Ein anderes Leben- Teil 22

So-Woi sah sich den Ausweis des Mannes genauer an, während Jack ihm wieder auf die Beine half. Privatdetektiv? Gefrustet ließ ich meinen Kopf sinken und rieb mir über das Gesicht. Was war in dieser Stadt nur los, dass ständig jemand Interesse an uns zeigte.

„Sagen sie ihrem Auftraggeber, wenn er irgendwelche Fragen an uns hat, soll er uns die gefälligst selbst stellen und uns keinen Schnüffler an den Hals schicken!“, sagte So-Woi und gab ihm seinen Ausweis zurück.

„So-Woi…!“, kam es von Jack, der immer noch des Detektivs Kamera in Händen hielt.

„Was?“

„Schau dir das bitte an…“

Nun doch interessiert, schauten wir nun alle zu Jack. So-Woi Blick fiel auf den kleinen Monitor der Kamera und seine Augen wurden immer größer.

„Lösch sie…!“, befahl So-Woi.

„…aber…“, wand der Detektiv ein, verstummte aber, als ihn So-Woi scharf an sah.

Als Jack wohl fertig war, gab er die Kamera zurück.

„Es ist besser, sie gehen jetzt, bevor ich die Polizei rufe…“, meinte So-Woi, wieder in ruhigeren Ton.

Ohne ein Wort zu sagen, verließ der Mann unseren Raum. Kaum war er verschwunden, tauchte einer der beiden Damen wieder auf.

„Ich möchte bitte zahlen!“, sagte So-Woi.

Die Dame schaute auf unseren Tisch, auf denen immer noch unangerührt, die zwei Platten mit Gebäck standen.

„Ist das Gebäck nicht in Ordnung?“, fragte die Frau verwundert.

„Es tut mir leid, aber uns ist der Appetit vergangen…“

Die Frau verließ den Raum und Jack folgte ihr. Bisher hatte am Tisch sonst niemand etwas gesagt, aber alle schauten gespannt auf So-Woi.

„Es tut mir leid Leute, können wir zurück fahren?“, stellte So-Woi die Frage in den Raum.

Alle nickten und erhoben sich. Hyun-Woo war so freundlich und half mir auf.

Was war auf den Bildern zu sehen, dass ihn so ärgerlich machte? Weil er aber so mies drauf war, wollte ich ihn nicht auch noch fragen. So verließ ich schweigend, wie die anderen den Raum.

Eine halbe Stunde später, saßen wir, wieder im Besitz unserer eigenen Kleidung, im Wagen.

„Was ist?“, fragte Hyun-Woo leise, der neben mir auf der Rückbank saß.

Ich atmete tief durch.

„War wohl eine blöde Idee, einer meiner Wünsche zu erfüllen…, oder?“

„Wieso?“

„… dann hätte dieser… Detektiv nicht die Möglichkeit gehabt, Bilder von uns zu machen.“

„Das vergisst du am besten gleich wieder!“, kam es von vorne.

So-Woi hatte gesprochen und drehte nun den Kopf zu uns.

„Der Typ hat schon länger Bilder von… Jack und auch von mir gemacht, dass war reiner Zufall, dass du ihn bemerkt hast.“

„Von Jack… und dir?“, blabberte ich nach.

„Hauptsächlich von Jack…“

Verwirrt schaute ich zu Hyun-Woo. Wer konnte Interesse an Jack haben? So-Wois Vater fiel mir ein, aber ich verwarf diesen Gedanken schnell wieder. Ich wollte die schlechte Stimmung nicht noch weiter an heizen.

„Wer hat Interesse an Jack?“, fragte Hyun-Woo neben mir.

Ich schaute ihn vorwurfsvoll an.

„Wissen wir nicht…“

„Dein Vater?“.

So-Woi drehte sich wieder weg. Ich rempelte Hyun-Woo an.

„Was denn?“

Leicht verärgert schaute ich ihn an, sagte aber nichts. Die restliche Fahrt wurde nichts mehr gesprochen. Erst als Jack ans Tor fuhr und seinen Namen sagte, regten sich die anderen und richteten sich fürs Aussteigen.

Am Haus angekommen, begannen wir wortlos auszusteigen, bis ich bemerkte, dass So-Woi und sein Lebensgefährte sitzen blieben. Jack wandte sich zu Hyun-Woo.

„Wartet nicht auf uns, es könnte länger dauern.“

Ohne uns ein Blickes zu würdigen, gab er Gas und fuhr den Weg zurück.

„Was war das denn?“, fragte Jae-Joong.

Während Juen mit den Schultern zuckte, schauten wir anderen ratlos drein.

„Hat jemand Hunger?“, unterbrach mein Schatz die Stille.

Schüchtern begann Soo-Ri zu nicken. Hyun-Woo legte seinen Arm um ihn.

„Dann lass uns mal rein gehen und etwas kochen!“

„Ko… kochen? Ich?“

„Ja, du Soo-Ri“, grinste Hyun-Woo und zog ihn ins Haus.

*-*-*

Im Gedanken bei So-Woi und Jack hatte ich mich umgezogen. Danach lief ich wieder hinunter in den Wohnbereich. Wie schon angekündigt, standen Hyun-Woo und Soo-Ri in der kleinen Küche und waren am werkeln.

„Das schneidest du jetzt vorsichtig klein… und pass auf deine Finger auf!“, hörte ich meinen Schatz sagen, als ich die letzte Stufe erreicht hatte.

„So…?“

„Ja, genau und danach verteilst du es in die Schüsseln.“

Auch wenn noch nichts auf der Gasflamme stand, durchzog den Wohnbereich einen herrlichen Duft. Hyun-Woos Mutter, Hae-Soon, war wirklich eine spitze Köchin. Alles was sie für uns bis jetzt zubereitet hatte, schmeckte einfach genial.

Ich entschloss mich auf Juen und Jae-Joong zu warten und ließ mich in einer der Sessel nieder.

„Hyun-Woo…, darf ich dich etwas fragen?“, hörte ich Soo-Ris schüchterne Stimme.

Interessiert drehte ich den Kopf zu den beiden.

„Klar darfst du…, ich beiße nicht.“

„Ähm…, wie merkt man… ähm…, ob man… schwul ist?“

Die letzten Worte von Soo-Ri waren fast geflüstert.

„Boah…, schwere Frage. Ich kann sie dir nicht mal richtig beantworten. Für mich war das früher kein Thema…“

„Aber…, aber du bist doch mit Lucas zusammen.“

Hyun-Woo hielt mit dem Schneiden inne.

„Ja, aber Lucas ist auch ein spezieller Mensch! Vor Lucas habe ich mir nie darüber Gedanken gemacht, ob ich eine Freundin wollte, oder gar einen Freund. Meine Arbeit war mir wichtiger und ich war auch voll damit ausgelastet.“

„Das änderte sich mit Lucas?“

„Anfänglich nicht, die Arbeit für Lucas änderte mein Arbeitsfeld und erst, als ich Lucas kennen lernte und er mir eine neue Sichtweise über das Leben zeigte…, begann ihn immer mehr zu mögen und irgendwann kam die Frage auf, bin ich jetzt schwul, weil ich Lucas so sehr mag.“

Still hörte ich zu, wollte dieses Gespräch nicht unterbrechen.

„Und hast du eine Antwort gefunden?“

„Auch da muss ich dich enttäuschen. Wenn ich Lucas nicht kennen gelernt hätte, wer weiß, was dann passiert wäre, aber das vergisst du ganz schnell wieder. Was – Wenn sind zwei Worte, die nicht gut fürs Gemüt sind, auch etwas was ich von Lucas gelernt habe.“

„Man… muss also nicht schwul sein… um einen anderen Mann zu mögen?“

„Ja. Es ist schlicht weg egal. Es ist dein Herz, dass sich entscheidest, wen du magst, oder sogar liebst.“

Mein Blick wanderte kurz zu Soo-Ri. Sein Gesicht sprach Bände. Angestrengt schaute er ins Leere, sein Denkapparat schien auf Hochtouren zu laufen.

„Darf ich fragen, warum du das wissen möchtest?“

Soo-Ri schaute meinen Schatz mit großen Augen an. Hyun-Woo lächelte, so wie ich auch.

„Soo-Ri, du brauchst mir diese Frage nicht beantworten, ich war einfach nur neugierig, entschuldige.“

Sein Sekretär hielt die Hände nach oben, um mit ihnen abwehrend zu wedeln.

„Du… du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Hyun-Woo. Du und Lucas habt mir in den letzten Wochen so sehr geholfen…, ich wüsste nicht…, was ich ohne euch gemacht hätte…“

Traurig schaute er vor sich, auf die Arbeitsplatte. Hyun-Woo legte seine Hand auf Soo-Ris Schulter.

„Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich etwas gefunden habe, was mir Spaß macht, mir Freude bringt. Durch euch hat sich so viel bei mir geändert, auch wenn ich euer Vertrauen missbraucht habe.“

Ich wollte schon etwas sagen, aber Soo-Ri redete einfach weiter.

„Aber Lucas und du habt mir eine zweite Chance gegeben, den Traum, den ich habe, weiter zu leben, sorgenfrei und zufrieden in die Zukunft schauen zu können. Ihr zwei gebt mir die Möglichkeit, mich selbst zu finden und neue Ideen auszuprobieren.“

Ich stellte fest, dass mich das sehr rührte, meine Augen wurden feucht und ich begann zu blinzeln.

„Da solltest du dich hauptsächlich bei Lucas bedanken, Soo-Ri. Wie schon gesagt, er war es, der meine Sichtweise geändert hat. Das traditionelle Denken, über unsere koreanischen Gepflogenheiten kann richtig sein, aber auch falsch.“

Eine einzelne Träne kullerte über meine Wange.

„Hätte ich nach meiner alten Sichtweise gehandelt, wärst du deinen Job los und schutzlos deinen Peiniger ausgeliefert. Aber ich wäre auch nie mit  Lucas zusammen gekommen. Er dagegen hat mir von Anfang an klar gemacht, dass er nicht über mir steht, sondern auf gleicher Stufe und so denke ich nun auch.“

Ich war irgendwie stolz auf meinen Schatz.

„So habe ich auch bei dir gedacht. Es ist schwer, sich von dieser alten Denkweise zu lösen, besonders, weil es Dinge gibt, an denen ich festhalten möchte. Ich liebe Lucas sehr und will auch weiterhin versuchen, ihm jeden Wunsch zu erfüllen und ihn beschützen, soweit es in meiner Macht seht!“

Oh Gott, bei solchen Liebeserklärungen blieb doch kein Auge trocken. Ich rutsche im Sessel  tiefer und versuchte mein Gesicht zu verbergen.

„Lucas?“

Ich schaute nicht auf. Plötzlich spürte ich eine Hand an meinem Kinn, dass es hoch zog.

„Was ist mir dir?“, fragte Hyun-Woo, dem ich jetzt direkt in die Augen schaute.

Ohne etwas zu sagen, standen ich auf und umarmte ihn.

„Ich liebe dich auch…“, war alles, was ich hervor brachte.

„Ähm…, ich habe Juen am Strand gesagt, dass ich ihn mag…“

Ich löste die Umarmung und wie Hyun-Woo schaute auch ich wieder zu Soo-Ri.

„… auch wenn ich mich bisher für Frauen interessiert habe und sämtliche Berührungen von anderen Männer widerwärtig und scheußlich fand…, bei Juen ist es anders. Bei ihm fühl ich mich wohl und geborgen, wenn er mich in den Arm nimmt…, oder meine Hand hält.“

„Hast du deswegen Hyun-Woo gefragt, ob du vielleicht schwul sein könntest?“

Soo-Ri nickte. Klar kommt dieser Gedanke auf, wenn plötzlich die eigene Gefühlswelt verrücktspielt, insbesondere in Soo-Ris Situation.

Es sind zwar erst ein paar Tage, seit ich mit Juen zusammen lebe, aber ich fühle mich besser. Plötzlich tut sich vor mir eine Welt auf, die ich bis dato noch nie kennen gelernt habe. Die Gefühle…, die sich in mir regen, hätte ich nie für möglich gehalten, Mit euch zusammen zu sein, tu sein übriges…“

Hyun-Woo war wieder an die Theke getreten und ich setzte mich zu den beiden. Ein Gedanke kam in mir auf und fragte mich, ob es recht war, meinen beiden gegenüber es mitzuteilen.

„Ich weiß nicht, ob es recht ist…, wenn ich das jetzt sage…“

„Bisher hast du auch kein Blatt vor den Mund genommen“, grinste mich Hyun-Woo an.

Ich schaute wieder zu Soo-Ri, der gerade sein Schneidebrett sauber machte.

„Soo-Ri, du hast von der Zukunft geredet und ich habe schon oft deinen sehnsüchtigen Blick bemerkt, wenn ich Hyun-Woo in den Arm nehme und küsse…“

„Entschuldige Lucas, dass…“

„Halt! Dafür braucht du dich sicherlich nicht entschuldigen“, fiel ich ihm ins Wort, „ich dachte nur gerade, ob es dein Wunsch ist, mit Juen intimer zu werden und dich der Zweifel plagt, ob du nicht in Panik verfällst, wegen deiner Vergangenheit…, falls Juen weiter gehen würde…“

Stumm schaute Soo-Ri zwischen uns beiden hin und her. Die Leuchtkraft seines geröteten Gesichtes, war enorm. Sein Blick wanderte wieder verschüchtert nach unten.

„Kannst… kannst du Gedanken lesen?“, fragte mich Hyun-Woos Sekretär.

Lächelnd schüttelte ich den Kopf.

„Ich kann nur erahnen, was … leider in deinem Kopf vorgeht.“

Soo-Ri nickte langsam.

„… du hast recht…, ich habe mich gefragt, was passiert, wenn es soweit kommen würde, aber…“

„Aber?“

„Das ist auch Wunschdenken. Ich weiß das Juen Frauen mag, ich merke es immer wieder, wie er schönen Frauen hinterher sieht.“

„Dafür, dass er auf Frauen steht, hat er vorhin aber sehr positiv auf dein Geständnis reagiert!“ „ Warum Wunschdenken?“

Unsere Köpfe flogen herum und schauten zur Treppe, denn dort stand der Fragesteller, Juen. Die Blicke von uns,  folgten ihm die Treppe hinunter, bis er neben mir zum stehen kam und seine Hand auf meine Schulter legte.

„Verzeiht, wenn ich eure Unterhaltung ungewollt mitgehört habe. Aber die Frage, ob ich mich in einen Mann verlieben könnte, stellt sich automatisch, wenn man mit denen beiden ständig zusammenhängt.“

Er schaute dabei Hyun-Woo und mich an. Mein Schatz tat ganz unschuldig, als könnte er kein Wässerchen trüben, ich musste grinsen.

„Durch Lucas habe ich gelernt, dass es eigentlich egal ist, wen man liebt, Hauptsache diese Liebe ist echt und wird als solche auch erwidert.“

„Hört, hört!“, sprach Hyun-Woo leise, ohne aufzuschauen.

„W… wieso?“, stammelte Soo-Ri.

„Wieso was?“, fragte Juen.

„Du… du sagtest, die Frage stellt sich automatisch…“

Juen nahm neben mir Platz.

„Soo-Ri, wie du vielleicht mitbekommen hast, habe ich durch familiäre Umstände nie richtig Freunde gehabt, geschweige denn eine Freundin. Und dann kommt noch dieser Deutsche und stellt meine Denkweise auf dem Kopf!“

„Eh!“, meinte ich und stubste ihn in die Seite.

Wie sich das anhört, aber er grinste mich nur an.

„Soll es dir besser gehen, als mir?“, beschwerte sich Hyun-Woo, im gespielt empörten Ton.

„Was gibt das hier? Lucas macht alle Männer schwul?“, meckerte ich nun meinerseits.

Hyun-Woo fing an zu kichern und auch Soo-Ri fing Lippen formten sich zu einem Grinsen.

„Man könnte fast zu dieser Annahme kommen, mein Lieber“, meinte Hyun-Woo.

Dazu äußerte ich nichts weiter. Juen wandte sich wieder zu Soo-Ri, dessen Lächeln sofort wieder verschwand.

„Soo-Ri, ich mag dich sehr und ich kann dir nicht sagen, was in der Zukunft passiert. Aber ich gebe auch offen und ehrlich zu, dass ich die Zeit mit dir gemeinsam sehr genieße und… mir vorstellen könnte, mein weiteres Leben mit dir an meiner Seite zu verbringen.“

Wow, jetzt war ich sogar platt, von Soo-Ri ganz zu schweigen. Seine Augen weit aufgerissen, man hätte fast Angst bekommen können, dass sie gleich heraus fielen. Mein Schatz richtete unbeirrt das Essen weiter, aber er lächelte breit.

Soo-Ris Hand wanderte zaghaft Richtung Juen und blieb auf dessen Hand ruhen.

„Das… das meinst du wirklich ernst?“

„Ja Soo-Ri, das kommt von meinem Herzen!“

Um das wohl zu bestätigen, führte er Soo-Ris Hand zu seiner Brust und drückte sie fest an diese. Soo-Ri atmete tief durch. Ich fand das jetzt irgendwie goldig und hätte am liebsten meinen Schatz in die Arme genommen.

„Aber etwas ganz anderes“, redete Juen weiter, „was ist mit So-Woi und Jack? Ich weiß nur, dass sie seit unserer Rückkehr bei So-Wois Grandma sind.

Aus und vorbei war die Romantik, aber Juen hatte Soo-Ris Hand nicht losgelassen.

„Wenn ich das mal wüsste“, meinte ich.

„Jemand zeigt sehr starkes Interesse an Jack“, kam es leise von Hyun-Woo.

„An Jack?“, sagten Juen und ich gleichzeitig.

Mein Schatz nickte und machte sich am Reiskocher zu schaffen, der durch einen Summton bestätigte, dass sein Inhalt fertig gegart war. Dass er nicht mit So-Wois und Jacks erscheinen rechnete, sah ich daran, dass neben ihm nur fünf Reisschüsseln standen.

„Was ist an Jack so besonderes, das man ihn beschatten lässt?“, fragte Juen.

Vorwurfsvoll schaute ich ihn an.

„Sorry Lucas, du weißt wie ich das meine!“

„Wie meinst du das?“, fragte Soo-Ri leise.

„Für Lucas ist jeder etwas Besonderes… auch du!“, lächelte Juen ihn an.

„Er ist der Bodyguard und rein zufällig auch noch der Lebenspartner von So-Woi, einer der oberen Reichen in Seoul, genügt das nicht?“, fragte Hyun-Woo und stellte die zwei ersten Reisschüsseln auf die Theke, „und nach den Zeitungsberichten über uns, ist das auch kein Geheimnis mehr!“

Es hatte sich in keiner Weise vorwurfsvoll angehört.

„Wer es ist, weißt du nicht zu fällig?“, fragte Juen weiter.

„Nein“, antwortete mein Schatz.

„Und den Namen des Detektivs haben wir natürlich auch nicht, sonst könnte ich Informationen über diesen Herrn einziehen.“

„Ich bin mir sicher, dass hat So-Woi bereits gemacht, du vergisst, er hatte den Ausweis des Detektivs in der Hand, aber ich weiß nicht, ob dies ausreichend gewünschte Informationen über den Auftraggeber bringt“, sagte Hyun-Woo.

„Zudem bin ich mir sicher, dass es Onkel Min-Chul nicht gefällt, wenn du ohne große Begründung über eine beliebige Person Erkundungen einziehst.“

„Da muss ich Lucas Recht geben…, komm essen wir, bevor es kalt wird“, meinte Hyun-Woo.

*-*-*

Erst am Abend ließen sich Jack und So-Woi wieder blicken. Hyun-Woo hatte den Tischgrill auf der Terrasse angeworfen und so saßen wir in trauter Runde um den Grill herum. Keiner von uns sagte etwas.

So-Wois Gesicht ließ darauf schließen, dass der Tag für sie beide nicht sehr erfreulich war. Aber wie ich, wollte auch niemand nach fragen. So sah ich zu, wie mein Schatz, sein erstes Salatblatt mit den Leckereien auf dem Tisch belud.

„Hast du keinen Hunger?“, fragte Hyun-Woo.

Total in meinen Gedanken versunken, hatte ich ganz vergessen, ebenso mit dem Essen zu beginnen.

„Entschuldige…“, meinte ich nur und schnappte mir das erste Salatblatt.

Die anderen taten es mir gleich, bis auf Jack, der uns alle anschaute und dann wieder zu So-Woi.

„Es…, es tut mir leid, dass ich euch so viele Unannehmlichkeiten bringe“, sagte plötzlich Jack.

„Jack… bitte!“, erwiderte So-Woi darauf.

„Wieso? Der Schnüffler hat uns den Mittag ruiniert, nicht du.“

Jae-Joong konnte wirklich ein Trampel sein, auch wenn er mit seiner Äußerung Recht hatte. Vorwurfsvoll schaute ich ihn an, worauf er die Hände hob und mit seinem Mund, tonlos ein was formte.

Ich winkte ab und widmete mich wieder dem Essen. Aber die Stimmung änderte sich nicht.

„Leute, ich könnte jetzt böse sein und sagen, es freut mich, dass dieses Mal nicht ich die Zielscheibe bin, aber falls es Jack gilt, bring ich jetzt den gleichen Spruch, den ich von euch in der Vergangenheit immer zu hören bekam.“

Alle sahen mich fragend an.

„Egal was kommt, wir stehen das gemeinsam durch, niemand muss das alleine ertragen.“

„Das ist lieb gemeint Lucas, aber dieses Mal gestaltet es sich etwas anders…“, sagte So-Woi.

Ich verstand nicht, was er damit meinte.

„Jack ist mein Freund, Lebensretter… Familie, nenne es wie du willst, So-Woi, egal wer es auf Jack abgesehen…, Jack kann immer auf mich zählen! Auch wenn meine Mittel etwas mehr eingeschränkt sind, als eure.“

„Es ist jemand aus Jacks Familie, der nach ihm forschen lässt…“

„Aber…“, begann ich verwirrt, „…hat Jack nicht erzählt, dass es niemand mehr gibt…?“, wollte ich wissen.

„Es ist mein Onkel“, meldete sich nun Jack zu Wort, „der Bruder meiner Mutter, den es vorgezogen hat, die Familie im Stich zu lassen, um ein besseres Leben zu führen… Nachdem irgendwann der Kontakt komplett abgebrochen ist, haben meine Eltern ihn für Tod gehalten.“

„Und warum taucht der plötzlich auf?“, fragte ich leicht angepisst.

„… weiß ich nicht…“, kam es leise von Jack.

Hyun-Woo legte seine Hand auf meinen Arm, ich war wohl etwas laut geworden.

„Tut mir leid, Jack. Ich weiß, wie wichtig hier die Familie ist, das habe ich in den letzen Monaten reichlich zu spüren bekommen.“

Jack sagte nichts darauf, sah mich nur traurig an.

„Man kann also nicht sagen, dein Onkel hat alle seine Rechte verloren, weil er die Familie im Stich gelassen hat.“

„Nein, so einfach kann man das nicht sagen“, meldete sich So-Woi zu Wort, „aber wenn er es auf Jacks Geld abgesehen hat, darauf hat er kein Anspruch!“

„Geld?“, rutschte es mir heraus und bereute meine Neugier sofort.

Aber ich konnte in den Gesichtern der anderen sehen, dass sie mindestens genauso neugierig waren wie ich.

„Jack ist seit ich denken kann, So-Wois Bodyguard und jetzt auch Sicherheitschef unserer Firma. Er bekommt genauso Gehalt, wie alle anderen auch“, erklärte Hyun-Woo neben mir.

„Und dieses Goldstück kann richtig geizig sein“, grinste So-Woi fies.

Nun lächelte auch Jack ein wenig.

„Du willst also sagen, er sieht nicht nur gut aus, sondern ist auch eine gute Partie!“, meinte Jae-Joong süffisant und lehnte sich etwas zu Jack.

Jack schaute ihn entsetzt an und drückte Jae-Joong von sich weg. Alle fingen an zu kichern.

„Finger weg, das ist meiner!“, sagte So-Woi und zog Jack auf seine Seite, auf alle Fälle probierte er es, denn sein Bodyguard bewegte sich nicht vom Platz.

„Bin ich froh, dass ich keine Reichtümer habe“, kam es nun von Juen.

„Meinst du wirklich, es geht um das Geld“, fragte Soo-Ri leise.

„Wie gesagt, wir wissen nicht, was Jacks Onkel will“, meinte So-Woi und nahm seinen Teller in die Hand.

*-*-*

Ich ließ mich aufs Sofa Fallen, als wir wieder in unserer Wohnung waren. Am Sonntagmorgen, war irgendwie die Luft raus und man entschied sich, früher nach Seoul zurück zu kehren.

„Bist du noch müde?“, fragte Hyun-Woo, der unsere Tasche ins Schafzimmer trug.

„Nein, mir brummt der Schädel…“

Sofort hatte ich Hyun-Woos volle Aufmerksamkeit.

„Aber du hast doch gestern Abend nicht viel getrunken“, meinte er und lief zu unserer Küchenzeile.

Ich hörte eine Schranktür, dann kurz Wasserrauschen und wenige Sekunden später stand Hyun-Woo wieder neben mir.

„Hier nimm!“

Ich hob den Kopf und sah, dass mir mein Schatz ein Glas Wasser und eine Tablette entgegen hielt.

„Danke…“, meinte ich nur, nahm das Ding entgegen, schluckte es artig und spülte mit dem Wasser nach.

„Willst du dich ins Bett legen?“

„Nein, ich will in deiner Nähe bleiben.“

Hyun-Woo grinste breit.

„Wenn du mich kurz entbehren kannst, denn ich will noch unsere Tasche ausräumen.“

„Aber grad so…!“, grinste ich, auch wenn es in meinem Kopf hämmerte.

Hyun-Woo beugte sich vor, gab mir einen Kuss auf die Stirn und war wenig später im Schlafzimmer verschwunden. Ich dagegen ließ mich wieder ins Kissen fallen, während ich ihm nach schaute.

Mein Blick wanderte weiter und blieb an dem Loch in der Decke hängen, welches mittlerweile eine Wendeltreppe zierte, welche So-Wois und Hyun-Woos Wohnung verband. Man sollte eigentlich meinen, dass man von oben mehr hörte sollte, aber nichts drang nach unten.

Dafür zuckte ich ordentlich zusammen, als gerade an diesem Loch nackte Füße erschienen, sprich, jemand die Treppe herunter kamen. Die Füße gehörten zu So-Woi, der wenig später in voller Größe den letzten Ring der Wendeltreppe umrundete.

Er war schon umgezogen, hatte seine Straßenklamotten gegen Shorts und großem Hemd eingetauscht. Aber nicht das zog meine Aufmerksamkeit auf ihn, sondern sein trauriges Gesicht, machte mir Sorgen.

Mühevoll richtete ich mich auf und versuchte einigermaßen anständig hinzusetzten.

„Was ist?“, fragte ich.

So-Woi antwortet nicht sofort, sondern ließ sich direkt neben mir fallen. Diese Erschütterung der Couch, wurde von meinem Kopf sofort registriert, ich verzog etwas das Gesicht.

„Jack telefoniert mit seinem Onkel…“, antwortete So-Woi leise.

Mit großen Augen schaute ich ihn an. Mein Arm wanderte über seine Schulter und er kuschelte sich sofort an mich.

„Ähm, warum bist du dann hier? Willst du nicht wissen, was sein Onkel will…?“

„Jack hat mich mithören lassen… und ich habe genug gehört…“, meinte er leicht säuerlich.

Eine Träne lief über seine Wange.

„Eh, nicht doch…“, meinte ich, drückte ihn noch mehr an mich, „… so schlimm?“

„Er besteht darauf, dass Jack das Geschäft seines Onkels übernimmt…“

„Bitte, … was für ein Geschäft?“

„Das habe ich nicht richtig verstanden…, irgendetwas mit Elektronik.“

„Tut mir leid, So-Woi, das ist mir zu hoch. Wie kann Jacks Onkel verlangen, dass dein Schatz etwas tut, mit dem er absolut nichts am Hut hat…? Und komm mir jetzt nicht mit Familie und diesem Ehrung der Älteren Gedöns! Wie schon gesagt, er hat alle Rechte an der Familie verloren, das ist meine Meinung!“

„Du weißt wie Jack tickt…“

„Ja, ich weiß wie Jack tickt, hast du aber so wenig Vertrauen in deinen Freund?“

So-Woi drehte den Kopf leicht und schaute mich mit glasigen Augen an. Hyun-Woo und Jack kamen fast gleichzeitig ins Wohnzimmer, nur das Jack ebenso wie So-Woi die Wendeltreppe herunter kam, während mein Schatz gerade das Schlafzimmer verließ. Er blieb kurz stehen und sah uns beide an, dann wanderte sein Blick zu Jack.

„Ist irgendetwas geschehen?“, wollte mein Schatz wissen.

„Mein Onkel hat angerufen und er will, dass ich sein Geschäft übernehme.“

„Warum das auf einmal?“

„Da bin selbst ich überfragt!“, antwortete Jack und zuckte mit den Schultern.

Er war mittlerweile ans Sofa getreten und schaute zu So-Woi. Er breitete die Arme aus und blieb so stehen. Nur zögerlich setzte sich So-Woi in Bewegung, so dass ich ihn von mir wegdrücken musste.

Er fiel Jack in die Arme und vergrub sein Gesicht in dessen Brust. Hyun-Woo sah mich fragend an, bevor er bei mir Platz nahm.

„So-Woi hör mir zu. Egal was mein Onkel will, ich werde nicht auf seine Forderungen eingehen. Ich gehöre zu dir und ich habe einen Job, worüber ich sehr glücklich bin!“

Leicht angetan, über diese kleine Liebeserklärung, lehnte ich mich gegen Hyun-Woo.

„Das wollte Jacks Onkel?“, flüsterte ich Hyun-Woo zu.

Er nickte verstehend.

„Deine Kopfschmerzen besser?“, kam es leise zurück.

Sie waren zwar noch da, aber auch irgendwie in den Hintergrund gerückt.

„Etwas…“

„Willst du dich nicht doch lieber hinlegen?“

„Es geht… kein Problem, will einfach nur in deiner Nähe sein.“

„Ähm…, wenn wir stören, gehen wir wieder hinauf“, sagte Jack plötzlich, der wohl unsere kleine Unterhaltung mitbekommen hat.

„Nein bleibt ruhig, das bringt mir Abwechslung und andere Gedanken.“

„Der Grund deiner Gedanken steht neben dir“, meinte Hyun-Woo tonlos.

Ich drehte meinen Kopf zu ihm und schaute ihn schief an.

„Lieber Schatz, die Sache mit Jack belastet mich sicherlich nicht! Gut, ich ärgere mich vielleicht darüber, aber es macht mir nicht zu schaffen.“

„Aber du denkst darüber nach…“

Ich setzte mich nun auf und drehte mich ganz zu Hyun-Woo.

„… ihr zwei setzt euch bitte…, das betrifft uns alle.“

So-Woi atmete tief durch und löste sich langsam von Jack. Beide setzten sich auf das andere Sofa, wo sich So-Woi aber nicht nehmen ließ, sich gleich wieder in Jacks Arm zu kuscheln.

„Ich weiß  nicht, zum wievielten Male ich mich nun wiederhole …, es sind so viele Dinge passiert, seit ich hier bin und ja ich weiß auch, dass ich nicht daran schuld bin. Aber es kamen Menschen zu Schaden, oder sind sogar gestorben.“

Keiner der drei unterbrach mich.

„Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, aber ich weiß, dass ich Zeit brauche, all dies, was geschehen ist,  zu verarbeiten. Von heut auf morgen ist so etwas keinem möglich. Für eure Hilfe dafür, bin ich sehr, sehr dankbar, bitte euch aber auch, mich nicht in Watte zu packen.“

Hyun-Woo lächelte etwas.

„Wie Papa sagte, ich stehe mit beiden Füßen mitten im Leben und soll mir genau überlegen, was ich wie machen möchte und ich denke, mit eurer Hilfe werde ich das auch hinkriegen. Ich kann nicht ändern wie ich bin, möchte es auch nicht, außer vielleicht etwas mehr über meine Handlungen nach zudenken.“

„Kriegst du eh nicht fertig“, meinte So-Woi und die anderen beiden nickten.

„Ich kann es immerhin versuchen…“

Nun lächelten alle drei.

„Ich hoffe, hiermit ist das Thema gegessen. Versuchen wir alle einfach nach vorne zu schauen und wenn Probleme auftauchen“, ich schaute zu Jack, „die gemeinsam zu lösen!“

*-*-*

Ich hatte verschlafen an diesem Montagmorgen und hatte Hyun-Woo leider verpasst. Traurig befreite ich mich von meiner Decke und richtete mich auf. Warum hatte er mich eigentlich nicht geweckt?

Es war schon wie ein vertrautes Ritual, morgens den Tag, mit einem gemeinsamen Frühstück zu beginnen, egal wie früh ich dafür aufstehen musste. Ein Geräusch drang an mein Ohr und meine Gedanken wichen der Neugier.

Schnell war ich in meine Latschen gerutscht und bewegte mich zur Zimmertür. Gut gestern war es spät geworden, auch etwas, dass hier Einzug gehalten hatte, seit es die Wendeltreppe zu So-Wois Wohnung gab.

Man traf sich zum oder nach dem Abendessen in einer der Wohnungen und saß gemütlich beisammen.

„He, du bist schon wach?“, hörte ich Hyun-Woo sagen, als ich ins Wohnzimmer trat.

Mein Blick fiel auf die Uhr, weil ich dachte, es wäre viel später und mein Schatz schon lange

auf der Arbeit. Hyun-Woo folgte meinem Blick und schaute dann wieder zu mir.

„Was ist los?“

Ich schlurfte noch müde an die Küchentheke und setzte mich.

„Warum bist du noch hier?“, fragte ich verwirrt.

Er umrundete die Theke.

„Auch guten Morgen“, grinste er und legte seine Arme um mich.

Mit großen Augen schaute ich ihn an.

„Kann es sein, dass du gestern Abend doch zu viel von So-Wois Rotwein getrunken hast und jetzt … etwas verwirrt bist?“

Ich nickte ihm zu. Er gab mir einen Kuss auf die Nase und ließ mich wieder los,

„Du hast wohl vergessen, dass ich mir für heute noch frei genommen habe, weil wir einiges vorhaben.“

Angestrengt dachte ich nach, während meine Augen ihm zurück hinter die Theke folgten.

„Ähm…, wir wollten zum Campus…, glaub ich, wenn ich mich recht erinnere.“

Vor mir wurde ein dampfende Tasse Kaffee abgestellt.

„Und?“

„Und was?“, fragte ich verwundert

„Dein Vater hat gestern angerufen…“

Ungläubig schaute ich ihn an. Hatte ich wirklich so viel getrunken, dass ich ein totales Blackout hatte?

„Mein Vater?“

Hyun-Woo schüttelte lächelnd den Kopf.

„Ja, er wollte uns nur informieren, dass heute am späten Mittag, deine Sachen am Flughafen eintreffen. Jack erklärte sich gleich bereit, uns mit dem Firmentransporter behilflich zu sein und So-Woi wollte es sich nicht nehmen lassen, uns zu begleiten.“

So langsam kam die Erinnerung an den gestrigen Abend zurück. Ich kratzte mich am Hinterkopf und schaute verlegen meinen Schatz an.

„Sorry, irgendwie ist da in den Weiten meiner Gehirnwindungen verloren gegangen.“

Hyun-Woo füllte meine Schale mit Reis und stellte sie neben die Gemüsesuppe.

„Dann hat die Chefetage heute wohl frei…“, sprach ich weiter und nahm meinen Löffel.

„Wieso? So-Woi und Jack sind schon lange im Büro, sie fahren heute Mittag von dort zum Flughafen und treffen sich dort dann mit uns.“

„Boah, wie viel Rotwein habe ich denn getrunken? Ich weiß ja wirklich nichts mehr.“

„Nicht sehr viel, aber du hattest wenig gegessen und warst zudem noch müde. Der Rotwein hat den Rest besorgt. Du bist eingeschlafen, um die Frage, ob du einen Blackout hast, zu beantworten. Du hast alles verschlafen! Und entschuldige im Nachhinein, dass ich einfach an dein Handy gegangen bin.“

„Dafür brauchst du dich nicht entschuldigen, damit habe ich keine Probleme. Hat er sonst noch etwas gesagt?“

„Dein Vater?“

Ich nickte.

„Er war angenehm überrascht, dass du schon geschlafen hast und ich  soll dich übrigens ganz lieb grüßen.“

Hyun-Woo setzte sich neben mich und begann zu essen.

„Ähm danke.“

Wie ich in mein Bett gekommen bin brauchte ich nicht fragen, dass hatte ich sicherlich meinem starken Freund zu verdanken. Ich nahm etwas Reis, tunkte ihn in die Suppe, bevor ich den Löffel gedankenverloren in den Mund steckte.

„Möchtest du noch etwas anderes machen? Ich denke die Uni wird nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen.“

Gute Frage, wenn wir schon in der Stadt waren. Ich grinste Hyun-Woo treu doof an.

„Du weißt doch, ich kenne mich nicht so gut aus und…“

„… willst mich wieder maßlos als Stadtführer missbrauchen“, fiel mir Hyun-Woo ins Wort.

„Hab ich dich je missbraucht?“

Eine weiße Zahnreihe grinste mir entgegen.

„Hm… ich würde vorschlagen, nach der Uni vielleicht etwas essen zu gehen und danach wird uns schon etwas einfallen, bis wir zum Flughafen müssen. Seoul ist ja nicht gerade klein. Aber wie du weißt, ich vertrau dir da voll und ganz.“

Nach dem Frühstück stellte ich mich erst einmal unter die Dusche, denn so konnte ich nicht vor die Tür, schon gar nicht, wenn wir später in die Uni fuhren, um unsere ersten Fühler aus zu strecken.

Etwas später und fertig angezogen, kam ich wieder ins Wohnzimmer, wo Hyun-Woo gerade ein Gespräch wegdrückte. Ungewöhnlich war, dass um diese Zeit der Fernseh lief, auf dessen Blick Hyun-Woo fiel.

„Was ist?“, fragte ich und schaute automatisch ebenso auf den Bildschirm.

Hyun-Woo antwortete nicht gleich, sondern hörte dem Nachrichtensprecher zu. Er erklärte gerade, das eine junge Frau in Incheon unter Quarantäne gestellt.

„Du sagtest, der Virus ist doch 1400 Kilometer entfernt…, jetzt sind es nur noch dreißig Kilometer.“

„Bitte?“

„Nach Japan und Thailand ist nun auch bei uns der erste Fall aufgetreten und zwar in Incheon, das nur ca. dreißig Kilometer von uns entfernt liegt“, antwortete Hyun-Woo besorgt.

„Die junge Frau von der gerade gesprochen wurde?“

„Ja, sie hat sich wohl in Wuhan angesteckt?“

„Und was macht dieser Virus?“

„Es soll eine Art Lungenkrankheit sein, an der in Wuhan schon drei Menschen gestorben sind.“

Entsetzt schaute ich im Wechsel zwischen Hyun-Woo und dem TV Teil hin und her.

„Ich habe eben beim Sicherheitsdienst angerufen, dass sie für uns Masken besorgen sollen.“

„Was meinst du mit Masken?“

„Du hast es sicher schon ein paar Mal gesehen, dass einige Menschen hier Mundschutz tragen. Es kann nicht schaden vorsichtig zu sein.“

„Sollen wir das mit der Uni dann bleiben lassen?“, fragte ich leicht ängstlich.

„Nein mein Schatz, ich will nur gewappnet sein, falls es schlimmer werden sollte.“

*-*-*

So ganz beruhigt war ich dennoch nicht. Still saß ich neben Hyun-Woo im Wagen und ertappte mich dabei, wie ich die Leute auf den Gehwegen beobachtete. Trugen hier schon mehrere Leute Mundschutz, oder bildete ich mir das nur ein.

„Hast du deine Unterlagen parat, wir sind gleich da“, riss mich Hyun-Woo aus den Gedanken.

„Ähm, ja hier, alles in meiner Tasche.“

Das Unigelände kam in Sicht und ich konnte schon das große Frontgebäude sehen, dass ich bereits aus dem Internet kannte. Ein achtstöckiger Bau, das mit bunten Platten und den großen Fenstern verziert war.

Hyun-Woo steuerte den nahegelegenen Parkplatz an, wo wir auch gleich fündig wurden. Eine erste Nervosität stellte sich ein.

„Alles klar mit dir, du siehst etwas besorgt aus?“

„Ist man das nicht immer, wenn man etwas Neues beginnt?“

Hyun-Woo lächelte mich an und stieg aus. Ich folgte ihm.

„Wir müssen da hin“, meinte er nur und wiedermal wurde mir bewusst, wie gut vorbereitet Hyun-Woo doch war.

Er hatte sich im Vorfeld natürlich schlau gemacht. So war ich froh, dass nicht alles alleine machen zu müssen. Eine halbe Stunde später, war der Spuk schon wieder vorbei. Versehen, mit vielen Dokumenten, die es hieß, in den nächsten Tagen auszufüllen, stieg ich wieder in den Wagen.

„War doch gar nicht so schlimm“, grinste mich Hyun-Woo neben mir an.

„Danke, dass du dabei warst. Ohne dich wär ich doch etwas aufgeschmissen gewesen.“

„Sag das nicht, du hast das doch wunderbar gemeistert!“

Hyun-Woo startete den Wagen und rollte vom Parkplatz. Ein Mann mit Maske überquerte die Ausfahrt und so waren meine morgigen Gedanken wieder da.

*-*-*

Das Mittagessen war köstlich, aber auch etwas teuer für meinen Geschmack. Wie besprochen, waren wir nun auf dem Weg zum Flughafen. Hatte ich mir den ganzen Morgen keine Gedanken gemacht, so kam nun doch die Frage auf, was mir meine Eltern eingefrachtet hatten.

Außer den wenigen Klamotten, die ich zu Hause ließ, gab es nicht viel in meinem Zimmer, was für mich von großer Bedeutung war. So ging das Rätseln, bis zum Flughafen weiter.

„Du bist so still? Darf ich an deinen Gedankengängen teil haben?“, lockte mich Hyun-Woo in die Realität zurück.

„Ähm, …eigentlich nichts Besonderes, ich frage mich nur, was meine Eltern mir alles schicken, denn so viel besitze ich nun auch nicht.“

„Er sagte etwas, von einem halben Container.“

„Ein halber Container…?“, fragte ich entsetzt.

Mir kam so ein riesiger Container in den Sinn, wie sie an den großen Häfen verladen wurde.

„Ist doch nicht fiel, Du vergisst, ich diese Container für Frachtmaschinen passt nicht sehr fiel hinein.“

Ich fing an zu lachen, worauf mich Hyun-Woo mich fragend anschaute.

„Sorry, ich musste an so einen Container denken, wie sie auf die LKWs verladen werden.“

Mein Schatz grinste nun auch.

„Stimmt, das wäre wirklich viel. Nein, soviel ich weiß haben diese Container ein Volumen von zirka fünf bis neun Quadratmeter, die sind schnell gefüllt.“

Hyun-Woo verließ die Schnellstraßen und bog Richtung Flughafen ab. Am Himmel sah ich eine große Maschine, wie sie gerade zur Landung ansetzte.

„Da gebe ich dir recht, fiel ist das dann nicht und ehrlich gesagt, außer noch ein paar Klamotten… vielleicht meinen PC noch, fällt mir jetzt nichts ein, was sie mir schicken könnten.“

„Lassen wir uns doch einfach überraschen.“

Ich lass auf den großen Hinweisschildern Frachtterminal, denen Hyun-Woo nun folgte. Er verlangsamte das Tempo, weil hier überall LKWs abgestellt waren.

„Weißt du, wo wir hin müssen?“, fragte ich.

„So ungefähr, wir müssen nach unserem Firmenwagen Ausschau halten.“

Sofort wanderten meine Augen über den großen Parkplatz, aber eigentlich war es unmöglich den Wagen der Firma zu entdecken. Zu viele LKWs verdeckten die Sicht und es waren auch jede Menge Transporter in schwarz dabei.

„Da vorne“, kam es plötzlich von Hyun-Woo und ich folgte seinem Fingerzeig.

Aber nicht, dass ich So-Woi ins Sichtfeld bekam, etwas anderes ließ meine Augen groß werden. An der Seite prangte mir mein Gesicht mit den Firmenlogo entgegen.

„Wann hat er denn das gemacht…?“

„Was?“

„Bisher waren eure Fahrzeuge blank und nun ist mein Gesicht drauf.“

Hyun-Woo grinste.

„Ich hoffe, dir ist das Recht, habe lange überlegt, ob ich meine Zustimmung geben soll. Es ist übrigens eine Überraschung von So-Woi für dich, als Dankeschön so zu sagen.“

„Ähm, warum hast du gezögert und für was möchte er sich bei mir bedanken?“

Einen Grund konnte ich nicht finden. Als So-Woi uns bemerkte, begann er zu lächeln und winkte uns zu. Hyun-Woo ließ den Wagen hinter dem Transporter ausrollen. Der Motor war noch nicht aus, da wurde schon meine Tür aufgezogen.

„Hallo ihr beiden“, begrüßte uns So-Woi.

„Hallo“, grüßte ich zurück und stieg aus.

Die übliche Umarmung folgte. Mein Blick wanderte herum und stellte fest, dass eine Person fehlte.

„Wo ist Jack?“

„Schon drinnen, er wollte sich schlau machen“, antwortete mir So-Woi.

„Dann werde ich ihn suchen“, meinte Hyun-Woo hinter mir.

So-Woi hatte mich losgelassen und legte seinen Arm um mich.

„Wir werden dir unauffällig folgen“, meinte er zu meinem Schatz, „Lucas wird sich ja sicher ausweisen müssen.“

„Oh, meine Papiere liegen noch im Wagen“, meinte ich und drehte mich schon Richtung Auto.

„Nein, die sind hier“, sagte mein Schatz und winkte mit meinem Ausweis.

Ich lächelte ihn an und formte ein danke mit dem Mund.

„Oder wir nehmen den Transporter“, grinste ich.

„Den Transporter?“, kam es gleichzeitig von So-Woi und Hyun-Woo.

Mein Gesicht prangte uns entgegen, fast größer, als ich selbst.

„Das ist doch wohl Ausweis genug… und überhaupt, wann wolltest du mir das zeigen?“

Ich zeigte auf mein Portrait, das recht aktuell war und es sah so aus, als wollte ich meinen Finger in meine übergroße Nase bohren.

„Dass?“, So-Woi zeigte nun auch auf die Werbebanner des Wagens, „hat dir Hyun-Woo nichts gesagt?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein, das habe ich eben erst gesehen.“

„Ich dachte… so als kleines Dankeschön, für die viele Dinge, die du schon für mich gemacht hast, auch wenn dein Freund Einwände hatte.“

„Einwände…?“

Ich sah fragend zu Hyun-Woo, während So-Woi breit grinste.

„Er dachte wohl, dann wirst du noch populärer… und die vielen Mädchen…!“

So-Woi Mund verschwand hinter seiner Hand, aber das kichern war trotzdem zu hören. Ich dagegen ging zu meinem Schatz und nahm ihn in den Arm.

„Eifersüchtig?“, fragte ich lächelnd.

Er schüttelte den Kopf.

„Ich möchte nur nicht, dass dir etwas passiert! Der Vorfall auf dem Parkplatz, habe ich noch nicht vergessen.“

„Deine Sorge rührt mich Schatz, aber ich denke schon, dass ich mich wehren kann und wenn nicht, suche ich mir einen Bodyguard, der mich ständig begleitet.“

Wie aufs Stichwort kam Jack ins Blickfeld.

„Wo bleibt ihr denn, man fragt nach dem Eigentümer“, rief er uns zu.

*-*-*

Das Hauspersonal hatte uns geholfen, alles hochzutragen. Nun standen mitten im Wohnzimmer neben mehreren Kartons, wie schon vermutet mein PC inklusive Monitor, natürlich alles schön verpackt.

Jetzt war es doch gut, dass meine Mutter alle Kartons, der Dinge die wir kauften aufhob, auch wenn das auf dem Speicher unheimlich viel Platz wegnahm.

„Was ist das?“, fragte Hyun-Woo und zeigte auf den größten aller Kartons.

„Da bin ich ehrlich gesagt überfragt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Papa irgendein Möbelstück von mir eingepackt hat. Das hat irgendwie alles noch Kinderzimmercharakter, wenn du weißt was ich meine.“

Hyun-Woo grinste mich breit an.

„Dann machen wir das doch zuerst auf!“, meinte ich und nahm das scharfe Messer, das mein Schatz irgendwo her gezaubert hatte.

Schnell waren die Klebestreifen zerschnitten und ungeduldig öffnete ich den Karton.

„Ich glaube es nicht“, sagte ich, als ich sah, was da zum Vorschein kam.

Hyun-Woo trat heran und schaute nun ebenso in den Karton.

„Das ist der Schaukelstuhl meiner Großmutter, der bisher in meinem Zimmer gestanden. An den habe ich gar nicht mehr gedacht.“

„Da klebt ein Umschlag dran“, meinte Hyun-Woo und zeigte auf diesen.

Vorsichtig trennte ich den Umschlag von der Lehne ab und öffnete ihn. Das war Papas Handschrift.

„Hallo Lukas, da ich mir dachte, dass du den großen Karton als erstes öffnest, ich kenne deine Neugier, habe ich diese kleine Notiz hier herein geklebt. Ich dachte, den Schaukelstuhl möchtest du bestimmt haben. In den anderen Kartons sind Dinge, von denen deine Mutter und ich dachten, du sie vielleicht brauchen könntest. Wünsche dir viel Spaß beim Auspacken. Liebe Grüße auch an Hyun-Woo von deiner Mutter und mir. PS: Melde dich bald wieder!“

Ich übersetzte kurz Hyun-Woo die Mitteilung und er bedankte sich für die Grüße.

„Dann lass uns mal die Sachen auspacken“, meinte Hyun-Woo und nahm mir das Messer ab.

Es dauerte eine Weile, bis ich den Schaukelstuhl aus seinem Gefängnis befreit hatte. Mama hatte es wirklich zu gut gemeint.

„Lukas, da sind Bücher drin…“, hörte ich Hyun-Woo sagen.

Ich ließ die Plastikfolie, mit der ich gerade kämpfte in den großen Karton fallen und ging zu ihm. Die nächste Überraschung stand an. Papa hatte mir doch tatsächlich sämtliches Naturbücher meines Großvaters eingepackt, die bisher wohlbehütet im Wohnzimmer standen.

„Die… die sind alle von meinem Großvater…“

„Wenn du studierst, kannst du sie sicher brauchen!“

Ich nickte meinem Schatz zu und bevor ich etwas sagen konnte, machte sich das Haustelefon bemerkbar. Hyun-Woo nahm an.

„Ja?… Die sind noch etwas einkaufen, die kommen später… und wer steht da?… er muss warten, wir lassen ihn auf alle Fälle nicht in die Wohnung, wenn die beiden nicht da sind!“

Spätestens jetzt hatte Hyun-Woo meine volle Aufmerksamkeit.

„Nein brauchst du nicht, ich rufe selbst. Gut danke!“

Hyun-Woo drehte sich zu mir.

„Jacks Onkel steht unten vor der Tür!“

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1 Kommentar

    • Andi auf 17. September 2021 bei 06:01
    • Antworten

    Hey Pit,

    Es ist wirklich schön, wieder was neues von dir zu lesen. Der Teil ist wieder spannend, bin gespannt wie es weitergeht.
    Ich hoffe, es geht dir gut soweit und der Virus hat dich und alle anderen Autoren und Leser in Ruhe gelassen.

    Viele liebe Grüße

    Andi

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