Ein neuer Anfang – Teil 6

19. Die erste Nacht mit Jonas

Falco

Wie schon die letzten beiden Tage spürte ich wieder dieses nervöse Kribbeln im Bauch, das immer stärker wurde, je näher ich Jonas war. Es fühlte sich an, als würde ich innerlich zittern, obwohl ich nach außen relativ ruhig war. Waren das die berühmten Schmetterlinge im Bauch? Sollte das Liebe sein?

Dieses Gefühl verwirrte mich und machte mich sehr unsicher.

‚Das geht doch nicht‚ ich kann doch keinen Jungen lieben. Was würden meine Eltern sagen, was meine Freunde?’

Ich konnte nichts gegen diese Gefühle machen und so sehr ich es auch versuchte, ich konnte an nichts anderes denken.

‚Bin ich schwul?’

‚Will ich schwul sein?’

‚Darf ich schwul sein?’

Vorsichtig drehte ich mich ein wenig, sodass ich Jonas ansehen konnte, der mit dem Rücken zu mir lag. Immer und immer wieder stellte ich mir diese Fragen.

Jonas

Irgendwie war ich schon ein wenig überrascht gewesen, als Falco vorgeschlagen hatte, gemeinsam in seinem Bett zu schlafen. Normal hätte ich mit einem meiner Freunde kein Problem damit, aber bei Falco war das was anderes. Seit ich gestern aufgewacht war, hatte ich mich schon zu ihm hingezogen gefühlt. Bei ihm fühlte ich mich geborgen, er gab mir so viel Wärme.

Und er hatte mir die Kraft gegeben, mit Felix über meine Probleme zu sprechen. Ich fühlte, dass das eine gute Entscheidung gewesen war. Irgendwie konnte ich noch gar nicht alles realisieren, was heute passiert war. Es ist, als hätte für mich ein neues Leben begonnen.

Ich hatte mit Felix über so ziemlich alles gesprochen, was in meinem vorherigen Leben passiert war, nur einen Punkt hatte ich geschickt ausgelassen. Nämlich den Grund, warum ich mit meinem Vater an diesem Tag gestritten hatte. Ich war mir nicht sicher, ob ich es erzählen sollte. Ich hatte Angst, dass Felix Bernd, Heike oder noch viel schlimmer, Falco davon erzählen würde. Was würden sie von mir denken, wenn sie es erfahren würden?

Auf der einen Seite war es vielleicht nicht richtig von mir gewesen, das zu verheimlichen. Hatten sie sich doch alle so liebevoll um mich gekümmert und mich spontan in ihrer Familie aufgenommen. Aber dennoch war ich irgendwie noch nicht bereit dazu, ihnen wirklich alles zu erzählen.

Was würde Falco von mir denken, wenn erfuhr, dass ich schwul bin?

Nachdem ich es an diesem verhängnisvollen Nachmittag meinem Vater erzählt hatte, war er total ausgerastet.

„Mein Sohn ist nicht schwul. Du irrst dich”, hatte er immer wieder geschrien.

Als ich dann versucht hatte ihm zu erklären, dass ich mich nicht irre und mich bereits die letzten zwei Jahre zu Jungs hingezogen fühle, war es dann ganz vorbei und er tobte und schrie nur noch. Dann holte er auf einmal den Fleischklopfer raus und schlug damit wild auf dem Tisch. Der laute Knall ließ mich zusammenfahren.

„Wenn du mir noch einmal unter die Augen kommst, schlage ich dich tot, du Stück Dreck!”

Im ersten Moment war ich total geschockt gewesen. Ich hatte gedacht, ich hätte mich verhört, aber um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schlug er abermals mit dem Ding auf den Tisch ein. Ohne einen einzigen weiteren Gedanken war ich aus dem Haus gelaufen.

Diese Erinnerungen wühlten mich innerlich auf, mein Magen wollte sich verkrampfen. Mein eigener Vater… Ich rückte ein wenig näher an Falco, der bereits zu schlafen schien. Ich brauchte einfach seine Nähe, seine Wärme, in der ich mich so geborgen fühlte.

Ich glaube, ich habe mich in Falco verliebt.

Ich verdrängte die Gedanken an meinen Vater und versuchte stattdessen, an die schönen Stunden zu denken, die ich heute mit Falco verbracht hatte. Ein Lächeln umspielte meine Lippen, als ich einschlief.

Falco

Während ich noch immer auf Jonas Rücken starrte, dachte ich über einige Begebenheiten und Situationen in der letzten Zeit nach. Plötzlich zuckte Jonas zusammen und fing leicht an zu zittern. Ich wollte ihn schon fragen, was mit ihm ist, als er auf einmal näher zu mir rückte und mich berührte. Dann war er wieder ruhig. Ich wartete noch einen Moment und dann schien er zu schlafen. Ich fühlte, wie er gleichmäßig atmete. Vorsichtig legte ich einen Arm um ihn und schlief auch ein.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war Jonas weg. Sofort war ich hellwach und sprang auf. Im Zimmer war er nicht und so lief ich ins Bad, um zu sehen ob er dort war. Als ich die Tür etwas zu schwungvoll aufriss, blieb ich wie vom Blitz getroffen erstarrt stehen. Jonas war tatsächlich im Bad. Doch nicht nur das, seine Klamotten waren nämlich nicht mit ihm im Bad. Soll heißen, Jonas stand in dem Moment splitternackt vor mir.

„Uups, sorry!”, stammelte ich verlegen und merkte wie ich rot im Gesicht wurde.

Jonas’ Blick war im ersten Moment total erschrocken, doch dann lachte er plötzlich los. „Du schminkst dich schon vor dem duschen?”

„Ja … ähm …nee”, stotterte ich nun völlig perplex.

„Ich… ich bin nur grad aufgewacht und du warst nicht mehr da und da habe ich dich gesucht”, versuchte ich zu erklären. „Ähm… ich warte in meinem Zimmer bis du fertig bist.” Mein Gesicht glühte förmlich und ich war bestimmt knallrot, als ich die Badtür hastig schloss und verwirrt auf mein Zimmer zurück ging.

‚Vielleicht sollte ich für Jonas schon mal etwas zum anziehen raussuchen‘, dachte ich und um mich abzulenken, öffnete ich meinen Schrank.

Ich suchte beinahe mechanisch Socken und Unterwäsche heraus. Da er heute mit uns zum Jugendamt fahren sollte, suchte ich auch noch eines meiner besseren Hemden und eine passende Jeans heraus. Auch für mich suchte ich ein paar passende Kleidungsstücke heraus und legte sie bereit.

Wenig später betrat auch Jonas das Zimmer.

„Ich habe dir schon ein paar Sachen herausgesucht, ich hoffe sie passen und gefallen dir”, sagte ich zu ihm, in der Hoffnung, dass er mir meine Verwirrung nicht anmerken würde.

„Okay, danke”, erwiderte er und sah mich dabei lächelnd an.

„Ähm, dann gehe ich mich mal fertig machen”, meinte ich, um kein unangenehmes Schweigen entstehen zu lassen. Dann schnappte ich eilig meine Sachen und verschwand ins Bad.

Dort duschte ich schnell, putzte meine Zähne und zog mich in Windeseile an. Erst dann rief ich nach Jonas, der schon auf mich gewartet hatte.

„Wow, das sieht ja richtig stark an dir aus.” Fasziniert schaute ich ihn von oben bis unten an und Jonas grinste nur fröhlich.

„Komm lass uns runter zum Frühstücken gehen.”

20. Stärkung für den Tag

Jonas

Ich musste lächeln, als Falco so vor mir stand und mich von oben bis unten musterte. Seine Augen blitzten so wunderschön dabei. Die Sachen, die er für mich rausgesucht hatte, standen mir aber auch wirklich sehr gut.

Fröhlich ging ich also neben ihm die Treppe hinunter und wir waren bei weitem nicht die ersten, die zum Frühstück kamen. Denn in der Küche erwartete uns schon die versammelte Mannschaft, nämlich Bernd, Heike, Frida und Jarek. Sie alle saßen bereits am Tisch und frühstückten.

„Guten Morgen”, riefen wir beide fast gleichzeitig.

„Guten Morgen ihr beiden. Habt ihr gut geschlafen?”, fragte uns Heike.

„Ja, sehr gut”, antwortete ich gut gelaunt.

„Dann frühstückt mal schnell, um 10:00 Uhr haben wir den Termin”, forderte Bernd uns auf und mit einem Nicken schmierte ich mir gleich ein Brötchen mit Erdbeer-Marmelade.

„Möchtest du auch?”, fragte Falco und hielt mir die Kaffeekanne hin.

„Ja, danke.”, erwiderte ich mit einem dankbaren Lächeln und schon schenkte er mir ebenfalls eine Tasse ein.

Falco und ich saßen noch gar nicht lange am Tisch, da verabschiedete sich Jarek schon mit dem Hinweis, dass er sich um die Pferde kümmern wolle.

„Vergiss nicht, nach der Stute zu sehen. Mir schien es gestern, als ob die etwas gelahmt hat”, sagte Bernd.

Fast gleichzeitig fragte Heike: „Frida, du machst das Apartment gleich noch fertig?”

„Ja, ich habe es noch vor dem Frühstück sauber gemacht und das Bett neu bezogen. Ich werde gleich noch ein paar frische Blumen auf den Tisch stellen und dann ist alles soweit vorbereitet.”, antwortete sie.

Heike nickte mit einem anerkennenden Lächeln und wandte sich gleich an mich: „Jonas, wenn ihr beim Jugendamt fertig seid, gehst du am besten gleich mit Felix in die Stadt. Dann könnt ihr schon mal das nötigste zum Anziehen für dich Kaufen. Und Jonas, mache dir keine Gedanken um die Kosten, wir wissen das es nicht gerade günstig wird.”

„Am besten ihr nehmt meine Karte mit, dann könnt ihr problemlos bezahlen”, bot Falcos Vater an, nahm noch während diesen Worten sein Portemonnaie und suchte die Karte heraus. Als er sie gefunden hatte, überreichte er sie Falco.

21. Auf in den Kampf

Jonas

Wir frühstückten noch fertig und dann war es soweit. Bernd, Falco und ich machten uns auf den Weg nach Kiel, wo das zuständige Jugendamt zu finden war.

Obwohl ich mich irgendwie drauf freute, wurde ich zunehmend nervöser, aber Falco wusste mich gut abzulenken, denn er zeigte und erklärte mir unterwegs die Umgebung. Der Gutshof war etwas außerhalb eines kleinen Dorfes in Schleswig Holstein gelegen. Mit dem Pferd, so erzählte Falco weiter, seien es nur circa 30 Minuten bis zur Ostsee.

Je näher wir der Stadt kamen, desto dichter wurde der Verkehr und so erreichten wir erst nach etwa 20 Minuten das Ortsschild von Kiel. Wir fuhren eine Weile an der Kieler Förde entlang und ich bestaunte den ebenso dichten Schiffsverkehr.

„Ist hier immer so viel los?”, fragte ich Falco und zeigte auf die Schiffe.

„Ja, normal schon. Kiel ist ja ein großer Ostseehafen. Du musst mal zur Kieler Woche hierher kommen, dann sind hunderte von Schiffen unterwegs.”

„Dort drüben, wo du diesen Turm siehst, ist Laboe – ein kleines Ostseebad. Dort gibt es ein U-Boot aus dem 2. Weltkrieg, was man besichtigen kann. Wir waren dort letztes Jahr mit meiner Schulklasse.”, erzählte er weiter.

Auf der weiteren Fahrt zeigte und erzählte mir Falco noch einige andere interessante Dinge über die Landeshauptstadt. So erfuhr ich, dass Kiel am Anfang es 19. Jahrhunderts für ein paar Jahre zu Dänemark gehört und auch immer wieder als Kriegshafen gedient hatte.

Während er mir dieses erzählte, rückte er etwas näher an mich ran, so dass sich unsere Schenkel immer mal wieder berührten. Ich genoss seine Nähe und die Wärme seiner Oberschenkel.

„Große Teile der östlichen Stadtteile wurden im 2. Weltkrieg zerstört und das Stadtbild ist geprägt von Bauten der 50er, 60er, und 70er Jahre. Auch wurden hier bereits zwei Mal olympische Segelwettbewerbe ausgetragen.”

Interessiert verfolgte ich den Ausführungen von Falco und war teilweise sehr überrascht. Ich hatte nicht gedacht, dass Kiel so interessant wäre.

Unterdessen führ Bernd durch die Stadt und hörte dabei den Ausführungen seines Sohnes zu. Einige Zeit später fuhren wir auf einen kleinen Parkplatz, wo Bernd das Auto parkte.

„So, da sind wir!”, sagte er.

Mir war auf einmal wieder ganz flau im Magen. Die Vorstellung, alles gleich noch einmal erzählen zu müssen, war nicht gerade berauschend. Falco, der meinen Stimmungsumschwung mitbekommen hatte, nahm meine Hand und drückte sie.

„Hab keine Angst es wird schon alles gut gehen, wenn du möchtest bleibe ich bei dir. Zusammen schaffen wir das schon”, meinte er leise.

Ich nickte nur stumm und sah in dankend an. Dann hieß es auf in den Kampf. Wir stiegen aus dem Auto aus und gingen in Richtung Eingang. An der Zugangstür stockte ich leicht, alleine das Haus flösste einem irgendwie Respekt ein. Bernd war das natürlich aufgefallen und nahm mich einfach in den Arm, um mich fest zu drücken.

„Was auch passiert, wir sind bei dir und ich lasse es nicht zu, dass du wieder zurück musst”, flüsterte er mir dabei aufmunternd ins Ohr.

Dann durchschritten wir zu dritt den Eingangsbereich. Auf Bernds Frage hin, wo wir Herrn Brinkmann finden könnten, antwortete der Pförtner nur knapp mit den Worten:

„Im 3. Obergeschoss, dritte Tür links.”

22. In der Höhle des Löwen

Falco

Als wir angekommen waren, merkte ich wie Jonas immer ruhiger wurde. Das gerade noch so fröhliche Gesicht war verschwunden und hatte einer nachdenklichen Mine Platz gemacht, den Blick starr auf den Vordersitz gerichtet. Es schien, als hätte er wieder Angst. Vorsichtig nahm ich seine Hand und drückte sie, dabei fuhr ich mit meinen Fingern auf seinem Handrücken auf und ab um ihn zu beruhigen.

Ich bot ihm leise an, dass ich auch mit ihm hinein gehen würde, um ihm beizustehen. Dann stiegen wir aus. Auf dem Weg zum Eingang nahm ich Jonas wieder wie selbstverständlich an die Hand und als wir am Eingang angekommen waren, nahm ihn auch mein Vater kurz aber fest in den Arm und flüsterte Jonas etwas ins Ohr.

Nachdem mein Papa den Pförtner nach dem Weg befragt hatte, gingen wir direkt in Richtung Fahrstuhl und da dieser mit offenen Türen im Erdgeschoss stand, konnten wir auch gleich in die dritte Etage fahren.

„Welche Tür war das noch?”, fragte ich meinen Vater, als wir oben angekommen waren.

„Die dritte auf der linken Seite.”, antwortete dieser.

Falco hatte ich wieder an die Hand genommen. Er folgte uns ohne ein Wort zu sagen und ließ auch keinen Ton von sich, als mein Vater uns bat, dass wir noch einen Moment bei den Stühlen warten sollen, da er erst mal alleine mit Herrn Brinkmann reden wolle.

Aufmunternd zwinkerte Papa uns zu und verschwand dann in dem Büro.

Als wir nun alleine waren, betrachtete ich Jonas nachdenklich. Sein Gesicht zeigte eine Mischung aus Unsicherheit und Angst.

„Ich lass dich nicht alleine!”, sagte ich leise und nahm ihn in den Arm.

Ich fühlte, wie er am ganzen Körper zitterte und streichelte ihn vorsichtig den Rücken. Jonas erwiderte meine Umarmung und drückte sich fest an mich. Um nichts in der Welt würde ich ihn alleine da reingehen lassen.

Ich weiß nicht, wie lange wir dort standen, doch auf einmal ging die Tür auf und ein kleiner untersetzter Mann schaute uns an.

„Jonas?”, fragte er freundlich und Jonas löste sich von mir.

„Das bin ich.”, antwortete er leise.

„Mein Name ist Michael Brinkmann, kommst du bitte zu mir ins Büro?”, fragte er.

„Darf ich mitkommen?”, fragte ich, ohne eine Antwort von Jonas abzuwarten.

„Ja klar, komm ruhig mit rein.”, antwortete Herr Brinkmann lächelnd und ging wieder in sein Büro.

Das Büro war spärlich eingerichtet. Direkt gegenüber der Tür stand ein alter Schreibtisch, auf dem sich unzählige Akten stapelten und zu seiner linken befand sich ein schon älterer PC mit einem kleinen Monitor. Rechts und links an den Wänden waren Regale zu sehen, die allesamt mit dicken Aktenordnern vollgestopft waren.

Herr Brinkmann ging also zu seinem Schreibtisch und setzte sich in seinen Schreibtischstuhl.

„Setzt euch doch bitte”, forderte er uns auf, doch Jonas und ich schauten uns nur fragend an. Vor dem Schreibtisch befanden sich nur zwei Stühle, wir aber waren zu dritt.

„Oh, entschuldigt bitte. Üblicherweise habe ich nicht so viele Gäste auf einmal”, meinte Herr Brinkmann und verließ das Büro, um kurz darauf mit einem weiteren Stuhl zurückzukommen.

Nun nahmen wir auch Platz und warteten gespannt und neugierig auf Brinkmanns nächste Worte.

„Bernd hat mir ja schon ein wenig erzählt und ich bin froh darüber, dass du nun hier bist, Jonas”, meinte er vorsichtig und schaute Jonas aufmunternd an.

„Aber bevor wir darüber nachdenken, wie ich dir am besten helfen kann, würde ich gerne noch mit dir alleine reden, damit ich mir ein vollständiges Bild machen kann.”, fuhr er fort. „Bernd würdest du mit deinem Sohn bitte einen Moment draußen warten?”

„Aber … das … das geht nicht…”, stammelte ich. Ich wollte und würde Jonas auf keinen Fall alleine lassen.

Herr Brinkmann schaute mich erstaunt an.

Jonas

„…ich würde gerne hier, bei Jonas bleiben.”, sagte Falco mit fester Stimme.

„Das geht leider nicht, Falco. Ich muss mit Jonas unter vier Augen sprechen”, erwiderte Brinkmann sanft und schaute dann mich an.

Ich dagegen war starr vor Schreck. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Unbedingt wollte ich, dass Falco bei mir blieb, denn bei ihm konnte ich mich sicher fühlen. Entschlossen nahm ich Falcos Hand und hielt sie einfach ganz fest.

Herr Brinkmann musterte uns kurz und meinte dann ergeben: „Na, ausnahmsweise. Eigentlich mache ich das ja nur ungern, aber ich sehe schon, Jonas scheint dir zu vertrauen. Falco, du kannst gerne bleiben. Aber sei bitte so lieb und halte dich ein wenig im Hintergrund.” Ein Lächeln umspielte dabei seine Lippen.

Ich war sehr erleichtert, dass er bleiben konnte und doch zögerte ich einige Minuten, als Brinkmann mich bat, alles von Anfang an zu erzählen. Ich war mir nicht sicher, ob ich dazu bereit war, obwohl mir natürlich schon bewusst war, dass Herr Brinkmann mir nicht würde helfen können, wenn er meine Geschichte nicht kannte. Falco hatte indes meine Hand in die seine genommen und streichelte liebevoll darüber. Auf einen kleinen Seitenblick in seine Richtung nickte er mir kaum merkbar zu.

Also fing ich an zu erzählen. Ich begann in der Zeit, als meine Mutter noch gelebt hatte. Erzählte, wie glücklich wir damals noch gewesen waren. Dann erzählte ich davon, wie meine Mutter krank und immer schwächer geworden und am Ende gestorben war. Und wie sich mein Vater seitdem verändert hatte.

Nach den ersten kleineren Startschwierigkeiten und gelegentlichem Stottern erzählte ich ohne Pause einfach weiter. Ich wollte es nur so schnell wie möglich hinter mich bringen. Herr Brinkmann hörte mir dabei aufmerksam zu und unterbrach kein einziges Mal, wofür ich ihm sehr dankbar war. Ab und zu machte er sich ein paar Notizen auf einen kleinen Block und als ich zu Ende erzählt hatte, holte er erst mal tief Luft und überlegte dann einen Augenblick.

„Danke Jonas, dass du alles so offen erzählt hast.”, sagte er. „Du hast es ja wirklich nicht einfach gehabt und ich bin froh darüber, dass du nun hier bist. Nun kann ich dir auch helfen.”

„Dein Vater hat gestern Abend eine Vermisstenanzeige erstattet. Ich habe heute Morgen mit der Polizei telefoniert und ihnen gesagt, dass du sicher untergebracht bist, dass sie aber deinen Vater nicht darüber informieren sollen. Somit wirst du offiziell noch als vermisst geführt. Allerdings sucht die Polizei nicht nach dir und wir gewinnen dadurch etwas Zeit.”, er machte eine kurze Pause.

„Dass du nicht zu deinem Vater zurück kannst, ist schon mal klar.”, fuhr er fort.

Ich atmete vor Erleichterung tief durch.

„Aber wir müssen für dich einen geeigneten Platz finden. Ich denke da an betreutes Wohnen”, er drehte sich zu seinem PC um und begann nachdenklich zu tippen.

„Hm, mal sehen ob wir noch einen freien Platz finden.”

„Ja hier, das könnte noch gehen”, meinte er auf einmal und wandte sich uns nun freudestrahlend zu.

Erschrocken schauten Falco und ich uns an.

Fortsetzung folgt…

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