Margie 62 – Beratschlagung

Nach ein paar Schrecksekunden kam die Einsicht, dass meine Vermutung völliger Quatsch war und auch, dass ich das lieber für mich behalten sollte. Außerdem soll man ja keine Pferde scheu machen. »Hör mal. Als ich dort im Sender war hab ich Besuchergruppen gesehen. Die kommen doch auch in Frage, oder? Ich mein, wie schnell hat da so ein Lümmel zugelangt und sich Margie gegriffen.«

Angelo sah mich an, mit großen Augen. »Was soll denn so einer damit?«

»Himmel, Angel, das weiß ich doch nicht. Die klauen bisweilen alles was nicht niet- und nagelfest ist, nur weil’s gerade so praktisch war. Nachher fliegt das auf den Müll weil’s gar keinen Sinn macht es zu besitzen.«

»Nein, Ralf, das glaub ich nicht.«

»Konnte denn überhaupt jemand an sie ran? Jemand fremdes mein ich?«

»Eher nicht. Bis zu den Garderoben kommen keine Besucher.«

»Vielleicht hat sich einer mal eben abgesetzt..«

»Komm, spinn nicht rum. Ich hab’s im Gefühl, dass die jemand ganz bewusst gestohlen hat.«

Nun gut, was auch hätte ich darauf noch sagen sollen? Im Grunde gab ich ihm ja Recht, nur ich selber wollte es eben nicht wahrhaben.
Schlimm an dem Ganzen war ja nur, dass ich so halbnackt vor ihm stand und in keinster Weise an Sex denken konnte. Wäre so einfach gewesen, einfach das Handtuch fallen zu lassen. Aber mitnichten, alles in der Richtung in mir war irgendwie tot. Mausetot. So hatte ich mir unser Wiedersehen beileibe nicht vorgestellt und das alles machte mich richtig traurig. Nur, das änderte an der Sache nichts. »Was willst du jetzt tun?«, fragte ich ihn.

»Warten. Sebastian und Charly sind auf Spurensuche, der Intendant hat glaub ich den ganzen Laden zusammengerufen. Vielleicht hat der eine oder andere eine Beobachtung gemacht die er zunächst nicht für wichtig hielt.«

»Und was machen wir.. ich mein, so lange?« Dabei ließ ich meine Finger von meinem Schatz. In einem schönen Film hätte ich ihn jetzt zärtlich umarmt und zum Trost ins Bett gezogen. Aber das war eben kein schöner Film. Eher ein Drama und da drin gab’s auch schon eher mal nen Toten als Liebe.
Egal, ich wanderte wieder ab ins Badezimmer. Mit Angel vernünftig zu reden schien mir in dem Moment überhaupt nicht möglich. Sicher, ich wusste ja auch dass Margie wichtiger war als ich und dass ich sie schon immer als heimlichen Konkurrenten angesehen hatte. Allerdings nie so deutlich wie jetzt.

Ich zog mich an und kurz darauf hörte ich Stimmen. Ich ging zur Badezimmertür und da sie nur angelehnt war, konnte ich horchen was da draußen im Wohnzimmer geredet wurde. Es waren dann drei Stimmen. Sebastian und Charly hörte ich heraus.

Charlys Stimme klang ernst und wieder in diesem Befehlston. »Angelo, du wirst nicht zum Römer fahren. Das ist meine Sache.«

»Ach, ist es meine Geige oder deine?«, giftete Angel zurück.

»Glaubst du im ernst, ich bin engagiert um bei solchen Sachen hier zu sitzen und Däumchen zu drehen? Vergiss es.«

»Leute, macht mal halblang«, mischte sich Sebi ein. »Das ist überhaupt nicht unsere Sache. Das sind Verbrecher und die haben was vor. Einzig die Polizei sollte sich da einmischen.«

»Sollte, Sebastian, sollte. Warum weisen sie drauf hin, dass genau die nicht kommen dürfen?« Charly schnaufte laut und er begann offensichtlich, wütend zu werden.
Ich verhielt mich mucksmäuschenstill und lauschte. Mir persönlich war es völlig wurscht, wer da zum Römer fahren wollte. Nur Angelo nicht. Ich würde Charly helfen, ihn solange an den Heizkörper zu fesseln, da war ich sicher. Allerdings wollte ich mich zunächst auch raushalten solange es ging. Mir schwante nämlich, dass sich die drei gleich ganz fürchterlich streiten würden und da musste ich nicht zwangsläufig auch noch dabei sein.

»Dann gehen wir eben zu dritt«, fauchte Angelo endlich. Klar, er musste da hin, man würde ihn schließlich kennen.

»Ralf?!«

Okay, ich war schon viel zu lange im Bad, es musste ja auffallen. Zwar versuchte ich nach Angelos Ruf beim rausgehen so zu tun, als wüsste ich von nichts, aber das gelang mir den Blicken nach zu urteilen nicht mal ansatzweise. Die wussten dass ich jedes Wort verstanden hatte und vielleicht fragten die deswegen nichts.
Damit waren wir zu Viert, die trotz allem einigermaßen ratlos waren.

Charly traute sich dann scheinbar auch nicht, mich zwecks Kriegsberatung aus dem Zimmer zu schicken. »Also gut. Angelo wird gehen, aber ich bleibe in seiner Nähe. Und nur ich, sonst niemand.«

Wieder dieser Ton, der irgendwie keinen Widerspruch duldete. Sebastian rieb sich am Kinn, aber eine andere Lösung schien ihm auch nicht einzufallen. Nervös sah er auf die Uhr.
»Und was machen wir solange?«

Meine unheimliche Vermutung ließ mir keine Ruhe. Ich ging zu Angelo, nahm ihn am Arm und zog ihn raus auf die Terrasse. »Kann es ein, dass Willard dahinter steckt?«

Angelo grinste. »Wie kommst du denn auf diesen Trichter?«

»Weiß nicht, so ein Gefühl. Übrigens von Anfang an. Stell dir vor, er versucht dich auf diese Weise doch noch rumzukriegen. Wär das nicht denkbar?«

Mein Schatz sah hinaus, über die Dächer der Stadt. »Scheint mir doch ziemlich hanebüchen. Ich glaub nicht, dass ich derart wichtig für ihn bin.«

»So? Denkst du dran, wie sie schon hinter dir her waren? Zudem, wer sollte es denn noch so gezielt ausgerechnet auf dich abgesehen haben? Wer kennt Margie, beziehungsweise deine Beziehung zu ihr? So Abwegig finde ich das gar nicht. Also ich trau denen das zu.«

»Das weiß Willard auch nicht. Bin mir sicher dass er keinen Schimmer hat, um was es sich bei Margie überhaupt handelt.«

Ich hörte da etwas heraus, was mir Angst machte. So wie ich es interpretierte wäre er wahrscheinlich sogar froh wenn meine Vermutung richtig wäre. Denn am Ende würde man ja nicht an sein Leben wollen. Ein paar Aufnahmen, noch dazu gut bezahlt. Und Margie zudem wäre wieder im Geschäft sozusagen.

»Etwas anderes«, lenkte ich dann ab. »Weiß Charly eigentlich von uns, mir und dir?«

Angelo schüttelte zaghaft den Kopf. »Ich hab ihm nichts von uns erzählt. Zum einen, ich wäre nicht mal dazu gekommen die letzte Zeit und so lange ist er auch noch nicht bei mir, als dass er schon alles wissen muss.«

»Das wird dann aber nicht mehr lange ein Geheimnis bleiben können.« Ich dachte dabei an ein Küsschen oder so und weitergehend daran, dass wir beide uns ein Schlafzimmer teilen würden.

»Sicher nicht. Aber ehrlich gesagt, das sind im Moment nicht meine Sorgen«, gab er dann zurück.

Bestimmt war das richtig, aber ich fühlte mich plötzlich wieder so ein bisschen in die Ecke gestellt. Margie hinten, vorne, oben, unten. Aber es war so, basta. Ob ich mir wünschte, dass sie am Ende verschollen blieb? Möglich dass das in einer kleinen Windung meines Gehirns herumspukte, aber so wirklich dran denken wollte ich nicht. »Also ich glaub, dieser Willard und seine Bande stecken dahinter«, kam ich dann wieder aufs Thema.

»Wir müssen abwarten. Alles Spekulation. Ich hab jetzt Durst.«

Damit ließ mich Angelo stehen und ging zu den anderen ins Zimmer zurück.

Weil ich sonst auch keine Idee dazu hatte, folgte ich ihm nach einer Weile. Die saßen nun am großen Tisch in den Sesseln und die Stimmung war fühlbar mies. Ich pflanzte mich neben Angelo, der inzwischen ein großes Glas mit was-weiß-ich-drin in den Händen hielt.

Wie oft dann das Telefon ging weiß ich beim besten Willen nicht mehr zu sagen. Alle möglichen Leute wollten schließlich wissen, ob Magie wieder aufgetaucht war. Ich hielt mich ganz dicht bei meinem Hasen, irgendwie hatte das was mit trösten zu tun. Trotzdem, Angel war nicht wirklich da. Und mir schien, es ging ihm dabei nicht ums große Geld, das am nächsten Abend sicherlich winkte. Da ging’s um was ganz anderes.

Angelo sagte nichts, keiner sagte mehr was. Charly ging wie selbstverständlich an das nervende Telefon und hielt auf diese Weise meinen Hasen vor unnötigen Fragereien ab. Der hatte im Übrigen nach wenigen Minuten sein Glas leer und ich fragte mich, was denn nun da drin gewesen war.
Aber lange musste ich nicht rätseln. Ich weiß, wenn Angelo Alkohol getrunken hat, ich seh’s ihm auf hundert Metern an. Na ja, ich äußerte mich dazu nicht, denn es war seine Sache. Und verständlich auch. So verständlich, dass ich aufstand und zu der Bar in dem Schrank ging. Lange herumsuchen wollte ich nicht, ich schnappte mir die erstbeste Flasche die mir in die Finger kam und schenkte mir ein großes Glas ein. Das Ganze war am Ende ja wirklich nur noch im Suff zu ertragen. Außerdem sah ich die kommende Nacht vor mir: Alleine würde ich sein und wenn nicht, dann würde nichts laufen. Dessen war ich sicher und besser wurde es mir dadurch auch nicht gerade. Sehnte ich mich grade nach Hause? Meine Ruhe habend am Tisch sitzen mit meinen Eltern oder für die Fahrprüfung lernen? Klasse, welcher Kontrast. Daraufhin nahm ich einen recht gefährlich großen Schluck.

So gegen Neun – bis dahin klingelte nur das Telefon und sonst bedrückendes Schweigen – klopfte es an der Tür.

Charlys Augen wurden ganz klein, ich meinte schon, er würde deswegen nichts mehr sehen. Aber das war höchste Konzentration. Alle sahen sich an, weil ein Besuch hier nicht angekündigt war und bestellt hatte auch keiner etwas.

Der Hüne stand auf und trotz seiner Masse glichen seine Bewegungen einer Katze. Wahrscheinlich würde er jemanden die Nase verbiegen bevor der auch nur Piep sagen konnte.

Ich musterte Charly erstmals sehr genau und fragte mich, ob er bewaffnet war. Wenn ja war mir schleierhaft, wo er eine Waffe trug, denn sehen konnte man nichts.

Alle Augen folgten ihm zur Tür. Er drückte sein Ohr dagegen und lauschte. Wieder klopfen. Irgendwie von Nachteil, dass solche Hotelzimmer keine Spione in den Türen haben.

»Wer ist da?«, fragte Charly und lauschte erneut höchst angespannt.

Wir waren zu weit weg von der Tür um die Antwort verstehen zu können, aber irgendwie sah man dann, dass sich Charly entspannte. Er öffnete die Tür einen Spalt, nickte fast unmerklich und dann trat ein Mann ins Zimmer.
Jung irgendwie, schlank, groß, dunkler Anzug, schwarze, nach hinten gekämmte Haare. Insgesamt eine durchaus adrette Erscheinung und deren Blick fiel sofort auf Angelo. Ja, ich weiß. Man soll nicht in jedem Staubkorn Schmutz sehen, aber ich erinnerte mich an meine Frage, was Angel wohl getrieben hatte solange ich weg war. Und dummerweise passte dieser Typ in mein Schema vom Seitensprung.
Ich dachte so, weil mich dieser Mensch von der ersten Sekunde an beschäftigte. So jemand schmeißt man nicht aus dem Schlafzimmer, höchstens danach, aber sonst kam der durchaus auch in meiner Zentrale oben an. Mitte Zwanzig, älter war der nicht oder er hatte sich sehr gut gehalten.
Flugs zog ich ihn mit den Augen aus und stellte ohne eine Miene zu verziehen fest, dass ich genau auf solche Typen fixiert war. Kurzum, der Mensch machte mich neugierig und gleichzeitig höchst eifersüchtig.

Angelo war der nächste, der in meine nähere Betrachtung fiel. Wie reagierte er? Mein Hase stand auf, als der Mann mit großen Schritten durchs Zimmer schritt. Ich suchte das verdächtige Leuchten in seinen Augen, aber zu meiner Beruhigung fiel mir nichts auf, was die beiden in eine Beziehung bringen konnte. Aber wer weiß, vielleicht hatten sie es ja drauf.

Nun standen sich die beiden gegenüber und meine Blicke zu Sebastian und Charly sagten mir, dass sich die beiden kannten. Mithin, dass dieser Typ allen bekannt war, nur mir wieder nicht.

»Angelo, Margie ist.. noch nicht wieder gefunden?«, fragte der Mensch mit schöner, passender Stimme.

»Nein, Enrico, nichts.«

Aha, Enrico. Klang italienisch oder so und stand dem Typen sehr gut. Also sie duzten sich, was meiner Vermutung noch Nahrung gab. Aber ich stellte zeitgleich fest, dass Angelo ihn anlog. Zumindest schien er nicht daran interessiert, von dem Anruf zu erzählen.

»Was willst du jetzt machen?«

»Warten, mehr kann man nicht tun. Darf ich dir übrigens vorstellen: Mein Freund Ralf.«

Angelo zeigte auf mich und Enrico drehte sich zu mir um. Er musterte mich, eher geringschätzig, sagte ein unauffälliges „Hallo“ und wandte sich sofort wieder Angelo zu.
So ein eingebildeter Schnösel. Der hatte keine Manieren, egal ob er sexy aussah oder nicht. Ich mag solche Typen nicht und deswegen fiel der auf der Stelle bei mir durch.
Ich leerte aus Wut und Zorn mein Glas, obschon ich die Wirkung spüren konnte. Egal, keine Stunde mehr und dann würde man schon viel mehr wissen.

»Das ist Enrico Schumann, er ist unter anderem verantwortlich für den Live-Auftritt morgen im Fernsehen«, stellte Angelo ihn mir dann vor.

Soso. Also scheinbar nicht unwichtig, dieser Schnöselheimer und nun war mir klar, warum der so eingebildet daherkam. Schien über allem zu stehen, alles zu wissen und zudem war er ganz bestimmt ein sehr wichtiger Mensch. Nun, bei anderen vielleicht, für mich war klar, dass es nach seiner Sitzung im Klo dort auch nicht nach Veilchen roch.

Charly wurde langsam unruhig, das war ihm deutlich anzusehen. Wenigstens ich bemerkte das. Wenn der Termin nicht platzen sollte, musste langsam etwas passieren.

Schumann laberte und laberte, irgendwas von Notlösung und Ausnahme und lauter solche Sachen. Aber ich grinste in mich hinein, weil Angelo auf all das nicht eingehen wollte.

»Ich trete nur mit Margie auf und ich denke, das ist doch wohl nur verständlich, oder?«

Ha, mein Hase reagierte richtig patzig und das freute mich. Nicht für ihn, bestimmt nicht, aber für diese kleine Arschmade. Denn die zuckte mit einer Augenbraue und das schien mir ein Zeichen zu sein, dass dem echt unwohl wurde.

»Angelo, bitte.. «

»Du hast mein letztes Wort gehört. Entweder Margie ist bis morgen Abend wieder da oder die Sache muss ohne mich laufen.«

Ich mein, ich hätte nie gedacht wie weit Angelo gehen würde in so einer Sache. Richtig konsequent war er und das fand ich gut.

Aber nichts desto trotz, die Zeit begann davonzulaufen und irgendwie musste Schumann jetzt abgewimmelt werden. Nicht meine Sache, aber auch ich wurde zunehmend zittrig. Immer wieder sah ich zu Charly hin und da der wusste was ich weiß, zog er fragend die Schulter hoch. Nun gut, er hatte an der Stelle sicher keine Vollmacht, den Kerl an die Luft zu setzen und so gab ich Sebi ein Zeichen, in dem ich auf meine Uhr klopfte. Sebastian nickte und trat zu den beiden hin.

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