Ein neuer Anfang – Teil 4

13. Jonas und sein Vater

Falco

„Angefangen hat alles vorgestern Nachmittag. Da ist er morgens, so wie jeden Tag, früh aufgestanden und hat für seinen Vater Frühstück gemacht. Seit seine Mutter vor zwei Jahren an Krebs gestorben ist, lebt Jonas alleine mit seinem Vater in Berlin. Dieser arbeitet bei einer großen Bank und ist, seit seine Frau verstorben ist, sehr launisch geworden.”

Dr. Wagner machte eine kurze Pause und nahm einen Schluck von seinem Kaffee, bevor er weiter erzählte.

„Vor etwa einem Jahr hat sein Vater dann angefangen zu trinken. Jonas durfte sich ab diesem Zeitpunkt zusätzlich ganz alleine um den gesamten Haushalt kümmern. Er musste Wäsche waschen, die Wohnung sauber halten und für sich und seinen Vater kochen. Wenn irgendetwas zu erledigen war, wurde er immer von seinem Vater geschickt. Wenn er mal etwas nicht richtig machte, wurde er zwar nicht geschlagen, aber verbal fertig gemacht und aufs Schlimmste beschimpft.”

Nachdenklich trank er einen weiteren Schluck von seinem Kaffee.

„Nun, vorgestern Nachmittag hatte er wieder einmal einen heftigen Streit mit seinem Vater. Worum es genau ging, hat er mir leider nicht im Detail erzählen wollen. Aber es endete damit, dass sein Vater ihm gedroht hat, ihn totzuschlagen. Gott sei Dank war er viel zu betrunken und dazu gar nicht mehr in der Lage. Wer weiß, was sonst passiert wäre.”

Wieder machte Dr. Wagner eine kurze Pause.

„Jonas hatte sich losreißen können und ist aus dem Haus geflüchtet. Natürlich hatte er keine Zeit mehr, irgendwelche Sachen oder zumindest eine Jacke mitzunehmen. Irgendwo hat er dann an einer Tankstelle einen LKW-Fahrer angesprochen und dieser hat ihn bis zu unserem Autobahnrastplatz mitgenommen. Hier hatte er dann versucht, von irgendwem weiter mitgenommen zu werden. Doch da es schon recht spät war und der Sturm bereits wütete, fand er niemanden. So ist er dann zu Fuß weiter gelaufen und war natürlich binnen kürzester Zeit völlig durchnässt.

Als er die Bundesstraße erreicht hatte, ist er dieser dann in der Hoffnung irgendwo unterzukommen gefolgt. Der Junge hatte immens viel Glück, dass ihn niemand wegen der schlechten Sichtverhältnisse überfahren hat. Einige Zeit später hat er dann eure Scheune gesehen und ist dorthin. Dabei muss er mit dem Fuß umgeknickt sein und hatte erneut viel Glück, dass er sich dabei nichts gebrochen hat.”

Nach Dr. Wagners Schilderung waren wir total betroffen und sahen uns alle ratlos an. Im ersten Moment fand keiner von uns ein Wort, die Geschichte war einfach zu schockierend. Schließlich erhob meine Mutter ihre Stimme.

Jonas

Felix war ganz nett zu mir. Nachdem er mich untersucht hatte, erzählte er mir etwas von sich und seinem Sohn Alexander. Alexander war 12 Jahre alt. Und so, wie er von ihm gesprochen hatte, mit so viel Freude in der Stimme, schien er ihn zu wirklich lieben.

‚Liebe… ich weiß gar nicht mehr wie das ist, wenn ein Vater seinen Sohn liebt‘, dachte Jonas.

Aus irgendeinem Grund, den ich selbst nicht verstand, hatte ich irgendwie von Anfang an Vertrauen zu Felix. Nur deshalb find ich an zu erzählen, wie es bei mir zu Hause war.

Angefangen beim Tod meiner Mutter, denn als sie noch gelebt hatte, war die Welt noch in Ordnung für mich gewesen.

Dann von ihrer Krankheit. Ich hatte mit ansehen müssen, wie sie immer schwächer geworden war. Viel zu schnell war das gewesen.

Dann war der eine Abend gekommen, an dem ich das letzte Mal bei ihr im Krankenhaus gewesen war. Obwohl sie schon sehr schwach gewesen war, hatte sie mich noch aufgemuntert und wir haben viel gelacht und Scherze gemacht.

Am nächsten Morgen, als ich in der Schule war, war unser Direktor in die Klasse gekommen und hatte mich zu sich ins Büro gebeten. Als ich mich hingesetzt hatte erzählte er mir, dass meine Mutter verstorben sei.

Für mich war eine Welt zusammen gebrochen.

Meine Mama war tot! Ich konnte gar nicht begreifen, was er gesagt hatte und brach in seinem Büro zusammen.

Ein paar Tage später, als ich mich ein wenig erholt hatte, fing mein Vater an, die Aufgaben im Haushalt zu verteilen.

Es ging auch eine ganze Zeit gut und langsam kam ich über den Verlust meiner Mutter hinweg. Zumindest dachte ich nicht mehr jede Minute darüber nach, was wohl wäre, wenn sie noch leben würde.

Einige Monate später, mein Vater hatte wohl Probleme auf der Arbeit, fing er an zu trinken. Erst nur wenig. Dann nach und nach wurde es immer mehr. Bis er fast jeden Abend besoffen nach Hause gekommen war.

Wenn ich dann irgendetwas nicht so gemacht hatte, wie er sich das vorstellte und das kam oft vor, beschimpfte er mich immer. Ich wäre ein Nichtsnutz, nicht mal die einfachsten Dinge könne ich machen. Ich wäre zu doof, um in der Welt klar zu kommen. Und vieles, vieles mehr.

Am Abend lag ich dann oft im Bett und heulte mich in den Schlaf. Am nächsten Morgen ging das ganze dann wieder von vorne los.

Am letzten Abend eskalierte es dann. Erst hatte er wieder angefangen mich zu beschimpfen, aber das war ich ja langsam schon gewohnt. Dann hatte er plötzlich den Fleischklopfer gepackt und ihn mit aller Gewalt auf den Tisch geschlagen. Er schrie mich an: „Wenn du mir noch einmal unter die Augen kommst, schlage ich dich tot, du Stück Dreck!”

Ich hatte gedacht, ich hätte mich verhört, aber um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schlug er abermals mit dem Ding auf den Tisch ein. Ohne auch nur einen einzigen Gedanken an die Konsequenzen zu verschwenden lief ich aus dem Haus. Und lief, und lief…

Felix hörte mir interessiert zu und machte an der einen oder anderen Stelle eine kleine Bemerkung oder fragte nach, aber ohne mich groß beim Erzählen zu unterbrechen.

 

14. Pläne für die Zukunft

Falco

„Das erklärt auch, warum er anfangs so verängstigt war. Der Junge muss ja Höllenqualen durchgemacht haben”, sagte meine Mutter

„Also nach Hause kann er dann wohl nicht mehr.”, meinte ich

„Kann er nicht einfach hier bleiben?”, flehend sah ich meine Eltern und Dr. Wagner an.

„Nun mach mal langsam, Junge. So etwas können wir nicht so einfach entscheiden”, sagte mein Vater.

„Ja, aber wir haben doch Platz genug und …”, antwortete ich etwas enttäuscht.

„Erst einmal sollten wir uns überlegen, ob wir wirklich genug Platz haben und uns das überhaupt leisten können. Dann ist auch die Frage, ob das so einfach geht. Sein Vater hat immerhin das Sorgerecht für ihn und Jonas ist noch nicht volljährig. Sein Vater macht sich bestimmt auch Sorgen um ihn und hat wahrscheinlich schon eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Und am wichtigsten ist, dass wir Jonas überhaupt erst einmal fragen sollten, ob er das auch möchte.”, meinte mein Vater.

„Also, ich habe nichts dagegen.”, sagte meine Mom. „Er scheint ein lieber Junge zu sein und um nichts auf der Welt möchte ich, dass er zurück nach Hause muss.”

„Papa, bitte. Wir haben doch genug Platz hier. Er könnte doch das Zimmer neben meinem haben, das nutzen wir eh nicht und die alten Möbel bringen wir einfach auf den Boden.”

„Dann bin ich wohl überstimmt.”, lächelte mein Vater. „Ich habe auch nichts dagegen, aber bevor er hier einziehen kann, müssen wir noch die restlichen Punkte klären”.

„Bernd, erinnerst du dich an Michael – Michael Brinkmann, aus unserer Klasse damals?”, fragte Dr. Wagner.

Mein Vater überlegte eine Weile. „War der nicht mal Klassensprecher und hat ganz vorne gesessen, so einer mit krausem, schwarzem Haar?”

„Ja, genau der. Der arbeitet mittlerweile beim Jugendamt und ab und zu habe ich beruflich was mit ihm zu tun. Vielleicht kann er euch helfen. Warte mal, ich müsste sogar seine Nummer in meinem Handy haben”.

Dr. Wagner holte sein Handy aus der Tasche und hantierte damit rum. Meine Mutter war bereits aufgestanden, um einen Zettel sowie einen Stift zu holen und als Felix die Nummer gefunden hatte, schrieb meine Mutter sie gleich auf.

„Danke Felix, dass du uns geholfen hast. Ich werde erstmal mit Jonas sprechen und danach rufe ich Michael an”, sagte mein Vater

„Kein Problem, dafür bin ich doch da. Ich werde  Michael schon mal von unterwegs aus Bescheid geben und ihm von Jonas erzählen. So kann er schon mal schauen, was möglich ist und ob er schon vermisst wird. Bis später – ciao.”

Wir verabschiedeten uns von Felix und als er gefahren war, meinte mein Vater zu mir: „Ich gehe mal zu ihm hoch. Es wäre vielleicht gut, wenn du mitkommen würdest, Falco.”

„Ach Falco, fast hätte ich es in dem ganzen Trubel vergessen: Da wir ja die Ernte fast hinter uns haben und du bisher wenig von deinen Ferien hattest, bekommst du für die restlichen Ferien frei. Es tut mir leid, dass du nicht mit deinen Freunden zum Zelten fahren konntest, aber leider war es dieses Jahr nicht anders zu schaffen. Vielen Dank für deine Hilfe, wir machen es wieder gut bei dir – versprochen.”

Ich nickte nur stumm.

Eigentlich sollte ich mich ja darüber freuen, aber dass ich nicht zum Zelten hatte mitfahren können, nagte schon sehr an mir. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut. Monatelang hatten wir schon davon gesprochen und alles bis ins letzte Detail durchgeplant. Uns bereits vorgestellt, was wir alles unternehmen wollten.

Und dann waren meine Eltern gekommen und hatten gemeint, dass es dieses Jahr leider nicht klappen würde. Wir hätten einfach zu viel auf dem Hof zu tun und sie wären auf meine Mithilfe angewiesen. Es war, als hätte mir jemand in diesem Moment das Seil durchgeschnitten, während ich am Abgrund hing. Lange Zeit war ich gefallen und nichts hatte diesen Fall stoppen können.

Am Abend bevor meine Freunde losfuhren, hatten wir noch zusammen gesessen. Alle hatten versucht, mich zu trösten. Ich hatte ihnen zwar nicht gesagt, wie ich mich fühlte, aber sie merkten es mir trotzdem an. Es war ein schöner letzter Abend gewesen.

Und dann waren sie am nächsten Morgen weg gefahren und ich hatte zu Hause bleiben müssen, um zu helfen.

Jonas

Ich hatte Felix erzählt, was sich in der letzten Nacht mit meinem Vater alles zugetragen hatte. Nur eines ließ ich geschickt aus, nämlich warum wir uns an diesem Abend so sehr gestritten hatten. Ich war einfach noch nicht bereit dazu, ihm davon zu erzählen.

Als ich fertig gewesen war, war es, als ob eine große Last von mir gefallen wäre. Noch niemals zuvor hatte ich jemandem von meinen Problemen erzählt.

Felix hatte mich in den Arm genommen und mich fest gedrückt. Er hielt mich eine ganze Zeit lang und sagte leise:

„Jonas, du brauchst keine Angst mehr zu haben, es ist vorbei. Ich gehe nun runter und werde Bernd, Heike und Falco das Wichtigste erzählen. Wir finden schon eine Möglichkeit, damit du nie wieder zurück gehen musst.”

Er lächelte mich dabei aufmunternd an.

„Du solltest aber jetzt was frühstücken”, meinte er noch fast beiläufig, grinste mich dabei an und verließ schließlich das Zimmer.

15. Eine wichtige Frage

Falco

Mein Vater erhob sich nun und wandte sich in Richtung Tür. Dort blieb er stehen und schaute mich an.

„Kommst du dann mit hoch?”, fragte er.

Ich stand ebenfalls auf, gesellte mich zu ihm und nahm ihn in den Arm. Dabei flüsterte ich: „Danke, dass du das für Jonas machst.”

Er lächelte mich an. „Ich danke dir, dass du dich so um ihn gekümmert hast, mein Großer.” und küsste mich auf die Stirn.

Dann gingen wir gemeinsam die Treppe hinauf.

An der Zimmertür angekommen klopften wir kurz an und betraten dann erst das Zimmer. Jonas war gerade mit dem frühstücken fertig geworden und schaute uns nun unsicher entgegen.

„Das ist mein Papa”, sagte ich.

„Hallo Jonas, du kannst gerne Bernd zu mir sagen.”, begrüßte mein Dad den Jungen mit ruhigen Worten. „Felix hat erzählt, es geht dir schon wieder besser?”

Jonas nickte nur stumm und so setzte sich mein Vater auf den Bettrand.

„Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Es wird dir niemand mehr etwas tun. Felix hat mir alles erzählt und es tut mir leid, dass du so was durchmachen musstest.”

Jonas schwieg weiterhin, aber schaute meinen Vater mit Tränen in den Augen an.

„Falco hat vorgeschlagen, dass du hier bei uns bleiben kannst. Wenn du möchtest.”

Jonas’ Blick schnellte sofort in meine Richtung. Schnell wischte er die Tränen weg.

„Meine Frau Heike und ich haben nichts dagegen. Ich habe einen alten Schulfreund beim Jugendamt, deine Zustimmung vorausgesetzt würde ich ihn anrufen und bitten das alles in die Hand zu nehmen.”

Mein Vater sah Jonas gespannt auf eine Antwort wartend an. Dieser schien angestrengt zu überlegen.

Jonas

Irgendwie ging mir das zu schnell. Auf der einen Seite war ich ja froh, noch am Leben und von zu Hause weg zu sein. Aber so eine Entscheidung will gut überlegt sein und ich kannte hier ja auch noch niemanden.

Na gut, fast niemanden. Alle, die ich bisher kennen gelernt habe, waren sehr nett zu mir gewesen und ich war Felix sehr dankbar, dass er mir zugehört hatte. Falcos Mutter hatte sich sehr um mich gekümmert und auch sein Vater gefiel mir sehr gut. Er hatte eine ruhige Art und seine Ausstrahlung war einfach bombastisch, man musste ihn einfach gerne haben.

Alles in allem hatte ich irgendwie ein gutes Gefühl.

Und Falco… Ja, was war mit Falco? In dem Moment, als ich meine Augen hier zum ersten Mal aufgemacht hatte, hatte er mich angesehen. Ich konnte ein Funkeln in seinen Augen sehen, als ob tausend Sterne daraus leuchten würden und trotzdem schien er verunsichert zu sein. Warum wusste ich nicht, aber ich mochte ihn seit dem ersten Augenblick schon.

„Du brauchst dich nicht sofort entscheiden, niemand hier will dich zu irgendwas drängen. Aber sei bitte so lieb und lasse dir nicht zu viel Zeit. Wer weiß, was dein Vater bereits veranstaltet hat, als er gemerkt hat, dass du nicht mehr zu Hause bist”, sagte Bernd.

„Also…”, fing ich an. „Ihr seid alle sehr nett zu mir gewesen und ich bin euch sehr dankbar, dass ihr mich gefunden habt. Euch verdanke ich, dass ich noch am Leben bin.”

Ich suchte für einen Moment lang nach den richtigen Worten.

„Aber…”

Fortsetzung folgt…

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