Ein Schritt nach vorne – Teil 12

Kapitel 45

Schlagartig waren die Ereignisse vom Freitag wieder in seinem Kopf und das schlechte Gewissen, welches er bis jetzt verdrängt hatte holte ihn wieder ein.

Mit einem etwas mulmigen Gefühl sah er zu seinem schlafenden Freund und öffnete die Mail zögerlich.

Hi Dave,

danke, dass du dich am Freitag nach dem Tanzen so nett um mich gekümmert hast. Ich bin dir auf keinen Fall böse, denn du konntest ja nichts dafür, dass ich umgeknickt bin.

Hast du nicht Lust, in den nächsten Tagen noch mal vorbei zu kommen? Ich würd mich echt freuen.

Grüß Nico von mir, wenn du ihn siehst.

*bussi

LG Ulli

Schweigend las er den Text und staunte, das nicht ein einziger Vorwurf darin enthalten war. Allerdings wurde ihm etwas mulmig, dass er sie noch einmal zu Hause besuchen sollte, denn er fürchtete, dass sie ihn dann wieder unaufhörlich umgarnen würde. Ob er dem dann noch einmal widerstehen könnte, wagte er zu bezweifeln.

Noch mehr erstaunte ihn allerdings, dass sie mit keinem Wort konkret erwähnt hatte, was zwischen ihnen passiert war und dann der Gruß an Nico am Ende… Gut, immerhin war sie fast Nicos beste Freundin, aber so, wie sie sich in den letzten Tagen über ihn geäußert hatte…

David beschloss ihr erst einmal noch nicht zu antworten, sondern abzuwarten, ob er überhaupt hin gehen würde.

Die anderen Mails waren hauptsächlich Spam und Newsletter. Und so begann er ein wenig im Internet zu surfen, was ihm allerdings schon bald zu langweilig wurde.

Zum Glück war es schon fast Zeit zum Mittagessen und so ging er hinunter in die Küche um zu schauen, was es geben würde. Nico wollte er noch nicht wecken. Einerseits wollte er ihn in Ruhe schlafen lassen und auf der Anderen, noch ein bisschen Zeit haben, um sich Gedanken zu Ullis Bitte an ihn, zu machen.

Unten war seine Mutter schon wieder fleißig dabei, dem Sonntagsessen den letzten Schliff zu geben.

„Hi Ma.“, begrüßte er sie.

„Ach, Hallo David, habt ihr gut geschlafen?“, fragte sie mit einem freundlichen Lächeln.

„Nico liegt noch flach. Ich bin aber schon seit ner Weile aufgestanden.“

„Dann ist ihm wohl der Abend gestern nicht so gut bekommen.“, schmunzelte sie.

David verzog nur leicht amüsiert den Mund.

„Das wird schon wieder. Wann bist du denn hier fertig? Vielleicht kann ich ihn dann ja wecken.“

„Na das dauert noch einen Moment. Aber wenn du in einer halben Stunde hoch gehst, können wir dann gemeinsam essen.“

Schon rührte sie wieder in der Soße und David setzte sich an den Küchentisch. Er wollte noch nicht wieder nach oben. Irgendwie hatte er das Gefühl, Nico würde ihm ansehen, worum seine Gedanken gerade kreisten.

Allerdings hatte er nicht mit damit gerechnet, dass seine Mutter in der Küche stand und ihn ein wenig besorgt musterte. Da schlug der mütterliche Instinkt mal wieder voll zu.

„Habt ihr euch gestritten?“, fragte sie nach einer Weile, in der David betrübt grübelnd da saß.

Der Angesprochene schreckte auf und schien gerade aus einer Traumwelt aufzutauchen, wobei es sich für ihn eher um eine Albtraumwelt handelte.

„Ähm… was hast du gesagt?“, kam seine verwirrte Antwort.

„Ob ihr euch gestritten habt, Nico und du? Ansonsten lässt du dich ja nicht mehr länger als nötig bei uns Blicken, wenn er hier ist.“

Besorgt sah sie ihren Sohn an, welcher nur resigniert und traurig den Kopf schüttelte.

„Nein, das nicht, aber das lässt bestimmt nicht mehr lange auf sich warten.“

„He, sei mal nicht so pessimistisch. Warum solltet ihr euch denn streiten? Ihr vergöttert euch doch gegenseitig.“

„Ach, ich war einfach nur dumm. Aber das kann ich jetzt auch nicht mehr ändern. Ich will nicht drüber reden.“

„Na komm, Kopf hoch! Geh ihn mal wecken.“

Seine Mutter lächelte ihn aufmunternd an und wuschelte ihm durch die Haare. Eigentlich mochte er das ja nicht aber irgendwie gab so ein Gefühl von Geborgenheit, das er jetzt brauchte.

Als er wieder in seinem Zimmer war und seinen Schatz da ruhig vor sich hin schlafen sah, musste er sich zusammenreißen, nicht gleich zu weinen anzufangen. Er setzte sich auf die Bettkante und strich seinem Liebsten zärtlich durch das vom Schlafen total zerzauste Haar.

„Ich Liebe dich mein Nico.“, flüsterte er seufzend, während er ihm durchs Gesicht strich.

Kapitel 46

Nico schlief relativ Traumlos, nachdem David ihn ins Bett bugsiert hatte. Gerade wurde er durch Schritte auf der Treppe geweckt. Er grummelte kurz und ließ die Augen noch zu . Dann spürte er, wie sich die Matratze neben ihm senkte. Das konnte nur David sein und so beschloss er, innerlich grinsend, sich genüsslich von ihm „wecken“ zu lassen.

Hm… war das toll.

Aber warum klang er so bedrückt? Langsam öffnete Nico die Augen und spielte noch ein bisschen den Verschlafenen.

„Morgen mein Schatz!“, flüsterte er David ein bisschen heiser entgegen und ein kleines Lächeln stahl sich auf dessen Gesicht.

„Guten Morgen? Es gibt gleich Mittagessen.“, schmunzelte David und seine Besorgnis war schon wieder ein wenig verflogen.

Trotzdem bemerkte Nico, dass etwas nicht so ganz stimmte.

„Na, alles in Ordnung bei dir oder fühlst du dich genauso beschissen, wie ich mich?“

„Ich hab ja gestern Abend nicht zu tief ins Glas geschaut. Ich hab keine Kopfschmerzen!“ David grinste und hatte das Thema erfolgreich umschifft. Nun beschloss er, sich mit Nico auf andere Gedanken zu bringen und strich seinem Freund zärtlich durchs Haar.

„Komm mein Schatz, meine Ma wartet nicht gern bis das Essen kalt ist.“

Nico bemühte sich, in die Senkrechte zu kommen und verschwand, nach einem kleinen Kuss auf Davids Lippen, im Bad.

Schon war Davids trübe Laune wie weggeblasen und sein Lächeln blieb.

Nico beeilte sich beim gesellschaftsfähig machen und war schon wenige Minuten, nachdem er im Bad verschwunden war, auch schon wieder da. So begaben sich die beiden nach unten, wo Davids Mutter gerade auftischte.

Das Essen verlief harmonisch, wobei Gisela, die Nico schon arg in ihr Herz geschlossen hatte, den Langschläfer ein wenig in die Mangel nahm, was den erhöhten Alkoholkonsum des Vorabends anbelangte.

David musste doch recht häufig schmunzeln, wobei Nico sich nicht wirklich wohl in seiner Haut fühlte. Davids Mutter hielt ihm gerade ein bisschen so etwas wie eine Moralpredigt und das kannte er überhaupt nicht. Seine Mutter hatte sich nie wirklich dafür interessiert, was er tat oder lieber nicht tun sollte, nur wenn es in der Schule nicht lief wurde sie schnell böse und erteilte Hausarrest oder Schickte ihn zur Nachhilfe. Dass er in der Richtung wie jetzt die Meinung gesagt bekam, hatte er noch nie erlebt und war daher ganz schön in seinem Stuhl zusammengesunken. Als Gisela das bemerkte, fing sie schallend an zu lachen.

„Ach Nico, das war doch jetzt keine Standpauke. Nur will ich doch nicht, dass dir das öfter passiert. Außerdem straft dein Körper dich ja sowieso schon von sich aus, da muss ich mir doch gar nicht die Finger schmutzig machen.“, grinste sie ihn an.

„Mama!“, ließ David warnend verlauten, grinste dann aber ebenso.

Auch Nico schien zu bemerken, dass das Ganze nicht böse gemeint war, aber sicherlich würde er sich an die Unterredung erinnern.

Er war mächtig erleichtert und der Rest des Mittagessens blieb lustig. Nico fand das alles so toll und wäre am liebsten in der nächsten Zeit immer bei den Engelhardts zu Gast. Bei ihm zu Hause war sowieso niemand und hier kümmerte man sich in einer Woche mehr um ihn, als seine Eltern das in den 20 Jahren getan hatten, die es ihn nun schon gab.

Kapitel 47

„Und, was machen wir jetzt noch schönes?“, wollte David wissen, nachdem die Beiden sich wieder in sein Zimmer zurückgezogen hatten.

„Hm, irgendwie bin ich heute nicht ganz so fähig mich großartig anzustrengen. Lass uns doch einfach in den Garten legen und die Sonne genießen.“

„Ja, das klingt gut. Aber spätestens morgen müssen wir mal anfangen, für die mündlichen Prüfungen zu lernen, sonst schaffen wir das einfach nicht mehr.“

„Stimmt. Aber wo du die grad erwähnst, was hältst du denn davon, wenn wir nachdem wir die hinter uns haben ne große Party bei mir starten? So als hey-wir-haben-unser-Abi-geschafft-Party?“

„Na das ist doch mal ne Idee. In den nächsten vier Wochen laufen die Prüfungen. Was hältst du denn von dem Wochenende direkt danach? Sind deine Eltern dann da?“

„Klingt nicht schlecht. Der Termin würde ja passen. Ich weiß nur noch nicht, ob meine Mutter und mein Vater uns dann stören, aber das bekomm ich raus.“

„Super! Aber jetzt lass uns erstmal nach draußen gehen. Ansonsten verschwenden wir nur das schöne Wetter.“

Mit diesem Worten gab David seinem Nico einen Kuss auf die Nase und zog ihn dann hinter sich her in den Garten.

David baute zwei Liegen im Halbschatten dicht nebeneinander auf und schon war der Nachmittag gerettet. Zwischendurch erkundigten die Zwei sich noch bei Tessa, wie es ihr beim gefürchteten Sonntagsessen ergangen war und verabredeten sich für den nächsten Tag zum lernen mit ihr. Sie und David würden in Geschichte geprüft werden, Nico hatte sich Politik ausgesucht.

Der Rest des Tages verbrachten die beiden Jungs mit faulenzen und Sonne-auf-den-Bauch-scheinen-lassen. Bis Davids Vater am Abend den Grill hervor holte und die Vier, Würstchen und Steaks brutzelten.

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