Blau – Teil 3 – Abgrund

„Alexander, jetzt beruhig dich erste einmal“, höre ich Ute neben mir, ohne dass ich in irgendeiner Weise auf sie reagiere.

„Er ist doch schon völlig ruhig und starrt nur vor sich hin“, ist danach Franco zu hören.

Ich sitze auf einer unbequemen Bank vor einem kleinen Park. Ute sitzt neben mir und ihr Freund steht vor uns auf dem grauen Kiesweg. Ein Ast eines Baumes, der sich leicht im Wind bewegt, schützt uns vor der Abendsonne.
Ich weiß nicht, wie lange wir jetzt schon hier sind. Doch noch immer geht mir der Fremde nicht aus dem Kopf. Auch wenn ich ihn nur einen Augenblick gesehen habe, ich bin mir sicher, dass es der gleiche war, der mich vor neunzehn Jahren aus dem See gezogen hatte. Doch er sah um keinen Tag älter aus.

„Er kann es nicht gewesen sein, oder?“, richte ich mich an die Welt im Allgemeinen.

„Nein, wohl kaum“, antwortet stattdessen Ute.

„Aber ich bin mir so sicher…“

„Wie soll das denn funktionieren?“, fragt Ute.

„Ein Vampir?“, ist Francos wenig hilfreicher Kommentar, was von Ute auch gleich mit einem: „Idiot!“, bedacht wird.

„Die sinnvollste Erklärung die ich bisher gehört habe“, gebe ich von mir, weil ich sowieso den Eindruck habe nur noch Brei im Kopf zu haben.

„Ich ruf wohl besser im „Eck“ an und sage, dass du heute nicht arbeiten kannst.“

„Nein, ist schon okay“, unterbreche ich sie. „Ich kann die Ablenkung gebrauchen; und das Geld auch.“

Ute sieht mich zweifelnd an, bis sie schließlich ein leicht nickt. „Dann ist dir aber klar, dass wir jetzt auf jeden Fall mitkommen. So lass ich dich nicht alleine.“

Kurze Zeit später trotte ich mit hängendem Kopf hinter den beiden her, auf dem Weg zu Francos Auto. Da er etwas außerhalb wohnt, ist er meist mit dem Auto in der Innenstadt. Jetzt kommt mir das grade sehr gelegen. Wir hatten wohl länger auf der Bank gesessen als ich dachte, mittlerweile war es schon kurz vor Acht. Zu Fuß hätte ich meine Arbeitsstätte beim besten Willen nicht mehr rechtzeitig erreicht.
Nach fünfzehn Minuten sind wir in einem verwinkelten Teil der Altstadt mit vielen kleinen Kneipen. Franco lässt er mich am Straßenrand heraus, um danach noch mit Ute einen Parkplatz zu suchen.
Froh über die Zerstreuung, die mich erwartet, öffne ich die Türe des „Eck“, das eigentlich „Spitzes Eck“ heißt. Das Haus liegt zwischen zwei im spitzen Winkel aufeinander zulaufenden Straßen. Bei einigen Dingen zeichnete sich der Wirt wirklich nicht durch Einfallsreichtum aus.

„Alex! Schön das du auch noch kommst“, werde ich als erstes von Ludwig begrüßt. Ludwig ist der schon erwähnte Wirt des „Eck“. Mittlerweile ist er Mitte fünfzig, ist leicht untersetzt und seine Haare werden sichtbar lichter. Worauf man ihn aber nicht ansprechen sollte, wenn man bei ihm noch etwas zu trinken bekommen möchte.
Er ist außerdem auch die gute Seele des Hauses und hat immer ein offenes Ohr für jeden.

„Da kommt man einmal pünktlich und nicht wie sonst, zu früh und schon wird sich beschwert“, entgegne ich. Wenn ich in den letzten zwei Jahren im „Eck“ eins gelernt habe, dann bei Ludwig immer zu kontern, wenn es möglich ist. Es ist von Ludwig zwar nie böse gemeint, aber er gibt meist keine Ruhe, wenn man nicht irgendwann verbal zurückschlägt.

Ich gehe hinter die Theke und in das kleine Hinterzimmer um mir erst einmal die Hände zu waschen. Wieder im Schankraum stelle ich mich zu Ludwig.

„War bisher viel los?“, frage ich ihn.

„Es geht. Aber der große Schwung kommt wohl erst, wenn das Spiel aus ist.“

„Guckt dein Zielpublikum Fußball?“, frage ich erstaunt.

„Meine Zielgruppe sind alle, die sich ein Bier leisten können“, belehrt mich Ludwig während er eine Cola eingießt.
„Na ja, fast alle“, korrigiert er sich selbst und stellt das Glas auf ein Tablett, das schon mit drei Pils beladen ist. „Das kommt an die Fünf.“

Mit dem Tablett mache ich meine erste Runde des Abends. Liefere erst die Getränke ab und gehe dann durch den Raum um Gläser einzusammeln und neue Bestellungen aufzunehmen. Als ich wieder beim Tresen ankomme, öffnet sich die Türe wieder. Ute und Franco kommen herein und setzten sich an einen Tisch in der Nähe der Bar.
Aus den Augenwinkeln sehe ich wie Ludwig wie fast jedes Mal seine Augen verdreht, wenn er Ute sieht. Auch eines seiner gut gepflegten Rituale.
Ich verkneife mir ein Lachen und mache den Capuccino fertig ohne Ute gefragt zu haben. Zusammen mit dem obligatorischen Kakao-Streuer bringe ich ihn an den Tisch.

„Was möchtest du, Franco?“, frage ich, während ich die Tasse vor Ute auf den Tisch stelle.

„Ich nehme ein Alster.“

„Und ich ein Caipirinha“, weicht Ute von ihrem üblichen Verhalten ab.

„Aber… du kannst doch nicht…“, versuche ich mich zu artikulieren. Ute hat mich völlig aus dem Konzept gebracht, obwohl ich ja weiß, dass sie die schlimmste Stammkundin ist, die man haben kann.

„Wenn es sein musst, kannst du den Capuccino hier lassen. Sonst musst du ihn wahrscheinlich selbst bezahlen.“

Völlig irritiert lasse ich die Tasse auf dem Tisch stehen und gehe wieder hinter den Tresen. Ludwig grinst mich mit seinem besten „Ich hab es doch gesagt“ Lächeln an.

Die nächsten Stunden laufen nach dem gleichen Prinzip ab. Zapfen, Runde drehen, und wieder Zapfen. Und zwischen durch immer mal wieder von Ute ärgern lassen, die dies an diesem Abend scheinbar zu ihrem Lieblingsport erkoren hat. Anscheinend ist sie durch das Auftauchen des Fremden ein paar Stunden früher noch aufgeregter als ich selbst.
Nicht einmal Franco kann sie heute davon abbringen. Aber immerhin stimmt er nicht mit ein.

Als ich es zwischendurch endlich einmal geschafft habe, alle Tische gleichzeitig mit Getränken zu versorgen, setze ich mich kurz zu ihnen.

„Ziemlich stressig heute“, begrüßt mich Ute am Tisch.

„An wem das wohl liegt“, kann ich es mir nicht verkneifen und strecke meine müden Beine aus.

„Wann wollte dein Bruder eigentlich hier sein?“, lenkt Franco ab, der sich wohl mal wieder fragt was er sich da eigentlich angelacht hat.

„Ich weiß nicht genau. Meist geht er nach seinem Judotraining noch kurz mit den Anderen weg. Aber ich denk in spätestens einer Stunde sollte er da sein“, antworte ich, während mit Ludwig wieder vom Tresen aus zuwinkt.

Notgedrungen nehme ich meine Arbeit wieder auf. Ludwig nickt mir hinter der Bar zu und deutet auf eine Frau, die ungefähr in seinem Alter ist. Sie hat eine zierliche Figur und rotblonde Haare. Sie muss hereingekommen sein als ich kurz bei meinen Freunden am Tisch saß; ich hatte sie nicht bemerkt.

„Das ist übrigens Angelika“, sagt er zu mir.

Aus Erzählungen weiß ich, dass Angelika seine Frau ist, die ich jedoch in den zwei Jahren die ich im „Eck“ arbeite noch nie zu Gesicht bekommen habe. Unter den Gästen, die häufiger herkommen, gibt es auch immer wieder Gerüchte Ludwig sei schwul und was das angeht ziemlich verklemmt. Zumindest seine Verklemmtheit konnte ich mir wegen des doch sehr gemischten Publikums nie vorstellen.

„Hallo, schön dich auch einmal kennenzulernen. Ich bin Alexander. Warum bist du denn noch nie hier gewesen?“, begrüße ich sie.

„Ich will ihn nicht zu sehr von seiner Arbeit ablenken“, erwidert sie mit einem Grinsen in Richtung Ludwig.

„Und außerdem hat er wohl Angst, dass ich ihm zu viel wegtrinke“, ergänzt Angelika und prostet mir weiter grinsend mit dem kleinen Rest ihres Sektes zu. Auch aus dem Kopf weiß ich, dass das, außer den Cocktails, das teuerste Getränk auf der Karte ist.

„Dann machen wir ja heute richtig Guten Umsatz“, lache ich als ich wieder hinterm Tresen bei Ludwig bin.

„Nur dass ich das alles selbst bezahlen darf.“

„Freu dich doch, dass beim Sekt wenigstens mal ein wenig Durchlauf ins Lager kommt. Das trinkt hier doch sonst keiner“, versuche ich ihn zu beschwichtigen.

„Halt bloß die Klappe. Wenn Angelika das erfährt, steigt sie auf etwas anderes um.“ meckert er über seine Frau. Doch seine Augen sprechen eine andere Sprache als er sie ansieht.
Ich stoße ihm leicht in die Rippen und sehe das erste Mal wie Ludwig rot wird und leicht verlegen lächelt.

Mit dem Tablett mache ich mich auf die nächste Runde durch die Kneipe. Ute ist nach dem zweiten Caipirinha wieder auf Capuccino umgestiegen und ich kontrolliere sicherheitshalber regelmäßig ob sich noch genug Kakao im Streuer befindet.

„Wenn deine Freundin weiter so trinkt, geht uns der Capuccino und der Kakao aus“, beschwert sich Ludwig. In Wahrheit freut er sich jedoch eher wieder über die Rechnung, die ich Ute später vorlegen kann.

Nachdem sich ihr Capuccino-Umsatz nach einiger Zeit etwas gelegt hat, sehe ich vom Tresen aus, wie Ute ihr Handy aus der Tasche holt und die laute Kneipe verlässt. Schon kurz darauf kommt sie wieder herein. Sie redet kurz mit Franco ohne sich zu setzen und kommt dann auf mich zu.
Sie sieht nervös aus.

„Ich muss mit dir reden“, mit dieser kurzen Ansage schiebt sie mich zum kleinen Hinterzimmer und Lager.

„Da ist nur für Angestellte“, versucht Ludwig sie zu bremsen.

Doch der wird nur von Ute angefahren. „Fick dich!“

Ludwig und ich sehen sie reichlich geschockt an. Auch wenn Ute ein ziemlich lockeres Mundwerk haben kann, so lässt sie sich normalerweise nicht gehen.
Ohne weiter aufgehalten zu werden schiebt sie mich nun ins Nebenzimmer.

„Alex, mein Vater hat mich grade aus der Klinik angerufen.“

„Ja und?“

„Michael wurde grade eingeliefert. Er hatte einen Autounfall.“

„Sag, dass das nicht wahr ist“, sage ich ungläubig und lasse mich auf eine der Getränkekisten hinter mir fallen.

„Er sagte dein Bruder ist schwer verletzt. Aber mehr konnte er noch nicht sagen.“

„Das…das kann…“

„Wir sollten ins Krankenhaus, Alex. Wir fahren dich.“ Ute zieht mich wieder hoch. Alleine wollen meine Beine das grade nicht.
An einer Hand dirigiert mich Ute wieder aus dem Hinterzimmer heraus. Ich folge ihr einfach und setzte mechanisch einen Fuß vor den anderen.

Hinter dem Tresen sehe ich jetzt Angelika bei ihrem Mann stehen. Von Franco ist nichts zu sehen.

„Na los bringt ihn schon hier raus“, kommandiert Ludwig.

„Aber…“

„Nichts aber. Ich hab schon Mike angerufen. Er ist in zehn Minuten hier. Und solange kann Angelika helfen. Du solltest jetzt woanders sein!“

Ute zieht mich aus der Kneipe heraus. Ich torkele hinter ihr her als hätte ich den ganzen Abend gesoffen und nicht gearbeitet. Wir haben grade die Mitte des Gehwegs erreicht, als Franco auch schon mit seinem Auto vor uns hält.
Ich steige wie immer hinten ein.
Während der Fahrt schweige ich genauso wie die anderen auch. Es gibt nichts was wir sagen könnten um es besser zu machen.
Eine halbe Stunde fahren wir, dann haben wir das Klinikum erreicht. Hell hebt sich das weiße Gebäude vom dunklen Himmel ab. Der hohe Bettenturm strahlt regelrecht im Mondlicht.
Franco findet schnell einen Parkplatz in der Nähe des Eingangs. Zu so später Stunde gibt es kaum noch Besucher. Sobald der Wagen steht, springe ich heraus und laufe fast schon auf das Gebäude zu. Ute und Franco kommen fast nicht hinterher. Erst als ich den Eingang erreicht habe, haben sie zu mir aufgeholt. Hinter mir betreten sie ebenfalls das Klinikum.

„Notaufnahme.“ Hören wir nur von Empfang als der Pförtner Ute erkennt.

Ratlos sehe ich sie an. Ich war schon seit Ewigkeiten nicht mehr in diesem Krankenhaus und kann mich nicht an den Weg erinnern.

„Danke.“ Ute winkt dem älteren Mann kurz zu und geht dann in einen der zahlreichen Gänge. Franco und ich folgen ihr einfach.
Während des Weges kommen wir an etlichen Wartezonen vorbei.
Zudem habe ich den Eindruck, dass dieser typische Krankenhausgeruch immer stärker wird je weiter wir laufen.
Im hinteren Bereich des Klinikums betreten wir dann den Bereich der Notaufnahme. Am Ende des Ganges ist wieder ein Wartebereich zu sehen, von wo wir Utes Vater auch schon auf uns zukommen sehen. Er trägt einen der üblichen weißen Kittel. Auch von weitem ist zu sehen wie groß er ist. Mich selbst überragt er um fast einen halben Kopf. Seine Haare zeigen mittlerweile etliche grauen Strähnen.
Ich frage mich augenblicklich warum er nicht im OP ist. Oder hat er einfach nur abgelehnt Michael zu operieren, weil er ihn kennt.
Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor bis ich die letzten zehn Meter hinter mich gebracht habe.
Und dann stehe ich vor ihm.

„Alexander“, höre ich seine brüchige Stimme. „Es tut mir leid.“

*-*-*

Nur langsam wache ich auf.
Ich fühle, dass ich scheinbar in einem weichen Bett liege.
Ich öffne meine Augen und sehe im ersten Augenblick alles verschwommen. Ich versuche mich zu konzentrieren, bis mir auffällt, dass ich an der glatten, weißen Decke sowieso nichts erkennen kann.
Langsam drehe ich meinen Kopf zur Seite. Leichte Kopfschmerzen machen sich breit.
Ute sitzt neben mir auf einem Stuhl und schaut mich sorgenvoll an. Franco lehnt an einer Wand und hat den gleichen Blick in seinen Augen.
Beide tragen andere Sachen als ich in Erinnerung habe.

„Ich hab es nicht geträumt, oder?“, frage ich sie ohne Hoffnung.

„Ich wünschte es wäre so.“

Ohne es zu wollen, fange ich einfach an zu heulen. Ute setzt sich zu mir auf das Bett und hält mich einfach nur fest.
Ich habe das Gefühl in einen Abgrund zu fallen.

„Was ist passiert?“, frage ich als ich mich nach einiger Zeit wieder etwas beruhigt habe.

„Du hattest einen Nervenzusammenbruch. Wir sind noch immer im Krankenhaus. Du hast ein Beruhigungsmittel bekommen und fast einen ganzen Tag durchgeschlafen.“

„Wissen meine Eltern schon bescheid?“

Ute schaut mich gequält an. „Ja, und denen ist es so ergangen wie dir. Sie hatten beide einen Nervenzusammenbruch. Allerdings sieht es bei ihnen nicht besonders gut aus. Sie wurden stationär aufgenommen und die Ärzte wissen nicht, wann sie sich wieder erholen.“

Ich nicke nur leicht, bevor ich die eigentlich wichtigere Frage stelle.

„Weißt du was mit Michael passiert ist?“

„Scheinbar haben die Bremsen versagt. An einer Kreuzung wurden sie dann von einem anderen Wagen erfasst.“

„Er saß nicht alleine drin?“

„Nein, Michael fuhr bei einem Freund mit. Er ist noch im Auto gestorben.“

„Und der andere Wagen?“, jetzt will ich auch alles wissen.

„Eine schwerverletzte Frau und ein leicht verletzter Mann. Aber sie werden wohl beide durchkommen.“

„Wie konnte das passieren…“, sage ich mit Blick auf die Bettdecke.

„Die Polizei geht von Materialermüdung aus“, erklärt mir Franco.

„Aber…“, will er weiter erzählen bevor ihn Ute mit einem Blick stoppt.

„Was „aber“?“, frage ich.

Franco atmet hörbar ein. „Das Auto war vor einem halben Jahr beim TÜV. Dabei wurden auch die Bremsen ausgetauscht. Sie haben bisher keine Erklärung dafür.“

*-*-*

Eine Woche später stehe vor dem Spiegel im Gästezimmer von Utes Eltern. Ich kämpfe zum wiederholten Mal mit meiner schwarzen Krawatte.

„Alex, bist du fertig?“, höre ich Franco vor der Türe.

„Bin gleich da“, rufe ich zurück und binde den Knoten zum vierten Mal. Diesmal bin ich mit dem Ergebnis sogar ganz zufrieden.

Die letzte Woche ist wie im Traum an mir vorbeigezogen. Das Meiste habe ich nur wie durch Watte wahrgenommen.
Nach dem Krankenhaus haben mich Ute und Franco nach Hause gefahren. Ich wollte einfach nur noch meine Ruhe haben. Allerdings war mir dies wohl nicht vergönnt. Wir waren grade in meiner Wohnung als ich mir erst einmal etwas zu trinken nehmen wollte. Immerhin war dies ja auch von Utes Vater nach meinem Zusammenbruch verordnet worden.
In der Küche jedoch fiel mein Blick als erstes auf meinen kleinen Esstisch, auf dem noch immer Michaels kalter Auflauf und unsere beiden Teller standen. Ich bekam augenblicklich wieder einen Heulanfall.
Franco und Ute haben mich daraufhin einfach wieder aus der Wohnung gezogen und zu Utes Eltern gefahren. Die haben mich die gesamte letzte Woche bei sich aufgenommen. Alle vier haben mir dann auch die meiste Arbeit abgenommen, wenn es um Fragen mit dem Beerdigungsinstitut oder dem Sozialamt ging, bei dem sie auch noch eine Unterstützung für die Beerdigungskosten beantragt hatten.
Ich habe zwar die Vermutung, dass Utes Eltern viel aus eigener Tasche bezahlt haben. Doch das haben sie bisher jedes Mal verleugnet, wenn ich gefragt habe.

Ob Franziska zur Beerdigung kommt, weiß ich bis jetzt noch immer nicht. Ich hatte sie noch am gleichen Tag, als ich das Klinikum verlassen hatte, angerufen.
Jedoch nicht erreicht.
Genauso wie die nächsten Male.
Nach zwei Tagen hat Franco bei der Telefonauskunft angerufen und sich an eine Polizeistation in ihrer Nähe vermitteln lassen. Er hat ihnen die Situation erklärt und sie gebeten bei meiner Schwester vorbeizufahren. Doch auch sie trafen niemanden an. Auf die Karte, mit der bitte sich dringend zu melden, hat Franziska ebenfalls nicht geantwortet. Im Augenblick würde ich sie am liebsten mit in das Grab werfen, wenn sie sich doch noch Blicken lassen sollte.
Franco hat mir in der letzten Woche viel geholfen. Vor ein paar Wochen hätte ich nicht gedacht, ihn einmal zu meinen guten Freunden zählen zu können. Doch so oft, wie er jetzt für mich da war, geht weit über das hinaus, was man normalerweise für einen Bekannten machen würde.

Zusammen mit Ute sind wir drei Tage später wieder ins Krankenhaus gefahren.
Meine Eltern liegen bis heute dort.
Zum zweiten Mal in dieser Woche hielten wir vor dem Klinikum. Am Empfang mussten wir diesmal nach dem Zimmer und dem Weg fragen. Zu erfahren, dass meine Eltern auf der Neurologie lagen, gab mir einen ziemlichen Stich ins Herz. Das ungute Gefühl was ich hatte, verdrängte ich zu dem Zeitpunkt.
Gemeinsam fuhren wir mit dem Aufzug nach oben. In der achten Etage stiegen wir wieder aus und machten uns auf die Suche nach der zuständigen Stationsschwester. Statt ihr trafen wir auf den zuständigen Arzt, der uns vorher noch einschärfte, dass wir jegliche Aufregung vermeiden sollten und ich erst einmal alleine zu ihnen gehen sollte.
Langsam drückte ich die Türe zu ihrem Zimmer auf. Ute und Franco blieben ein wenig zurück.
Meine Eltern lagen mit bleichen Gesichtern in ihren Betten und starrten vor sich hin.

„Hallo, Mama. Hallo, Papa“, begrüßte ich sie.

Ihre Augen flackerten und blicken kurz in meine Richtung.
Was danach als erstes geschah, kann ich nicht mehr mit Sicherheit sagen. Zumindest bekamen sie Weinkrämpfe und fingen an zu schreien. Mein Anblick reichte aus um sie wieder an das Geschehene zu erinnern.
Auch jetzt noch bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich daran zurückdenke.
Kurz darauf kam eine der Schwestern angelaufen und schob mich wieder aus dem Zimmer. Ziemlich verstört saß ich anschließend mit Ute und Franco auf einem unbequemen Plastikstuhl im Gang.
Nach einigen Minuten kam dann noch einmal der Arzt zu uns und hat sich bei mir entschuldigt. Er hatte nicht gedacht, dass allein schon meine Anwesenheit so eine Reaktion auslösen würde.
Danach habe ich meine Eltern nicht mehr besucht.
Die Ärzte überlegen mittlerweile beide in ein Sanatorium zu überweisen.

Mit meinen Gedanken wieder aus denen Erinnerungen zurückgekehrt, verlasse ich fertig angezogen schließlich das Gästezimmer. Davor treffe ich auf Franco, der ähnlich gekleidet ist wie ich. Dunkler Anzug und schwarze Krawatte. Ich kann mir ein grinsen nicht verkneifen.

„Wir werden aussehen wie die Pinguine.“

„Stimmt“, grinst er mir entgegen. „Aber solange wir nicht auch noch so watscheln müssen. Komm jetzt, die anderen warten schon.“

Mit dem großen Auto von Utes Eltern fahren wir zu fünft zum Friedhof. Zu dritt quetschen wir uns hinten in den Wagen. Doch mir ist das jetzt so lieber als das Gefühl zu bekommen alleine zu sein.

Vom Friedhofstor müssen wir noch ein Stück gehen bis wir zu der kleinen Andachtshalle kommen. Ich bin erstaunt wie voll diese ist. Etliche Leute haben nicht einmal mehr einen Sitzplatz bekommen.
Doch in der letzten Woche habe ich ja auch kaum etwas mitbekommen.
Es sitzen viele junge Leute auf den Stühlen. Wahrscheinlich aus Michaels Klasse und seinem Sportverein.
Etliche Nachbarn sind zu sehen, von denen ich nicht gedacht hätte, dass meine Eltern oder Michael überhaupt Kontakt zu ihnen haben.
Doch ich sehe auch einige, bei denen ich weiß, dass sie Michael kaum oder gar nicht gekannt haben. Ludwig und Angelika kann ich ausmachen. Auch Professor Bernhardt sitzt in einer der letzten Reihen.
Und ich weiß, dass sie wegen mir hier sind.
Zusammen mit Ute und Franco gehe ich die Reihen entlang. In der letzten Woche sind sie meine Familie gewesen; und ich habe das Gefühl, dass sie auch in Zukunft meine einzige Familie sein werden.
In der ersten Reihe nehmen wir Platz. Auch wenn ich mich am liebsten in der hintersten Ecke verkriechen würde.
Die Andachtfeier selbst zieht dann wieder wie ein Traum an mir vorbei.
Eine Freundin erzählt Anekdoten aus der Schule und von Klassenfahrten. Wie Michael mit fünfzehn Alkohol in die Jugendherberge geschmuggelt hatte oder zu seinem siebzehnten Geburtstag in die Schule kam und allen ernstes fragte für wen denn der Kuchen oder die Dekoration sei.
Danach tritt ein großer junger Mann mit bereiten Schultern, eigentlich fast schon ein Schrank, an das Rednerpult. Er erzählt wie ihn der „Zwerg“ Michael bei ihrer ersten Begegnung beim Judo auf die Matte verfrachtet hat.
Beim verlassen der Halle wird schließlich Michaels Lieblingslied gespielt.

Vor der Halle kommt Professor Bernhardt auf mich zu.
Im Gegensatz zu vielen anderen wüscht er mir jedoch kein Beileid. Diese Worte helfen einem in so einer Situation eh nicht, was er zu wissen scheint.

„Alexander, wenn du reden möchtest, komm einfach zu mir, jederzeit.“

Danach legt er kurz seine Hand auf meine Schulter anstatt meine, wie üblich, einfach nur zu schütteln.

Den Sarg tragen einige Freunde von Michael zum Grab. Auch wenn es wahrscheinlich irgendwann bereuen werde; aber ich fühle mich dazu nicht in der Lage.
Die Sonne brennt unangenehm vom Himmel und der ist für den Anlass schon fast unangemessen blau.
Die Prozession führt erst durch den älteren Teil des Friedhofs. Verwitterte Steine und alter Bewuchs auf den Gräbern zeigten ihr Alter.
Nach und nach werden die Gräber immer neuer. Die Immergrünen Bodendecker wurden von einjährigen, blühenden Pflanzen abgelöst.
Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, müsste das für Michael reservierte Grab hinter der nächsten Kurve liegen.
In unregelmäßigen Abständen spüre ich Utes und Francos Hand an meinem Arm und auf meiner Schulter.
Beide scheinen mich beruhigen zu wollen. Ob ich es wirklich nötig habe, kann ich selbst nicht sagen. Ich wünsche mir nur dies Alles endlich hinter mir zu haben.
Als wir die nächste Kurve hinter uns gebracht haben, sehe ich vor uns, aber noch weit entfernt, auch schon das ausgehobene Grab.
Doch ich bleibe wie angewurzelt stehen. Ute und Franco bekommen im ersten Moment nichts mit. Doch dann sehen sie mich erstaunt an wie ich Mitten auf dem Weg, und den Menschen hinter mir im Weg stehe.
In einem Seitenweg, neben einer alten, ausladenden Zypresse, steht wieder der Fremde mit den blauen Augen.
Ich starre ihn eine Weile an, während er ruhig in meine Richtung sieht. Erst nach einer Zeit, die mir vorkommt wie Stunden, gehe ich auf ihn zu. Hinter mir spüre ich wie die Blicke der Anderen mir folgen.
Und diesmal läuft er nicht weg.
Er sieht mich nur weiter mit seinen blauen Augen an.
Schließlich stehe ich direkt vor ihm.
Er trägt die gleichen Sachen wie in der letzten Woche.
Seine Augen sind noch blauer als ich in Erinnerung habe; fast schon violett. Doch das kann auch das Licht bewirken. Seine kurzen braunen Haare stehen chaotisch vom Kopf ab. Ein kleines Grübchen im Kinn verleiht ihm etwas leicht Verwegenes. Allerdings wirkt sein gesamtes Auftreten so.
Am meisten verwirrt mich jedoch, dass er ein bisschen kleiner ist als ich. In meiner Erinnerung war er mindestens einen Meter größer.
Doch das ist schon neunzehn Jahre her.

„Warum bist du letzte Woche weggelaufen?“, frage ich ihn als erstes. Nicht grade das Naheliegenste, doch mehr ist mit meinem Gehirn noch nicht mehr anzufangen.

„Ich war mir nicht sicher wer du bist“, sagt er mit einer weichen Stimme, die mich fast genauso verzaubert wie seine Augen.

„Und weißt du es jetzt?“

„Nicht wirklich. Aber das ist erst mal egal.“

„Was machst du denn dann hier?“, will ich wissen.

„Mein Name ist übrigens Glaukos“, sagt er ohne auf meine Frage einzugehen.

„Glaukos?!“, frage ich ungläubig.

Doch er zuckt nur leicht mit seinen Schultern. „Griechische Götternamen waren in Mode als ich geboren wurde“, erklärt er, was für mich jedoch nicht wirklich erklärend ist. Ich kann mich nicht erinnern, wann dieser Name einmal in Mode gewesen sein soll.
Doch das ist nicht das, was ich im Augenblick als wichtig ansehe. Immerhin gibt es grade noch viele weitere Fragen, die mir durch den Kopf gehen.

„Warum folgst du mir eigentlich auf einmal?“

„Deine Schwester ist nicht hier, oder?“, fragt er und ignoriert wieder einmal meine Frage. „Sie geben sich wirklich mühe.“

„Wovon redest du eigentlich?“

„Ich wollte dich bitten mitzukommen. Ich kann es jetzt nicht erklären. Aber es ist wichtig.“

Ungläubig sehe ich ihn an. „Du weißt warum ich hier auf dem Friedhof bin?“

„Ja, komm einfach mit“, sagt er mit einem Lächeln das mich einfach nur schwach macht.

„Das hier ist die Beerdigung meines Bruders! Das ist die letzte Ehre, die ich ihm erweisen kann! Und du willst, dass ich jetzt mitkomme?“

„Ja, das hier wird alles keine Rolle spielen!“

„Du tickst ja wohl nicht mehr richtig!“, fahre ich ihn an.

Glaukos scheint sich dadurch jedoch in keiner Weise beleidigt zu fühlen. Er sieht mich nur weiter mit seinen blauen Augen an, die mich einfach nur um den Verstand bringen.

Sein Gesichtsausdruck wird ernster. „Wir können es korrigieren.“

„Was?“ Ich kann ihm überhaupt nicht mehr folgen.

„Das Alles hier“, Glaukos macht eine Handbewegung, die den Friedhof, aber auch die Trauergemeinde mit einschließt. Beunruhigenderweise habe ich aber auch das Gefühl, das sie auch alles Andere beinhalt.
Von der Trauergemeinde sehen noch immer etliche neugierig zu und herüber, besonders Ute und Franco.
Ich sehe wieder zu Glaukos, der mich jetzt wieder anlächelt; und ich kann nicht glauben was er als nächstes sagt.

„Michael wird keinen Unfall gehabt haben.“

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