Unberechenbar

Was passiert, wenn man total verknallt ist bzw. Dauertermine beim Zahnarzt hat und dort stundenlang im Wartezimmer hocken muss? Lest es selbst. 😉 Ein dickes Dankeschön an ToWa und Gaius. Ich weiß, ihr habt es nicht leicht mit mir. *knuddel*


*-*-*

Alles begann an einem ganz normalen Abend, wie so viele zum Anfang des Sommers. Leise vor mich her fluchend, taumelte ich langsam auf dem Fußweg hin und her. Warum war ich bloß auf diese bescheuerte Abi–Party gegangen? Ah ja, Herr Walter hatte Geburtstag gehabt und weil er der coolste Klassenlehrer aller Zeiten war, richtete man ihm zu Ehren natürlich eine Feier aus, wo jeder – wirklich jeder – zu erscheinen hatte.

Eigentlich war es von vorne herein klar, dass Herr Walter sich 22 Uhr vom Strand verabschieden und man dann das härtere Zeug auspacken würde. Im Grunde genommen war es ja auch ganz lustig gewesen, alle mal so abgedreht zu erleben. Aber das hatte mir auch die derzeitige Situation eingebracht.

Wenn man für alle eigentlich wie Luft war, konnte man solche Partys nur mit genügend Alkohol überleben. Zumindest hatte ich es bisher so gehalten. Doch dann machten sich die vielen Wodka–Energys bemerkbar, weswegen ich in den Wald stolperte. Nein, nicht um mich zu übergeben. Meine Eltern tranken gerne mal ein Glas Wein zum Abendbrot, wodurch ich mit meinen knapp achtzehn Jahren schon etwas vertrug. Ich musste schlichtweg mal pissen.

Also schlug ich mich ins Grüne, erleichterte mich und war gerade dabei, zum Strand zurückzutapsen, als ich über eine Person stolperte, die friedlich in Fötushaltung auf dem Erdboden schlief. Zu meinem „Glück“ war es auch noch der coolste Typ der gesamten Schule und keiner seiner bescheuerten Freunde in der Nähe, die sich um ihn kümmern könnten.

Toll – ganz toll!

Jegliche Versuche, ihn vollkommen zu wecken, scheiterten kläglich, weswegen ich ihn im halbwachen Zustand genervt seufzend aufhalf und einen seiner Arme um meine Schulter legte. Gemeinsam taumelten wir nun nach Hause. Ich war echt froh, dass dieser Schönling nicht so weit vom Strand weg wohnte, denn zu allem Übel stieg mir neben dem widerlichen Gestank von Jägermeister auch noch der natürliche Duft von Ean in die Nase.

Wieso musste auch gerade ich den leckersten Typ mit dem geilsten Körper durch die Gegend schleppen?!?! Ich wartete doch nicht ohne Grund nach dem Sport bis alle mit duschen fertig waren, da lediglich ein freier Oberkörper meine Hormone durchdrehen ließ. Und nun ihm, diesem Weiberhelden, so nahe …

Ein Stein, der zu weit aus dem Fußweg ragte, brachte uns beide zum stolpern und mich zurück in die Realität beziehungsweise zur Besinnung. Endlich sah ich Eans Haus, also nur noch wenige Meter, bis ich diesen Typen endlich los hatte und selbst heim gehen konnte. Vorher erwarteten mich jedoch ein paar Geduldsproben.

Es war schon schlimm genug, dass ich den Hausschlüssel aus seiner Hosentasche kramen musste, aber ihn in der kleinen Villa die Treppen hochschleppen zu müssen und noch grob beim ausziehen zu helfen, war fast schon zu viel. Schnaufend wischte ich mir den Schweiß von der Stirn und deckte Ean fürsorglich zu.

Lediglich mit Boxers bekleidet und so von nahem betrachtet, sah dieser Typ noch viel besser aus. Ich konnte gut verstehen, warum so viele Mädchen für ihn schwärmten und der sich die Mädels raussuchen konnte – was er auch ständig tat. Wenn dieser Schönling eine Freundin mehr als zwei Wochen hatte, war das lang.

Gott, er sah wirklich niedlich aus, wie er so mit leicht geöffnetem Mund auf dem Rücken dalag, einige Strähnen seiner schwarz gefärbten Haare im Gesicht. Zögerlich hob ich meine Hand, strich diese beiseite und streichelte ihm über die Wange, worauf er begann etwas zu schnurren. Sofort begann mein Herz in Highspeed zu schlagen.

Sollte ich es wirklich wagen? Mitkriegen würde es Ean sowieso nicht, so tief und fest wie er schon wieder schlief. Und wenn, würde er es eh als Traum abstempeln, den er im Suff hatte – als schlechten Traum. Ich wusste, dass es unrecht war, falsch, absolut nicht gut. Trotzdem beugte ich mich langsam runter, hielt kurz inne, um mit meinen Fingern über seine Lippen zu streichen, bevor ich ihn dann doch küsste.

Eigentlich war es nur eine leichte Berührung, fast schon weniger als ein Hauch. Aber langsam wurde es immer intensiver und als ich realisierte warum, bekam ich eine kleine Panikattacke. Ean begann den Kuss zu erwidern! Erschrocken versuchte ich mich von dem vermeidlich Schlafenden zu lösen, doch kaum merkte dieser, dass ich weg wollte, schlang mein Klassenkamerad seine Arme um mich und drücke mich somit dicht an sich.

Schwer stützte ich mich ab, um nicht ganz auf den Anderen zu fallen und riss meine Augen weit auf. Als er allerdings die Zunge in meinen Mund stecken wollte, war es aus. Ich holte ein klein wenig aus und versetzte Ean einen Faustschlag in die Nierengegend. Tief holte ich Luft, als ich endlich wieder frei war und setzte mich auf, genauso wie mein „Opfer“.

„Dafür, dass du so zierlich bist, schlägst du ganz schön hart zu“, säuselte er und begann meinen Nacken zu kraulen.

„Ich muss jetzt gehen“, sagte ich schnell und stand schon auf.

Doch mein Mitschüler bekam mein Handgelenk zu packen und zog mich mit so einem kräftigen Ruck nach hinten, dass ich mit dem Rücken der Länge nach auf dem Bett landete. Und keine zwei Sekunden später thronte Ean über mir und begann mich erneut zu küssen. Wäre ich nicht so panisch und verwirrt gewesen, hätte ich es bestimmt mehr genießen können. Aber die plötzliche Zuneigung dieses Schönlings machte mir einfach Angst, was er wohl schlussendlich auch bemerkte.

„Schsch …, ganz ruhig“, versuchte er mich zu beruhigen und legte seine glühende Stirn an meine.

Bitte? Wie sollte denn das funktionieren, wenn er mit seinem gesamten Körpergewicht auf mir saß und meine Arme auf die Matratze presste?!

„Dann lass mich los“, sagte ich leise.

„Geht nicht. Du würdest nur versuchen, wieder abzuhauen.“

„Komm schon, hör auf mit dem Scheiß“, wagte ich einen letzten Versuch.

„Hey, du hast damit doch angefangen“, säuselte mir Ean ins Ohr, wobei sein heißer Atem meine Haut streifte und eine wohlige Gänsehaut hervorrief.

‚Shit, ich muss hier sofort weg!‘

„Du bist echt nicht ganz bei Verstand!“

Bei diesen Worten hielt mein Klassenkamerad inne und sah mich mit seinen fiebrig glänzenden Augen intensiv an.

„Du hast recht. Das bin ich wirklich nicht. Aber wessen Schuld ist das? Wer hat sich denn an wen rangemacht? Wer hat hier wen geküsst, hm?“

Seinem Blick konnte ich nicht lange standhalten und wand mich schon nach wenigen Sekunden ab – soweit das in dieser Position überhaupt möglich war. Er schien das allerdings für ne Einladung zu halten, denn Ean beugte sich sofort zu mir runter und saugte sich an meinem Hals fest. Und als ob das nicht genug wäre, rieb sein Becken intensiv an meinem, was die entsprechende Reaktion bei mir auslöste: Ich stöhnte heißer auf.

„So ist es gut. Lass dich einfach fallen. Ich mach den Rest“, grinste Ean triumphierend und zog mir mein Shirt aus.

Irgendwie brachte ich nicht mehr die Kraft auf, mich weiter zu wehren. Sekunden später lag ich nackt unter meinem Mitschüler und genoss es einfach, wie er jeden Zentimeter meines Körpers mit seiner Zunge bearbeitete. Erst als ich es kaum mehr aushielt, streifte er sich ein Kondom über und trieb uns beide zum genialsten Höhepunkt, den ich seit langem hatte.

Total verschwitzt lag ich auf der Seite und versuchte krampfhaft meinen Herzschlag zu normalisieren. Ein Blick auf den Radiowecker ließ mich etwas schmunzeln. Dafür,  dass das Ganze nicht länger als fünfzehn Minuten angedauert hat, war es echt nicht schlecht gewesen.

Ean schlang von hinten seine Arme um mich und zog mich dicht an sich heran. Eigentlich war es draußen echt warm genug, aber trotzdem kuschelte ich mich so sehr es ging an ihn. Es tat so gut, danach mal länger liegen bleiben zu können und noch etwas zu schmusen. Ich spürte, wie Eans Atem sich normalisierte und er langsam zur Ruhe kam. Und dann, kurz bevor er einschlief, hauchte er mir zuckersüße Worte ins Ohr, die ich nicht so schnell vergessen sollte:

„Du bist echt das heißeste Mädchen, was ich jemals gehabt habe.“

*

Es war Montag und ich saß grummelnd in der Umkleide. Ich gab längst auf,  alle blauen Flecke zu zählen, die ich heute beim Fechttraining verpasst bekommen hatte. Der Trainer war die gesamte Zeit am maulen, ich wär total unkonzentriert – und er hatte recht. Das restliche Wochenende verkroch ich mich auf mein Zimmer, nachdem  ich leise aus Eans Bett geflohen war.

Ean … der hatte mich doch echt für nen Mädchen gehalten. Er muss mehr getrunken haben, als ich dachte, denn einige anatomische Dinge waren ja wohl eindeutig! Und an ein paar Lippen rumgeleckt hat er schließlich nicht – naja, nicht nur. Auf jeden Fall stempelte ich alles als die dämlichste Aktion ab, die ich jemals durchgezogen hatte.

Verstimmt rubbelte ich ein letztes Mal mit dem Handtuch über meine Haare, um diese trocken zu kriegen und warf es dann achtlos in meinen Spind. Dank meiner „tollen“ Leistungen schickte mich der Trainer früher in die Pause, weswegen ich jetzt massig Zeit hatte – Zeit für bescheuerte Gedanken. Um mich etwas abzulenken,  sammelte ich meine Klamotten zusammen, zog mich rasch an und versuchte mich seelisch und moralisch auf die Unterrichtsstunde Mathe vorzubereiten.

Mal davon abgesehen, dass ich bisher Ean prima aus dem Weg gehen konnte, weil er andere Kurse belegte, hatte ich auch die Hausaufgaben vergessen, welche wir bis heute aufgehabt hatten. Gedanklich suchte ich mir schon alle Bücher zusammen, die ich dazu benötigte, als die Tür zur Sporthalle klapperte und laut lachende Typen die Umkleide betraten. Im Grunde genommen hatte ich kein Problem,  aus meiner dunklen Ecke im äußersten Winkel des Raumes zu kriechen, an denen vorbei zum Ausgang hin. Aber Eans Stimme ließ mich regelrecht erstarren.

„Sag mal, Ean. Was’n heute mit dir los? Sonst steckst du ne Fete doch locker weg.“

„Im Gegensatz zu dir, Thomas, liegt meine Kondi nicht am Alk, sondern an einer heißen Nacht.“

Ein ‚Uhhhhh‘ ging durch die komplette Basketballmannschaft, dann wurde es ruhig. Zwar standen mir nicht wenige Spindreihen im Blickfeld, aber ich konnte mir bildlich vorstellen, wie sich alle um Ean scharrten und ihn mit großen Äuglein regelrecht anbettelten, alles von der Nacht zu erzählen. Der Typ ließ sich gleich ordentlich feiern, denn bevor er begann was zu sagen, ließ er sich gut eine halbe Minute Zeit.

„Also … Es war in einer lauen Sommernacht …“

Ein Feixen ging durch die Runde.

„Ich lag in meinem Bett, nur mit Boxers und hatte keine Ahnung, wie ich vom Strand da hingekommen war. Geweckt wurde ich durch ihre süßen Lippen und diesen betörenden Duft, der überall an ihr klebte.“

Shit, was war der Typ für ein Poser.

„Hat sie dir einen geblasen?“

Wieder Gelächter.

„Nein du Trottel. Sie hat mich geküsst.“

„Dann bist du wohl das neue Dornröschen?“

War ich hier in der Umkleide eines Gymnasiums oder im Kindergarten???

„Ey, ihre Lippen waren total heiß und ihr Körper auf meinen … Ihr Duft …“

„Boar, du klingst fast so fanatisch,  wie der Typ aus ‚Das Parfüm‘.“

„Erzähl mal, wie war sie gebaut? Handlich oder eher was zum anpacken?“

„Genau, hatte sie Melonen oder Äpfel?“

Alles klar, das Basketballteam war wirklich weich in der Birne.

„Keine Ahnung …“

„Wie jetzt?“

„Na keine Ahnung halt. Ich kann mich kaum an sie erinnern. Nur das sie übelst weiche Lippen hatte, nen geilen heißen Körper und voll den knackigen Arsch.“

Wieder ging Gegröle durch die Reihen.

„Sicher, dass du das nicht nur geträumt hast?“

„Man, mein Bett war total versaut und im Papierkorb lag ein gebrauchtes Kondom. Außerdem klebte an meiner Decke und Kopfkissen ihr lieblicher Duft.“

„Klingt ja nach ner wilden Nacht.“

„Und wie wild.“

Ich hörte Stoff rascheln, danach das Raunen der Jungs.

„Scheiße, wie siehst du denn aus.“

„Die Kleine beißt ja.“

„Und kratzt“

„Boar und woher hast du den riesigen blauen Fleck an der Seite?“

„Na,  drei Mal darfst du raten“, meinte Ean und mir wurde spontan schlecht. Hatte ich mich wirklich so gehen lassen?

„Also das nen ich wirklich wild.“

„Ich war so fertig, dass ich fast sofort hinterher eingepennt bin. Und am nächsten Morgen war sie weg.“

„Oh, böse Falle. Frauen stehen auf kuscheln danach.“

„Genau. Kein Wunder warum sie sich verzogen hat.“

„Ich muss aber wissen, wer sie ist. Überlegt noch mal. Ihr habt mich echt mit keiner weggehen sehen?“

„Ne, du wolltest in den Wald pissen gehen und dann warst du weg.“

„Toll und ihr kamt nicht mal auf die Idee,  nachzugucken wo ich bleibe?“ Ean klang schon etwas verärgert.

„Hey, wir mussten uns um die Mädels kümmern.“

„Wenn‘s nach euch gegangen wäre, hätte ich im Wald übernachtet.“

„Warte mal Ean. An dem Abend waren eigentlich nur die Frauen aus unserer Klasse am Strand. Ach und die Freundinnen von Philipp, David und Mark.“

„Ausgeschlossen. Erstens pack ich keine besetzte an – wenn ich’s denn weiß – und zweitens unsere Mädels kenn ich schon. Die riechen anders.“

„Man,  du hast voll den Fetisch.“

Wieder kicherte alles. Dann meldete sich einer zu Wort, der bisher recht ruhig gewesen war.

„Du Ean. Ich bin mir zwar nicht sicher, aber als ich die Biere wegschaffen gehen wollte, hab ich glaube gesehen, wie Sasha dir aufgeholfen hat.“

Was??? Panik!!! Mir wurde auf einmal übelst heiß und mein Herz begann hart in meiner Brust zu schlagen.

„Säääsh unser Deprikücken? Wie soll er das mit seinen dünnen Ärmchen gepackt haben?“

Was sollte die Scheiße? Wie oft muss ich denen noch sagen, dass in meinem Namen kein einziges Ä drin vorkommt. Ich hieß Sasha verdammt noch mal und bei dem Anblick solcher Typen in der Klasse, kann man ja nur finster drein schauen.

„Halt die Klappe, Thomas. Während du versucht hast, vergebens eine abzuschleppen, hat Sasha mir wenigsten geholfen.“ Trotz das Ean so ein Macho war, hatte er einen seltsamen Sinn für Gerechtigkeit. Ein Punkt mehr, dass der Typ mir nicht geheuer war.

„Hey man, ich hab mich doch schon entschuldigt, okay. Außerdem ist doch jetzt alles easy. Im Anschluss haben wir Mathe und da kannste Säsh nach der Perle fragen.“

„Endlich mal intelligente Worte aus deinem Mund. Dann lasst uns mal duschen, hier stinkt‘s irgendwie nach Iltis“, gab Ean das Kommando und Bewegung kam in die Sache.

Ich konnte hören, wie das Team sich auszog und einer nach dem anderen in der Gemeinschaftsdusche verschwand, nicht ohne weitere dumme Kommentare. Erst als ich mir hundert pro sicher war, dass keiner mehr bei den Spinden stand, gab ich mir einen Ruck und flüchtete regelrecht aus der Umkleide Richtung Bibliothek.

Nicht unbedingt um meine Hausaufgaben zu machen, sondern weil sich dort kaum Leute aufhielten. Wie ein Tiger im Käfig lief ich hinter ein paar Bücherregalen auf und ab, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können. Ich hatte absolut keine Ahnung, wie ich da wieder rauskommen könnte. Wenn Ean erfuhr, dass ich die nächtliche Besucherin war … er würde es mir eh nie glauben.

‚Moment mal.‘ Ich blieb abrupt stehen. ‚Der eine Typ hatte nur gesehen, wie ich Ean im Wald aufgeholfen hab, nicht wie ich ihn nach Hause oder bis aufs Zimmer schleppte. Genau! Ich hab ihn nach Hause gebracht und mich von ihm VOR dem Haus verabschiedet. Mehr weiß ich nicht, ganz einfach!‘

Gerade als ich das für mich entschieden hatte, klingelte es zur Stunde. ‚Was? Jetzt schon?‘ Schnell schnappte ich mir meinen Rucksack und rannte zum Klassenzimmer. Der Lehrer war über meine Unpünktlichkeit alles andere als glücklich, besonders als er noch hörte, dass ich die Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Natürlich wurden diese gleich eingesammelt und zensiert, was mir eine glatte Sechs einbrachte.

Ich fühlte mich sofort noch beschissener als so schon, nicht zuletzt, weil ich Eans Blick im Nacken spürte. Er saß ganz hinten am Fenster und ich ganz vorne an der Wand. Ein Abstand, der meiner Meinung nach viel zu gering war. Mich so wirklich auf den Unterricht zu konzentrieren, schaffte ich nicht und war echt froh, als es zur Pause läutete. Ich ließ mein Zeug komplett liegen und sprintete dem Lehrer hinterher, der gerade den Raum verlassen hatte.

„Herr Arndt. Herr Arndt! Wegen den Hausaufgaben, ist echt dumm gelaufen. Lässt sich da nicht irgendetwas machen?“

Erst beim zweiten Rufen hatte der Pauker sich genervt seufzend zu mir umgedreht und musterte mich kritisch.

„Herr Büchle, dumm gelaufen ist eher die Klassenfeier am Wochenende, wenn ich mich nicht irre“, meinte er tadelnd.

Er wusste gar nicht, wie recht er doch hatte. Mein Gesichtsausdruck musste wohl ziemlich kläglich ausgeschaut haben, denn die Züge des Lehrers wurden etwas weicher.

„Ich weiß ja, dass ihnen der Stoff nicht leicht fällt. Sie sind einer der wenigen Schüler, die regelmäßig am Nachmittag zur Vertiefungsstunde kommen. Deswegen verstehe ich nicht, warum sie diese Chance auf eine gute Note so leicht verspielen.“

Toll, jetzt hatte ich erst recht ein schlechtes Gewissen. Für eine stabile Zwei in Mathe musste ich wirklich so einiges tun. Deswegen ärgerte ich mich echt über die blöde Sechs, weil diese wieder alles ins schwanken brachte.

„Ich könnt ein paar Extraaufgaben machen“, schlug ich vorsichtig vor.

„Na einfach so rausstreichen kann ich die Note nicht“, meinte der Lehrer streng, konnte sich ein Schmunzeln aber nicht mehr verkneifen. „Passen sie auf. Sie holen die Hausaufgaben einfach nach und bearbeiten die Seiten 45 samt 46 im Lehrbuch – bis morgen. Durch diese Extrabenotung – die übrigens sehr streng ausfallen wird – könnten sie vielleicht die Sechs etwas ausgleichen.“

„Seite 45 und 46, plus Hausaufgaben von heute bis morgen, alles klar. Danke!“, wiederholte ich und lächelte dankbar.

Dann verabschiedete ich mich sofort, bevor Herr Arndt es sich noch anders überlegt. Ich drehte mich gerade um, um ins Klassenzimmer zurückzugehen, als Ean keine Nasenbreite direkt vor mir stand. Normal würde ich ja erschrocken einen Satz zurückspringen und rumfauchen, jetzt allerdings blieb ich wie vom Blitz getroffen stehen und starrte mit angehaltenem Atem in das süßgrinsende Gesicht meines Klassenkameraden.

„Ich wollte mich bei dir bedanken“, sagte er höflich, was bei mir die Alarmglocken aufschrillen ließ. Er war nett – irgendwie zu nett. Fast so, als wäre er in Lauerstellung.

„Ehm … für was?“, fragte ich vorsichtig und trat einen Schritt beiseite. Ich wollte einfach wieder Abstand zwischen uns bringen. Aber Ean tat den gleichen Schritt und stand somit abermals dicht vor mir.

„Für Samstag. Du hast mich nach Hause gebracht, als ich total dicht im Wald eingepennt bin.“ Immer noch wirkte er freundlich und weltoffen. Auf seine Aktion hin runzelte ich lediglich die Stirn.

„Kein Problem“, meinte ich knapp und versuchte mich an ihm vorbeizudrängeln. Doch Ean stellte sich erneut vor mich, was mich genervt reagieren ließ.

„Was?!“

„Du weißt,  wer Samstag bei mir war“, hauchte er schon fast und sah mich mit einem feinen, triumphierenden Lächeln an. Klar wusste ich das, aber sagen würde ich ihm das bestimmt nicht.

„Ich hab keinen Plan, wovon du redest“, sagte ich schnell und flüchtete dieses Mal erfolgreich ins Klassenzimmer bis zu meinem Platz. Ean stiefelte mir natürlich hinterher und fixierte mich regelrecht, während ich mein Mathezeug wegpackte.

„Doch, hast du. Ich seh’s dir an der Nasenspitze an.“

Ich konnte den Reflex, an meine Nase zu greifen, gerade noch so unterdrücken und wühlte verbissen in meiner Tasche rum, ohne was Konkretes zu suchen.

„Du spinnst“, brabbelte ich nervös vor mich hin. Mein Mitschüler wurde langsam ungeduldig, packte meinen Arm und sah mich fast schon flehend an.

„Bitte, ich muss wissen wer sie ist.“

Seine warme Hand direkt auf meiner Haut jagte mir kleine Hitzewellen durch den Körper und ich konnte ihn wieder nur mal mit großen Augen anstarren. Gerade noch so schaffte ich ein leichtes Kopfschütteln, bevor ich fast schon traurig flüsterte:

„Ich kann dir dabei nicht helfen.“

Mit einem verwirrten Gesichtsausdruck nahm er seine Hand von mir weg und blickte mich durchdringend an. Ean wollte gerade ansetzen etwas zu sagen, doch ein lauter Knall ließ uns erschrocken zusammenfahren. Unsere Deutschlehrerin stand an ihrem Tisch und hatte ein Buch extra kräftig drauf fallen lassen.

„Ich werde ihnen beiden aber gleich weiterhelfen, wenn sie nicht sofort an ihren Platz gehen und still sind!“, wetterte sie los, worauf wir beide uns verwundert umschauten.

„Die Stunde hat wohl schon begonnen“, stellte Ean überflüssiger Weise fest, worauf die ganze Klasse kicherte. Dann drehte er sich nochmals zu mir um und sah mich schelmisch an. „Ups“, sagte er grinsend, bevor er sich gemütlich zu seinem Platz bewegte und sich auf seinen Stuhl fallen ließ, gefeiert natürlich von den gesamten Mitschülern.

Ich wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken und alles nur wegen diesem bescheuerten Poser. Auch diese Stunde überstand ich mehr oder weniger gut, packte mein Zeug zusammen und war schon wenige Sekunden nach dem Pausenklingeln draußen auf dem Gang Richtung Kunstraum. Ean wurde ich dadurch leider nicht los.

„Du hast’s aber eilig“, tauchte er mit einmal neben mir auf, worauf ich meine Schritte nur noch beschleunigte. Mein Klassenkamerad hatte sich jedoch längst festgebissen. Er spürte wohl, dass ich etwas verbarg. Das gab ihm allerdings noch lange nicht das Recht, mir von hinten um den Hals zu springen und bescheuertes Zeug ins Ohr zu hauchen!

„Mir kommt es fast so vor, als ob du vor mir wegläufst.“

Dank dem Klammeraffen kam ich keinen Schritt vorwärts und bleib entnervt stehen.

„Red kein Scheiß“, brummte ich und versuchte mich von Ean zu lösen, doch er machte weiterhin seinen Spaß.

Für mich war es pure Quälerei. Ich wusste noch ganz genau, wie es sich anfühlte, von ihm berührt zu werden, ihn zu berühren, zu schmecken, seine Lippen, sein heißer Atem, das erregte Stöhnen … Jedes Mal wenn ich an ihn dachte, kamen die Bilder unserer Nacht wieder hoch, mein Magen krampfte sich zusammen und ich wusste nicht, ob ich mich total super oder voll schlecht fühlen sollte.

Meist tendierte ich zu letzterem. Und das Ganze verfünffachte sich, wenn Ean mir so krass auf die Pelle rückte. Mein Mitschüler wechselte ein wenig die Position, in dem er „nur“ noch den Arm um meine Schulter legte und mich ein Stück mit sich zog.

„Entspann dich! Ich lass dich sofort zufrieden, wenn du mir sagst, wer am Samstag die Nacht bei mir verbracht hat.“ Er lächelte mich dermaßen unverschämt freundlich an, als hätte er mir das Angebot des Jahres gemacht. Mir hingegen wurde seine Nähe immer unangenehmer.

„Geht’s noch? Komm mal klar mit dir!“, zickte ich schwach und schaffte es nicht, seinen Arm von mir abzuschütteln. Auf meine Befreiungsversuche verstärkte Ean seinen Griff nur noch.

„Würde ich ja gern, wenn du mir endlich hilfst“, sagte er, spannte ein wenig mehr seine Muskeln an, damit ich noch ein Stück näher an ihr ran musste. „Komm schon. Bitte.“

Seine Lippen berührten fast meine Wange, was mich total kirre machte und zum schwitzen brachte. Ich wollte wieder verärgert drauf reagieren, als Ean plötzlich seinen Griff lockerte und mich seltsam musterte. Dann begann er an mir zu schnuppern, so als wäre ich eine Blume und er würde einen tiefen Zug nehmen wollen. Dann sah ich in seinen Augen Erkenntnis.

„Du?“, hauchte Ean.

Mein Herz setzte für ein paar Schläge aus und mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Dann machte sich wieder einmal Panik in mir breit. Das einzige Wort, was mir ständig durch den Kopf hämmerte, war Scheiße … Scheiße … Scheiße!

„Du spinnst ja“, pflaumte ich meinen Klassenkameraden an, stieß ihm meinen Ellenbogen in die Seite und wollte weglaufen. Doch er packte mich derb am Handgelenk und schleuderte mich so hart gegen die Wand, dass mir für ein paar Sekunden die Luft wegblieb. Seine Hände stütze er schwer auf meine Oberarme, sodass ich mir wie festgenagelt vorkam.

„Was soll der Scheiß?“, blaffte ich Ean verärgert an.

Er sah wütend aus – richtig wütend. Der dauergrinsende Sonnyboy hatte sich in ein angepisstes Etwas verwandelt, die sonst so frech blitzenden Augen zu schmalen, lauernden Schlitzen verengt. Ich war so gut wie tot – eindeutig! Die Lippen fest aufeinander gepresst, beugte sich Ean langsam zu mir vor, bis uns nur noch Millimeter voneinander trennten.

„Sag mir die Wahrheit“, flüsterte er fast und machte hinter jedem Wort eine kleine Pause. „Hast du am Samstag mit mir die Nacht verbracht?“

Er wirkte so bedrohlich auf mich, dass ich aus lauter Reflex den Mund aufmachte, um irgend nen bescheuerten Kommentar abzulassen, als er mich schroff kurz gegen die Wand stieß.

„Die Wahrheit!“, zischte er und durchbohrte mich regelrecht mit seinem stierenden Blick. Anstatt mich einzuschüchtern, löste dies nur eine Kurzschlussreaktion bei mir aus. Mit meinem Fuß trat ich ihn hart gegen das Schienbein, mit der linken Faust hieb ich kräftig in seine Seite und als er zurücktaumelte, holte ich mit der Rechten aus und schlug ihn mit voller Wucht direkt ins Gesicht, sodass Ean keuchend auf dem Boden landete.

„Du hast sie ja nicht mehr alle!“, schrie ich ihn an und stampfte dann nach Hause davon. Keine weitere Minute konnte ich es mit ihm im gleichen Gebäude – geschweige denn im selben Raum aushalten.

Am nächsten Tag brachte mich meine Mom persönlich in die Schule. Sie war so was von sauer gewesen, als ich so früh auftauchte. Trotzdem rief sie im Sekretariat an und entschuldigte mich für die restlichen Stunden, mir sei schlecht gewesen. Natürlich tat sie das nur unter der Bedingung, dass ich ihr genau erzählen musste, was überhaupt passiert war.

Meine Mom staunte nicht schlecht und war nur beruhigt, dass wir Kondome benutzt hatten. Nach einer kurzen Umarmung und „Du schaffst das schon“ war auch dieses Thema gegessen. Dass ich auf Jungs stand, wussten meine Ellis schon lange. Meine Familie war echt die Beste.

Zum Glück standen für die ersten Stunden verschiedene Kurse an, weswegen ich Ean bis zum Mittag gut aus dem Weg gehen konnte. Nachdem ich meine Extraaufgaben beim Mathepauker abgegeben hatte, stürzte ich mich gleich in den Unterricht. Das lenkte echt super ab, was wohl auch an dem Gespräch mit meiner Mom lag. Geteiltes Leid war wirklich halbes Leid. Selbst die Fechtstunden kurz vor der Mittagspause liefen richtig klasse, weswegen ich etwas überzog.

Als ich in die Umkleide kam, waren die Anderen längst fertig und gingen in die Mensa. Mir machte das weniger was aus, da ich gerne ein bisschen allein war. Gemütlich zog ich mich aus, schnappte mir Handtuch und Duschgel und verschwand unter die Dusche. Es tat richtig gut, nach einem harten Training das fast schon kochend heiße  Wasser auf meiner Haut zu spüren. Vielleicht war ich in dem Sport nicht gerade der Beste, aber es machte wahnsinnig viel Spaß und das war für mich alles was zählte.

Zufrieden mit mir selbst, stellte ich das Wasser ab, schlang mir das Handtuch um die Hüfte und trat aus dem Duschbereich in die Umkleide. Doch mitten im Schritt blieb ich stehen und starrte auf die Bank vor mir, die an den Spinden stand, reserviert für das Basketballteam.

Wie für mich „Glückspilz“ nicht anders zu erwarten, saß dort der (Alb?)Traum meiner schlaflosen Nächte. Er hatte die Unterarme auf die Beine gestützt und raufte sich die Haare. Ean musste mich gehört haben und sah beim aufstehen kurz desinteressiert zu mir rüber. Als er mich allerdings erkannte, wurde er schlagartig wacher und sah mich groß an.

„Du Sasha, wegen gestern wollte ich mich noch entsch…“

Mitten im Satz hielt er inne und fixierte meinen Hals und die Brust. Ertappt faste ich an die rötlichen Stellen, an denen mir Ean an jenem Samstag die Knutschflecke verpasst hatte. Wütend kam er auf mich zu und ich wich automatisch nach hinten zurück.

„Du hast mich belogen!“, stellte er verärgert fest.

„Ich hab nie irgendwas gesagt!“, versuchte ich mich zu verteidigen.

„Was zu verheimlichen ist genau das gleiche.“

„Du redest in der letzten Zeit echt nur Müll.“ Wieder hatte mich mein Klassenkamerad bis an die Wand gedrängt und als ich ausweichen wollte, die Hände auf meine Schultern gepresst.

„Und wer ist daran Schuld?“, maulte er mich an und noch ehe ich „Wie bitte?“ aussprechen konnte, hatte Ean mich schon geküsst.

Total perplex gab ich erstmal nach, gewährte seiner Zunge nach ein paar Bitten Einlass und genoss dieses berauschende Gefühl, dass sich von innen heraus ausbreitete. Erst als ich kaum mehr Luft bekam, ließ Ean etwas von mir ab. Seine Stirn hatte er an meine gelehnt, die Lider geschlossen und unser beider Atem ging recht schnell.

„Schlaf mit mir“, hauchte mein Mitschüler heiser.

„Was?“ Verwirrt hatte ich ihn etwas von mir weggeschoben, um ihn besser anschauen zu können.

„An Samstagnacht kann ich mich kaum noch erinnern. Ich weiß nur noch, dass es die genialste war, die ich je hatte. Ich muss wissen, wie es mit dir ist, wenn ich bei klarem Verstand bin. Also bitte schlaf mit mir.“

Ehm … hatte ich mich da gerade verhört? Das gesamte, wahnsinnig schöne Gefühl, was mich von der Herz– und Bauchgegend durchflutet hatte, war wie weggewischt. Stattdessen war ich nur noch stinksauer. Ich holte richtig weit aus und klatschte mit voller Kraft meine flache Hand auf seine Wange.

„Du willst bei klarem Verstand sein? Hast du sie noch alle?!“, schrie ich Ean hysterisch an, ließ den völlig perplexen Sonnyboy einfach stehen und stampfte zu meinen Klamotten.

Genau in diesem Augenblick kam der Rest der Basketballmannschaft in die Umkleide und motzte mich schon an, weil ich sie fast umrannte. Aber Ean lief direkt in sie hinein, wodurch ich genügend Zeit hatte, mir Shorts und Hose drüber zu ziehen, bis mein Klassenkamerad in der hintersten Ecke des Raumes bei mir ankam.

„Sasha, ich glaub, du hast da gerade was vollkommen falsch verstanden“, versuchte er sich zu erklären, doch ich unterbrach ihn.

„Ne, ich hab schon kapiert. Aber falls du‘s noch nicht gemerkt haben solltest: Ich bin kein Callboy! Wenn du‘s so nötig hast, such dir ne Nutte zum vögeln!“, schnauzte ich ihn wütend an, worauf er verärgert zurückblickte.

Die anderen Jungs hatten unseren Streit logischer Weise mitbekommen und tauchten nacheinander hinter Ean auf. Wir alle zuckten ganz schön zusammen, als der Schönling seine Faust gegen den blechernen Spind krachen ließ.

„Ich habe aber keinen Bock auf falsches, bezahltes ficken. Ich will dich!“

Ist der bescheuert??? Scheiße war das peinlich! Alle glotzten erst Ean dann mich mit aufgerissenen Augen an und ich wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken. Dieses Mal allerdings hatte ich nicht vor, das Geringste auf mir sitzen zu lassen. Ich legte den absolut kältesten Blick auf, zu dem ich gerade im Stande war und ließ meine Stimme so abwertend klingen wie nur möglich. Es wurde langsam Zeit, dass ihn einer Mal in die Schranken verwies.

„Ich will DICH aber nicht.“

Ohne Hast schnappte ich mir meine fertig gepackte Tasche und verließ die Umkleide. Den gesamten Nachmittag über blieb ich von Ean verschont und auch sonst ließ mich jeder in Frieden. Sie ignorierten mich halt wie immer, obwohl ich hier und da doch einige Blicke auf mir spürte. Na ja, die Szene in der Umkleide war schon recht ungewöhnlich gewesen.

Nicht weil zwei Kerle vielleicht etwas miteinander hatten. Unser Klassenlehrer Herr Walter war schwul, weswegen das kein besonders Pairing war. Ich lieferte eher Gesprächsstoff, weil es bisher kein Anderer gewagt hatte, mit Ean so umzugehen. Er war an der gesamten Schule total beliebt, halt DER Sonnyboy aus ner schlechten Dailysoap. Jeder mochte ihn und die meisten hätten den kleinen Finger für gegeben, um die Worte „Ich will dich!“ aus seinem Mund zu hören. Mir hingegen ging es voll auf den Sack.

Wie konnte dieses verwöhnte Balg nur so eine Selbstverständlichkeit an den Tag legen? Nur weil seine Ellis die übelste Kohle hatten, bedeutete dies nicht, dass ihm jeder zu Füßen lag. Ich glaubte einfach, dass der Typ in seinem gesamten bisherigen Leben noch nie ne Abfuhr erhalten hat. Zumindest würde das seinen total geknickten Blick erklären, den er nach meinen Worten drauf hatte. Ich versuchte mein schlechtes Gewissen damit zu beruhigen, dass er das einfach mal brauchte, dass ich vollkommen richtig gehandelt hatte.

Allerdings marterte ich mich trotzdem mit Vorwürfen, was wohl auch daran lag, dass Ean nach dieser Aktion verschwand. Magenverstimmung war die offizielle Version seiner Teammitglieder, von denen drei auch in unsere Klasse gingen. Mehr erzählten sie dem Lehrer wohl nicht. Na wenigstens hielten die zusammen.

Eigentlich dachte ich, dass der nächste Tag etwas ruhiger werden würde, aber das erledigte sich schon zum frühen Morgen komplett. Meinen Wecker muss ich wohl im Halbschlaf ausgeschaltet haben, weswegen ich vollkommen verpennt hatte. Mit dem Fahrrad holte ich auch nicht wirklich viel Zeit auf und so stolperte ich regelrecht in den Unterrichtsraum hinein, gerade als es anfing, zur Stunde zu läuten. Doch als ich meinen Rucksack auf meinen Platz werfen wollte, saß dort schon jemand. Zwei Mädels hatten meinen Tisch blockiert und sahen nicht gerade fröhlich aus.

„Das ist mein Platz!“, motzte ich sie gleich an, mir vollkommen bewusst, dass ich mich im Ton vergriffen hatte. Das lag nur daran, weil ich komplett übermüdet war und alles nur wegen diesem idiotischen Sonnyboy und seinem belämmerten Gesichtsausdruck, der mich bis in meine Träume verfolgte.

„Ach nee“, zickte Carolin zurück. „Sag das mal Frau Seidel.“

Verwirrt schaute ich mich zu ihr um, wo sie mich mit nem Lächeln begrüßte.

„Ihnen auch einen schönen guten Morgen, Herr Büchle. Da sie es ja doch noch geschafft haben, gerade so pünktlich zum Unterricht zu erscheinen, stelle ich ihnen – extra für sie – Herrn Josias vor. Er schreibt gerade seine Diplomarbeit und wird die Klasse eine Weile begleiten.“

Ich blickte in die angedeutete Richtung auf die letzte Bank der Mittelreihe, wo sonst die beiden Mädels saßen. Was mir dort entgegenstrahlte war einfach nur … wow! Helle, wache Augen, leicht gebräunte Haut, glatte hellbraune, lange Haare, die locker zu einem Zopf nach hinten gebunden waren. Mal davon abgesehen, strahlte er eine Freundlichkeit aus, bei der mir gleich wärmer ums Herz wurde.

„Ich fand es besser, sie mit ihrem Klassenkameraden zusammenzusetzen, als die beiden Damen auseinander zu reißen. Also wenn sie langsam hinten Platz nehmen würden, könnten wir endlich mit dem Unterricht beginnen.“

Ich war noch viel zu befangen, um alles klar verstanden zu haben, weswegen ich komisches Zeugs vor mir her brabbelte.

„Hinten zu Herrn Josias? Alles klar.“ Es grenzte an ein Wunder, dass ich nicht anfing zu sabbern.

„Doch nicht da hinten. Er ist doch nicht ihr Klassenkamerad. Ich rede von der Fensterreihe, dem Platz neben Herrn Fornell.“

Volle Kanne landete ich wieder in der Realität. Ungläubig sah ich meine Lehrerin an.

„Neben Ean???“, fragte ich sinnloserweise nochmal nach. Es war eh kein anderer Stuhl frei, außer neben diesem Schnuckel. Mal davon abgesehen, dass ich mich hier gerade voll lächerlich machte – was ich an den kichernden Mitschülern bemerkte – sah Frau Seidel mich an, als wär ich nicht ganz dicht.

Und was tat dieser Vollidiot namens Ean? Der lächelte mich bescheuert an, zog den Stuhl zurück und klopfte auffordernd auf die Sitzfläche. Dem schien es ja wieder voll super zu gehen. Und ich Depp machte mir noch um ihn Sorgen. Ganz großes Kino! Zähne knirschend ging ich nach hinten und setzte mich hin, so weit als möglich von meinen Klassenkameraden entfernt.

Allerdings begannen wir ab heute eine neue Geschichte zu lesen und zu meinem Glück bekam jede Bank nur ein Buch. Womit hatte ich das eigentlich verdient? Ean rückte gleich so dicht an mich heran, bis unsere Stühle aneinander stießen, was bei mir die ersten Schweißausbrüche auslöste. Und unsere Arme und Finger berührten sich beim umblättern der Seiten natürlich rein aus Versehen. Na klar … und den Weihnachtsmann gab‘s wirklich, Schafe können fliegen und Schoki macht nicht fett.

Es war ja nicht so, dass mir seine Werberei nicht gefiel. Normalerweise wäre das der Egoaufpuscher schlechthin. Aber hier kannte ich das Motiv, was mir alles andere als passte. Der Typ nahm sich einfach viel zu viel raus, weswegen das Pausenklingeln einer richtigen Erlösung gleichkam. Jedoch nur für fünf Minuten, denn danach begann die zweite Hälfte der Doppelstunde, die mir wie ein halber Tag vorkam.

Irgendwann war aber auch die vorbei und ich sammelte nach dem Klingeln mein Zeug hektisch zusammen, um für wenigstens eine Viertelstunde dieser Hölle zu entkommen. Die Hofpause und dazugehörige frische Luft würde mir echt gut tun. Doch als ich aufstehen und mich schnellstmöglich verziehen wollte, hielt Ean auf einmal meinen Unterarm fest, als wäre dieser auf der Tischplatte angetackert. Erschrocken plumpste ich wieder auf meinen Stuhl zurück und sah ihn verärgert an.

„Wir haben da noch etwas zu klären“, meinte mein Mitschüler ungewohnt ernst, was mich anfangs richtig irritierte.

„Kommt schon Jungs, raus mit euch“, meldete sich Frau Seidel zu Wort, da zur Hofpause für gewöhnlich alle auch raus mussten.

„Frau Seidel ist das okay, wenn ich ausnahmsweise heute mal drin bleibe? So toll geht‘s mir noch nicht, aber vom Unterricht will ich auch nichts verpassen“, bat Ean und tat einen auf Mitleid. Also schauspielern konnte der Typ richtig gut. „Sasha bleibt auch bei mir, falls was sein sollte.“ Unsere arme Lehrerin tappte natürlich voll in seine Falle.

„Na gut, ausnahmsweise. Ich sehe ja, dass sie noch ein wenig blass um die Nase sind. Außerdem sind sie ja sonst der Erste, der auf dem Schulhof zu sehen ist. Allerdings erwarte ich, dass sie beide sich ruhig verhalten!“

Ean nickte als Bestätigung und ich guckte nur dämlich drein. Frau Seidel war schon an der Tür, als sie sich nochmal kurz zu uns rumdrehte.

„Schön, dass sie langsam auftauen, Herr Büchle.“

Dann waren wir allein. Und ich wütend! Beim aufstehen hatte ich so einen Schwung drauf, dass mein Stuhl nach hinten umfiel und ich Ean ein Stück mit hoch zog, denn meinen Arm ließ er nicht so schnell los.

„Sag mal, was ist eigentlich dein Problem?“, schnauzte ich ihn an. Mein Mitschüler blieb relativ ruhig, schaute mich nur mit zusammengezogenen Brauen an.

„Ich habe keins, aber du scheinst eines mit mir zu haben. Warum weichst du mir aus?“

„Was? Das fragst du noch? Nach der Szene in der Umkleide?“

„Mal davon abgesehen, dass du mir schon vorher ständig aus dem Weg gegangen bist, habe ich dort die Wahrheit gesagt.“

„Das glaub ich dir sogar. Aber weißt du was? Ich habe absolut keinen Bock drauf, für dich die Probepackung zu spielen, um zu schauen, was dir besser gefällt.“

„Hältst du mich für so egoistisch?“

„Für ein kleines, reiches, verzogenes Einzelkind, dem es tierisch auf den Sack geht, wenn mal was nicht so läuft wie er es will, trifft es schon ganz gut.“

„Dass gerade du so von Vorurteilen geprägt bist, hätte ich nicht gedacht.“ Trotz der Beleidigung wurde Ean nicht sauer, wirkte eher jetzt noch viel nachdenklicher, was mich unsicher werden ließ.

„Was soll ich sonst von dir halten, wenn ich aus deinem Mund solche Sprüche höre wie: ‚Es war in einer lauen Sommernacht‘ oder ‚SIE hatte übelst weiche Lippen, nen geilen heißen Körper und voll den knackigen Arsch‘. Und wie kommt ihr überhaupt auf Deprikücken?!“ Ich hatte mich ganz schön in Rage geredet und alles nur, um diese bescheuerten Gefühle in mir in Griff zu bekommen.

„Na ja, du hast halt von Natur aus diese fast gelben Haare und bist ein Stück kleiner als wir. Außerdem guckst du meistens … so böse. Moment mal …“ Ean musste ein wenig schmunzeln, als er mir den Spitznamen erklärte, wurde dann jedoch stutzig und sah mich verwundert an. „Als ich das erzählte, war ich mit dem Team allein in der Umkleide, oder?“ Fragend musterte mich mein Mitschüler, wodurch ich mich immer unwohler fühlte. Ich hatte mir ertappt auf die Zunge gebissen und wich seinem Blick aus.

„Kein Wunder, warum du nicht viel von mir hältst.“ Überrascht schaute ich wieder zu ihm auf und sah in sein lächelndes Gesicht. „Hör mal, vielleicht waren die Worte ein bisschen plump, aber wahr waren sie trotzdem. Den Abend mit dir, dass was es bei mir auslöste, geht mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Genauso wenig wie du.“

Bei jedem Wort kam er mir Stück um Stück näher, bis er ganz dicht vor mir stand, seine Hand hob und mir zärtlich über die Wange streichelte. Mein so schon überbeanspruchtes Herz legte noch einen Zahn zu und meine Knie verwandelten sich in Gelee, als Eans Lippen den meinen immer näherkamen.

Zuerst war es nur eine ganz sanfte Berührung, von den Erwartungen des Momentes geprägt. Dann begannen wir uns zu bewegen, vorsichtig tasteten sich Zungen vor, trafen aufeinander und lösten ein Kribbeln in mir aus, was meinen gesamten Körper durchflutete. Unsicherheit und Aufregung vermischte sich mit stetig wachsender Lust, die mich fast kirre machte.

Eans Hand, die mich vorher am Unterarm festhielt, hatte sich längst mit meinen Fingern verknotet und seine Andere wanderte zwischen meinem Nacken, Wange und Haare aufgeregt hin und her. Wie benebelt gierte ich regelrecht nach dem Anderen, saugte mich an seiner Lippe fest und biss leicht hinein. Ean zuckte etwas zurück und sah mich mit einem undefinierbaren Blick an. Seine Augen glänzten fiebrig und er leckte sich etwas über die von mir verwundete Stelle. Der Atem meines Mitschülers ging gleichsam wie meiner ungewöhnlich schnell und er sprühte eine Geilheit aus, die mich wie eine Sintflut mitzureißen drohte.

Ich hatte das dumpfe Gefühl, als wollten meine Beine jeden Augenblick nachgeben und ging einen Schritt zurück. Ean schien es allerdings bemerkt zu haben, packte mich an den Hüften und setzte mich kurzer Hand auf unseren Tisch. Wusste er eigentlich, was er da gerade tat? Zuletzt hatte mein Klassenkamerad im Affekt und unter Alkoholeinfluss gehandelt. Jetzt allerdings – im wachen Zustand – musste er sich doch bewusst sein, worauf das alles hinauslaufen  würde. Ich saß ein Stück versetzt zu Ean, sodass jeweils ein Bein von uns genau im Schritt des anderen stand und dort deutlichen Druck ausübte.

‚Shit, wenn das so weiter geht, würde mir im Klassenzimmer glatt einer abgehen. Und wo wir gerade dabei waren. Was zum Teufel mach ich hier eigentlich gerade???‘

Warum die Tussis so auf diesen Sonnyboy standen, wusste ich nun. Er hatte es echt drauf und ich genoss es auch in vollen Zügen. Aber ich war keines dieser Mädels, welche sich leichtfertig nach dem ersten Geplänkel flachlegen ließen – zumindest bisher. Was ich brauchte war Tiefgang, etwas was ein Stück über das Körperliche hinausging. Wenn ich jemanden zum Vögeln bräuchte, wüsste ich schon, wo ich hingehen konnte.

Allerdings war das Einzige, was hier immer tiefer wurde, Eans Stöhnen, bei dem ich mich stark zusammenreißen musste, um nicht mit einzustimmen. Das Vorklingeln, was für die meisten Schüler ein Zeichen war, wieder das Gebäude betreten zu dürfen, riss mich endgültig aus meinem tranceartigen Zustand. Ich versuchte meinen Klassenkameraden von mir wegzuschieben, aber er stemmte sich gegen meine Hände, nicht willig auch nur einen Millimeter zwischen uns freizugeben.

Ging’s dem Typen noch ganz gut? Jeden Augenblick würde der Rest der Klasse hier auftauchen, dass müsste er doch wissen. Ich hatte echt keinen Bock drauf, diese Woche noch mehr Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Egal was ich auch versuchte, Ean gab einfach nicht nach, weswegen ich mein altbewährtes Mittel einsetzen musste.

Dieses Mal biss ich ihn etwas kräftiger in die Unterlippe, beugte mich dann ein Stück zurück, holte aus und schlug mit der Faust in sein Gesicht. Ein paar Schritte war er nach hinten getaumelt, stütze sich mit einer Hand an der Wand hinter sich ab und befühlte sein Kinn mit der Anderen.

„Das scheint ja langsam zur Gewohnheit zu werden“, murrte mein Mitschüler und funkelte mich ärgerlich an.

„Du scheinst ja drauf zu stehen. Wenn ich nicht will, dann will ich nicht und dass hast du gefälligst zu akzeptieren“, blaffte ich zurück und stand auf. Es war verdammt schwer, meinen Puls wieder auf ein normales Niveau zu bringen.

„Du zickst schlimmer rum, als nen Mädchen. Vor allem weil ich mir hundert pro sicher bin, dass du mindestens so geil bist wie ich.“

Mit einem süffisanten Lächeln deutete er auf meine fette Beule, die sich trotz der lockeren Hose deutlich abzeichnete. Ich spürte, wie mein Blut zurück nach oben schoss, direkt in mein Gesicht. Und was tat ich immer, wenn mir was total peinlich war? Ich schaltete auf stur und flippte ein Stück aus.

„Ich bin aber keines deiner bekloppten Weiber!“, schnauzte ich Ean an, hob den von vorhin umgestoßenen Stuhl auf und ließ mich wütend draufplumpsen.

Dass ich mich so krass von diesem Typen hatte hinreißen lassen, kotzte mich dermaßen an, dass ich verärgert auf meinem rechten Daumennagel rumkaute und nur nebenher mitbekam, wie die ersten Klassenkameraden den Raum betraten. Deswegen zuckte ich ein Stück zusammen, als Ean seine Hände auf meine Stuhllehne stützte und seine Lippen ganz dicht an meinem Ohr waren.

„Genau das macht die Sache um Längen interessanter“, hauchte er verführerisch, wand sich ab und verließ das Klassenzimmer.

Ich konnte ihm lediglich mit offenem Mund nachstarren. Es war ganz kurz vor Stundenbeginn, als dieser Sonnyboy wieder auftauchte und sich mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen neben mich hinsetzte. Warum sah der so widerlich gelassen aus? Mit der Aktion von vorhin hatte ich zumindest immer noch zu kämpfen.

Der einzige Gedanke, der mich beruhigte war, dass lediglich eine Doppelstunde Englisch auf dem Plan stand und wir dann wieder in verschiedene Kurse gingen. Aber zuerst galt es, die nächsten neunzig Minuten zu überstehen, was der Typ neben mir nicht gerade leicht machte.

„Du solltest dich echt mehr entspannen“, flüsterte dieser leise, worauf ich leicht schnaubte.

„Du hast gut reden“, brabbelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart.

„Ich hätte schon dafür gesorgt“, versicherte mir mein Mitschüler, weswegen mir etwas wärmer wurde. Immer wieder sahen wir von unseren Lehrbüchern auf zur Tafel und checkten den Pauker so unauffällig wie möglich ab, ob er auch nichts bemerkte.

„Du bist ja auch nicht mehr ganz dicht“, zickte ich bedeckt.

„Ich folge nur meinen natürlichen Instinkten. Und das solltest du auch langsam mal machen, sonst platzt du noch!“

Um seine Worte zu unterstreichen, ließ er doch glatt seine rechte Hand unter den Tisch gleiten, direkt auf mein bestes Stück. Ich holte tief Luft und biss die Zähne fest aufeinander. Hart umfasste ich Eans Handgelenk und zog ihn von meiner Körpermitte weg. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass ich dies nur schaffte, weil er es wollte.

„Glaub mir, ich weiß wovon ich rede“, faselte er weiter und leckte sich ein Stück über den rechten Zeigefinger.

Hä? Wovon redete dieser Vollidiot überhaupt? Moment mal … Er hatte doch nicht … auf dem Klo??? Zumindest würde das seinen entspannten Gesichtsausdruck erklären. Ean war wirklich total notgeil. Ich jetzt allerdings auch. Allein die Vorstellung, wie dieses Leckerli zärtlich seinen Schwanz streichelte und es sich dann ordentlich, mit einem Hauch von Sinnlichkeit, besorgte, war schon fast zu viel. Mein Mitschüler sah wohl die Erkenntnis in meinen Augen und grinste hinterhältig.

„Ich brauchte nur meine Lider zu schließen und mir dich in Erinnerung rufen, wie du, heiß auf dem Tisch sitzend, nach meinen Lippen giertest und schon war es passiert.“

Wie bitte? Keine Ahnung seit wann der Schönling einen auf Poesie machte, aber seine Worte schlugen bei mir ein wie eine Bombe. Wie von der Tarantel gebissen, sprang ich auf und rannte aus dem Klassenzimmer mit den Worten „mir ist schlecht, muss aufs Klo“, mein T–Shirt so weit es unauffällig ging nach unten gezogen.

Zum Glück waren die Toiletten dank der Putzfirma richtig sauber, ansonsten hätte es mich wirklich angeekelt. So kam ich mir lediglich schäbig vor. Kaum auf dem WC angekommen, hatte ich mich in einer Kabine eingeschlossen und schon war es auch vorbei. Wenige Berührungen reichten aus, um mir einen Orgasmus zu bescheren, bei dem mir heiß und kalt wurde. Und alles nur wegen diesem Idioten! Ich fasste es einfach nicht. Dass er auf mich so eine krasse Wirkung hatte, konnte ich ja gerade noch so verkraften. Aber dass er alles als so dermaßen selbstverständlich hinnahm, kotzte mich an!

Alles schon längst bereinigt, hatte ich auf den Klodeckel sitzend mein Gesicht in die Hände vergraben, als es sacht an der Kabinentür klopfte. Erschrocken zuckte ich zusammen und blickte fast schon panisch auf. Konnte er mich nicht mal eine Minute in Ruhe lassen? Ich war fest in dem Glauben, dass Ean mir gefolgt war. Dieses Mal irrte ich allerdings.

„Sasha, geht es dir gut?“, hörte ich eine sanft klingende Stimme, in der ein Hauch Besorgnis mitschwang. Verwirrt runzelte ich die Stirn und machte die Tür auf. Davor stand doch tatsächlich dieser Schnuckel von Student und musterte mich eingehend. „Du siehst aus, als könntest du frische Luft vertragen“, meinte dieser bestimmend, zog mich aus dem Klo hinaus, die Treppen runter auf den Schulhof, wo wir eins zwei Runden liefen. „Und? Besser?“

Wow, dieser Typ hatte ein abgöttisches Lächeln, was mich wie Butter in der Sonne dahinfließen ließ. Ich nickte nur und brachte gerade so ein gekrächztes „Danke“ zustande.

„Dein Banknachbar hat bei dir wohl so einiges durcheinander gebracht, hm?“, fragte er weiter freundlich. Ich brach spontan in Schweiß aus und schaute ihn mit großen Augen an. „Die Magenverstimmung. Ich fürchte, du hast dich bei ihm angesteckt“, erklärte er sich, als nichts weiter von mir kam außer blödes Gegaffe.

„Ehm … ja … *hüstel* Das wird es wohl sein“, stammelte ich erleichtert, dass er doch nichts weiter mitbekommen hatte, schließlich saß er ja fast neben uns. „Aber es geht schon wieder. Brauchen sich also keine Sorgen mehr zu machen“, versuchte ich einen kleinen Vorstoß und lächelte ihn schüchtern an.

„Gut, dann lass uns wieder reingehen, sonst setzt Herr Walter noch eine Vermisstenanzeige auf“, strahlte diese Sahneschnitte zurück und gemeinsam machten wir uns wieder auf den Weg zum Klassenzimmer. Student und Lehrer nickten sich kurz zu, als wir reinkamen und so wurde ich nicht mal zu einer Ausrede genötigt.

Schnell verkrümelte ich mich nach hinten auf meinen neuen Platz, wo ein diesmal recht schweigsamer Ean saß. Etwas verwundern tat mich das schon, weil er doch eigentlich das erreicht hatte, was er wollte. Ich war mir hundert pro sicher gewesen, dass er seinen Triumph auskosten würde.

Die verbliebene Zeit der neunzig Minuten verging recht schnell, was wohl mehr Herrn Walter zu verdanken war, dessen Unterricht zwar fordernd, aber immer lustig war. Mein Banknachbar schien in seiner Arbeit so dermaßen vertieft zu sein, dass er mich komplett in Ruhe ließ, worauf ich mich mehr entspannte. Vielleicht hatte er schon jetzt sein Interesse an mir verloren, da ich mich doch schneller von ihm hatte beeinflussen lassen, als ich mir zugestehen wollte. Für mein Ego war das nicht die beste Nahrung und ein drückendes Gefühl in der Brustgegend löste der Gedanke auch aus.

Aber vorerst schob ich das alles beiseite, kümmerte mich um den Stoff, den der Pauker zu vermitteln versuchte und freute mich einfach, dass dieser Schnuckel von Student mit mir gesprochen hatte. Nach den beiden Englischstunden schaffte ich es, in Ruhe mein Zeug zusammen zu packen und unbehelligt den Raum zu meinen Kursen zu verlassen, dass es schon fast an Normalität grenzte.

Dadurch motiviert, verging der restliche Tag wie im Flug und schneller als gedacht, stieg ich die letzten Stufen hinab auf den untersten Flur Richtung Heimat. Von dort aus mündeten jeweils links und rechts ein Ausgang, wobei ich normalerweise immer den zuerst genannten Weg einschlug. Mitten im Schritt hielt ich allerdings inne, weil genau dort Ean mit seinem Gefolge stand und fast die ganze Passage für sich einnahm.

Man müsste sich an ihnen regelrecht vorbeidrängen, worauf ich absolut keine Lust hatte. Körperkontakt mit so vielen doch mir unbekannten Menschen löste bei mir Übelkeit aus, weswegen ich mich mit vollem Schwung der entgegengesetzten Richtung zuwandte. Zu viel Schwung wie nicht nur ich bemerkte. Logischer weise – für mich – prallte ich volle Kanne mit jemand anderen zusammen. Als ich bemerkte, mit wem ich da kollidiert war, legte ich mein scharmantestes Lächeln auf, um mich zu entschuldigen.

„Sorry. Ich war wohl etwas zu unentschlossen“, schmachtete ich Herrn Josias an.

„Die meisten in deinem Alter sind halt noch sehr sprunghaft“, kommentierte er mit einem Schmunzeln. In meinem Alter? Der redete, als wäre er zig Jahre älter, aber über fünfundzwanzig war er auf keinen Fall.

„Vielleicht, aber nicht alle“, versuchte ich freundlich klarzustellen und gewährte ihm dann den Vortritt Richtung Ausgang rechter Hand. „Ich wollte mich nochmal bei ihnen bedanken, dass sie sich die Mühe gemacht haben, nach mir zu schauen.“

„Dank nicht mir, sondern deinem Klassenlehrer. Er war sehr besorgt, der Unterricht allerdings musste auch weitergehen. Deswegen bot ich mich an“, klärte der Student mich auf und obwohl ich eigentlich hätte etwas traurig sein sollen, strahlte ich weiter. Wie konnte ich ihm auch nur irgendwie böse sein? Es reichte, dass er das getan hatte, was er halt getan hat. Warum und weshalb war mir vollkommen egal.

„Wie aufopferungsvoll“, meinte ich ironisch und freute mich wie blöde, dass Herr Josias meinen Humor verstand und mit einem Glucksen quittierte. Wir verließen das Schulgebäude und mein angeschmachteter Student blieb am Straßenrand stehen, als würde er auf jemanden warten.

„Wie lange wollen sie unsere Klasse überhaupt begleiten?“, fragte ich, um mit ihm noch ein wenig plaudern zu können.

„So lange wie es nötig ist, meine Arbeit fertigzustellen“, antwortete er vage und horchte auf, als würde er über den normalen Straßenlärm hinweg noch etwas anderes hören. „Aber ich freue mich darauf, denn schon jetzt fängt es an, mir eine Menge Spaß zu machen“, erklärte er weiter und lächelte mich wieder so freiherzig an, als würde das Gesagte nur an mir liegen, was ich mit einer Begeisterung hinnahm, als hätte man nem Kleinkind einen Lolli in die Hand gedrückt. „Bis morgen, Sasha“, verabschiedete sich dieser Schnuckel und wandte sich dem schwarzen Motorrad zu, das genau vor ihm gehalten hatte.

Der Typ der drauf saß, warf Herrn Josias forsch einen Helm zu und wartete ab, bis dieser ihn fertig festgeklippt hatte. Derweil hatte ich das dumme Gefühl, dass der in der eng anliegenden, schwarzen Kombi mit den langen Beinen mich aus den getönten Scheiben des Visiers heraus stark musterte, was bei mir eine kalt prickelnde Gänsehaut verursachte. Zuerst fand ich das einfach nur schräg. Aber als Herr Josias endlich aufsaß, mir zum Abschied kurz winke und dann seine Arme um den Vordermann legte, verstand ich dessen Reaktion.

Sanft streichelte er über die Hände seines Soziusses, der daraufhin noch enger an ihn heranrutschte. Die waren eindeutig ein Paar! Der hatte mich echt als Konkurrenten abgecheckt. Böse war ich deswegen nicht, weil es ja für mein Ego ein kleiner Puscher war. Dass dieser Schnuffi eines Studenten schon vergeben war, war ja außerdem vollkommen klar. Ein Versuch war es trotzdem wert gewesen. Mit einem Seufzer auf den Lippen hob auch ich meine Hand zum Abschied und sah beiden noch eine Weile hinterher. Dann drehte ich mich um, um nach Hause zugehen, doch Ean stand abermals im Weg. Warum wunderte das mich eigentlich noch?

„Ich würde einiges dafür geben, damit du mir ein einziges Mal so hinterher schmachtest“, meinte er mit einem sehr melancholischen Gesichtsausdruck. Ich grinste milde, seufzte erneut und ging ohne ein Wort zu sagen an ihm vorbei. Ean reagierte etwas verspätet, drehte sich dann aber doch um und lief bald neben mir her.

„Gehst du mit mir auf das Volksfest?“, fragte er sofort.

„Hä?“ Ich hatte mich da doch gerade verhört.

„Ob du mit mir auf das Volksfest gehen würdest?“

„Warum?“ Mir war unbegreiflich, was Ean da gerade mit MIR wollte.

„Damit wir uns besser kennenlernen“, antwortete er schlicht.

„Ein Date?“ Ich musterte meinen Klassenkameraden argwöhnisch.

„Nur wenn du es so betrachtest“, grinste er schelmisch.

„Da drängt sich wieder unweigerlich die Frage auf: Warum?“

Ean ging meine abwehrende Haltung ihm gegenüber tierisch auf den Sack, was mir begann, Spaß zu machen. Genervt blieb er stehen und hielt mich leicht am Oberarm fest, damit ich es ihm gleich tat.

„Mensch Sasha, mach‘s mir doch nicht so schwer. Du hast nen total bescheuertes Bild von mir und ich wohl ein komplett falsches von dir. Meinst du nicht auch, dass es langsam Zeit wird, die alten Bilder durch neue, eigene zu ersetzen?“

Wow, das klang ja fast erwachsen und dass aus Eans Mund. So ganz wollte ich ihm noch nicht über den Weg trauen.

„Eine komische Art die Leute ins Bett kriegen zu wollen. Hinterher ist doch eh alles wieder vergessen. Danke nein, aber ich habe keine Lust, mich ausführen zu lassen“, erklärte ich ruhig. Das Portrait, was ich von meinem Mitschüler hatte, wollte einfach nicht so leicht weichen.

„Ausführen?“, meckerte Ean los. „Bist du bescheuert?! Das Volksfest ist ne Benefizveranstaltung und du weißt, wohin der Erlös fliegt. Ich finde jeder sollte seinen Teil dazu beitragen. Du wirst deinen Scheiß schön selbst bezahlen.“

Seine harten Worte trafen mich fast wie eine Ohrfeige und ließen mich etwas sprachlos werden, was wiederum ganz gut so war. Ich legte meine Arroganz ein Stück weit ab, sortierte meine Gedanken und musterte Ean recht stark.

„Hab ich das jetzt richtig verstanden? Kein Date, nur etwas kennenlernen und nebenher mampfen für einen guten Zweck?“

Mein Klassenkamerad überlegte kurz und nickte dann leicht, worauf ich mich geschlagen gab.

„Samstag, 19 Uhr, unten geraderüber vom Nordeingang, bei der komischen Skulptur.“

Mein Gegenüber begann immer breiter zu grinsen und sprang mir dann unerwartet um den Hals. Als er mir noch einen innigen Kuss aufdrückte, fühlte ich mich komplett überrumpelt. So schnell wie er über mich herfiel, so schnell ließ er wieder von mir ab.

„Ich freu mich echt drauf“, strahlte er mich regelrecht an, als hätte er im Lotto gewonnen.

„Dann bis morgen“, verabschiedete sich Ean und war auch schon weg.

Ich hingegen brauchte ein paar Sekunden, um mich wieder zu fangen und war mir nicht ganz sicher, ob ich gerade das Richtige getan hatte. Nun allerdings war es zu spät, um irgendetwas wieder zu ändern, schließlich hatte ich noch meinen Stolz.

Die restlichen Tage bis zum Wochenende vergingen ungewöhnlich schnell, wenn auch ab und an voll peinlich. Entweder fand ich eine kleine rote Rose auf meinen neuen Platz oder Ean hielt mir die Tür auf beziehungsweise warb in anderer Art und Weise um meine Aufmerksamkeit. Doch immer recht dezent, ohne viel Aufsehen, da er mittlerweile wusste, dass ich dies nicht gerade schätzte.

Trotzdem kam ich mir vor wie ein Mädchen. Vor allem, weil die meisten Mitschüler mich ab und an dämlich angrinsten, so wie bisher jede neue Flamme von Ean, like: ‚mal sehen, wann der dich abschießt‘ oder ‚genieße es, so lange wie möglich‘. Aber keiner fand es irgendwie anstößig oder eklig, was wohl eher an diesem Sonnyboy lag.

Wenn einer angeblich schon alle Frauen hatte, durfte er sich anscheinend auch mal mit nem Kerl abgeben. Wieder kam diese bescheuerte Selbstverständlichkeit auf, die mir tierisch auf den Sack ging. Deswegen war ich nahe dran, dieses ‚Date‘ kurz vor knapp abzusagen. Leider besaß ich nicht mal die Handynummer meines Klassenkameraden und einfach ohne ein Wort jemanden sitzen lassen, war absolut nicht mein Style.

Also stand ich 18 Uhr frisch geduscht vor meinem Kleiderschrank und überlegte doch tatsächlich, was ich anziehen sollte. Allein der Gedankengang, ob das eine T–Shirt mit der anderen Hose kombiniert Ean eventuell gefallen könnte, ärgerte mich von Minute zu Minute mehr. Als ich allerdings in der hintersten Ecke des Schrankes zwei längst vergessene Klamotten fand, stahl sich ein feines Grinsen auf meine Lippen.

‚Wie wurde ich von den Anderen immer genannt? Deprikücken? Na mal schauen, ob ich diesem Klischee nicht etwas Nahrung spenden kann‘

Mich diebisch drüber freuend, betrachtete ich mich zehn Minuten später fertig angezogen im Spiegel. Ich hüllte mich ganz in schwarz, in eine Hose mit mehreren Taschen an den Beinen, die oben aber trotzdem recht eng am Körper anlag und ein edles, ärmelloses Shirt, welches ab und an mit zwei Zentimeter breiten Streifen aus glänzendem Stoff quer durchzogen war.

Ein bisschen Gel in die feinen Haare, damit diese nicht so rumflogen und ein schmales, einfaches Nietenarmband und der Look war fertig. Ein wenig goth-mäßig war alles schon, samt einem dezenten schwulen Hauch, was ich genau als die beste Mischung empfand. Ean sollte genau sehen, was er sich da eingebrockt hatte. Ein winziges kleines Stück von mir wollte ihm auch gefallen, aber das verdrängte ich recht gut.

Meine Mom verkniff sich nicht ganz so gekonnt ein fettes Grinsen, als ich aus meinem Zimmer kam, damit wir endlich losdüsen konnten. Sie hatte mich dazu verdonnert, mich von ihr aufs Fest fahren zu lassen, da sie fest davon ausging, dass wir Alkohol trinken würden. Deswegen ließ sie mich nicht mal mit dem Fahrrad fahren, sondern drückte mir Tickets für Bus und Bahn in die Hand.

Zum Glück ersparte sie mir weitere Peinlichkeiten und parkte ein paar Straßen vor dem besagten Treffpunkt und fuhr dann wieder nach Hause, um sich ein paar gemeinsame Stunden mit meinem Paps zu machen. Allein diese Aussage von ihr gepaart mit dem eindeutigen Grinsen, rief einen kleinen Ekelschauder bei mir hervor. Eltern – ehrlich, die waren nun mal geschlechtslose Wesen!

Ein paar Minuten vor 19 Uhr kam ich an der Statue an, musste diese jedoch erstmal umrunden, da sie recht groß und breit war. Und auf der anderen Seite stand er auch schon, lässig am Kunstwerk angelehnt und genüsslich eine Zigarette rauchend. Prima. Mal davon abgesehen, dass der Typ absolut keinen Respekt hatte vor öffentlichem  Eigentum, tat er genau das, was ich mit am meisten hasste.

Obwohl bei ihm schon eine gewisse Erotik mitschwang. Die Lippen, wie sie sanft aber bestimmend den Filter umschlossen und daran sogen. Wie er genüsslich den giftigen Qualm tief einatmete, sich vollkommen bewusst, welchen Schaden dieser in seinen Lungen anrichten würde. Wie er ein paar Sekunden inne hielt, um jeden einzelnen Moment dieses Ereignisses auszukosten, ihn zu genießen bis ins kleinste Detail. Wie er erst danach den Qualm wieder entließ, ihn sehnsüchtig hinterher starrte, als wäre dieser sein Liebhaber gewesen und er traurig, dass die erst vor kurzem gewonnene Wärme und Liebkosungen nun verschwanden, mitgerissen durch den Wind, wild, ungebändigt und frei.

Selbst ich konnte nicht abstreiten, dass Ean Ästhetik besaß, in allem was er auch tat. Und dass ich ständig bescheuerte Sachen im Kopf hatte, sobald ich an ihn dachte. Trotzdem änderte dies absolut nichts an der Tatsache, dass ich rauchen mal gar nicht leiden konnte. Ohne eine Begrüßung ging ich einfach auf ihn zu, riss ihm die Zigarette aus dem Mund und warf diese in den nächstbesten Gully.

„Du als Sportler solltest dir so was echt nicht antun“, meinte ich relativ locker und setzte nach einer Weile hinzu: „Außerdem schmeckt das eklig.“ Ruhig sah ich ihn an, innerlich gespannt darauf, wie er reagieren würde. Zuerst schaute mich mein Klassenkamerad überrascht an, fing sich dann wieder und setzte sein übliches, scharmantes Lächeln auf.

„Ich freu mich auch, dass du da bist“, antwortete er lediglich. „Wollen wir?“ Auffordernd nickte Ean Richtung Stadtfest, worauf ich mit einem „Klar“ zustimmte.

Nur nebenher bekam ich mit, dass mein Mitschüler seine Zigarettenschachtel in den nächsten Papierkorb warf. Der Abend gestaltete sich lockerer und vor allem lustiger, als ich dachte. Von fast jedem Kuchenstand probierten wir ein Stück und mampften für nen guten Zweck was das Zeug hielt. Nur bei zwei Arten von Verkaufsbuden hielten wir uns unabgesprochen fern. Zum einen den mit Kürbiskuchen – wer denkt sich nur so einen Scheiß aus beziehungsweise wer soll so was essen? – und zum anderen den mit Alkohol. Anscheinend wollte nicht nur ich dieses ‚Date‘ katerlos überstehen.

Keine Ahnung ob sich Ean wegen mir verstellte oder er wirklich so nett und natürlich war, wie er sich an diesem Abend gab. Er war ein guter Zuhörer und Gesprächspartner, spürte, wann ein Thema vertieft werden wollte oder welches man lieber beiseite ließ. Da wurde ein dummer Witz gemacht, dort eine lustige Episode aus seiner Erinnerung zitiert. Selbst ernste Sachen konnten diskutiert werden, ohne dass einer groß nachgab, also bei seiner Meinung blieb und alles ohne Streit.

Ich war wirklich sehr überrascht. Was jedoch allem das Sahnehäubchen aufsetzte war, dass er nicht einen einzigen Annäherungsversuch startete. Am Anfang dachte ich schon, er hätte sein Interesse verloren und zog das ‚Date‘ aus Anstand durch. Seine Augen allerdings erzählten mir etwas anderes. Sie strahlten regelrecht, als ob sie dies nur für mich tun würden.

Ich begann jede auch noch so kleinste Berührung zu genießen, wenn er mir zum Beispiel etwas reichte. Bildete ich mir alles nur ein? War es wirklich echt? Keine Fassade? Keine Show? Konnte ich es wagen, mich fallen und ihn näher an mich ran zu lassen? Feststand, dass ich ihm eine kleine Chance geben wollte.

Kurz nach 24 Uhr standen wir vor dem Mehrfamilienhaus, in dem ich mit meiner Familie wohnte und ich wusste einfach nicht, wie ich mich passend von ihm verabschieden sollte. Ganz gentlemanlike half Ean mir aus seinem Smart Roadster und grinste mich wieder so verführerisch an. Scheiße, ich war so elendig schwach. Am liebsten hätte ich ihn wieder zurück zu mir ins Auto gezogen und noch schmutzige Sachen mit ihm angestellt.

„Danke für den lustigen Abend“, nuschelte ich meine ganze Selbstbeherrschung aufbringend. „Ruf mich an, wenn du Lust hast“, meinte ich noch, drückte ihm einen zarten Kuss auf die Wange und wollte Richtung Haus verschwinden. Doch Ean ergriff sanft mein Handgelenk, überwand die zwei Schritte Distanz zwischen uns und gab mir den zärtlichsten Kuss, den ich jemals erhalten hatte – präsent, aber doch unglaublich zurückhaltend, als wäre dieser Macho sich seiner Sache absolut nicht sicher.

„Gerne“, hauchte er mir zu, bevor er zum Auto ging und wegfuhr, nicht ohne mich vorher noch einmal lieblich anzulächeln.

Scheiße, wie unschuldig war das denn?! Komplett verwirrt, tapste ich die Treppe zur Wohnung hoch, wusch mir unter der Dusche die Wärme des Tages vom Körper und fiel ins Bett, ohne wirklich müde zu sein. Was war mit Ean nur nicht ganz richtig in der letzten Zeit? Was war mit mir nicht richtig? Ob er sich wirklich meldet? Über diese und noch viel bescheuerte Gedanken schlief ich irgendwann mal ein.

*

Die nächsten zwei Wochen vergingen wie im Flug und waren für mich das reinste Gefühlschaos. Ean warb weiter um mich wie ein Prinz um seine holde Maid. Da er wusste, wie sehr ich große Aufmerksamkeit hasste, war er immer recht diskret, bestand allerdings fortan auf seinen „Hallo“ – und „Auf Wiedersehen“ – Kuss. Entweder zog er mich in eine dunkle Ecke, überraschte mich in der Bibliothek oder suchte mich in der Umkleide auf.

Ich hatte das Gefühl, dass mein Mitschüler genau wusste, wann ich mich wo aufhielt, nur um sich auch ganz bestimmt seine kleine Zärtlichkeit abzuholen. Irrsinniger Weise blieb es bei diesen Kleinigkeiten, was mich im Laufe der Zeit immer kirrer machte. Jedes Mal, wenn Ean seine süßen Lippen auf meine presste, wenn ich die Wärme seines Körpers erahnen konnte, seinen Atem auf meiner Haut spürte, wollte ich mehr.

War das etwa sein Plan? Mich so lange verrückt zu machen, bis ich meine Beherrschung verlor und gnadenlos über ihn herfiel? Wenn dem so war, brauchte er nicht mehr lange zu warten. Auch nach dem Unterricht trafen wir uns immer öfter, gingen ins Kino, irgendwo Eis essen, einmal sogar Go-Cart-Fahren, mehr passierte allerdings nicht.

Die Erkältung des Fechtlehrers bescherte mir zwei Freistunden, die ich draußen auf dem Rasen an einer der flachen Wälle verbrachte, die Basketball– und Tennisplatz voneinander trennten. Ich geb‘s ja zu, ich wollte Ean etwas näher sein, ohne aber dass er davon direkt etwas mitbekam. So genoss ich die warmen Strahlen der Sonne, die kurz vor Mittag langsam ihren höchsten Stand erreichte, lauschte den Zurufen der Spieler und ihrem Gejubel, wenn sie einen Korb geworfen hatten. Als Teamchef war da Ean am lautesten rauszuhören, was ich lächelnd registrierte. Er war der pure Leitwolf, durch und durch.

„Okay. Toni, Benno, rein ins Team, Ersatz für Eric und mich! Los! Nicht so lahm!“

Mein kleiner Sonnyboy spornte seine Leute ganz schön an. Zu meinem Schrecken setzte er sich direkt auf den Wall, wo ich lag, halt nur auf der anderen Seite. Dank der Erhöhung konnte er seine Mitspieler besser sehen und Fehler eher abstellen. Ich allerdings konnte nun auch jedes Wort verstehen, selbst das Geflüsterte, hörte wie sein Atem vom Spiel geprägt sich langsam beruhigte.

„Sag mal Ean, was ist nun mit dir und Sasha?“, hörte ich Eric lauernd aber auch vorsichtig fragen.

„Was soll da sein?“ Mein Mitschüler wirkte sehr desinteressiert.

„Na bist du nun schwul oder nicht?“

Angespannt hielt ich den Atem an und wartete verkrampft auf seine Antwort. Dieser ließ sich damit reichlich Zeit.

„Hey Ean, hey Eric“, hörte ich zwei Mädels aus unserer Klasse, von denen ich wusste, wie gut sie bestückt in allem waren.

„Ich denke nicht“, sagte Ean endlich und ich konnte richtig heraushören, wie er lüstern grinsend den Tussis hinterher gaffte, als die an ihnen vorbeijoggten.

„Aber da läuft doch was zwischen euch“, harkte Eric nochmals nach.

„Das hoffe ich zumindest.“

„Du hast gerade noch behauptet …“

„Das ich nicht schwul bin, was auch stimmt.“

„Du findest also Ärsche wie Titten geil?“

„Wenn ich einen Menschen interessant finde, ist‘s mir egal, was er ist.“

„Und Sasha ist neuerdings alles andere als langweilig?“

Keine Antwort. Ob er jetzt nur milde lächelte?

„Hast du ihn denn endlich nochmal rumgekriegt?“

Ean seufzte hörbar laut und stand auf.

„Er wird schon früh genug zu mir kommen – von ganz alleine.“

Dann war er auch schon wieder bei seinen Leuten auf dem Spielfeld und bellte ein paar Befehle. Bevor ich doch noch entdeckt wurde, schnappte ich mir meine Sachen und lief Richtung Bibliothek. Wie sollte ich das jetzt bitte verstehen? Wollte er etwa, dass ich ihn anbettelte mit ihm zusammen sein zu dürfen? Das konnte er aber mal schön vergessen. Dass ich für ihn nichts anders war, als eine lächerliche Beute, eine kleine Herausforderung, die es galt zu bewältigen, kotzte mich richtig an. Wie konnte er so kalt mit den Gefühlen anderer spielen, nur um seinen Ruf zu bewahren?!

Zum Glück hatten wir den Tag keine weiteren Kurse zusammen, so konnte ich mich erstmal abregen und mir überlegen, wie ich weiter reagieren sollte. Doch jedes Mal wenn ich daran dachte, konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Die letzten zwei Wochen hatte ich echt genossen. Die zarte Aufmerksamkeit, die sachten Zärtlichkeiten – war das echt nur ne Masche von ihm gewesen? Warum wollte ich das einfach nicht glauben? Moment mal … hatte ich mich etwa … in ihn verschossen? Das würde zumindest erklären, warum ich so niedergeschlagen war. Oh man und ich wollte mich in dieser Hinsicht ihm gegenüber echt zusammenreißen. Toll.

Die restlichen Stunden in der Schule verbrachte ich damit an Orten zu sein, an denen ich normalerweise um diese Zeit nicht war, nur um Ean aus dem Weg zu gehen. Zum Schluss sprang ich schon fast die letzten Treppen hinunter vor Eile, da ich im Gefühl hatte, mein Klassenkamerad suche nach mir. Auf dem unteren Gang stand er wieder, umgeben von seinem Hofstaat. Ich war einfach noch nicht bereit für eine Begegnung mit ihm. Eine Nacht bräuchte ich mindestens, um über diesen bescheuerten Spruch schlafen zu können. Hektisch blickte ich mich um und suchte etwas zum verstecken, als Herr Josias neben mir auftauchte. Ein diabolisches Lächeln verirrte sich auf meine Lippen.

‚Was der kann, kann ich schon lange, schließlich ist der nicht der einzige Schnuckel an dieser Schule.‘

Mit einem Schwung harkte ich mich bei dem Studenten unter und blickte schelmisch grinsend in sein überraschtes Gesicht.

„Und, wie kommen sie mit ihrem Projekt voran? Ich hoffe, wir gehen ihnen noch nicht so auf den Zeiger?“, fragte ich gleich drauf los und zog ihn weiter Richtung Ausgang. Nur ein paar Sekunden schaute mich Herr Josias prüfend an, lächelte dann und ließ sich von mir aus der Tür führen.

„Bei mir läuft es recht gut und langweilig wird es auch nie. Immer wenn ich glaube, ich wüsste langsam soweit alles über euch, kommt einer und belehrt mich eines besseren.“

Mittlerweile standen wir vor dem Gebäude, an der gleichen Stelle wie beim ersten Mal. Sanft löste er sich aus meiner Umklammerung und legte beide Hände auf meine Schulter.

„Und jetzt erklär mir mal, was los ist. Wem wolltest du aus dem Weg gehen, hm?“

Konnte der etwa Gedanken lesen oder war meine Scharade so offensichtlich? Er hatte genau meinen wunden Punkt getroffen und sah mich dazu noch so liebevoll auffordernd an, dass ich gar nicht anders konnte, als etwas von mir preiszugeben. Eigentlich war ich ja nicht der Typ, der wildfremden Leuten gleich was persönliches erzählte. Aber bei diesem Studenten war mir so, als ob er etwas in meinem Innersten zum erklingen brachte und ich ihm einfach antworten musste.

„Es gibt da jemanden, den ich mag – glaube ich. Und ich dachte, er mag mich auch, is aber nicht so. Hab unbeabsichtigt nen Gespräch mitbekommen, wo er doch nur auf vögeln aus ist“, meinte ich seufzend und suchte den Boden nach nichts bestimmten ab.

„Hat er das denn wortwörtlich gesagt?“, fragte Herr Josias, worauf ich die Stirn runzelte und aufschaute.

„Nein, eigentlich nicht.“

„Was auch immer zwischen euch sein mag, das Beste aller Dinge ist Kommunikation. Eine komplette Gesprächstherapie wäre vielleicht zu viel für den Anfang, dennoch würde ich vorschlagen, mit ihm einfach mal drüber zu reden. Allein wenn man das Thema anspricht, klärt sich schon vieles von selbst. Den Rest macht die Erfahrung.“

Wieder lächelte der Student mich so dermaßen herzerwärmend an, dass ich ihm einfach jedes Wort glauben musste. Und auf einmal kam ich mir voll dämlich vor. Die ganze Zeit meckerte ich darüber, dass ich wie nen Mädchen behandelt wurde und jetzt benahm ich mich schon wie eines.

„Sicher, dass sie den richtigen Beruf wählen? Als Psychologe wären sie bestimmt auch nicht schlecht“, sagte ich kleinlaut und setzte ein „Sorry“ noch nach.

„Wer sagt denn, dass ich mein Diplom als Lehrer mache?“, lachte Herr Josias und gab mir somit die Bestätigung, nicht sauer zwecks der Sache auf mich zu sein.

Puh, grade nochmal die Kurve bekommen. Dummerweise hatte er Recht. Reden wäre echt mal gut, schließlich wollte ich endlich wissen, wo genau ich bei Ean stand. Zum Abschied tätschelte der Student etwas mein Kinn, wie bei einem Kleinkind, das was richtig verstanden hatte und nickte leicht.

„Bis morgen.“

‚Man, der sah mich wirklich noch als Schüler an – und nur als das. Mist.‘

Etwas wehmütig aber doch dankbar zwecks der Aufmunterung lächelte ich zurück und wollte gerade Tschüss sagen, als ich mit einem Ruck nach hinten gezogen wurde, sich Ean in mein Blickfeld schob, der mit der Faust ausholte, direkt gegen Herrn Josias. Doch jemand war noch schneller. Während der Student komplett ruhig stehen blieb, war ein großer Typ in schwarzen Klamotten aufgetaucht und hatte Eans Faust kurz vor dem Gesicht des Anderen aufgehalten. Knapp riss er den Arm von meinem Klassenkameraden zur Seite und gab ihm einen dermaßen harten Stoß, dass dieser der Länge nach hinten auf dem Rücken landete.

„Lass uns gehen“, meinte Herr Josias schlicht, als sei absolut gar nichts passiert, und wandte sich ab. Nach einem verächtlichen Schnauben kam der Schwarzhaarige der Aufforderung nach und ich war echt froh, diese kalt blitzenden, grünen Augen nicht mehr ertragen zu müssen. Mit diesem Freak war meine Sahneschnitte also zusammen? Der Spruch, dass Gegensätze sich anziehen, passte hier wohl voll. Ean rappelte sich gerade wieder auf und wollte den beiden irgendwas Dummes hinterher rufen, als ich ihn rüde davon abhielt.

„Wir gehen zu dir!“

„Was?“ Mein Mitschüler war sichtlich überrascht.

„Willst du hier ne riesen Szene haben oder was?!“, motzte ich ihn an und breitete etwas die Arme aus, worauf er sich vorsichtig umschaute. Es hatten sich schon einige Schaulustige versammelt und ich hatte echt keinen Bock auf mehr. Ean schüttelte daraufhin mit dem Kopf.

„Also, wo ist nun dein Auto?“

Ich war übelst genervt und dementsprechend schweigsam auf der gesamten Fahrt. Was hatte er sich nur bei dieser bescheuerten Show gedacht? Was bei diesen blöden Worten? War das vorhin etwa Eifersucht gewesen oder eher klarmachen von Besitzansprüchen? In ein paar Minuten sollte ich mehr wissen – zumindest hoffte ich das.

Es war seltsam, abermals die Treppen rauf zu Eans Zimmer zu steigen. Diesmal bei Tageslicht und ohne zusätzliche Belastung. Zwar war von außen die kleine Villa recht schlicht gehalten, aber drinnen sah man, dass die Familie richtig Kohle hatte. Antik ausschauende Vasen hier, alte Gemälde dort, allein schon die Treppen schien aus teurem Holz zu bestehen, mit noch teurerem verzierten Geländer.

Auch Eans Zimmer war riesig. Ein großer Flachbildschirm hing an der Wand, ein Laptop lag auf nem modern geschwungenen Schreibtisch, ein riesiges Bett stand mittig hinten an der Wand. Ein leichtes Kribbeln durchfuhr meine Magengegend, als ich es sah. Dort hatte alles angefangen. Leichte Versuchung war absoluter Ekstase gewichen, über kalte Erkenntnis zur sachten Annäherung bis zu … Liebe wollte ich es nicht gleich nennen, denn dafür war vieles noch zu ungenau beziehungsweise ungewiss. Aber es ging wohl sehr in diese Richtung, sonst würde mich das alles nicht so sehr beschäftigen.

Ich ließ mich in einen der beiden schwarzen Ledersessel gleiten, die neben der passenden Couch standen, als Sitzgelegenheit für den großen Fernseher. Ean schmiss sein Zeug neben den Schreibtisch und stand dann irgendwie verloren im Zimmer rum. Ich ließ ihn ordentlich zappeln und sah mich betont interessiert im Zimmer um.

„Sagst du mir jetzt endlich, was dieser Typ an dir rumzutatschen hatte?“, platzte ihm endlich der Kragen. Ich sah ruhig zu ihm auf und versuchte so gelassen wie nur möglich zu wirken.

„Wenn du mir sagst, was ‚Er wird schon früh genug zu mir kommen – von ganz allein‘ bedeutet“

Mit gerunzelter Stirn schaute er mich an.

„Ich weiß zwar nicht, woher du das mal wieder hast, aber du kapierst immer noch nicht. Sasha, ich wollte dir einfach Zeit geben, bis du dir selbst über alles im Klaren bist. In keinem Fall wollte ich dich nochmal irgendwie bedrängen. Von Tag zu Tag allerdings fällt mir das immer schwerer. Je mehr ich dich kennenlerne, je länger ich mit dir unterwegs bin, desto intensiver ist dieses Gefühl, dich nur noch für mich haben zu wollen. Am liebsten würde ich dich irgendwo einsperren, wo nur noch ich an dich rankomme. Aber ich will, dass du von selbst zu mir kommst, dass du von dir aus sagst, was aus allem hier wird. Ich will zum ersten Mal was auf mich zukommen lassen, ohne was dran zu drehen oder zu manipulieren.“

Ean hatte sich richtig in Rage geredet, wurde aber zum Schluss hin immer ruhiger, kam dann auf mich zu und kniete sich genau vor mir nieder. Mein Herz pochte wie wild gegen meine Brust, als wolle es ausbrechen, als mein Mitschüler mir so tief in die Augen schaute wie noch nie.

„Ich will dich, Sasha, aus freien Stücken, pur und das nicht nur für eine Nacht.“

Shit, war das etwa eine Liebeserklärung? Tief sog ich die Luft in mich ein, da ich das Gefühl hatte, immer schwerer atmen zu können und schloss meine Augen. Jetzt lag wohl alles nur noch an mir. Seinen Standpunkt hatte Ean klar und deutlich aufgezeigt und dabei war es egal, ob diese alles nur Show war oder nicht. Rausfinden würde ich das erst, wenn ich mich voll und ganz auf ihn einlasse.

Nur – wollte ich das? Dieser Sonnyboy war so widersprüchlich, handelte ständig vollkommen konfus und gegen jede bestehende Logik. Vielleicht war es auch genau das, was mich so an ihm reizte. Eine Beziehung mit ihm wäre komplett planlos. Jeder Tag wäre eine neue Herausforderung und die Gefühle würden auch wie auf einer Achterbahn auf– und abfahren. Ich lächelte leicht. Eigentlich suchte ich ja Ruhe und Beständigkeit, aber dieser Chaot hatte meinen Kampfgeist geweckt.

Ich schüttelte etwas mit dem Kopf, öffnete wieder die Augen und fuhr mit meiner Hand durch seine Haare, bis hin zum Nacken. Dann zog ich ihn sanft zu mir, soweit, bis sich fast unsere Lippen berührten. Ich spürte, wie Ean leicht vor Aufregung zitterte und kostete diesen Moment ein paar Sekunden aus. Sein warmer Atem auf meiner Haut machte mich ganz kribbelig und in Gedanken malte ich mir schon kleine Boshaftigkeiten aus.

Die Frage, ob ich dieses Risiko mit ihm eingehen wollte – einer tickenden Zeitbombe – hatte sich komplett in Luft aufgelöst. Vielleicht war nicht alles auf einmal klar, doch ich hatte beschlossen, es auszuprobieren. Ein letztes Mal sah ich Ean fest in die Augen, ohne mein begieriges Funkeln zu verstecken. Er wollte mich also, aus freien Stücken, pur und nicht nur für eine Nacht? Na wenn er meint, dass er dem gewachsen sei.

„Okay“, hauchte ich also gegen seine Lippen und verschloss diese dann mit meinen.

Ich legte meine ganzes Verlangen, Leidenschaft und Zärtlichkeit hinein, nahm ihn in meine Arme, ließ ihn wieder los, streichelte wieder und wieder über seine Wange, an den Armen hinab über den Rücken, genoss seine Berührungen und quittierte diese mit leisen Seufzern.

Da saßen wir nun, auf dem Boden, die Beine um die Hüfte des Anderen geschlungen und so nah aneinander geklammert, wie nur möglich, als würden wir jeden Augenblick wieder auseinandergerissen werden. Scheiß drauf, ob das das Richtige war. Es fühlte sich verdammt nochmal gut an! Und das war alles was momentan zählte.

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1 Kommentar

    • Norman auf 11. November 2011 bei 00:46
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    Der Autor beeindruckt durch eine flüssig plätschernde, ständig spannende
    Erzählung. Die beiden Hauptakteure werden ziseliert dargestellt, ihre
    Charaktere durchaus polarisierend herausgearbeitet.
    Der Leser ergreift zunächst zwangsläufig Partei, freut sich und leidet mit.
    Und dann gelingt es dem Autor immer wieder, Zweifel zu schüren an Eans
    Aufrichtigkeit und an “Deprikückens” Prinzipientreue.
    Die Intentionen der beiden fokussieren und verschwimmen abwechselnd.
    Das “Wechselbad” steigert die Spannung, die niemals abbricht.
    Der Schluß bleibt offen. Dennoch lokalisiere ich dort den eigentlichen
    Höhepunkt, weil hier die wache Entscheidung der Hauptpersonen ansteht.

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