Das Hologramm – Teil 2

Die zweite Nacht war noch schlimmer als die erste, weil, dabei ging mir Olivers Gesicht nicht aus dem Kopf. Der Junge musste doch irgendwo in den Gemäuern stecken und diese Show abziehen. Mit eben diesem Gesicht.. Spannend fand ich es dann am Ende doch; vor allem die Technik machte mich wahnsinnig neugierig. Waren diese Hologramme nicht immer durchsichtig? In den Si-Fi-Storys.. doch, da war immer der Hintergrund zu sehen. Konnte man inzwischen schon ganze Körper so abbilden? Vielleicht war da ja ein Genie am Zug; jemand, der eine ganz neue Masche erfunden hat. Wie auch immer, trotzdem begann mich das Ganze zu ängstigen. Man stelle sich vor.. niemals mehr sicher sein zu können, ob das Gegenüber auch Wirklichkeit ist. Nein, sowas war unmöglich. Auf eng begrenztem Raum vielleicht, aber draußen, mitten in der Stadt zum Beispiel, da ging das gar nicht. Aber trotzdem, faszinierend. Und ich würde Oliver am anderen Tag in eine Falle locken: Nämlich ihn auf eine Fahrt mit meinem Auto mitnehmen. Dann würde die Technik versagen und ich hatte meinen Beweis. Jawohl. Mit diesem beruhigten Gefühl schlief ich irgendwann auch ein.

Anderntags in aller Frühe war ich wieder da an dieser Ruine. Wolken waren aufgezogen und es sollte regnen an dem Tag. Zum fotografieren eher schlecht, aber das war schließlich nicht der Grund, warum ich nun schon wieder auf dem Parkplatz stand, eine halbe Stunde vor Öffnung. Ich glotzte mir die Augen aus, aber Oliver war nicht zu sehen.
Funktionierte die Technik nicht ohne Sonne? Möglich schien mir inzwischen so gut wie alles. Schade wenn’s so wäre, ich hatte mich auf meinen „Geist“ richtig gefreut. Die letzten Kilometer meiner Anfahrt nahm ich mir sogar vor, das Spielchen noch weiter mitzumachen. Wie abwegig war es eigentlich, sich in einen Geist zu verlieben? So es einer gewesen wäre?

Ich biss in meine Stulle, die ich mir aus Zeitnot zu Hause noch schnell gemacht hatte und lauschte den Klängen der Natur. Die allerdings hielt sich bedeckt wie der Himmel und ich kam mir so richtig verlassen vor da draußen.
Wahrscheinlich machten die bei dem Wetter gar nicht auf, oder war heute gar Ruhetag? Nun, mir oder Oliver sollte das ja egal sein können. Ich durfte nicht vergessen zu fragen, warum das Tor nicht abgeschlossen war. So er denn kam.

Tatsächlich fuhren nach und nach Autos auf den Parkplatz, also schien hier kein Ruhetag zu sein. Kinderlärm, Elternrufe, übliches Familienspektakel. Klar, es waren noch Ferien und wohin sollte man sonst bei so einem Mistwetter?
Ich grübelte über mein weiteres Vorgehen. War das alles gewesen? Technik ausprobiert und für gut befunden? Möglich. Oder war sie hin? Ein Defekt irgendwo? Vielleicht hatte die Grafikkarte gelitten, was bei der Energie sicher kein Wunder war. Reichlich abstruse Gedanken gingen mir durch den Kopf.
Zehn Minuten, nachdem die Pforten geöffnet waren, fasste ich den Entschluss: Ich musste diesen Raum finden und diesen den Menschen, der das alles erfunden hatte und steuerte.

Ich zog meinen Jackenkragen hoch, hier oben war es um einiges kälter als in der Ebene. Vielleicht war es ja auch das. Zu kalt, zu wenig Licht. Mit vielen Fragen im Kopf betrat ich schließlich den Innenhof. Es fing leicht zu nieseln an und der Wind frischte auf. Er heulte um die vielen Ecken und Kanten und jetzt bekam diese Ruine zum ersten Mal etwas Geisterhaftes an sich. Gruselig, wenn’s da noch dunkel gewesen wäre.
Dann schloss ich mich der nächsten Führung an, die einfachste und risikoloseste Möglichkeit, in die Innenräume zu gelangen. Ob ich mich da drin von der Gruppe absetzen konnte wusste ich noch nicht, aber ein Versuch war es wert.
Oder besser.. war ER es wert. Oliver war hübsch, sehr sogar und so ganz kampflos wollte ich ihn eben nicht aufgeben. Wann würde man sich sein eigenes Hologramm basteln können und dann sogar was mit ihm anfangen? Also, richtig anfassen und so.. Ich dachte an alles mögliche, dem Führer- diesmal war’s ein anderer – hörte ich überhaupt nicht zu. Ständig schweiften meine Blicke in die Räume und Ecken, dauernd dachte ich, Oliver sehen zu müssen. Wie weit war ich eigentlich schon durch den Wind?

»Ich dachte nicht, dass du wiederkommst.«

Zu Tode fast erschrak er mich. Ich wirbelte herum und sah Olivers neckisches Grinsen.
Sekunden danach aber legte sich der Schreck. Hatte ich den Jungen am Tag zuvor schon intensiv beobachtet, tat ich das jetzt noch viel mehr. Ich betrachtete mir das Gesicht. Nichts flimmerte oder flirrte, keine noch so kleine Unterbrechungen in der Übertragung. Die perfekte Kopie eines Menschen. Nur ohne Fleisch und Blut.

»Tach auch«, gab ich von mir.

»Freut mich dass du gekommen bist. Ich muss etwas mit dir bereden.«

Da ich mir vorgenommen hatte, das Spiel weiter mitzumachen, mimte ich den Neugierigen.

»Aha. Und um was geht es da?«

Oliver hielt den Zeigefinger an seinen Mund.

»Pscht, komm mit.«

Ich folgte ihm, bis zur nächsten Ecke, um die wir verschwanden.

»Hör mal zu. Ich hab nachgedacht, die ganze Nacht. Mein gesamtes Wissen über Flüche und das alles musste ich mir auf den Unis der Welt anhören. Leider kann ich ja keine Bücher blättern.«

Logisch, das war mir nun nicht mehr neu.

»Unis der Welt? Wie viel Sprachen sprichst du denn?«

»Ein paar. Spielt aber jetzt keine Rolle.«

»Meine Herren, bitte kommen Sie weiter«, rief der Führer, der unsere Abwesenheit doch bemerkt hatte.

»Andreas, ich brauche deine Hilfe.«

Ich lachte leise. »Hör mal, normalerweise hab ich drei Wünsche frei.. Oder wie war das mit dem Flaschengeist? Ach ja, noch eine Frage an der Stelle: Kannst du deine Form verändern?«

Oliver grinste. »Ist die Frage ernst gemeint?«

»Klaro.«

»Ich bin ein menschlicher Geist, keine Rauchfahne die sich beliebig verändern lässt. Und ein Flaschengeist erst recht nicht.«

Hologramme konnte man doch in alle Formen bringen.. gut, warum sollte er jetzt schon seine Tarnung auffliegen lassen? Egal, der Meister da drüben wartete auf uns.

»Tschuldige, ist mir so rausgerutscht. Ach übrigens, danke noch«, brachte ich schnell heraus.

Oliver sah mich an.

»Wofür?«

»Das Kompliment gestern am Auto..«

»Kompliment?«

»Ja, also, dass wenn du kein Geist wärst.. und dass ich.. ähm.. hübsch wäre.«

»Ach so. Nun, stimmt ja auch. Aber was ist nun? Willst du mir helfen?«

»Welche Hilfe meinst du denn? Und was versprichst du dir davon?«

Er wedelte mit den Armen und ich verspürte keinen Luftzug.

»Ich möchte endlich tot sein, verstehst du? Weder sicht- noch unsichtbar. Einfach nur tot.«

Das klang fast schon verzweifelt und brachte meine Illusion vom Hologramm wieder mal ins Wanken.

»Warum? Du kannst doch alles was.. «

Er legte seine Arme auf meine Schulter. Ich spürte es nicht und er tat nur so, als lägen sie da. Ein saudummes Gefühl.

»Was kann ich denn schon? Ich hab die Welt gesehen, mehr als einmal. Und nicht nur die Gegend. Die Schulen, die Unis, die Betriebe. Bergwerke ganz unten und Wetterstationen auf höchsten Gipfeln, auf dem Meeresgrund, wo nie ein Mensch gewesen war. Hatte genug Zeit, zig Sprachen zu lernen und Vulkane von innen betrachtet, die Erde vom Mond aus.. «

»Moment, du behauptest jetzt nicht, mit auf den Mond geflogen zu sein.«

»Wer hätte das damals merken sollen? Ich brauche keinen Sauerstoff, ich nehme keinen Platz weg und wiege nichts.«

Damit hatte sich meine Frage erübrigt.

»Aber das, was das Leben im Wort ausmacht, das hab ich nicht..«, sagte er nachdenklich.

»Als da wären?«

»Ein feines Essen, was gutes Trinken, mal ne Zigarette rauchen. Um nur drei von etlichen Beispielen zu nennen.«

Ich schmunzelte, denn etwas Wichtiges hatte er an der Stelle scheinbar vergessen.

»Du machst dich schon wieder lustig.«

»Quatsch. Ich verstehe es ja.«

»Nichts verstehst du.« Es klang traurig, wie der das sagte. Vielleicht sollte ich ja auch einer Projektion gegenüber etwas gemäßigter reagieren.

»Und das Schlimmste.. «

Ja, kam, was kommen musste. Und darin musste ich ihm recht geben, denn er beugte sich zu mir und gab mir einen Kuss. Zuerst wollte ich nicht, aber er war zu schnell damit. Schlaff hingen meine Arme herunter, was ich bei einem Kuss noch nie getan hatte.
Man umarmt sein Gegenüber gewöhnlich dabei. Krault ihm dabei den Nacken zum Beispiel. Ich spürte nichts, gar nichts und das war mit meinem normalen Denkvermögen eine Katastrophe.

»Oliver, lass das..«

Er wich zurück.

»Siehst du, ich spüre nichts, ich schmecke nichts, ich rieche nichts. Das ist tot, absolut tot.«

Von daher konnte ich ihn verstehen, aber trieb er es jetzt doch nicht auf die Spitze mit mir?

»Du glaubst immer noch, dass ich kein Geist bin, stimmt’s?«

»Auffallend. Ich kann es mir einfach nicht vorstellen.. das musst du doch auch verstehen.

Drum, sei so lieb und gib auf. Ich kann es nicht weil’s nicht logisch ist.«

»Logisch?«

»Ich denke, das Wort kennst du.«

»Hallo, Sie da. Kommen Sie endlich, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«

Oliver sah mich eindringlich an. »Ja, aber ich… gut. Es sieht wohl so aus als könnte ich dich nicht überzeugen.«

»Doch, Oliver, das kannst du.«

Er sah mich an mit seinen schönen, braunen Augen.

»Komm, lass uns wegfahren. Zu mir wenn du möchtest, meine Eltern wissen von mir und als neuer Freund kommst du allemal bei ihnen durch.« Damit hatte ich ihn in der Falle. Weg von der Technik, die bestimmt nicht in jeden Winkel dieser Erde reichte.

»Gut, abgemacht.«

Dass er darüber keine Sekunde zögerte, machte mich erneut unsicher.

Wir verließen später mit der Gruppe das Gebäude. Inzwischen regnete es richtig und es war irgendwie komisch anzusehen, dass Oliver nicht nass wurde. Die Tropfen fielen wohl einfach durch ihn hindurch.

Ich öffnete die Beifahrertür und ließ ihn einsteigen, dann nahm ich auf meinem Sitz Platz. Ich schaltete das Gebläse ein, nachdem sich einige Minuten nach dem wegfahren die Scheiben beschlugen.

»Anschnallen brauchst du dich ja nicht..«

Er lächelte. »Nein, das kann ich mir sparen. Bei vier Unfällen wo ich im Auto saß gab’s Unfälle. Das war nicht sehr schön..«

Okay, dann musste der Rückspiegel im Auge behalten werden, denn womöglich war das Ganze äußerst mobil. Für Rechner dieser Größenordnung würde ein Kastenwagen ausreichen.
Die Straße unterhalb des Bergs ging fast drei Kilometer lang geradeaus.
Weit und breit folgte uns kein Fahrzeug und Olivers Statur litt nicht. Keine Löcher, keine partielle Transparenz.. Eine Mordsleistung, das konnte ich nicht anders beschreiben.

»Sag mal, warum fällst du nicht durch den Sitz? Oder ist das auch wieder – der Winkel?«

Oliver grinste mich an.

»Der Winkel ist’s, in der Tat. Hatte Millionen Kilometer Zeit zum üben. Klappt perfekt, für so gut wie jeden Fahrersitz.«

»Ist es nicht egal ob du sitzt oder stehst?«

»Schon, aber man ahmt das nach. Ist je ne gewisse Langeweile dabei.«

»Ah so. Man kann aber sagen, dass du eigentlich immer nur schwebst?«

»Ja, das kann man.«

»Und wo zum Teufel kommt dann deine Vorwärtsbewegung her, wenn du keine Reibung unter den Füßen hast? Und dann – wieso erzählst du mir dauernd, du wärst mitgefahren, mitgeflogen und solche Sachen?«
Diese Frage war mir spontan eingefallen und damit würde ich ihn kriegen. Er bestand aus Nichts und ein Nichts konnte sich ergo niemals selber fortbewegen. Das hatte mich immer schon ein bisschen an diesen Geistern gestört und gewundert.

»Das wirst du nicht verstehen.«

»Aha. Du hältst mich also für blöd? Sorry, ich nehm dir deinen Geist einfach nicht ab. So ist das.«

»Schön, wie du willst. Es ist so: Wir gehen einfach mit der Zeit.«

»Einfach mit der Zeit.. soso. Das tun aber die meisten Menschen, wenn ich mich nicht irre. Ich übrigens auch.«

»Ihr geht nach der Uhr, nach Tagen oder Wochen. Von mir aus Jahre und Jahrzehnte eben nach einem Zeitraum. Das ist was anderes.«

Da hatte er recht, wobei mir nicht klar wurde, was er damit meinte.

»Die Zeit ist ein Faktor, richtig?«, fragte er.

»Möglich dass man das so bezeichnet.«

»Zeit dehnt sich aus wie das Licht. Für uns spielt Zeit in der Form aber keine Rolle, sie geht durch uns hindurch. Deswegen werden wir niemals älter.«

»Welche Rolle spielt sie denn dann?«

Ich wurde neugierig auf die Antwort.

»Die Bewegung der Zeit. Wir können sie einfach nur geschickt nutzen. Eine Fähigkeit, die sonst niemand besitzt. Das ist ungefähr wie mit den Sonnenstrahlen. Sehen kann man sie nicht und trotzdem wird.. eure Haut heiß dadurch.«

»Schön. Angenommen es ist so. Angenommen die Zeit bewegt sich in eine Richtung und weiter, ihr könnt sie nutzen. Wie muss ich verstehen, dass du gegen die Zeit gehen kannst, also entgegen ihrer Richtung? Oder auch seitlich weg, egal wohin? Und nun erzähl mir nicht, dass du dazu anderer Leute Fortbewegungsmittel brauchst. «

»So wie der Mensch lernt, trotz enormer Schwerkraft aufrecht zu laufen, zu springen, zu liegen oder auch zu fallen – es kommt auf die Verteilung an. Natürlich kann ich mich sehr schnell fortbewegen.«

»Und dann sagst du, du könntest nicht fliegen? Wie passt denn das jetzt wieder?«

Er schnaufte. Wieder diese abgeguckte Geste.

»Hm, da hast du mich missverstanden. Ich wollte wohl sagen, dass ich kein Flugzeug steuern kann.. Fliegen ist ein Begriff den man dafür, was wir machen, nicht so direkt umsetzen kann. Es ist eher ein von hier nach da. Außerdem, weißt du wie langweilig das mit der Zeit wird? Alleine da draußen herumzuirren? Und zudem haben wir keine Navigationsgeräte wie ihr, auf denen man sehen kann wo man ist oder hin will. Nein, die Gesellschaft an sich war mir schon wichtig. Man lernt ja auch nur dabei.«

Das war höchst idiotisch und ich stierte ständig in den Rückspiegel. Irgendwo musste doch der verdammte Wagen sein, der diese blödsinnig labernde Projektion neben mir steuerte.

»Also Oliver oder wie immer du auch heißen magst, ich bring das nicht unter in meinem Kopf, tut mir leid.«

»Ich sagte ja, du wirst es nicht verstehen.«

»Wer soll das denn auch verstehen? Und noch etwas: Du redest ständig von Wir. Wer ist Wir?
Gibt’s noch mehr von deiner Sorte?«

Ob ich nun wegen dieser dummen Erklärung oder dem fehlenden Auto hinter mir sauer war wusste ich nicht zu sagen, es nervte nur allmählich.

»Ich denk schon dass es noch andere gibt.«

»Du denkst? Hast.. nie Deinesgleichen gesehen?«

»Nein, bislang noch nicht.«

»Die Welt ist doch voller Geister, sollte man meinen.«

»Die Welt ist groß, aber es gibt verschiedene Zeiten wo all das abläuft.«

»Was für Zeiten?«

»Jede Sekunde, Minute, jeder Tag findet in einem anderen Zeitraum statt. Und nur in dem laufen dann diese Prozesse. Der Augenblick von eben ist schon wieder Vergangenheit.«

Ich holte Luft. »Ja, das wird’s sein. Du bist ein Prozess. Sonst nichts. Du kennst Prozessoren? Diese Chips in den Computern?«, meinte ich zynisch.

Er seufzte. »Also geh ich richtig in der Annahme, dass ich für dich nur eine Projektion bin, die durch einen Prozessor erzeugt wird?«

»Sehr viel treffender kann man’s nicht sagen.«

»Na gut. Halt bitte an.«

Zwar kam diese Bitte ziemlich plötzlich, aber immerhin. Ich fuhr auf der Landstraße rechts ran, stieg aus und öffnete die Beifahrertür.

»Grüß mir deinen Erzeuger, er macht die Sache wirklich sehr gut.«

»Ich denke nicht«, antwortete er mir leise und ziemlich traurig.

Aber ich ließ mich dadurch nicht beirren, schlug die Tür zu, ging ums Auto herum und stieg ein.

»Mach’s gut und.. danke trotzdem. Hat Spaß gemacht mit dir.«

Er winkte nicht mal als ich an- und davonfuhr. Aber eine letzte Möglichkeit wollte ich ihm einräumen. Die Straße machte etwa 100 Meter weiter vorne eine ziemlich enge Rechtskurve, durch den Wald war ich dahinter vor Blicken geschützt und dort hielt ich dann auch an.
Ich stieg aus und ging einige Meter durch das nasse Gebüsch. Mit Glück sah ich ihn ja auf der Stelle verschwinden, wenn die Projektion abgeschaltet würde. Mit Pech war es halt schon passiert.

Aber ich sah ihn noch. Ein Glück machte ihm der Regen nichts aus, wobei ich mich fragte, warum ich das gut fand. Oliver überquerte die Fahrbahn und lief den Weg zurück. Also das war der Hammer. Man hatte das alles bis ins kleinste Detail geplant, rechnete offenbar mit meiner Neugier.
Langsam begann Oliver im Regennebel zu verschwinden. Wie schön eigentlich, nicht nass zu werden, keinen Hunger oder Durst zu haben und nicht mal müde zu werden. Zeit hatte er ja, mehr als alles andere auf der Welt. Tat er mir leid? Hatte nicht ich ihn eingeladen mitzukommen?
Was, wenn er tatsächlich ein Geist war? Hatte ich Beweise für meine These? Nein, nicht einen einzigen. Vermutungen, Mutmaßungen, Verdächtigungen. Warum sollte das mit der Zeit so falsch sein? Tief reinerübelt war es so schrecklich unlogisch ja auch nicht.

Ich ging zum Wagen, startete den Motor und fuhr zurück. Egal was nun passieren würde, am Ende würde es eine Auflösung geben. Welche spielte im Moment keine Rolle, erst mal war ich der eigentliche Depp.

Er war verschwunden. Vielleicht gerade deshalb beschloss ich, zurück zu der Ruine zu fahren. Was mich dazu trieb, ich weiß es nicht.

Kaum war ich auf dem nun verlassenen Parkplatz angekommen und ausgestiegen, stand er neben mir.

»Hast du was vergessen?«, fragte er, ohne Zorn oder Wut in der Stimme. »Warum bist du zurückgekommen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Aha.«

»Du bist.. wirklich kein.. technisches Wunderwerk?« Warum ich ihm immer wieder diese Frage stellte wusste ich nicht, denn er würde – so dem so wäre – immer wieder lügen. Aber am Ende würde ich es schließlich auch nicht anders machen.

»Ich weiß nicht ob ich dir auf diese Frage noch eine Antwort geben soll.«

»Oliver, versteh mich nicht falsch. Ich würde es ja gerne.. ich meine, es wäre schon okay für mich – allein, mir fehlt der Glaube.«

»Na ja, dann frag ich mich wirklich, wozu ich noch mit dir rede.« Wieder diese Enttäuschung in seiner Stimme.

»Du hast da etwas von meiner Hilfe gesagt«, ließ ich mich nicht beirren.

»Wozu willst du das noch wissen?«

»Einfach so. Was ist es, wozu du meine Hilfe brauchst?«

»Ich weiß zwar nicht ob es Sinn macht, mit dir darüber zu reden, aber gut. Versuchen kann ich es ja mal. Es gibt einen Raum in der Ruine, den niemand kennt. Er ist unentdeckt geblieben, weil die Türen vor Jahrhunderten zugemauert wurden.«

»Und.. was befindet sich darin? Ich kann mir denken, dass du den Raum von innen kennst..«

»Es ist eine Art Asservatenkammer. Viel Tand, nichts womit ein Mensch reich werden würde.
denn man von den alten Büchern dort einmal absieht.«

»Und was für eine Rolle.. sollte ich da spielen?«

»Eines der Bücher ist warum auch immer aufgeschlagen. Es liegt auf einem alten Tisch.«

»Aha. Und?«

»Da konnte ich lesen, dass es Mittel und Wege geben muss, wie man diesem Fluch ein Ende bereiten kann.«

Allmählich begann es mich nun wieder zu interessieren. Natürlich würde das alles ein abgekartetes Spiel sein, eben sauber durchdacht. Die Frage wäre jetzt nur, wozu das alles? Was würde am Ende wirklich dabei herauskommen? Außerdem kam etwas ganz anderes dazu. Je öfter ich Oliver ansah, desto neugieriger wurde ich auf ihn. Er war hübsch, ja, ein niedliches Knuddeläffchen, in das ich mich langsam aber sicher zu vergucken begann. »Was glaubst du, welche Lösung es geben wird? Wenn überhaupt.«

»Ich habe keine Ahnung. Nur so wie es jetzt ist, so darf es einfach nicht bleiben.«

Wie recht er damit hatte. Welches Showdown erwartete mich eigentlich? Wie würde das Rätsel gelöst werden? »Und welche Aufgabe.. wartet da auf mich?«

»Du musst nur blättern, in dem Buch. Oder in einem, das wir halt erst noch finden müssen.«

Das war im Grunde wirklich nicht zuviel verlangt. Auch wenn ich mich dabei zum Deppen machte, stimmte ich schließlich zu. »Okay, ich werde dir helfen; natürlich nur so gut wie ich kann.«

Sein Gesicht hellte sich auf. »Wirklich?«

»Du hast mein Wort. Ich hoffe allerdings, dass du auch schon einen Plan hast.«

Er grübelte eine Zeitlang, die ich für eine Zigarette nutzte.

»Ich glaub ich weiß wie wir da vorgehen.«

»Aha. Hoffentlich kein Bagger mit einer Abrissbirne«, sagte ich lakonisch.

Er lachte. »Nein, sowas brauchen wir nicht. Aber ohne Handarbeit wird’s nicht gehen.«

»Du, ich bin nicht sonderlich kräftig wie du sehen kannst. Also Mauern einreißen ist nicht so mein Ding.«

»Keine Mauer. Nur dort, wo einst die Tür war, da wird’s wohl nicht so schwierig.«

»Und wieso hat man diese zugemauerte Tür noch nicht gefunden? Sowas sieht man doch..«

»Nein, eben nicht. Die haben damals die gesamten Außenwände neu mit Lehm überzogen. Wo die Tür einmal war, sieht man nur von innen. Und die Besitzer kümmern sich sowieso einen feuchten Kehricht um solche Sachen. Die kassieren nur.«

»Ah ja. Und ich.. muss ahnen wo sie mal war, diese Tür? Schließlich.. sieht man sie ja nicht..«

Wieder lachte er. »Quatsch. Aber jetzt.. wann fangen wir an?«

Ich sah auf die Uhr. »Heute jedenfalls nicht mehr. Aber Morgen könnte ich wiederkommen. Im Übrigen, mein Angebot, dich mit nach Hause zu nehmen, steht noch.« Damit sollte sich der Mensch, der die Fäden in der Hand hatte, die Nacht um die Ohren schlagen müssen. Ich dachte nicht, dass Hologramme sich selber steuern könnten. Oliver sollte so lange diesen Status behalten, bis ich vom Gegenteil überzeugt war.

Er sah mich an. »Und.. warum sollte ich mitkommen?«

»Vielleicht möchte ich einfach mehr über dich wissen. Eine Frage habe ich aber jetzt doch noch.«

Oliver lachte. »Ich glaube, du hast noch sehr viele Fragen.«

»Sicher. Aber.. kannst du in die Vergangenheit.. reisen?«

Er antwortete ohne zu zögern. »Nein. Das kann wohl niemand. Sicherlich wäre ich sonst nicht hier.«

Über die nähere Bedeutung seiner Worte wollte ich nicht weiter nachdenken. »Gut. War nur.. ne Frage eben. Also was ist, kommst du mit?«

»Aber deine Eltern.. ich meine, es wird schwierig..«

Ja, er hatte recht mit dieser Befürchtung. Er würde nichts essen, nichts trinken. Schwierig bei Leuten wie meinen Eltern, die Gäste am liebsten mit allem, was da ist, vollstopfen möchten. »Weißt du, ich glaube nicht dass sie dich unbedingt sehen müssen. Noch nicht jedenfalls.« Mir ging es in erster Linie darum, wie das Ganze über die Bühne gehen würde. »Ist doch praktisch irgendwie, wenn man.. keine Türen braucht.«

Oliver grinste. »Ja, manchmal.. «

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