot. Endlich hatte ich mich mal getraut jemanden anzusprechen, und alles endete in eine Katastrophe!

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war ich wie gerädert. Marcus verfolgte mich auch noch im Traum – oder besser, ich verfolgte ihm und er hasste mich. Immer wieder sah ich seine traurigen Augen, die mir zu verstehen gaben, ihn in Ruhe zu lassen.

Ziemlich schlecht gelaunt ging ich in die Küche um zu frühstücken. Meine Eltern waren schon zur Arbeit, wie immer. Der Appetit war entweder noch nicht gekommen, oder ich war schon satt. Also schnappte ich meine Sachen, zog mich warm an und machte mich auf den Weg zur Schule.

Auf dem Schulhof ging ich zu unserer kleinen Gruppe, die sich immer an einer hinteren Ecke traf. Iris, Jan, Maik, Steffen und Klaudia begrüßten mich herzlich wie immer. Ja, man konnte sagen, dass diese fünf meine besten Freunde sind. Schon seit der Grundschule waren wir in einer Klasse und haben schon viel unternommen.

„Hoffentlich hat die alte Müller vergessen, dass sie den Test heute nachschreiben lassen will“, sagt Maik und schaut sich in der Runde um.

Oh, Gott, den Test in Mathe hab ich ganz vergessen! Na gut, beim ersten Mal hat es bei mir ganz gut geklappt, der Rest der Klasse hat ihn total versaut. Eigentlich bin ich ein guter Schüler, es fällt mir leicht etwas zu begreifen und zu verstehen, vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern. Kunst und Musik sind nicht so meine Sache, auch Sport geht nur teilweise.

„Also, wenn du denkst, dass die alte Schachtel so was vergisst, dann bist du aber schief gewickelt“, kam es aus der Ecke von Jan.

„Die kommt doch noch mit vierzig Fieber in die Penne um uns zu ärgern.“

„Na zumindest Phillipp brauch sich darüber keine Sorgen zu machen, der macht doch sowieso alles mit links“, warf Iris ein und alle schauten zu mir. Ich war mit meinen Gedanken aber schon wieder ganz woanders.

Ich sah die traurigen Augen von Marcus vor mir und wie er mich anschrie, sich einfach umdrehte und fortlief. Klaudia stupste mich am Arm und ich kam wieder in die reale Welt zurück.

„Hab ich was verpasst“, fragte ich unschuldig.

Alle fingen an zu lachen. „Hat der kleine mal wieder gepennt“, kam es von allen gleichzeitig, wie eingeübt.

Gut, sie hatten ja auch viele Möglichkeiten es zu proben. Es war mir peinlich, aber in letzter Zeit gingen mir immer Gedanken durch den Kopf und dabei schaltete ich regelmäßig ab.

„Was denn, darf man nicht mal nachdenken? Also, was ist los“, wollte ich wissen.

„Na, der Mathe –  Test heute. Die Müller hat die Messer schon gewetzt. Da wird wieder viel Blut fließen“, setzte Maik nach.

„Also, wenn ihr mich fragt, ich glaube das wird genauso wie beim ersten Mal. Wie war das doch gleich? Eine eins, zwei fünfen und der Rest hat die Sechser unter sich aufgeteilt. Nur gut, dass die noch welche gefunden haben, sonst wären einige leer ausgegangen!“ sagte Klaudia.

Lachend gingen wir in die Schule, um sich dem Schicksal zu fügen. Natürlich hat unser guter Mathematikgeist den Test nicht vergessen!  Eigentlich fand ich den Test, wie schon beim ersten Mal, nicht sonderlich schwer. Wie immer war ich der erste der fertig war. Ich stand auf, gab den Zettel ab und verlies die Klasse, um mich auf dem Pausenhof in unsere Ecke zu verkriechen.

Von hier aus konnte man einen Blick auf die Straße werfen, auch den Fußweg hatte man direkt neben dem Zaun. Ich stand da und hatte mir gerade eine Zigarette angesteckt als ich den Weg hinuntersah.

>Ich fass es nicht! < Meine Gedanken machten Überschläge! Da kam Marcus den Weg entlang. Hat der denn keine Schule, wollte ich mich zuerst fragen. Aber ich verdrängte den Gedanken und stellte mich dicht an den Zaun.

„He, du hier?“, fragte er mich.

Ja, er erkannte mich wieder und der Zwischenfall von gestern war wohl auch vergessen, hoffte ich zumindest. Schließlich hatte er mich angesprochen!

„Ja, was machst du hier zu dieser Zeit? Keine Schule oder was?“, ich sollte wieder mal erst denken und nicht gleich drauflosreden! Ich biss mir auf die Lippen, aber der Satz war schon raus.

„Nein, wir habe Ausfall“, war seine knappe Antwort. Sah ich da eine leichte Röte in seinem Gesicht?

„Hast du auch eine für mich?“ und zeigte auf meine Zigarette. „Klar“, und zog meine Schachtel raus um sie ihm über den Zaun zu reichen. Feuer gab ich ihm auch und er machte einen tiefen Zug.

Mist! Mein Handy vibrierte in meiner Innentasche. Ich zog es schnell raus und las die SMS. >wie ist die lösung von aufgabe 3<.  Jan ist in solchen Sachen ziemlich locker drauf. Ich tippe schnell die Antwort und steckte das Handy wieder in die Tasche.

„Sorry, eine Notfallsituation. Wir schreiben gerade eine Mathearbeit und ein Freund brauchte dringend eine Inspiration“, sagte ich wieder zu Marcus gewandt. Ich sah ihm direkt in die wunderschönen Augen, die heute auch wieder ein leichtes Lächeln hatten.

„Wäre froh, wenn ich auch so einen Freund hätte“, sagte er leise, den Blick nach unten gerichtet. Ich musterte ihn ein wenig genauer. Die gleiche Jacke wie gestern, obwohl es heute noch kälter war. Die langen Haare hingen wieder im Gesicht.

„Wie, du hast keine Freunde?“ erst denken!

„Na, ja…, ach ist ja nicht so wichtig“, sein Blick hob sich und er sah einige Leute von der Schule, die den Weg zu mir eingeschlagen hatten und näher kamen.

„Ich muss los, danke für die Kippe, mach ich mal wieder gut“, drehte sich um und ging.

Ich sah ihn noch, soweit es ging hinterher und dann hatten mich meine Freunde auch schon erreicht.

„Wer war das denn“, wollte Jan wissen, und steckte sich eine Zigarette in den Mund.

„Ach, dem bin ich gestern zufällig über den Weg gelaufen“, ließ meine Kippe fallen und trat sie gedankenversunken aus.

„Der hat bestimmt auch schon mal bessere Tage erlebt“, meinte Iris nur und die Gespräche drehten sich wieder um den Mathe Test.

Ich nahm wieder mal alles nicht wahr. Erst ein „Hat der kleine mal wieder gepennt“, fünf Kehlen rissen mich aus meinen Gedanken. Verstört blickte ich in die Gesichter meiner Freunde und musste nun auch über mich lachen.

Der Rest des Tages ging schnell vorüber und zum Nachmittag war ich wieder zu Hause. Ich lies mich auf mein Bett fallen und dachte nach. Was fasziniert mich an diesem Markus? Wieso mache ich mir so viele Gedanken um ihn? Im Geist sah ich wieder seine Augen vor mir, die langen Haare in seinem Gesicht…

Ich muss wohl etwas eingeschlafen sein. Von unten hörte ich ein Rufen. Meine Eltern waren also da. Schnell rannte ich die Treppen herunter und begrüßte sie. Meine Mutter war mit der Essenszubereitung beschäftigt, mein Vater saß in der Wohnstube und las die Zeitung.

„Habt ihr schon gehört, dass sie einen Seriendieb festgenommen haben, ganz in unserer Nähe“, fragte mein Vater laut und mir lief ein Schauer über den Rücken.

Sofort dachte ich an Marcus! Aber das kann nicht sein, das darf nicht sein!

„Der Typ hat massenweise Häuser aufgebrochen und das Zeug zum Teil über eBay verschleudert. Da haben sie ihn geschnappt. Wie kann man auch nur so doof sein, und das Diebesgut an den Besitzer zu versteigern“, sagte mein Vater laut lachend.

Mir fiel ein Stein vom Herzen, es war nicht Marcus. Jedenfalls schätzte ich ihn nicht so ein. Aber wieso war ich so erleichtert. Wieso ging mir die Sache nicht am Arsch vorbei? Was wusste ich denn schon von ihm?

Beim Abendessen gingen mir unzählige Sachen durch den Kopf. Ich sprach noch weniger, als schon die letzten Wochen zuvor. Schnell verabschiedete ich mich – mit dem Hinweis noch was für die Schule machen zu müssen.

In meinem Zimmer setzte ich mich an den PC und ging mein Postfach durch. Schnell ein paar Mails beantworten um dann noch ein paar aktuelle Videos anzuschauen. Aber ich war nicht richtig bei der Sache. Immer und immer wieder schlich sich Marcus in meine Gedanken.

Was ist denn verdammt noch mal los mit mir? Ich schüttelte heftig den Kopf um diese Gedanken zu vertreiben. Vielleicht hilft ja auch eine Dusche. Schnell schaltete ich das Gerät aus, schnappte mir neue Wäsche um dann in mein Bad zu gehen.

Nein, ich werde nicht duschen, ein wohliges Bad ist besser. Prüfend hielt ich die Hand unter das einlaufende Wasser und korrigierte noch einmal die Temperatur. Ich wollte es heute besonders warm haben. Noch etwas Badeschaum dazu und fertig ist das Entspannungsbad.

Langsam lies ich mich in die Wanne gleiten, das warme Wasser hüllte meinen Körper sanft ein. Ich schloss die Augen und versuchte an nichts zu denken. Aber falsch gedacht. Vor meinem inneren Auge sah ich Marcus, seine Augen seine Haare…

Ich sah nur ihn und steigerte mich langsam zu Höhepunkt. Was mach ich da eigentlich?! Ich hole mir einen runter und hab Marcus vor Augen! Das darf doch nicht wahr sein! Aber es war nicht mehr zu vermeiden, ich kam wie nie zuvor!

Es dauerte ziemlich lange, bis ich wieder normal atmen konnte. So einen Abgang hab ich noch nie erlebt. Mein Herz hatte regelrechte Aussetzer gehabt. Und alles nur, weil ich mir vorstellte, es mit diesem Jungen zu machen.

Verwirrt hielt ich noch meinen, langsam zur Normalgröße zurückkehrenden, Schwanz in der Hand. Ich wusste nicht, wie ich diese Sache einzuordnen hatte. Bisher hab ich mir noch nie Gedanken um meine sexuelle Orientierung gemacht.

Ich bin, glaubte ich zumindest, wie alle Jungen in meinem Alter. Man muss den jugendlichen Hormonen freien Lauf lassen, zumindest einmal am Tag. Aber bisher hatte ich nur meinen eigenen Körper dabei betrachtet.

Und nun Marcus! Wie soll ich das verstehen? Verwirrt stieg ich aus der Wanne. Trocknete mich mechanisch ab und zog die bereitgelegten Sachen an. Ich war fest entschlossen, dass das eine einmalige Aktion war. Ich durfte doch beim wichsen nicht an andere Jungen denken.

In dieser Nacht schlief ich schlecht. Ständig machte ich mir Vorwürfe. Aber da war auch dieses unheimlich starke Gefühl, etwas Richtiges zu machen. Etwas, was ich bisher vielleicht immer verdrängt hatte. War ich etwa doch anders?

Es war nun schon Anfang Dezember. Ich war mit meinen Eltern im Einkaufszentrum unterwegs, sie wollten noch etwas für mich besorgen, das ich mir selber aussuchen konnte. Ich wusste aber nicht, was ich nehmen sollte, also fiel meine Wahl auf schöne warme Sachen.

Eine schöne extrawarme Jacke und eine Thermojeans waren meine Favoriten, die dann auch genommen wurden. Letztendlich schlenderten wir noch an den verschiedenen, weihnachtlichen Ständen vorbei, wobei ich mir wieder eine Tüte gebrannter Mandeln leistete.

Das Gedränge war ganz schön, aber da konnte ich ihn sehen! Marcus stand mit einem kleinen Mädchen an der Hand in einer Nische und schien die Leute zu beobachten.

Vorsichtig schob ich mich in die Richtung.

„Hallo, du hier?“ fragte ich ihm.

Er hatte mich wohl nicht gesehen und bekam einen Schreck, was für mich ein niedlicher(?) Anblick war.

„Ja…, ich.. ich… ich bin mit meiner kleinen Schwester einkaufen“, stammelte er leise.

Das kleine Mädchen sah mich groß an.

„Markus, wer ist denn das“, fragte sie mit einer piepsigen Stimme.

„Ähm, das, das ist ein Freund, hab ihn lange schon nicht mehr gesehen. Und nun sei still du kleiner Zwerg“.

Hörte ich da richtig, er bezeichnete mich als Freund? Wäre es mir recht, ihn als Freund zu haben? Ich musterte ihn schnell. Immer noch die viel zu dünne Jacke, die in der Zwischenzeit nicht sauberer geworden ist. Wenigstens seine Schwester schien warme Sachen anzuhaben.

„Kommst du, Phillipp“, hörte ich in meinem Rücken Paps sagen. Auch er schaute auf Markus. Bestimmt wird er sich wunden, was ich für Leute  kenne.

„Ja, komme gleich“, sagte ich zu ihm, „bis bald mal“ und gab Marcus die Hand, die er auch ergriff.

Kalt waren seine Finger. Ein kurzer Blick in seine traurigen Augen verriet mir, dass da etwas nicht stimmen konnte.

„Alles in Ordnung“, fragte ich ihn.

„Ja, alles O.K.“, kam es leise zurück. Noch immer hielt ich seine Hand, die er nun versuchte zurückzuziehen. Ich lies es nicht zu, sah direkt in seine Augen.

„Was ist los, kann ich helfen?“

Mir schnürte es fast die Kehle zu, als ich diesen hoffnungslosen Blick sah.

„Marcus, kann er etwas besorgen“, fragte seine Schwester und sah mich an. Auch sie hatte dieselben schwarzen Augen wie ihr Bruder.

„Was kann ich besorgen“, fragte ich wieder an Markus gewandt.

„Ach nichts, ist schon gut, wir müssen weiter“, und er entzog sich meiner Hand, drehte sich um und ging los, seine Schwester hinter sich herziehend. Sie sah mich mit großen Augen an. Sah ich da eine Träne ihre Wangen runter laufen?

Ich war mir ganz sicher, da stimmt etwas nicht, aber was sollte ich machen? Ich traute mich nicht, mit meinen Eltern darüber zu reden. Schon gar nicht kurz vor Weihnachten. Sie hatten auch so schon genug Sorgen auf der Arbeit. Heute habe ich sie endlich mal wieder lachen gesehen. Diese Stimmung durfte ich nicht mit meinen Sorgen um einen Fremden Jungen zerstören.

Als ich wieder Anschluss zu meinen Eltern hatte drehte sich Paps um.

„Wer war denn das?“

„Äh, äh, den hab ich durch Zufall kennengelernt, ist nicht weiter wichtig.“

„Was ist nicht weiter wichtig“, fragte meine Mutter, die sich erst jetzt umdrehte.

„Ich glaube, so wie unser Sohn aussieht, sollten wir uns einen Kaffee gönnen und mal miteinander reden“, sagte mein Vater, nahm mich an die Hand und zog mich in ein Bistro.

Ich muss wohl nach dem Zusammentreffen mit Marcus einen total abwesenden Gesichtsausdruck gehabt haben. Also setzten wir uns an einen gerade freiwerdenden Tisch und bestellten drei Kaffee.

„Also Junge, raus mit der Sprache. Wer war das nun?“

Ich wusste nicht, ob ich alles erzählen sollte, ob ich es durfte. Aber ich fasste mir ein Herz und erzählte alles, was ich von ihm wusste. Es war nicht viel. Der Diebstahl, die viel zu dünne und immer gleiche Jacke und das er scheinbar die Schule schwänzte.

Meine Eltern hörten genau zu, hingen förmlich an meinen Lippen.

„Ich bin mir sicher, dass da etwas nicht stimmt. Seine Schwester sah auch total verzweifelt aus“, beendete ich meine Erzählung. Mein Vater musterte mich genau.

„Er bedeutet dir etwas, obwohl du ihn erst kurz und fast gar nicht kennst, oder?“

Ich wurde rot im Gesicht. Hatte mein Vater etwas gemerkt? Wusste er vielleicht mehr, als ich mir selbst zugestehen wollte?

„Ja“, war meine kurze leise Antwort und senkte den Bick auf meinen Kaffee, den ich noch nicht angerührt habe.

„Willst du ihm helfen, falls er Hilfe braucht? Was meinst du. Wie schätzt du ihn ein. Ist er ehrlich? Das klauen soll nicht heißen, dass er schlecht ist. Es gibt für diese Handlung vielleicht auch einen Grund, den du nicht kennst.“

Erstaunt sah ich zu meinen Vater. Mutti nickte nachdenklich.

„Ich würde schon gern helfen, wenn es was zu helfen gibt. Und ich glaube er ist ehrlich“, sprach ich zu meine Eltern. Wieder wurde ich leicht rot.

„Also gut, such ihn, rede mit ihm und dann gib Bescheid, falls es etwas Ernstes ist. Wir fahren schon nach Haus. Bitte sei spätestens um 19 Uhr zurück.“

Wir standen auf, ich drückte meine Eltern, ein leises „danke“ sagte ich zum Abschied.

Wo verdammt noch mal sollte ich suchen? Ich hatte noch 2 Stunden Zeit sie zu finden, aber bei der Größe des Konsumtempels war es nicht so einfach. Ziellos irrte ich durch die Gänge, in jedes Gesicht schauend. Könnte er nicht bitteschön irgendwo auftauchen? Ist er überhaupt noch hier? Ich machte mir selber Mut. Ich musste ihn finden!

„He, Phillipp“, hörte ich eine Stimme hinter mir sagen.

In froher Erwartung drehte ich mich um, sah aber nur Jan.

„Was ist“, fragte er, meinen enttäuschenden Blick konnte ich nicht verbergen.

„Ach ich dachte es wäre jemand anderes“, Unmut machte sich in mir breit.

„Du siehst aus, als ob du einen Kaffee gebrauchen könntest, komm da drüben sind ein paar Plätze frei.“

Sprach er und marschierte in die Richtung, mich hinter herziehend. Nachdem er uns mit Kaffee versorgt hatte schaute er mich fragend an.

„Auf der Suche nach deiner großen Liebe?“, grinste er mich an.

Was hatte ich nur an mir, dass alle Leute denken ich wäre verliebt?

„Nein, ich suche jemand, den ich kennengelernt habe. Es ist nicht meine große Liebe, es ist ein Junge und seine kleine Schwester.“

Er zog die Augenbrauen hoch, „Also auf mich machst du einen anderen Eindruck. Aber ist schon gut, ich will dich ja nicht in Verlegenheit bringen. Danke nochmals für die Lösung heute. Ich hoffe doch, dass du die Aufgabe richtig hattest“.

Wie konnte es sein, dass er so über mich dachte? Hab ich wirklich etwas Verliebtes im Blick, was mir selbst entgeht?

„Hat der kleine mal wieder gepennt“, riss er mich aus meinen Grübeleien.

Jan sah mich lachend an und zeigte auf die andere Seite des Ganges. Dort stand ein Junge mit einem kleinen Mädchen an der Hand, das auf mich zeigte.

„Tschuldigung ich muss…“ und riss beim aufstehen fast die Tassen um. Den verwunderten Blick in meinem Rücken, nahm ich nicht mehr wahr.

Schnell lief ich über den Gang, nicht ohne den einen oder anderen anzurempeln.

„Hallo, da bist du ja, ich habe dich schon gesucht“, platzte es aus mir heraus als ich Marcus gegenüberstand.

„Wie, du hast mich gesucht?“, ich konnte sein Fragezeichen, was ihm im Gesicht stand deutlich sehen.

„Ähm, können wir kurz miteinander reden?“

Hoffnungsvoll schaute ich ihn an. „Was willst du denn mit mir reden“, die Traurigkeit in seinen Blick jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken.

„Komm, nicht hier. Gehen wir an einen ruhigeren Ort“, und zog ihn mit nach draußen.

An einem Stand blieben wir stehen. „Möchtet ihr eine heiße Waffel und einen Tee?“, fragte ich die beiden.

„Ja, toll und dazu einen Kakao“, sagte die kleine mit leuchtenden Augen zu mir.

Marcus zog unschlüssig die Schultern hoch, „weis nicht, ich hab kein Geld mit“, so leise, dass ich kaum verstehen konnte.

„He, ich geb es euch aus. Also du eine Waffel und einen Kakao und Markus, dasselbe?“

Er nickte leicht. Am Stand bestellte ich die Sachen für uns und nahm für mich noch eine Tüte gebrannter Mandeln. Ist zwar heute schon die zweite, aber meiner Figur würde es nicht schaden. Wir stellten uns an einen Tisch abseits der Menschenmassen und die Kleine aß mit Freude, Marcus nippte nur an seinem heißen Getränk.

Jetzt erst merkte ich, dass er ja nur seine dünne Jacke anhatte, er würde wahrscheinlich wieder frieren.

„Wollen wir wieder ins Warme gehen?“, ich hatte das Gefühl, als ob er schon zitterte.

„Nein, geht schon“, leise und mit gesenktem Kopf sprach er.

„Was wolltest du denn von mir“, fragend schaute er mich an.

„Na ja, ich weis nicht wie ich sagen soll, aber es scheint, als ob du Probleme hättest. Ich könnte euch helfen, wenn du es möchtest“.

Er blickte mir in die Augen, zweifelnd, ob ich es ernst meine.

„Hörst du, er kann uns helfen, Markus bitte. Wo sollen wir denn sonst hin“, mischte sich seine Schwester ins Gespräch ein.

Sie sah flehend zu ihrem großen Bruder auf, der noch unschlüssig dastand.

„Was, wo ihr hinsollt? Was ist los, komm rede.“

Ich legte meine Hand auf seinen Unterarm um dem gesagtem noch etwas Nachdruck zu verleihen. Er sah mich wieder mit diesen hoffnungslosen Augen an. Ich sah in seinem Gesicht den Kampf, den er mit sich selbst ausfocht. Plötzlich tropfte eine Träne aus seinem Auge.

Oh Mann, dachte ich, das muss aber ernst sein. Dieser traurige Blick bestätigte meine Absicht: Ich werde mich mit aller Kraft für die beiden einsetzen! Aber wie sollte ich ihn zum Reden bringen?

„Meinst du es wirklich ernst, oder willst du uns nur verarschen?“

Ungewöhnlicher Ernst sprach aus seiner Mimik, die Stimme klang zittrig. Es lief mir kalt den Rücken runter.

„Ich meine es ernst, du kannst dich darauf verlassen! Aber du musst mir sagen was los ist, O.K.?“

Nun schauten seine Schwester und ich ihn abwartend an.

„Bitte Marcus, erzähl es ihm. Er wird uns helfen. Das tust du doch, oder?“, und sah mich an.

Ich nickte ihr zu und wendete meinen Blick wieder Marcus zu. Der zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und trocknete sich die Augen.

„Also“, sprach er sehr leise, „ich werde es dir sagen, aber nicht hier. Mir ist kalt, ich muss ins Warme.“

Wie lange standen wir denn schon in dieser Schweinekälte? Erst jetzt merkte ich, dass er richtig zitterte. Alle drei betraten wir den Konsumtempel wieder. Ich lief vorneweg und suchte ein Geschäft in dem man etwas Heißes zu trinken bekam, aber vor allem ein ungestörtes Plätzchen frei war.

In einem amerikanischen Schnellrestaurant wurde ich fündig, eine abgeschiedene Ecke war frei und wir besetzten sie sogleich.

„Sag mal, wie heißt du denn eigentlich?“

Marcus Schwester sah mich mit groß an.

„Ich bin die Mia und schon fünf Jahre alt.“

„Ah ja, Mia. Hast du noch Hunger oder Durst?“

„Oh, ja, wenn ich mir etwas aussuchen darf….?“, freudig schaute sie mich an.

„Mia!“, mischte sich Marcus ein und zog seine Schwester zu sich um ihr ins Ohr zu sagen „wir haben kein Geld. Phillipp hat uns schon etwas gekauft. Das reicht jetzt!“, und sah sie mit einem strengen Blick an.

Ihre Miene verfinsterte sich schlagartig. Den letzten Teil des Satzes sollte ich wohl nicht mitbekommen, denn er sprach sehr leise, aber meine Ohren sind noch nicht Kopfhörergeschädigt.

„Komm Mia, wir gehen etwas holen, in der Zwischenzeit kann sich dein Bruder überlegen, was er sagen will“, nahm sie an die Hand und zog sie mit mir.

„Halt die Plätze frei“, sagte ich noch zu Marcus der leicht nickte und dann seinen Kopf zum Tisch senkte. Mann, der ist ja voll von der Rolle.

„Mia, such dir etwas aus“, ich sah ihr strahlendes Gesicht.

„Oh, oh darf ich wirklich… also, also ich, ich würde gern etwas nehmen mit Spielzeug dazu… wenn ich darf“, ihr Blick ließ mich einen Moment in einen Abgrund stürzen.

Diese strahlenden Augen, die die meinen fixierten. Ich hatte das Gefühl, für sie verantwortlich zu sein. Und ich fühlte mich in diesem Moment gut!

„Hast du großen Hunger“, fragte ich Mia.

„Ja, ich hab bis jetzt nur die Waffel gegessen“, und ihr Kopf wandte sich der Auslage zu, in dem das Billigplastikzeugs lag, was diese Rinderhackbräter in ihren Kindermenüs zum Kaufanreiz zugeben.

„Sag mal, hat Marcus heute auch noch nicht mehr gegessen?“, sie drehte sich zu mir um und schüttelte leicht mit dem Kopf.

„Was möchtest du  trinken?“

„Ich möchte eine Cola, wenn ich darf“, und drehte sich wieder zu der Auslage, um nochmals ihre Spielzeugauswahl zu überdenken.

Ich bestellte ein Kindermenü mit einer zusätzlichen Portion Pommes, für Marcus das größte belegte Brötchen im Sortiment, ebenfalls mit einer großen Portion Pommes, für mich ein etwas kleineres Brötchen und zwei Kaffee. Trinkt er überhaupt Kaffee? Na, wenn nicht, werde ich noch was anderes holen.

Mia hatte es endlich auch geschafft, der freundlichen Bedienung zu sagen, welches Spielzeug sie gern hätte. Also hatten wir noch etwas Zeit, bis die Brätlinge, die über dem offenen Feuer gegrillt wurden, fertig waren.

„Sag mal Mia, ihr seid hier nicht oft, oder?“ Sie schaute mich mit ihren schwarzen Augen an, unweigerlich sah ich die von Marcus vor mir.

„Früher, als Papa noch da war, waren wir öfter hier.“

Ihr Blick wurde wieder traurig und es bahnte sich eine Träne aus ihrem Auge, die über ihre Wange lief. Mist, was hab ich denn da nur angestellt? Wie konnte ich sie wieder aufmuntern? Aber die freundliche Bedienung hatte wohl die Kleine beobachtet und gerufen.

„Hallo kleines Fräulein, Hier kannst du schon mal dein Spielzeug haben“, und reichte es ihr.

Im nu waren die Tränen vergessen und ein breites Lachen machte sie wieder zu einem hübschen Mädchen. Die Bedienung hatte alle bestellten Sachen zusammen auf ein Tablett gestellt und ich zückte meine Brieftasche.

Na, viel Taschengeld würde für den Rest des Monats nicht überbleiben, aber das Lachen der kleinen Mia war es wert.  Wir bahnten uns den Weg zu unserem Platz zurück, an dem Marcus immer noch mit gesenktem Kopf saß.

Ich stellte das Tablett auf den Tisch und Mia krabbelte auf den Stuhl neben Marcus. Sie knuffte ihm in die Seite, schließlich wollte sie ihm ihr Spielzeug zeigen. Er hob den Kopf und ich konnte Tränen sehen, die er versuchte schnell mit dem Taschentuch wegzuwischen. Er sah, was ich alles geholt hatte und blickte mich fragend an.

„Ist schon gut, ihr seid eingeladen, trink erst mal deinen Kaffee. Trinkst du doch oder?“

Ein leichtes nicken kam von ihm. Mia packte ihre Tüte mit dem Menü aus und stellte überrascht fest, dass sich noch ein Spielzeug in ihr befand. Strahlend sah sie abwechselnd von mir zu Marcus hin und her. Diese strahlende Freude entlockte ihm auch ein kurzes Lächeln.

Ich stand noch einmal kurz auf, den Blick der Verkäuferin suchend, die ihn auch erwiderte und machte eine dankende Bewegung. Sie lächelte mich an und hielt verschwörerisch den Finger vor den Mund.

Ich nahm meinen Kaffee und machte einen kleinen Schluck.

„Marcus, nimm dir, es ist für dich! Iss erst mal. Du hast sicher Hunger.“

„Danke“, sagte er sehr leise und nahm sich sein Brötchen vor.

Ich stand noch mal auf und ging zu Mia, Vorsichtig zog ich ihr den Reißverschluss ihrer Jacke auf, um dann erst den einen Ärmel auszuziehen, in deren Hand keine Pommes waren. Übergangslos wechselte sie die Pommes essende Hand, so dass ich auch die ganze Jacke ausziehen konnte.

„Marcus, zieh auch deine Jacke aus, sonst wird es nachher ziemlich kalt“.

Er stand auf und zog sich seine Jacke aus, die er über die Stuhllehne hing. Ich schaute ihn an und erschrak. Hatte er doch unter dieser dünnen Jacke nur ein T Shirt drunter. Mein Blick fixierte nun Mia.

Sicher hatte sie eine dickere Jacke an, aber der Pullover war eine Speisekarte der letzen Woche, oder Wochen? So wie sie beide das Essen verschlangen….

„Markus, was ist passiert, wie kann ich euch helfen?“

Er rückte ein Stück nach vorn, sicher sollte Mia unser Gespräch nicht mitbekommen.

„Also, ähm, äh, ich weis nicht wie ich anfangen soll…“, „am besten von vorn“, schnitt ich ihm das Wort ab. Mann, erst denken dann reden, sagte ich zu mir selbst.

„Also, vor einem Jahr ist unser Vater verschwunden. Ich weis nicht aus welchem Grund, aber plötzlich war er nicht mehr da.“

„Rede bitte etwas lauter“, sagte ich zu ihm, er war wirklich kaum zu verstehen.

„Ja.. ja, also dann waren wir nur noch mit unserer Mutter allein. Die erste Zeit ging alles gut, bis sie anfing, den Schmerz nicht mehr auszuhalten. Sie begann zu trinken. Erst nur wenig, dann wurde es mit der Zeit immer schlimmer. Schließlich verlor sie ihren Job und wir hatten nur noch Harz IV. Sie begann unsere Ersparnisse in Alkohol umzumünzen, selbst Mias Sparschwein musste dran glaub…“, er musste sich erst mal die Nase putzen.

Schnell zog ich eine Packung Tempo aus der Tasche und reichte sie ihm, die er wortlos  annahm. Als er seine Tränen weggewischt hatte sah er erst mal zu Mia. Sie war noch bei ihrer großen Portion Pommes und im Spielen vertieft.

„Irgendwann war kein Geld mehr im Haus. Sie verscheuerte alles, was sich irgendwie in Alk umsetzen ließ. Und wir waren nur ihre Fußabtreter, an denen sie ihren Frust ablassen konnte. Tschuldige, ein kleinen Mom…“, und er hielt sich wieder das Taschentuch vors Gesicht.

Mia schaute ihren großen Bruder an und legte sanft ihre kleine Hand auf seinen Arm. Ich habe noch nie einen so traurigen Blick bei einem kleinen Mädchen gesehen wie jetzt…. Ich spürte, dass sie viele Sachen gemeinsam durchmachen mussten. Gern hätte ich die beiden in den Arm genommen, aber ich saß wie angenagelt auf meinem Stuhl.

„Und als gar nichts mehr da war, hat sie angefangen uns nur noch zu beschimpfen und das restliche Geld auch noch versoffen. Und dann hat sie uns heute…. heute rausgeschmissen…. Und nun wissen wir nicht wohi.…“, er drehte sich zu Mia und nahm sie in den Arm.

Beide weinten und mir schnürte es die Kehle zu. Ich stand wie traumatisiert auf, ging um den Tisch und nahm beide in den Arm. Deutlich merkte ich das schluchzen und zittern der beiden, da konnte mir selbst nicht mehr verbieten mitzuweinen.

„Ich helfe euch!“, sagte ich nach einer Weile, „und ich bin sicher, dass euch meine Eltern auch helfen werden“, sagte ich mit brüchiger Stimme.

„Sorry, ich muss mal kurz weg“, schnell löste ich mich von den beiden, zog mein Reservetaschentuch aus der Jackentasche und trocknete erst mal meine Tränen.

Ich lief aus dem Frittenstudio,  ohne dass ich die anderen Leute wahrnahm.  Es war mir auch egal, es war mir scheißegal wer mich in  diesem Zustand sah. Ich wollte und musste handeln, JETZT! Für Mia und Markus…

Kurzwahltaste gedrückt und einen Moment warten.

„Hallo, hier bei Bois“, meine Mutter!

„Ma, Ich brauch euch“, weinte ich ins Telefon. „Phillipp? Phillipp! Ist dir etwas Passiert? Junge, rede doch…“

„Nein, mir ist nichts passiert, aber Marcus….“

„Bist du noch im Einkaufszentrum?“

„Ja“, hauchte ich ins Telefon.

„Bleibt da, wir kommen!“, schon war nur noch ein tuten zu hören. Wie paralysiert steckte ich das Handy ein und bewegte mich automatisch zum Frittenbräter zurück, wo ich Markus und Mia immer noch umarmt sitzen sah.

Ich ging auf sie zu und nahm sie wieder in den Arm.

„He, es wird alles gut. Meine Eltern kommen, sie werden euch helfen, sicher, ganz sicher!“

Markus nahm den Kopf etwas zurück, so, dass er mich sehen konnte. Ich sah seine gebrochenen und Tränenvollen Augen.

„Danke …“, seine Stimme versagte wieder und er drückte seinen Kopf an Mia und mich.

„Hallo, was ist?“, hörte ich die leise Stimme meines Vaters nahe am Ohr. Endlich! Wie lange hatte ich schon darauf gewartet!

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Endlich konnte ich meine Probleme, und die von den zweien, abgeben. Ich wollte helfen, aber ich sah auch ein, dass ich mit meinen kaum sechzehn Jahren der Situation nicht gewachsen war.

„Paps, ihr müsst den beiden helfen“, flehte ich ihn an.

„Da kannst du dich drauf verlassen, mein Sohn!“

Noch nie habe ich meinen Vater so entschlossen reden hören. Nun wusste ich, dass es gut enden würde, egal was noch kommt. Wir lösten uns aus der Umarmung und sahen uns alle drei mit tränenverhangenen Augen an. Ich nickte leicht und Mia und Markus verstanden, dass es richtig war, meine Eltern zu rufen.

Mutti kümmerte sich um Mia, zog ihr die Jacke an und redete beruhigend auf sie ein. Ich zog mich und Markus hoch und reichte ihm seine Jacke, die auf dem Boden lag. Mein Vater  legte seinen Arm um ihn und ging mit meiner Mutter und Mia zum Ausgang.

Ich stand noch, nahm dann einen anderen Weg nach draußen um das Tablett zur Ablage zu bringen, der mich aber auch am Ausgabeschalter des Restaurants vorbeiführte und sah die Verkäuferin.

„Sind das deine Geschwister?“, fragte sie mich im vorbeigehen.

„Nein, leider nicht…“ konnte ich nur mit tränenerstickter Stimme sagen.

Am Auto, das mein Vater wohl der Eile wegen auf einen Behindertenparkplatz abgestellt hatte, sah ich noch, wie die hinteren Türen geschlossen wurden. Meine Mutter saß in der Mitte und hatte die Arme um sie gelegt. Somit musste ich vorne einsteigen, was mir nicht unrecht war, noch hörte ich leichtes schluchzen.

Papa schaute mich mit einem aufmunternden Lächeln an, „hast alles richtig gemacht“.

Nur leicht nickte ich mit meinem Kopf und sah aus dem Fenster, ohne etwas zu sehen.  Die Bilder verschwammen wieder vor meinen Augen. Zu Hause angekommen stiegen wir alle aus, ich vornweg und schloss die Haustür auf.

Auf der Treppe zum oberen Stockwerk sah ich die große Tüte mit meinen Sachen, die ich gekauft hatte. Marcus und Mia wurden von Mama und Papa ins Haus gebracht und durch die Wohnzimmertür geschoben.

„Phillipp, geh bitte erst in dein Zimmer, wir wollen erst mit  ihnen allein reden. Sei so lieb!“

Es war keine Bitte sondern eine Aufforderung, der ich mich zu beugen hatte. So gern wollte ich in der Nähe von Marcus und Mia sein. Ich war mir aber sicher, dass meine Eltern schon wussten, was sie zu tun hatten.

Ich schnappte mir die Tüte mit meinen neuen Sachen und ging langsam in mein Zimmer. Dort musste ich mich erst einmal auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch setzen. Die Ereignisse, die sich in den letzten Sunden zugetragen hatten gingen mir durch den Kopf.

Vor meinem geistigen Auge sah ich Mia und Marcus mit ihren traurigen Augen. Schon wieder drückten meine Tränen und bahnten sich einen Weg ins Freie.

Irgendwann klingelte mein Telefon. Ich machte einen förmlichen Satz, so schreckte mich dieses Geräusch hoch.

„Hallo, wer da?“, fragte ich matt.

„Hi, hier ist Jan.“ „Ja, was gibt’s?“, ich hörte mich bestimmt genervt oder doch zumindest abweisend an.

„Phillipp, ich wollte nur fragen, ob es dir gut geht. Du warst vorhin so schnell verschwunden. Wer waren denn die beiden mit denen du weggegangen bist?“

„Jan, das ist eine lange Geschichte, bist du damit einverstanden, wenn wir uns morgen darüber unterhalten? Ich bin im Moment nicht richtig drauf.“

„Klar, will nicht weiter stören, wollte wirklich nur wissen, ob alles in Ordnung mit dir ist. Also, bis morgen dann.“ „Ja, bis morgen…“, und drückte das Gespräch weg.

Was haben die denn so viel zu besprechen? Langsam machte sich Unruhe in mir breit. Erneut klingelte das Telefon, aber ein anderer Ton. Hausinterner Anruf stand im Display. Schnell nahm ich ab.

„Phillipp, macht es dir etwas aus, wenn du ein paar Pizzen bestellst?“

„Ja, mach ich, dauert es noch lange?“, fragte ich ungeduldig.

„Ich glaub schon. Also bitte bestell fünf Stück, wo Geld ist weißt du. Bis dann“, und meine Mutter drückte das Gespräch weg.

Vom Kühlschrank in der Küche nahm ich das Prospekt vom Pizzalieferdienst und wählte die Nummer. Ich bestellte fünf verschiedene Sorten, da wird für jeden etwas bei sein, dachte ich. Auf dem Weg zu meinem Zimmer versuchte ich etwas aufzuschnappen, als ich an der Wohnzimmertür vorbeiging. Aber es war sehr leise, ja, man konnte nichts hören.

Im Zimmer überlegte ich, was ich machen könnte. Meine Stimmung war auf dem Tiefpunkt. Was ging da vor, wieso dauert es nur so lange?  Wiederwillig erhob ich mich und suchte die Bücher und Hefte für morgen raus. Ich brauchte etwas, was mich ablenkte.

Plötzlich hörte ich von unten Tumult. Ich ging zu meiner Tür, die ich offen gelassen hatte um nichts zu verpassen. Ja, sie kamen aus dem Wohnzimmer! Ich ging langsam die Treppe runter. Der erste den ich sah war Marcus.

Er hatte mich auch bemerkt und drehte sich zu mir. Was war das für ein Anblick! Total rotgeweinte Augen, die Haare hingen ihm wirr im Gesicht, aber er hatte ein leichtes Lächeln. Mir fielen in dem Moment tausend Steine vom Herzen! Sein Lächeln sagte mir, dass alles gut werden würde.

Was hatten meine Eltern nur gemacht, dass er schon wieder so froh war?

Als nächstes bemerkte mich Mia. Sie drehte sich zu mir um und rannte sofort in meine Richtung. Ich fing sie im laufen, hob sie hoch und drehte mich mit ihr im Kreis. Danach drückte ich sie fest an mich. Wir sahen uns in die Augen, ihre waren genauso verheult.

„Danke, Phillipp, danke….“und sie schlang ihre Ärmchen wieder um meinen Hals und drückte ihren Kopf auf meine Schulter und ich schloss vor Glück meine Augen.

Als ich meine Augen öffnete, sah ich direkt in das Gesicht von Marcus, dem beim Anblick seiner Schwester und mir wieder die Tränen kamen. Ich ging mit Mia im Arm auf ihn zu und zog ihn mit meinem freien Arm an mich.

Mir zitterten die Beine. Ich war so froh, die beiden im Arm halten zu können.

Nun sah ich auch meine Mutter, auch ihr sah man an, dass sie geweint hatte. Mein Vater strich sich mit der Hand über den Kopf, sah mir nachdenklich, aber gutmütig in die Augen.

Die Türklingel riss uns alle aus den Gedanken. Ah, Pizza ist da! Vati stand am dichtesten an der Tür und öffnete. Er nahm dem Lieferanten die Kartons ab und Mutti holte das Geld. Ich hatte es schon lange nicht mehr erlebt, dass alle Stühle in unserer Küche besetzt waren.

Ich schaute in die Runde und war froh, dass ich die Bestellung richtig gemacht hatte. Jeder hatte eine Pizza vor sich, die seinem Geschmack entsprach. Es wurde nicht geredet am Tisch, nur die Blicke, die hin und her geworfen wurden, sprachen Bände.

Der Anblick von Mia und Marcus zauberte meiner Mutter ein Lächeln ins Gesicht, Vati betrachtete die beiden nachdenklich und ich konnte nicht von Marcus lassen. Wie rot seine Wangen waren. Kam es vom Essen, oder war es noch wegen der Kälte draußen.

Unsere Blicke trafen sich, er schenkte mir auch ein Lächeln. Wie schön, ihn so zu sehen! Wieso hatte ich das Gefühl, dass der Stuhl auf dem ich saß schwebte? Plötzlich sprang mein Vater von seinem Stuhl auf.

Er griff sich das Telefon und ging nach draußen. Verwundert folgten ihm vier Augenpaare.

„Ich glaub“, sagte meine Mutter, „er hat die Lösung gefunden.“

Fragend schaute ich sie an. Sie lächelte nur, „später, dann werden wir es wissen“.

„Will jemand etwas trinken?“, fragte ich in die Runde.

„Ja, einen Kakao“, Mia strahlte mich an.

„Du auch?“

Ich sah in die Augen von Marcus. Er nickte, scheinbar hatte es ihm die Sprache verschlagen.

„Ich nehme einen Tee“, sagte meine Mutter, „soll ich helfen?“

Ich schüttelte den Kopf und machte mich daran die Getränke zuzubereiten.

„Monika, kommst du mal bitte“, rief mein Vater vom Wohnzimmer aus.

Meine Mutter stand auf und folgte dem Ruf. Das Wasser kochte und ich brühte den Tee. Als ich alles fertig hatte stellte ich die Tassen auf den Tisch.

„Danke!“

Mia sah mich an. Es war keine Traurigkeit mehr in ihren Augen. Auch Marcus bedankte sich mit einem leichten Kopfnicken. Meine Eltern kamen wieder in die Küche und hatten ein Lächeln auf den Lippen.

„So. Ich muss noch mal los“, sagte mein Vater.

Schon war er aus der Küche und man hörte die Haustür zuschlagen.

„Wir sollten langsam nachdenken, wo die beiden heute Abend schlafen können“, sagte meine Mutter zu mir.

„Ich denke, wir sollten das Gästezimmer herrichten, was meinst du? Ein Reisebett haben wir auch noch“, meine Mutter sah mich fragend an.

Mir stockte der Atem, sie sollten wirklich hier schlafen. Ich war glücklich und schaute zu den beiden. Auch sie sahen mich fröhlich an. Endlich konnte ich mal Marcus lächeln sehen. Dieser Anblick ging mir durch und durch.

„Ja, das Gästezimmer“, sagte ich zu meiner Mutter, „das ist schnell gemacht. Ich beziehe schnell die Betten und dann können sie sich erst mal hinlegen.“

„Ähm, Phillipp, du müsstest ein paar Sachen für Marcus suchen. Ich mein, ihr habt ja die gleiche Größe wie ich sehe.“

Ich musterte Marcus und mir war klar, dass er dringend andere Sachen brauchte.

„Das mache ich gleich. Wollt ihr zuerst noch duschen, oder baden? Derweil mache ich das Bett fertig und suche Sachen raus“, fragend schaute ich sie an.

„Ja, baden ist schön“, sagte Mia und schaute fröhlich in die Runde.

„O.K.“, sagte ich, „am besten lass ich gleich Wasser in meine Wanne. Sie können doch bei mir oben baden, oder?“

Meine Mutter nickte nur.

„So, dann werde ich euch mal mein Reich zeigen“, sprach ich zu den beiden und stand auf.

Ich ging die Treppe hoch und sie folgten mir. Staunend standen sie in meinem Zimmer und sahen sich um.

„Das ist alles deins?“

Mia war sichtlich überrascht.

„Ja, fühlt euch wie zu Hause. Schließlich seid ihr meine, äh, unsere Gäste.“

Ich ging durch die Tür in mein Bad und lies Wasser in die Wanne. Noch ein bisschen Schaumbad dazu und die Temperatur des Wassers noch mal korrigiert.

„So, achtet mal bitte auf das Wasser. Wenn voll genug ist bitte abstellen und dann könnt ihr reingehen. Sachen bringe ich gleich. Ich möchte nur erst mal eure Betten fertig machen.“

Die beiden sahen mich groß an.

„Ich mein, nur wenn ihr zusammen baden wollt. Sonst könnt ihr auch nacheinander…“, das war jetzt ein wenig verwirrend für mich.

„Nein, ist schon gut, wir gehen zusammen rein“, sagte Marcus und seine Schwester hüpfte voller Ungeduld auf und ab.

Bevor ich das Bad verlies, legte ich noch frische Handtücher hin. Im Gästezimmer suchte ich frische Bettwäsche raus und begann die Betten zu beziehen. Meine Mutter betrat das Zimmer und nahm sich auch noch Bettwäsche und half mir beim beziehen der Betten.

„Phillipp, es war richtig von dir, den beiden zu helfen. Ich bin so stolz auf dich!“ sagte sie mit leiser Stimme.

Ich schaute in ihr Gesicht und sie kam auf mich zu und umarmte mich. Ich spürte ein leichtes Zittern.

„Hallo, Phillipp, kannst du mal kommen“, hörte ich Mia aus dem Bad rufen.

Wir lösten uns aus der Umarmung, „geh, dein Typ wird verlangt, ich mache noch alles fertig. Wenn du Hilfe brauchst, dann rufe einfach.“

Ich sah meine Mutter dankbar an. Ein Lächeln umspielte ihren Mund.

„Ja, ich geh dann mal schauen, was los ist“, drehte mich um und ging.

Erst auf dem Weg stellte ich fest, dass ja nicht nur Mia in der Wanne war… Aber nun war es zu spät, schließlich steckte ich schon den Kopf zur Badezimmertür rein.

„Was ist, kann ich euch helfen?“, vorsichtig schaute ich zur Badewanne.

Was ich sah konnte mir nur ein Lachen entlocken. Mia stand mit einer riesigen Schaumkrone auf dem Kopf in der Wanne und hielt sie mit den Händen oben.

„Sieht das nicht schön aus“, fragte sie mit einem Lachen.

„Ganz Toll! Wie eine kleine Prinzessin“, lachte ich.

„Was kann ich tun“, und mein Blick ging zu Marcus. Sah es jetzt so aus, als ob ihm die Situation peinlich war? Er hatte auf jeden Fall einen hochroten Kopf und sah mich nicht an.

„Phillipp, hilfst du mir raus, bitte. Ich hab schon ganz schrumpelige Finger.“

„Na klar, du musst nur noch deine schöne Haarpracht ablegen, dann helf ich dir“, schon ließ sie sich in die Wanne fallen und tauchte kurz unter. Ich konnte gar nicht so schnell sehen, wie sie wieder stand und mir die Arme hinstreckte.

Ich schnappte mir ein großes Handtuch, wickelte es um ihren Oberkörper und zog sie aus der Wanne. Dann rubbelte ich sie schnell trocken und zog ihr einen Bademantel von mir an, der natürlich viel zu groß war.

Sie kicherte die ganze Zeit und ich musste mit ihr lachen. Sie schien alle Sorgen vergessen zu haben, ihre Augen strahlten mich nur so an. Nachdem ich sie wieder auf dem Arm genommen hatte brachte ich sie in das Gästezimmer, wo meine Mutter gerade die Gardinen zuzog.

„Na, kleiner Badeengel, war es schön“, und Mia nickte ganz aufgeregt mit dem Kopf.

„Dann werden wir mal sehen, ob wir noch was für dich finden zum anziehen. Phillipp, hole bitte mal eines deiner längeren T-Shirts. Vielleicht passt es ja halbwegs.“

Rasch setzte ich Mia ab und eilte in mein Zimmer. Die Tür zum Bad stand noch halb offen (hab sie wohl vergessen zu schließen) und auf dem Weg zu meinem Schrank warf ich einen Blick hinein. Marcus lag mit geschlossenen Augen in der Wanne und träumte vor sich hin.

Was wohl in seinem Kopf vorging? Ich fand den Anblick schön, musste mich aber losreißen. Zum einen brauchte Mia Sachen, zum anderen wollte ich nicht, dass Marcus denkt ich wäre ein Spanner oder Ähnliches.

„Na, das sieh ja aus wie ein Kleid“, sprach meine Mutter und Mia drehte sich im Kreis, das das Hemd nur um sie wirbelte. Schnell griff ich zu und hob sie hoch.

„Na, dann. Schnell ins Bett. Ich glaub du bist schon ganz schön müde.“

„Ja, ganz doll“, entgegnete mir Mia.

Vorsichtig legte ich sie ins  Bett und deckte sie vorsichtig zu. Ich beugte mich noch zu ihr runter, nahm sie in den Arm und drückte sie.

„Nacht Mia, schlaf schön und träume etwas schönes“, sagte ich zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

Meine Mutter beobachtete mich nachdenklich, was ich erst im Aufstehen sah. Wieder hatte sie dieses nachdenkliche Lächeln aufgesetzt, was ich heute schon öfter von ihr gesehen hatte. Auch sie wünschte der Kleinen eine Gute Nacht und wir verließen gemeinsam das Zimmer.

Nachdem ich die Tür geschlossen hatte, wurde mir erst bewusst, dass sie nicht einen Ton des Protestes losgelassen hatte, kein Quengeln, kein Weinen war von ihr zu hören. War sie etwa so müde, dass sie keine Kraft mehr hatte?

Wir gingen gemeinsam hinunter zur Küche, wo sich meine Mutter auf einen Stuhl fallen ließ. Sie sah erschöpft aus, genau wie ich mich auch fühlte.

„Wollen wir morgen über alles reden?“, sie hörte sich auch so an.

Ich nickte leicht, was sie mit einem Lächeln beantwortete.

„Geh nach oben und hilf Marcus noch ins Bett. Ich warte noch auf dein Vater und leg mich dann auch hin.“

„O.K. bis morgen dann“, und umarmte meine Mutter noch mal bevor ich mich auf den Weg zu meinem Zimmer machte.

Oben im Zimmer sah ich Marcus mit einem Badetuch umwickelt auf meinem Bett sitzen. Dieser Anblick seiner nackten Brust lies mich nahezu da hinschmelzen. Sah er doch so zerbrechlich aus.

„Ich geb dir noch schnell ein paar Sachen für die Nacht. Willst du einen Pyjama oder eine Boxer mit Hemd, “ fragend schaute ich ihn an.

„Ich glaub dass ich lieber einen Pyjama nehme“, er sah schon wieder traurig aus und senkte seinen Blick.

Am Schrank zog ich einen aus dem Fach und reichte ihm den.

„Ich geh auch noch schnell duschen, war ein langer Tag heut. Das Bett ist gemacht, brauchst nur eine Tür weiter zu gehen. Deine Schwester schläft bestimmt schon, jedenfalls war nichts mehr zu hören.“

Er sah mich an. Mann, diese traurigen dunklen Augen! Dazu noch seine nackte Brust. Wieso hatte ich plötzlich das Bedürfnis ihn in den Arm zu nehmen? Was war los mit mir?

„Ähm, das Licht kannst du im Flur anlassen, das mache ich dann aus, wenn du willst.“

Ich schnappte mir schnell meine Nachtsachen von Bett, zwinkerte ihm aufmunternd zu und ging in mein Bad. Länger hätte ich es nicht ausgehalten. Dieser traurige Anblick drückte mir schon wieder Tränen in die Augen. Und so sollte mich Marcus im Moment nicht sehen!

Als ich mit allem fertig war ging ich wieder in mein Zimmer und sah Marcus immer noch auf meinem Bett sitzen. In der Zwischenzeit hatte er sich den Pyjama angezogen und wie ich fand, stand er ihm besser als mir. Was waren das denn wieder für Gedanken!

Ich setze mich neben ihm auf das Bett und legte meinen Arm um hin. Er ließ seinen Kopf auf meine Schulter fallen. Leise schluchzte er und ich nahm ihn fester in eine richtige Umarmung.

„He, was ist, glaub mir, alles wird gut. Hab etwas Geduld. Für heute seid ihr erst mal sicher. Und das andere Regeln  wir auch noch, verlass dich drauf, “ aber sein weinen wurde noch stärker.

Er hob den Kopf und sah mich mit total Tränenüberströmten Augen an.

„Ich,.. ich danke dir. Ich…, ich weis gar nicht“, ein heftiges schütteln ging durch seinen Körper „wie… wie ich dass wieder gutmachen soll“.

Er legte den Kopf auf meine Schulter und heftige Weinkrämpfe durchzuckten ihn. Ich streichelte ihm mit der Hand über den Rücken, um ihn zu beruhigen. Was  sollte ich ihm tröstendes sagen? Ich fühlte mich in diesem Moment schwach und klein.

Würde ich der Sache überhaupt Herr werden, ohne Hilfe? Langsam wurde das Schluchzen weniger. Gott, wie war ich froh! Ich lies mich langsam nach hinten fallen und zog Marcus mit.

„Komm, ich deck uns zu. Du schläfst bei mir“, hauchte ich ihm ins Ohr.

Er schob sich vorsichtig zur Wand, was ich als Antwort verstand. Ich zog mit meiner freien Hand die Decke über uns und wir fielen fast augenblicklich in einen tiefen Schlaf. Leicht blinzelte ich, durch die Sonne geweckt, in den neuen Tag.

Hatte ich nur alles geträumt?  Nein! Da lag Marcus vor mir auf der Seite mit dem Gesicht zur Wand und ich hinter ihm. Was mich aber fast zum verzweifeln brachte, war meine Morgenlatte, die sich in Richtung seines Hinterns richtete.

Oh, Mann, wie peinlich. Ich meine nicht die Sache an sich, aber in dieser Situation… Vorsichtig schob ich zuerst meinen Hintern aus dem Bett, um dann den restlichen Körper folgen zu lassen. Aber ganz vorsichtig, dachte ich bei mir, nur nicht die Decke mitziehen. Hoffentlich sieht er mich nicht.

Aber die gleichmäßigen Atemzüge von ihm sagten mir, dass er noch fest schlief. Leise ging ich zum Schrank, holte frische Unterwäsche raus und verschwand im Bad. Erst mal aufs Klo, was sich bei meiner Erregung nicht sonderlich machte.

Es nützte nichts, ich musste mir zur Beruhigung eine Erleichterung verschaffen. Aber was waren das für Bilder die da in meinen Gedanken vorbeizogen? Bruchstückhaft sah ich seinen nackten Oberkörper, spürte die Umarmung von ihm und hatte beim Gefühl seines Kopfes auf meiner Schulter schon wieder einen enormen Abgang erlebt!

Was war denn mit mir los? Ich hatte ihm als Wichsvorlage missbraucht! Wie kann das sein? Meine Stimmung schlug sofort um. Eben noch Megaglücklich, und nun zu Tode betrübt. Ich beseitigte die Spuren und begann mit den allmorgendlichen Verrichtungen im Bad.

Schon wieder mit etwas besserer Laune schlich ich mich in mein Zimmer zurück. Ich nahm schnell noch Sachen aus dem Schrank, zog mich so leise es ging an und verließ mein Zimmer, die Tür hinter mir schließend.

Puh, endlich konnte ich ausatmen. Hatte ich etwa die ganze Zeit die Luft angehalten? Wäre ja nicht möglich, aber mir kam es fast so vor. Im Nebenzimmer hörte ich auch schon Bewegungen. Leise klopfte ich und machte die Tür vorsichtig auf.

Mia stand mit ihrem Glockenrock vor dem Bett und drehte sich. Sei ließ dass Hemd richtig wedeln.

„Morgen, Phillipp“, rief sie aufgeregt, als sie mich erblickte.

„Guten Morgen Mia! Hast du gut geschlafen?“, fragte ich, um sie im nächsten Moment aufzufangen.

Sie schlang beide Ärmchen um mich und drückte mir einen Kuss auf die Wange.

„Ja, hab ich! Aber Phillipp, ich hab großen Hunger.“

Ich nahm das Federgewicht unter die Arme, streckte sie von mir und betrachtete ihr Gesicht. „Dann lass uns schnell was essen gehen“, stellte sie auf den Boden und schaute in ihr fragendes Gesicht

„Ist Marcus da…?“

Wie sie mich ansah!

„Na, klar ist dein großer Bruder da“, sagte ich zu ihr. „er schläft in meinem Bett, du brauchst keine Angst zu haben. Wenn du fertig bist im Bad mit dem Zähneputzen und Waschen, dann gehst du ihn wecken, abgemacht?“

Wie ein Wirbelwind drehte sie sich rum und rannte in mein Zimmer um ins Bad zu kommen. Ich folgte ihr mit einem Abstand und sah im vorbeigehen auf den schlafenden Marcus. Aber was sah ich da! Die Decke war wohl etwas verrutscht und nur noch sein Oberkörper war bedeckt.

Deutlich zeichnete sich in seiner Pyjamahose eine deutliche Erektion ab. Also ging es nicht nur mir so. Wovon oder von wem er wohl träumen mag, dachte ich, als ich ihm die Decke wieder vorsichtig über den ganzen Körper zog.

Ich fand diesen Anblick einfach nur schön. Was waren das für Gefühle, die sich in mir auftaten. Ich schüttelte den Kopf und folge Mia ins Bad. Als sie unter lachen fertig war schlichen wir uns durchs Zimmer in Richtung Tür.

Plötzlich machte sich Marcus mit einem brummen bemerkbar und wir hielten inne. Wie in Zeitlupe drehten wir uns um und Mia stürzte sich mit einem freudigen Schrei in mein Bett, in dem Marcus lag.

„Guten Morgen Marcus“, und sie klammerte sich an ihren Bruder.

Er nahm seine Arme unter der Bettdecke hervor und umklammerte sie. Ich stand abseits und ein Stich ging mir durch das Herz. Ich wusste nicht was ich denken sollte, beim Anblick der beiden. Wollte ich an Mias Stelle sein, oder wollte ich Marcus sein, der seine kleine Schwester so liebevoll drückte?

Ich konnte es nicht mit ansehen. Zu sehr schmerzte mich der Anblick und ich ging in Richtung Tür.

„Kommt ihr dann runter, zum Frühstück, wenn ihr fertig seid?“, sagte ich leise und machte mich auf den Weg nach unten.

Meine Mutter stand in der Küche und bereitete das Frühstück. Lächelnd sah sie mich an. Ich konnte nicht anders und ging auf sie zu und umarmte sie, ich wollte in diesem Moment auch nur einem Menschen nahe sein, den ich liebte.

Von meiner Reaktion überrascht hielt sie inne und drückte mich fest an sich.

„Was ist los Phillipp, ist etwas passiert“, und drückte mich noch fester.

„Nein, alles gut, aber ich brauchte nur mal etwas Nähe…“ die Tränen, die mir kamen erstickten den Rest des Satzes.

„He, Phillipp, ist schon gut. Du magst die beiden mehr als dir lieb ist, oder?“, meine Mutter sah mich prüfend an.

Ich sah durch einen Tränenschleier und nickte nur leicht. Was war denn in der letzten Zeit passiert? Soviel wie ich in den letzten Stunden geheult hab, habe ich mein ganzes Leben noch nicht geflennt. Sollte es sein, dass ich immer dichter am Wasser baue?

Und vor allem, was sind das für Gefühle, die sich in mir breit machten? Ich fühlte mich zu Marcus hingezogen und mit Mia verband mich eine Liebe, als ob sie eine Schwester wäre….

Langsam löste ich mich aus der Umarmung meiner Mutter, gerade noch rechtzeitig, bevor Marcus und Mia die Küche betraten. Mia rannte gleich auf meine Mutter zu und sprang ihr förmlich um den Hals. Ich drehte mich etwas zur Seite, so dass sie meine Tränen nicht sehen konnten. Plötzlich fassten mich zwei Arme von hinten um meinen Bauch.

Vorsichtig zog mich Marcus an sich und flüsterte mir etwas ins Ohr, was ich nicht verstand.

„Was hast du gesagt“, etwas lauter als beabsichtigt kamen mir diese Worte von den Lippen.

Schlagartig hatte ich die Blicke meiner Mutter und Mia auf mich gerichtet und Marcus Griff ließ nach.

Mann, was hatte ich denn nun gemacht, schaute mich schuldbewusst in der Runde um. Inzwischen hatte Marcus auch seine Arme wieder an sich genommen.

„Marcus, entschuldige bitte, ich wollte nicht so grob sein“, sein Körper nahm etwas mehr Haltung an.

Er lächelte mich an und kam wieder nah an mein Ohr.

„Ich hab noch nie so gut geschlafen wie letzte Nacht“, flüsterte er mir ins Ohr und grinsend schaute er mir ins Gesicht.

Da war ich ja erst einmal baff. Sicher, die Nacht war auch für mich schön, das Aufwachen am schönsten.

„Hallo, die Brötchen sind da!“

Damit riss mein Vater uns alle aus den Gedanken.

„Au, fein ich hab schon großen Hunger“, sagte Mia, und Marcus schaute ernst zu ihr.

„Na, dann mal alle ran an den Tisch“, sprach meine Mutter und stellte die Kanne Kaffee mit einem lauten Bums auf selbigen.

Mia stürzte sich auf den ersten freien Stuhl und ihre Augen leuchteten trotz der Schwärze. Marcus und ich setzen uns nebeneinander und griffen gleichzeitig nach einem Brötchen.

„Ah, nimm du zuerst“, gab ich freiwillig nach.

„Nein, nimm du“, sagte Markus zu mir. „Ihr könnt ja teilen“, kam es von Mia.

>Guter Gedanke< durchfuhr es mein Gehirn.

„Also, oben oder unten“, fragend sah mich Marcus an.

„Dann eher unten“, entgegnete ich ihm mit einem Lächeln.

„Ich will beide Seiten“, sagte Mia und ein Lachen ging um den Tisch.

„Marcus, Mia“, sprach mein Vater, „wir haben gleich noch einen Termin. Wir haben uns gestern darüber unterhalten.

Es ging schneller als gedacht. Um zehn Uhr müssen wir da sein.“

Ich schaute fragend in die Runde, und konnte mir keinen Reim darauf machen, was mein Vater für einen Termin klargemacht hatte. Und mit wem, und weshalb.

„Ich rede nachher noch mit dir“, sagte meine Mutter und sah mich wieder mit diesem Lächeln an.

Der Blick in Mias und Marcus Gesicht sprachen Bände. Die Fröhlichkeit von gerade war verflogen. Aber ein Hoffnungsschimmer war in Markus Augen zu sehen. Man, war der niedlich!??? Als das Frühstück beendet war gingen wir nach oben und die zwei zogen sich ihre Sachen an.

„Ich glaub, die solltest du anziehen, es ist kalt draußen“, und hielt Marcus meine neu erstandene Jacke hin.

„Danke Phillipp, ob ich das je wieder gutmachen kann“, kam leise aus seinem Mund. Ich ging zu ihm und nahm ihn in den Arm.

Leise flüsterte ich in sein Ohr „du kannst, es ist schon gut, dass du da bist“.

Was zum Teufel sagte ich da! Was soll Marcus nur von mir denken?

„Phillipp, ich, ich hab dich verdammt gern, glaub es mir. Ich wüsste nicht was ich ohne dich machen sollte.“

Ja, da hatte ich ein Problem. Ich musste mir eingestehen, dass ich Marcus auch gern hatte. Aber ich glaubte nicht, dass er das gleiche „gernhaben“ meinte wie ich. Ich fühlte mehr für ihn. Das wurde mir nun schlagartig bewusst.

„Marcus, ich hab dich auch gern“, was für Worte von mir!

„Ich weis ja nicht, was ihr noch für einen Termin mit meinem Vater habt, aber lass uns danach über alles reden, O.K.?“

„Klar“, sagte er und sah mich mit seinen wunderschönen schwarzen Augen an.

„Hallo, seid ihr alle fertig“, hörte man die Stimme meines Vaters von unten rufen.

Mia rannte los und Marcus und ich folgten ihr.

„Steht dir gut“, sprach meine Mutter Marcus an, den sie in meiner neuen Jacke musterte.

Er wurde leicht rot im Gesicht.

„Ja, und die ist bestimmt toll warm“, kam von Mia.

Er nickte nur leicht. Wir verabschiedeten die drei und gingen in die Küche zurück.

„Noch ein Kaffee?“, fragte mich meine Mutter.

Ich schaute in ihr ernstes Gesicht und nickte. Nun war also der Moment da, wo ich über alles aufgeklärt wurde. Sie schüttete mir die Tasse wieder voll und ich ergänzte das Gebräu mit meinen Zutaten.

„Phillipp, du weißt wie es um Mia und Marcs zuhause steht?“

Es war eine Frage, aber auch Antwort zugleich.

„Na, ein paar Sachen hat Marcus schon erzählt. Mit seinem Vater und seiner Mutter.“

Gedankenverloren rührte ich in meinem Kaffee.

„Wir haben die ganze Wahrheit erfahren, als wir gestern so lange mit ihnen geredet haben.  Ich hoffe es erschreckt dich nicht, wenn ich es dir sage.“

Meine Mutter schaute mir prüfend in die Augen.

„Nein, ich glaub, dass ich sie viel zu gern hab, als das mich da noch etwas stören könnte.“

Ich sah sie an und wollte, dass sie endlich weitererzählte. Was war das große Geheimnis, dass ich noch nicht kannte?

„Also, dass die beiden von ihrer Mutter rausgeworfen wurden weißt du ja, aber der Grund war total absurd. Sie wurden schon seit längerer Zeit von ihrer Mutter vernachlässigt. Du hast es ja selbst gesehen, wie sie mitten im Winter herumlaufen. Aber das Fass zum überlaufen hat erst Marcus gebracht. Er sagte zu seiner Mutter, dass er schwul sei.“

Die Augen meiner Mutter taxierten mich. Bei meinem inneren Aufschrei > WAS, SCHWUL? <  wurde ich rot wie eine Tomate. Mein Mund zuckte unkontrolliert. Mutti sah mich ernst an.

„Hast du ein Problem damit?“

„Ich … ich weis nicht. Also,.. Ich weis nicht was ich sagen soll“, stotterte ich.

„Phillipp, wir haben dich unserer Meinung nach zu einem toleranten Menschen erzogen“, sagte mir meine Mutter und sah mich ernst an.

„Hast du ein Problem damit?“

„Nein, ja, nein…“

Ich schloss meine Augen und musste erst einmal nachdenken. Gefühlvoll ließ mir Mutti auch die Zeit dazu.

„Ich muss dir etwas sagen, aber sei mir nicht böse deswegen“, und sah meine Mutter fest an.

„Du kannst mir alles sagen. Du weißt, dass wir immer für dich da sind. Egal was es ist“, und sie ergriff meine Hand.

„Ich, ich weis nicht wie ich es sagen soll…. Also, erst mal hab ich nichts dagegen, dass Marcus schwul ist, im Gegenteil.“

Ich sah ein leuchten in den Augen meiner Mutter und mit einem Kopfnicken machte sie mir Mut weiterzureden.

„Ich glaub, ich glaub das ich mich in ihn….“, und mir versagte die Stimme.

„Das du dich in ihn verliebt hast, oder dass du ihn sehr gern magst?“

Mutti schaute mir mit einem fröhlichen, aufmunternden Lächeln an.

„Oh, Mann, Mama, du, du machst es mir echt schwer. Aber ich glaube, dass ich Marcus mehr mag, als ich zugeben möchte. Mia hab ich schon ins Herz geschlossen, aber Marcus…“.

Meine Mutter stand auf, ging zu mir und zog mich in eine Umarmung hoch.

„Mein lieber Sohn. Ich glaub, du hast dich in Marcus verliebt.“

Ich drückte mich fest an meine Mutter, den Tränen ließ ich freien Lauf und das schluchzen ignorierte ich.

„Ist ja gut mein kleiner, ist ja gut“, sagte meine Mutter leise in mein Ohr und strich mir über den Kopf.

„Ich…, ich weis nicht, aber es kommt für mich, für mich alles so schnell…, ich glaub…, glaub, dass ich Marcus liebe.“

„Phillipp, man sieht es dir an, man spürt es und ich glaube es, dass du Marcus liebst.“

Ich sah meine Mutter in die Augen und sah nichts weiter als ein glückliches Lachen.

„Phillipp, es ist schön, dass du dich endlich uns gegenüber geöffnet hast. Ich bin so froh, einen, endlich wieder glücklichen Jungen zu haben! Wir müssen uns aber noch über die beiden unterhalten.“

Mit tränenverschmierten Augen sah ich meine Mutter an. Leicht nickte ich, und ich sah es als Aufforderung weiterzuerzählen.

„Dein Vater ist mit einem Sozialarbeiter und den beiden zurzeit unterwegs, um die Mutter von Mia und Marcus aufzusuchen.“

Ein dicker Kloß machte sich in meinem Hals bemerkbar. Ich musste schlucken, um nicht gleich wieder in Tränen auszubrechen.

„Wenn es so ist, wie die beiden es erzählt haben, dann kommen sie in eine Pflegefamilie….“

„Nein! Dass will ich nicht“, unterbrach ich meine Mutter.

„Lass mich doch erst mal ausreden“, unterbrach sie mich sanft, „hör doch erst mal. Also, wir, ich und dein Vater haben uns schon längere Zeit um Pflegekinder bemüht…“, weiter kam sie nicht.

Ich sprang auf und nahm meine Mutter in den Arm.

„Danke…, danke…“  und sie drückte mich noch fester.

Ich wusste nun, dass alles gut werden würde. Meinen Tränen ließ ich freien Lauf. Auch meine Mutter musste sich mit einem Taschentuch die Augen trocknen.

„Aber“, begann sie.

„ABER was?“, sagte ich ungehalten, „was gibt es denn da noch für ein Aber“, fragte ich nun mit leiserer Stimme.

„Mia und Marcus müssen dem zustimmen. Was meinst du, werden sie es machen?“

Ich schaute fest in die Augen meiner Mutter. Noch nie war ich mir einer Antwort so sicher!

„Ja! Sie werden zu uns kommen, wenn sie dürfen!“

„Na, dann, lass uns ein wenig Ordnung schaffen und dann musst du noch einige Dinge erledigen. Es wird sich nichts ändern an unserem Familienleben!“ ernst, und  verschmitzt sah sie mich an.

Ich lächelte glücklich zurück, „nein, nur dass die Arbeit für mich vielleicht durch drei geteilt wird…“

Wir räumten den Frühstückstisch ab und ich ging nach oben. Zuerst ins Gästezimmer, in dem Mia geschlafen hatte. Schnell machte ich ihr Bett und schon ging es weiter in mein Zimmer. Ich betrachtete das Bett, in dem ich mit Marcus zusammen geschlafen hatte und in mir kam ein unendlich glückliches Gefühl hoch.

Ich sah ihn wieder vor meinem geistigen Auge und was war anders zu erwarten? Ich bekam schon wieder einen Steifen!

>Was ist los mit  mir< konnte ich mich nicht mehr fragen. Ich wusste nun, dass ich anders als andere war. Wohl lag mir dieses Wort „schwul“ noch schwer im Magen, ich wollte es nicht für mich gebrauchen, aber es traf den Nagel auf dem Kopf.

Überraschend kam mir aber der Gedanke, wie locker es meine Mutter aufgenommen hatte, das ich schw… bin.  Was dachte mein Vater?! Dachte er dasselbe, wie meine Mutter? Ich musste es herausfinden!

„Mutti“, rief ich die Treppe herunterstürzend, „ich muss noch etwas wissen“, keuchend kam ich vor ihr zum Stehen.

Sie schaute mich wissend an.

„Äh. Also, was weis denn Papa davon?“

„Hat mein Kleiner es nicht verstanden, was dir Papa mit seinen Andeutungen sagen wollte? Ich glaub, nein ich weiß, dass er damit kein Problem hat“.

Ungläubig schaute ich in ihre Augen, aber da war nichts zu sehen, weder Unsicherheit noch sonst was. Sie schaute mich einfach nur liebevoll an. Und ich war so dankbar! Ich musste sie einfach umarmen!

Schon füllten sich meine Augen wieder mit Tränen. Diesmal allerdings mit Freudentränen.

„Ich räum dann mal mein Zimmer weiter auf“, und löste mich aus der Umarmung mit meiner Mutter, drehte mich geschwind um und rannte die Treppe rauf.

Ich setzte mich auf mein Bett und dachte erst einmal nach. Zum ersten Mal hatte ich die Ruhe dazu. Also, Marcus war schwul. Und wenn ich mich nicht in einen absoluten Irrglauben verlaufen hatte war ich es auch.

War ich es wirklich? Ich ließ meine Gedanken schweifen, kam aber zu dem Ergebnis, dass es tatsächlich so war! Oh, Gott oh Gott! Ich bin verliebt! Ich bin in Marcus verliebt!

Sogleich kamen mir aber abgrundtiefe Zweifel. Liebt er mich auch? Oder verrannte ich mich in ein Hirngespinst? Mit meiner Mutter wollte ich über diese Sache nicht reden, weniger, weil ich ihr nicht mein ganzes Herz ausbreiten wollte, sondern eher, weil sie sicher andere Sorgen hatte, im Moment.

Ich griff zum Telefon und rief Jan an. Es tutete ziemlich lange.

„Hallo, wer stört“, hörte ich aus dem Hörer die vertraute Stimme.

„Jan, ich bin es, Phillipp. Ich hab da ein großes Problem. Aber ich weiß nicht wie ich es dir erklären soll…“ sprach ich so schnell in die Muschel, dass ich schon befürchtete das Kabel brennt durch.

„He, mal ganz ruhig und vor allem von vorn“, Jan war die Ruhe selbst.

Wie konnte er nur in dieser Situation so ruhig sein? Ich erzählte, wie ich Marcus und Mia kennengelernt hatte, was Markus gemacht hatte, wie seine Eltern waren. Mein ganzes Herz schüttete ich vor Jan aus.

„Sag mal Phillipp, hast du dich vielleicht in Marcus verliebt?“ unterbrach er meinen Redeschwall.

Ich konnte nichts sagen. Es war still. Weder er, noch ich sagten etwas.

„Hab ich dich an einem wunden Punkt getroffen“, sagte Jan nach einer Ewigkeit.

„Ich hab da kein Problem mit, dass kannst du mir glauben“, hörte ich ihn sagen.

„Jan,… ich… du… ich weis nicht, aber ich glaub schon, das da was ist…“ seufzte ich in den Hörer.

„Phillipp, mach dir keine Sorgen, aber ich glaub das Beste ist, dass ich gleich mal zu dir komme und wir reden dann weiter, “ sprach es und die Verbindung war beendet.

Ich ließ mich langsam auf mein Bett fallen und senkte den Hörer. Meine Gedanken flogen in meinem Hirn umher. Was war alles geschehen in den letzten Minuten? Ich habe mir selbst eingestanden, dass ich Marcus liebte, hab es meiner Mutter gebeichtet, mein Vater schien nichts dagegen zu haben und vor Jan hatte ich mich fast  geoutet. Fehlt nur noch Marcus.

Empfindet er dasselbe, wie ich für ihn? Sicher, er war schwul (was für ein Wort!). Aber heißt das auch, dass er sich auch in mich verlieben würde. Hatte er vielleicht schon einen Freund? Aber sicher doch, sonst hätte er ja nicht seiner Mutter davon erzählt! Wie konnte ich nur so naiv sein!

Wieder fiel ich in ein tiefes Loch. Ich habe nicht bemerkt, wie Jan in mein Zimmer kam, erst sein Arm, den er um meine Schulter legte, riss mich aus meinen Grübeleien.

„Ganz ruhig“, sagte er und hielt mich mit seiner Umarmung fest, damit ich vor Schreck nicht aufspringen konnte.

Kurz sah ich ihm in die Augen und lehnte mich gegen ihn, um mich meinem Weinen hinzugeben. Ich weis nicht wie lange wir so dasaßen. Meine Tränen versiegten und ich sah Jan an.

„Na, alles gut? Sag, wenn ich was für dich machen kann“, wie konnte er so ruhig sein?

„Jan, ich weis nicht, weis nicht, wie ich sagen soll…“, begann ich, aber er nahm mich wieder fester in den Arm.

„Ist schon gut, Kleiner, brauchst mir nichts zu sagen. Du bist verliebt und ich freu mich für dich!“

Ich riss mich aus seiner Umarmung, was ihn sehr verwirrte. Mit etwas Abstand sah ich ihm ins Gesicht. Ich musterte ihn, mein Blick begann wieder zu verschwimmen.

„Das Jan, werde ich dir niemals vergessen“, und fiel ihm um den Hals.

„He, ich bin dein Freund! Du kannst immer zu mir kommen. Das weißt du! Und ich glaub, da hat dir jemand ganz schön den Kopf verdreht.“

Er schob mich etwas von sich, um mir ins Gesicht zu sehen.

„Ja, du bist über beide Ohren in ihn verliebt! Du, wie ist es mit ihm…“?

Ich hatte einen Kloß im Hals, den ich mit viel Mühe herunterschluckte. Was sollte ich sagen? Jan hörte aufmerksam zu, wie ich von meinen Zweifeln sprach.

„Warte erst mal ab. Spekulier nicht herum.“

Jan hatte wieder eine so ruhige Art an sich, dass diese Ruhe auch auf mich überging.

„Sag mal, du hast nichts dagegen dass ich schw…, ähh, scheiß Wort, na, ja, eben auf Jungs stehe“, fragend blickte ich ihn an.

„Mann, Phillipp, ich bin dein Freund! Wie oft muss ich es dir noch sagen! Hat der Kleine mal wieder gepennt? Ich bin für dich da, wenn du etwas hast.“

Dankbar schaute ich ihm ins Gesicht. Ich war froh, dass er mein Freund ist und das er es als erster wusste, das ich, na ja, dass ich >SCHWUL< bin.

„Ich glaub, es ist besser, wenn wir uns jetzt auf den Weg zur Schule machen, viel Zeit ist nicht mehr und ich muss noch meine Sachen holen“, sprach Jan und wir lösten uns aus der Umarmung.

Ich schnappte mir die Sachen und wir gingen hinunter.

„Na dann mal viel Spaß in der Schule.  Wir sehen uns nachher. Danke Jan, dass du da warst. Phillipp sieht nun auch wieder besser aus“, meine Mutter konnte einen wirklich wieder aufbauen.

Schweigend gingen Jan und ich  zu ihm nach Haus, holten seine Schulsachen und erreichten gerade noch den Anfang der Stunde. Von der nächsten Stunden bekam ich nichts mit. Meine Gedanken kreisten nur um Marcus. Ob er mich wollte? Ich hoffte es ja, aber…

„Was ist nur mit Phillipp los“, fragte Klaudia, als wir in unserer Ecke standen.

Als ich schon antworten wollte nahm mir Jan das Wort aus dem Mund.

„Er hat im Moment Probleme. Aber ich glaub nicht, dass sie euch im Moment etwas angehen. Er wird sicher darüber reden, wenn die Zeit gekommen ist.“

Alle schauten ihn an. Er zuckte nur mit den Schultern.

„Vertraut mir, lasst ihm einfach Zeit“, dankbar schaute ich ihm an. Besser hätte ich mich auch nicht ausdrücken können.

Scheinbar akzeptierten es alle und die Gespräche drehten sich wieder um andere Themen. Ich allerdings verfiel wieder in meine Gedanken. Man, es hatte mich wirklich eiskalt erwischt! Wie ist nur Marcus auf mich zu sprechen?

„Hat der Kleine mal wieder gepennt“, wurde ich aus meinen Gedanken gerissen.

Alle schauten mich an und erwarteten eine Antwort. Nur worauf wusste ich nicht.

„Hab ich etwas verpasst“, fragte ich scheinheilig in die Runde.

„Nein, wir wollten nur wissen, was du morgen machst. Aber scheinbar willst du nichts mit uns zu tun haben, oder?“

Klaudia sah mich erwartungsvoll an.

„Äh, also Morgen… morgen ist ja Samstag. Also, ich glaub ich hätte Zeit, wenn nicht noch etwas mit Markus und Mia…“

Ich ließ den Satz unbeendet. Hatte ich mich schon verquatscht?

„Also, wenn du Zeit hast dann melde dich einfach bei mir.“

Jan half mir aus dieser unangenehmen Situation heraus. Dankbar schaute ich ihn an, fragend die anderen, die er mit einem Kopfschütteln zu Ruhe brachte. Es wagte keiner etwas zu sagen, aber die Klingel rief uns zum Unterricht, gerade rechtzeitig!

Vom Rest des Tages bekam ich nicht viel mit. Erst als ich mit Jan den Rückweg antrat, freute ich mich auf mein Zuhause. Ob Mia und Marcus schon da waren? Jan zog mich am Ärmel meiner Jacke und ich blieb stehen.

„Also, wenn was ist, wenn du Hilfe brauchst, dann einfach anrufen, O.K.?“.

Dankbar sah ich Jan an.

„Ich melde mich bei dir, versprochen!“

Ich zog ihn dankbar in meine Arme und drückte ihn. Auch er schlang seine Arme um mich. „Phillipp, mach’s gut“, kam leise von ihm und wir lösten die Umarmung. Sah ich da etwa so etwas wie Trauer in seinen Augen? Was war das denn jetzt? Aber ich konnte mich nicht darauf einlassen.

Sicher war Jan jederzeit für mich da. Und gerade in den letzen Stunden hatte er bewiesen, dass er ein echter Freund ist, aber ich konnte mich damit nicht auch noch beschäftigen. Ich hasste die Trauer in seinen Augen! Aber ich musste an Markus und Mia denken.

Zuhause angekommen fand ich das Haus leer vor. Ich machte mir eine Kleinigkeit zu Essen und verzog mich auf mein Zimmer. Mein Blick fiel auf die Wand, wo das Diplom hing, dass ich vor zwei Jahren bekam. Es war eine schlichte Zeichnung, die mich aber schon damals begeistert hatte. Zuerst sah ich sie in der Gaststube, in der wir immer gegessen hatten.

Dann, als ich meinen Anfängerkurs im Ski fahren beendet hatte, bekam ich diesen Druck von meinen Eltern geschenkt – mit der Unterschrift und persönlicher Widmung meines Skilehrers. Ich war damals selbst stolz auf mich!

Der Skilehrer sagte zu mir, dass ich wohl ein natürliches Talent hätte. Jedenfalls dauerte es nicht lang, und ich beherrschte die Bretter ziemlich gut. Und das, obwohl ich doch in Sport eine ganz schön große Null war.

Als ich auf das Plakat sah, wurde mir erst bewusst, dass in ein paar Tagen unser Urlaub begann. Meine Eltern haben sich schon das ganze Jahr darauf gefreut. Ich auch, aber der Gedanke an Mia und Markus ließen keine Freude daran aufkommen.

Ich hörte die Tür unten gehen und riss mich aus meinen Gedanken. Ich schnellte die Treppe nach unten und sah die vier. Alle schauten mich an. Wen sollte ich zuerst begrüßen? Mia kam unbekümmert auf mich zugerannt und ich fing sie ab.

Drehte mich mit ihr im Kreis und sie drückte den Kopf fest an mich.

„Phillipp, danke“, sagte sie leise in mein Ohr.

Mit der Kleinen im Arm suchte ich die Augen meiner Eltern. Nach einer halben Drehung sah ich sie, und sie strahlten mich geradezu an! Ich drückte schon wieder eine Träne aus dem Auge. Man, war ich jetzt etwa auch noch eine verheulte Pussi geworden?

Aber an Marcus´ Augen sah ich, dass nicht nur ich es war, der mit seinen Gefühlen zu kämpfen hatte. Ich ging mit Mia auf dem Arm zu ihm, und umarmte ihn.

Er ließ es sich gefallen, mehr noch, er schlang beide Arme um mich und Mia, und hauchte mir ein „ich mag dich“, ins Ohr.

Fast hätte ich einen Zusammenbruch erlebt. Er sagt mir, dass er MICH MAG? Kann ich doch noch weiter hoffen?

„Ich mag dich auch, mehr als du denkst“, flüsterte ich ihm ins Ohr.

Er sah mich an, löste sich aus der Umarmung, nahm mir Mia ab und drückte sie. Ihre Gesichter waren sich zugewandt und ich sah die Tränen der beiden fließen. Verwirrt schaute ich zu meinen Eltern. Meine Mutter tupfte sich mit einem Taschentuch in den Augen, mein Vater strich sich wiedermal gedankenversunken über den Kopf.

„Will jemand einen heißen Tee, oder etwas anderes“, fragte meine Mutter in die Runde.

Marcus setzte seine Schwester ab und beide wandten sich ihr zu.

„Einen heißen Kakao möchte ich und vielleicht noch Schlagsahne darauf“, antwortete Mia.

Ich sah zu Marcus und er nickte zustimmend.

„Also, ich nehme dasselbe, aber Ma, warte ich helfe dir….“, „und ich auch“ kam es von den beiden wie im Chor.

Die Zubereitung der heißen Getränke verlief fix, und wir saßen alle am Tisch.

„Phillipp, du weist, dass wir in drei Tagen nach Garmisch fahren. Hast du schon Pläne gemacht?“

Dieser Satz traf mich wie ein Faustschlag in der Magengrube. Sicher habe ich mich schon das ganze Jahr darauf gefreut, aber nun, in dieser Situation?

„Ich weis nicht, aber ich glaub, na ja, ich glaub, ich hab nicht so recht Lust zu fahren. Mia…“.

„Was ist mit Mia“, unterbrach mich meine Mutter.

„Na, ich weis nicht, wo kommen denn die beiden hin“, fragend schaute ich meine Ma an.

„Tja, ich glaub die beiden kommen weit weg“, und drei Augenpaare richteten sich in ihre Richtung.

Zwei davon waren verwirrt und eins schaute recht finster drein. Sollten meine Eltern sie etwa abschieben wollen. Irgendwohin, in die Pampa? Das konnte und wollte ich nicht glauben!

„Also, bevor ihr mich mit euren Blicken tötet, will ich erst mal etwas klarstellen“, erhob meine Mutter das Wort.

„Die beiden kommen mit!“,sagte mein Vater, als er herein kam. Seine Worte raubte mir den Atem.

Ich saß nur da und ließ in dem Moment meinen Tränen freien Lauf. Marcus ging es genauso und Mia stand auf und ging zu meiner Mutter, um sie zu umarmen. Ich sah, wie auch sie Tränen in den Augen hatte.

Zum ersten Mal in meinem Leben, sah ich auch etwas anderes. Mein Vater versuchte es zwar zu verbergen, aber es gelang ihm nicht. Die Tränen liefen ihm die Wangen herunter. Ich stand auf zog Marcus hinterher und ging zu ihm.

Beide umarmten wir ihn und ich küsste seine Wange.

„Danke, Pa, Ich liebe dich…,“ mehr brachte ich nicht heraus.

Ich löste mich aus der Umarmung und ging zu Ma und Mia. Als ich sie umarmte gab mir erst meine Mutter einen Kuss auf die Wange und anschließend Mia.

„Du musst Marcus gern haben, ja!“, sagte Mia zu mir, „er ist doch mein alles…“.

Ich schloss meine Mutter und Mia in meine Arme ein und weinte hemmungslos.

„Mia, Ma, Ich hab euch lieb…“, mehr konnte ich nicht sagen.

Ich spürte einen Arm, der sich um mich legte, sah kurz auf und sah in diese wunderschönen schwarzen Augen. Über uns legten sich noch ein paar Arme und mein Vater umschloss uns alle. So standen wir eine Weile da.

Schließlich lösten wir uns aus unserer Umklammerung und setzten uns wieder an den Tisch.

„Was ich sagen wollte“, begann mein Vater mit tränenerstickter Stimme, „Mia und Marcus kommen mit nach Garmisch. Aber ich muss erst noch Plätze besorgen. Wird nicht leicht werden, aber wir haben ja schon immer alles hinbekommen.“

Ich konnte es nicht fassen! Mit Mia und Markus zusammen in den Winterurlaub! Mann! Ich war in diesem Moment der glücklichste Mensch auf der Erde! Auch Mia und Marcus hörten es und stürmten auf meine Eltern zu.

Ich konnte meine Gedanken noch nicht recht fassen. Wir sollten wirklich zu fünft…

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