Begegnung – Teil 1

Ich ging aus dem Netz und über meinem Gesicht machte sich ein Lächeln breit. Gerade hatte ich im Internet einen Typen aus Siegen kennen gelernt. Björn. Wir haben uns stundenlang im Chat unterhalten. Obwohl ich wusste, dass das meine Internet-Kosten hochtrieb, war mir das total egal.

Ich heiße übrigens Sascha. Bin eins fünfundachtzig groß und siebzehn Jahre alt.

Ich lief in mein Zimmer, schnappte mir mein Handy und schrieb Tante Renate eine SMS.

„Hi T. Renate! Ich habe gerade jemanden kennen gelernt, Björn. Wir wollen uns nächste Woche treffen. Sascha“

Ich war so dermaßen glücklich. Tante Renate war noch immer in Italien unterwegs, schrieb aber schnell zurück. Sie freute sich für mich und drückte mir die Daumen, dass alles gut läuft. Zum Glück war ich allein zu Hause, Mama und Papa waren mit dem Wohnmobil weg und Katja wohnt seit dem Frühjahr nicht mehr hier.

Obwohl ich Björn direkt zugesagt hatte, dass wir uns in Siegen treffen, wusste ich nicht, ob ich überhaupt genügend Geld für eine Zugfahrkarte hatte. Ein schneller Blick auf die letzten Kontoauszüge bewies mir, dass ich noch genug hatte.

Es war Mittwoch und für nächste Woche Donnerstag hatten wir uns verabredet. Im Laufe der nächsten Woche wollte ich eine Fahrkarte im Bahnhof Altenhundem holen.

***

„Ich bin dann weg, Mama.“

Ich lugte ins Wohnzimmer und meine Mutter sah mich an.

„Ist okay, aber komm nicht zu spät zurück!“

Ich ging aus dem Haus zu unserer Bushaltestelle. Es war ein warmer Juni-Tag, die Sonne schien mir ins Gesicht. Ich stand gerade in dem kleinen Bushäuschen, als der Bus bereits um die Ecke bog.

Ich hatte das Glück und war noch Schüler. Somit konnte ich problemlos mit meiner Schulfahrkarte von Bonzel nach Grevenbrück fahren.

Der Busfahrer öffnete die Tür, ich stieg ein und begrüßte ihn freundlich. Während ich meine Fahrkarte vorzeigte, grüßte er zurück.

Der Bus war ganz leer. Ich nahm diesmal einen Sitzplatz rechter Hand gegenüber dem Ausstieg. Der Bus erreichte schnell den Bahnhof. Ich stieg aus und ging zum Bahnsteig. Gerade als ich dort ankam, lief die Durchsage für meinen Zug. Der Bahnstieg war auch recht leer, fiel mir auf: Nur ein älterer Herr und ein junges Mädchen, schwer bepackt mit Rucksäcken und Taschen.

Der Zug fuhr ein. Es war einer der älteren Züge und ich musste die Tür mit aller Kraft aufziehen. Was ich noch erkannte, stiegen nur ein paar Leute aus. Ein paar kannte ich vom Aussehen.

Der Schaffner pfiff und die Türen fielen zu. Der Zug fuhr langsam ab.

Ich schaute aus dem Fenster. Saftig grüne Wiesen und hohe Bäume mit tief grünen Blättern zogen an mir vorbei.

Der Schaffner kam in das Abteil und rief „Fahrkarten bitte.“ Zum Glück fing er nicht an meinem Ende an, denn meine Fahrkarte wollte mal wieder nicht sofort aus meiner Hosentasche. Dann konnte ich sie aber doch vorzeigen und packte sie wieder weg.

Die Zeit verging wie im Flug. Ich war ganz verwundert, als „Siegen“ als nächste Haltestelle durchgesagt wurde. Ich bemerkte, wie ich anfing zu zittern und weiche Knie zu bekommen – gleich würde ich Björn gegenüber stehen. Dieser Gedanke ließ mich zufrieden lächeln.

Der Zug wurde langsamer, hielt an und ich stieg aus. Ich schaute mich um und entdeckte einen jungen Mann, der mit fragendem Blick hin und her lief. Als er sich in meine Richtung drehte, sah ich ein Schild, das er vor sich in den Händen hielt. Ich musste laut auflachen, denn ich erkannte meinen Namen auf dem Schild – das musste Björn sein! Die Idee fand ich echt süß.

Ich bleib noch etwas von ihm entfernt stehen. Er hatte bei seiner Beschreibung nicht gelogen: Er war so groß wie ich, hatte kurze braune Haare und grüne Augen, obwohl ich die aus dieser Entfernung noch nicht erkannte.

Jetzt ging ich auf ihn zu.

„Bin ich vielleicht der Sascha, den Du suchst?“ fragte ich.

„Schon möglich, wenn wir heute ein Rendez-vous haben?“ meinte er lächelnd.

„Dann ja!“

Wir lachten beide laut auf. Ich fand, das war schon mal ein guter Anfang.

„Und was machen wir jetzt?“ fragte ich.

„Zuerst einmal, denke ich, gehen wir vom Bahnsteig weg.“ Ich nickte und wir gingen Richtung Ausgang. „Weiter dachte ich, dass wir vielleicht in die Oberstadt gehen und uns dort ein Eis essen. Was hältst Du davon?“ sprach Björn weiter.

„Gute Idee.“ stimmte ich zu.

Die ersten Meter sprachen wir nichts. Ich suchte im Kopf einen Anfang und ein Gesprächsthema.

„Wir hatten uns im Chat gar nicht über unser Alter unterhalten.“ fing Björn dann an und schaute mir in die Augen. Jetzt sah ich sie, ganz deutlich vor mir, seine grünen Augen. Sie waren so grün, wie die Wiesen von vorhin. Ich war so fasziniert davon, dass ich alles um mich herum vergaß und Björn mich aus meinen Gedanken zurückholte.

„Sascha?“

„Hm … was? Oh, entschuldige. Ich habe nur gerade Deine Augen entdeckt.“

„Echt? Dann muss ich mich aber auch erstmal auf die Suche nach Deinen machen, oder? Okay … warte eine Sekunde …“

Wir blieben stehen und Björn suchte mit seinen Augen mein ganzes Gesicht ab. Ich musste schmunzeln, zumal auch viele Leute zu uns rüberschauten.

„Ich glaube, ich habe sie gefunden. Sind es die?“ Mit dem rechten Zeigefinger zeigte er auf meine Augen.

„Der Kandidat hat hundert Punkte.“ fiel mir ein.

„Wenn das so ist: Mein Mund hat auch noch etwas entdeckt.“ Björn trat an mich heran, hielt mich an den Schultern, schloss die Augen und küsste mich auf den Mund.

Mein Herz pumpte wie verrückt, es kribbelte überall. Nach dem anfänglichen Schock, schloss ich auch die Augen und genoss nun einfach. Mein erster Kuss von einem Jungen, wie oft hatte ich mich danach gesehnt.

Sekunden kamen mir wie Minuten vor, es schien nur noch Björn und mich zu geben.

Er löste sich von meinem Mund.

„Und?“

„Was und?“ fragte ich völlig verwirrt.

„Habe ich wieder hundert Punkte?“

„Für so etwas gibt es zweihundert!“ Ich lächelte ihn an und er erwiderte es.

Wir gingen weiter. War das gerade wirklich passiert? Die Feuchte auf meinen Lippen bestätigte es mir.

Ich merkte, wie Björn meine Hand ergriff und ganz unbewusst griff ich sanft auch seine.

„Wir waren vorhin doch eigentlich bei was ganz anderem stehen geblieben, oder?“ meinte Björn.

„Ja?“ Ich wusste es noch, ließ es mir aber nicht anmerken.

„Ja. Ich meinte, dass wir uns im Chat gar nicht unser Alter geschrieben haben.“

„Stimmt. Ich bin siebzehn, werde im August achtzehn.“

„Oh?!“

„Was denn?“

„Ich werde einen Monat vor Dir achtzehn!“ Wie ein kleines Kind versuchte er mich deswegen zu ärgern. Ich tat etwas beleidigt. Wir lachten beide. „Aber der zusätzliche Monat Lagerung hat Dir echt gut getan, Sascha.“

„Wie meinst Du das?“

Björn trat etwas weg von mir, ich blieb stehen.

„Schau Dich doch mal an, Du siehst sehr gut aus!“

Ich wurde rot.

„Danke. Du aber auch!“

Auch Björn wurde etwas rot.

„Danke.“

Er schaute weg und sah, dass die Fußgängerampel auf grün stand.

„Wenn wir uns beeilen, kommen wir noch rüber.“

Ich rannte hinter Björn her. Auf der anderen Straßenseite stand er etwas gehockt mit den Handflächen auf den Knien Luft ringend auf dem Bürgersteig. Ich kam nach.

„Erster!“ konnte ich ihn zwischen seinem Hecheln sagen hören.

„Das war ja auch unfair! Du hattest Vorsprung!“

„Komm schon, ist doch nur Spaß!“ Björn richtete sich auf und atmete fast wieder normal.

„Weiß ich doch, Björn.“

Wir liefen noch ein paar Meter die steile Straße rauf in die Oberstadt und setzten uns gegenüber von Karstadt in ein Eis-Café. Vom Nachbartisch holte Björn eine weitere Speisekarte und ich nahm mir die von unserem Tisch. Ich ließ meinen Blick über alle Seiten gehen und fand wieder einmal Spaghetti-Eis. Ich legte die Karte beiseite.

„Was nimmst Du?“ fragte Björn.

„Spaghetti-Eis für drei fünfzig.“

„Gut, ich nehme … einen Eis-Kakao, wenn es Dir nichts ausmacht?“ Er lächelte zu mir rüber. Ich schüttelte den Kopf.

Ein Kellner kam und nahm von Björn unsere Bestellung auf. Ich sah Björn an. Er sieht wahnsinnig gut aus, dachte ich.

Der Kellner verschwand.

„Wie ist das denn, arbeitest Du denn schon am Führerschein, oder machst Du den erst mit achtzehn?“ fragte Björn.

„Ich bin schon fast fertig! Im Juli habe ich die abschließende Prüfung. Und Du?“

„Ich auch. Einen Tag vor meinem Geburtstag muss ich fahren.“

„Wann hast Du denn Geburtstag?“ fragte ich.

„28. Juli. Und wann darf man Dir gratulieren?“

„Am 10. August ab fünf Uhr dreißig.“

Ich sah, wie Björn es notierte. Ich zog auch etwas zu schreiben heraus und schrieb mir seinen Geburtstag auch auf.

Der Kellner kam.

„Einmal Spaghetti-Eis.“

Ich hob kurz meine Hand.

„Danke.“

„Und einmal Eis-Kakao.“

„Dankeschön.“

„Bitte sehr. Guten Appetit.“

„Ach, entschuldigen Sie?“ rief Björn dem Kellner zu, als der schon fast wieder weg war. Er kam noch einmal zurück.

„Können wir wohl schon bezahlen?“

„Aber sicher. Zusammen oder getrennt?“

„Zusammen.“ Björn sah mich an. „Ich lade Dich selbstverständlich ein.“

„Danke, musst Du aber nicht.“

„Mache ich aber.“ Er lachte.

„Macht zusammen sieben Euro.“

Björn gab ihm acht.

„Stimmt so.“ meinte er.

Während wir aßen und tranken, unterhielten wir uns viel. Je später es wurde, umso mehr verspürte ich ein großes Verlangen nach Björn. Ich hatte mich in ihn verliebt. Und ich wusste, ohne ihn könnte und wollte ich nicht mehr leben.

Björn hatte mitten in einem Satz aufgehört zu reden und sah mir in die Augen.

„Was denkst Du gerade?“ fragte er.

„Ach … nichts.“ Ich schüttelte den Kopf.

„Das kannst Du mir nicht erzählen, Kleiner.“

Ich lachte.

„Kleiner? Wer von uns ist denn hier klein?“

„Du weißt, wie ich das meine!“ Er schaute weg.

Ich lehnte mich über den Tisch und versuchte in seine Augen zu sehen. Mit den Augen schaute er in meine Richtung und musste lächeln.

„Willst Du wissen, was ich gedacht habe?“

Björn schaute mich wieder an.

„Ich liebe Dich, Björn.“

Er schien nicht zu wissen, was er sagen sollte.

„Danke, ich Dich aber auch!“

Obwohl er es war, der mich vor ein paar Stunden geküsst hatte, wirkte er nun doch verwundert. Ich beugte mich über den Tisch und gab Björn einen Kuss.

„Ich liebe Dich!“ hauchte ich ihm entgegen.

Ich setzte mich wieder. Björn schaute auf die Uhr.

„Ich würde Dich am liebsten jetzt fest an meine Hand nehmen und Dich nie mehr gehen lassen …“

„Bitte!“ Ich streckte ihm meine Hand entgegen.

Er lachte und senkte den Kopf.

„Ich glaube, wir müssen doch langsam gehen.“ Er schaute wieder auf.

„In Ordnung.“ Ich lächelte.

Wir standen auf und liefen die steile Straße wieder runter. Ich griff nach Björns Hand. Als er meine Hand spürte, sah er mich an, lächelte und gab mir einen Kuss.

Wir gingen zum Bahnhof. Bis der Zug kam, dauerte es noch und wir setzten uns am Bahnsteig auf eine Bank.

„Ich habe den heutigen Tag mit Dir sehr genossen.“ fing ich an.

„Ich auch, Sascha. Wollen wir uns irgendwann bald nochmal treffen?“

„Gerne! Hast Du ein Handy?“

„Klar. Willst Du mal sehen?“

Wir lachten.

„Ich hab eine Idee: Wir tauschen die Handys und speichern die Nummern direkt beim anderen. Dann dauert das auch nicht so lange.“ meinte ich.

„Ja, machen wir das.“

Ich nahm Björns Handy und gab ihm meins. Wir tippten Nummern und Namen ein und tauschten die Handys wieder zurück.

Die Durchsage für meinen Zug kam. Wir standen auf.

„So …“ konnte ich noch sagen, ehe mir Björn mit dem Zeigefinger den Mund zuhielt.

„Sag nichts, das fällt mir eh schon schwer genug.“

Björn nahm den Finger zurück.

„Mir auch, Björn.“

Er trat an mich heran und in seinen funkelnden Augen las ich seine Gedanken. Wir fielen uns in die Arme. Fest umschlungen standen wir nun da. Noch bevor der Zug einrollte, ließ mich Björn los und gab mir einen Kuss. Er war tief, gefühlvoll und schien Minuten anzudauern. Er löste sich und hielt fest meine Hände.

„Ich liebe Dich, Sascha. Mehr als alles andere.“

„Ich liebe Dich auch, Björn.“

Ich merkte, wie sich meine Augen mit Tränen füllten, die dann über meine Wange liefen. Auch Björn weinte.

„Lass uns morgen telefonieren.“ meinte er.

„Ja, auf jeden Fall.“

Der Zug stand. Ganz langsam ließ ich Björns Hände aus meinen gleiten und lief rückwärts zum Zug. Ich stieg ein und suchte mir einen Platz, wo das Fenster zu öffnen war. Ich zog die Scheibe nach unten und Björn kam heran.

„Machs gut, mein Kleiner.“ Er lächelte.

„Bis morgen, mein Lieber.“

Wir sahen uns tief in die Augen und bekamen beide nicht mit, wie der Schaffner pfiff und die Türen zuknallten. Erst als der Zug sich in Bewegung setzte, wurde uns klar, dass wir uns für heute verabschieden müssten.

Björn lief neben dem Zug her, immer an meinem Fenster.

„Ich rufe Dich morgen an.“ rief er noch, blieb dann stehen und winkte mir nach. Ich winkte zurück.

Kaum saß ich ein paar Minuten, da piepte mein Handy. Eine SMS.

„Ich vermisse Dich jetzt schon! Björn“

„Ich vermisse Dich auch schon sehr, aber ich hab mal gehört: Ohne Abschied gibts kein Wiedersehen! Sascha“ schrieb ich zurück und schaute dann unentwegt aus dem Fenster.

Der Schaffner sprach mich an, da ich nicht bemerkt hatte, dass er neben mir stand.

Zuhause fiel ich überglücklich auf mein Sofa. Ich hatte tatsächlich einen festen Freund. Björn ist der, den ich liebe!

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