Das Flüstern

Die Sonne ging gerade unter und der Mond war schon auf der anderen Seite zu sehen. Es waren kaum noch Leute unterwegs und er saß allein im Park auf einer Bank. Er beobachtete, wie die Sonne unterging und hing dabei seinen Gedanken nach.
Wie oft schon hatte er hier gesessen und wie oft schon war er danach einfach nach Hause gegangen, ohne sich noch einmal um zudrehen und zu sehen wer ihn jedes Mal dabei beobachtete. Er hatte sich längst an die Gegenwart des anderen gewöhnt, dass er sie nicht mehr wahrnahm.
Es war ihm mitweile schon so, als wäre es nur Einbildung. Denn wer würde noch um diese Zeit jemanden beobachten, wenn er andere Möglichkeiten hätte, wie mit seinen Bekannten und Freunden unterwegs zu sein, wie zu Hause zu sein und einfach das übliche zu machen, was ein Haushalt erfordert.
Wer würde schon in einem völlig verlassenen Park sein, um ihn zu beobachten, als gäbe es nichts anderes. Law fühlte wie es kühler wurde, spürte die herannahende Nacht. Er würde gleich wieder aufstehen und gehen und wieder wird er nicht zurückblicken, um zu sehen wer ihn beobachtet hatte.
Er würde einfach gehen, wie schon die Nächte zuvor. Oder blieb er diesmal sitzen? Wollte er diesmal doch wissen wer ihn zu dieser Zeit beobachtete? Wollte er sehen, was er insgeheim wusste?

Law schloss die Augen und verdrängte einen Moment alle seine Gedanken und ließ die nahende Nacht auf sich wirken. Er hörte die letzten Vögel zwitschern. Er fühlte den lauen Wind über seinen Körper gleiten, fühlte wie er kühler wurde. Er roch den süßen Duft der Kirschblüten, spürte wie sie nach und nach vom Wind hinfort und über ihn hinweg getragen wurden.
Er nahm das leichte Rauschen des Windes war, wenn er durch die Blätter zog. Ein leichtes Flüstern ließ ihn all dies vergessen. Ließ ihn nichts mehr hören, nichts mehr spüren, nichts mehr riechen. Nahm seine ganzen Sinne ein.

„Warum bist du immer allein hier?“, fragte das Flüstern.

Es war dicht und die Stimme war rau. Ein leichter Akzent verriet, dass er nicht aus der Gegend war, dass er von weiter weg herkam.

„Bin ich das denn?“, fragte Law leise und blieb ruhig sitzen.

Er hatte keine Angst. Er wusste wer da bei ihm war, auch wenn er ihn nicht kannte. Er wusste der andere würde ihm nichts tun. Law spürte plötzlich eine Hand auf seiner Wange. Nur leicht berührte sie ihn. Ein Finger berührte seine Lippen und tastete sein Kinn ab, glitt langsam an seinem Hals entlang.
Law öffnete langsam die Augen, nur einen Spalt weit. Er sah in sanfte blaue Augen, die ihn musterten. Die Gestalt war schwarz und rot gekleidet. Nicht größer als Law selbst war sie.

„Wer bist du?“, wollte Law wissen.

„Du kennst mich aus deinen Träumen.“

Law schwieg einen Moment.

„Ich muss gehen“, sagte er daraufhin leise.

„Ich weiß. Dein Fall wartet.“

„Ja“, bestätigte Law kurz.

„Bleib nicht zu lang im Büro“, bat ihn der Junge.

„Nein, ich werde versuchen früher nach Hause zu gehen, als die letzten Nächte.“

„Danke“, sagte der Junge flüsternd und lächelte, daraufhin war er auch schon wieder verschwunden.

Law wunderte sich nicht über das plötzliche verschwinden, sondern stand auf und ging ins Revier zurück. Es war bereits dunkel, als Law endlich auf dem Weg nach Hause war. Seine Uhr zeigte 3 Uhr morgens an und es war kaum noch jemand unterwegs, nur noch sehr wenige Lichter brannten in den Fenstern und über ihm war der Himmel Schwarz von den Regenwolken.
Es würde nicht mehr lange dauern bis es in Strömen regnen würde. Der Wind kroch kalt unter seine Kleidung und ließ ihn frieren. Aber das war nicht allein der Grund für sein Zittern. Es gab in letzter Zeit viele Fälle in seiner Abteilung die Rätselhaft waren.

Ein Punkt der an dieser Stelle vielleicht gesagt werden sollte, wäre, das Law bei der Kriminalpolizei arbeitete und mit seinen 25 Jahren der jüngste in seinem Revier war, der eine ganze Einheit leitete. Man sah ihm nicht an, das er Polizist war, was ihm schon oft geholfen hatte bei seinen Ermittlungen.
Er konnte schnell in die Rollen einer anderen Person schlüpfen und verdeckt ermitteln oder er wurde einfach nicht als Polizist erkannt und die Täter unterschätzten ihn. Was nicht zuletzt an seinem Alter lag. Viele würden meinen einen Polizeichef wäre bereits in die 30 oder 40 Jahre alt, aber genug dazu.

Was die Rätselhaftigkeit der Fälle anging, so hatte er noch keinen Schimmer, was da eigentlich vor sich ging. Ein Mann sprang aus dem 10. Stock, ohne einen Grund für einen Selbstmord zu haben. Ein anderer erschoss sich, ohne Anzeichen jemals eine Waffe in der Hand gehabt zu haben, selbst als er sich erschoss, fand man keine Waffe.
Wieder jemand anderes ertrank ohne äußeren Einfluss in der Badewanne. Solche und ähnliche Fälle beschäftigten seine Abteilung seit Anfang der Woche und es war gerade erst Mittwoch. Das einzige, was sich gleich, war ein kleines Stück eines Anhängers, welches jedes Mal wie ein kleines Dreieck.
Immer fand sich dies auf der Brust der Toten wieder. Law wusste nicht was noch kommt, aber er wusste, wenn nicht bald irgendwo eine Spur gefunden wird, wird’s eng.

Zuhause angekommen, ließ er seine Tasche gleich im Flur fallen und schmiss seine Jacke auf die Hacken. Sein Schlüssel fand sich in der nächsten Ecke wieder. Er ließ sich im Wohnzimmer auf die Couch fallen und schloss einen Moment die Augen.
Er fuhr mit beiden Händen über sein Gesicht und sah daraufhin auf. Er nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein um zu sehen ob noch etwas lief. Bei einem interessant wirkenden Film legte er die Fernbedienung zur Seite und legte sich bequem hin.
Er schlief nach einiger Zeit ein, ohne noch etwas von dem Film mitzubekommen. Der Film lief auch nicht mehr lange bis die üblichen Werbesendungen bis zum frühen morgen begannen.

Law schlief bereits tief und fest und war längst in einen Traum versunken. Vor Morgen wurde er auch nicht mehr wach, dafür aber auf unangenehme Weise. Als er aufschrie beim Aufwachen, schreckte er so schnell hoch das er gleich neben der Couch landete und sich am Tisch stieß.

„Na das nenn ich mal wach werden“, brummt Law leise.

Er sah sich eine Weile orientierungslos um, ehe er wusste, wo er war. Er erinnerte sich an seinen Traum nur Bruchstückhaft, aber er wusste noch, dass ihn jemand um Hilfe gebeten hatte. Er schüttelte den Traum ab und ging ins Bad um zu duschen, entschied sich jedoch um und ließ sich Wasser in die Wanne ein.
Daraufhin zog er sich aus und stieg in die Wanne. Er lehnte sich an und schloss dabei die Augen. Er schlief ein wenig ein und schlummerte vor sich hin, um noch ein wenig über seinen aktuellen Fall nachzudenken. Dabei kam ihm sein Traum plötzlich in den Sinn. Er entspannte sich etwas und ließ den Traum noch einmal vor sich abspielen.

Der Junge, den er schon so oft in seinen Träumen und im Park gesehen hatte, stand bei ihm im Zimmer und beobachtete ihn, wie Law im Bett lag und schlief. Als er wach wurde und zur Seite blickte, trafen sich ihre Blicke. Law sah in dem Blick des Jungen Angst, aber auch einen kleinen Schimmer Hoffnung, nur wusste Law nicht, worauf diese Gefühle bezogen waren.
Er bot dem Jungen an, sich zu ihm zu setzen und setzte sich selbst auch auf. Der Junge folgte der Aufforderung und senkte dabei seinen Blick. Er wollte nicht, dass Law ihm in die Augen sah, wenn er so dicht bei ihm war.

„Was hast du? Du wirkst so verschüchtert“, sagte Law leise zu dem Jungen.

Doch als er die Tränen sah zog er ihn nur zu sich und nahm ihn in den Arm. Dabei legte er sich wieder hin und zog den Jungen mit sich. Der Junge legte sich auf Laws Brust und dieser spürte wie die Tränen auf seine Brust tropften. Nach einiger Zeit sah Law ihm wieder in die Augen und erschrak bei dem Anblick der blutroten Augen so sehr, das er aufschreckt und erst jetzt bemerkte, das er ein stück unter Wasser gerutscht war.
Er wischte sich das Wasser aus dem Gesicht und blieb einen Moment still sitzen, ehe er sich wusch und dann aus der Wanne kletterte und sich abtrocknete. Er ließ das Wasser ablaufen und sammelte noch seine Sachen ein, die er gleich in den Wäschekorb schmiss mit samt seinem Handtuch.
Nackt lief er ins Schlafzimmer und zog sich frische Kleidung an. Als auch der Rest der morgendlichen Aufgaben erledigt war setzte er sich an den Tisch in der Küche und kochte sich Kaffee, den er daraufhin langsam trank und dabei aus dem Fenster sah.
Sein Fall ließ ihn nicht los. Wie konnten all diese Fälle zusammenhängen, wo doch die Tatsachen völlig unterschiedliche waren und nur ein Hinweis sie doch alle zusammenbrachte.

Law trank seinen Kaffee aus und machte sich langsam fertig zum gehen. Er sammelte seine Sachen zusammen, die er noch an Akten zu Hause hatte und zog Jacke und Schuhe an. Daraufhin hob er die Schlüssel auf, die er am Abend in die erst beste Ecke geworfen hatte und ging zur Tür raus.
Nach dem er abgeschlossen hatte, machte er sich auf den Weg zum Revier, welches nur 10 Minuten von seiner Wohnung entfernt war. Was auch der Grund war, weshalb sein Auto meinst daheim blieb, wenn er nur ins Büro ging. Dort angekommen, zog ihn sein Kollege jedoch gleich wieder mit.

„Du brauchst gar nicht erst was auspacken. Wir sollen sofort zum nächsten Tatort“, sagte Drake, sein Kollege, zu ihm.

„Wohin denn?“, fragte Law verwirrt und lief blind hinter Drake her.

„Zum alten Stadttor. Da gibt es ne Wohnsiedlung.“

„Oh man, so weit? Ich bin gerade aufgestanden.“

„Man sieht’s. Du bist noch völlig verschlafen, aber da musst du durch. Kriegst unterwegs einen Kaffee.“

„Ob der mich wach macht ist noch ein anderes Kapitel“, meinte Law leise und stieg in Drakes wagen auf dem Beifahrersitz ein. Sie brauchte mehr als eine Stunde, bis sie ankamen wo sie hinwollten. Es war seltsam still in der Gegend, fand Law. Kaum jemand war unterwegs, obwohl Hauptgeschäftszeit war.
Die Läden hatten zum Teil geschlossen. Er folgte Drake, nachdem dieser den Wagen abgeschlossen hatte und beobachtete die Gegend weiterhin. Als er durch die Tür des Hauseingangs ging, hatte er das Gesicht des Jungen aus seinem Traum vor sich. Blutrote Augen und mit Tränen noch auf den Wangen.

„Hey, Law! Alles in Ordnung?“, fragte Drake ihn besorgt, als Law mitten in der Tür stehen geblieben war.

„Ja, ich war nur kurz in Gedanken“, antwortete Law kurz und ging in das angrenzende Zimmer.

Ein Mann von der Spurensicherung hielt ihm gleich Handschuhe hin und daraufhin ein kleine Tütchen mit einem kleinen glitzernden Stein darin. Er betrachtete das Steinchen eine Weile und wandte sich dann and en Mann der Spurensicherung.

„Lag der auch wie bei den anderen, auf der Brust?“

„Ja“, sagte der Mann knapp und führte seine Arbeit weiter.

Law sah sich den Toten gar nicht erst noch mal an, sondern ging gleich zum Wagen zurück. Er wusste dass er nichts weiter finden würde, was auf die anderen Fälle hinweist. Er ging zurück zum Wagen und wartete auf Drake, der auch bald darauf erschien.

„Du hast dir nichts weiter angesehen?“, fragte Drake verwundert.

„Wozu? Ich werde nichts finden, was mir nützlich wäre.“

Law stieg in den Wagen ein und sie fuhren los. Zurück im Präsidium legte Law sich alle Teile des Anhängers, wo er hoffte, dass es ein und der selbe Anhänger war, bei allen Stücken, auf seinen Tisch und schob sie eine Weile hin und her, bis er das Muster eines Kreuzes hatte, in dem nur noch drei Teile fehlten.
Er betrachtete es eine Weile und klebte sie dann zusammen. Als er sich darauf hin umdrehte und an die Karte sah, viel ihm das Muster der Pinnnadeln auf. Er stand auf und legte das Kreuz hinein. An jedem Pinn war ein Stück des Anhängers. Er bemerkte nicht wie sein Kollege ins Büro kam und erschrak umso mehr, als dieser ihn ansprach.
Als er die Stimme von Drake vernahm, fuhr er herum und sah Drake erschrocken an. Er hatte plötzlich das Gefühl, als würde etwas weg sein, was vor ein paar Sekunden noch da war, wie als hätte er plötzlich auf gehört zu denken und hätte jetzt vollkommene Stille im Kopf.

„Alles in Ordnung?“ fragte Drake, nachdem Law ihn nur anstarrte.

Law schüttelte kurz mit dem Kopf und rang sich zu einem Ja durch. Er war noch ziemlich durcheinander und immer wieder spukte ihm dieser Junge im Kopf umher, dabei war es nur ein Traum.

„Was machst du da?“

„Nichts, hab nur etwas ausprobiert.“

„Und funktioniert, was du ausprobieren wolltest?“

„Ja, was wenn es ein Muster gibt und ich dir die nächsten und letzten drei Orte sage?“

„Wäre schön, damit wir endlich fertig werden.“

„Aber zwischen den Fällen muss doch noch ne andere Verbindung sein, außer diesem Kreuz“, sagte Law nachdenklich.

„Er wird doch nicht wahlweise Leute herausgesucht haben.“

„Was wenn doch, wenn er nur diesem Muster dort folgt.“

„Ich denke das ist zu einfach. Gib mir mal die Akte des neuen Falls“, bat Law und nahm sie entgegen als Drake sie ihm reichte.

Er schlug sie auf und las eine Weile, ehe er wieder auf die Karte sah und dann wieder auf die Akte. Daraufhin nahm er die von dem ersten Fall und verglich es mit dem letzten.

„Gab es da in der Nähe dieses Musters ein Labor?“

„Wie kommst du darauf?“

„Weil viele dieser Menschen mit Labormedizin, Labortechnik und Geheimdienst zu tun haben, oder auch Verwaltung.“

Plötzlich wurde Law schwindlig und er setzte sich.

„Wirklich alles in Ordnung? Du bist so oft abwesend die letzte Zeit.“

„Geht mir gut. Nur lässt mich ein Traum nicht mehr los“, sagte Law leise und erzählte Drake seinen Traum kurz.

„Hey warte mal“, sagte Law daraufhin und drehte sich zu seinem Rechner um.

Er tippte einen Namen ein, der ihm gerade einfiel und klickte auf Enter. Der Computer spukte ihm zwei Personendaten aus, aber nur eine der beiden verlangte Laws Interesse. Er klickte den anderen weg und sah sich den Jungen mal etwas genau an.
Er wirkte auf dem Bild ganz normal. Blaue Augen, bisschen längliches Haar, etwas dünn, aber nicht übermäßig und keine Angst lag in seinen Augen. Er sah sich die Daten an und drehte sich nach einer Weile zu Drake um, der recht dicht gekommen war und ihm über die Schulter geguckt hatte.

„Woher weißt du von ihm?“

„Das ist der Junge von dem ich dir eben erzählt habe.“

„Sieht ganz normal aus der Kleine.“

„Ja, ich weiß, aber hier steht, er wurde 1982 geboren und ist aufgewachsen in der Nachbarstadt, also nicht hier. Er lebte letztlich allein, weil seine Eltern beide ins Ausland gingen. Er zog dann hierher und hat sich bei der Forschung beworben. Nach drei Jahren, die er hier lebte, wurde er von Freunden als Vermisst gemeldet, was jetzt schon fast zwei Jahre her ist und er wurde bisher noch nicht gefunden.“

„Meinst du, er hat was mit den ganzen Fällen zu tun?“

„Ich weiß nicht, auf jeden Fall träum ich nun schon fast jede Nacht von ihm, als ob er nach mir ruft.“

„Wir sollten mal sehen, wo das Labor ist, vielleicht finden wir da etwas.“

„Gut Idee. Lass uns gleich los“, meinte Law nur noch und schnappte sich seine Jacke, die er zuvor auf einen Stuhl geworfen hatte.

Sie mussten recht lange suchen, um überhaupt ein Gebäude zu finden, dass einem Labor annähernd ähnlich sah. Aber es bestand nur aus einem kleinen Gebäudekomplex, was Drake etwas stutzig machte.

„Das kann nicht alles sein. Da fehlt garantiert noch was. Die Forschung die hier betrieben worden ist, brauchte mehr umfang“, sprach Drake seine Zweifel aus.

„Lass uns doch den Pförtner mal fragen, wie der Grundriss hier aussieht, vielleicht lässt sich daraus was machen.“

Der Pförtner sah die beiden etwas verwirrt und auch ein wenig misstrauisch an, gab dann aber Pläne von dem gesamten Gebäudekomplex heraus. Wie sich herausstellte, war dies hier zwar das Hauptgebäude, aber längst nicht der Zentrale Punkt für die Forschen.
Es verliefen mehrere Tunnel unterhalb der Erde zu verschiedenen Häusern, wo noch mehr kleine Laboreinrichtungen eingezeichnet waren. Es verlief wie ein Spinnennetz durch die Stadt verlief. Selbst außerhalb ihres Untersuchungsbereiches gab es noch kleine Forschungseinrichtungen.

„Könnte man sich in diesem Kellersystem umsehen?“

„Wenn sie wert darauf legen noch etwas länger zu leben, dann schnüffeln sie hier lieber nicht herum.“

„Na ja, uns wird nicht anderes übrig bleiben, weil wir die ganze Ermittlung für unsere Mordfälle brauchen.“

Law starrte eine ganze Weile auf das Netz aus Gängen und Tunneln und Gebäuden. Bis ihm etwas auffiel.

„Was ist das dort?“, fragte er leise und zeigte in die Mitte eines größeren Kreises, der ein Stück außerhalb des eigentlichen Mitteltrackts entfernt lag.

„Das ist das eigentliche Hauptgebäude“, sagte der Mann missbilligend, als er bemerkte, dass seine Worte Law nicht umstimmen konnten.

Wie kommen da hin?“, fragte Law weiter.

Er hörte wieder das Flüstern, welches vorhin, als Drake ihn aus seinen Gedanken gerissen hatte, plötzlich verschwunden war. Es war, als wären es die wirre Gedanken des Jungen, der verwirrt war und nicht mehr wusste, was er tun sollte.
Hass schwang in dem Flüstern mit, aber auch Angst. Angst vor etwas was Law sich nicht vorstellen konnte. Er wusste, dass dort etwas war, was für ihn selbst wichtig war, jedoch aber auch den Fall weiterbringen könnte, vielleicht sogar den Fall lösen konnte.

„Ich rate ihnen noch einmal, sich da raus zuhalten“, sagte der Mann nachdrücklich.

Als er aber Laws Blick sah, der ihm sagte, wie ernst er es meinte, sagte er gar nichts mehr und schrieb einfach die Adresse auf und übergab Drake den Zettel.

„Das ist die Adresse, wo sie das Labor finden, aber sie werden dort niemanden antreffen, der sie hineinlässt. Mister Karlson ist vor kurzem verstorben.“

„Das wissen wir bereits, er steht mit auf unserer Liste der Fälle. Wir werden schon hineinkommen. Wie gelangen wir von dort in das Labor?“

„Über den Keller. Es existiert eine geheime Tür, die in ein weiteres Untergeschoss führt, von da aus führt nur ein Weg ins Labor, sie können es nicht verfehlen. Das einzige was ihnen auf dem Weg dorthin passieren kann, ist das ihnen ihr Bewusstsein abhanden kommt“, meinte der Mann abfällig.

„Wie kommt es das sie so gut Bescheid wissen?“, fragte Drake misstrauisch.

„Ganz einfach, ich bin einer der engsten Angestellten vom Mister Karlson gewesen. Ich hab dort unten oft mit ihm im Labor gearbeitet.“

„Dann könnten sie uns praktisch hinführen?“

„Nein, bedauere, ich kenne den Weg nicht. Mister Karlson war sehr vorsichtig, er hat mich nie wissen lassen, wo er mich hinbrachte.“

„Na gut wir finden den Weg auch allein. Ihre Adresse brauchen wir noch, falls wir noch fragen haben.“

Widerwillig schrieb der Mann seine Adresse samt Telefonnummer auf und gab den Zettel an Law weiter. Dieser packte den Zettel ein und sah zu Drake, welcher nickte und sich schon verabschiedete um zum Wagen zurück zugehen.

„In Ordnung, ich denke wir werden uns auf jeden Fall noch einmal melden und noch ein paar Fragen stellen, aber für den Moment wissen wir erst mal was wir wissen wollten. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag und passen sie die nächste Zeit besonders auf, sie leben in keiner ungefährlichen Gegend“, sagte Law noch und drehte sich um, um zu gehen.

„Ich weiß was sie meinen, sie brauchen keinen Hehl daraus machen.“

„So? Was wissen sie denn?“, wollte Law nun wissen und drehte sich wieder um.

Der Mann sah ihn ärgerlich an. Law wusste, dass der Mann dies nicht sagen wollte und blieb gerade deshalb hartnäckig. Er sah dem Mann starr in die Augen. Das Flüstern in Laws Kopf wurde ein wenig lauter, drängender. Er versuchte es zu ignorieren.
Bis er den Jungen hinter dem Mann stehen sah. Blutrote Augen, Tränen die seine Wangen hinunterliefen und noch dünner, als wie er ihn das erste Mal sah. Als der Junge den Mann grimmig und voller Hass ansah, drängte Law ihn zurück.
Versuchte über seine Gedanken, den Jungen von seinem Tun abzubringen. Der Junge sah Law einen Moment an und zog sich zurück. Law wusste innerlich, dass es den Jungen wirklich gab, das es kein Traum war, jedoch konnte er nicht sagen, wie dies gehen sollte.
Er sah wieder den Mann an, dem der kalte Angstschweiß auf der Stirn stand.

„Sie haben es gespürt, habe ich Recht? Sie spüren die Anwesenheit des Jungen.“

Der Mann nickte.

„Wer ist dieser Junge?“

„Ich weiß es nicht. Mister Karlson erzählte mir mal etwas von einem Sohn, der vor mehr als zwei Jahren gestorben sein soll, aber er hat nicht über ihn gesprochen, weder vor dem Vorfall, noch danach.“

„Dieser Junge war sein Sohn?“

„Ja.“

„Wissen sie, warum er nie darüber sprach?“

„Er war immer in seine Arbeit vertieft und hatte keine Zeit für seine Kinder. Die Tochter ist seit Jahren ausgezogen, seine Frau hat ihn verlassen, doch von dem Sohn wusste keiner, bis zu dem Tag, an dem er erzählte, das sein Sohn gestorben sei.“

„Wissen sie woran der Junge gestorben ist?“

„Wahrscheinlich an einer seltenen Krankheit, auf jeden Fall hatte Mister Karlson immer fieberhaft nach einem Medikament geforscht.“

„Wie hieß der Junge?“

„Dean. Er war gerade 17 Jahre alt geworden, wurde uns erzählt.“

„Begleiten sie uns in das Labor. Ich will wissen was sich da unten abspielt und das können nur sie mir erzählen.“

„In Ordnung“, sagte der Mann resignierend.

Law spürte, wie in dem Mann etwas zerbrach. Er hörte es klirren. Das Flüstern wurde leiser, als Law in den Wagen stieg und Drake anwies loszufahren. Law lehnte sich an und schloss die Augen.

„Was ist los? Du siehst blass aus, als hättest du die letzten Nächte durchgemacht“, stellte Drake fest.

„Das hab ich“, sagte Law leise und schlief einen Moment ein.

Dean, der Junge, stand wieder vor ihm, berührte seine Lippen sanft mit den Fingern. Das Rot seiner Augen war einem sanften Blau gewichen, die Tränen waren getrocknet und der Hass aus seinen Augen war verschwunden und wurde durch Sanftmut ersetzt. Law lächelte leicht und gab dem Jungen zu verstehen, das er verstanden hatte, was er von ihm wollte. Er strich dem Jungen sanft durchs Haar und öffnete die Augen wieder.

„Befrei mich bitte“, hörte Law die Stimme Deans noch nachhallen in seinem Kopf.

Law sah kurz zu dem Mann, der völlig verstört auf dem Rücksitz saß. Es war schon komisch. Eben noch wollte er sie schnellstmöglich loswerden und jetzt wollte er plötzlich nicht mehr allein sein. Er hatte Panik in den Augen stehen, Panik vor dem was ihn erwartete, wenn der Junge die Möglichkeit bekam, mit ihm allein zu sein.

„Wir sind da“, riss Drake ihn wieder aus seinen Gedanken.

Law sah auf. Das Haus wirkte leer und ein wenig bedrohlich auf ihn. Als er das letzte Mal hier war, hatte er nichts von all dem gespürt. Es war ein ganz normales Haus. Doch jetzt. Jetzt war dort drinnen etwas, was ihn ängstigte, was den Jungen ängstigte.

„Kommen sie, sie müssen uns begleiten“, sagte Law durchdringlich und wandte sich an den Mann auf dem Rücksitz.

Dieser erschrak, als er Laws Stimme vernahm und sah ihn aus angsterfüllten Augen an.

„Was verdammt ist in diesem Haus, was ihnen solche Angst einflösst?“, fragte Law nun laut.

„Sie können sich nicht vorstellen, womit er geforscht hat. Es sind einfach die Erinnerungen an dieses Labor“, sagte Mann leise und erschrak als Law ihm in die Augen sah.

Für einen Moment überschnitten sich Laws Augen mit denen Deans. Der Mann wich zurück und stieg aus. Law kletterte ebenfalls aus dem Auto.

„Vor dem Jungen können sie nicht davon laufen. Er ist seit Jahren ein Teil von mir. Seit ich ihn damals in dem Park traf, besuchte er mich jeden Tag, jede Nacht“, sagte Law leise und beobachtete den Mann.

„Glauben sie wirklich sie können den Jungen aufhalten? Glauben sie wirklich, nur weil er ein Teil von ihnen ist, können sie ihn davon abhalten weiter zumachen?“

„Es ist nicht der Junge, der dies verursach und deswegen will ich wissen, was dort unten ist.“

„Ich übrigens auch und dann hätte ich gern ein paar Erklärungen, über welchen Jungen ihr da sprecht“, sagte Drake nun und ging zur Eingangstür.

Law schob den Mann vor sich her und ging als letzter ins Haus. Als er diesmal das Haus betrat, wurde das Flüstern in seinem Kopf für einen Moment unerträglich laut, so dass er kurz das Gleichgewicht verlor und gegen die Couch fiel, sich aber im letzten Moment wieder fing.

„Law? Alles in Ordnung?“, fragte Drake etwas besorgt.

„Ja, es geht schon.“

Beinahe wie ein Streit erschien ihm das Flüstern nun, nur zwischen wem. Mit wem stritt Dean? In dem Keller angekommen, suchten der Mann und Drake nach einem Hebel oder Schalter, während Law sich umsah. Mit einem lauren Surren schwang eine Tür dicht neben Law auf.
Er sah Drake einen Moment an und ging dann hindurch. Als er sah, das der Tunnel immer dunkler wurde, nahm er die Taschenlampe am Eingang mit, welche er jedoch nach kurzen Schritten nicht mehr brauchte, denn ab einer bestimmten Stufe die sie noch hinunter mussten, flackerten die Fackeln den Wänden auf und erhellten en Tunnel.
Der Mann ging voran, dann Drake und Law folgte beiden als letzter. Law hörte noch immer das Flüstern doch war es auf erträgliches Maß abgeschrumpft. Er spürte, wie Dean ihn umarmte und begleitete. Sich an ihm festhielt und Schutz suchte. Law gewährte ihm diesen Schutz und hielt ihn gedanklich fest.

Als sie in das Labor kamen, stockte Law der Atem. Was er da sah, war kaum vorstellbar. Es war ein riesiges Labor, mit den teuersten Einrichtungen und Elementen zur Forschung. An den Wänden waren Regale aufgereiht in denen viele Gefäße mit eingelagerten Organen standen.
Missbildungen aber auch einfach unvorstellbare Formen, wo er nicht zu deuten vermochte was dies sein sollte. Er ging langsam durch den Raum, sah sich alles genau an und beobachtete dabei den Mann, der mittlerweile kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand.
Drake fragte ihn über die Dinge aus, die hier von statten gegangen sind und versuchte herauszufinden was hier alles passiert ist. Law hingegen versuchte einen Grund für Deans Erregung zu finden. Was war hier unten, was dem Jungen solche Angst machte, was ihn nicht frei ließ.
Eine ganze Weile fand Law nichts, dann entdeckte er einen Hebel der eine Weitere, leicht versteckte und nicht gleich sichtbare Tür, öffnete. Law betätigte den Hebel und konnte sehen, wie Drake und der Mann erschraken. Law kümmerte dies nicht, er ging in den Raum und sah sich wie beiläufig das riesige Gefäß in der Mitte des Raums an.
Es war mit einer Flüssigkeit gefüllt, welches wie Wasser wirkte, jedoch etwas anderes war. In der Gefäßmitte war ein Junge, welchen Law als Dean erkannte, an kleine Mirkofäden angeschlossen, die ihn mit Sauerstoff und Nahrung versorgten. Doch dieser Junge war anders, als der Dean der Law die ganzen letzten Jahre begleitet hatte. Der Junge in dem Gefäß wirkte böser und produzierte den Hass, den Law schon die ganze Zeit über spürte.
Trotz des Wassers, der Lösung, sah man die roten Tränen aus den Augen laufen.

Law spürte wieder Deans Umarmung.

„Bitte befrei mich, mach das er verschwindet und mich in Ruhe lässt“, sagte Dean leise zu ihm.

„Du bist dieser Junge, hab ich Recht?“

„Ja, aber ich bin es auch nicht. Wir waren immer zwei. Ich und er“, sprach Dean leise.
„Dieser Körper ist nicht meiner. Vater hat ihn erschaffen um mich zu heilen, weil mein eigener Körper nicht mehr stark genug war zu leben. Doch das Einzige was er tat, war mich in diesen Körper zu sperren und das mit dem Geist zusammen, der diesem Körper angehört, der so wütend über das alles war.“

„Er bringt all die um, die je mit der Sache zu tun hatten. Richtig?“

„Ja!“ , sagte Dean leise und sah Law traurig an.

„Wie kann ich dir helfen?“

„Stell die Maschinen ab, wies mein Vater versucht hat.“

„Warum hat er’s nicht geschafft?“

„Er war zu schwach um sich gegen ihn zu wehren. Doch ich weiß, dass du es kannst. Bitte. Befrei mich von ihm!“, bat Dean verzweifelt.

Law ging auf die Geräte zu und sah sie sich einen Moment an, dann wandte er sich an den Mann und Drake, die ihn beide beobachtete hatten. Sie konnten Dean nicht sehen, für sie führte Law Selbstgespräche.

„Wie stell ich diese Geräte ab?“, fragte Law den Mann.

Dieser ging auf ihn zu und sah sich selbst die Geräte an.

„Warum wollen sie das tun?“

„Weil ich jemandem helfen muss der hier festhängt und gerne frei wäre“, meinte Law durchdringlich und sah den Mann an.

Dieser resignierte und erklärte ihm alles. Während sie die Geräte ausstellten, wurde das Flüstern in Laws Kopf wieder unerträglich laut, doch kämpfte er dagegen an, das Bewusstsein zu verlieren. Drake sah den beiden zu und wusste nicht was da geschah.
Als auch die letzte Maschine aus war, konnte Law einen Ruck durch seinen Körper spüren und sank zu Boden. Drake fing ihn auf und hielt ihn im Arm. Law sah noch wie der Geist des Körpers sich von diesem lossagte und auch den Hass abschüttelte, während Dean zu ihm kam und ihn lächelnd ansah. Auch Drake sah ihn nun.

„Danke“, sagte Dean leise und küsste Law sanft auf die Lippen, ehe er sich verabschiedete.

Law verlor kurz darauf sein Bewusstsein und wurde erst im Krankenhaus wieder wach. Die Mordfälle waren von dann ziemlich schnell zur Seite gelegt worden und alle auf Selbstmorde erklärt worden.

„Na, wie geht es dir?“, fragte Drake ihn, als Law ihn ansah.

„Wieder besser, aber jetzt vermiss ich Dean“, sagte Law traurig.

„Ihm geht es gut. Er hat gelächelt“, sagte Drake sanft.

„Du musst noch eine Weile hier bleiben im Krankenhaus zur Beobachtung. Schlaf noch etwas.“

„Ja“, meinte Law nur noch und schlief ein.

Und noch während er zum Teil im Wachzustand war, sah er Dean lächelnd vor ihm stehen.

„Jetzt pass ich auf dich auf“, sagte Dean leise und verschwand.

Law schlief ein.

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