Seitenstiche – Teil 2

»Du hast die beiden beim Blasen erwischt?«, ereiferte sich mein Kommilitone.

»Nicht direkt…«, Olli genoss es, die Geschichte in wohl portionierten Dosen zu verabreichen, »Willst du es deinem Freund nicht erzählen? Damit ich auch ja nichts falsch erzähle. «

»Olli, du Arsch!«, was für ein Glück, dass es inzwischen dunkel war und Adrian meinen hoch roten Kopf nicht sehen konnte.

»Ich steckte in Flo drin.«, nuschelte ich leise und möglichst schnell.

»Wie bitte?«, fragte Olli frech, laut und grinsend, »Könntest du das bitte so wiederholen, dass wir es auch alle verstehen.«

»Verdammt!«, fauchte ich, »Ich war gerade dabei, Flo zu ficken!«

Der Rasen vor mir war schuldlos, trotzdem musste er dran glauben. Mir war die Geschichte sowas von peinlich, dass ich vor Scham beinah ganze Grassoden aus dem Boden rupfte.

»Is’ nicht wahr!«, staunte Adrian und begann hysterisch zu gackern, »Olli platzte direkt in…«

Adrian versagte die Stimme. Dafür brach er in schallendes Gelächter aus. Ich nickte frustriert. Was blieb mir übrig? Ich musste selbst schmunzeln: »Ok, ich erzähl’ wie es wirklich war.«

 

 

Wir, Florian und ich, dachten, wir hätten uns ausreichend abgesichert. Ein Kontrollanruf hatte bestätigt, dass Olivers Fußballtraining wirklich statt fand. Was sollte ihn also daran hindern, auch tatsächlich hinzugehen? In den zwei Wochen nach meinem Unfall hatten wir uns zuerst noch Sorgen gemacht, ob er vielleicht etwas bemerkt haben könnte. Uns war durchaus klar, dass Olli, soweit er nicht völlig blind war, gemerkt haben musste, dass ich bei jenem bewussten Ereignis keine Unterhose getragen hatte. Schließlich hatte er die Erstversorgung meiner Verletzung übernommen. Da aber nie eine Bemerkung, geschweige denn Frage diesbezüglich von ihm kam, gingen wir davon aus, dass es Olli nicht wichtig war oder ihn einfach nicht interessierte.

Wie schon erwähnt, waren Flo und ich erst ein halbes Jahr zusammen. Frisch verliebt und permanent scharf aufeinander, versuchten wir jede Möglichkeit auszunutzen, um beisammen sein zu können. Doch letztlich rührte dies wohl weniger von der Frische unserer Beziehung als viel mehr daher, dass sich für uns eben sehr selten eine Gelegenheit für intime Zweisamkeit bot. Genau genommen hatten wir nur unsere Donnerstage. Und genau von diesen Donnerstagen waren unfallbedingt drei in Folge ereignislos verstrichen. Soweit man von meinem Genitaltrauma als Ereignis absah.

Drei Donnerstage in Folge, das entsprach vier Wochen sexueller Entbehrung. Onanie war einfach kein gleichwertiger Ersatz, sondern steigerte nur den Frust und das Verlangen.

Mit anderen Worten: Unser Leidensdruck war hoch. Sehr hoch. Extrem hoch! Er war so hoch, dass an jenem bewussten Donnerstag, an dem Flo und ich mit unserer selbst auferlegten Enthaltsamkeit brechen wollten, die Lust über die Vorsicht siegte. Allein die Vorfreude, endlich wieder einen Nachmittag mit Flo verbringen zu können, sorgte bei mir für heftige Konzentrationsprobleme während des Unterrichts. Frau Dr. Reimer, ihres Zeichens Englischlehrerin, brachte es auf den Punkt: »Sebastian, Sie sind nicht bei der Sache!«

Sie hatte recht. Ich träumte von Flo, insbesondere von seinem Körper, während sich der Englischkurs über Shakespeares Sommernachtstraum Gedanken machte. Koinzidenz der Ereignisse.

Doch auch der langweiligste Unterricht fand schließlich ein Ende. Kaum war die letzte Stunde vorbei, saßen wir auch schon im Bus in Richtung Florians Heim. Kaum zur Haustür rein, absolvierten wir sofort unseren Kontrollanruf.

»Er ist beim Training!«, verkündete Flo feierlich und drückte mit einem zufriedenen Grinsen die rote Taste des Schnurlostelefons. Ich grinste zurück. Wir schauten uns in die Augen, grinsten, lächelten, blinzelten uns zu und strahlten. Endlich! Flo legte das Telefon auf seine Ladeschale, während ich einen Schritt weiter auf ihn zuging. Flo hielt seinen Kopf schief, sein Grinsen hatte etwas Provozierendes. Killer Eyes! Ich war, wieder ein Mal, kurz davor in seinem Blick zu versinken.

Mit seinen Armen umschlang Flo meinen Oberkörper, griff nach meinen Hals und meinen Kopf. Ich tat es ihm gleich. Sekunden später hatten wir unsere Münder weit geöffnet und unsere Lippen fest aufeinander gepresst. Unsere Zungen nutzten die Gelegenheit und begaben sich auf Wanderschaft. Was während dessen unsere Lippen taten, taten auch unsere Körper: Sie pressten sich fest an- und aufeinander. Wir waren so eng umschlungen, dass ich Flos Brustwarzen durch sein T-Shirt fühlen konnte. Ich liebte seine Brust, ganz besonders seine süßen Nippel. Ganz kurz durchzuckte meinen Schädel die Frage, wie viel Reibung und inneren Druck zwei Jeans wohl aushalten könnten.

»Komm mit!«, unterbrach Flo unser Vorspiel und zog mich in sein Zimmer. Während ich noch die Tür schloss, hatte er sich schon seines T-Shirts entledigt. Vor mir stand mein Traummann. Nur mit einer Low-Cut Jeans bekleidet, aus deren Bund ein wenig Slip rauslugte, war er der geilste Anblick diesseits des Urals. Der Junge hätte Model werden sollen.

Wieder hielt er seinen Kopf schief. Einige seiner Strähnen waren ihm keck ins Gesicht gefallen, so dass man seine Augen nur teilweise sehen konnte, was aber die von ihnen ausgehenden Lichtreflexe nur noch verführerischer machte.

Dieses Stilleben war einfach umwerfend. Ich musste Flo mit meinen Blicken streicheln und seine Aura aufsaugen. Dieser freche Kerl wusste ganz genau, wie sehr mich sein Anblick anmachte und auf welche Knöpfe er drücken musste, damit ich dahin schmolz wie ein Schokoriegel in der Sommersonne.

Flo hatte seine Daumen hinter den Bund seiner Jeans gehakt und eine lässige aber fordernde Körperhaltung eingenommen.

Ich ging einen Schritt auf ihn zu, hob meine rechte Hand und begann damit, mit meinem Zeigefinger die Mittellinie seines Bauches entlang zu fahren, erst oberhalb des Bauchnabels, dann der dunklen Linie feiner Härchen abwärts folgend. Florian vibrierte. Die kleinen Nippel seiner Brustwarzen stellten sich auf. So etwas funktioniert nicht nur bei Frauen, auch bei Männern. Der entscheidende Unterschied: die männliche Brust ist einfach viel, viel geiler. Flo wusste, was jetzt kam. Mit beiden Händen packte ich seine zwei Mikroknospen und rieb sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Flo schnurrte. Als Dank griff er mit beiden Händen nach meinem Kopf und zog ihn zu sich ran. Unsere Münder trafen sich erneut.

»Mmmmmhhhh…«, unterbrach Flo unseren Kuss, »Ich konnte mich kaum noch daran erinnern, wie gut du schmeckst.«

»Hungrig?«

»Verhungert!«, Flo leckte sich seine Lippen, wie bei einem besonders schmackhaften Mahl, »Mir kommt es wie eine Ewigkeit vor.«

» Es war eine Ewigkeit! Vier Wochen! Das ist unmenschlich. Du musst deinen Bruder einfach besser erziehen.«

»Olli erziehen?«, Flo riss sich los, um eine Flasche Gleitgel aus ihrem elternsicheren Versteck zu holen, »Warum sollte mir das gelingen, woran meine Eltern gescheitert sind?«

Einem schwedischen Möbelhaus sei Dank, boten dessen Produkte einen halbwegs sicheren Aufbewahrungsort für Dinge, die allzu neugierigen Elternaugen verwehrt bleiben sollten. Flo besaß eine Schrank- oder Regalwand. Wieso tragen eigentlich Schrankwände nordeuropäische Männernamen? Und waren werden die noch nicht mal richtig geschrieben?

Wie in den meisten Jugendzimmern lagerte in den offenen Fächern der Regalwand alles Mögliche: Schulbücher (würg), CDs, normale Bücher, japanische Comics (cool), Zeitschriften und Zeugs, massenweise undefinierbares Zeugs. Soweit der offizielle Teil der Regalwand. Denn Flos Möbel besaß auch einen anderen, einen inoffiziellen Teil. Dieser Teil der Schrankwand befand sich zwischen der 2. und 3. Seitenwand von rechts. Das unterste Fach war mit normalen und unauffälligen Aktenordnern knirsch vollgestopft. Knirsch voll hieß, dass es sowohl zur Seite aber auch nach oben nur wenige Millimeter Platz gab. Haben wir das alle verstanden? Noch mal zum mitschreiben: unten Fachboden, oben Fachboden, links und rechts Seitenwände.

Was auf den ersten Blick wie Zufall aussah, war pure Absicht. Flo hatte mit voller Absicht den zweiten Fachboden von unten so dicht wie eben gerade möglich über die Ordner abgesenkt. Warum? Damit niemand zufällig auf die Idee kam, den ersten, untersten Fachboden, die Bodenplatte, anzuheben. Um dies zu tun, musste man sämtliche Ordner komplett entfernen, was Flo gerade tat. Sesam öffne dich! Der Bodenrahmen des Schrankelements bot etwas Raum, nicht viel, aber gerade so ausreichend, dass man unter ihm ein paar wenige, aber umso wichtigere Dinge verstecken konnte.

Zum Beispiel Gleitgel auf Silikonbasis. Ein nur schwer zu entbehrendes Hilfsmittel für die von Flo und mir so innig geliebte Art der körperlichen Interaktion.

»Dieses ewige Verstecken ist echt lästig.«, knurrte Florian, als er das Bodenbrett und die Akten wieder im Schrank verstaut hatte, »Es törnt total ab. Warum kann ich die Flasche nicht neben meinem Bett liegen haben? Warum kannst du nicht bei mir Übernachten, so wie Christoph bei Dani?«

Flo hockte immer noch vor dem Schrank. Er hielt die Flasche in der Hand und schien mit ihr zu sprechen.

»Weil unsere Eltern Amok laufen würden?«, statt der Flasche antwortete ich.

»Gutes Argument.«, Flo erhob sich und drehte sich zu mir um, »Mann, wir müssen das unbedingt ändern. Ich will mich nicht mehr verstecken müssen.«

»Wem sagst du das? Was denkst du, was in mir vorgeht, wenn ich Jan und Jessica oder Dani mir Christoph zusammen sehe? Ich könnte losheulen und gleichzeitig schreien!«

Ich hatte mich inzwischen meiner Kleidung entledigt und war in Flos Bett geschlüpft. Es nützte nichts, sich über unsere unerfreuliche Situation aufzuregen. Wir mussten sie ändern, so oder so. Aber nicht in diesem Moment. Ich wollte nicht, dass sich unser Frust auch noch in diese wenigen privaten Augenblicke schob. Weswegen ich zurück zum eigentlichen Thema kam: »Komm endlich her. Ich möchte, dass wir den Inhalt der Flasche ihrem bestimmungsgemäßen Gebrauch zuführen!«

»Gute Idee!«, stimmte Flo schmunzelnd zu und hatte seinen Anflug reisignativen Ärgers schon wieder vergessen. Er trat ans Bett, knöpfte seine Jeans auf und schob sie zusammen mit seinem Slip hinunter.

»Du bist erregt!«, kommentierte ich den Zustand seiner Schwellkörper.

»Du auch!«, konterte Flo mit einen Fingerzeig auf meinen ebenfalls geschwollenen und harten Schwanz.

»Sebastian?«, Flo war ans Bett heran getreten. Ein nachdenklicher Gesichtsausdruck umspielte ihn. Flo wirkte melancholisch, aber auch gleichzeitig sehnsüchtig.

»Ja?«, antwortete ich leise. Von einem Moment zum anderen hatte sich die Stimmung im Raum von purer juveniler Geilheit zu etwas völlig anderem gewandelt. Etwas tiefem und ernsthaften.

»Der Sex…«, Flo sprach leicht stockend, »…er hat mir nicht gefehlt. …Du weißt was ich meine? Während der vier Wochen, in denen wir nicht miteinander geschlafen haben. Du hast mir gefehlt! Deine Nähe… Dich nicht ganz nah bei mir zu haben… Das war unerträglich!«

Mir wären fast die Augen nass geworden. Es war eine Liebeserklärung und eine ganz besondere dazu. Sie kam ganz ohne das Wort »Liebe« aus. Jenem Wort, dessen inflationären Gebrauch man bei anderen Paaren auch dann noch hören konnte, wenn beide Seiten sich längst anders orientiert hatten. Wenn auch meine Augen nicht nass wurden und tränten, so wurden sie, wider meinen Willen, glasig und feucht. Ich hasste diese pathetischen Liebesgeheule. Dumm nur, dass mich Flo mit seiner Liebe regelmäßig an den Rand der Tränen brachte. Manchmal auch weit über den Rand hinaus.

Doch Florian wäre nicht Florian, wenn er nicht von einer Sekunde auf die andere umschalten konnte. Kaum sah er meine glasigen Augen und wusste, dass ich genau so empfand wie er, breitete sich auch schon ein diabolisches und hinterhältiges Grinsen auf seinem Mund aus: »Ich will das du mich fickst! Fick mir den Verstand aus dem Schädel!«

»Cool!«, grunzte ich zurück. Mal was anderes. Üblicherweise überließ ich Flo den aktiven Part. Wie ich schon erwähnte, bin ich beim Sex eher passiv orientiert. Was aber nicht heißt, dass mir aktiv zu sein keinen Spaß machen würde. Ich kann durchaus zum Tier werden, die Firnisschicht menschlicher Evolution durchbrechen und meinen animalischen Trieben freien Lauf lassen.

Flo war bereits dabei, das Silikonöl an seinen Bestimmungsorten zu applizieren. Was soviel hieß, dass er einen Teil der Flüssigkeit in seinem Rektum verteilte und einen anderen Teil auf meinem Schwanz. Bereits diese Vorbereitung ließ mich vor Lust zittern. Kein Wunder nach vier Wochen ausschließlichem Handbetrieb.

»Du willst das wirklich?«, versicherte ich mich bei Flo, als er mit den Vorbereitungen fertig war.

»Ja, Mann! Füll mich aus!«, flehte Florian.

Zu meiner Rückfrage muss man wissen, dass die vielversprechende Länge, die mein Genital noch mit 13 Lenzen auszeichnete, sich später nicht weiter entwickelt hatte. Zwischenzeitlich belegt er in dieser Disziplin bestenfalls einen Platz im oberen Mittelfeld. Ganz anders sieht es mit dem Dicken aus. Seit der Sache mit meinem Vetter war reichlich Zeit ins Land gegangen. Zeit genug für meinen Körper, sich zu entwickeln. Ich wurde länger, meine Muskelmasse nahm zu, die Stimme wurde tiefer. Anders ausgedrückt machte ich die ganzen üblichen Veränderungen durch, die die Pubertät so mit sich bringt. Auch meine untere Körperregion vollzog signifikante Veränderungen. Überraschenderweise war es die Dicke meines Schwanzes, die ordentlich zugelegt hatte und mir Sorgen bereitete. Denn der Durchmesser des bewussten Objektes verdiente zwischenzeitlich die Klassifikation »ernsthaft«. So erntete ich des Öfteren den Kommentar: »Brauchst du dafür eigentlich einen Waffenschein?«

Wie heißt dieser Satz noch? Nicht die Länge entscheidet? Mag sein, was ist aber mit der Dicke? Es bedurfte ein gerütteltes Maß an Konzentration, sich soweit zu öffnen, dass der erste Eintauchvorgang nicht in einem schmerzhaften Fiasko endete. Diese Erfahrung hatten wir in der Vergangenheit leider machen müssen. Nun ja, mehr Flo als ich, was mich fast um den Verstand gebracht hätte. Wie konnte ich jemandem Schmerzen bereiten, den ich liebte? Was für ein unerträglich schrecklicher Gedanke. Weswegen ich schließlich meinte, dass es besser wäre, wenn wir diese Variante lieber ließen. Womit der Hauptgrund für mein überwiegend passives Sexualverhalten erklärt wäre.

Aber ich hatte die Rechnung ohne Flo gemacht. Er bestand darauf, von mir gefickt zu werden. Offensichtlich kann nicht nur der Glaube Berge versetzen. Geilheit kann dies ebenfalls. Nach weiteren, zum Teil schmerzhaften Versuchen, gelang es uns schließlich doch, zu einer innigen Vereinigung zu kommen. Und es war fantastisch, einfach atemberaubend. Flo konnte zwar die nächsten zwei Tage nicht richtig sitzen, bereute aber keine Sekunde es getan zu haben. Männer sind halt schwanzgesteuert.

Flo kannte also das Problem und wusste damit umzugehen. Er bestimmte das Tempo. Indem er mich auf dem Rücken liegen ließ, sich über mir positionierte und schließlich langsam auf meinen Schwanz setzte, legte er den Ablauf fest und behielt gleichzeitig die Kontrolle über seinen und meinen Körper. Unwillkürlich musste ich an die Trocknungsanlage in einer Autowaschstraße denken. Wie sich die waagerechte Luftdüse entlang der Kontur des Autos entlang tastete, tastete sich Flos Schließmuskel an der Kontur meines Schwanzes entlang. Kaum hatte der Kopf meiner Eichel den Eingang zu seinem Innersten berührt, öffnete sich der Ringmuskel und gewährte Einlass. Flo senkte sich weiter hinab. Millimeterweise traten weitere Teile meines Fortpflanzungsorgans in dunkle Gefilde ein.

»Geht’s noch?«, besorgt schaute ich zu Flo empor.

Mein Liebhaber hatte seine Augen geschlossen. Sein Gesicht zeigte die klassische Gefühlskombination: Lust und Schmerz. Er hatte seine Lippen aufeinander gepresst. Ich konnte die Konzentration in seinem ganzen Körper spüren, wenn er mit seiner Abwärtsbewegung stoppte, um sich darauf zu konzentrieren, sich völlig zu entspannen. Aber auch, wenn er sich dann entspannte und meinen Schwanz weiter Eintritt gewährte, konnte ich es fühlen.

Sein Schließmuskel zuckte zusammen und verkrampfte sich. Flos Gesicht ebenfalls. Ich hatte das Gefühl, als wenn eine Schraubzwinge mich gepackt hätte. Anstrengung – Kontrolle – Atmen – Ein-, aus-, ein- und ausatmen. Flo öffnete seine Augen und lächelte mich schmerzverzerrt an: »Hat dein Teil noch an Dicke zugenommen?«

»Nicht das ich wüsste.«, und besorgt, »Geht’s wirklich? Ich will nicht, dass du dich verletzt!«

»Kein Problem. Ich muss mich nur noch ein wenig…«

…entspannen. Wollte er noch sagen, doch sagte es nicht, sondern tat es: sich entspannen. Sein Muskel lockerte seinen Griff und mein Schwanz flutschte ein gutes Stück tiefer in ihn hinein. Der kritische Punkt war überschritten. Wirklich dick ist nur die Eichel meines Exemplars. Der Rest glitt einfach in ihn hinein. Als meine Eichel seine Prostata passierte, stöhnte Flo vor Lust laut auf und strahlte überglücklich. Er saß jetzt fest auf mir drauf und beugte sich vor, um mich zu küssen: »Junge, das ist sowas von geil!«

Wenn er meint! Wer würde ihm wirklich widersprechen wollen? Wir küssten uns eine Weile, während sich Florians Rektum weiter entspannen und an den ungewohnten Fremdkörper gewöhnen konnte. Nach einer Weile trennten sich unsere Lippen und Flo begann sich aufzurichten. Mit seinen angewinkelten Knien hob und senkte er sich. Wodurch mein Schwanz aus ihm fast vollständig rausgezogen wurde, um anschließend wieder einzutauchen. Flo hatte die volle Kontrolle und genoss es. Wie ich auch. Flo so nah zu sein, war immer ein unbeschreiblicher Moment. Da ich faktisch immer noch passiv war, war diese Phase weniger von Geilheit und Lust, als vielmehr von Sinnlichkeit geprägt.

Aber wie alle Phasen finden sie irgendwann ein Ende, denn nach Sinnlichkeit stand Flo nicht der Sinn.

»Ok, du bist dran«, mit diesem Satz verkündete er das Ende der ersten und den Beginn der zweiten Phase: purer, geiler Sex.

Das war mein Stichwort. Florian wollte intensive Aktion? Die sollte er bekommen. Kein Schmusehändchenhaltblümchensex, sondern etwas konkretes, tiefes, ehrliches, das seine und meine Urtriebe befriedigen würde. Wir wechselten unsere Position. Das Schlüsselwort hieß Stoßkraft. Und die war für mich optimal, wenn ich stand, während Flo mit allen Vieren auf dem Bett hockte. Nicht sehr einfallsreich, aber effektiv.

Nach Flos konzentrierter Vorarbeit hatte ich keine Probleme einzutauchen. Dass dies absolut schmerzfrei verlief bestätigte mir ein gutturaler, glücklicher Grunzlaut seitens meines Lieblings.

Ich packte Florian an seinen Hüften und begann mit langen, tiefen, niederfrequenten Stößen. Gelegentlich griff ich nach seinem Schwanz, um mich seiner Geilheit zu versichern. Granit war Wackelpudding gegen das, was ich da anpackte.

»Tiefer! Schneller!«, feuerte Flo mich an, was er aber nicht brauchte. Der feste Griff seines Schließmuskels, die warme Enge seines Rektums, die Wärme und samtige Textur seiner Haut. All dies benebelte meine Sinne. Ich konnte von Florian nicht genug bekommen. Ich wollte am liebsten mit ihm verschmelzen. Eins mit ihm werden. Ich ließ mich gehen, vergaß jegliche Hemmungen und schaltete meine Vernunft, meinen Verstand, dass, was uns zum Menschen macht, vollständig aus. Die Kraft und die Frequenz, mit der ich in ihn eindrang, nahm zu. Wurde tiefer und härter. Angefeuert durch verzitterte »Ja!«-Schreie von Flo begann ich seinen Wunsch zu erfüllen und ihm den Verstand aus seinem Schädel zu ficken.

So vulgär und so triebhaft animalisch einem dies auch erscheinen mag. Wir wollten es so. Poppen bis der Arzt kommt? Warum denn nicht?

Nur war es nicht der Arzt der kam, es war Oliver.

Olli stieß die Tür auf und schrie: »Erwischt!«

 

In flagranti

Ich erstarrte zur Salzsäule. Ollis Stimme hatte die Wirkung einer Matheklausur: absolut lustmordend. Bisher hatte ich nur seine Stimme gehört. Während ich mit Flo poppte hatte ich die Augen geschlossen gehabt. Reduktion der Sinne auf das Wesentliche, auf das Fühlen. Ollis »Erwischt«-Ruf riss mich und Flo aus unserer sexuellen Trance, in die wir beide abgetaucht waren. Als wenn ich aus einem tiefen Traum erwachen würde, drehte ich meinen Kopf in Zeitlupentempo in Richtung der Stimme.

Und da war Oliver, Florians Bruder. Er stand mitten in der Zimmertür und starrte uns an. Genaugenommen begann er uns an zu starren, denn zuerst hatte er noch ein triumphales Grinsen auf den Lippen gehabt. Aber dieses Grinsen währte nur einen Moment, dann wich es erst Verblüffung, gefolgt von Ersetzen und schließlich einer Mischung aus Zorn, Wut und Ekel.

Und dann brach die Hölle los.

Flo: »Oh, hallo Olli!«

Ich: »Scheiße!«

Olli: »Ihr Schweine!«

Flo: »Ich kann das erklären…«

Olli: »Ihr Schweine!«

Ich: »Olli, bleib cool!«

Olli: »Ihr perversen Schweine…«

Flo: »Olli, mach keinen Scheiß!«

Ich: »Junge, verdammt, beruhig dich!«

Olli: »Aaahhhhhhhhhhhhhrrrrrrrr…«

Und dann sprang er auf mich los. Weder Florian noch ich hatten im ersten Moment realisiert, was eigentlich geschehen war. Peinlich genug, hatte ich meinen Schwanz immer noch in Florians Anus stecken, als Olli mit geballten Fäusten auf mich losstürmte. Was für eine Naturgewalt dieser Mensch doch war. Ich sage nur »Fußballspieler!« Olli stand gut im Training. Muskeln satt, denn sein Trainer war ein Fan intensiven Konditionstrainings. Bevor ich auch nur Piep sagen konnte, landete seine rechte Faust an meinem Unterkiefer. Die Wucht riss mich von den Beinen. Stand ich eben noch hinter Florian, lag ich plötzlich orientierungslos und mit nackten Rücken auf dem kalten Fußboden. Kaum wieder zu mir gekommen, wurde mein Hals von zwei zupackenden Händen umklammert und gewürgt.

»Du perverses Schwein! Was hast du mit meinem Bruder gemacht?«

War das denn nicht eindeutig gewesen? Ich hatte ihn, auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin, gefickt – verdammt! Dies wäre zwar eine sachlich richtige Antwort, aber nicht die Antwort gewesen, die ich gab. Wofür es gleich drei Gründe gab: mir fiel sie nicht ein, sie hätte zu einer weiteren Eskalation der Situation geführt und schließlich drückte mir Olli immer noch die Gurgel zu: sprechen und damit antworten war unmöglich.

»Hör auf!«, versuchte ich mich verständlich zu machen, doch hatte Olli seinen Verstand ebenfalls abgeschaltet und dermaßen fest zugepackt, dass meine Worte zu einem unverständlichen Gurgeln degenerierten.

»Du Schwein lässt deine Finger von meinen Bruder! Ist das klar? Wenn du ihn noch einmal mit deinen widerlichen Fingern anfasst, schneid ich dir deinen Schwanz ab und schieb ihn dir ins Maul! Hast du mich verstanden?«

Ja, hatte ich. Nur war es mir weiterhin unmöglich zu antworten. Ich versuchte es auch gar nicht erst. Viel mehr versuchte ich mich von ihm zu befreien, ihn von mir runter zu stoßen. Keine Chance. Florians Bruder hatte mich sprichwörtlich an den Boden getackert. Er hockte auf meinen Armen und Beinen und kontrollierte jede meiner Bewegungen. Jeder Gegenwehr von mir wurde im Keim erstickt.

Nicht so die Gegenwehr von Florian. Hatte Olli seinen Bruder vergessen? Oder hatte Olli gedacht, Flo hätte nicht einvernehmlich mit mir den GV vollzogen? Jedenfalls stand Flo nicht auf Ollis Rechnung. Umso überraschter war er, als er plötzlich von hinten gepackt, rumgerissen und selbst zu Boden geschleudert wurde. Ich brauchte einen Moment, um mich wieder zu berappeln. Der Druck, den Olli auf meine Halsschlagader ausgeübt hatte, hatte mich leicht wegtreten lassen. Wieder vollständig bei klarem Verstand, sah ich eine ähnliche Situation, wie die, in der ich mich eben selbst befunden hatte. Nur waren die Rollen vertauscht.

Florian hatte seinen Bruder zu Boden geworfen. Sein rechtes Knie ruhte auf Ollis Kehlkopf und übte Druck aus. Ich wollte gerade etwas sagen, als ich die Blicke sah, mit denen sich die beiden Brüder belauerten. Mir gefror das Blut in den Adern. Ich hatte vorher noch nie eine derartig kalte, fast eisige Wut gesehen, wie in den Augen von Florian. Als Flo schließlich sprach, stürzte die Temperatur im Zimmer schlagartig unter den Gefrierpunkt.

»Sebastian ist kein perverses Schwein!«, mit seiner Stimme hätte man Granitblöcke zersägen können.

»Du schwule Sau…«, versuchte Olli zu antworten, verstummte aber sofort, als Flo den Druck seines Knies erhöhte.

Mir war wirklich kalt. Und nicht nur, weil ich immer noch nackt war. Ich hatte Florian noch nie so zornig erlebt. Hart, erbarmungslos und… verletzt . Florian war verletzt. Die Kurzschlussreaktion seines Bruders, den er immer geliebt hatte, obwohl oder gerade weil es sein kleiner Bruder war, hatte ihn verletzt.

Ich hockte mich neben ihn. Mein Verstand kam langsam wieder auf Touren und signalisierte als erstes eine klare Arbeitsanweisung: Für Deeskalation sorgen. Ich gehorchte meiner Vernunft und legte Flo meine Hand auf seine Schulter: »Bitte lass ihn. Das Kind ist eh’ in den Brunnen gefallen. Wir sollten lieber miteinander reden. Er ist schließlich dein Bruder.«, und, als ich meine und Flos Gänsehaut sah, »Vorher sollten wir uns aber etwas anziehen.«

»Ja, dieses Arschloch ist mein Bruder!«, zischte Flo und durchbohrte den erwähnten Bruder mit einem weiteren eiskalten Blick.

»Hey, Flo, bitte!«, entgegnete ich leise. Ich griff nach seiner Wange und drehte zärtlich, aber nachdrücklich sein Gesicht in meine Richtung.

Flo sah mich an. Schlagartig wich die kalte Erbarmungslosigkeit aus seinem Blick. Mein alter Flo kam wieder zum Vorschein. Er nickte, ließ seinen Kopf traurig herabsinken und meinte schließlich: »Ja, wir sollten reden.«

Anschließend wandte er sich wieder seinem Bruder zu. Immer noch scharf, aber ohne die eisige Kälte in der Stimme, sagte an Olli gerichtet: »Wenn ich dich loslasse, wirst du dann vernünftig sein und weder rumschreien, noch Sebastian oder mich angreifen?«

Olli nickte, soweit ihm das möglich war. Auch in seinem Gesicht, war eine Veränderung zu erkennen. Furcht und Angst. Olli sah regelrecht elend aus. Er schien sogar mit den Tränen zu kämpfen. Was für ein beschissener Donnerstagnachmittag.

 

»Tja, das war wohl mit Abstand das Dümmste, was ich je getan habe.«, Olli lag flach auf der Rasenfläche vor dem Holstentor. Die letzten Minuten hatten er und Adrian meiner Geschichte gelauscht.

»Die Sache ist Geschichte, Olli. Nichts, worüber man sich aufregen müsste. Außerdem hat sie auch ihre guten Seiten.«

»Nanu, das musst du mir erklären.«

»Na, wir mussten uns nicht mehr vor dir verstellen und außerdem kann man sie immer wieder gemütlich in lauschigen Sommernächten zum Besten geben.«

»Oh, du unverbesserlicher Optimist. Du findest wirklich in jedem Klumpen Scheiße einen Goldsplitter.«, lachte Olli, und zu Adrian gewandt: »Ist er immer noch so?«

»Nein!«, entgegnete dieser, aus seiner bisherigen passiven Stummheit gerissen, »Meistens ist er noch viel, viel schlimmer.«

Es war spät geworden. Ich blickte auf meine Uhr: 23:37. Die Luft war immer noch drückend schwül. Der Abend hatte keine Erleichterung gebracht. Man hatte fast den Eindruck, als wenn die Temperatur noch gestiegen wäre, statt wie nachts üblich zu fallen. Die Luft stand. Nicht der leiseste Hauch war zu spüren.

»Puh! Wenn der Sommer so weiter geht, können wir uns auf einiges gefasst machen.«, artikulierte ich mein Befinden.

»Hey, was haltet ihr davon, wenn wir noch ein Cocktail zu uns nehmen.«, Adrian kam wieder mit einer brillanten Idee daher, »Der Laden ist, wenn ich mich nicht arg täusche, angenehm klimatisiert. Außerdem will ich wissen, wie die Geschichte weiter ging!«

»Was für ein Laden?«, fragte Oliver nach.

»Er meint die Hotelbar.«

»Ihr seid im Lysia?«

»Nein, im Radisson.«

Trotz der Dunkelheit konnte ich Ollis offenen Mund erkennen. Ich fühlte mich zu einer Erklärung genötigt: »Eine etwas komplizierte Geschichte. Ich erklär es dir bei Gelegenheit mal.«

Und Adrian, den ich leise grinsen hörte, fügte hinzu: »Ähm, Olli, du bist natürlich eingeladen.«

»Du bist nicht irgendwie Millionär oder sowas?«

»Eher sowas…«, erwiderte ich, um Adrian die Last einer Erklärung zu ersparen.

 

Die Hotelbar war erstaunlicherweise sogar noch geöffnet. Wie Adrian prognostiziert hatte, war man inzwischen ausgesprochen zuvorkommend und beinahe unterwürfig freundlich zu uns. Obwohl uns der Barkeeper vorher noch nie bedient hatte – am Abend vorher hatte ein anderer Dienst – begrüßte er Adrian und mich mit unseren Nachnamen.

Nach ein paar Minuten fanden wir uns in drei äußerst bequemen Ledersesseln (natürlich schwarz) wieder und nippten an unseren Drinks.

»Ich habe Florian damals verletzt. Nicht körperlich, aber seelisch. Ich hätte nie über dich herfallen und dich niederschlagen dürfen. Ich habe die Enttäuschung in Flos Augen gesehen, als er mich von dir runter riss und niederrang. Er starrte mich an und…«, ganz ohne Aufforderung hatte er angefangen, die Geschichte weiter zu erzählen. Weit kam er nicht. Der letzte Gedanke blieb unausgesprochen.

Für einen Moment herrschte Stille. Jeder schien sich seine eigenen Gedanken zu machen. Ich jedenfalls, rekapitulierte die Vergangenheit. Was hatte ich damals gefühlt? Im ersten Moment, noch bevor Olli auf mich losstürzte, war mir fürchterlich peinlich zu Mute. Schließlich war ich gerade dabei, mit Flo zu poppen. Wie reagieren Menschen gemeinhin, wenn man sie beim Sex überrascht. Wenn das kein peinlicher Moment ist, bitteschön, was dann?

Und später? Während Ollis Attacke empfand ich eigentlich gar nichts. Dafür war ich viel zu überrumpelt. Dass man mich beschimpfte registrierte ich zwar, erreichte aber nicht den Status einer wichtigen Information, die akutes Handeln erfordern würde. Genauso gut hätte man mir sagen können, dass die Tapete im Raum grün war.

Was mich schließlich bewegte war Flo und seine Reaktion. Olli hatte recht. Florian war enttäuscht. Diese seelische Verletzung, die ich bei ihm sah, fand ihren Ursprung in einer abgrundtiefen Enttäuschung durch seinen Bruder.

»Olli?«, tauchte ich aus meinen Gedanken auf.

»Ja?«

»Flo hat dich geliebt. Immer! Auch nach der Geschichte! Er war von dir enttäuscht, richtig. Aber das war nur der Moment. Er war einfach entsetzt. Mein Gott, du weißt doch, womit wir gerade beschäftigt waren.«

»Ähm, ja. Ich habe das Bild immer noch sehr plastisch vor Augen. Soviel wollte ich über schwulen Sex eigentlich nie erfahren.«, Olli lachte und steckte uns damit an.

»Stimmt, du sahst wirklich nicht so aus.«, grinste ich zurück, »Dabei versteh ich das gar nicht. Hast du mit deiner Freundin noch nie miteinander…«

»Hey, komm. Das ist was ganz anderes. Was ihr da miteinander gemacht habt… Das ganze Haus wackelte. Echt, Sebastian, es sah sehr, sehr gewalttätig aus, wie du dich in Flo gerammt hast.«

»Es sah vielleicht so aus. Aber es war es nicht.«

»Das weiß ich jetzt! Aber das wusste ich damals nicht.«

An dieser Stelle mischt sich Adrian ein: »Ich glaube ich weiß, was Olli sagen will. Korrigiere mich, wenn ich das falsch analysiere, aber ich glaube, dass in dir in dem Moment eine Welt zusammenbrach, als du deinen Bruder und Sebastian in jener Form gesehen hast. Es war das schlimmste Bild, das man sich vorstellen konnte. Nicht nur, dass dein Bruder offensichtlich schwul war, sondern, dass es sich auch noch passiv der Sache hingab, war gleich eine doppelte Enttäuschung. Dein großer Bruder, der starke Typ, zu dem du immer kommen konntest, denn nichts unterkriegen konnte. Und dann sowas.«

Olli nickte: »Yep! Versteht mich nicht falsch, aber Schwule waren für mich Abschaum. Und ich war mit dieser Meinung alles andere als allein. Beim Fußball kamen ständig Sprüche der: ,Du kullerst den Ball wie ‘ne Tucke’  oder ,Mann, schwuchtel nicht so rum.’  Und das waren nur die harmlosen Kommentare.«

»Ich kenn’ die Sprüche. Ich kenn’ sie alle! Die, und noch einen ganzen Haufen anderer.«, bestätigte Adrian und fügte zur Beruhigung Ollis hinzu: »Und ich weiß, wie du es meinst. Ich war auch mal im Fußballverein.«

»Echt?«, fragte ich verwundert, »Das wusste ich noch gar nicht.«

»Tja, ich habe halt auch meine kleinen Geheimnisse. Ja, ich oute mich als Fußballspieler. Während der Zeit auf der öffentlichen Schule war ich im Verein. Ich hab’ davon nie etwas erzählt… Mein Gott, wenn das raus kommt, nachher hält man mich noch für hetero!«

 

Cocktailbar und Würfelhusten

»Und wie seid ihr schließlich Freunde geworden?«

Einen Cocktail weiter und in ausnehmend entspannter Stimmung, hockten wir immer noch in der Hotelbar. Ich musste Schmunzeln. Während ich mich in meinem Sessel räkelte, wurde mir etwas bewusst: eine Erkenntnis. Unterschwellig war diese Erkenntnis seid Tagen vorhanden. Zuerst war es nur ein schwaches Gefühl, Schwingungen die anzeigten, dass sich etwas veränderte. Nach dem zweiten Flying Kangoro, einem sehr schlabberigen Getränk, war es plötzlich klar: Adrian hatte sich verändert. Vielleicht hatte er sich auch nicht verändert und ich war einfach nur aufmerksamer geworden. Jedenfalls zeigte er eine mir bisher unbekannte Seite seiner Persönlichkeit. Er gierte nach Geschichten. Genaugenommen gierte er meiner Geschichte hinterher. Er sog einfach alles auf und wollte immer mehr wissen.

Zuerst war es die Geschichte mit René gewesen. Er wollte sie ganz genau erzählt bekommen. War das Neugier? Vielleicht? Andererseits sind lange Autobahnfahrten meistens recht öde und langweilig. Die 300km von Berlin nach Lübeck waren mit meiner Geschichte einfach kurzweiliger.

Aber Adrians Interesse an meinem Background riss nicht ab. Im Prinzip war ich, seit wir von Berlin aufgebrochen waren, mehr oder weniger permanent am Erzählen gewesen. Ich musste schmunzeln, denn es war wohl keine unanständige Neugier. Es schien mir eher ein aufrechtes Interesse an meiner Person zu sein. Ich bin mir sicher, dass ich diese beiden Dingen – Neugier und Interesse – unterscheiden kann. Vielleicht nicht bei jedem Menschen, bei Adrian aber definitiv schon.

Wie in jenem Moment in der Hotelbar: »Und wie seid ihr schließlich Freunde geworden?«

Man konnte der Art wie Adrian seine Frage stellte, anhören, dass er sich darüber freute, dass Olli und ich tatsächlich Freunde geworden waren. Adrian freute sich für uns. Und mit seiner Frage ließ er uns an seiner Freude teilhaben.

Nachdenklich saugte ich am Strohhalm meines fast leeren Cocktails und war glücklich. Adrian…

»Ich glaube, diese Geschichte müssen wir vertagen.«, antwortete Olli auf Adrians Frage, »Leute, der Abend war ausgesprochen nett. Aber es ist spät und ich muß noch nach Hause…«

»Du willst doch nicht etwa noch fahren?«, unterbrach ich Oliver, der gerade versuchte, sich aus seinem Ledersessel zu erheben. Als er schließlich stand, bemerkte er, dass die zwei Cocktails, die er genossen hatte, weit mehr Alkohol in sich gehabt hatten, als man aus ihnen herausschmecken konnte.

»Oui…«, lallte es plötzlich aus Olli. Sein wankender Körper und seine ihm nur widerwillig gehorchenden Beine, die obendrein ausgesprochen instabil wirkten, waren unverkennbare Zeichen eines signifikanten Alkoholisierungsgrades.

»Shit, das Zeugs hat es in sich. Verdammt, weißt du was ein Taxi nach Pansdorf kostet? Und wie bekomm ich mein Auto wieder?«, typische Argumente angesäuselter Autobesitzer.

»Junge, mach kein Scheiß. Du kannst unmöglich mehr fahren. Vielleicht könnte man…«, ich blickte zu Adrian, der sofort verstand und nickte.

»…das zweite Schlafzimmer in unserer Suite in Betrieb nehmen. Ich sage dem Zimmerservice sofort Bescheid…«, sprachs und war verschwunden.

»Sebi?«, Olli hatte sich wieder in den Sessel plumpsen lassen. Er saß da und sah mich nachdenklich an.

»Ja?«, forderte ich ihn auf weiter zu sprechen.

»Adrian ist gut für dich! Halt ihn fest…«

Ich war sprachlos. Schlimmer noch, ich bekam eine Gänsehaut. Olli hatte mir mit seiner Bemerkung einen unheimlichen Schauer über den Rücken gejagt. Jetzt saß er da und lächelte mich nur verträumt und alkoholselig an. Ohne Alkohol hätte er sich diesen Satz wohl auch niemals getraut.

»So, alles geklärt!«, hörte ich plötzlich Adrian hinter mir, der von der Rezeption zurückgekehrt war, »Man wird dir noch schnell ein paar Hygieneartikel bereitstellen. Zahnbürste und solch Zeugs. In zehn Minuten ist alles fertig.«

»Danke Leute!«, meinte Olli plötzlich und blickte zwischen Adrian und mir hin und her, »Danke dafür, dass ihr heute für mich da wart. Es war das erste mal seit Flos Tod, dass ich rausgekommen bin und mich mit anderen Leuten unterhalten habe.«

»Hey, das ist schon Ok.«

 

Der Rest der Nacht zeichnete sich durch Ereignislosigkeit aus. Oliver, Adrian und ich schlichen in unsere Suite. Richtig trittsicher war von uns keiner mehr. Der Alkohol forderte seinen Tribut. Olli lag kaum in seinem Bett, als er auch schon eingeschlafen war. Adrian und ich taten das gleiche. Wir schlüpften in unser Bett, kuschelten uns aneinander und waren in Sekundenbruchteilen eingeschlafen.

 

Eine Landstraße. Eine klassische Alleenstraße mit schönen alten Bäumen mit dicken Stämmen. Ein kleines Auto. Es fährt die Straße entlang. Seine Geschwindigkeit ist zu hoch, viel zu hoch. Der Fahrer begeht Fahrfehler, kommt in Kurven auf die Gegenspur. Ein LKW. Der Fahrer des Autos versucht gegen zu steuern, reißt sein Lenkrad herum, tritt auf Bremse, Kupplung und Gas gleichzeitig. Das Auto macht einen Satz, bockt, schleudert und verlässt die Fahrbahn.

Für eine Sekunde herrscht absolute Stille.

Dann gibt es einen Knall. Das Geräusch von splitterndem Glas und quietschendem Blech erfüllt die Landschaft. Die Fahrt des kleinen Autos findet ein jähes Ende. An einem Baum mit dickem Stamm. In einer klassischen Alleenstraße. Einer Landstraße.

 

»Flip!«

Ein Albtraum riss mich aus dem Schlaf. Mit schweißnasser Stirn und pochendem Herz öffnete ich die Augen. Keuchend versuchte ich mich zu orientieren. Richtig, das Hotelzimmer. Ein Blick auf die LED-Uhr im Fernseher: 4:32 Uhr. Im Fenster war bereits die Morgendämmerung zu erkennen.

»Hattest du wieder einen Albtraum?«, Adrian war wach oder durch mein Stöhnen aufgewacht.

»Ja«, antwortete ich schwach und mit einem fetten Klos im Hals.

»Hey, komm Kleiner!«, Adrian zog mich dicht an sich ran und hielt mich fest, »Wir kriegen das schon wieder hin. Was es auch immer sei.«

Adrians Berührung beruhigte mich tatsächlich. Mein Herzrasen wurde langsamer, mein Atmen ruhiger, ich wurde müde. Wenig später schlief ich ein.

 

»Hat er diese Albträume schon lange?«, hörte ich Oliver leise flüstern.

»Ich weiß es nicht. Gestern und heute Nacht.«, antwortete Adrian ebenfalls im Flüsterton.

»Und, er hat ,Flip’ gerufen?«

»Ja. Beides mal.«

»Phillip war ein gemeinsamer Freund von Florian und Sebastian. Er ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Manche Leute behaupten, er hätte sich das Leben genommen.«

»Und diese Leute meinen, dass Sebastian der Grund für diesen Selbstmord war?«, fragte Adrian sehr leise nach.

»Damit hast du leider den Nagel auf den Kopf getroffen.«

Ich war gerade erwacht, hatte meine Augen aber noch nicht geöffnet. Zuerst wusste ich nicht, worüber die beiden sprachen. Mein Verstand schlief noch, wurde aber durch den Inhalt des Gesprächs ebenfalls geweckt. Die beiden sprachen über meinen Albtraum. Hatte ich etwa laut geschrieen? Hatte ich Olli ebenfalls geweckt?

»Morgen, ihr zwei!«, machte ich mich bemerkbar und blinzelte mit meinen Augen.

»Hi du…«, strahlte mich Adrian an, fiel aber in einen bekümmerten Ausdruck, »Haben wir dich geweckt?«

»Nein, nicht wirklich.«, mit diesen Worten setzte ich mich in meinem Bett auf und sah Olli an, der im Türrahmen des Schlafzimmers stand, »Hast du also auch meinen Albtraum mitbekommen?«

»Ja, aber ich war wohl sowieso nicht ganz eingeschlafen.«, Olli verzog sein Gesicht, »Mach dir deswegen keine Sorgen.«

»Sondern?«, wo kam diese überraschende Schärfe in meiner Stimme plötzlich her.

»Hey, keep cool. Ich wollte nur nett sein. Ich sag’ ja nur, dass du mich nicht wirklich geweckt hast. Ich… ach’ ist ja egal…«, Olli wollte noch etwas sagen, überlegte es sich aber plötzlich anders. Stattdessen drehte er sich um und wollte gehen.

»Warte, ich hab’ es so nicht gemeint!«, ich war schon längst dabei meine Bemerkung zu bereuen, weswegen ich in meinen letzten Satz möglichst viel versöhnliche Wärme steckte.

»Sebastian!«, Olli fuhr mit einem Ruck herum und präsentierte ein zorniges Gesicht, »Wann hörst du endlich auf, dir wegen Flip Vorwürfe zu machen?«

»Wenn ihr aufhört diese alte Geschichte immer und immer wieder aus der Mottenkiste zu holen.«, diese ungewollte und unkontrollierbare Schärfe war wieder da. Selbst für den Inhalt meiner Sätze war ich nicht verantwortlich. Mein Mund spuckte die Worte ohne meine aktive Kontrolle völlig selbstständig aus. Ich konnte mir nur zuhören und innerlich den Kopf schütteln.

»Wie bitte? Wer holt diese Geschichte aus der Mottenkiste? Wir? Junge, ich hab’ nachts keine Albträume!«

»Was gehen dich meine Träume an?«, was für einen Scheiß laberte ich da bloß? Warum stoppte mich denn keiner?

Olli schüttelte frustriert seinen Kopf: »Du blockst jede Hilfe ab. Warum? Warum willst du dir nicht helfen lassen?«

»Ich…«, kam nicht weiter. Stattdessen musste ich zum Klo rennen und mich übergeben. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich am ganzen Körper zitterte und dass sich mein Magen zu einem kleinen Klumpen zusammengezogen hatte. Mein Bauch fühlte sich an, als hätte ein Profiboxer ihn als Sandsack genutzt. Nachdem ich meinen Magen über den falschen Ausgang entleert und mir den Mund mit kaltem Wasser ausgespült hatte, stellte ich ernüchtert fest, dass es mir immer noch beschissen ging.

Bis ich plötzlich eine Berührung fühlte. Eine Hand hatte sich vorsichtig auf meine Schulter gelegt. Sie ruhte dort eine Weile, ließ mir Zeit mich an sie zu gewöhnen und drehte mich schließlich sanft, aber durchaus nachdrücklich herum.

Es war Adrian, dem ich in seine Augen schauen konnte. Sie sahen bekümmert und besorgt aus.

»Komm!«, war das einzige Wort, das er von sich gab, bevor er mich mit sich mit aus dem Badezimmer zog.

Ich wurde in unser Schlafzimmer geführt und auf das Bett dirigiert. Olli war ebenfalls anwesend und sah mindestens so besorgt aus, wie Adrian. Jener machte etwas sehr erstaunliches. Er legte seine beiden Handflächen links und rechts auf meine Wangen und hielt meinen Kopf so, dass ich ihm direkt in die Augen sehen musste.

»Sebastian, dir wird niemand etwas tun. Du bist hier unter Freunden. Hast du das verstanden?«

Ich nickte mit dem Kopf. Langsam kehrte wieder Ruhe in meinen Körper ein.

»Ok, dann hör’ mir bitte gut zu…«, mit diesen Worten begann Adrian ein paar Entspannungsübungen mit mir zu machen. Ich wusste gar nicht, dass er eine Ausbildung in autogenem Training hatte. Denn die musste er haben, da die Übungen und Techniken, die er mit mir absolvierte, sehr professionell waren. Nach einigen Minuten erreichte ich tatsächlich einen Zustand, den man in erster Näherung als entspannt bezeichnen konnte. Meine Dämonen lauerten zwar immer noch hinter der nächsten Hirnwindung, doch zeigten sie momentan nicht mehr ihr scheußliches Antlitz. Meine Übelkeit und die Magenkrämpfe waren nur noch dumpfe Erinnerung.

»Ich möchte, dass du dich jetzt ausschließlich an positive Erlebnisse erinnerst. Denke an deine schönsten Momente im Leben. Denk an Florian und denk an Phillip… Nein, nicht aufregen…«

Das sagte sich so leicht. Adrian hatte den Namen kaum ausgesprochen, da brach bereits der kalte Schweiß aus meinen Poren.

»Du bleibst ganz entspannt. Sieh mir in die Augen! Sieh mir in die Augen! Denk an etwas positives, etwas Angenehmes.«

Adrian war unheimlich, aber das war mir egal. Viel wichtiger war, dass er sein Ziel erreichte. Langsam zwar, aber wir kamen dem Ziel ein Stück weit näher. Ich konnte an Flip denken, ohne, dass mir speiübel sondern nur leicht übel wurde. Die Schweißausbrüche blieben mir vorerst erhalten. Aber wofür gibt es Duschen und frische Wäsche? Können Schuldgefühle so groß werden?

»Ok, ich erzähle euch…«

»Nein!«, unterbrach mich Adrian, »Das wäre zu früh. Überstürz nichts. Später vielleicht, wenn du wieder völlig die Kontrolle über deine Ängste hast. Du hast selbst erlebt, wie dein Köper reagiert. Wir kriegen das in den Griff. Aber dafür brauchen wir Zeit und vor allen Dingen Geduld, sehr viel Geduld.«

Adrian hielt mich noch einen Moment in seinen Armen, bis er schließlich meinte: »Ok, ich glaube, wir sollten frühstücken gehen.«

»Adrian?«, fragte ich schüchtern.

»Ja?«

»Wo hast du das gelernt? Diese Technik gegen Angstzustände?«

Ein Schatten flog über Adrians Gesicht. Er lächelte müde: »Ich hatte dir doch erzählt, dass man mich als 17-jährigen entführt hatte, oder?«

»Ja, hast du. Aber ich denk, du hast deinen Entführer niedergeschlagen?«

Adrian nickte: »Ja, das schon. Zuerst war auch alles Ok. Doch dann, Wochen nach dem Ende der Entführung, kamen die Albträume. Panikattacken. Ich war über eine Woche in der Gewalt des Entführers gewesen. Während der Geschichte war ich das harte Kerlchen, den nichts beeindrucken konnte. So ein Quatsch. In Wirklichkeit hatte ich die Hosen gestrichen voll gehabt. Hilmar hat mir dann einen Seelenklempner, genaugenommen eine sehr nette Psychologin besorgt. Ein Jahr Gruppen- und Einzeltherapie.«

 

Kaffee bei Ruth

Beim Frühstück war mein physiologischer Ausfall bereits vergessen. Kein Wunder bei dem Festmahl, das wir uns gönnten. Die Nähe zu Skandinavien bereitete dann auch meinem lieben nordrhein-westfälischen Freund eine neue kulinarische Erfahrung: Marinierte Heringe. Hering, dieser Universalfisch, wurde uns einmal in einer delikaten Sherrymarinade und einmal in Currysoße gereicht. Ich schlug gleich doppelt zu. Schließlich musste ich meinen Würfelhusten bedingter Demineralisierung entgegen wirken.

»Was habt ihr denn heute so vor?«, fragte Olli, während er ein Brötchen mit Holsteiner Pflaumenmus verdrückte.

»Keine Ahnung.«, ich zuckte mit den Schultern, »Wir könnten einen Ausflug nach Hamburg machen. Was meinst du?«

»Ich richte mich nach dir.«, kam Adrian mit einer maximal nutzlosen Antwort.

»Du bist eine echte Hilfe, weißt du das?«

»Klar!«, grinste es aus einem himbeermarmeladenverschmierten Mund.

»Ihr könntet Ruth besuchen…«, schlug Olli vor. Sein Tonfall deutete an, dass er dies für eine sehr sinnvolle Idee hielt.

»Keine schlechte Idee.«, ich musste Olli einfach zustimmen. Wenn ich Florians Trauerfeier beiwohnen wollte, dann sollte ich mich tunlichst um Verbündete bemühen. Antje würde es vermutlich nicht wagen, sowohl gegen ihre Schwiegermutter als auch gegen ihren eigenen Sohn in aller Öffentlichkeit vor zu gehen.

»Hast du ihre Telefonnummer?«

»Moment…«, ich zückte mein Handy, suchte Ruths Nummer heraus und hielt Olli das Display hin, »Stimmt die Nummer noch.«

»Exakt!«, Olli war ein Erinnerungsgenie. Egal ob Telefonnummer, Namen, Ort, Geschichten. Einmal gehört und die Information war für immer in seinem Schädel gespeichert. Ich konnte mir nicht mal meine eigene Telefonnummer merken. Fragt man mich nach meiner Postleitzahl, erntet man nur völlige Ahnungslosigkeit.

Nach dem Frühstück verabschiedete sich Olli von uns. Als erstes folgte ich seinem Vorschlag und rief bei Ruth, Florians und Ollis Großmutter, an. Wie ich nicht anders erwartet hatte, freute sie sich, meine Stimme zu hören und lud uns sofort zum Kaffee ein. Wir sollten gegen 15:30 Uhr bei ihr eintrudeln.

»Und was machen wir jetzt?«, fragte ich Adrian. Zwischenzeitlich war es später Vormittag geworden. Da wir, in Folge meiner Panikattacke, erst relativ spät zum Frühstücken gekommen waren, hatten weder Adrian noch ich so Recht Appetit auf Mittagessen. Wir waren uns daher einig, es ausfallen zu lassen. Adrian kam stattdessen mit einem ganz anderen Vorschlag: »Was willst du morgen eigentlich anziehen?«

Kalt erwischt! Diese Frage jagte mir einen Hitzeschauer ins Gesicht: »Shit! Oh Mann, daran hab’ ich gar nicht gedacht. Ich kann ja unmöglich mit meinen Hochsommerklamotten zu einer Beerdigung gehen.«

Adrian setzte ein süffisantes Lächeln auf: »Och, wäre doch mal nett. Du in so einem ärmellosen Teil in der Kapelle… Was wohl diese Antje dazu sagen würde… Sie würde bestimmt begeistert sein.«

»Junge, du bist böse!«

»Ach was! Wenn ich mir die Geschichten von dir und Florian so anhöre, glaube ich, dass dein alter Freund daran einen Heidenspaß gehabt hätte.«

»Bestimmt!«

»Ok, also abgemacht. Ich hab’ auch noch nix zum Anziehen. Gehen wir shoppen!«, Adrian entblößte seine Zähne und zeigte mir sein allerbestes Raubtiergrinsen, »Und ich zahle!«

Der Mann trieb mich noch in den Wahnsinn!

 

Drei einhalb Stunden später war Adrians Kreditkarte mit dem Gegenwert von zwei kompletten, zurückhaltend feierlichen Herrenausstattungen belastet. Wir hatten unsere Einkäufe in unserem Hotelzimmer verstaut. Bevor wir zu Antje aufbrachen, entschieden wir uns, ein zweites Mal zu duschen. Auch dieser Tag schien alle Hitzerekorde brechen zu wollen, was sich bei unserem Einkaufsmarathon in nicht enden wollenden Schweißausbrüchen und durchnässter Bekleidung niederschlug. Unsere Geruch fiel daher nicht mehr unter die Kategorie »Aprilfrisch«.

Ruths Haus lag südlich von Niendorf an der Ostsee. Wir hatten also noch ein Stück Autofahrt vor uns. Doch schließlich war es dann soweit. Frisch gewaschen und gebügelt, mit einem Blumenstrauß in der Hand (meine Mutter wäre stolz auf mich) standen wir pünktlich 15:30 an der Schwelle zu Ruths Haustür.

»Sebastian!«, rief mir die Hausherrin freudig entgegen, »Komm doch herein!«

»Hallo Ruth!«, schon vor Urzeiten war mir von Ruth, unter Androhung schwerster Konsequenzen, verboten worden, sie mit etwas anderem als ihrem Vornamen anzusprechen. Auf keinen Fall durfte ich sie mit »Frau Krüger« oder mit »Sie« anreden, »Darf ich dir Adrian Seidenwickler vorstellen. Adrian, dass ist Ruth Krüger, Florians Großmutter.«

»Guten Tag Frau…«

»Stop! Sprich es nicht aus! Ich heiße Ruth, einfach Ruth. Und du, Sebastian, bezeichnest mich niemals wieder als Großmutter! Ich bin doch keine 80.«

Das war sie wirklich nicht. Sie war gerade mal Anfang 50.

»Ok, Ruth!«, strahlte Adrian.

»Womit das geklärt wäre. Dann kommt mal rein.«

Mit diesen Worten wurden wir in ihr Haus geleitet. Ruth ging voran und zeigte uns alles. Seit meinem letzten Besuch war sie in ein größeres Domizil umgezogen. Obwohl die Größe ihr nicht wichtig schien, da manche Zimmer völlig leer waren oder als Lager für ihre Bilder dienten. Bilder, genaugenommen Malerei war das Stichwort.

»Hier, das ist mein Atelier.«, Ruth präsentierte uns voller Stolz einen lichtdurchfluteten Raum. Es roch nach Öl- und Acrylfarben, durchsetzt mit dem benebelnden Duft von Verdünner. Drei Staffelein standen im Raum. Auf jede waren Bilder in unterschiedlichen Fertigstellungsgraden gespannt. Ruth hatte schon immer an mehreren Projekten gleichzeitig gearbeitet.

»Es ist fantastisch!«, entgegnete ich, während ich mich umsah.

»Ja, ich kann hier ganz gut arbeiten.«

»Es ist kühl hier…«, mir fröstelte fast ein wenig. Erstaunt sah ich mich um. Der Raum bestand zu mehr als der Hälfte aus Glasfenstern, die allerdings mit weißen Stoffbahnen verhängt waren, um das direkte Sonnenlicht abzublocken und für mehr diffuse eleuchtungsverhältnisse zu sorgen. Trotzdem, bei der vorherrschenden Hochsommerwetterlage hätte der Raum heiß wie ein Backofen sein müssen.

»Eine Klimaanlage, ökologisch korrekt angetrieben durch eine Photovoltaikanlage. Je stärker die Sonne scheint, desto besser arbeitet das System.«, strahlte Ruth und freute sich diebisch, mich mit ihrem technischen Sachverstand zu beeindrucken, »Temperatur, Luftaustausch, Feuchte, selbst die Sonnensegel, die weißen Stoffbahnen die ihr hier seht, werden computergestützt gesteuert.«

»Ich bin beeindruckt.«, Ruth war fleißig gewesen. Nicht nur die leeren Räume, auch das Atelier, war mit massenweisen Bildern vollgestopft, »Verkaufst du schlecht?«

»Du meinst, weil so viele Bilder rumliegen?«, Ruth wirkt verlegen, »Ich könnte sie alle verkaufen. Mein Galerist bekniet mich ständig, ihm welche zu liefern. Na ja, du kennst mich…«

»Sag’ nicht, du kannst dich nicht von ihnen trennen? Immer noch der alte Tick?«

Ruth war ständig der Meinung, dass ihre Bilder nicht gut genug seien. Nicht selten brachte sie es fertig, ein Bild, dass sie vor einem Jahr oder mehr fertig gestellt hatte, wieder vor zu kramen und zu überarbeiten.

» Touché«, gestand Ruth, »Kommt lieber in den Garten. Der Kaffee wartet.«

»Dieses Bild…«, Ruth und ich hatten das Atelier schon fast verlassen, als sich erstmals Adrian zu Wort meldete. Er stand vor einem Bild, einer abstrakten organischen Form, und betrachtete es intensiv.

»Was ist mit dem Bild?«, fragte ich. Ich blickte zu Ruth. Sie hatte einen merkwürdigen Gesichtsausdruck. Sie schien überrascht und verwundert, aber irgendwie auch beeindruckt zu sein, dass Adrian ausgerechnet an diesem Bild hängen geblieben war.

»Es ist ein Portrait, oder?«, meinte Adrian.

Ich starrte erst ihn an, dann das Bild. Für mich waren da nur farbige Linien zu erkennen. Malerei war nicht unbedingt mein Ding.

»Das ist richtig, es ist ein Portrait…«, das Erstaunen war nicht nur auf Ruths Gesicht, es war auch in ihrer Stimme.

»Ich möchte nicht unverschämt sein oder neunmalklug wirken, aber ist es ein Portrait von Florian?«

Ruth nickte. Ihr Erstaunen wandelte sich in Rührung und echte Bewunderung: »Adrian, Sie sind ein sehr guter Beobachter. Sie haben Recht, es ist eine Art Portrait von Florian. Kannten Sie meinen Enkel?«

»Nein, ich kannte ihn nicht. Ich kenne nur die Erzählungen von Sebastian und habe ein paar Fotos von ihm gesehen. Er muss ein guter Mensch gewesen sein und sie müssen ihn wirklich sehr geliebt haben. Dieses Bild… es ist sehr intensiv.«

»Danke…«, antwortete Ruth. Täuschte ich mich, oder glänzten Ruths Augen plötzlich leicht? »Kommt, lasst uns Kaffee trinken.«

 

Wie nicht anders zu erwarten, war die Kaffeetafel gut gedeckt. Ruth wusste, wie man eine behagliche Atmosphäre bereitete. Alles war sommerlich frisch. Man erkannte sofort die Hand einer Künstlerin, die es gewohnt war mit Farbe und Licht umzugehen. Wir saßen zwar draußen, die sengende Sonne wurde aber durch ein riesiges Segel aus weißem Tuch, ähnlich den Stoffbahnen im Atelier gefiltert. Wir saßen quasi gleichzeitig im Schatten und im Licht. Ein schwacher Seewind begrenzte die Temperatur unter dem Sonnensegel auf ein angenehmes Maß.

Auf einem Teewagen, der kunstvoll in frischen gelben, weißen und blassorangen Farben dekoriert war, standen verschiedene erfrischende Obstschnitten. Dazu gab es Kaffee, Tee oder Ruths berühmte selbstgemachte Limonade, aus echten Limonen, wie der Name schon sagte. Diese Frau wusste zu leben und genoss es sichtlich.

So entspannend und angenehm der Kaffee und der Kuchen auch waren, so schwebte über allen der Schatten von Florians Tod. Ganz im krassen Gegenteil zum frischen-sommerlichen Erscheinungsbild der Terrasse, war die Stimmung eher winterlich depressiv. Niemand sprach. Das Klima wurde drückender, obwohl sich weder die Temperatur noch die anderen meteorologischen Grunddaten geändert hatten.

Bis schließlich Ruth der Kragen platzte: »Genug geschwiegen. Irgendwann müssen wir so oder so über das Thema reden!«

»Ja!«, seufzte ich, »Florian! Olli glaubt nicht an Selbstmord.«

»Ich weiß.«

»Und was meinst du?«

Ruth wiegte ihren Kopf hin und her: »Ich weiß es nicht. Oliver hat recht, wenn er sagt, dass Selbstmord nicht zu Florian passt. Sag’ du es mir, du kanntest ihn viel besser als ich es tat. Du hast ihn schließlich geliebt.«

»Das tu ich immer noch und werde es immer tun!«, versicherte ich Ruth, um im gleichen Moment zu erschrecken. Was hatte ich eben gesagt? Schüchtern sah ich zu Adrian. Ich hatte einfach ausgesprochen was ich fühlte, ohne darüber nachzudenken, dass ich damit möglicherweise Adrians Gefühle verletzte.

Doch der nickte nur und erwiderte meine vorsichtiges Schauen mit einem Gesichtsausdruck voller Verständnis. Und wieder war da diese Ahnung: Adrian bisher völlig falsch beurteilt zu haben. Oder anders: ich hatte erneut den Eindruck, hier, in meiner Heimatstadt, einen anderen, sehr ernsthaften und tiefen Adrian kennen zu lernen.

»Nein, ich glaube auch nicht an Selbstmord.«, beantwortete ich Ruths Frage, »Ich kann mir nichts, wirklich absolut nichts, vorstellen, das Florian jemals in einen Selbstmord getrieben hätte. Das passte nicht zu seiner Persönlichkeitsstruktur.«

»Dann hast du einen mächtigen Gegner.«, meinte Ruth.

»Wen?«

»Nicht wen, sondern was. Dein Gegner ist die Ignoranz. Man will das Thema Florian so schnell wie möglich beerdigen. Da ist jemand, der unbequeme Vermutungen äußert, sehr unwillkommen. Ein Störenfried.«

»Du sprichst von Antje?«

Ruth sah zu Boden: »Ich wollte nie die böse Schwiegermutter sein. Mein Gott, sieh dich um! Bin ich ein verknöcherter, konservativer Drache? Habe ich meinen Sohn dominiert und gegen seine Frau aufgehetzt?«

»Solange ich dich kenne: niemals.«

»Aber Antje gibt mir keine Chance. Sie redet sich lieber ein, dass sich ihr Sohn selbst umgebracht hat, als ein paar offensichtlichen Tatsachen ins Auge zu blicken.«

Ruth stand auf und holte drei Gläser und eine Flasche Cognac.

»Für mich bitte nicht, ich muss noch fahren.«, stoppte Adrian Ruth, als sich das dritte Glas füllen wollte.

Die angesprochene hob ihre Augenbrauen: »Respekt. Und ich dachte, Verantwortungsgefühl wäre eine aussterbende Tugend.«

Ruth umklammerte ihr Glas und nahm einen kräftigen Schluck: »Antje ist so verblendet. Sie sieht bis heute nicht, wie sehr sie dir und vor allen Florian das Leben zur Hölle gemacht hat. Du weißt, dass du an allem Schuld bist?«

»Oh ja. Olli hat mir alles erzählt. Auch, dass du Antje den Kopf gewaschen hast.«

Ruth schnaubte verächtlich: »Pah! Und was hat es genützt? Sie hat mich rausgeworfen und will mich nicht mehr sehen. Ich bin ja eine alte Unke. Wie konnte ich auch zu dir halten? Ausgerechnet dir, der ihren Lieblingssohn verdorben hat. Pah, ich hätte ihr den Kopf schon viel, viel früher mal waschen sollen. Mit Kernseife.«

»Soll ich morgen lieber nicht zur Trauerfeier gehen?«

»Du kommst! Das bist du dir und Florian schuldig!«, Ruth goss sich etwas Cognac nach, »Ich muss dir etwas erzählen. Es könnte aber hart für dich werden?«

Ruth sah mich fragend an und schenkte mir vorsorglich ebenfalls etwas von dem bernsteinfarbenen Getränk nach.

»Ok!«, antwortete ich.

»Florian war vor zwei Wochen bei mir. Er kam eines Abends völlig überraschend bei mir vorbei. Ich habe ihn seit Jahren nicht mehr so fröhlich gesehen. Seit eurer Trennung und… dieser anderen Geschichte…«

Mein Herz begann zu Rasen, obwohl der bewusste Name nicht fiel, wurden meine Hände feucht und ich spürte, dass sich kalter Schweiß auf meiner Stirn bildete.

»Jedenfalls war er regelrecht in euphorischer Stimmung. Ich fragte, was los sei, aber er meinte nur: ,Alles wird wieder gut!’ «

 

Schattenboxen

“Alles wird wieder gut?”, was sollte das bedeuten?

»Ja. Ich hab’ es auch nicht verstanden, aber Florian meinte nur, dass die Geschichtsbücher umgeschrieben werden müssten und, dass er endlich ein großes Unrecht aufgeklärt hätte. ,Da werden sich manche Leute aber sehr umgucken! Man trifft sich halt doch immer zweimal im Leben. Endlich kann ich Sebastian danken! Und Antje wird einsehen müssen, dass sie falsch und ungerecht geurteilt hat.’ «

»Wie bitte?«

»Doch, doch, du hast absolut richtig gehört. Er wollte dir danken! Ich kann mir nur ein Unrecht…«, Ruths Worte pochten in meiner Schläfe und ich bekam Kopfschmerzen. Ihr Bericht nahm eine Richtung, auf die mein Körper mit eindeutigen Warnsignalen reagierte.

»Sebastian, geht es dir nicht gut?«, Ruth sah mich besorgt an, »Du bist ja ganz bleich!«

Adrian war sofort aufgesprungen – natürlich – und hatte, wie am Morgen auch schon, mein Gesicht in seine Hände genommen. Er begann sofort mit den Entspannungsübungen. Ich keuchte. Ich verfluchte mein Unterbewusstsein (oder war es mein Gewissen?) und fragte mich, was dort wohl dermaßen tief begraben lag, dass ich in dieser extremen Weise reagierte. Ich sah mich bereits in einer Gummizelle oder unter stärkste Psychopharmaka gesetzt, sollte ich meine neurologischen Ausfälle nicht in den Griff bekommen.

»…nein, das war nicht das erste Mal…Wie?«

Ich war weit weg. Ich hörte Ruth und Adrian miteinander sprechen, doch im gleichen Moment ließ ich meinen Geist eine Auszeit nehmen und treiben. Bilder von Florian aus glücklicheren Tagen tauchten auf. Er lachte und strahlte. Mein Flo!

» Du musst an den Ursprung gehen! «

Es war Florians Stimme, die durch meinen Kopf spukte und mich aus meinem Tagtraum zurück in die Realität riss. Flo, obwohl tot, hatte recht – wie immer! Ein Schlüssel zu seinem unplanmäßigen Ableben lag offensichtlich tief in meinen Erinnerungen begraben.

»Mir geht es besser!«, brachte ich mich in die Unterhaltung von Ruth und Adrian ein.

»Wirklich?«, Ruth blieb skeptisch.

»Wirklich! Es ist nur… Jedes Mal, wenn ich an bestimmte Dinge erinnert werde, ist es… Als ob mein Schädel platzt. Irgendetwas in mir weigert sich, sich der Vergangenheit zu stellen. Es hängt mit… Phillip… zusammen.«

Ruth nickte und wirkte betroffen: »Das war eine schlimme Sache, damals.«

»Was weißt du darüber?«, fragte Adrians Ruth.

»Nicht viel. Flip, so nannten sie ihn, ist bei einem Autounfall tödlich verunglückt.«, Ruth lehnte sich in ihrem Gartenstuhl zurück, »Ich weiß, dass es Leute gibt, die Sebastian die Schuld an seinem Tod geben. Es wurde behauptet…«

Ruth verstummte.

»Sprich es ruhig aus…«, der konstante Körperkontakt zu Adrian bewirkte Wunder. Trotz des brisanten Themas blieb ich halbwegs ruhig… Von einem leichten Brechreiz abgesehen.

»Es wurde behauptet, du hättest Phillip zum Sex verführt, ihn quasi vergewaltigt. Und weil er mit dieser Schande nicht leben wollte, hat er sich umgebracht. Er hat sich in sein Auto gesetzt und ist gegen einen Baum gefahren. Außerdem, so wird behauptet, hat Florian dich daraufhin verlassen. Du hättest ihn betrogen und obendrein jemanden in den Selbstmord getrieben.«

Ich konnte nur verächtlich lachen. Es war genau die Geschichte, die ich immer und immer wieder hörte und die mich aus der Stadt getrieben hatte.

»Und was stimmt?«, fragte Adrian.

»Ich habe Flip niemals angerührt!«, ich schaute Adrian direkt in die Augen, »Du kennst meine Macke. Ich glaube an so altmodische Dinge wie Treue. Zwischen mir und ihm ist nie etwas gelaufen. Flip war ein toller Junge, ein echter Springinsfeld und super Freund. Das war es aber auch schon. Warum sollte ich ihn anbaggern? Ok, war wirklich süß, aber erstens hatte ich Florian und zweitens war Flip nicht schwul.«

» Das wäre noch zu prüfen. Florian war sich da nicht so sicher.«, mit dieser Aussage erschütterte Ruth mein gesamtes Weltbild.

»Was?«, schrie ich prompt auf.

»Florian vermutete schon vor Jahren, dass Phillip homosexuell war…«

»Bitte, Ruth, sag schwul. Homosexuell klingt immer, als wenn wir nur am poppen wären.«

»Seid ihr das denn nicht?«, zog sie uns auf und lächelte, »Ok, also schwul. Meinetwegen. Flo hatte den Verdacht, dass Flip unglücklich in dich verliebt war.«

»Mein Gott!«, stöhnte ich, während mir schwarz vor Augen wurde, »Dann hab’ ich ihn ja indirekt wirklich in den Selbstmord getrieben.«

Matt und müde ließ ich meinen Kopf hängen.

»Hey, Kleiner, für die Gefühle anderer Menschen bist du nicht verantwortlich.«, es war Adrian, der zärtlich mein Kinn hob und mich ernst anlächelte, »Du kannst nichts dafür, wenn sich jemand in dich verliebt. Sowas passiert. Es ist nicht deine Schuld, wenn du die Liebe nicht erwidern kannst. Man kann sich nicht zwingen…«

Ich sagte erst mal gar nichts, sondern ließ die Worte in meinen Verstand einsickern. Adrians Argumenten konnte man wenig entgegen setzen. Flip war süß, zum Verlieben süß. Möglicherweise hätte es sogar zwischen uns gefunkt, aber… Ich hatte Florian und war glücklich. Mich hätten tausend Traumtypen anhimmeln können, ich hätte es nicht bemerkt. Kitschig aber wahr, hatte ich ausschließlich Augen für Florian. Liebe macht blind.

Dass Flip möglicherweise schwul war, änderte eine Menge. Es fügte einen ganz neuen Aspekt zu den Umständen seines Todes hinzu. Einen Aspekt, der vieles in einem anderen Licht erschienen ließ.

»Ich war es, der mit Florian Schluss gemacht hatte…«, es war das erste mal, dass ich dies öffentlich aussprach. Adrian und Ruth hörten aufmerksam zu.

»Gleich nach Flips Unfall oder Selbstmord wurde Kübelweise Dreck über mir ausgekippt. Für alle war ich das Oberarschloch. Ich weiß bis heute nicht, wer das Gerücht in die Welt gesetzt hatte, aber es hieß: ,Sebastian hat Flip vergewaltigt und Phillip konnte damit nicht leben!’  Niemanden interessierte, dass die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen gegen mich einstellten. Es hieß daraufhin einfach, ich sei nur deswegen ohne Strafe davon gekommen, weil man mir nichts nachweisen konnte. Es sprach ja auch wirklich alles gegen mich. Ich hatte mich mit Flo gestritten. Ziemlich heftig sogar. Es fand zwar nicht in aller Öffentlichkeit statt, aber eine Reihe Leute haben mitbekommen, dass wir uns verkracht hatten. Verdammt! Warum kann ich mich nicht mehr erinnern, worum es ging?«, obwohl ich in einem Gartenstuhl saß, wankte der Boden, »Ich bekomme wieder starke Kopfschmerzen und mir wird erneut übel. Das muss etwas bedeuten! Jedenfalls wurde hinterher behauptet, Flo hätte mir vorgeworfen, ich hätte Flip angemacht. Obwohl ich mich nicht erinnern kann, bin ich mir fast sicher, dass es nicht so war. Ich weiß nur, dass ich nach dem Streit tatsächlich mit Flip zusammen war. Er hatte mich nach Hause gebracht. Ruth, du weißt ja, dass meine Eltern außerhalb Lübecks wohnten. …Argh… Da ist noch mehr… Ich meine mich zu erinnern, dass ich mit Flip ebenfalls einen heftigen Streit hatte… Ja! Ich hab’ mit ihm eine ganze Weile debattiert. Bei mir zu Hause. Er ist dann später gefahren…«

Hier und da flackerten Erinnerungsbruchstücke auf. Mir war, als wenn ich versuchte Löcher in eine Wand zu schlagen, um zu sehen, was hinter ihr ist.

»Und dann kam es zu dem Unfall?«, fragte Ruth.

Ich zögerte mit einer Antwort und dachte stattdessen intensiv nach: »Nein, eben nicht! Mir fällt es wieder ein. Den Streit mit Flo hatte ich Mittags, den mit Flip viel später am Nachmittag, sein Unfall aber, geschah erst Abends. Soweit ich mich erinnern kann war Flip nach Hause gefahren und erst Stunden später kam es zu dieser Tragödie. Das war eine Merkwürdigkeit die nicht ins Bild passte. Wenn ich Flip tatsächlich an die Wäsche gegangen wäre – was ich nicht tat – und er sich deswegen vor Selbstekel umbringen wollte – was ich mir immer noch nicht vorstellen konnte -, warum fuhr er dann erst nach Hause, um später zu mir zurück zu kehren. Flip verunglückte auf dem Hinweg zu mir und nicht auf dem Weg von mir weg!«

»Er wollte noch mal mit dir sprechen.«, schlug Adrian vor.

»Wie? Sprechen?«

»Na ja, ihr habt euch gestritten oder… heftig diskutiert. Er ist also abgehauen und nach Hause gefahren. Wahrscheinlich hat er über die Sache noch mal nachgedacht und wollte mit dir darüber reden. Vielleicht wollte er sich auch bei dir entschuldigen? Wer weiß das schon. Kannst du dich nicht erinnern, worum es bei eurem Streit ging? An gar nichts?«

Ich wünschte ich könnte, aber ich konnte nicht. Stattdessen wurde mir wieder übel und ich unterließ es, weiter in Erinnerungen zu kramen. Zweimal Würfelhusten an einem Tag wollte ich dann wirklich nicht riskieren. Stattdessen griff ich lieber zum Cognac. Da Alkohol bekanntermaßen eine lokalanästhetische Wirkung besitzt, beruhigte sich mein Magen – Etwas.

»Wieso hast du mit Florian Schluss gemacht? Wie konntest du sowas nur tun? Es hieß immer nur, du und Florian hättet euch einvernehmlich getrennt.«, offensichtlich war ich mit dieser Beichte in Ruths Ansehen tief gesunken. Anders war ihr frostiger Tonfall kaum zu deuten.

»Es mag unglaubwürdig klingen, aber ich tat es, weil ich ihn liebte.«

Ruth zog ihre Augenbrauen hoch.

»Ich wollte nicht, dass er auch noch den Dreck abbekam, mit dem man nach mir warf. Da alle Leute überzeugt waren, dass ich ihn mit Flip betrogen hatte, genoss er alle Sympathien und ich war der Arsch. Natürlich wäre Flo sofort für mich eingetreten. Doch was dann? Die Meute wäre auch über ihn hergefallen. Du weißt doch, wie Antje reagierte, als die Gerüchte über Flip und mich ins Feld schossen. Endlich hatte sie den Hebel, nach dem sie so lange gesucht hatte, um ihren armen verwirrten Sohn meinem schädlichen Einfluss zu entziehen. Sie machte Florian absolut unmissverständlich klar, dass, wenn er zu einem Vergewaltiger wie mir stehen würde, er nicht mehr ihr Sohn sei.«

Ich seufzte: »Ich wusste, wie er sich entscheiden würde… Ich wusste, was zu tun war…«

Mehr brauchte ich nicht sagen. Ruth und Adrian verstanden auch so. Es war die schwerste Entscheidung, die ich je in meinem Leben getroffen hatte. Florian zu verlassen – aus Liebe.

 

Scholle mit Salzkartoffeln

»Es ist spät geworden. Wollt ihr einen Happen essen?«, Ruth schaute von ihrer Armbanduhr auf. Die letzte halbe Stunde hatten wir mehr oder weniger geschwiegen. Adrian aus Höflichkeit, Ruth, weil die Erinnerung an ihren Enkel starke Gefühle der Trauer in ihr geweckt hatten und schließlich schwieg ich, weil die gleichen Erinnerungen ein wahres Feuerwerk an anderen Erinnerungsfragmenten ausgelöst hatten.

Flüchtigen Blitzen gleich, flammten Fragmente von Szenen und Begebenheiten auf, um gleich wieder im feuchten Sumpf der Verdrängung zu erlöschen. Ich versuchte diese Bruchstücke fest zu halten, mich an sie zu klammern, aber es gelang nicht. In meinem Schädel herrschte Chaos. Wie bei einem gigantischen Puzzle, schien kein Stück an das andere zu passen.

»Sebastian, das wirst du mir büßen!«

»Du hast doch keine Ahnung, wie ich mich fühle! Du kennst mich nicht!«

»Wieso tust du mir das an?«

»Er scheint sich wohl noch für andere Männer zu interessieren…«

»Es gibt niemanden! Nur dich!«

»Glaubst du, du kannst alle deine Freunde immer beschützen? Immer?«

Bilder, Worte, Gesichter, Gefühle – Nichts machte wirklich Sinn. Hauptsächlich fehlte mir ein Ansatzpunkt. Das ist der große Nachteil daran, wenn es einem gelingt, Erlebnisse erfolgreich zu verdrängen. Sie lassen sich anschließend nur schwer und widerwillig ausgraben. Man schaufelt eine Schicht frei und kann gerade noch erkennen, wie das wichtigste Stück Erkenntnis nur noch tiefer in den Treibsand versinkt.

»Hallo, hört mir irgend jemand zu?«, ließ sich Ruth vernehmen.

»Oh, entschuldige, ich war mit meinen Gedanken ganz wo anders.«

»Schon gut. Wer war das nicht?«, entgegnete Ruth warmherzig und lächelte verständnisvoll. Auch wenn sie es nicht hören wollte, in diesem Moment sah sie aus, wie die allerliebste Lieblingsomi. Und als wenn sie meinen Gedanken erraten konnte, richtete sie sich noch ein wenig omihaft in ihrem Gartenstuhl auf und wiederholte ihre Frage: »Wollen wir etwas Essen?«

Ich warf Adrian einen fragenden Blick zu, der mit einem leichten Kopfnicken bestätigt wurde. Außer Frühstück und dem leichten Früchtetörtchen, hatten wir bisher nichts gegessen.

»Gern! Wir wollen dir aber keine Umstände bereiten…«

»Macht ihr auch nicht. Wir gehen essen. Erstens hab’ ich nicht genug im Haus und zweitens hab’ ich keine Lust zu kochen. Ihr seid herzlich eingeladen. Unter einer kleinen Bedingung…«

»Und die wäre?«

»Ihr bringt mich wieder nach Hause. Am wenigsten hab’ ich Lust heute noch Auto zu fahren.«

Diesmal war es Adrian, der mir einen Blick zu warf. Dieser war aber nicht fragend, sondern eher nervös. Meine Stirn kräuselte sich, als ich darüber nachdachte, was er denn meinen könnte. Schließlich fiel es mir ein.

»Ähm, da gibt es eine kleines Problem. Wir passen nicht alle in unseren Wagen.«, ich machte eine entschuldigende Geste.

»Nicht?«, Ruth war überrascht, »Womit seid ihr denn hier? Einem Smart? Naja, Studenten, da hat man nicht so viel Geld.«

»Ähm…«, warum musste es mir peinlich sein, dass Adrian einen sündhaft teuren Sportwagen sein Eigen nannte?

»Sowas in der Art. Keinen Smart, aber tatsächlich ein Zweisitzer…«, half mir Adrian aus der Klemme.

»Ach…«, Ruth musterte Adrian mit einer Mischung aus Überraschung, Amüsiertheit, Neugierde und Ironie, »Ein Zweisitzer ohne Namen… soso… Gut, dann nehmen wir meinen Wagen.«

Ruths Wagen erfüllte die Anforderung, die der 911 Turbo nicht erfüllte. In ihrem Fahrzeug hatten drei Leute ausreichend Platz. Selbst fünf Passagiere hätten kein Problem dargestellt. Ruths Wagen, ein Renault Megáne, war ausgesprochen geräumig.

Auf dem Weg zum Carport fiel der Blick unserer Gastgeberin unvermeidlich auf Adrians Automobil: »Ist das Ihr sogenannter Zweisitzer?«

»Ähm… ich befürchte, ja.«, nanu, seit wann war Adrian schüchtern?

Ruth grinste: »Adrian, Sie sind wohl eine Person mit Geheimnissen…«

 

Ostseescholle – Wenn schon Heimat, dann doch bitte auch mal etwas anderes. Ehrlich gesagt, mir waren die Fischprodukte in Berlin nie ganz geheuer. Auf 300km Transportweg kann viel passieren und Fisch, der wirklich frisch zu sein schien, stand weit außerhalb meines finanziellen Spielraums.

So nutzte ich die Gunst der Stunde und die Freundlichkeit Ruths, uns in ein nobles Restaurant eingeladen zu haben. Ich ließ mir eine Ostseescholle mit Salzkartoffeln kommen. Adrian, welcher eher aus küstenfernen Landen der Republik stammte, fand meine Speisenwahl interessant. Entgegen der sonst üblichen Zurückhaltung seiner Landsmannschaft seitens maritimer Nahrungsmittel, war er durchaus aufgeschlossen und experimentierfreudig. Immerhin umfasste die Bandbreite seines Schuppentierkonsums die klassischen Modefische, wie Dorade royal, Zander oder Red Snapper. Immerhin, denn der Durchschnittsmann um die 25 kennt bisweilen nur zwei Arten Fische: Den FischMac und den gemeinen Klotzfisch, auch bekannt unter dem Namen Fischstäbchen.

Ganz anders Ruth. Typisch Frau hätte sich Ruth am liebsten eine Portion Jakobsmuscheln bestellt, wenn es nicht gerade Juli gewesen wäre. Muscheln gibt es bekanntlich nur in den Monaten die ein R in ihrem Namen haben. Mai, Juni, Juli und August sind muschelfrei. Stattdessen ließ sich Ruth einen Sommersalat mit gebratenen Entenbruststreifen und Himbeervinaigrette kommen.

Adrian blieb bodenständig und gönnte sich ein Kalbsmedallion in Weinschaummus an Sommergemüse auf einem Kartoffelstrohbett.

Wer kommt eigentlich auf solche Rezepte? Würde ich des Restaurants verwiesen werden, wenn ich mir statt der Scholle eine Currywurst mit Fritten rot/weiß bestellt hätte? Eine müßige Überlegung, denn der Flachfisch war vorzüglich und weckte die angenehmen Erinnerungen an meine Heimat. Ruths Weinwahl war wohl überlegt und treffsicher. Um so betrüblicher, dass Adrian als designierter Fahrer unserer Dreiertruppe trocken bleiben musste.

Das Essen fand, abgesehen von ein paar konventionellen Belanglosigkeiten, überwiegend schweigend statt. Erst nach der Mahlzeit, Ruth und ich hatten bereits mehrere Gläser Wein intus, begann unsere Gastgeberin an die Unterhaltung vom Nachmittag zu knüpfen.

»Wegen morgen…«

»Ja?«

»Wie gesagt. Ich würde es sehr begrüßen, wenn du zur Trauerfeier kommen würdest.«, Ruth näherte sich vorsichtig ihrem eigentlichen Anliegen.

»Ja?«

»Es könnte hart für dich werden.«

»Antje?«

»Auch… Sie ist sicherlich nicht die einzige, die deine Anwesenheit als…«, Ruth sprach nicht weiter.

»Ich weiß was du meinst. Rätst du mir ab?«

Ruth richtete sich ruckartig auf: »Auf keinem Fall! Du hast mich völlig missverstanden! Ich wollte sagen: Ich stehe hinter dir! Komme was oder wer da wolle. Florian war mein Enkel und ich denke, ich habe alles Recht der Welt, mit zu bestimmen, wer zur Trauerfeier kommt und wer nicht. Ich bitte dich zu kommen.«

»Danke! Ich weiß das sehr zu schätzen.«

Damit war alles gesagt. Wir verabredeten noch ein paar technische Details. Unter anderem wollten wir uns mit Ruth vor dem Friedhof treffen und gemeinsam zur Kapelle gehen, als Rückendeckung von Anfang an. Nachdem alles besprochen, das Dessert gegessen und der letzte Wein getrunken war, brachten wir Ruth zurück zu ihrem Haus.

»Danke, dass ihr mich besucht habt!«, verabschiedete sich Ruth von uns, »Adrian, passen Sie mir gut auf Sebastian auf. Gute Nacht.«

Es kam, allen Vorsätzen zum Trotz, zu einer allseitigen Umarmung, doch schließlich trennten wir uns voneinander. Ruth ging ins Haus und wir stiegen in Adrians Auto. Es war später Abend, die Dämmerung hatte eingesetzt und tauchte die vorbeieilende Landschaft in ein flackerndes Zwielicht. Die Strahlen der untergehenden Sonne erzeugten irreal wirkende Schlaglichter in der schwülen und leicht diesigen Luft. Benebelt vom Alkohol des Weins döste ich vor mich hin.

Adrian schwieg. Die ganze Fahrt von Ruths Haus zu unserem Hotel. Ich bemerkte es nicht gleich. Wie auch, nach mindestens vier Gläsern Wein? Ich war nicht etwa betrunken, allerdings auch nicht mehr nüchtern. Meine Auffassungsgabe war eingeschränkt. Andernfalls hätte ich Adrian auf seine Schweigsamkeit angesprochen. So war es also an ihm, die Stille zu brechen.

Adrian hatte den Wagen auf dem Parkplatz geparkt, den Motor aber noch nicht abgestellt. Statt, wie zu erwarten wäre, dies nachzuholen und auszusteigen, drehte der sich mir zu und schaute mich direkt an.

»Du hast nie wirklich aufgehört Florian zu lieben, oder?«

 

Unter Bäumen

Mir wurde heiß. Richtig heiß. Trotz der hervorragend arbeitenden Klimaanlage, die die Zuffenhausener Sportwagenfabrik in ihr Produkt verbaut hatte, bildeten sich kleine Schweißperlen auf meiner Stirn. Adrians Frage hatte gleichzeitig etwas Brennendes und etwas eisig Kaltes. Mir lief ein heiß-kalter Schauer über den Rücken, während im selben Moment Blut in meine Wangen schoss und selbige rötete. Adrian hatte einen 117,5 prozentigen Treffer gelandet.

Ich schwieg. Die Reaktion meines vegetativen Nervensystems hatte bereits für mich geantwortet.

Adrian sprach weiter: »Du bist der härteste Knochen, den ich kenne. Hast du wirklich Florian aufgegeben, damit man ihn verschont? Gehst du für eine Freundschaft wirklich so weit?«

Ich schwieg… immer noch. Was hätte ich auf diese Frage antworten sollen?

Adrian seufzte, zog den Schlüssel vom Zündschloss ab und stieg aus dem Wagen. Ich folgte ihm. Schweigend gingen wir auf unser Zimmer. Eine drückende Stimmung hatte sich zwischen uns breit gemacht. Wir zogen uns für die Nacht aus, und legten uns ins Bett, jeder auf seine Seite. Adrian löschte das Licht.

Es wurde totenstill. Ich wagte kaum zu atmen. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, ich wäre mir absolut sicher gewesen, dass ich allein im Schlafzimmer, im Doppelbett, lag.

»Hab’ ich überhaupt eine Chance bei dir?«, Adrians Frage zerriss die Stille – Wie der Faustschlag eines Preisboxers, der sich ungebremst in die Magengrube seines Gegners rammt. Ich wusste sofort, was Adrian meinte. Schlimmer noch: in begann leise zu ahnen, wie sehr Adrian in mich verliebt war. In seiner Stimme schwang eine Sehnsucht mit, die weit über pures körperliches Begehren hinausging.

In meinem Hals bildete sich ein ernst zu nehmender Kloss. Auch meine Augen neigten, unerwartet und wenig erwünscht, zu einer vermehrten Feuchtigkeitsbildung.

»Bitte frag’ mich nicht. Ich kann dir keine Antwort geben. Nicht jetzt… Vielleicht, wenn alles vorbei ist. Wenn ich Florians Mörder gefunden habe…«

Adrian hatte einen wunden Punkt berührt. Wollte ich eine Beziehung? Oder musste ich mir möglicherweise eine weitaus ernsthaftere Frage stellen: War ich überhaupt beziehungsfähig?

Wenn ich meine bisherigen Lebensabschnittsbegleiter seit Flo Revue passieren ließ, musste ich bei aller Ehrlichkeit gestehen, dass die Form meiner Beziehungen in den letzten Jahren recht schmalbandig war. Mehr oder weniger konzentrierte es sich auf den Teilaspekt körperlicher Attribute und Interaktionen. Sicher, es waren keine One-Night-Stands. Ich und meine jeweiligen Partner hielten es immer ein paar Monate miteinander aus. Sicher, ich war stets treu, oft auch der perfekte »Ehemann« (Wie anders hätte mein psychopathisches Ex mich so lange ausnützen können?) – Aber…

Mathias, ein ausgesprochen nettes Kerlchen, mit dem ich über ein halbes Jahr zusammen war, formulierte es folgendermaßen: »Sebastian, du bist der netteste und geilste Freund und Liebhaber den man haben kann, doch trotzdem. Auf Dauer wird es mit uns nichts werden. Da ist eine Mauer um dich herum. Ich weiß nicht, warum, aber du lässt einen nicht an dich ran. Bis zu einem bestimmten Punkt ist alles Ok. Doch wenn man diesen Punkt überschreitet und dir nicht nur körperlich näher kommen will, machst du zu. Das kann so nicht funktionieren. Zu einer echten, wirklichen Beziehung gehört, dass man auch seine Gefühle teilt. Aber, da kommt bei dir nichts! Gar nichts! Mein Gott, ein Backstein zeigt mehr Gefühle als du. Es tut mir Leid…«

Mir auch, denn mit diesen Sätzen, denen ich schweigend folgte, fand unsere Beziehung ihr Ende. Mathias schien zu hoffen, dass ich um ihn kämpfen würde. Dass ich mich anlässlich seines verzweifelten Versuchs unsere Zweierkiste in den Griff zu bekommen, aufraffen und mich ihm öffnen würde. Doch dazu war ich zu doof. Ich tat einfach nichts – Mathias ging.

Er verließ meine Wohnung mit Tränen in den Augen und ich saß nur da, starrte den Boden an und fühlte, bis auf eine überwältigende Leere und ein unangenehmes Ziehen in der Brust, nichts, rein gar nichts.

Denn die bittere Wahrheit lautete: Mathias hatte recht mit seiner Vermutung. Ich hatte eine Mauer um mein Innerstes gelegt. Ich war ein klarer Fall von Selbstentfremdung. Deswegen irrte er, wenn er dachte, ich würde nur ihn abblocken. Ich blockte mich selber ab. Darin war ich Profi. Immerhin: Mathias hatte mehr erreicht, als ich mir gegenüber jemals erreicht hatte. Er hatte tatsächlich ein wenig am Fundament meiner Emotionsmauer gerüttelt. Die Wand hatte winzige Risse bekommen. Diese Risse waren schmerzhaft, was zu einer simplen Konsequenz führte:

Nach Mathias wählte ich nur noch Typen aus, die mehr Interesse an meiner Physis statt an meiner Psyche hatten. Wie anders kommt man sonst an ein Arschlöcher wie Thorsten?

Es raschelte neben mir. Adrian hatte sich zu mir umgedreht. Er legte eine Hand auf meine Schulter. Ein Strom von Wärme und Mitgefühl durchflutete meinen Körper. Ich seufzte, diesmal dankbar. Die eben noch schmerzhaft drückende Stille wandelte sich zu einer warmen, fast spirituellen Stille der Geborgenheit. Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, aber in völliger innerer Ruhe, schlief ich ein.

Danke Adrian.

 

10:34 Uhr. Adrian hatte seinen Wagen etwas abseits des Friedhofes geparkt. Die Julisonne brannte erbarmungslos vom Himmel. Unsere dezent-dunkle Kleidung mochte für Trauerfeiern angemessen sein, für das vorherrschende Sommerhoch war sie es auf keinem Fall. Wir versuchten uns möglichst im Schatten der Bäume zu halten, die die Straße entlang des Lübecker Burgtorfriedhofs säumten.

Unser Treffen mit Ruth war für viertel vor elf vereinbart. Olli hatte sich kurz nach dem Frühstück gemeldet und unserer Planung für die Trauerfeier zugestimmt. Er wollte versuchen, zur gleichen Zeit ebenfalls bei unserem Treffpunkt auf zu kreuzen. Als Ziel hatten wir einen schattigen Punkt an der Rückseite der Kapelle ausgemacht. Ruth meinte, dort wäre die Gefahr Antje in die Arme zu laufen, noch am Geringsten. Sie würde zweifelsfrei direkt vor der Kapelle auf die Trauergäste warten.

Unsere dunkle Kleidung war nicht deplaziert, sie war mörderisch. Obwohl wir uns im Schatten einer Baumgruppe mächtiger Eichen versteckt hielten, war die Luft stickig. Die Schwüle der letzten Tage war zwar verschwunden, dafür war die Luft jetzt extrem trocken, staubig und voller Smog. Über dem Pflaster und den Sandwegen des Friedhofs flirrte die Luft. Das Atmen fiel schwer. Möglicherweise war aber auch die bevorstehende Veranstaltung daran nicht ganz unschuldig.

Olli tauchte als Erster am vereinbarten Treffpunkt auf.

»Verdammt, die Hitze bringt mich um!«, war sein Begrüßungstext, dem wir kopfnickend zustimmten. Mit einem Taschentuch tupfte er sich den Schweiß von der Stirn, »Lange halte ich das in diesen Klamotten nicht aus.«

Auch er hatte sich in etwas trauerkompatibles Schwarzen gezwängt.

»Ich habe eine schlechte Nachricht für euch. Antje weiß, dass du in Lübeck bist.«

Diese Nachricht verstärkte meine eh schon massive Transpiration. Alle bis dato noch nicht aktiven Schweißdrüsen, nahmen ihre Arbeit auf das gewissenhafteste auf.

»Woher?«

»Keine Ahnung. Das hat sie nicht gesagt. Gestern Abend war ich bei meinen Eltern. Wir wollten die letzten Punkte der Trauerfeier absprechen.«, Olli tupfte und tupfte und tupfte – erfolglos, »Ich war kaum zur Tür rein, da überfiel sie mich auch schon:, Weißt du, dass diese… Person in Lübeck ist?’ Ich wusste sofort, wen sie mit Person meinte – Bei ihr Klang ,Person’ so, als ob sie sich an einem Stück Knorpel verschluckt hätte.«

»Und was hast du geantwortet?«

»Ja!«

»Ja?«

»Ja… Das heißt nein.«

»Wie jetzt?«

»Ich antwortete: ,Wenn du mit Person Sebastian meinst, dann lautet meine Antwort ja.’ «

Ich staunte nicht schlecht. Ich konnte mir Antjes Reaktion lebhaft vorstellen. Trotzdem fragte ich nach: »Und wie hat sie reagiert?«

»Was denkst du?«

»Wenig glücklich?«

»Deine Fähigkeit zur Untertreibung von Naturgewalten grenzt an britisches Understatement. Antje rastete aus! Total und vollständig! ,Dieses perverse Subjekt, wie kann er es wagen?’ , ,Der soll mal versuchen zur Trauerfeier zu kommen. Dann kann er was erleben!’ , ,Wenn ich den in die Finger bekomme!’ , ,Ich werde nicht zulassen, dass er das Andenken meines Sohnes besudelt!’ «

»Besudelt?«

»Besudelt! Manchmal ist ihre Ausdrucksweise etwas… ähm barock.«

»Etwas…«

»Willst du noch mehr hören?«

»Ich glaube, du hast uns eine sehr plastische und durchaus ausreichende Vorstellung von Antje gegeben.«

»Nicht wirklich, denn das ging mindestens eine halbe Stunde so weiter. Schlimmer noch, Antje steigerte sich immer mehr in ihre Hasstiraden hinein. Zuerst wollte sie dich nur zur Sau machen. Später war sie dann auf den Trichter gekommen, dich von der Polizei abführen zu lassen. Sie meinte, sie hätte auf der Trauerfeier das Hausrecht in der Kapelle und könne dich daher wegen Hausfriedensbruchs und Verletzung der Totenwürde anzeigen und verhaften lassen. Wenn das noch länger gegangen wäre, hätte sie wahrscheinlich die Bundeswehr gegen dich aufgefahren.«

»Toll! Ganz toll! Adrian, wir gehen! Ich will nicht, dass wegen mir die Trauerfeier in einer Katastrophe endet. Das kann ich Florian nicht antun.«, wenn Antje die Feier zur Farce machen wollte. Bitte, sollte sie, aber dann ohne mich. Ich war fest entschlossen zu gehen.

»Nichts da!«, stellte sich Olli quer, »Du hast noch nicht alles gehört. Wie gesagt, die Sache ging eine halbe Stunde oder mehr. Aber dann kam Rolf.«

»Dein Vater?«, ich wollte es kaum glauben. Rolf Krüger war nie der Typ gewesen, der jemals etwas tat. Ich habe kein einziges Mal erlebt, dass er seiner Frau widersprach, geschweige denn, das Wort gegen sie erhob. Das soll nicht heißen, dass er unter ihrem Pantoffel stand. Rolf Krüger war kein Weichei. Er war schlicht und ergreifend immer die Ruhe selbst. Je mehr sich Leute aufregten, desto ruhiger wurde Rolf. Rolf war ein psychischer Wellenbrecher. An ihm prallten Emotionen einer hitzigen Debatte nicht etwa ab, sie liefen sich an ihm einfach tot.

Um so überraschter war ich, dass sich Rolf aktiv eingeschaltet hatte.

»Oh, ja Rolf! Er stand auf und sagte ganz ruhig und gelassen: ,Antje, halt den Mund!’ . Dann verließ er ohne ein weiteres Wort den Raum und ward den Abend nicht mehr gesehen. Antje klappte der Unterkiefer runter. Das erste Mal in ihrem Leben wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Ich glaube, sie hat in dem Moment begriffen, dass sie mit ihrer Meinung allein ist.«

»Wow!«

»Warts ab, dass ist noch nicht alles. Heute Morgen hat mich Rolf auf meinem Handy angerufen. Du kennst meinen Vater. Dass er mich auf meinem Handy anruft, kommt vielleicht alle zwei Jahre mal vor. Er mag die Dinger nicht. Jedenfalls ging ich ran und er sagte: ,Reserviere für Sebastian und seine Begleitung einen Platz. Sowohl in der Kapelle und später auch im Café. Und sage ihm, dass es mir leid tut.’ «

»Ich…«, wusste nicht was ich sagen sollte. Mir kamen die Tränen, dabei hatte die Trauerfeier überhaupt noch nicht begonnen.

»Ich weiß, was du sagen willst.«, damit wusste Olli mehr als ich, »Ich bin nach dem Telefonat sofort zu Rolf gefahren. Ich glaube, mein Vater begreift erst jetzt, was er mit Florians Tod verloren hat. Er realisiert langsam, dass er nie mehr die Chance haben wird, sich mit Flo auszusprechen. Ihm schwant, dass Antje ihn für ihren Hass auf dich instrumentalisiert hat. Doch damit scheint jetzt Schluss zu sein. Er will mit dir reden, sich bei dir entschuldigen.«

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«, diese Wendung kam völlig überraschend und überwältigte mich. Nach der Geschichte mit Flip hatte Rolf Krüger mir das Leben sehr schwer gemacht. Er jagte die Anwälte seiner Firma auf mich, die mich mit einstweiligen Verfügungen zukleisterten. Ich sollte seinem Sohn niemals wieder näher als 100 Meter kommen, von der Schule einmal abgesehen. Nicht alles ließ sich gerichtlich durchsetzen, aber es reichte, mir das Leben zur Hölle zu machen.

Und jetzt dieser Wandel. Wer weiß, möglich, dass die Trauer um seinen Sohn ein paar blockierte Nervenzellen befreit hatten.

Ich brütete noch über der neuen Situation, als Ruth zu uns stieß: »Guten Morgen, trotz des Anlasses.«

»Hallo Omi…«

»Oliver-Thomas, du sollst mich niemals Omi nennen!«

»Hallo Ruth, hast du schon von Rolf gehört?«

»Sicher. Ich habe mit deinem Vater gestern Abend ein sehr langes Telefongespräch geführt. Dann hat er also mit dir gesprochen?«

»Ja, er will Sebastian bei der Trauerfeier dabei haben. Egal, ob Antje das will oder nicht.«

»Sehr gut! Er scheint wirklich zur Vernunft gekommen zu sein. Wir…«

Die Glocke der Kapelle fiel Ruth ins Wort. Obwohl sie nur ihrer Aufgabe nachkam, die Trauergesellschaft ins Innere der Kapelle zu rufen, erntete sie von Ruth einen bösen Blick. Sie mochte es nicht unterbrochen zu werden, von niemandem, auch nicht von der Glocke einer Kapelle.

Olli zuckte mit seinen Schultern: »Ich glaube, wir sollten reingehen.«

 

Die Trauergesellschaft

Wir verließen unser schattiges Plätzchen unterhalb der Bäume und traten hinaus in die Sonne. Die Hitze schlug uns wie ein Faustschlag entgegen. Unter den Bäumen war es bereits unerträglich heiß gewesen, aber diese Hitze war jenseits von gut und böse. Die Luft brannte beim einatmen in Hals und Nase. Der flirrende Staub reizte zusätzlich zum Husten. Wir beeilten uns die Kapelle so schnell wie möglich, also extrem langsam, zu umrunden. Einziger Antrieb war die Hoffnung, im Inneren auf moderatere Temperaturen zu stoßen.

Wir wurden nicht enttäuscht. Orgelmusik und angenehm kühle Luft schlug uns entgegen. Dafür konnte ich im ersten Moment wenig erkennen. Der Wechsel vom grellen Tageslicht in das Dunkel des Andachtsraums führte zu einem kurzen Moment der Blindheit und Desorientierung.

»Er ist wirklich gekommen. Dieses Arschloch hat wohl vor nichts Respekt.«

Die Worte wurden nur geflüstert und wären mir wohl nie aufgefallen, wenn ich nicht gerade dabei gewesen wäre, mich im Raum zu orientieren. Ich war mir absolut sicher, die Stimme zu kennen. Allerdings wurde so leise geflüstert, dass ich zwar erkannte, dass der Sprecher männlich war und mir geläufig sein musste, nicht aber, wessen Stimme es war.

Meine Sehfähigkeit kehrte zurück. Ich schaute mich nach freien Plätzen um. Wie nicht anders zu erwarten, erkannte ich etliche der anwesenden Personen und wurde meinerseits von ihnen ebenfalls erkannt. Die Reaktionen des Publikums waren vielfältig. Vom einen Ende der Skala gab es freundliche und dem Anlass angepasst getragenes Kopfnicken. Die andere Seite ließ in etlichen Gesichtern deutliche Ablehnung aufblitzen, wenn nicht sogar blanker Hass und, mir völlig unverständlich, Ekel.

Ich befürchtete schon, mich mit Adrian neben jemanden setzen zu müssen, der mir am liebsten ein Messer zwischen die Rippen stechen wollte, doch dann sah ich Olli und Ruth, die mir und Adrian zuwinkten und auf zwei leere Plätze deuteten. Wir bahnten uns einen Weg und ließen uns auf diese, für uns reservierten, Sitze nieder.

Wir hockten am Rand, im hinteren Drittel der Kapelle. Die vorderen Bänke waren von nahen Verwandten der Familien Krüger und Wagner besetzt. Da die Trauerfeier noch nicht begonnen hatte – die Kapelle war immer noch dabei sich zu füllen – nutzte ich die Gelegenheit, mich umzusehen.

Weit vor uns, in der ersten Reihe, erkannte ich Flos Familie. Seinen Vater Rolf, Olli, Ruth, seine Schwester Simone, dann seine Großeltern mütterlicherseits, Mechthild und Gustav Wagner, und zum Schluss Antje. Obwohl Antje ständig aufstand und ihren Blick über die Gäste streifen ließ, dem einen oder anderen zunickte, hatte sie mich bisher nicht entdeckt. Ich legte auch nicht sonderlich Wert darauf, von ihr bemerkt zu werden und vermied so gut es eben ging, dass sich unsere Blick trafen. Die Blickkontaktvermeidung war einfacher als befürchtet. Vor mir saß ein Riese von einem Mann. Locker zwei Meter groß. Ausgestattet mit dem Kreuz eines Eichenholzwohnzimmerschranks, schirmte mich diese Naturgewalt effektiv vor jeglicher ungewollten Entdeckung ab. Ich meinte mich zu erinnern, dass es sich bei diesem Koloss um Onkel Michael handelte, Antjes Stiefbruder. Antje war ein Kind aus Gustav Wagners zweiter Ehe mit Mechthild, geborener Jensen. Michael stammte aus Gustavs erster Ehe und war deswegen auch knapp 10 Jahre älter als Antje.

Mir war sein Verwandtschaftsgrad eigentlich völlig egal. Ich war froh, mich hinter seinem Rücken vor Antjes Blick verstecken zu können. Gleichzeitig konnte ich aus meiner Deckung den Rest der Trauergemeinde taxieren.

Wie das bei solchen Gelegenheiten immer so ist, war mir nur knapp die Hälfte der Anwesenden bekannt. Woher sollte ich auch Florians Großonkel väterlicherseits aus Schwäbisch Gmünd kennen? Der Mann war Ende 70 und schien die Fahrt nach Lübeck eher schlecht als recht überstanden zu haben. Man musste fast eine Doppelbeerdigung befürchten.

Aus dem ferneren Verwandtschaftskreis sagten mir neben Onkel Michael nur zwei Personen etwas: Sybille Keyser, Florians Cousine, Tochter von Antjes Schwester, und Sascha Krüger, Florians Vetter. Sybille hatte ich mindestens 5 Jahre nicht gesehen, weswegen ich sie auch fast nicht erkannt hätte. Sybille hatte sich definitiv zu ihrem Nachteil entwickelt. Aus einer schlanken, sportlichen Frau war eine beleibte Mammi geworden. Früher hatten alle Jungs mit heterosexueller Orientierung bei Sybilles Anblick gesabbert was das Zeug hielt, wenn sie nicht womöglich sogar ihre Unterhosen wechseln mussten. Heute… nun ja, niemand würde mehr sabbern und die Unterhosen blieben sicherlich auch trocken. Sybille war zwei Jahre älter als ich. Damals hatte sie blonde lange Haare, einen strammen, sehr schlanken, durchtrainierten Körperbau, der ihr etwas dominant-maskulines verlieh. Als semiprofessionelle Turnierreiterin war ihre Kondition sicherlich kein großes Wunder gewesen. Ein Wunder, wenn auch ein unschönes, war, dass von all dem nichts übrig geblieben war.

Sybille war pummelig geworden. Ihre Haare hatten ihren blonden Glanz verloren und erinnerten eher an einen verkletteten Straßenköter. Aber das erschreckendste war, dass Sybille altmütterlich wirkte. Etwas über 25 Jahre alt und schon omahaft. Einfach erschreckend.

Soweit ich wusste hatte sie direkt nach der Schule geheiratet, war prompt schwanger geworden und warf innerhalb von einem Jahr zwei Kinder in die Welt. Hurra, welch trautes Hetenglück in der Heimeligkeit von Eigenheim, Passat Variant, Kinderwagen und Hundegebell. Und alles in der Dorfromantik von Klein Wesenberg. Ich machte mir eine interne Notiz: Sollte mich mal wieder jemand Fragen, warum ich schwul geworden sei. Sybille wäre die überzeugende Antwort.

Und Sascha – Koinzidenz der Ereignisse mit negativen Vorzeichen! Gibt es sowas? Sascha war ein Grottenolm – gewesen. Unvorteilhafte Kleidung, unvorteilhafte Brille, unvorteilhafter Körperbau und schlussendlich unvorteilhaftes Auftreten und Aussehen. Sascha war der Prototyp des Leptosomen gewesen. Hängende Schultern, eine Hühnerbrust wie aus dem Medizinlexikon, unreine Haut mit der darauf folgenden fatalen Neigung zur Aknebildung und eine Brille, die schon sein Urgroßvater getragen haben musste. Als wenn diese unvorteilhaften körperlichen Attribute nicht eh schon fatal genug gewesen wären, wurden sie obendrein von fremder Seite potenziert.

Seine Mama leistete ganze Arbeit. Rolf Krügers Schwägerin und ihres Zeichens klein Saschas Mutter, verstand es auf das Vortrefflichste, ihrem Sohn immer die Klamotten zu kaufen, die seine körperlichen Unzulänglichkeiten auf das nachdrücklichste unterstrichen, ja die niederschmetternde Wirkung sogar noch… ich schrieb es ja bereits… potenzierten.

Sascha hatte keine Freundin. Never!

Soweit die Vergangenheit. Ich war gerade dabei, die Sitzreihen zu scannen, als ich an einem Typen hängen blieb und zu mir sagte: »Hey, was für ein geiler Kerl. Wer könnte das denn sein?« Eine Sekunde später zuckte ich elektrisiert zusammen, als ich in dem geilen Kerlchen Sascha erkannte.

Er hatte zugelegt. Aus dem unterernährten Frettchen war ein gut gebauter Typ geworden. Trainierte, aber nicht übertrainierte Muskeln. Seine Arme hingen nicht mehr an ihm herab, als wenn sie gar nicht zu ihm gehören würden. Seine Schultern waren gerade und seine Brille schien er gegen Kontaktlinsen getauscht zu haben. Die ehemals pickelgepflasterte Haut seines Gesichts war glatt und straff und unterstrich die optische Wirkung kantiger Kieferknochen, die von eleganten, geraden dunklen Augenbrauen contrapunktiert wurden.

»Hey, hast du den Typen da hinten gesehen?«, Adrian hatte Sascha ebenfalls entdeckt, »Wirklich nett!«

Offensichtlich teilte er meine Wertung, so dass ich nur mit einem, »In der Tat!«, antworten konnte.

Ich hatte die letzte Silbe noch nicht zu Ende gebracht, als ausgerechnet das Objekt unseres Minidialogs sich umdrehte, ebenso wie wir die Sitzreihen musterte und sein Blick an mir hängen blieb. Fünf Sekunden lang kräuselte sich Saschas Stirn. Er überlegte. Plötzlich erhellte sich sein Gesicht und er lächelte mir freundlich zu. Nein, er lächelte nicht nur, er nickte mir sogar zu und signalisierte mit einer Mischung aus Gestik und Zeichensprache, dass er mich nach der Trauerfeier sprechen wollte.

Ich nickte, dass ich verstanden hatte und Sascha drehte sich wieder nach vorne. Ich setzte meinen Scan darauf hin fort.

»Was will die denn hier?«

»Hast du was gesagt?«, fragte Adrian. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich meinen Gedanken laut ausgesprochen hatte.

Im Gang stand Batik Doris und suchte nach einem Sitzplatz. Ohne Absprache sanken Adrian und ich tief in unsere Sitzplätze. Hoffentlich entdeckt sie uns nicht! Auch Doris scannte, obwohl sie es so nicht nennen würde. Sie hielt Ausschau und fand, was sie suchte. Einen freien Platz. Dass dieser sich zwischen den engeren Familienmitgliedern befand, störte sie nicht.

Die Frage blieb. Was wollte Doris hier? Flo war nie ein Freund von ihr gewesen. Die beiden hatten keine gemeinsamen Kurse miteinander gehabt. Man könnte sagen, dass die beiden sich bestenfalls vom Sehen kannten. Wenn sie während ihrer gesamten Schulzeit mehr als 5 Worte miteinander gewechselt haben, dann würde mich dies arg überraschen. Also, was wollte Doris hier?

Während ich noch versuchte, mir einen Reim auf dieses Rätsel zu machen, passierte eine weitere Merkwürdigkeit. Doris hatte sich umgedreht und war genau wie Sascha und ich dabei, die Anwesenden abzuchecken. Offensichtlich handelte es sich dabei um ein übliches Ritual dieser Art Veranstaltungen. Adrian und ich hielten uns weiterhin hinter unserer 2-Meter Deckung versteckt, weswegen ihr Blick an uns vorbei ging. Er wanderte von Reihe zu Reihe. Doris schien nachdenklich zu sein. Obwohl… mir gefiel ihr Blick nicht. Es lag eine seltsame Farbe in ihm. Mir kam der Begriff »Boshaftigkeit« in den Sinn, doch… Hey, Junge, du redest hier von Batik Doris!

Batik Doris suchende Augen rasteten auf etwas ein. Der seltsame Unterton in ihrem Blick verstärkte sich und wurde deutlicher: Überlegen- und Überheblichkeit, gemischt mit etwas taktischen Kalkül. Aber neben dieser überraschenden Boshaftigkeit war da noch etwas anderes, etwas dunkles, Lauerndes. Ich folgte Doris Blickrichtung, um das Ziel zu erkennen, wozu ich mich allerdings umdrehen musste.

Vier Bankreihen hinter mir wurde ich fündig. Auf der Bank hockte ein Teil meiner alten Freundestruppe: Jens, Christorph und Christian. Sie hielten also noch Kontakt zueinander. Interessant, denn ich wusste aus sicheren Quellen, dass keiner von ihnen noch in Lübeck wohnte. Welchem der Drei galt Doris besonderes Interesse? Sie hatten sie natürlich ebenfalls entdeckt und schauten ähnlich finster zu ihr zurück.

Da ging etwas ab. Man konnte die Spannung zwischen Doris auf der einen und den drei Jungs auf der anderen Seite fast greifen. Christian schüttelte mit versteinerter Mine langsam seinen Kopf. Eine klare und unmissverständliche Geste: Nein! Nur wozu? Ich schaute wieder zu Doris. Sie schien von dem »Nein« nicht sonderlich beeindruckt zu sein. Ein hinterhältiges Grinsen umspielte ihre Lippen. Wenn ich ihre Mimik richtig interpretierte, dann entgegnete sie in etwa folgendes: »Nein? Jungs, dann schaut mal zur Seite!«

Das »zur Seite« wurde durch entsprechende Augenbewegungen und einer, in eine bestimmte Richtung deutende, Kinnbewegung artikuliert. Die drei Jungs zögerten nicht lange und folgten der Zeigerichtung, die Doris Kinn vorgab. Auf der anderen Seite der Bankreihen, ziemlich genau zwischen Doris und den Jungs und auf gleicher Höhe von Adrian und mir, saß das Ziel. Ich musste mich etwas vorbeugen, um zu erkennen, wer es war. Es war Sören. Sören? Gehörte Sören nicht zu Jens und Co? Wieso saß er alleine?

Die Sache stank gewaltig. Soviel war klar, denn so wie die drei auf den Anblick von Sören reagierten, hatten sie nicht mit seiner Anwesenheit gerechnet. Sören war natürlich nicht entgangen, das er Objekt eines nonverbalen Dialogs zwischen den drei Jungs und Doris geworden war. Zuerst schien er Doris entdeckt zu haben, was einfach war, da sie ein paar Reihen vor ihm saß. Dann musste er beobachtet haben, wie Doris in seine Richtung gedeutete hatte, denn er drehte sich um. Er suchte und fand. Er entdeckte die drei, die gerade dabei waren, ihn mit ihren Blicken zu fixieren.

Die Sache wurde immer unheimlicher. Wie von der Tarantel gestochen, schnellte Sörens Kopf sofort wieder nach vorne. Seltsamer noch, er senkte ihn und schien gebannt auf den Boden zu starren. Im gleichen Moment schien Christian aufspringen zu wollen, wurde daran aber von Jens und Christoph, die links und rechts von ihm saßen, daran gehindert. Jens schien ängstlich zu sein, Christoph cool und Christian kochte. In diesem Moment wurde ich von Christoph entdeckt. Wenn Blicke töten könnten. Christophs Coolness war verschwunden. Er schaute mich wütend, sogar hasserfüllt an, doch schien im selben Blick so etwas wie Angst mitzuschwingen.

Ich kratzte mich am Kinn, drehte mich wieder nach vorne und schaute nochmals kurz zu Doris hinüber. Sie hatte mich immer noch nicht entdeckt. Aber sie grinste, nein, stärker, sie strahlte. Ein triumphierendes, gemeines, gehässiges Lächeln ging von ihrem Gesicht aus. Mit sich selbst sehr zufrieden, drehte sie sich um, denn dort begann in diesem Moment die Trauerfeier.

 

Feier mit Hindernissen

Was man so eine Trauerfeier nennt. Ich konnte mich glücklich schätzen, bisher nur an sehr wenigen Feiern teilnehmen zu müssen. Florians war dir dritte und mit Abstand die mich am stärksten bewegende. In meiner Heimatstadt war es nicht unüblich, statt eines Pastors einen Trauerredner zu verpflichten. Insbesondere, wenn der Verstorbene konfessionell wenig oder nicht gebunden war. Flo hatte Zeit seines Lebens wenig bis nichts von der Institution Kirche gehalten. Häufig, wenn auch nicht immer, gingen die Redner viel intensiver und persönlicher auf die Person ein. Pastoren waren immer sehr in ihre Rituale und Formeln eingebunden.

Bei unserem Redner handelte es sich um einen, für diesen Job, recht jungen Mann. Er war bestenfalls Anfang 30, fand aber sofort den richtigen Ton. Kaum hatte er die einleitenden Worte der Begrüßung der Trauergemeinde ausgesprochen, hingen wir an seinen Lippen. Er hatte ein sehr angenehme, klare und verständliche Stimme. Ihr warmes Timbre verschaffte ihm alle Aufmerksamkeit.

»Warum sind wir hier?«

Eine mehr als unübliche Eröffnung. Der Redner machte keine Anstalten seine Frage zu beantworten. Er ließ sie einfach im Raum stehen und ihre Wirkung entfalten. Warum sind wir hier? Warum bin ich hier?

Die Frage war gar nicht schlecht. Sie ließ mich nachdenken. War ich hier, um Florian Respekt zu beweisen? Oder, weil es sich einfach so gehörte? Wollte ich Abschied nehmen? Von was denn? Wohl kaum von dem toten Körper der, eingeschlossen in einer sauteuren Holzkiste, demnächst als Biodünger für die Friedhofspflanzen dienen würde. Was dann?

Der Redner lächelte freundlich: »Sie sehen, eine einfache Frage lässt sich manchmal gar nicht so einfach beantworten. Manche werden jetzt sagen, um Abschied zu nehmen. Wirklich? Wollen Sie…«

Die Akustik in der Kapelle war nicht gigantisch gut, aber sie reichte aus. Sie reichte aus, um die penetranten Fiepstöne eines Mobiltelefons bis in die hinterletzte Ecke zu treiben. Laut und deutlich schallte es durch die Reihen. So laut es war, so schlecht ließ sich die Quelle lokalisieren. Unzählige Hände griffen schuldbewusst in Jackentaschen. Schreckensbleiche Gesichter gewannen an Farbe, sobald ihre Besitzer sich sicher waren, dass es nicht ihr Handy war, das den unheiligen Radau verursachte. Nacheinander gewannen alle Gesichter wieder an Farbe. Alle, bis auf eins.

Obwohl, so ganz stimmt meine Beschreibung dann doch nicht.

Das Gesicht dieser einen Person verlor zwar, soweit man das im Dämmerlicht der Kappelle erkennen konnte, jegliche Farbe. Es wurde kreidebleich, um plötzlich genau ins Gegenteil zu schlagen, sprich, krebsrot zu werden. Es handelte sich um einen Mann, schätzungsweise an die 50 alt und sehr kräftig gebaut, um nicht zu sagen übergewichtig, respektive fett. Er saß vier Reihen hinter uns. Schweißperlen brachen auf seiner Stirn aus. Krampfhaft versuchte er sein Handy aus der Innentasche seines dunklen Sakkos zu angeln, doch die Kombination aus Vibrationsalarm und panikbedingten schweißnassen Händen verursachte den nächsten GAU. Er bekam das Mobiltelefon nicht richtig zu fassen. Es entglitt seinem Zugriff und fiel unglücklich zu Boden. Dumm nur, wenn man dann versucht den Fall mit dem Bein aufzuhalten. Statt unsanft auf den Boden zu schlagen, prallte es nacheinander an Ober- und Unterschenkel des inzwischen völlig verzweifelten Mannes ab, bekam einen neuen Impuls und schlitterte mit Schmackes über den Boden quer durch die gesamte Kapelle.

Offenbar hatte der Hersteller dieses Kommunikationsgerätes es im gleichen Maße stabil gebaut, wie dessen Fiepsgeräusche penetrant waren (Es Klingelton zu nennen, wäre ein all zu extremer Euphemismus). Oder schrie das arme Handy um Hilfe? Hatte es einfach Angst, über den kalten, unebenen und harten Steinboden der Kapelle zu rutschen? Herausgerissen aus der schützenden Enge einer Sakkoinnentasche.

»Ich…«, versuchte der Besitzer eine Entschuldigung an die Trauergesellschaft zu richten. Doch wenn einem knapp hundert Augenpaare wenig freundlich anstarren, verstummt man schnell. Der Typ, er tat mir mittlerweile leid, schrumpfte in sich zusammen und verkroch sich zwischen den Bankreihen. Zu aller Erleichterung hatte sich mittlerweile jemand, eine junge Frau, erbarmt und das rebellische Mobiltelefon eingefangen und es seiner Fähigkeit zu unplanmäßigen Störung beraubt — Sie hatte es ausgeschaltet.

»Wenn wir denn…«, säuselte der Trauerredner Richtung Gemeinde und erreichte tatsächlich, dass wir uns alle wieder ihm zuwandten.

Die Feier wurde fortgesetzt. Auch ich drehte mich wieder nach vorne. Ich wollte mich, wie alle anderen auch, auf die Trauerrede konzentrieren, als mir auffiel, dass Doris fehlte. Ihr Platz war leer. Ich schielte vorsichtig zur Seite in Richtung Sören. Er war noch da. Aber er wirkte nervös, deutlich nervöser als vorhin, als er Christian und Co unter den Gästen entdeckt hatte. Ich konnte es schlecht sehen, aber Sören schien jemanden unter den Gästen zu suchen. Für einen kurzen Moment konnte ich ihm direkt ins Gesicht sehen. Er schaute in meine Richtung, ohne mich zu erkennen. Jedenfalls nicht sofort. Er machte einen viel zu nervösen und aufgewühlten Eindruck. Die Person, die er suchte, hätte neben ihm stehen können, er hätte sie nicht erkannt vor innerlicher Unruhe.

Irgendwie muss ich eine Bewegung gemacht haben oder etwas anderes hatte seine Aufmerksamkeit erregt, jedenfalls wandelte sich Sörens Blick und er erkannte mich. Den nun folgenden Gesichtsausdrücken zu schließen, war ich nicht die Person, die er suchte. Denn Sören stutzte. Er wirkte kurz verblüfft, sogar überrascht mich auf der Trauerfeier zu sehen, schien dann aber zu überlegen und kam schließlich zu einer Entscheidung. Er formte mit seinen Lippen Wörter und deutete mit seinen Augen auf die Kapellentür, während sein rechter Zeigefinger diskret auf den Trauerredner gefolgt von seiner, Sörens, Uhr deutete. Lippenlesen und Zeichensprache gehören zwar nicht zu meinen bestausgeprägtesten Fähigkeiten, doch reichte es, um zu verstehen, was Sören von mir wollte. Nämlich mich nach der Trauerfeier sprechen.

Damit war er der zweite, wenn auch aus anderen Gründen als Sascha.

 

Die Veranstaltung schleppte sich so hin. Nicht, dass sie furchtbar öde war, das nicht, nur sind Trauerfeiern selten dazu geeignet, Partystimmung zu verbreiten. Die Rede war gut, sogar sehr gut. Nur… das Thema war eben Trauer. Auf unseren harten Holzbänken horchten wir den Worten des Trauerredners, lauschten feierlicher Musik und gingen unserer Trauer um Flo nach. Ich versank in dieser Atmosphäre und, obwohl es draußen brütend heiß war, fröstelte ich leicht und bekam eine Gänsehaut. Ich schloss meine Augen. Die andächtige Musik trat in den Hintergrund, während ich gleichzeitig in meine Erinnerungen abtauchte. Ich hörte, wie die kleinen Wellen der Ostsee unablässig an den Strand schwappten. Ich hörte das Geschrei von im Wasser tobenden Kindern und das Gezeter ihrer Mütter. Der Geruch von Sand, Seetang und Sonnencreme stieg mir in die Nase. In meinem Geiste öffnete ich meine Augen. Ich lag auf meinem Rücken, ein Badetuch unter mir und ein glasklarer tiefblauer Himmel über mir. Ich war in Travemünde. Wieder einmal.

»Hi!«, ein sonnenbebrilltes Gesicht schob sich vor den Himmel, es war Christian.

»Hi! Neue Brille?«, natürlich war mir Krischans Neuerwerbung sofort aufgefallen. Aber sie zu erwähnen, schien ihn sichtlich zu freuen. Sein Grinsen reichte von einem Ohr zum andern.

»Yap! Okley! Cool was?«, strahlte Krischan stolz wie Oskar.

Ich überschlug kurz, wie lange ich wohl meine kargen Einkünfte sparen müsste, um mir eine derartige Sonnenbrille leisten zu können und kam zum beruhigenden Ergebnis, dass ich im Winter eigentlich keine Sonnenbrille brauchte. Christian sah mich immer noch breit grinsend an. Ganz klar, er wollte wissen, wie ich seine Neuerwerbung fand: »Du könntest als eiskalter Killer durchgehen!«

Krischans Grinsen wurde, was physiologisch eine Unmöglichkeit war, noch etwas breiter: »Yes!«, zischte er, »Sie sieht absolut geil aus!«

Toll, da war ja mal wieder jemand sehr mit sich zufrieden. Aber warum auch nicht. Ich gönnte es ihm.

»Is’ noch was?«, Christian verdeckte immer noch den Himmel.

»Ähm, ja… Ich wollte euch jemanden vorstellen. Leute, dieser Typ hier ist Flo oder in der Langversion Florian.«

Ich drehte meinen Kopf zur Seite, um an Christians Schädel vorbeischauen zu können.

Da stand er. Es traf mich wie ein Schlag in den Magen. Zwei, drei Schritte hinter Christian stand er. Er wirkte so schüchtern und so süß unsicher, lächelte dafür er aber traumhaft verschmitzt: »Hallo, ich bin Flo!«

 

Leichenschmaus

Die Sonne schien, ich lag auf einem Badetuch am Strand von Travemünde, umrahmt von einem tief blauen Himmel lächelte mich ein Typ namens Flo an, jemand knuffte mir in die Seite… Jemand knuffte mir in die Seite? Jemand knuffte mich in die Seite! Und nicht nur das, das Bild von Florian verblasste, ebenso wie der blaue Himmel, das Meeresrauschen und der Geruch von Sonnenöl.

»Hey, wach auf!«, zischte mir jemand ins Ohr. Langsam änderte sich die Umgebung und ich wachte mit einem Schrecken auf. Offenbar war ich während der Trauerfeier eingenickt. Oder vielleicht hatte ich auch nur einen Tagtraum gehabt. Jedenfalls ließ sich die Quelle der Knüffe identifizieren.

Es war Adrian gewesen, der mich unauffällig wieder in die Realität befördert hatte. Er grinste.

»Was?«, fragte ich ihn flüsternd, um die anderen Trauergäste nicht zu stören.

»Du warst eingenickt. Außerdem…«, Adrian grinste immer noch, »…musst du von erfreulichen Sachen geträumt haben.«

»Ja!«, gestand ich, »Ich träumte davon, wie ich Flo kennen lernte.«

»Sscchhhhhht…«, zischte es hinter uns.

»Später.«, meinte Adrian daraufhin und meinte wohl, dass ich ihm die ganze Geschichte später noch erzählen sollte.

 

Die Trauerfeier war fast an ihrem Ende angekommen. Als ich aus meinem Tagtraum erwachte, spielte bereits die letzte Musik. Als auch diese geendet hatte, sprach der Trauerredner einige letzte Worte des Abschieds, worauf wir uns alle erhoben. Zuerst die Familie, dann die nahen und ferneren Angehörigen und Freunde. Sechs Träger nahmen den Sarg auf und trugen ihn hinaus. Ihm folgte als erstes wieder die Familie: Olli und Simone, Flos Vater Rolf, Ruth und schließlich Antje. Glücklicherweise sah sie starr dem Sarg hinterher und blickte weder nach rechts noch links. Auf diese Weise blieb ich weiterhin unentdeckt.

Ein Gast nach dem anderen verließ die Kapelle und folgte den Sargträgern. Die Sonne brannte nach wie vor erbarmungslos auf uns hinab. War es die Hitze oder war der Weg zum Grab wirklich so weit? Als wir schließlich doch unser Ziel erreichten, waren wirklich alle Trauergäste ohne Ausnahme vollkommen durchgeschwitzt. Die Hemden der Männer klebten nass an ihren Körpern, die Sakkos und Hosen hatten jegliche Apretur verloren und hingen unförmig an ihren Trägern. Bügelfalten konnte man nur noch mit viel Wohlwollen als solche erahnen. Aber auch den Frauen erging es nicht besser: Ihre Kostüme schwabbelten wie nasse Lappen an ihnen herab. Ob Tüll, Spitze oder Samt, ob Baumwolle, Leinen oder Kunstfaser, alles wirkte schäbig, weil formlos und feucht.

Am Grab angekommen sprach der Trauerredner noch paar endgültige Worte des Abschieds, während der Sarg langsam in das Grab herabgelassen wurde. Dann kam das Ende: Als erstes nahm Oliver die Schaufel in die Hand und beförderte drei kleine Haufen Erde auf den Sarg. Ihm folgte seine Schwester, dann seine Eltern und schließlich Ruth. Nach der direkten Familie, waren die ferneren Angehörigen dran. Antje, Rolf, Simone, Ruth und Olli hatten sich ein kleines Stück abseits postiert und nahmen die unvermeidlichen Beileidsbekundungen entgegen.

Ich musste einen unfreiwilligen Reiz unterdrücken, verächtlich aufzulachen. Es war ein Witz, ein schlechter und schäbiger Witz. Ferne Verwandte waren am Heulen wie Schlosshunde. Nun, Krokodile vergießen ebenfalls Tränen, wenn sie ihre Beute verschlingen. Diese Verwandtschaft war das Letzte. Ich konnte mich deutlich daran erinnern, dass Flo mir einmal erzählt hatte, wie sehr diese Leute seine Familie und insbesondere ihn verachteten. Er wusste nicht warum, aber es ging wohl von der Cousine seiner Mutter aus. Und ausgerechnet diese Frau wässerte den Boden mit ihren Tränen. Gut, der Boden hatte es mächtig nötig, aber diese Tränen waren alles andere als ehrlich. Können Leute auf Kommando weinen? Bis zu diesem Zeitpunkt hätte ich nein, niemals, gesagt. Antjes Cousine belehrte mich eines Besseren. Ihre Tränen waren so falsch wie ihre Wimpern. Ich konnte nicht hören, was sie Flos Eltern und Geschwistern sagte, aber die Gesichter sprachen Bände. Während Olli und Co arge Mühe hatten, weiterhin dankbar für den »Trost« zu bleiben, loderte unter der falschen Betroffenheit und Anteilnahme der Cousine unverhohlener Triumph und Schadenfreude auf. Mir blieb nur, mich abzuwenden und mich innerlich zu fragen, ob meine aufkeimende Übelkeit von der brennenden Sonne oder von Flos entfernter Verwandtschaft herrührte.

Immerhin, die Sonnenhitze brachte ein Gutes mit sich. Niemand hielt sich lange am Grab auf oder versuchte die trauernde Familie über das notwendige Maß mit salbungsvollen Gelabere zuzutexten (Von Ausnahmen einmal abgesehen). Jeder wollte die Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen und danach sofort in den Schatten verdrücken. Wer würde es ihnen übel nehmen? Ich nicht. Ich konnte es nachfühlen. Die Hitze war mörderisch.

Wir rückten auf. Nach der Familie kamen die Freunde dran. Niemand hatte das so vorgeschrieben, er es ergab sich einfach so. Wir warteten, bis wir an der Reihe waren. Doch obwohl es relativ zügig voran ging, dauerte es seine Zeit. Es waren einfach sehr viele Leute vor uns. Während Adrian und ich warteten, bemerkte ich eine ernüchternde Tatsache: Nur sehr wenige der Trauergäste verband wirklich etwas mit Florian. Die meisten hatten andere Verbindungen oder Verpflichtungen hergeführt. Ich erkannte einige: Es gab Geschäftspartner von Rolf Krüger, für die es sicherlich eine selbstverständliche moralische Pflicht war, ihre Anteilnahme zu bekunden. Dann gab es nahe und ferne Familienangehörige, die da waren »weil man das halt so tut«, obwohl sie nie etwas mit Florian zu tun gehabt hatten. Es gab es Familienfreunde, die tatsächlich betroffen waren von Flos Tod und einfach der Familie Beistand leisten wollten. Aber es gab auch Ausnahmen, überraschende Ausnahmen. Sören stand am Grab. Mein Gott, er sah schrecklich aus. Sören machte einen völlig fertigen Eindruck und schien auch nicht völlig beieinander zu sein. Er schwankte leicht. Ich hatte schon Angst, er würde ins Grab stürzen. Sören blieb länger als alle anderen vor Florians letzter Ruhestätte stehen. Seine Lippen bewegten sich, als ob er mit Flo sprechen würde. Dann nahm er die Schaufel und beförderte seinen kleinen Sandhaufen auf den Sarg. Er sah sich um, unsicher, ängstlich und sichtbar berührt. Wenn dieses Verhalten für Sören nicht schon ungewöhnlich genug war, dann war seine nächste Aktion auf jeden Fall ungewöhnlich: Sören ging. Er ging einfach fort, das heißt er ging nicht zu Florians Familie wie alle anderen, sondern verließ das Grab auf dem Weg, den er gekommen war. Ich sah Adrian an. Adrian sah mich an. Er hatte seine Augenbrauen hochgezogen. Offensichtlich empfand er Sörens Verhalten genau so ungewöhnlich wie ich.

»Wer war das?«, fragte Adrian mich, der meine alten Freunde natürlich nicht persönlich kannte.

»Sören. Ich frage mich…«, mir fiel die Szene in der Kapelle wieder ein als Doris… Doris? Ich drehte mich um. Mein Blick lief die Reihen der Wartenden hinter und vor uns ab. Von Doris gab es keine Spur. Seit der Sache mit dem durchgeknallten Handy hatte ich sie nicht mehr gesehen. Wen ich in der Warteschlange entdeckte waren Jens, Christorph und Christian. Die drei waren wild miteinander am Streiten. Sie flüsterten zwar, aber ihre Körpersprache machte die fehlende Lautstärke alles andere als wett. Auf dieser Trauerfeier passierte deutlich mehr, als ich im Moment durchschaute.

Wie auch immer. Die Zeit verging, Adrian und ich rückten langsam immer weiter bis zum Grab auf. Es passierte etwas. Diesmal passierte es mir und niemandem, den ich beobachtete. Je dichter ich dem Grab kam, desto enger schnürte sich mein Hals zu. Merkwürdig, aber obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, nicht, d.h. auf keinen Fall, zu weinen, wurden meine Augen feucht.

Schließlich stand ich an Florians Grab. Die Deutlichkeit des Todes war erschreckend penetrant. Ich stand oben auf der Grasnarbe und Florian lag da unten. An dieser Stelle, diesem Ort, wurde mir eines schlagartig klar. Florian würde niemals wieder von dort unten zurückkehren. Der Tod ist eine scheiß-endgültige Angelegenheit. Niemals! Selten war für mich die Bedeutung dieses Wortes derart greifbar. Scheiße! Ich musste schniefen und den Rotz hochziehen, den meine Nase ungefragt absonderte. Dieser verdammte Kerl! Dieses süße, geile, versaute Arschloch, mit dem man so geil ficken konnte, ließ mich flennen wie eine Memme. Mann, Flo! Was tust du mir an? Hast du wenigsten Spaß auf deiner Wolke? Treibst du’s mit den Engeln und lachst dich über uns hier unten scheckig? Ich schaute tatsächlich in den Himmel und…

Die Sonne brannte…

Die Helligkeit blendete…

Doch dann, ohne Vorwarnung und ohne einen erkennbaren Ursprung, lebte plötzlich ein leichter Wind auf. Eine milde, kühlende Brise umwehte meinen Körper. Für einen kurzen Moment, war die Luft glasklar. Der beißende Staub war aus der Luft verschwunden, die Sonne war nur noch angenehm warm und nicht mehr brennend. Ich fühlte etwas. Wer weiß, wahrscheinlich bekam ich gerade einen Sonnenstich oder die Trauer ließ mich phantasieren, aber ich spürte, dass mich jemand streichelte, mir zärtlich über die Wange fuhr und…

Der Moment war verschwunden. Die Sonne brannte wieder im Turbomode und der verfuckte Staub war auch wieder da. Von einer erfrischenden Brise war ebenfalls nichts mehr zu spüren. Doch etwas hatte sich verändert. Ich hatte mich verändert. Ich schüttelte mit einem plötzlichen Lächeln meinen Kopf. Ach Flo, ich liebe dich. Immer! Ich hatte etwas begriffen. Flo lag nicht dort unten. Sein toter Körper lag dort unten, nicht aber Flo. Solange ich mich an ihn erinnerte, an unsere Liebe und sogar an unseren Sex, so lange würde er bei mir bleiben. Für immer.

 

Das alles dauerte nur wenige Momente, vielleicht eine halbe, bestenfalls eine ganze Minute. Ich nahm Abschied von Flo, schmiss meinen Haufen Sand auf seinen Sarg und ging in Richtung Familie. Dort erwartete ich auf meine Nemesis zu treffen: Antje Krüger. Doch ich traf sie nicht. Sie hätte dort auf mich warten sollen, aber sie tat es nicht. Olli, Rolf, Ruth und Simone waren da, aber Antje fehlte. Absichtlich, wie ich vermutete, denn die restlichen vier sahen verärgert aus. Ich ging auf Rolf zu.

»Sebastian, danke, dass Sie gekommen sind. Trotz allem, was wir Ihnen angetan haben, Danke! Ich muss mich in aller Form entschuldigen.«

»Nein, das müssen Sie nicht, Herr Krüger. Ich muss Ihnen danken, dass Sie mir die Gelegenheit gegeben haben, mich von Flo verabschieden zu können. Ich wünsche Ihnen mein aufrichtiges Beileid. Flo ist nicht tot, er ist in allen, die ihn liebten.«

Einen Moment sah Rolf Krüger irritiert aus, dann verstand er, was ich gesagt hatte und meinte: »Danke, Sebastian, wirklich danke. Und entschuldigen Sie meine Frau, vielleicht…«

Flos Vater sah gleichzeitig dankbar und stocksauer aus. Verständlich, bei Antjes Verhalten.

Nach Flos Vater sprach ich noch kurz zwei Sätze mit Simone. Ruth und Olli warf ich nur einen kurzen Blick zu, welcher mit einem Nicken beantwortet wurde. Wir würden später noch Zeit haben zum Reden.

Als ich mich umdrehte, um den nachfolgenden Trauergästen Platz zu machen, sah ich wie ein Teil der Anwesenden auf mich und auf die Familie zeigten und miteinander am Tuscheln waren. Man war sich wohl nicht sicher, welches der größere Skandal war: Meine Anwesenheit oder Antjes demonstrative Abwesenheit. Kaum war ich gegangen, tauchte sie aus dem Schatten eines Baumes auf und stellte sich zu ihrer Familie, als wenn nichts gewesen wäre. In meine Richtung blickte sie nicht.

Und noch etwas: Sören war verschwunden. Seit dem wir die Kapelle verlassen hatten, hatte ich ihn immer halbwegs im Blickfeld gehabt. Schließlich wollte er mich sprechen, vorausgesetzt, ich hatte seinen Gesichtsausdruck und seine Gestik während der Trauerfeier richtig verstanden. Während ich zu Flos Grab ging und anschließend seiner Familie kondolierte, verlor ich Sören aus den Augen. Natürlich suchte ich ihn, soweit man auf einem Friedhof bei knapp 40 Grad im Schatten jemanden suchen kann. Er blieb verschwunden und ich hatte ein ungutes Gefühl – ein sehr ungutes Gefühl.

 

Das Café für den »Leichenschmaus« war auf den Ansturm der Trauergesellschaft gut vorbereitet. Dies war nichts Ungewöhnliches und auch nicht überraschend, wenn man bedachte, dass das Café unweit vom Friedhof gelegen war und Trauerfeiern eine seiner beiden Haupteinnahmequellen bildeten. Bei der anderen Einnahmequelle handelte es sich um Anwälte und ihre Mandanten, denn außer dem Friedhof befand sich auch das Lübecker Landgericht in unmittelbarer Nähe des Cafés. Für private Veranstaltungen unserer Art besaß man einen separaten Raum, der erfreulicherweise klimatisiert war.

Einer alten Tradition folgend, gab es belegte Brote. Wem würde süßer Kuchen nach einer Beerdigung schmecken? Mir jedenfalls stand der Sinn nach etwas handfestem, weswegen ich bei einem Mettwurstbrötchen zugriff. Während ich so kaute, betrachtete ich die anwesenden Gäste. Mir war immer noch etwas mulmig, schließlich hielt ich mich im gleichen Raum mit Antje auf. Auf der anderen Seite war ich explizit eingeladen worden. Was sollte also passieren? Bei Antje? Alles!

Mein Unbehagen stellte sich als unbegründet heraus, soweit ich einen Eklat erwartete, denn Antje ignorierte mich einfach. Ich war Luft für sie. Ich war selbst dann nicht existent, als sich nach einer Weile Olli, Ruth, Simone und Rolf, zu uns, also zu Adrian und mir, setzten. Antje parierte diesen virtuellen Angriff, indem sie sich einfach zu anderen Gästen setzte.

»Es tut mir Leid, aber mit meiner Mutter lässt sich weiterhin nicht vernünftig reden.«, begann Olli das Gespräch.

»Du musst ihr Zeit geben. Für sie hat sich nichts geändert. Ich bin der böse Junge, der ihren Sohn verführt hat.«, ich seufzte, »Irgendwie kann ich sie verstehen.«

»Sebastian, Sie sind sehr großmütig. Nach allem…«

»Einfach nur Sebastian und ,Du’ .«, unterbrach ich Rolf Krüger, »Und großmütig? Ich weiß nicht… Ich kann nicht ändern, dass Flo und ich uns ineinander verliebten und miteinander… Ähm, also, was Jungs mit 17 halt so machen… Es ist einfach passiert. Wir haben uns weder ausgesucht schwul zu sein, noch dass wir zueinander fanden.«

»Bereust du, dass du schwul bist?«

»Oh,… nein. Auf keinen Fall. Das ist wohl falsch rüber gekommen. Wie bei jedem Jungen hat es auch bei mir Zeiten gegeben, in denen ich mich dafür gehasst habe, anders zu sein. Aber genau dieser Selbsthass verschwand mit Flo. Und ich weiß, dass es bei ihm genauso war. Nein, ich bereue nicht, schwul zu sein. Doch zurück zu Antje: Ich bin überzeugt, dass sie immer nur das Beste für ihren Sohn wollte.«

»Wie wir jetzt wissen, war es das leider nicht immer.«, diesmal seufzte Rolf Krüger, »Ich möchte nicht indiskret sein, aber, ehrlich gesagt, ich bin neugierig, wie haben Sie… du Flo genau kennen gelernt? Ich frage, weil… ich habe das Gefühl, Florian leider nie richtig gekannt zu haben. Olli, du weißt was ich meine. Du weißt, dass ich Flo geliebt habe, aber…«

Olli nickte: »Natürlich hast du das. Selbst Antje tut es. Ich weiß, was du meinst. Jeder von uns hat einen Charakter mit unterschiedlichen Facetten. Wir zeigen unseren Mitmenschen immer nur Ausschnitte unserer Persönlichkeit. Du kennst Flo als deinen Sohn, ich ihn als meinen Bruder. Und Sebastian als seinen…«

»Sprich es ruhig aus… Als Liebhaber!«, füllte Rolf Krüger die Verlegenheitspause seines Sohnes, »Ich bin zwar etwas älter, aber noch nicht vollständig verkalkt. Ich kann mir schon denken, dass Flo und Sebastian nicht nur Händchen gehalten haben.«

Muss ich erwähnen, dass mir das Blut ins Gesicht schoss?

»Och, wie süß!«, lachte Ruth, die bisher geschwiegen hatte, »Sebastian ist ganz rot geworden. Ich glaube, wie machen ihn nervös. Komm Rolf, erlösen wir unseren jungen Freund und kümmern uns um die anderen Gäste.«

Danke Ruth! Mit einem Lächeln zogen Rolf und Ruth ab. Es würde sich schon noch eine Gelegenheit finden, bei der ich Rolf mehr über seinen Sohn erzählen könnte. Nur nicht unbedingt über schwulen Sex.

»Allerdings könntest du mir mal erzählen, wie ihr euch kennen gelernt habt…«, Adrian lächelte mich an. In seinen Augen war wieder diese spezielle Neugier, dieser »Ich will alles über dich ganz genau wissen«-Blick.

»Ich kenn dich nicht so gut wie Olli dich kennt, aber ich würde auch gerne hören, wie das zwischen dir und Flo begann. Schließlich warst du der einzige Mann, den er je hatte.«, Simone hatte seit der Beerdigung wenig gesagt, doch wenn sie etwas sagte, dann war der Inhalt ein Schlag in die Magengrube. Sie hatte absolut recht. Ich war Flos erster und endgültig einziger Mann. Die Gesamtmenge Liebe, die Flo während seines Lebens jemals erfahren hat, war die zwischen ihm und mir. Und sie endete im Schmerz…

»Entschuldige…«, relativierte Simone, der sofort klar wurde, wie hart ihr sicherlich nicht böse gemeinter Satz rüber kam, »Das klang jetzt wohl etwas unpassend. Ich meinte meine Bitte positiv. Ich würde gerne etwas von den guten und schönen Seiten eurer Freundschaft hören.«

»Simone, ich weiß wie du es gemeint hast.«, beruhigte ich Ollis und Flos Schwester, »Ich will euch aber nicht mit ollen Kamellen langweilen.«

Zu Simone ist zu sagen, dass wir nie ein gutes Verhältnis zueinander hatten. Allerdings auch kein schlechtes. Wir hatten einfach gar keins. Während meiner Zeit mit Flo habe ich Simone selten gesehen. Sie war ein Jahr älter und ausgesprochen umtriebig. Da sich die Mitglieder ihres Freundeskreises nicht mit dem unsrigen schnitten, gab es keine Berührungspunkte zwischen uns. Ich weiß allerdings, dass sich Flo und Simone während ihrer frühen Jahre regelmäßig gezofft hatten. Erst als sich Flo gegenüber Simone geoutet hatte, was nicht freiwillig passierte, wurde ihr Verhältnis zueinander deutlich besser, fast perfekt.

 

Wie sind Flo und ich zusammen gekommen? Ich musste versonnen lächeln, was bei meinen Zuhörern für Verwirrung sorgte. Der Tagtraum in der Kapelle hatte genau diese Szene gezeigt, nämlich den Moment, als Flo in mein Leben trat. Seit meines Coming Outs bei Babs war genau ein Jahr vergangen. Ich war halbwegs erfolgreich durch die 10. Klasse geschlittert und Babs hatte keinen Bock auf andere Jungs, genaugenommen auf niemanden aus unserer näheren Bekanntschaft, so dass wir faktisch immer noch zusammen waren. Da ich mir alles andere als sicher war, ob meine Liebe zum eigenen Geschlecht, so unbedingt gut bei meinen Freunden ankommen würde (Ich hatte immer noch Christians Ausraster am Strand im Hinterkopf), blieb ich, außer Babs gegenüber, ungeoutet.

Frauen sind schon merkwürdige Geschöpfe, wenig nachvollziehbar in ihren Denkprozessen, fällen sie oft Entscheidungen, die auf den ersten Blick wenig logisch erscheinen. Kaum dass Babs Bescheid wusste, entwickelte sie ein neues Hobby: Ständig wollte sich mich mit wildfremden Typen verkuppeln. Jedes Mal, wenn wir in der Stadt zusammen unterwegs waren, deutete sie auf alles was drei Beine hatte und in unserer Altersklasse spielte. Unvermeidlich kam jedes Mal die gleiche Frage, wie ich denn den Typen finden würde. »Komm, der ist doch süß, der müsste dir doch gefallen, oder?«

Babs Vorstellung von meinem Männergeschmack war gruselig, geradezu grauenhaft. Obwohl…Babs Männergeschmack war eigentlich sehr gut… Allerdings nur solange sie den Typen wollte! Mir wollte sie immer nur die megahetigen Prolltypen andrehen:

»Komm Sebastian, der ist doch geil. Der ist doch ein richtiger Kerl!«

»Unbedingt! Der muß ‘ne Großpackung Pferdesteroide gefressen haben, während er die Zeit unterm Turbobräuner vergessen hat.«

Mit anderen Worten: ein Muskelproll im ärmellosen Everlast Sweatshirt und edler seitlich geknöpfter ballonseidenen Sporthose mit einem Bräunungsgrad, der eine Stufe vor Hautkrebs lag. Sowas sollte mein Traumprinz sein? Danke nein. Langsam kam mir der Verdacht, dass Babs mich verarschte. Oder hielt sie mich im Schach, damit ich ihr ja keinen Schnuckel wegschnappte, den sie gerne abstauben wollte?

Wenn ja, war es zweckfrei, denn ihre persönliche Männerwahl war auch nicht viel glücklicher.

»Och schau mal, der da hinten. Der ist zwar nix für dich, aber mir würde der gefallen.«

Wir saßen vor einem Café am Lübecker Markt und löffelten Eis. Der Typ saß ein paar Meter weiter auf einer Bank und las ein Buch.

»Tja, Schatz, bei dem wirst du keine Chancen haben.«, dämpfte ich Babs Enthusiasmus.

»Ach, und wieso nicht?«

»Schwul!«

»Sicher?«

»Absolut!«

»Quatsch! Du denkst wieder nur mit deinem Schwanz. Bei dir sind immer alle wirklich netten Jungs gleich schwul. Außerdem, woher willst du das so genau wissen? Der sieht doch ganz normal aus.«

»Normal also? Und mir wachsen grüne Fühler aus dem Kopf?«

»Du weißt wie ich das mit dem ,normal’ meine.«

»Nöh…«

»Sebi!«

»Babs?«

»Ok, ich geb’s auf. Wieso meinst du, dass der schwul ist?«

»Schau mal auf seinen Rucksack!«

»Shit!«, zischte Babs und drehte sich frustriert von dem Jungen weg und zu ihrem Eis hin. Auf dem Rucksack klebte ein kleiner, aber unübersehbarer Regenbogenflaggenaufkleber.

Ich war also weiterhin mit Babs auf platonischer Basis zusammen. Die 10. Klasse war ebenfalls passé, sprich Sommerferien. Ich war 17 und hoffte inständig bald 18 zu werden. Warum? Mobilität. Ich wollte meinen Führerschein machen und dann vielleicht mal einen Abstecher nach Hamburg unternehmen. Hamburg? Das mag jetzt etwas um die Ecke gedacht sein und ist daher erklärungsbedürftig: Ich hatte in der Schule begonnen bei der Internet AG teilzunehmen. Die PCs waren zwar von vorvorgestern, aber da das Thema »Technik« zu Hause nach wie vor sakrosankt war, stellten die Schul-PCs meine wirklich einzige Verbindung zur realen Welt dar. Hier konnte ich unbeschwert forschen und auch mal das eine oder andere appetitanregende Bild runterladen. So gelangte ich auch zu Hamburg – medial gesehen. Nicht durch die Bilder, mehr durch meine Forschungsarbeit. Lübeck war für schwule Jungs wie mich, relativ tot. Es soll da zwar ‘ne Jugendgruppe geben, aber ich traute mich nicht. Die Stadt ist einfach ein Dorf. Man weiß ja nie, welch ein blöder Zufall Dinge an die Öffentlichkeit bringen könnte, die da nicht unbedingt hingehörten. Hamburg war also meine schwule Heilsversprechung. Da sollte dann die Post abgehen.

Dafür tauchte das nächste Problem auf: Auto und Führerschein, also nochmals Technik und nochmals Fehlanzeige bei meinen Eltern. Ich begann zu jobben, was erwartungsgemäß für Zoff sorgte. Doch diesmal setzte ich mich durch! Ich packte meine Eltern an ihrer eigenen Ideologie. Ich machte ihnen klar, dass sie nicht auf der einen Seite von freier Entfaltung meiner Persönlichkeit, von Selbstdeterminierung und eigenverantwortlichem Handeln labern konnten, wenn sie im Gegenzug durch Denkverbote diese Entfaltung verhinderten. Sie knurrten, mussten aber klein beigeben. Ok, man versuchte auf die Psychotour mir ein schlechtes Gewissen einzureden: »Und dafür haben wir die ökologisches Verantwortungsgefühl beigebracht, dass du dir so einen Naturvernichter anschaffen willst. Reicht ein Fahrzeug in der Familie nicht aus?« Fahrzeug? Ja, meine Eltern besaßen ein Auto. Zwangsweise, da sie unser Dorf zum Zwecke des Broterwerbs täglich verlassen mussten. Natürlich bildeten sie Fahrgemeinschaften mit anderen Dorfbewohnern, um die Umweltbilanz ein ganz klein wenig zu verbessern, oder radelten in den warmen Monaten gleich mit dem Fahrrad zur Arbeit. Meine Eltern fuhren niemals schneller als 100km/h.

Was für ein Glück, dass meine Erzeuger mich nie beim Hamburgeressen erwischt haben, wahrscheinlich hätten sie ihre biologische Elternschaft angezweifelt.

Eine Sache hatte ich nicht mehr: Zeit. Mit Schule, Job und Babs (nicht notwendiger Weise in dieser Reihenfolge) war mein Tag ausgefüllt. Auf der anderen Seite füllte sich mein Bankkonto. Zwar langsam, aber für den Führerschein würde es in ein paar Monaten reichen.

Es waren also Sommerferien. Die Mittelstufe (Sekundarstufe II) war abgehakt. Nächstes Schuljahr würde die Oberstufe mit ihrem Kurssystem beginnen. Wir, d.h. unsere ganz Schulclique, blickten etwas wehmütig auf unsere alte Klasse zurück. Denn so wie wir unsere Kurse gewählt hatten, würden wir uns deutlich seltener bis gar nicht mehr während des Unterrichts begegnen. Irgendwie lag ein melancholischer Unterton in der Luft. Es fühlte sich ein Stück weit an wie Abschied.

Wir feierten, Party total war angesagt, aber irgendwo steckte bei allen im Hinterkopf das ungute Gefühl, dass sich etwas verändern würde. Klar, heute weiß ich was es war, wir wurden ein Stück weit erwachsener.

Babs und ich waren nicht die einzigen, die immer noch zusammen waren. Jens und Ute hatten die Kurve gekriegt, genaugenommen hatte dies Utes Vater, der seinen alten Job hingeschmissen und sich selbstständig gemacht hatte. Utes Eltern waren zwar immer noch nicht reich, dafür aber auch nicht mehr arm, was Utes Selbstbewusstsein deutlich steigerte.

Wir lagen einmal wieder an unserem Lieblingsplatz auf dem Kurstrand von Travemünde. Die Sonne brutzelte auf uns herab. Der Seewind sorgte für eine angenehme Brise. Der Himmel war tief blau. Es war das perfekte Wetter zum abhängen. Wir fühlten uns gut und genossen den Sommer. Sogar ich, der ich inzwischen über eine Basecap verfügte, die meine Sonnenstichneigung effektiv unterdrückte.

Ich lag auf meinem Badetuch und befand mich in dem zweifelhaften Genuss Christians neue Okley bewundern zu dürfen.

»Is’ noch was?«, Christian verdeckte immer noch den Himmel.

»Ähm, ja… Ich wollte euch jemanden vorstellen. Leute, dieser Typ hier ist Flo oder in der Langversion Florian.«

Ich drehte meinen Kopf zur Seite, um an Christians Schädel vorbeischauen zu können.

Da stand er. Es traf mich wie ein Schlag in den Magen. Zwei, drei Schritte hinter Christian stand er. Er wirkte so schüchtern und so süß unsicher, lächelte dafür er aber traumhaft verschmitzt: »Hallo, ich bin Flo!«

 

Eisessen mit Barbera

Was für ein Glück, dass eine Sonnenbrille auf meiner Nase ruhte. Denn jedem wären sofort meine Stilaugen aufgefallen. Dieser Florian war… nervenaufreibend. Auch dieser Florian trug eine Okley. Sie war silbern metallic und schmiegte sich an sein Gesicht, als wenn sie nur für ihn angefertigt worden wäre. Bei ihm passte die Brille perfekt, bei Christian wirkte sie prollig und aufreißerisch. Die Coolness der Brille contrapunktierte Flos schüchternes Auftreten. Dabei hatte er gar keinen Grund dafür. Sein Auftritt war einfach super — super cool, denn neben der Brille hatte er obendrein sein weißes T-Shirt ausgezogen und lässig hinter den Bund seiner Knielangen Baggys gesteckt. Mir lief der Speichel im Mund zusammen, an dem ich mich auch prompt verschluckte. Ja genau: Sebastian sah einen Jungen, speichelt sich ein und verschluckt sich dran. Was macht man wenn man sich verschluckt? Richtig husten! Ich hustete nicht nur, ich röchelte, japste nach Luft und keuchte was das Zeug hielt. Jeder wollte mir natürlich “helfen”, was hieß, dass mir jeder auf den Rücken schlug. Je härter, je besser. Jeder? Nicht ganz. Flo stand da und schaute verschreckt.

ShitSelbst der Name war süß. Innerlich schmolz ich dahin, wie Butter in einer heißen Bratpfanne.

»Nachdem sich Sebi endlich ausgekotzt hat…«, dozierte Krischan, »kann ich euch ja noch kurz erzählen, dass Flo ab nächstem Schuljahr unsere innig geliebte Bildungseinrichtung besuchen wird. Und, bevor ihr fragt, ich kenne Flo vom Handball. Wir sind in der gleichen Mannschaft. Bei einer Unterhaltung kam raus, dass Flo seine Schule wechseln muss. Wir haben ihn also am Hals.«

»Wechseln muss?«

»Bei ihm kam kein Physikleistungskurs zustande. War doch so, oder? Ich versteh zwar nicht, warum man einen Physikleistungskurs freiwillig belegen will. Ist mir aber auch egal. Bei uns gibt es jedenfalls einen Kurs. Der Typ mit dem Hustenanfall«, Fingerzeig auf mich, »ist auch so ein Spinner.«, verkündete Christian und schaute anschließend in Richtung Flo. Jener beäugte mich skeptisch, nickte dann zustimmend und brummte ein»Hmmhmmm…«.

Physikleistungskurs? Das Wort elektrisierte mich und hätte fast für einen weiteren Hustenanfall gereicht. Ich würde die nächsten drei Jahre mit diesem Sahnestückchen verbringen (müssen).

Was heißt Sahnestückchen? Flo war sicherlich nicht der universelle Traummann. Aber er kam meinem persönlichen Prototypen eines Traummanns schon sehr nahe. Er selbst hat sich immer als Durchschnitt bezeichnet und nie verstanden, was ich an ihm so besonders fand. Er meinte zwar, dass er kein Zombie wäre, aber auch nicht die Quelle der feuchten Träume der weiblichen Schülerschaft. Worin er nachweislich irrte, wie mir einige weibliche Mitschüler bestätigten. Flo war schlank, aber nicht dünn oder gar dürr. Er war ein Typ, der nie ein definiertes Sixpack oder eine ultra-breites Kreuz bekommen würde, es sei denn, er würde extrem daran arbeiten. Er war absolut kein Muskeltyp, bei dem jedes T-Shirt einem permanenten Belastungstest unterzogen wird. Andererseits war er aber auch nicht unterversorgt. Er hatte weder eine Hühnerbrust noch Anabolikatitten. Sein Körper war im allerbesten Sinne normal gebaut, mit einer ganz leichten Tendenz in Richtung Schlaksigkeit, die aber nicht so ging, wie bei manchen Typen, bei denen die Arme nicht wissen wohin, außer unmotiviert von den Schultern zu hängen. Flos Schlaksigkeit verlieh ihm einen Touch süßer Unbeholfenheit und unterstrich damit sein schüchternes Auftreten. Er war der Typ, der unterschwellig Beschützerinstinkte weckte. Ein Blick wie ein Hundewelp. Schmelz!

Ich wusste sofort, dass ich Flo nicht mochte!

Hey, Leute? Wie würdet ihr denn reagieren, wenn euch für die nächsten X Jahre die permanente Anwesenheit eures persönlichen Traumtypens drohte und ihr genau wisst, dass es a. nie etwas mit ihm werden wird und b. die Heterofassade aufrecht zu erhalten noch schwieriger werden dürfte.

Moment mal! Heterofassade? Mir wurde schlecht. Der Tag hatte so schön angefangen. Es war absolut geiles Wetter. Ich konnte am Strand relaxen. Die Ferien genießen. Ich war total glücklich. Mein Leben lief super. Ich hatte einen Job, ich hatte Babs, ich hatte das Internet. Und dann kommt so ein Arschloch daher und bildet sich ein, mir dies alles kaputt zu machen? Wer war der Typ eigentlich? Was denkt der sich überhaupt? Gab es keine andere Schulen, die einen Physikleistungskurs anboten? Warum ausgerechnet bei mir?

»Was ist dir denn über die Leber gelaufen?«, Babs kannte mich inzwischen besser als ich mich selbst.

»Nichts!«, knurrte ich. Wir beide wussten, dass ich log.

»Dann sind die Gewitterwolken in deinem Gesicht Einbildung?«, sie ließ nicht locker.

»Wahrscheinlich… Es ist nichts.«

»Super!«, strahlte Babs triumphierend, »Dann spricht ja nichts dagegen, mich auf ein Eis einzuladen…«

Das »Nein!« wollte gerade von meiner Zunge springen, als ich mir auf die selbige biss und eines besseren besann: »Eis ist eine gute Idee!«

Nicht das Eis, aber das Eis als Mittel zum Zweck, war die gute Idee. Ich würde vorrübergehend die Anwesenheit von diesem Florian nicht mehr ertragen müssen. Ich setzte mein allerbestes »Kommst du Schatzi?«-Lächeln auf und ging mit Babs von dannen. Dieser Flo musterte mich misstrauisch. Wir hoppelten über den brennendheißen Sand, erklommen die Promenade und setzten uns auf die Terrasse eines Eiscafés.

»Ok, was ist los?«

Ich wusste es! Es war sowas von klar, dass mich Babs nicht vom Haken lassen würde, bevor ich ihr nicht eine halbwegs befriedigende Antwort gegeben hatte.

»Dieser Typ nervt!«

»Ach…«, kommentierte Babs knapp und zog dabei skeptisch die Augenbrauen zusammen, »Ich hatte eher den Eindruck, du würdest gleich über ihn herfallen und am Strand vernaschen. So wie du ihn angehimmelt hast!«

»Quatsch, ich hab’ den Arsch nicht angehimmelt.«, zischte ich ohne nachzudenken los, »Ich bin doch nicht schw…«

Mir blieb das Wort im Mund stecken. Babs hingegen brachte es auf den Punkt: »Offensichtlich nicht…«

Typisch, immer wenn man etwas wirklich wichtiges entgegnen will, platzt jemand dazwischen. In diesem Fall der Kellner mit dem Eis. Ich blieb also stumm. Babs sagte auch nichts. Statt weiter auf das Thema einzugehen, löffelten wir schweigend unsere Eisschalen leer. Eigentlich war es egal, aber es schmeckte köstlich. Das Eis kühlte nicht nur meinen Magen, es kühlte auch mein Hirn auf normale Betriebsparameter ab.

In einem Anflug von Selbstkritik konfrontierte ich mich mit unbequemen Fragen: Was war aus mir geworden? Eine Klemmschwester! Und das mit 17! Was hast du im vergangenen Jahr aus deinem Leben gemacht? Nichts! Die schockierende Realität war: ich hatte es mir bequem gemacht. Babs als perfekte Alibifrau und eine kleine Pornobildsammlung auf dem Schulcomputer. Das war mein Leben! Ziemlich traurig, zumal die Pornobildsammlung noch nicht mal wirklich nutzbar war. Mein PC stand in der Schule! Kein geeigneter Ort zum Konsum von Einhandwebseiten. Wer will schon vom Hausmeister mit runtergelassener Hose erwischt werden?

Ziemlich jämmerlich, oder? Sollte das mein schwules Leben sein? Mein Unterbewusstsein war offensichtlich schon weiter als mein Bewusstsein, als es mir den Streich mit dem Versprecher gespielt hatte. Ja, ich war nicht schwul oder besser: ich tat alles, damit ich es nicht war. Ich war in der Tat zu einer traurigen, erbärmlichen Klemmschwester geworden. Eigentlich wollte ich nach meinen Coming Out die Welt umarmen. Es war das befreiendste Gefühl aller Zeiten gewesen. Gewesen – Man beachte das Präteritum – Denn danach passierte nichts mehr. Ich hatte eigentlich die Zeit nutzen wollen, um mich zu orientieren. Ein wenig im Internet stöbern, was schwules Leben eigentlich bedeutet oder sein kann. Aber in erster Linie wollte ich mir einen Freund suchen. Passiert war nur ersteres und das auch nur halbherzig.

»Ich wollte dir das eigentlich schon lange mal sagen.«, begann Babs mit ernster Stimme, »Ich habe seit geraumer Zeit das Gefühl, dass du nicht glücklich bist. Du bist aggressiver geworden. Du bist ungeduldig und häufig aufbrausend. Du entwickelst dich zu einem richtigen Gnaddelkopf. Du haderst mit der Welt, mit deinen Freunden, aber eigentlich haderst du mit dir selbst, oder?«

»Wirklich?«, ich stellte die Frage, obwohl ich die Antwort längst kannte. Babs hatte Recht. So einfach war das. Zu behaupten, ich wäre mit meinem Leben unzufrieden, wäre einer schamlosen Untertreibung gleich gekommen. Ich versuchte mir etwas anderes vorzumachen. Aber die Tatsache blieb: Ich schob Frust und das nicht zu knapp.

Aber… Ich fand tausend Ausreden, an meinem Frust nichts ändern zu müssen. Schwules Leben? Ja schon, aber nicht sofort und überhaupt, soooo wichtig ist Sex und Liebe auch nicht. Deren Bedeutung wird sowieso weit überschätzt. Außerdem brauch ich erst ein Auto, um nach Hamburg fahren zu können. Und warum nicht Lübeck? Da könnte mich ja jemand erkennen. Ja und wenn schon, der wäre dann doch auch schwul, oder? Ja, vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber eigentlich habe ich ja sowieso gar keine Zeit, ich muss doch arbeiten. Warum? Um einen Führerschein machen zu können. Wofür denn das? Um dann nach Hamburg fahren zu können, da würde dann mein schwules Leben beginnen.

Ja… So in etwa.

»Du solltest Florian nicht die Schuld daran geben, dass du mit deinem Leben unzufrieden bist.«, Babs hatte wieder zugeschlagen. Erbarmungslos wie immer, schlug sie mir ihre perfekte Analyse der Situation um beide Ohren.

»Aber…«

Ich wollte etwas einwenden, doch Babs fiel mir barsch ins Wort: »Nichts aber! Sag mal merkst du eigentlich nicht, dass du eine Lüge lebst? Und mit Lüge meine ich nicht, dass die anderen denken, wir wären zusammen. Sollen sie doch glauben, was sie wollen. Schließlich haben wir nie behauptet, dass wir zusammen wären…«

»Sondern?«, fragte ich kleinlaut, während ich den Löffel meines Eisbechers in den selbigen warf.

»Ich meine die Lüge, die du dir selbst antust. Du behauptest, du wärst glücklich.«

»Bin ich doch auch!«, knurrte ich gereizt.

»Merkt man.«, knurrte Babs zurück, »Mal ehrlich, warum suchst du dir nicht endlich einen Freund? Was hält dich ab? Und komm nicht wieder mit ,Nicht hier in Lübeck’  und ,Mich könnte ja jemand sehen.’ Und wenn schon? Davon geht doch dich Welt nicht unter. Behandele ich dich schlechter seit ich weiß, dass du theoretisch schwul bist?«

»Nein, tust du nicht. Du behandelst mich sogar eher besser.«, obwohl das mit dem »theoretisch« unfair war.

»Ja, verdammt, wo ist denn das Problem?«

Das fragte ich mich im selben Moment auch. Wo war das Problem? Ich kratzte mich am Kinn und dachte nach. Ich schaute mich um, sah die Menschen um mich herum. Die meisten schienen durchaus glücklich zu sein. Warum auch nicht? Am Strand von Travemünde, bei traumhaften Wetter, wer könnte unter solchen Voraussetzungen wirklich unglücklich sein? Ich war es, aber ich wollte es nicht.

Eine unerwartete Erinnerung flammte in meinem Kopf auf. Es war fast genau ein Jahr her. Es war fast genau das gleiche Wetter. Es war, von einer Hand voll Metern abgesehen, sogar der gleiche Ort. Der Kiosk, an dem ich mir vor einem Jahr eine Cola gekauft hatte, lag direkt neben dem Eiscafé. Ich sah sogar die Bank, auf der ich damals gesessen hatte. Heute hockte dort eine überforderte Mutter, die ziemlich erfolglos versuchte, die Hose ihres neben ihr sitzenden Sohnes vor einem herabtropfenden Eis zu retten, welches ihr Sproß gerade verdrückte. Damals saß ich dort. Aber nicht allein. Ein Typ hatte sich neben mich gesetzt und mir etwas gesagt. Ich konnte immer noch seine Stimme hören. Ich weiß immer noch den genauen Wortlaut.

»Du solltest dir selbst einen Gefallen tun… Ich denke du solltest mal ernsthaft drüber nachdenken, ob eine Freundin wirklich das ist, was du willst, was dich auf Dauer glücklich macht.«

Vorher hatte ich gesehen, wie dieser Typ mit einem anderem Typen eng umschlungen am Strand gelegen hatte. Dieser Anblick hatte sich in mein Gehirn eingebrannt, schließlich hatte er meine Gefühle mächtig durcheinander gebracht. Es hatte mich damals regelrecht zerrissen. Himmelhochjauchzend zu Tode betrübt. Es war gleichzeitig unendlich schön und unerträglich schmerzhaft anzusehen. Es hatte eine vorher niemals gekannte Sehnsucht in mir geweckt.

Und letztendlich hab’ ich dadurch begriffen, dass ich schwul war.

Als ich nun mit Babs und zwei leeren Eisbechern ein Jahr später an fast gleicher Stelle saß, stellte ich etwas anderes fest: Ich hatte vergessen, wie unbeschreiblich dieser Anblick der zwei Jungs und das Wissen darum, dass ich an ihrer Stelle sein könnte, gewesen war. Wie frustrierend, ein ganzes Jahr verschenkt zu haben.

Mir wurde allerdings noch etwas klar und das sprach ich laut aus: »Ich habe Angst.«

»Christian?«, diese Frau war wirklich unheimlich.

»Ja, eigentlich alle, aber Christian im Besonderen. Ich weiß nicht wieso, aber er scheint ein echter Schwulenhasser zu sein.«

»Dann hat er deine Freundschaft nicht verdient.«

»Babs, bitte, du machst dir das sehr einfach. Es ist nicht irgendwer, von dem wir sprechen, es ist Christian. Er hat massenweise Einfluss an der Schule. A born leader! Außerdem kennen wir uns quasi seit der Sandkiste. Meine und seine Eltern sind seid Ewigkeiten befreundet. Weiß Christian es, dann wissen es seine Eltern, dann wissen es meine Eltern und du kennst meine Eltern?«

»Ich befürchte…«

»Dann weißt du auch, was passieren wird. Meine Mutter wird sich die Schuld geben, nicht genug auf meine Ernährung geachtet zu haben. Sie wird vermuten, dass ich heimlich Fleisch gegessen habe. Sie ist zwar nicht so politisch dogmatisch wie Doris, aber mindestens genau so fundamentalistisch beschränkt. Wahrscheinlich wird sie mich ein Wochenende mit Steinen bestrahlen.«

»Mit Steinen?«

»Der neuste Tick meiner Mutter. Die bioenergetische Wirkung von Halbedelsteinen und normalen Steinen. Man muss die kosmische Lebensenergie auf die Chakren fokussieren. Neulich hab’ ich erlebt, wie sie mein Zimmer ausgependelt hat. Zwei Tage später hatte ich neue Möbel.«

»Neue Möbel?«

»Oh ja. Keinen Pfennig für einen Computer, aber tausende Mark für neue Möbel. Geöltes Massivholz ohne Metallbeschläge. Alles mit Holzdübeln verbunden. Aber das reichte noch nicht. Sie hat massenweise Halbedelsteine in meinem Zimmer verteilt, die die unglückliche Grundstrahlung kompensieren soll. Außerdem darf ich nur maximal 2 Stunden am Tag Licht einschalten und muss mich dann mindestens 2 Meter entfernt von der Birne aufhalten. Du weißt, die Strahlung.«

»Wie hältst du das eigentlich aus? Wie bist du so normal geblieben?«

»Keine Ahnung. Sie waren ja nicht immer so. Das ist in den Jahren schleichend mehr geworden. Ich kann mich noch daran erinnern, dass es früher sogar Sonntagsbraten gab. Dann haben sie entschieden etwas für ihre Gesundheit zu tun und weniger Fleisch zu essen. Ok, sicherlich nicht verkehrt. Bloß irgendwann kam der Versuch, dem Ganzen einen ideologischen Unterbau zu geben. Die ersten Esoterikbücher wurden gelesen. Na ja… der Rest ist Geschichte.«

»Und die sind immer noch mit Christians Eltern befreundet?«

»Oh ja. Meine Mutter bekehrt andere, in dem sie es nicht tut.«

»Hä?«

»Du kennst doch Doris.«

»Leider!«

»Meine Mutter ist das genaue Gegenteil. Sie will niemanden zum Fleischverzicht überreden. Die Familie mal ausgenommen. Sie kann fantastisch gut kochen. Wenn Sie Gäste hat, sind sie erst skeptisch und schließlich begeistert. Selbst mir schmeckt das Zeug. Nur mag ich halt auch mal gerne einen Hamburger. Wie auch immer… Wenn meine Eltern erfahren würden, dass ich schwul bin, würden sie versuchen mich zu heilen. Wissenschaft hin, Wissenschaft her. Für meine Mutter ist Wissenschaft sowieso eine Fehlentwicklung, da sie die Ganzheit des Universums nicht berücksichtigt. Für sie wäre schwul zu sein eine bioenergetische Störung der Seele, ein Ungleichgewicht meiner Organenergie, das korrigiert werden muss.«

»Weißt du was?«

»Nein?«

»Du lenkst schon wieder ab. Wir waren eigentlich dabei zu diskutieren, warum du dich immer noch verstellst und dir keinen Freund suchst und jetzt reden wir von deiner Mutter.«

»Ähm…«, ich zog meinen Hals ein, »Ich hatte gedacht, du würdest es nicht merken.«

Babs sah mich entschlossen an. Heute würde ich nicht kneifen können: »Netter Versuch. Aber, mein lieber Sebastian, früher oder später wirst du Farbe bekennen müssen. Du kannst dir natürlich weiterhin Ausreden einfallen lassen, aber weiter bringt dich das nicht.«

Ich schaute auf die Tischdecke: »Nein, wahrscheinlich nicht.«

»Wovor hast du Angst? Wirkliche Angst?«

Ich antwortete. Sehr leise, denn es war das erste Mal, dass ich meine Ängste wirklich formulierte: »Keine Freunde mehr zu haben. Ausgeschlossen zu werden. Wer von denen«, ich deutete mit meinem Zeigefinger in Richtung Strand, wo unsere Clique lag, »würde schon einen Schwulen zum Freund haben wollen?«

»Ich!«

Zack! Babs strikes again! Ein Wort, ein Hammer. Und wenn die Welt untergehen würde, Babs würde zu mir halten.

»Dann würden sie dich genau so meiden wie mich.«

»Quatsch. Erst mal, glaube ich nicht, dass sich so viel ändern würde. Und wenn doch, dann ist das eben Pech! Ich glaube, ich hab’ dir die Frage schon einmal gestellt: Was ist deine Freundschaft zu Christian oder Jens wert, wenn du dich dabei komplett verstellen musst? Glaubst du ich seh’ nicht was passiert: Christian reißt mal wieder einen seiner superschlechten Schwulenwitze und du wirst rot und beißt dir auf die Zunge. Müsstest du das, wenn er wirklich dein Freund ist? Oder bist du so masomäßig drauf, dass du auf seine fiesen Witze stehst?«

»Was soll ich tun?«, vielleicht hatte Babs eine Idee, mir waren sie schon seit Langem ausgegangen.

»Sei offensiver! Warum widersprichst du Krischan nicht, wenn er wieder mal einen Schwulenwitz reißt?«

»Und dann? Wir kennen doch seine Antwort: ,Bist du schwul, oder was?’ .«

»Ja, wahrscheinlich wird er genau das sagen…«, Babs lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und grinste breit, »Aber ohne es wirklich zu meinen…«

»Nicht?«

»Nein! Denk doch mal nach! Christian denkt doch, dass wir beide zusammen sind. Junge, du bist doch faktisch über alle Zweifel erhaben. Du kannst ihm widersprechen und dann in Ruhe die Reaktionen beobachten. Mich würde doch mal arg interessieren, wie Jens und Christoph reagieren.«

»Und wie dieser Flo reagiert?«, dachte ich bei mir. Babs Idee war durchaus reizvoll. Neugierig auf die Reaktion meiner Freunde war ich schon. Und Babs hatte sicherlich Recht. Hatte sie eigentlich immer. Mich hielt niemand für schwul. Der Gedanke war geradezu absurd.

»Dir geht es besser.«, bemerkte Babs.

»Das war jetzt keine Frage, oder?«

»Nein, nur eine Feststellung. Du schaust nicht mehr so finster drein wie vorhin.«, Babs lächelte mich an, »Komm, lass uns zurückgehen.«

»Hm, wir haben aber immer noch nicht geklärt, was ich jetzt machen soll!«, wandte ich ein.

»Doch, haben wir.«, entgegnete Barbera im Aufstehen, »Du wirst ab sofort du selbst sein!«

Schluck!

 

Sonne, Sand und Meer

»Du warst eine Klemmschwester?«, Adrian wollte kaum glauben, was ich gerade erzählt hatte.

»Ja, wirklich! Keine Ahnung, wie das passierte, aber ich hatte ein Jahr komplett mit Nichtstun vertrödelt. Ich wusste, dass ich schwul war, und das war’s dann auch schon.«

»Pornobildchen auf dem Schulcomputer?«, Adrian kicherte albern, »Ich stell mir gerade vor, wie dich der Schulhausmeister mit runtergelassenen Hosen erwischt.«

»Ähm…«, mehr wollte ich nicht sagen, mein Kopf war schon rot genug.

»Nein? Du hast du nicht etwa… Hat er dich wirklich erwischt…«

»Ähm… Nicht ganz… nur fast… Die Geschichte ist Jahrhunderte her. Lass mich lieber weiter erzählen.«

 

»Und, hat das Eis geschmeckt?«, als selbstgewählter Gruppenleitwolf ergriff natürlich Christian als erstes das Wort.

»Ja. Es war ausgesprochen nahrhaft…«, entgegnete ich und dachte dabei eher an den intellektuellen Nährgehalt unserer kleinen Unterhaltung.

Wir, Babs und ich, hatten unseren Weg zurück zum Strand gefunden. An unserer Sandburg angekommen, fanden wir nur Christian, Ute und diesen Florian vor, der Rest war weg.

»Wo sind denn alle?«

»Jens holt Getränke, der Rest ist baden gegangen.«, informierte uns Ute über die aktuellen Situation.

Bevor ich mich auf mein Badelaken legte, schüttelte ich den Sand aus, der sich in der Zwischenzeit angesammelt hatte.

»Hey, kannst du nicht aufpassen?«, knurrte Krischan, der unglücklicherweise im Lee saß. Lee? Für die Nichtküstenbewohner unter uns: Lee ist das Gegenteil von Luv. Luv ist in der Seemannssprache die windzugewandte Seite. Lee die windabgewandte. Eine Faustregel bei Seekrankheit, nie in Richtung Luv kübeln! Mit anderen Worten Lee ist dort, wo’s hin pustet. So auch der Sand, der von meinem Badelaken rieselte.

»Alte Mimose!«, konterte ich.

»Ich geb’ dir gleich eins auf die Mimose!«, konterte Christian. Keine Angst, so gingen wir fast immer miteinander um. Wie gesagt, Christian kannte ich seit der Sandkiste. Damals wohnten meine Eltern noch in Lübeck. Kein Wunder also, dass wir uns eine Sekunde später in einem kleinen schweißtreibenden Ringkampf befanden. Was ebenfalls völlig normal bei uns war. Genauso normal, wie die Tatsache, dass Christian immer gewann. Na ja, fast immer.

»Ey, seid ihr schwul oder was?«, türkprollte es von der Seite. Jens war mit den Getränken zurückgekehrt. Er hatte wirklich ein Gefühl für perfektes Timing. Sein Spruch kam exakt in dem Moment, als mich Christian an den Boden getackert hatte und auf mir drauf saß. Nur zwei dünne Lycrabadehosen trennten seinen Arsch von meinem Schwanz. Trotzdem bestand kein Grund zur Beunruhigung. Krischan war weit außerhalb meines potentiellen Beuterasters. Von einem erotischem Moment konnte somit keine Rede sein. Vielmehr war es das, was es immer war, nämlich die übliche Balgerei zwischen Kids. Obwohl wir langsam das Kids-Alter hinter uns ließen.

Auf Jens wirklich uralten Witz entgegnete Christian unvermeidlich mit einer noch älteren Antwort: »Tiefer Sebi, ja, mach’s mir… Junge, du bist so gut… Ja! Tiefer… iiijjjaaaaaaahhhhhh!«

Für einen mutmaßlichen Schwulenhasser konnte Christian erstaunlich authentisch tucken.

»Pah!«, setzte Jens wieder an, »Sebastian fickt nicht, der pfählt!«, und thematisierte mein großvolumiges Fortpflanzungsorgan. Ja, wir hatten zusammen Sport und, ja, wir duschten auch nach dem Sport. Das ist doch selbstverständlich, oder? Somit war die unproportionale Physiognomie meines dritten Beines kein Geheimnis. Es war regelmäßig Anlass für derben Spott.

»Welche Möse willst du damit spalten?« oder »Den lässt keine Braut bei sich rein.« waren noch die eher mindervulgären Kommentare, die ich mir anhören musste. Natürlich wurden mir bei solchen Gelegenheiten auch regelmäßig die sexuellen Vorzüge normaldicker, dafür aber langer Schwänze erklärt. So etwas würden sich die Frauen wünschen und nicht so einen Vorschlaghammer. Wie bereits erwähnt, mein Problem war der Durchmesser.

Christian stieg von mir runter, blickte zu Babs und zeigte mit seinem Zeigefinger auf meine Badehose: »Ich frag mich ernsthaft, wie du sowas verträgst.«

Es war eine Frechheit. Mich zu verarschen war traditionell noch Ok. Ich tat das gleiche mit ihm. Aber Babs war tabu. Ich fragte Corinna schließlich auch nicht, ob Christians Schwanz nicht zu dünn sei.

»Hey, das geht zu weit!«, fuhr ich daher Christian scharf an.

Der drehte sich um, hielt einen Moment inne, überlegte und gab überraschend kleinlaut bei: »Sorry, war nicht so gemeint. Der Witz war scheiße.«

Ich schaute zu Babs. Sie nickte und zuckte entnervt mit den Schultern.

Wenn Babs keine Staatsaffäre daraus machen wollte, ich wollte es auch nicht: »Ok, vergiss es.«

»Jetzt giftet euch nicht an, sondern nehmt ‘ne Cola!«

Jens reichte jedem eine eiskalte Flasche dunkelbrauner Brause. Und, oh Wunder, jeder griff zu und nuckelte kurze Zeit später an seiner Flasche.

»Erzähl mal Flo, welche Kurse hast du außer Physik noch.«

Florian, der sich schüchtern abseits gehalten hatte, schreckte überrascht auf. Dass man ihn ansprechen würde, hatte er offenbar nicht erwartet. Er setzte sich vorsichtig auf, hockte sich im Schneidersitz auf sein Badetuch und meinte: »So viele Wahlmöglichkeiten hatte ich nicht. Die meisten Kurse waren schon voll. Ich musste nehmen, was noch übrig war.«

»Dann eine einfache Frage: Physikleistungskurs und?«

»Chemie.«

»Oh, bitte nein, nicht noch so einer! He, Sebi, du bist nicht der einzige mit der Doppeldummkombi.«

»Nur weil du Zucker nicht von Salz unterscheiden kannst, muss Chemie noch lange nicht blöd sein.«

»Aber das ist echt schwer. Beides sind weiße Krümel.«

»Kristalle!«

»Sag ich doch: Krümel!«, typisch Jens, »Also Physik – würg – und Chemie – spei – Und sonst?«

»Das übliche: Deutsch, Geschichte, Englisch, Latein, Geo, Mathe. Ihr wisst schon.«

»Weißt du, wenn du bei Deutsch hast?«

»Ja, irgendwo hab’ ich einen Namen gelesen. Gibt es bei euch einen Sandmann?«

»Na, nett, er hat Sandmännchen. Willkommen im Club. Sebi, Christian, Ute, Babs und ich sind auch beim Sandstreuer. Der ist ganz Ok. Und weiter?«

»Gibts eine Frau Zuber?«

»Mrs. Washingmaschine!Yes indeed! Die gibts. Englisch für Fortgelaufene. Grottenschlecht die Frau, aber wenigstens harmlos.«

»Zecher?«

»Zecke? Shit, du hast Zecke in Latein? Du armes Schwein! Ich hoffe für dich, dass du in deinem alten Laden ein Lateinüberflieger warst. Wer nicht 200 Jahre vor Christi in Rom gelebt hat und Cicero hieß, kann per Definition kein Latein. Zeckes Dogma Nummer 1.«

»Mach’ mich nicht nervös!«, Florian sah genau so aus – nervös.

»Zecke ist ein arrogantes, hinterhältiges und falsches Arschloch. Der lässt dich 20 Minuten übersetzen, um dir in der 21. Minute zu erklären, dass du nicht die geringste Ahnung von Latein hast und niemals haben wirst.«

Jens puhlte einen Kurs nach dem anderen aus Florians Nase. Ich hielt mich währenddessen im Hintergrund. Während ich Florian unauffällig betrachtete, fertigte ich eine kleine Strichliste der Kurse in meinem Kopf an, die ich mit ihm gemeinsam besuchen würde.

Dieser Florian war schon süß. Regelrecht lecker. Dabei ging ich gar nicht die üblichen schwulen Klischeefragen durch. Ob er auch schwul ist? Hat er eine Freundin? Wie groß wohl die Chance ist, dass er schwul ist und mich obendrein auch noch mag? An solche Dinge dachte ich nicht im Entferntesten. Forian verunsicherte mich. Meine Unsicherheit kam aus einer merkwürdigen Ecke. Ich war nicht verliebt. Ja, nicht verliebt. Zumindest hatte ich nicht dieses »Hals über Kopf, Schmetterlinge im Bauch«-Gefühl. Ich fand Florian schlicht interessant. Ich war neugierig auf seine Persönlichkeit und wollte ihn näher kennen lernen. Das er auch noch attraktiv aussah (nach meinem Geschmack), war sicherlich nicht schädlich. Aber verliebt war ich nicht.

Außerdem hatte ich gar keine Möglichkeit mich zu verlieben, denn Jens Geschwafel begann mich abzulenken und massiv zu nerven.

»Leute?«, unterbrach ich seinen Mitteilungsdrang, »Müsst ihr unbedingt von der Schule labern? Wir werden in 5 Wochen wieder genug Zeit haben, uns täglich über den Laden zu ärgern. Doch bitte nicht jetzt! Für den Fall, dass ihr das Memo noch nicht bekommen habt: ,Wir haben Schulferien!’ Also, wechselt bitte das Thema!«

»Sebastian hat gesprochen!«, kommentierte Christian, »Man sollte den Tag im Kalender rot anstreichen. Ich bin genau seiner Meinung.«

Ich: »Oh Gott, was hab’ ich falsch gemacht?«

»Nimms nicht so tragisch, Sebi!«, grinste Krischan provokant, »Wahrscheinlich hast mal wieder einen Sonnenstich. Bei klarem Verstand würdest du niemals einen sinnvollen Gedanken zustande bringen.«

Ich: » Kiss my ass, Bitch! «

Christian (mit tuckiger Stimme): »Schatzi, nicht vor all den Leuten.«

Jens (genervt): »Jetzt geht das mit den beiden schon wieder los!«

»Eifersüchtig!«, Christian und ich synchron.

Ich konnte zwar keine Okley als mein Eigen benennen, doch besaß meine 7,78 Euro Sonnenbrille von Eduscho ähnlich schwarze Gläser. Ohne meinen Kopf bewegen zu müssen, konnte ich unauffällig in Richtung Florian linsen.

Süß! Dieser Florian hockte auf seinem Badetuch und folgte sprachlos aber mit offenem Mund unseren Kappeleien. Wobei… Er folgte unseren Worten, schenkte uns aber unterschiedlich viel Aufmerksamkeit. Jens, der alles versuchte, um sich bei Florian einzuschleimen, erntete eher höflich-zurückhaltende Distanz. Ganz anders verhielt es sich bei Christian. Wenn er sprach, wirkte Florian natürlich und unverkrampft. Das war kein Wunder, da er und Krischan in der gleichen Handballmannschaft waren. Christian war für ihn eben kein Unbekannter. Ute und Babs wurden freundlich angelächelt. Nichts überschwängliches, obwohl ich meinte, zu Babs hin eine unterschwellige Dissonanz spüren zu können. Nicht dass man mich missversteht. Florian schien ein offener und ehrlicher Typ zu sein. Er war aber nicht der Typ, der von sich aus auf Menschen zuging.

Ich fragte mich, wie ich mich in seiner Situation verhalten hätte, wenn ich als »der Neue« zu einer bestehenden, festen Gruppe von Leuten gestoßen wäre. Wahrscheinlich ähnlich: abwartend, beobachtend und nur kein falsches Wort sagen. So banal es klingen mag, aber es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Versaut man ihn, hat man es ungemein schwerer. Kein Wunder also, dass Florian eher Distanz wahrte und die Rolle des Antwortenden übernahm.

Eine Person bin ich schuldig geblieben. Wie betrachtete Florian mich? Ähnlich wie Christian und trotzdem völlig anders. Er schien mich durchaus entspannt zu nehmen. Das freute mich natürlich. Allerdings bildete ich mir darauf nichts ein. Vermutlich verhielt er sich generell eher neutral und Jens überforderte ihn mit seiner aufdringlichen Art. Ich kannte Jens und ich wusste, dass keine böse Absicht dahinter stand. Jens textet alle Leute zu, die er nicht kennt. Es war Jens’ Art mit fremden Personen umzugehen. Indem er Florian zulaberte, wollte er Vertrautheit schaffen. Es funktionierte eher schlecht.

Glücklicherweise war ich weder Florians noch Jens’ Mutter und musste mich kein Stück mit ihrer Art Beziehungsaufbau auseinandersetzen. Ich konnte mich genüsslich auf meinem Badetuch räkeln, die Wärme der Sonne genießen und heimlich Flo beobachten.

»Wer iss’n das?«, kurz, kalt, erbarmungslos. Christorph hatte zugeschlagen. Drei tropfende Personen mit den Namen Christorph, Corinna und Sören, hatten ihre nasse Spielwiese verlassen und zum Basiscamp aufgeschlossen.

»Habt ihr ausgebadet?«, fragte ich das Offensichtliche.

»Der Dame wurde es kalt!«, stichelte Sören. Mit der Dame war natürlich Corinna gemeint.

»Dann muss ich die Dame unbedingt aufwärmen.«, säuselte Christian.

Christian war ein Phänomen, eine neuzeitliche Version von Jekyll und Hyde. In Abwesenheit von Corinna, war er durch und durch Kerl, nie verlegen um einen megaschlechten und megaprolligen Witz, des weiteren konfliktbereit, aggressiv, gockelhaft. Hete pur! Er plusterte sich auf wie ein Pfau. Ein Gockel auf der Balz, der Stolz sein prächtiges Federkleid präsentierte. In Christians Fall waren die Federn Muskeln, von denen er reichlich hatte. Christian war fest gebaut, mit der Tendenz zum Brechertypen. Harte, kantige Wangenknochen, ein breites Kreuz gaben ihm eine gewisse Brutalität. Jemand formulierte es mal als eine »physische Präsenz«. Christians Glück war, dass außer seinen Wangen sein Gesicht eher die Klassifikation »süß« verdiente. Stupsnase, wilde Haare, die machten was sie wollten, kleine Grübchen und ein Paar Dackelaugen brachen jegliche Härte – Und ärgerten Christian. Vielleicht war er deswegen eher aggressiv strukturiert. Das heißt, so lange er Mr. Jekyll war.

Aber es gab auch den Mr. Hyde. Christians Verwandlungselixier hieß Corinna. Kaum war sie in seiner Nähe, schmolz jeder Härte, jegliche Vulgarität verpuffte ins Nichts, aggressives Machogehabe dampfte von dannen. Christian wurde zum Schmusekater. Er schien nur noch aus Samtpfötchen zu bestehen, die niemals Krallen besessen hatten. Christian fraß Corinna aus der Hand. Sie schien Macht über ihn zu haben. Nicht dass sie diese Macht jemals missbraucht hätte, doch Corinna genoss es. Schließlich kannte sie auch Christians andere Seite.

Während sich also unser rolliger Kater um Corinna wickelte, wiederholte Christorph seine Frage: »Wer ist das?«

»Das…«, begann ich zu erklären, »…ist Florian.«

»Und?«

»Er ist ein Freund von Krischan. Handball, du weißt?«

»Und?«

»Florian wird ab nächstem Schuljahr auf unserer Schule sein.«

»Ach…«, murmelte Christorph und war mit dem Thema durch.

»Stop! Junge, du bist sowas von unhöflich!«, knurrte ich ihn säuerlich an, »Darf ich vorstellen? Christorph, das ist Florian! Florian, das ist Christorph. Sagt ,Guten Tag!’ zueinander.«

»Guten Tag zueinander«

»Argh!«

 

»So hast du also Florian kennen gelernt?«, Adrian, Olli, Simone und ich saßen immer noch im Cafe beieinander. Die Trauergesellschaft hatte sich deutlich gelichtet. Viele Gäste hatten sich verabschiedet und waren gegangen.

»Ja, ziemlich unspektakulär, was?«

»Ja, ziemlich.«, stimmte Olli zu, »Hat’s zwischen euch nicht sofort gefunkt? So mit weichen Knien und so?«

»Nee, gar nicht. Auch nicht bei Flo, wie er mir später beichtete. Wir fanden uns sympathisch und wollten uns näher kennen lernen. Aber auf einer rein platonischen Ebene. Dass sich daraus mehr, auch etwas sexuelles, Intimes und schließlich eine tiefe, ernste Liebe entwickeln würde, damit hatte keiner von uns gerechnet. Flo war für mich ein neuer Schüler, mit dem ich demnächst eine Menge Kurse zusammen besuchen würde. Von uns allen waren wir die beiden, die die meisten Fächer gemeinsam hatten. Christian sah ich dagegen nur noch in Deutsch.«

»Und wie kam es dann zu…«

»…dem Bruch?«, ich seufzte, während ich Ollis Satz vollendete.

Ich zuckte mit den Schultern. Vor mir stand eine kleine Pyramide. Eine wirklich kleine Pyramide. Während ich meine Geschichte erzählte, hatte ich einen Zuckerwürfel nach dem anderen aus dem Zuckernapf entnommen und vor mir aufgetürmt. Ich sollte vielleicht in Ägypten anheuern. Baut man da noch Pyramiden?

»Ok, der Bruch mit C und C…«, fing ich an.

»Mit wem?«

»Christian und Christorph -The homophobic Duo«, erläuterte ich, »Also…«

In diesem Moment platzte Sören herein. Mein ungutes Gefühl tauchte wieder auf und fühlte sich bestätigt. Sören sah verändert, nämlich fertig aus, total fertig. Aufgelöst, mit wirren, panischen Blick stand er im Türrahmen. Seine Augen waren rot und blutunterlaufen. Sein Hemd klebte feucht an seinem Körper und war mit schmutzigen Flecken übersät. Überhaupt strotzte Sören vor Dreck und Schmutz. Dabei hatte er die gleiche Kleidung an, die er bei der Trauerfeier getragen hatte. Wir glotzten ihn an. Zwischen Staunen und Entsetzen waren alle Emotionen vertreten. Er begann zu stammeln: »Doris…«

Ich zuckte zusammen. Es war nicht einfach nur einfacher Dreck, der an seinem Hemd klebte und seine Hose befleckte. Es war angetrocknetes Blut.

»Doris… sie ist… tot!«

 

Gießkanne und Gartenharke

Doris war in der Tat tot. Sie musste einfach tot sein. Es sei denn, sie könnte das Kunststück vollbringen, unter Wasser atmen zu können. Wasser? Im Hochsommer? In der Innenstadt?

Man stelle sich eine Unterwasserkamera vor, wie sie nur wenige Dezimeter unter der Oberfläche einer Wasserfläche eine Szene einfängt. Die Kamera schaut nach oben. Sonnenstrahlen durchziehen grünlich trübes Wasser. Vor der Oberfläche zeichnet sich ein dunkler Schatten ab, dessen Ränder merkwürdig unscharf und ausgefranst erscheinen und wie Tentakel durchs Wasser wabern. Langsam gewöhnt sich der Betrachter an die diffusen Lichtverhältnisse im kühlen Nass. Die Tentakel nehmen Struktur an und werden erkennbar. Ihre Textur lassen Haare vermuten.

Und in der Tat. Es sind Haare, die im Wasser treiben. Der Blick wandert zum zentralen Schatten, düstert ahnend, welch Ursprung die Haare nehmen müssen. Und richtig, ein Gesicht wird sichtbar. Weite aufgerissene ausdruckslose Augen starren in die Tiefe des Wassers, glotzen in Richtung der virtuellen Kamera.

Es ist Doris, deren Gesicht das Blickfeld ausfüllt.

Die Kamera beginnt sich zu bewegen. Sie steigt auf und kommt dem Gesicht immer näher. Wolken dunklen Blutes durchmischen das trüb-grünliche Wasser. Die Kamera steigt weiter auf und verlässt die feuchten Gefilde. Sie dreht ihre Blickrichtung und hält die tote Doris fest im Fokus, um nunmehr allerdings ihren Hinterkopf aufzunehmen. Die Kamera steigt und steigt und wir erkennen das große Ganze.

Wir befinden uns auf dem Friedhof, unweit der Stelle, an der Florian bestattet wurde. Es ist ein friedlicher Ort, denn jetzt herrscht Ruhe. Doch das Bild, dass sich dem Betrachter erschließt, zeugt von Gewalt. Ein steinerner Brunnen bildet den Mittelpunkt. Er würde sich bitterlich beklagen, wie er missbraucht wurde, wenn er doch nur sprechen könnte. Er könnte schildern, wie die Friedhofsruhe gestört wurde. Er würde uns erklären, dass seine vornehme Aufgabe darin besteht, Hinterbliebenen ihre kleinen grünen Plastikgießkannen zu füllen. Ältere Damen, kleine Omis mit Hut, holen sich Wasser, um die Blumen der Gräber zu gießen. Es ist gutes Wasser. Es ist gehaltvoll, kühl mit einer leichten grünlichen Algenausflockung. Ja, das Wasser hat eine irdene Tiefe, seine Substanz und dunkle Struktur ist friedlich. Ja, es ist Friedhofswasser.

Doris liegt mit ihrem Kopf im Wasser. Ihr Oberkörper muss nach vorne gefallen sein, direkt in das steinerne Wasserbecken. Aber sie ist nicht ertrunken. Aufmerksame Beobachter werden sogleich das Blut bemerkt haben, das als dunkle Wolke durch das Wasser treibt. Neben dem Becken liegt eine kleine grüne Handharke. Die gleichen Omis, die die kleinen grünen Plastikgießkannen benutzten, verwenden auch die kleinen grünen Harken. Allerdings sind sie nicht aus Plastik. Lackiertes Eisen und ein kurzer Holzgriff. Man muss das tote Laub von den Gräbern harken, den Weg und die Sandstreifen um das Grab sauber harken. Wir haben einen ordentlichen Friedhof.

Die Zinken dieser Harke sind dunkel. Etwas rötlich-schwarzes und feucht glänzendes klebt an den Spitzen.

Dem aufmerksamen Beobachter fällt sofort die überraschende Übereinstimmung mehrerer äquidistanter, blutiger Löcher in Doris Hinterkopf und dem Abstand der Zinken der Harke auf. Es gehört sicherlich kein tiefgreifendes forensisches Fachwissen dazu, wenn man in dem an sich reputierlichen Gartengerät eine Tatwaffe sieht.

Tatwaffe?

 

Das Thema lautete Mord und kam überraschend. Sörens unerwartetes Auftauchen beim Leichenschmaus war nur der Beginn einer ganzen Reihe von Ereignissen, die in schneller Abfolge, teilweise sogar gleichzeitig, in Gang kamen und über uns hereinbrachen. An erster Stelle stand natürlich der Mord an Doris, der zu Anfang mangels Wissen noch keiner war.

Doch der Reihe nach. Sören stand unter Schock. Unter den Trauergästen befand sich ein ausgebildeter Ersthelfer, der die Symptome sofort erkannte. Schockbedingt litt Sören unter einem amnesieähnlichen Zustand. Mit anderen Worten, wir bekamen aus ihm nichts raus. Wie eine zerkratzte CD wiederholte er immer nur die gleiche Wortfolge: »Doris ist tot.« Bei seinem ausdruckslosen Blick war ich mir nicht sicher, ob selbiges nicht auch auf Sören zutraf.

Während wir noch versuchten Sören aus seinem katalonischen Zustand zu holen, war auf dem Friedhof die Leiche von Doris in einem Blumenwasserbrunnen entdeckt worden. Kopfüber bis zum Bauchnabel im algigen Wasser treibend wurde sie von einer weißhaarigen Dame höheren Alters entdeckt. Jene Dame drohte kurzfristig dem Vorbild Doris zu folgen und selbst das Zeitliche zu segnen. Der Anblick einer Leiche im Brunnen gehörte einfach nicht zu den üblichen Anblicken, die man auf einem Friedhof erwartet. Sicherlich war es auch in der Friedhofsordnung strengstens untersagt.

Die weißhaarige Dame griff nach ihrem Herzen, holte tief Luft (was bei der extremen Sommerhitze kaum erträglich war) und schrie. Sie schrie so laut, dass ein Friedhofsgärtner seine nachmittägliche Siesta unterbrach und herbeieilte. 17 Minuten später parkte ein Einsatzwagen der Polizei neben den Brunnen und sperrte das Gelände weiträumig ab.

Parallel wurde von uns die Polizei über Sörens Ausruf »Doris ist tot!« informiert. Erstaunlicherweise gelang es jemandem in der Polizei eine Verbindung zwischen der Toten auf dem Friedhof und unserem Anruf zu entdecken. Doris wurde als Doris identifiziert und zwei Kripobeamte zum Café geschickte. Während diese sich auf den Weg zu uns machten, war anderer ihrer Gattung dabei, den Tatort zu untersuchen. Wenig später stand fest, dass man bei Doris Tod von Fremdverschulden ausgehen musste. Da nach Lage der Dinge ein Unfall ausgeschlossen werden musste, blieb nur ein vorsätzliches Tötungsdelikt übrig. Mit anderen Worten: Mord.

Ohne dem Bericht der Spurensicherung vorgreifen zu wollen, rekonstruierte der zuständige KOK Winkelmann den Tatvorgang folgendermaßen. Vermutlich hatte der Täter Doris mit einer Harke auf den Schädel geschlagen. Einige Zinken hatten die Schädeldecke durchschlagen und sind in die Hirnmasse eingedrungen. Wenn auch erst die gerichtsmedizinische Untersuchung klären würde, ob diese Verletzung bereits tödlich war, muss sie auf jeden Fall zur Bewusstlosigkeit des Opfers geführt haben. Ob der Täter das Opfer in den Brunnen geworfen hatte oder das Oper beim Verlust des Bewusstseins selbst hinein gestürzt war, würde ebenfalls die Gerichtsmedizin klären müssen.

KOK Winkelmann war sich seiner Analyse sehr sicher und übermittelte sie per Handy an seine Kollegen, die im selbem Moment im Café eintrafen. Aus ermittlungstaktischen Gründen wurden wir nicht informiert. Man teilte uns lediglich mit, dass eine tote Person gefunden worden war und es sich dabei um Doris handeln würde.

KOM Sabine Müller und KHM Torsten Freitag traten wenig pietätvoll auf. Jedenfalls so lange, bis Ruth KOM Müller bei Seite nahm und sie im leisen Zwiegespräch über die Hintergründe der Veranstaltung aufklärte. Die Peinlichkeit stand KOM Müller und ihrem Kollegen ins Gesicht geschrieben. Man entschuldigte sich wortreich, bestand aber trotzdem darauf, uns zu Doris zu befragen.

Wir taten was wir konnten. Allerdings beobachtete ich, dass sich das Interesse von KOM Müller und KHM Freitag deutlich auf den apathischen Sören konzentrierte. Nachdem KOM Müller dann auch noch ihr Handy benutzte und mit jemandem, vermutlich einem Kollegen, Rücksprache nahm, keimte in mir eine dunkle Ahnung auf, die wenige Augenblicke später zur Realität wurde.

»Herr Sören Tecklenburg?«

»Ja?«, kam es ausdruckslos und völlig apathisch vom Angesprochenen.

»Ich nehme Sie wegen des dringenden Tatverdachts ein Tötungsdelikt an Frau Doris Demler begangen zu haben, vorläufig fest.«

Kaum ausgesprochen, rasselten bereits die Handschellen. Schweigend, staunend und mit offenem Mund sahen wir zu, wie Sören vor unseren Augen abgeführt wurde.

»Ich glaub, ich bin im falschen Film!«

 

Antjes Welt

»Glaubst du das?«

»Was?«

»Dass Sören Doris umgebracht hat?«

Müde zuckte ich mit meinen Schultern bevor ich Olli antwortete: »Nein, eigentlich nicht. Sören ist bestimmt kein Totschläger und ein Mörder schon gar nicht. Ok, Doris war zwar eine penetrante Nervensäge, der ich liebend gern den Hals umgedreht hätte, aber es zu denken und schließlich wirklich zu tun… Dazwischen liegen Welten.«

»Du glaubst also nicht, dass Sören etwas damit zu tun hat?«

»Das hab’ ich nicht gesagt. Wie heißt es doch so schön: ,Zur falschen Zeit am falschen Ort’ .«

»Du…«, fauchte plötzlich eine Stimme quer durch den Raum. Jeder zuckte zusammen, denn die Lautstärke dieses einen Wortes erreichte locker die Schmerzgrenze von 90dB. Es war Antje. Ihr ausgestreckter Zeigefinger zeigte auf mich. Jeder im Raum folgte der Zeigerichtung und starrte mich folglich an.

»Du… Bist du jetzt zufrieden?«, Antjes Organ war durchdringend. Jeder verkroch sich eingeschüchtert in seinem Sitzplatz. Eine Cafébedienung kam hereingeeilt und schaute sich verunsichert um. Antje stand auf der anderen Seite des Raumes. Ihre Augen waren vorgequollen, ihre Halsschlagader pulsierte deutlich sichtbar: »Reicht es nicht, dass du meinen Sohn auf dem Gewissen hast?«

»Antje!«, ließ sich Rolf Krüger vernehmen. Seine Stimme hatte eine schneidende Schärfe. Fast jeder wäre sofort verstummt. Aber eben nur fast jeder. Antje war nicht jeder. Antje hatte jedes Maß und jeden Bezug zur Realität verloren. Sie wollte sich nicht mehr zurückhalten: »Seht ihn euch an. Dieses Subjekt ist für den Tod von Florian verantwortlich! Er zieht Leid, Verderben, Unmoral und Krankheit an! Er suhlt sich darin. Reicht es dir nicht, wie du uns quälst? Musste noch ein Mensch sterben?«

Die Stimmung kippte. Im ersten Moment waren die verbliebenen Gäste von Antjes Ausbruch überrascht gewesen. Es folgte ein Moment des Interesses, das aber unmittelbar durch Entsetzen abgelöst wurde. Ich konnte es in ihren betretenen Gesichtern lesen. Sie waren nicht von mir entsetzt. Die meisten kannten mich überhaupt nicht. Sie waren von Antje entsetzt, denn jeder begriff, dass sie über der Trauer einen guten Teil ihres Verstandes verloren hatte.

Rolf Krüger wirkte hilflos. Wie soll man mit jemanden umgehen, der unter einem echten Fall von klinischer Hysterie litt? Ruth wollte eingreifen und Antje beruhigen. Sie war kaum einen Schritt auf sie zugetreten, als Antje wie eine Furie herumwirbelte: »Komm mir nicht zu nahe! Du gehörst auch zu denen!«

Antjes Stimme – Inzwischen konnte man es deutlich hören – kiekste und überschlug sich. Es klang wie in einem schlechten Film. Glasige Augen, eine schweißnasse Stirn, ein wirrer und gleichzeitig verängstigter Blick, waren untrügliche Anzeichen des unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruchs.

»Antje… bitte!«, Schärfe raus, Verzweiflung rein. Rolf Krüger wusste nicht, wie er seiner Frau helfen sollte. Er wusste ja nicht einmal, wie er sie erreichen sollte, denn Antje legte erst richtig los: »Ihr seht es doch alle! Warum sprecht ihr es nicht aus! Das Böse! Es ist unter uns! Abartigkeiten, die ich nicht aussprechen will. Wollt ihr es denn nicht sehen? «

»Antje… bitte!«, versuchte Rolf seine Frau nochmals zu erreichen.

»Was?«, fauchte sie ihn an, »Was soll ich? So jämmerlich einknicken wie du? Pah!«

Antje hörte nicht mehr auf zu reden. Von Sekunde zu Sekunde steigerte sie sich immer weiter in ihrem Wahn und wir konnten nur hilflos zusehen. Niemand wagte etwas zu sagen. Was denn auch? Wie soll man mit jemandem diskutieren, der dich überhaupt nicht wahrnimmt?

Den meisten Gästen wurde mulmig. Sie begannen unruhig auf ihren Stühlen hin und her zu rücken, trauten sich aber nicht, den Raum zu verlassen. Zwei nähere Verwandte versuchten nochmals Antje mit Worten wie »Antje, wir verstehen dich ja. Nun beruhige dich doch!« zu beschwichtigen. Aber Antje reagierte nicht. Sie stand auch nicht mehr in einer Zimmerecke sondern war mitten in den Raum getreten und stolzierte nun zwischen uns umher.

»Aber wir haben Florian doch auch geliebt!«

Dieser Satz kam von Simone, während ihre Mutter eine Pause machte um Luft zu holen. Ich vermutete, dass Antje ihn ignorieren und einfach mit ihrem Monolog weitermachen würde, aber darin hatte ich mich (und die meisten anderen Personen im Raum) kräftig geirrt.

Antje fuhr herum, sprang geradezu auf Simone zu und schrie sie an: »Nein! Du hast ihn nicht geliebt! Keiner! Hört ihr mich? Keiner! «

Antje kreischte diese Worte heraus und… Brach zusammen. Sie wankte, ließ sich auf einem freien Stuhl herabgleiten und schluchzte leise: »Niemand hat meinen kleinen Liebling geliebt. Nur ich. Niemand anderes! Nur ich!«

Schweigen. Für einen Moment war es absolut still im Raum. Niemand wagte etwas zu sagen. Man versuchte sogar, sich nicht zu bewegen und dadurch ein Geräusch zu verursachen.

»Komm Schatz, ich bring dich nach Hause…«, nach einer angemessenen Zeit hatte sich Rolf Krüger von seinem Platz erhoben, war zu seiner Frau gegangen, hatte ihr seine Hand auf ihr Schulter gelegt und sie sanft vom Stuhl gehoben. Zu unserer aller Verwunderung ließ sich Antje ohne ein Wort oder Gegenwehr aus dem Café führen. Wir hörten nur, wie sie leise mit sich selbst redend immer wieder wiederholte: »Nur ich habe dich geliebt. Niemand anders…«

Es bedurfte keines Psychiaters um zu erkennen, dass Antje in einen Zustand verfallen war, bei dem sie sich von der Außenwelt abgekoppelt hatte. Sie war gefangen in ihrer eigenen inneren Sicht der Dinge, unfähig zur Kommunikation.

Florians Trauerfeier war in einem Infernal geendet.

 

Wie geht es Antje?

Nach dem Fiasko im Café hatte sich die Trauergesellschaft recht schnell aufgelöst. Adrian und ich waren ins Hotel gefahren. Dort angekommen entledigten wir uns als erstes unserer dunklen Anzüge, duschten kühl und kleideten uns anschließend wetterangemessen. Natürlich ließen uns die Ereignisse des Tages nicht los. Schon die Beerdigung war nicht Vergnügungssteuerpflichtig, aber Doris Tod, Sörens Verhaftung und Antjes Nervenzusammenbruch trieben den Negativrekord an Unerfreulichkeiten in mathematisch nicht mehr darstellbare Dimensionen. Die Vorfälle dominierten mein Denken, dass Adrian irgendwann meinte, ich könnte doch Olli anrufen. Vielleicht ließe sich damit ein Problem relativieren. Im ersten Moment zögerte ich, Olli an so einem Tag weiter zu belästigen, aber am Ende siegte meine Ungeduld und Neugier. Ich rief ihn an.

»Nein, ist schon Ok. Ich hätte dich vermutlich selbst angerufen.«, besänftigte Olli meine Befürchtungen, ihn zu stören, »Antje liegt in der Uniklinik. Nervenzusammenbruch. Ich habe mit Simone und meinem Vater gesprochen. Es zeigt sich mal wieder, dass Schweigen ein Fehler ist. Beide waren wie ich der Meinung, dass Antje professionelle Hilfe bräuchte. Nach ihren wahnwitzigen, völlig irrationalen Hasstiraden letztens, hatte ich mir große Sorgen gemacht. Aber ich habe sie nicht ausgesprochen! Hätte ich doch bloß was gesagt!«

»Mach’ dir keine Vorwürfe. Was wäre denn passiert, wenn du etwas gesagt hättest? Hätte Rolf Antje sofort zum Psychiater gefahren?«

»Nein, wohl nicht.«, Olli seufzte, »Aber das du anrufst, um dich nach Antje zu erkundigen… Sebastian, egal was Antje und alle anderen Leute sagen. Du bist ein guter Mensch!«

»Psst! Sag sowas nicht so laut, mein schlechter Ruf ist hart erarbeitet. Außerdem bin ich einfach nur krankhaft neugierig.«

»Ja, ja. Was immer du meinst.«, ich hörte, wie Olli tief Luft holte und sich sammelte. Was er als nächstes sagte, belastete ihn sehr schwer: »Antje wird so schnell nicht wieder aus der Klinik kommen…«

Der Satz brauchte eine Weile, um zu wirken, was er sehr körperlich tat. Mir wurde mein Hals eng.

»Die Ärzte meinen, dass sie sich für Florians Tod verantwortlich macht. Sie scheint zu meinen, dass sie als Mutter versagt hätte. Sie hätte auf ihr Baby nicht richtig aufgepasst. Mann, Florian war ein 25 jähriges Baby! Sie muss doch mal loslassen können. Natürlich ist es unendlich schlimm ein Kind zu verlieren. Auch dann, wenn es bereits erwachsen ist. Keiner weiß, wie er auf Dauer mit dem Gedanken, dass Flo nicht mehr ist, klar kommen soll. Shit, ich steh seit Tagen neben mir. Manchmal denke ich: ,Hey, dass musst du unbedingt Flo erzählen!’ und im selben Moment wird mir klar, dass ich Flo nie wieder etwas erzählen kann. Scheiße! Ich kann noch nicht mal richtig heulen!«

»Wenn ich irgendwas für dich tun kann…«

»Danke, aber du wirst nicht immer da sein können. Aber möglicherweise kann ich dir helfen.«

»Inwiefern?«

»Rolf hat ein wenig seine Beziehungen spielen lassen. Der verantwortliche Staatsanwalt am LG Lübeck ist ein alter Schulfreund. Außerdem sind Paps und er in der gleichen Freimaurerloge. Er konnte natürlich keine Ermittlungsdetails preisgeben, aber die Staatsanwaltschaft hält Sören für den Täter. Ob es sich um Mord oder Totschlag handelt wird noch geprüft.«

»Sören? Aber das ist doch totaler Quatsch!«

»Das sagst du, weil du ihn kennst. Für die Polizei zählen nur Fakten und die sehen verdammt erdrückend für Sören aus. Er war am Tatort. Er hatte Blut und Wasser an seiner Kleidung. Das Blut stammt von Doris und das Wasser aus einem Brunnenbecken.«

»Brunnen? Wasser?«

Olli schilderte, wie die Polizei Doris aufgefunden hatte. Allerdings beschrieb Rolfs Schulfreund den Tatort nur sehr wage und grob. Doris wurde irgendwie erschlagen in einem Brunnenbecken liegend gefunden. Ob sie ertrunken war oder der Schlag sie bereits getötet hatte, wusste man noch nicht oder wollte es nicht preisgeben.

»Olli?«, in mir rumorte ein Verdacht. Allerdings würde dieser Verdacht, eigentlich war es nur ein Gefühl, für Olli hart werden. Deswegen zögerte ich meine Vermutung laut auszusprechen, »Ich möchte deinen Schmerz nicht vertiefen, aber…«

Ich hörte, wie am anderen Ende der Telefonleitung laut ein- und wieder ausgeatmet wurde, »Du vermutest einen Zusammenhang zwischen Doris Tod, Sören und dem Tod von Flo?«

»Ja«, antworte ich.

»Ja!«, seufzte Olli, »Ich auch…«

Wir beendeten unser Gespräch. Adrian, der die ganze Zeit zugehört hatte, Lautsprecher sei dank, nickte: »Und?«

»Und was?«

»Was denkt mein Meisterdetektiv?«

Ich musste kichern: »Meisterdetektiv?«

»Na klar. Ich sehe doch wie du nachdenkst. Wusstest du, dass du beim Denken auf deiner Unterlippe rumkaust? Aber ganz im Ernst: Du bist ständig dabei, deinen Fall zu untersuchen. Alleine, wie du in der Kapelle die Trauergäste abgescannt hast.«

»Das ist dir aufgefallen?«

»Oh ja. Ich bin deinen Blicken gefolgt und habe Doris ebenfalls gesehen. Mir sind auch die Blicke zwischen Doris, Sören und diesen anderen drei Typen aufgefallen.«

»Christian, Christorph und Jens.«, füllte ich die Namen aus.

»Hab ich mir so gedacht.«

»Und?«

»Ich vermute, du siehst da einen Zusammenhang. Zwischen den dreien, Sören und Doris und ihrem vorzeitigen Dahinscheiden vermutest du eine Verbindung. Aber du denkst globaler.«

»Ok, Dr. Watson, was vermute ich?«

»Ich glaube, dass der Anfang beim Tod von Flip zu suchen ist.«

Schweißausbruch – Übelkeit

»Entspann dich. Ich verlasse das Thema sofort wieder. Flips Tod war direkt oder indirekt der Grund für eure Trennung. Du wolltest Flo schützen. Doch er hat es nicht ertragen, dass du dich für ihn geopfert hast. Erstaunlich, nach all den Jahren. Er hat wohl nie aufgehört nach Belegen dafür zu suchen, die dich rehabilitieren könnten. Und genau das ist eingetreten. Flo ist fündig geworden! Doch damit hat er in ein Wespennest gestochen. Was Flo auch immer ausgegraben hat, irgendjemand hat Angst bekommen. Offensichtlich fühlte sich dieser Mr. X sogar so sehr bedroht, dass er bereit war, einen Mord zu begehen. «

»Und Doris?«

»Doris? Ich glaube, du vermutest, dass sie irgendetwas von dem erfahren hat, was Flo wusste. Oder vielleicht hat sie etwas gesehen oder gehört, eins und eins zusammengezählt und wusste damit, wer Flo ermordet hat. Doch Doris ging nicht zur Polizei. Ich habe sie ja noch kennen lernen dürfen. Doris war ein Typ Mensch, dem ich jederzeit eine kleine Erpressung zugetraut würde. Und wieder wurde der Mörder nervös und Zack…«

Adrian machte eine Effektpause und meinte schließlich: »Deckt sich das mit deiner Analyse?«

»Mehr oder weniger – leider.«, ich kratzte mich am Kinn, »Es passt aller ziemlich perfekt zusammen, oder? Es scheint, die perfekte Kausalitätskette zu sein. Wie hätte es auch anders ablaufen können? Aber… Ich weiß einfach nicht… Mir kommt das zu glatt vor. Irgendetwas haben wir übersehen oder machen an einer Stelle einen Denkfehler. Ich weiß nicht wieso, aber ich glaube die ganze Geschichte ist viel, viel komplizierter. Zum Beispiel die Sache mit Doris. Wir vermuten einen Zusammenhang mit dem Tod von Flo. Aber wo ist der Beweis dafür? Nur weil sie auf Flos Beerdigung umgebracht wurde? Ich glaube, wir sollten unseren Horizont nicht künstlich einengen…«

Trotz meiner rationalen Bedenken, vom Bauch her wollte ich diesen Zusammenhang ebenfalls sehen. Was verband Doris mit Flo?

 

Hamburg, wir kommen!

»Ok, du hast wahrscheinlich recht.«, stimmte Adrian mir zu, »Dann versuchen wir einen anderen Ansatz.«

»Und der wäre?«

»Du erzählst mir, wie es mit dir und Flo weiter ging.«, schlug Adrian vor.

»Du bist ein wenig masomäßig drauf, oder?«

»Wie kommst du da drauf?«

»Na, es ist schon merkwürdig, wenn ich dir von der Liebe meines Lebens erzählen soll.«

»Nein, ist es nicht. Ich weiß, dass ich nicht mit Flo konkurrieren kann. Aber muss ich das?«, Adrian sah mich mit einer entwaffnenden Offenheit an, »Ich bin nicht Flo. Ich will nicht die Liebe, die du Flo geschenkt hast. Ich will meine eigene Liebe von dir geschenkt bekommen.«

Über diesen Satz musste ich erst mal eine Weile nachdenken, zum Beispiel, während ich von Flo und mir erzählte.

 

Ich brauchte nicht bis zum Beginn des neuen Schuljahres warten, um Florian wieder zu sehen. Mangels besserer Pläne traf sich unser kleiner Freundeskreis recht oft. Und Florian gehört von nun an fest mit dazu. Es dauerte auch nicht lange, da verlor er seine anfängliche Zurückhaltung, was zum Teil auch dran lag, dass ich ihn bei allen Gesprächen und Unterhaltungen mit einband. Natürlich ging ich möglichst unauffällig vor. Dank Jens, der sich immer noch anbiederte, war Unauffälligkeit kein wirkliches Problem.

Wir tummelten uns also am Travemünder Strand rum und genossen den Sommer. Ich litt jedes Mal ein Stück mehr, denn jedes Mal gefiel mir Florians Körper immer besser. Während ich auf meinem Badehandtuch lag, fantasierte ich davon, wie ich meine Arme um Flos Oberkörper schlang, seine Brust mit meinen Handflächen streichelte, er sich mit seinem Rücken an meine Brust schmiegte, seinen Kopf zu mir drehte und wir uns küss… Ich bekam eine Erektion.

Die jeweils nächste halbe Stunde verbrachte ich nach jedem dieser Tagträume damit, mich auf andere, nicht erotische Dinge, zu konzentrieren. Es gelang mir nur sehr mühsam und war ausgesprochen frustrierend. Der Gedanke an Lateinunterricht half dabei ungemein.

Doch Florians Körper war nicht das einzige, was mir an ihm gefiel. Es war die ganze Person. Sicherlich ist es immer spannend, einen unbekannten Menschen kennen zu lernen, aber bei Flo war es nicht nur diese schnöde Neugier. Es schien, als wenn wir Brüder im Geiste waren. Wenn sich unsere Clique traf, dann bildeten sich immer kleine Subgrüppchen aus. Ohne die Mädels hockten zum Beispiel Christian und Christorph enger zusammen, als Christian und ich. Die beiden hatten ähnliche Interessen und Ansichten. Es stellte sich nun raus, dass dies bei Flo und mir ähnlich war. Flos Ansichten deckten sich in vielen Fällen mit meinen, wenn sie nicht sogar viel tiefer und reifer waren, als meine. Mir gefiel seine zurückhaltende Art. Christian und Co war häufig laut und lärmend. Die reinsten Rollkommandos, die nicht bedachten, dass sie nicht allein auf der Welt waren. Florian war das krasse Gegenteil davon, leise und zuvorkommend, dabei keinesfalls spießig oder gar langweilig.

Ohne es zu merken verbrachten wir immer mehr Zeit miteinander. Wir hockten nicht nur am Strand zusammen, sondern trafen uns auch ohne die anderen gelegentlich. Und Babs? Nein, ich vernachlässigte sie nicht, sie vernachlässigte mich, wenn auch nicht absichtlich. Sie war dabei gutes Geld zu verdienen. Sie jobbte im elterlichen Betrieb und glich dort die fehlenden Arbeitskräfte der sich im Urlaub befindlichen Mitarbeiter aus. Mit anderen Worten: Statt mit Babs hing ich fast täglich mit Florian rum.

Hatte ich eigentlich schon berichtet, dass Christian in unserer Gruppe der Älteste war? Christian war eine Wochen vor Ferienbeginn 18 Jahre alt geworden, hatte eine Woche nach Ferienanfang seine Führerscheinprüfung erfolgreich abgelegt und durfte einen der Wagen seiner Familie fahren, den Golf seiner Mutter. Mit anderen Worten hieß das: »Wir sind mobil!«

Hamburg, wir kommen! — Mit dieser Parole unternahmen Christian, Florian, Jens, Sören und ich einen Herrenausflug in die andere Hansestadt. Die Damen zogen es entweder vor zu Hause zu bleiben, wie etwa Babs, oder waren familienbedingt anderweitig involviert. Auch für unser kleines Herrenkränzchen stellte der angepeilte Hamburgtermin die vorerst letzte gemeinsame Aktion dar. Als hätte man sich abgesprochen, stand für fast alle mit Beginn der dritten Ferienwoche Urlaub außerhalb Lübecks auf dem Programm. Einige machten, wohl zum letzten mal, gemeinsamen Urlaub mit ihren Eltern, Anderen, wie Christian und Corinna, die zu Corinnas Omi ins Allgäu wollten, machten auch Urlaub, aber als Zweierkiste und Jens und Sören wollten zusammen durch Europa mit Interrail-Ticket reisen.

Außer Florian und mir würde spätestens ab der Mitte der dritten Ferienwoche niemand mehr in Lübeck sein. Schlimmer noch, die meisten kamen nach der aktuellen Planung erst wenige Tage vor Ferienende wieder. Mir wurde bei dem Gedanken mit Florian knapp vier Wochen allein zu sein arg mulmig. Wenn ich mich nun nicht kontrollieren konnte und über ihn herfalle?

Doch zuvor stand Hamburg auf der Tagesordnung. Wir brachen, für unsere Verhältnisse, sehr früh auf, nämlich gegen 8:00 Uhr morgens. Christian holte uns der Reihe nach ab, was bedeutete, dass ich als letztes eingesammelt wurde. Das Dorf, in dem ich wohnte, lag unweit der Autobahn. Neben Christian saß Jens vorne. Sören und Florian hatten sich nach hinten gesetzt und rückten auf, als ich mich mit auf die Rückbank quetschte. So dicht war ich Florian noch nie gekommen! Er saß nun in der Mitte, was hieß, dass sich unsere Körper während der ganzen Fahrt berührten. Als wenn das nicht reichte, begann Flo auf halber Strecke auch noch einzunicken. Er schlief ein und kuschelte sich im Schlaf dichter an mich. Sein Kopf kippte zur Seite und lag plötzlich auf meiner Schulter.

Eine kniffelige Situation. Einerseits fühlte sich Flo megageil an. Ich hätte ihn am liebsten noch ein Stück dichter an mich rangezogen. Andererseits kämpfte ich mit einer aufkeimenden Erektion. Ja, ich gebe es zu, mir war es peinlich nicht Herr meiner Triebe zu sein. Ohne es zu wollen, versteifte sich nicht nur mein Schwanz, sondern auch mein ganzer Körper. Der allerdings weniger aus Geilheit, als vielmehr aus Unbehagen.

Eine Bodenwelle beendete mein Dilemma. Flo erwachte. Er zuckte zusammen, richtete sich ruckartig auf, realisierte, dass er eingenickt war und wo sein Kopf gelegen hatte, und lief rot an.

»Entschuldigung…«, kam es verlegen aus seinem Mund.

Ich grinste ihn nur an und meinte: »War’s gestern spät geworden? Besuch von der Freundin gehabt?«

Shit! Florians Reaktion war anders als ich erhofft hatte. Mein Versuch, von ihm mehr über sich zu erfahren, hatte etwas von einer Brechstange und das ausgerechnet bei einem Thema, bei dem ein Skalpell angemessen gewesen wäre. Flo lief nicht nur noch roter an als er eh schon war. Er flackerte wie ein Blinklicht. Er wird doch wohl nicht wirklich eine Freundin haben? Obwohl, bei seinem Erscheinungsbild wäre keine Freundin zu haben für ihn sehr unwahrscheinlich. Jedenfalls sagte er nichts sondern grinste nur ein wenig unbehaglich verbissen.

Der Rest der Hinfahrt verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle. Christian kannte den Weg. Im Gegensatz zu meinen Eltern, die Hamburg ausschließlich mit der Bahn besuchten, hatten Christians Eltern dem Individualverkehr immer den Vorzug gegeben. Von Lübeck aus nahmen wir die A1 bis zum Autobahnkreuz HH Ost, wo wir auf die A24 wechselten und bis zum Horner Kreisel fuhren. Über Sevikingallee, Bürgerweide und Spaldingstraße, gelangten wir schließlich zum Steintorwall am Hauptbahnhof, wo wir uns einen Parkplatz suchten.

Kurz vor 9:00 Uhr konnte unsere Ausflugstour beginnen. Als erstes machten wir uns über die Fußgängerzone der Mönckebergstraße her. Während Sören und Christian ein Sportgeschäft abcheckten, trieben Flo, Jens und ich uns in einem CD-Laden rum. Die Zeit verging. Wir schlenderten weiter. Rathaus, Schleußenbrücke, Neuer Wall, Große Bleichen, Alsterarkaden, Jungfernstieg, wir nahmen das volle Touristenprogramm mit, inklusive Kaufhäusern und Einkaufspassagen.

Kennst du ein Kaufhaus, kennst du alle. Die Tour wurde langweilig. Zugegeben, ein bisschen war es auch der Neid des Besitzlosen, der aus mir sprach. Die meisten Dinge, die ich mir gerne hätte kaufen wollen, konnte ich mir auf keinen Fall leisten. Christian hatte damit keine Probleme und hielt nach weniger als drei Stunden bereits vier Tüten in seinen Händen. Er fühlte sich wohl.

Glücklicherweise war ich nicht der einzige, der sich langweilte.

»Leute, müssen wir dir ganz Zeit zusammen hocken? Mir geht die Shoppingtour auf den Geist.«, machte sich Sören bemerkbar.

»Nöh, nicht wirklich.«, antwortete Christian geistesabwesend, »Teilen wir uns doch auf. Wer hat ein Handy?«

Sören hatte und Christian hatte. Zwei Minuten später trennten wir, als da waren Florian, Sören und ich, uns von Christian und Jens, die unerbittlich dem Extrem Shopping nachgingen.

Ziellos ließen wir uns treiben. An der Binnenalster erstanden wir ein Eis und flanierten am Ufer entlang Richtung Außenalster. Vom Stress befreit, jedes Geschäft mit Klamotten oder Technik besuchen zu müssen, begann der Ausflug angenehmer zu werden.

»Wart ihr schon häufiger in Hamburg?«, fragte Flo.

»Ab und zu mit meinen Eltern.«, meinte Sören.

»Bei mir ist’s ähnlich. Meine Eltern fahren bestenfalls einmal im Jahr nach Hamburg.«, ergänzte ich, »Und bei dir?«

»Eine Tante von mir wohnt hier. Die haben wir früher recht häufig besucht. In letzter Zeit ist es aber weniger geworden.«

»Sagt mal…«, leitete ich einen Themenwechsel ein, »Was haltet ihr davon, wenn wir was Essen?«

»Super Idee! Mein Magen randaliert schon.«, brachte sich Sören ein, »Ich habe vorhin einen Hamburgerladen gesehen…«

»Och nöh!«, nörgelte Florian dankenswerter Weise, da ich ebenfalls keine Lust auf fettige Fritten und Hackkurzbratklops hatte, »Was haltet ihr davon, wenn wir uns einfach ein nettes Café suchen?«

»Ja!«, Sören.

»Warum nicht?«, ich.

 

Wir suchten und wir fanden. Sogar relativ schnell. Flo schlug uns ein gemütliches Café in einer, im Vergleich zur Shoppingmeile zwischen Hauptbahnhof und Rathaus, eher alternativen Gegend vor. Mir gefiel es hier auf Anhieb deutlich besser. Erstaunlich, dass diese Gegend nie auf dem Besuchsplan meiner Eltern gestanden hatte.

»Wo sind wir hier?«, fragte ich Flo, der sich wegen seiner Tante als Hamburgkenner geoutet hatte.

»St. Gayorg«

»Wie?«, ich zuckte zusammen und war mir nicht sicher, ob ich richtig gehört hatte.

»St. Georg.«, wiederholte Flo und flackerte leicht rot dabei, während ich darüber grübelte, ob ich mich beim ersten Mal wirklich verhört hatte. Natürlich war mir durch meine Internetstudien der Stadtteil St.Georg ein Begriff. Es war eines der beiden schwulen Zentren Hamburgs. Kein Wunder, dass mir die Gegend auf Anhieb gefiel. Das Café hatte Stühle und Tische auf den Fußweg platziert, so dass wir uns draußen hinsetzen konnten. Ein großer Sonnenschirm schützte vor allzu starkem Licht. Wir wählten unsere Mittagsmahlzeiten aus. Das Café schien sich auf diverse Pastasorten spezialisiert zu haben. Nachdem wir bei einem krassen Typen (Muskulös, Glatze, Tattoos, die aus seinem sehr engen T-Shirt-Ärmeln hervorlugten, Piercings, fette Edelstahl Hals- und Armkette) bestellt hatten, lümmelten wir auf unseren Bistrostühlen und entspannten uns.

Ich ließ meinen Blick die Straße auf und ab gleiten. Das ist das geile an einem Straßencafé, man kann das pulsierende Leben und Treiben beobachten. Beim näheren hinsehen entdeckte ich die eine oder andere Regenbogenflagge über dem Eingang eines Geschäftes hängen. Ganz klar, wir waren wirklich im schwulen Zentrum Hamburgs gelandet.

Panik überkam mich. Der krasse Typ von Bedienung wird doch nicht… Bingo – Über der Tür des Cafés wiegte sich eine Regenbogenflagge im lauen Lüftchen der Sommerthermik. Wir waren in einem schwulen Café gelandet. Wenn bloß Sören nichts mitbekam…

»Sebi? Ist dir was an diesem Laden aufgefallen?«, zu spät!

»Nöh? Was denn?«, wenn Sören nicht total blind war, dann müsste er an meiner Gesichtsfarbe direkt den Wahrheitsgehalt meiner Aussage abgelesen haben.

»Ich weiß nicht wie ich es ausdrücken soll…«, druckste Sören herum.

»Das Café ist schwul. Ich weiß!«, nein, die knappe und nüchterne Antwort kam nicht von mir. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, mich an einer Rigatoni zu verschlucken. Diese zwei kleinen Sätze, insbesondere der erste, kam von Florian.

»Das weißt du?«, kreischte Sören leicht hysterisch, »Und warum hast du vorher nichts gesagt?«

»Du hast nicht gefragt.«, grinste Flo, »Gegenfrage: spielt es eine Rolle, ob der Laden schwul ist? Die Pasta ist genial gut.«

»Stimmt!«, hustete ich. Die Pasta war wirklich erstklassig.

»Aber«, japste Sören.

»Entspann dich. Ich kenne den Laden von meiner Tante. Wir waren öfters hier.«

War Flo jetzt schwul oder nicht? Ich pendelte irgendwo zwischen Hoffen und Zweifeln. Er kannte ein schwules Cafe in St.Georg und brachte uns auch noch direkt dorthin. Das deutete in Richtung Hoffnung. Auf der anderen Seite kannte er es von seiner Tante, was wieder eher in Richtung Zweifel führte. Vermutlich war er einfach sehr vorurteilsfrei.

»Von deiner Tante?«, bohrte Sören nach.

»Ja!«, Flo zuckte mit seinen Schultern, »Ok, sie ist ‘ne Lesbe. Deswegen besuchen meine Eltern sie auch nicht mehr.«

»Du hast ‘ne lesbische Tante?«, staunte Sören Bauklötze, »Ist ja krass!«

Flo zuckte nur mit den Schultern, während ich den Wahrscheinlichkeitswert für eine homosexuelle Orientierung Florians nach unten korrigierte. Er hatte eine lesbische Tante, mehr nicht.

»Habt ihr ein Problem damit?«, fragte Flo, während ich mich fragte, was er jetzt eigentlich meinte — Das Café oder seine Tante?

»Mit deiner Tante?«, Sören artikulierte meine Irritation.

»Nein, der Laden hier!«

»Ich denk’ nicht!«, hätte ich sagen sollen, dass ich es geil fand?

»Ein bisschen ungewohnt…«, murmelte Sören und wirkte dabei immer noch ein wenig nervös.

Flo lächelte nachsichtig: »Die Spaghetti auf deinem Teller werden dich schon nicht verführen. Und sonst seh’ ich auch niemanden, der den Eindruck machen würde, gleich über dich herzufallen.«

Die Worte waren zwar an Sören gerichtet, doch sah Flo mir dabei die ganze Zeit in die Augen. Florian verunsicherte mich. Ich hatte den Eindruck, dass er irgendwelche Signale aussandte, wusste aber nicht, wie ich sie interpretieren sollte. Wollte er mir sagen, dass er schwul war und mich ebenfalls dafür hielt? War er hetero und hielt mich für schwul und wollte mich vor allen anderen outen? Bildete ich mir alles nur ein?

Shit! Ich grübelte und grübelte und vergaß dabei, dass ich Flo die ganze Zeit anglotzte. Und er glotzte zurück.

»Wisst ihr, ich habe ja eigentlich gar nichts gegen Schwule…«, Sörens Bekenntnis zur Toleranz unterbrach unseren festgefressenen Blickkontakt. Ich blinzelte, drehte mich zu Sören und fragte: »Entschuldige, ich habe gerade geträumt. Was hast du gerade gesagt?«

»Ich habe nichts gegen Schwule! So rein prinzipiell. So sollen mich nur nicht anmachen.«

»Ähm, warum sollten sie das tun?«

»Na komm’, du weißt doch wie diese Typen sind. Die stehen doch auf so 17jähriges Gemüse wie uns.«

»Junge, Junge, du solltest nicht alles glauben, was Christian erzählt.«, ich war mir noch nicht sicher, ob ich über Sörens kruden Wissensstand amüsiert oder entsetzt sein sollte. Fürs Erste war ich amüsiert.

Flo konterte: »Was ist mit unserer Bedienung? Glaubst du, der will dich gleich ins Hinterzimmer zerren und dort vernaschen?«

Sören überlegte: »Hm, meint ihr der ist schwul? Aber der sieht doch so normal aus. Fast schon prollig mit den ganzen Muskeln.«

»Wenn du den Aufdruck auf seinem T-Shirt gelesen hättest, wüsstest du Bescheid.«, entgegnete ich.

»Hä? Da sind doch nur Buchstaben und Ziffern drauf… Irgendwas mit einer 2 und Qs…«, Sören war definitiv ahnungslos.

»Genau genommen steht da drauf ,2QT2BSTR8′ «, half ich ihm auf die Sprünge.

Und Florian übersetzte enthusiastisch: »Du musst es lautmalerisch und auf englisch aussprechen. Zwei das steht nicht für two sondern für too. QT also kwjuh-tee für cute, dann die Zwei und das B für to be und zum Schluss Schtr und eight macht straight. Zusammen too cute to be straight oder auf Deutsch zu süß um hetero zu sein.«

Sören zog seine Augenbrauen erst hoch und dann schief. Mr. Spock hätte einen guten Schüler in ihm gefunden.

»Und sowas wisst ihr?«, fragte er skeptisch.

»Öhm, na ja… Ich hab’ das mal irgendwo gelesen und fand’s witzig.«, ich ahnte, dass ich möglicherweise ein Tick zu begeistert gewesen war, Sören über die Bedeutung des T-Shirt-Spruchs aufzuklären. An Flos perfekte Erklärung wollte ich gar nicht erst denken. War er etwa doch

»Ich habe mal einen Bekannten meiner Tante kennen gelernt, der war schwul und trug auch so ein T-Shirt.«, wartete Flo mit einer absolut plausiblen Erklärung auf.

»Was soll’s? Die Spaghettis sind jedenfalls erstklassig und vor der Bedienung habe ich keine Angst.«, beendete Sören das Thema und ließ es sich schmecken.

 

Binnenalster

Nach dem Essen gönnten wir uns noch jeder einen Cappuccino und genossen den fantastischen Sommertag. Es war warm, aber nicht heiß. Vielleicht so um die 26 Grad Celsius. Sören schien sich nach anfänglichem Unbehagen an das Café gewöhnt zu haben und meinte am Ende, nach dem wir gegangen waren, sogar, dass es eines der angenehmsten Cafés war, die er je besucht hatte. Ich konnte ihm, obwohl ich selbst wenige ergleichsmöglichkeiten hatte, kaum widersprechen.

Es war inzwischen halb drei geworden, wir hatten locker ein einhalb Stunden im Café zugebracht, wodurch sich die Frage ergab, wie viel Zeit wir noch hatten, bevor wir uns mit den anderen beiden wieder treffen müssten. Sören klingelte kurz bei Christian durch, um raus zu bekommen, wie lange er und Jens noch für ihren Einkaufsbummel brauchen würden. Das Ergebnis der Erhebung sah ungefähr so aus. Jens hatte sich gerade in ein Handy verliebt und die letzte halbe Stunde damit verbracht, seine Eltern davon zu überzeugen, dass er es haben dürfe. Christian als Volljähriger, sollte den Kaufvertrag rechtlich verbindlich machen. Damit aber nicht genug, wollten die beiden nach dem Handykauf noch mal in ein Sportgeschäft, wo Christian ein paar neue Sportschuhe erwerben wollte. Den bisherigen Tag hatten sie damit verbracht, verschiedene Angebote in unterschiedlichen Läden zu prüfen und miteinander zu vergleichen. Jetzt stand das Ergebnis fest und es sollte nun zur Tat, sprich zum Kauf geschritten werden.

»Anders ausgedrückt, die zwei brauchen noch ‘ne Weile. Vor halb sechs werden die nicht fertig sein.«, verkündete Sören.

»Und, was machen wir so lange?«, fragte ich.

»Bummeln!«, schlug Flo vor.

Wir bummelten. Vorzugsweise bummelten wir dort, wo wir gerade waren, also durch St. Georg. Der Stadtteil beherbergte wirklich viele schwule und schwulenfreundliche Läden. Ich wünschte mir fast, alleine unterwegs zu sein. Ich konnte ja schlecht in einen schwulen Buchladen gehen, ohne dass Flo und Sören stutzig werden würden.

Ich dachte noch darüber nach, was für Bücher ein schwuler Buchladen wohl feil bot, als ich fast gegen einen Laternenpfahl gerannt wäre.

»Wo bist du denn mit deinen Gedanken?«, fragte Sören amüsiert, »Hat dir der Kellner den Kopf verdreht?«

»Ich Was? Ach… nee…«, ich war ein wenig von der Rolle und wusste selbst nicht, was mit mir los war. Ich fühlte mich merkwürdig aufgewühlt. Ich hatte so ein Kribbeln im Bauch. Ich fühlte mich super und gleichzeitig unrastig, geborgen, daheim und ängstlich. Es war schon sehr merkwürdig. Ich fühlte mich so gut, dass ich tatsächlich am Liebsten eben doch direkt vor den Augen von Flo und Sören den nächstbesten schwulen Laden betreten hätte.

Sören betrachtete mich mit einem skeptischen Blick, als wenn ihm ein ganz bestimmter Gedanke durch den Kopf gehen würde, der dann aber mit einem Kopfschütteln wieder verdrängt wurde.

»Ist dir nicht gut?«, wurde ich stattdessen von Sören gefragt, »Hat dir die Sonne wieder zugesetzt?«

Diese Frage war nicht als Verarschung, sondern absolut ernsthaft gemeint. Seit meinem Totalausfall vor einem Jahr waren meine Freunde immer um mich besorgt, dass ich ja keinen Sonnenstich bekam.

»Weiß nicht.«, flunkerte ich halb, mir ging es tatsächlich etwas merkwürdig, »Vielleicht…«

Zu meiner merkwürdigen Aufgewühltheit gesellte sich Nervosität. Sörens flüchtiger Gedanke war für mich nur von sekundärer Natur. Wenn ihn tatsächlich kurz der Gedanke durchzuckt haben sollte, ich sei möglicherweise schwul, dann war dieser kurze Gedanke eben auch das: »kurz«. Unsere lange Freundschaft und sein unerschütterlicher Glaube, dass Freunde halt nicht schwul sind, würden schon dafür sogen, dass die wahre Vermutung, kurzerhand als absurd klassifiziert, binnen weniger Sekunden vergessen sein würde.

Viel interessanter und um so besorgniserregender war Florians Reaktion auf Sörens Frage nach einer Kopfverdrehung seitens des Kellners. Florian zeigte keine. Genaugenommen schien es mir, als wenn er unmittelbar nach Sörens Frage jeden Blickkontakt mit mir vermied.

Ich kam erneut ins Grübeln. Ist er? Oder ist er nicht?

 

Der Rest des Nachmittags verlief ereignislos, von meiner latenten Aufgewühltheit und Nervosität einmal abgesehen. Je weiter wir uns von St. Georg entfernten, desto ruhiger wurde ich. Bisher hatte ich schwul zu sein nie wirklich als konkret greifbare Bedrohung empfunden. An jenem Tag wurde ich eines Besseren belehrt. Dabei war es weniger die Homosexualität an sich. Ganz im Gegenteil. Die eine oder andere uns über den Weg laufende Schwuppe bestätigte mich nur noch mehr: Ich war schwul! Bedrohlich empfand ich die Möglichkeit, unfreiwillig geoutet zu werden. Obwohl selbst das nicht das wirkliche Problem war. Die Angst vor dem unbekannten was dann macht mich fertig. Ich wusste einfach nicht, wie die anderen reagieren würden.

Immerhin war ich mir bei einer Person sicher. Florian, wenn nicht selbst schwul, würde kein Problem damit haben, dass ich es bin. So wie er den Tag über aufgetreten war, schien er Homosexualität voll zu akzeptieren. Das hieß aber nicht, dass ich ihm gegenüber weniger ängstlicher wurde, es ihm zu erzählen. Ganz im Gegenteil. Wenn ich bei Christian schlicht von militanter Ablehnung ausging, hatte ich bei Flo ein ganz anderes Problem.

Ich hatte mich in ihn verliebt! Diese Erkenntnis traf mich völlig unvorbereitet und unerwartet. Sie traf mich derart heftig, dass ich mitten im Gehen stehen blieb.

»Hallo? Erde an Sebastian! Erde an Sebastian! Bist du da?«, funkte Sören mich an.

Wir standen mitten auf der Seepromenade an der Binnenalster. Flo und Sören zehn Schritte vor mir und ich… Stand einfach nur da und starrte Flo an.

Scheiße! Scheiße! Scheiße! Der Typ war so absolut genial süß! Wie er mich in diesem Moment ansah. Den Kopf leicht schräg. Eine Strähne hing frech vor einem Auge und wurde mit einem supersüßen Lächeln beiseite geschoben.

Scheiße! Scheiße! Scheiße! Wie konnte ich mich nur in ihn verlieben, ohne es zu merken?

Mein Timing war jämmerlich. Jedem normalen Menschen würde es in einem ruhigen Moment kontemplativer Stille auffallen, dass er oder sie sich im Zustand der Verliebtheit befand. Nicht so bei mir. Ich musste es natürlich ausgerechnet in aller Öffentlichkeit bemerken. Ich Torfnase!

»Er scheint uns nicht zu bemerken…«, Sören wedelte mit seiner Hand vor meinem Gesicht, »Hallo? Ist da noch jemand zu Hause?«

Ich riss mich zusammen, schüttelte meinen Kopf, glotzte Sören an und stammelte: »Was?«

»Ah, zurück in diesem unserem Universum?«, diagnostizierte er, »Was hat dich denn aus der Bahn gerissen?«

»Ich…«, eine momentane Wortarmut schränkte meine Artikulationsfähigkeit ein. Ich riss mich ein zweites Mal zusammen und konzentrierte mich: »Tja, ähm, sorry, ich war eben ganz wo anders…«

» Das ist uns nicht entgangen.«

»Aber ich könnte nicht mehr sagen, was es war, an was ich dachte. Weg, es ist einfach weg!«, das stimmte nur halb, d.h. eigentlich gar nicht, doch es ersparte mir unerwünschte Nachfragen. Sören machte eine wegwerfende Handbewegung: »Dann war es wohl auch nicht so wichtig!«

Hätte ich nicht gelogen und mir wäre wirklich eine Gedanke abhanden gekommen, der mir wichtig erschien, dann hätte ich Sören für seine Bemerkung verflucht. Ich sah Sören böse an. Jener grinste nur breit und ging weiter: »Leute, wir sind zwar viel zu früh. So wie ich C und C kenne, erwarten sie uns frühestens in einer halben Stunde am Parkhaus und werden deswegen mindestens eine halbe Stunde später kommen. Trotzdem sollten wir weiter. Ich habe nämlich keine Lust mehr zu laufen. Wir können uns meinetwegen in der Nähe des Parkhauses beim McDoof hinsetzen. Aber ich will nicht mehr. Der Tag war lang und ich bin saumüde.« Ich seufzte und setzte mich also wieder in Bewegung. Sören hatte zwar nur für sich gesprochen, aber ich war gewillt ihm beizupflichten. Ich war ebenfalls saumüde.

Ich war erst ein paar Schritte gegangen, als ich bemerkte, dass Florian mich mit einem kryptisch, fast skeptisch-ängstlichen Blick bedachte. Ohne nachzudenken, nahm ich seinen Blick auf und erwiderte ihn, weniger skeptisch, mehr provozierend. Flos Reaktion war interessant. Er fühlte sich ertappt und wurde rot, er schien meinen Blick ausweichen zu wollen, überlegte es sich dann aber spontan anders. Er erwiderte meine Erwiderung. Ich bekam einen Kloss im Hals und Florian musste schwer schlucken.

Und plötzlich war alles ganz klar. Ich wusste, was Flo dachte und er wusste was ich dachte. Wir sahen uns gegenseitig in die Augen und konnten die Gedanken des anderen lesen.

»Was ist denn jetzt schon wieder?«, grummelte Sören genervt, als ich erneut stehen blieb.

Ohne meinen Blick von Flo abzuwenden, rief ich Sören hinterher: »Geh’ schon mal vor. Wir kommen gleich nach!«

»Leute, ihr macht mich echt verrückt!«, knurrte Sören und stiefelte motzend und zeternd davon, »Shit! Shit! Shit! Na ja, ihr wisst ja, wo wir uns treffen wollen. Ich gehe! Habt ihr mich gehört?«

Wir gaben keine Antwort. Wir waren mit unseren Gedanken ganz wo anders.

»Mann könnte mir wenigstens eine Antwort geben… Egal, dann eben nicht… Was für ein…«, den Rest von Sören hörten wir nicht mehr.

Wir sahen uns in die Augen, ertranken in ihnen. Alles andere verblasste in diesem Moment. Die Sonne versank am Horizont der Binnenalster und der Himmel explodierte.

Würg! Nein, ganz so kitschig war es nicht. Das mit der Sonne am Horizont der Binnenalster funktionierte schon rein geographisch nicht. Wir standen auf der Promenade des Westufers und bekanntlich geht die Sonne im Osten auf und nicht unter. Außerdem war der Moment auch deswegen nur bedingt romantisch, weil wir uns zwar anglotzten wie zwei Karpfen. Wir meinten zwar etwas im jeweils anderen erkennen zu können, doch fehlte uns dann das letzte Quentchen Courage, um die gegenseitigen Zweifel zu beseitigen.

»Wir sollten Sören folgen…«, meinte Flo, glotzte mich dabei weiter an und war mit seinen Gedanken ganz wo anders.

»Ja, sollten wir…«, entgegnete ich ähnlich abwesend.

Wir waren uns einig. Wir sollten Sören folgen und… Blieben an Ort und Stelle stehen, um uns weiterhin anzuglotzen.

Langsam wurde es peinlich. Außerdem ärgerte ich mich über mich. Ich wollte Flo meine Gefühle erzählen, doch… Meine Knie waren auch schon mal fester.

Ich wollte nicht – Ich musste!

Ein beunruhigender Gedanke keimte in mir auf: Was, wenn dies eine Chance war, die sich mir so nur einmal bot? Eine dieser Entscheidungen im Leben, die man nur einmal trifft?

»Flo?«, ich ließ ihn nicht aus dem Blick.

»Ja!«, er mich auch nicht.

»Ich bin schwul!«, es war raus. Warum klang es so, als wenn ich gesagt hätte: »Ich hab Masern!« oder »Morgen ist Freitag!«

»Ja, ich auch!«

Wie jetzt? Hatte Flo auch die Masern? Seine Stimme klang genauso apathisch wie meine und hätte mit jeder Bahnhofsdurchsagestimme konkurrieren können.

»Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt!«, war das ich, der das sagte? Soviel wollte ich gar nicht verraten. Allerdings ließ mir Florian wenig Zeit über die Geplantheit meiner eigenen Sätze nachzudenken: »Ich habe mich auch in dich verliebt.«

Na super – Dann passte ja alles, oder?

Ähm, so einfach war die Geschichte dann doch nicht. Wir hatten uns zwar gegenseitig unsere Verliebtheit ineinander gebeichtet und dabei so ganz nebenbei unser jeweils erstes Coming Out hingelegt, doch keiner von uns beiden wusste, wie es jetzt weitergehen würde, sollte, könnte, müsste…

 

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