Krähenvolk

Als ich meine Augen öffnete war das erste was ich sah eine Wand um mich herum. Eine Wand aus Ästchen und getrocknetem Moos und kleinen, weichen Federn.

Und ich war nicht alleine. Neben mir lag noch jemand. Federchen trug es, wie ich sie hatte und der kleine Kopf lag auf dem Boden, die Augen geschlossen. Es roch merkwürdig hier. Sehr merkwürdig. Ich ob meinen Kopf und sah viele grüne Blätter über mir, dazwischen ein Stück blauen Himmels.

Plötzlich tauchte ein großer, schwarzer Schatten auf und setzte sich, beleitet von einem heftigen Wind, auf den Rand der Ästchen. Majestätisch thronte er auf dem Nestrand und stieß ein lautes „krah” aus.

Mama. Sie warf irgendetwas in das Nest und ließ sich wieder vom Nestrand in die Tiefe fallen. Neugierig nahm ich das Etwas in Augenschein. War wohl eine Maus gewesen, was sie uns brachte. Gierig schnappte ich nach dem Knäuel und da wurde auch mein kleiner Bruder wach. Kräftig zerrten wir an der kaputten Maus und irgendwie fand ich den Geschmack nicht mal widerlich.

So vergingen die ersten Tage und Wochen. Manchmal war es schon unangenehm wenn es regnete, mein Bruder und ich nass wurden wie die Katzen. Aber meistens kam Mama dann rechtzeitig und setzte sich auf uns. Was war es schön wenn man den Regen prasseln hörte und gleichzeitig die Wärme Mamas auf einem spüren konnte. Auch Papa beteiligte sich am füttern, aber eher seltener. Papa ist übrigens irgendwann nicht mehr zurückgekommen, wir wussten nicht warum.

Eines Tages setzte sich Mama auf den Nestrand und brachte nichts zu essen mit. Sie krähte zum ersten Mal so unheimlich, flatterte auf einen Ast unweit von unserem Nest und sah nur zu meinem Bruder und mir herüber. Wir hatten tierischen Hunger und konnten gar nicht verstehen warum wir plötzlich nichts mehr bekamen. Ich rappelte mich auf, krabbelte zum Nestrand und schrie meine Mama an.
»Krah, krah, krah.«
Aber sie reagierte überhaupt nicht. Ich breitete meine Flügel aus und flatterte vor Wut. Sie saß aber nur da drüben, hüpfte dann auf einen Ast, der noch weiter weg war. Voller Zorn, weil ich Hunger hatte, versuchte ich zu ihr zu gelangen. Mit einem Satz stürzte ich aus dem Nest – und unter mir war nichts.

Nur etliche Meter zum Boden. Ich begann heftig und ungeschickt mit den Flügeln zu schlagen und landete mitten im Blättergewirr des Baumes. Völlig entsetzt rappelte ich mich auf und sah zu Mama hoch. Warum durfte ich nicht zu ihr, warum gab sie uns nichts zu essen?

Mein Bruder saß noch immer auf dem Nestrand und krähte was das Zeug hielt. Mit einem Mal begann er zu flattern und er schaffte es ohne Absturz auf den nächsten Ast. Mama flog noch ein Stück weiter und er hinterher. So ging das also. Wir sollten fliegen lernen. Ungeschickt hüpfte ich auf den nächsten Ast mehr als ich flog, aber es wurde mit jedem Versuch besser. Ich traute mich dann sogar, den nächsten Baum anzupeilen, auf dem Mama mittlerweile saß. Und schwupp, war ich drüben.

Nach einiger Zeit kehrte Mama ins Nest zurück und wir folgten ihr. Wenig später bekamen wir dann auch was zu essen und so vergingen die nächsten beiden Tage.

Dann flog Mama plötzlich fort. Wir sahen, dass sie nach drüben zu dem Feld flog, das gerade abgeerntet worden war. Da sehen wir sie oft hin und herlaufen. Also musste sie unser Essen von dort haben.

Mutig flatterte ich los und plötzlich war es ganz einfach. Nur mit den Flügeln schlagen, sonst musste man nichts tun. Na ja, doch schon, die Schwanzfedern zum steuern, aber das mussten wir erst noch lernen. Die Landung an dem Feld war natürlich alles andere glücklich, Bauchlandung könnte man sagen.
So pickten wir unser erstes Essen direkt selbst, und es gab da auch mal ne Heuschrecke oder einen Käfer zu fassen.

Aber immer wenn wir unterwegs waren, achteten wir auf Mama. Stieß sie einen kurzen Ton aus und hob ab, setzten wir sofort hinterher. Dann waren Menschen oder Hunde in der Nähe und instinktiv wussten wir, dass denen nicht zu trauen ist, selbst wenn sie noch weiter weg waren.

Immer schön Abstand zu ihnen halten war die Devise. Das mit dem Fliegen wurde immer besser und eines Tages war mein Bruder verschwunden. Auch mich zog es plötzlich weg von hier. Etwas anderes sehen, vor allem von oben.

Ich sah Mama neben mir fliegen, dann rief sie mir ein letztes Mal „krah” zu, bog ab und ich war alleine.

Ich war traurig, aber auch neugierig auf die neue Welt. Was war das fliegen herrlich. Sich manchmal von Aufwinden tragen lassen, ganz hoch, bis unter die Wolken. Ich lernte auch Genossen aus der Luft zu erkennen. Wo sie zahlreich waren, gab’s immer was zu futtern.
Langsam wurden die Tage kürzer, die Nächte kühler. Ausmachen tat mir das nichts, die Federn schützten ausgezeichnet vor Kälte und Wind.

Dann fiel mir auf, dass immer mehr Genossen in Wald und Flur unterwegs waren, auch welche, die anders aussahen als ich. Große, klobige Schnäbel, die meist auch fast weiß waren. Aber es gab keinen Streit unter uns, Futter war genug da für jeden.

Ich lernte mich den riesigen Schwärmen anzuschließen. Immer gab es welche, die nicht auf dem Boden nach Nahrung suchten.

Ein paar hockten in den Bäumen ringsum und beobachteten die Gegend. Unsere Alarmposten. Alle paar Stunde wurde abgewechselt und es waren die älteren unter uns, die Erfahrung hatten in Sachen Gefahr.

War schon imposant wenn sie Alarm schlugen und wir zu Hunderten aufflogen, meist mit Getöse. Dann zogen wir ein paar Kilometer weiter, und das Spiel begann von Neuem.

Tja, und dann kam der Tag wo auch ich zum Alarmposten eingeteilt wurde. Eine ältere Krähe kam auf mich zu, schubste mich mit dem Schnabel und scheuchte mich auf den nächsten Baum. Dort saß schon ein „Kollege” und betrachtete mich.
»Na, alles klar?«, fragte er plötzlich.
Ich erschrak, denn bisher hatte ich mich noch nie mit jemand hier unterhalten, sogar mit Mama nicht. Man verstand einfach auch so.
»Ja, schon,« gab ich verdutzt zur Antwort.
Wir redeten nicht wirklich miteinander, es war so eine Art Kommunikation ohne Worte. Man spürte Wort für Wort, was der andere dachte.
»Wie bist du hierher gekommen?«, fragte er weiter.
»Halt so. Mitgeflogen.«
Er kicherte.
»Das meinte ich nicht.«

»Was denn sonst?«

»Du bist doch keine Krähe geworden nur weil es so bestimmt war.«

Plötzlich wusste ich, was er meinte. Natürlich. Auf einmal fiel mir alles wieder ein. Wie ein langer Film liefen die Geschehnisse ab. Ungläubig sah ich meinen Nachbarn an.

»Du hast recht.«
„Sag ich doch.«
»Und du, was ist mit dir?«
»Bin auch freiwillig hier.«
Immer deutlicher wurden die Bilder der Vergangenheit. Und nun atmete ich tief durch, sah mich um von dem hohen Baum aus. Die Wolken über uns, unsre Gesellschaft da unten, den Fluss am Horizont in der Sonne glitzern. Ja, genau das hatte ich haben wollen. Damals..
»Willst du es mir erzählen?«, fragte mein Nachbar.
»Augenblick, mir fehlen noch ein paar Einzelheiten..«
Ich dachte angestrengt nach und nach einer Weile standen die Erinnerungen Lückenlos in meinem Kopf.
»Jetzt, ja.«
Wir blickten uns um, es war nichts Verdächtiges zu sehen und so begann ich ihm, meine Geschichte zu erzählen. Ich hatte sie verdrängt, was sicher auch Sinnig war. Aber nun wurde mir klar warum ich hier und plötzlich auch glücklich war.
»Ich war ein Junge und bin bei ziemlich reichen Leuten aufgewachsen. Gut behütet kann man sagen. Würde behaupten, auch nicht doof gewesen zu sein, denn die Schule machte mir keine Probleme. Die kamen von ganz anderer Seite.«
Ich überlegte ob ich es sagen sollte, aber so wie die Dinge jetzt lagen konnte nie mehr etwas passieren.

»Und von welcher?«, wollte mein Nachbar wissen.
»Ich bemerkte so mit 15, dass ich.. naja.. eher hübschen Jungs nachsah und Mädchen mich echt kalt ließen.«
»Du warst also schwul..«
»Genau. Die Erkenntnis war für mich nichts Besonderes. Ich hab mich nach ner Weile damit angefunden und für mich war es ok. Aber da waren diese paar Jungs an der Schule, die mich nervös machten sobald ich sie sah.«
Ich meinte, ein vergnügliches Kichern gehört zu haben…
»Jedenfalls kam es dann halt eines Tages zu einem ersten Erlebnis. Daniel, einer aus der Parallelklasse, kam zu mir nach Hause. Er wollte sich eine neue CD anhören die ich mir gekauft hatte. Wir saßen auf meinem Bett und horchten der Musik.. Und auf einmal begann er mich zu streicheln. Das war so was von wunderschön.. Ich tat nichts, lag nur da und genoss. Dann gab er mir sogar einen Kuss, den ersten meines Lebens.«
Ich traute mich, meinen Nachbarn anzusehen, und der hatte plötzlich einen richtig verklärten Blick.

»Daniel? Weiter..«, sagte er knapp.
Plötzlich Flügelflattern und Geschrei.
»Ihr Penner, seht ihr das nicht!!?«
Erschrocken fuhren wir herum und sahen die Menschengruppe, die über die Wiesen stolperte und geradewegs auf unsere Genossen zusteuerte.
Drei Alarmrufe reichten, um den Schwarm abheben zu lassen.
»Seid ihr noch zu retten?«
Scheinbar die Oberkrähe, die älteste unter dem Haufen.
»Ihr werdet vorerst keinen Posten mehr beziehen. Abmarsch.«
Zerknirscht über unsere Unachtsamkeit folgten wir der Meute, die nun den Fluss ansteuerte um am Ufer nach verwesten Fischen, Schnecken und Muscheln zu suchen.
Wir ließen uns am Ufer nieder und hielten etwas Abstand, beäugt von misstrauischen Blicken einiger Genossen.

»Müssen wir denn eigentlich mit ihnen ziehen?«, fragte ich meinen Begleiter.
»Eigentlich nicht, aber es sicherer. Man kann nie wissen ob sie uns nicht eines Tages doch wieder bejagen dürfen, die lieben Menschen. Und wenn du dann allein herumziehst – patsch – liegste im Feld und son räudiger Jägersköter apportiert dich.«
Ich schüttelte mein Gefieder. Er hatte natürlich Recht.
»Aber man kann der Meute doch in gebührendem Abstand folgen. Sieh mal, wie sie da stochern und graben. Immer dicht an dicht.«
»Krähen sind nun mal gesellige Vögel, das weißt du ja.«
»Ja, klar.«
»Komm, lass uns da drüben in die Bäume setzen, ich will deine Geschichte weiter hören.«

Wir flogen auf eine der Pappeln am Ufer und ließen die Septembersonne auf unser Gefieder scheinen.

»Wie war das also? Dein erster Kuss?«
»Ja, der war so schön. Und gut geschmeckt hat er auch.«
»He, du warst also wirklich richtig schwul.«
»Sagte ich schon. Daniel wurde mein Freund, zwei Jahre lang.«
»Und dann?«
»Dann zog er fort. Nicht freiwillig, er musste mit seinen Eltern wegziehen.«
»Oh.«

»Ja, es war eine Katastrophe, für uns beide. Wir haben jeden Tag telefoniert, E-Mails geschrieben, SMS geschickt. Aber wie das so ist, im Lauf der Zeit ließ das nach.«

»Und dann?«

Mein Begleiter war auffallend neugierig.
»Hab ich erst Mal nur Frust gehabt. Wollte keinen anderen haben, mein Herz hing immer noch an Daniel, auch wenn unser Kontakt langsam zusammenbrach.«
Ein Windstoß rauschte durch den Baum und wir mussten uns festhalten.
»Scheint nicht mehr weit bis zum ersten Herbststurm«, sagte mein Begleiter.
Ängstlich sah ich mich um. Bisher war es ja angenehm gewesen, aber nun stand der Herbst und der Winter vor der Tür. Hatte ich das bedacht?
»Und dann, ja, dann machte ich meine Lehre als Automechaniker. Da gab’s auf der Berufsschule einer, der verwirrte mir mal wieder den Kopf.«
»Was draus geworden?«
»Ja, das wurde es. Aber da begann das Unheil. Er hatte schon einen Freund und der war ziemlich eifersüchtig. Sandro wollte sich trennen von ihm, aber Timo wollte nicht.«
»Sandro? Timo?«
Mein Begleiter starrte mich an.
»Ja, so hieß er.«
»Hast du ihn kennen gelernt?«
»Timo? Nicht wirklich.«
»Und weiter?«
»Na ja, es war halt nicht einfach. Timo machte richtigen Terror. Rief Sandro an, schickte ihm SMS und E-Mails. Eines Tages hab ich Sandro gesagt, er müsse sich entscheiden.«

»Und was tat er?«
»Er hat sich entschieden, wollte bei mir bleiben. Aber Timo ließ einfach nicht locker. Es war die Hölle. Timo lauerte manchmal vor meiner Haustüre und er ging sicher, dass wir ihn auch sahen. Von der Schule ganz zu schweigen. Da saß er eine Reihe hinter uns, jede Sekunde spürte ich seinen Blick in meinem Rücken. In den Pausen stand er so, dass er jede unserer Bewegungen beobachten konnte. Es war wirklich der reinste Terror.«
»Und du hast niemals mit Timo gesprochen?«
»Doch, einmal, im Sport, da hab ich ihn mit einem Foul niedergestreckt und mich auf ihn fallen lassen. Er soll sofort mit dem Scheiß aufhören. Sandro will nichts mehr von dir, hab ich ihm gesagt.«
»Und er?«
„Das geht dich nichts an. Sandro gehört zu mir.”
»Mehr nicht?«
Nein, mehr nicht. Er hat dann auch nicht aufgehört uns nachzuspionieren.«
Mittlerweile wurde es dunkel. Zeit, die Schlafbäume am anderen Ufer des Flusses aufzusuchen. Unter Tage hätte mir das Alleinsein nichts ausgemacht, aber nachts war ich froh wenn alle eng zusammen in den Bäumen schliefen.

Ich verkroch mich gerne in Mitten der Genossen, denn ab und zu holte sich eine Eule einen von uns und das war dann immer am Rand draußen. Zwar hatten wir auch über Nacht unsere Wächter, aber Eulen waren lautlos, schnell und Zielsicher. Vor ihnen zu warnen war fast nicht möglich. Dafür gab’s dann aber Tagsüber Senge, wenn einer von uns eine Eule in ihrem Schlafbaum entdeckte.

Das geschah aber auch mit Bussarden und Falken. Die wurden gejagt bis sie freiwillig abzogen.

Wir flogen hinüber und der Wind war bereits unangenehm kühl. Nicht mehr lange, und der erste Nachtfrost würde kommen.

Ich hopste, zusammen mit meinem Begleiter, in das Innere des Blättergewirrs. Außen schliefen hauptsächlich die Alten. Es war schon erstaunlich, wie das soziale System hier funktionierte. Sie beschützten die Jungen durch ihr eigenes Leben.

Eines Tages musste ich wohl auch da draußen sitzen, warten, ob ein Raubvogel kommt und mich holt, nur damit den Jungen nichts passiert. Aber ich wusste auch, dass wir über 60 Jahre alt werden konnten. Fast so lang wie ein Menschenleben.

Wir drehten unsere Körper in Windrichtung und plusterten die Federn auf. Wie wohlig warm das doch war, von frieren keine Spur. Unterhalten wollte ich mich nicht mehr, schloss langsam die Augen. Ein Greifmechanismus in den Füßen verhinderte, dass man im Schlaf vom Baum fallen konnte. Nur wenn Sturm ging, da musste man aufpassen.
So döste ich in die späte Dämmerung. Gelegentlich zankten sich ein paar Genossen mit Gekrächze, ansonsten war es ruhig in der Kolonie.
»Sag mal«, fragte mein Nachbar dann noch.
»Ja?«

»Warst du gerne schwul?«
Ich räkelte mich wohlig im Federkleid.
»Oh ja. Ganz bestimmt.«
»Nacht«, hörte ich
»Gute Nacht.«
Am anderen Morgen regnete es. Ich hatte früher schon Regen gehasst. Zwar hielt mein Gefieder das Wasser ab, aber trotzdem war es alles andere als angenehm. Ich wachte früh auf, die meisten saßen noch da und dösten. Auch sie waren nicht begeistert von dem Wetter und nur einige flogen auf, wohl weil sie Hunger hatten.

Mein Begleiter blinzelte missmutig.
»Scheiß Wetter.«
Ich nickte nur. Aber dann kam auch bei mir der Hunger auf. Große Lust auf Suche zu gehen hatte ich nicht.
»Wollen wir rüber zum Kontor? «
Mein Begleiter sah mich an.
»Zum Kontor?«
»Ja, die Futterfabrik. Beim Verladen in die Waggons fällt doch immer genug ab.«
»Da fliegen wir ja eine halbe Stunde.«
»Na und? Dafür ist der Tisch gedeckt.«
Er nickte müde, und wir hoben ab, flogen in geringer Höhe nach Norden.
So früh am Morgen, im Regen und diesiger Sicht bestand keine Gefahr. Plötzlich sah ich einen Milan. Er strich tief unter uns über die Felder. Auch diese Gesellen stellten uns nach, besonders den Jungvögeln im Nest.
»Krah!«, rief ich.
Mein Begleiter folgte meinem Blick und sah den Greifvogel ebenfalls.
»Los, den schnappen wir uns!«, rief ich.
Ein kurzes Nicken und wir klappten die Flügel an den Körper. Mann, was ein Gefühl. Der Wind begann zu pfeifen wir wurden immer schneller und schon stürzten wir uns auf den Milan. Der hatte uns freilich kommen sehen und wich geschickt aus.

Aber unsere Taktik bestand in der Ausdauer. Immer wieder attackierten wir ihn, stießen auf ihn hinab. Manchmal drohte er uns mit seinen Krallen, aber das störte nicht. Gegen zwei konnte er nichts machen, damit war er zu abgelenkt.

Nach etlichen Minuten Luftkampf ruderte er zornig weiter, aber wir ließen nicht locker. Immer wieder hackten wir auf ihn ein, zumindest versuchten wir es. Geschickt drehte er sich in Bodennähe zu uns und stellte die Krallen.

Aber in dem Augenblick wo er sich wieder in Flugrichtung umdrehte, überquerte er die Bahnlinie. Wir sahen nur noch Federn stieben und seinen Körper ins Feld fliegen, als er an die Scheibe der Lokomotive prallte.
»Hey, das war n richtig guter Abgang«, rief mir mein Begleiter zu. ´
Ich nickte und wir drehten ab.
Fast außer Atem kam wir anschließend am Kontor an und schlugen uns den Bauch voll.
Der Regen hatte aufgehört und satt saßen wir oben auf dem Silo des Kontors. Ein paar Genossen waren inzwischen eingetroffen und wir beobachteten sie von oben.
»Nun, wie war das mit Timo?«
Ich schüttelte mein Gefieder auf und blinzelte in die Sonne, die langsam zwischen den Wolken hervor kam und unser Gefieder zu trocknen begann.
»Dann kam der Tag, an dem Timo plötzlich vor der Tür stand.«
»Bei dir zu Hause?«
»Ja. Sandro war nicht da und Timo wollte ihn sprechen. Ich sagte ihm dass er gehen soll, aber nicht, dass Sandor nicht bei mir war. Daraufhin holte er aus und schlug mir mitten ins Gesicht.«

»Was?«

»Ja, ich denke heute, der war total verzweifelt. Ich bin zu Boden gegangen und war ne Zeitlang weggetreten. Ich bekam nur noch mit, wie Timo aus dem Haus rannte. Er hatte wohl Daniel gesucht..«
»Und wo war Sandro?«
»Einkaufen wollte er, mit ein paar Freunden. Das ist nicht mein Fall und deswegen war ich zu Hause geblieben und wartete auf ihn. Als er kam, mich auf dem Bett liegen sah und ich ihm dann erklären musste woher meine geschwollene Backe kam rastete er aus. „Den bring ich jetzt um”, rief er und stürzte aus dem Haus.«
»Was wollte er? Timo umbringen?«
»Ja, das war sein Wortlaut. Natürlich sagt man das so daher. Aber ich bekam trotzdem Angst dass er eine Dummheit machen würde. Also stand ich kurz danach auf und rannte aus dem Haus. Aber ich wusste nicht wo Timo wohnt und Sandro war eh längst verschwunden.«

»Mann, hast wohl einiges mitgemacht.«
Ich blickte meinen Begleiter an.
»Sag mal, ich breite hier mein Leben vor dir aus und von dir weiß ich gar nichts.«
Er schien zu grinsen.
„Meinst du?«
»Wie soll ich das verstehen?«
»Erzähl erst deine Geschichte fertig.«
Neugierig was er mir zu sagen hatte ließ ich mich auf die Art erpressen.
»Ich bin dann wieder ins Haus, hab mich auf mein Bett gelegt und was zum Lesen gesucht. Ich wollte nichts Anstrengendes, einfach nur ablenken. Und da lag ne Zeitschrift auf meinem Nachttisch. Irgendwas mit Naturkram. Ich nahm es und da war ein Bericht drin über das Leben der Krähen. Wie sie lebten. Und ich dachte mir, wenn ich wieder auf die Welt kommen würde, dann als Krähe. Ich konnte keine Nachteile finden.«
Mein Begleiter schien wieder zu lächeln.
»Und was passierte dann?«
»Das eigentlich unfassbare. An einem Nachmittag kam ich aus der Schule heim. Sandro wollte noch mal in die Stadt was einkaufen und zu mir kommen. Aber vor meiner Tür stand Timo. Ich kannte ihn ja soweit, aber den Blick der mich da traf – unheimlich. Zornig, böse.«
„Was willst du denn noch?”, fauchte ich ihn an.
„Dass du Sandro in Ruhe lässt.”
„Sorry, das geht nicht. Wir lieben uns und das weißt du. Versteh doch endlich: Es ist vorbei, er mag mit dir nichts mehr zu tun haben.”
„Nein, das ist deine Meinung. Du hast ihn beeinflusst, ihn mir weggenommen. Er will nichts von dir, du hast ihn überredet.”
„Verstehst du den Quatsch eigentlich selbst, den du da erzählst?”
Seine Augen funkelten.
„Das ist kein Quatsch. Willst du mit mir darüber reden?”
»Ich dachte mir, schaden kann es nicht, auch wenn ich keine Lust dazu hatte.«
»Und dann?«
»Sind wir losgelaufen. Ein paar Minuten weg von unserem Haus gab einen kleinen Park. Wir setzten uns auf eine Bank und auf einmal fing Timo an zu reden. Über seine Gefühle, sein Leben, einfach über alles. Ich verstand ihn ja, aber dass er Sandro nicht loslassen wollte fand ich einfach zum kotzen. Plötzlich sah mich Timo an, stand auf und stellte sich vor mich.
„Du wirst Sandro nie mehr wiedersehen!” schrie er.

Und hatte eine Pistole in der Hand. Ich war wie gelähmt, dachte an einen Scherz. Einfach, um mich einzuschüchtern. Aber mir war sehr schnell klar, dass das, was er in der Hand hatte, kein Spielzeug war.«
Mein Begleiter sah mich an.

»Und dann?«
»Ich hörte wohl nur den Schuss, mehr war nicht mehr.«
»Timo…«

».. hat auf mich geschossen, ja. Es dauerte eine Weile bis ich wieder zu mir kam. Ich hatte keine Ahnung wo ich war. Es gab keine Empfindung. Keine Kälte, Wärme, Hitze.. nichts. Ein merkwürdiger Zustand. Und dann sah ich noch einmal die letzten Sekunden. Dieser kleine Feuerblitz aus der Pistole, das Rauchwölkchen danach. Ich spürte die Kugel auf meine Brust auftreffen, wie sie eine Rippe brach und das Eindringen in mein Herz. Der kurze Schmerz, als sie meinen Rücken durchschlug und wohl irgendwo ins Freie flog. Wie ich zusammensackte und dann war es vorbei.«
Mein Begleiter atmete schwer, so als bekäme er keine Luft.

»Und dann warst du hier.«
»Ja, in dem Nest. Ich hatte mir gewünscht nach meinem Tod eine Krähe zu werden, und das ist in Erfüllung gegangen.«
Ich machte eine Pause.

»Nun allerdings fehlt mir deine Geschichte.«
Wir kamen nicht dazu, Leute liefen über das Gelände des Kontors und waren ziemlich laut.
Wir flogen ab, Richtung Mülldeponie. Da gab’s immer was zu futtern und Gesellschaft hatten wir auch. Jede Menge Möwen mischten da mit und manchmal konnte ich mir den Vergleich mit Hitchcock’s „Die Vögel” nicht verkneifen.
Mein Begleiter und ich landeten in einem Bereich, wo gerade keine Schaufelbagger zugange waren und zudem roch es da ziemlich lecker nach Futter. Wir stocherten in den Abfällen und einige Zeit später flogen wir an den Ortsrand. Ein kleiner Bahnhof und die Leute dort schmissen regelmäßig Reste von wer weiß was ich an die Gleise hin.

Nachdem wir uns gesättigt hatten – vor allem an einem Kaninchen, das wohl totgefahren worden war – flogen wir auf einen Strommast in der Nähe.
»Nun, was war mit dir?«, fragte ich meinen Begleiter.
»Ähnlich wie bei dir. Hatte mich auch verliebt. In einen hübschen Jungen.«

Ich starrte ihn an.
»Du warst auch schwul?«
Er krähte.
»Ja, was dachtest du denn? Ich hätte mir das alles sonst ja gar nicht angehört.«
»Und?«

»Ja, ja, der Junge war wie gesagt sehr hübsch. Und er war meine ganz große Liebe. Er erwiderte sie auch. Aber eines Tages, da kam ein anderer zwischen uns. Und ich wollte von ihm weg.«
In diesem Augenblick dämmerte es mir.
»Wie hast du geheißen, in deinem menschlichen Leben?«, wollte ich dann von ihm wissen.

»Sandro. Und du?«
»Damian.«

Ich wusste nicht was ich noch sagen sollte. Zufall? Niemals. Ich sah ihn an, und er mich.

»Du bist nicht Sandro.«
»Oh doch. Das bin ich. So sicher wie du Damian bist.«
Mein Schnabel stand offen.
»Aber.. wie kommst du hierher?«
»Ich wünschte mir schon als Kind so frei und ungezwungen wie ein Vogel zu sein. Und weil Krähen so alt werden.. Da hab ich mir gewünscht, eines Tages eine zu werden.«
»Ja, aber wie kam es dazu.. ich meine, dass du hier bist?«
»Timo kam eines Abends zu mir, völlig aufgelöst. Er erzählte mir dass er eine Dummheit gemacht hätte und dass es ihm leid tun würde und lauter wirres Zeug. Ich hab gar nicht verstanden was er wirklich wollte.«
»Und weiter?«
»Er zeigte mir plötzlich die Pistole, sagte dass er Damian, also dich, erschossen hätte. Ich sagte ihm noch dass er keinen Scheiß erzählen soll, und wollte ihm die Waffe abnehmen. Wir haben gerangelt und dann hörte ich nur noch einen Schuss. Aber ich war nicht gleicht tot. Ich bin wohl umgefallen, aber ich sah noch wie sich Timo die Waffe an den Kopf setzte und hörte den Knall.«
»Damit… lebt Timo wohl auch nicht mehr. Hat er je einmal gesagt, was er in einem nächsten Leben werden wollte?«
Sandro überlegte, dann sah er mich erschrocken an.

»Ein Raubvogel.«
Ich stutzte.
»Ein Raub.. Ein Milan vielleicht?«
»Möglich.«

Wir schwiegen eine Weile.
»Und damit bist du hier. Ich glaube es nicht.. Sandro..«
»Das Schicksal hat es wohl so gewollt.«
Ich schmiegte mich an ihn, während ein Zug unter uns hindurchsauste und mit dem Fahrtwind unsere Federn durchwirbelte. Sanft rieb Sandro seinen Schnabel an meinem.

»Wir werden nie so zusammenkommen wie im Leben als Mensch. Aber wir können sehr lange zusammen bleiben«, sagte er leise.
»Hey, wir wollten doch immer mal in den Süden fliegen«, sagte ich.
»Ja, das wollten wir.«
»Was hält uns davon ab?«
»Eigentlich nichts.«
Mit lautem Geschrei hoben wir ab, stiegen in den Himmel und drehten nach Süden. Neben meinem Schnuckel herzufliegen war einfach herrlich. Er sah nicht mehr aus wie mein Sandro, aber das war mir egal.
Immer höher stiegen wir in den abendlichen Himmel. Ließen die Schlafbäume, in denen schon unsere Genossen saßen, unter uns, und nahmen Abschied von der Gegend.

Mit leichten Flügelschlägen ruderten wir der Wärme und dem Sommer entgegen.

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1 Kommentar

  1. Das ist eine wirklich ungewöhliche Geschichte, aber eine tolle Idee. Hat viel Spaß gemacht zu lesen und ich würde gerne mehr von den beiden Kräften lesen.

    Mach bitte weiter so
    Norbert

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