12. Türchen – Samtpfote und Engelshaar

War ich jetzt im falschen Film?

„Ich Probleme mit dir…? Nicht dass ich wüsste“, antwortete ich im ruhigen Ton.

Komisch, dass sich gerade jetzt keiner auf den Fluren aufhielt und das Gespräch mit bekam.

„Kommt hier her, reist mit seiner Geltungssucht alles an sich…“

Ich unterbrach ihn mit einem lauten Lachen.

„Ich? Geltungssüchtig? Da verwechselst du etwas!“

Mein Ton war ungewollt etwas härter geworden, denn solchen Gespräche waren mir äußerst zuwider.

„Sag einfach, was für ein Problem du hast“, wiederholte Kai seine Aussage erneut.

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich habe keine Probleme mit dir. Ich kenne dich nicht und so wie du da herkommst, möchte ich dich auch nicht kennen lernen!“

Ich verstand den Sinn dieser Unterhaltung nicht. Am besten ich würde ihn einfach stehen lassen, um diesem saublöden Gespräch ein Ende zu bereiten. Kurz gedacht, setzte ich mein Vorhaben in die Tat um und lief einfach weiter.

„Bleib stehen, wenn ich mit dir rede“, herrschte mich Kai von hinten an und griff nach meinem Arm.

Das konnte ich nun gar nicht abhaben und drehte meinen Arm nach außen, so dass ich mich aus seinem Griff befreien konnte. Die kleine Aktion hatte aber zur Folge, dass Kai hinter mir das Gleichgewicht verlor und mit einem Schrei die Treppe hinunter segelte.

Entsetzt stand ich auf meiner Stufe und schaute dem Fall zu, der wie in Zeitlupe ablief, so kam es mir wenigstens vor. Nach der ersten Schrecksekunde hastete die Treppe hinunter.

„Kai? Ist dir etwas passiert?“

Er stöhnte leise.

„Kai?“, rief ich verzweifelt.

Was mach ich jetzt nur? Kein Mensch weit und breit. Wäre doch nur Jonas hier, der wüsste was zu tun ist.

„Was ist passiert?“

Ich fuhr total erschreckt zusammen. Vor mir stand Jonas, den ich nicht mal gehört hatte.

„Kai ist die Treppe hinunter gesegelt. Ich habe aber keine Schuld, er ist…“

„Jens, schon gut, ich weiß Bescheid.“

Verwirrt schaute ich Jonas an. Er untersuchte Kai.

„Jens tu mir den Gefallen und hole ein Glas Wasser aus der Küche.“

„Ja… sofort.“

Ich stand auf, rannte in die Kantine. Alle Türen waren offen und so konnte ich problemlos die Küche betreten. Ich griff ins Glasregal und hätte dabei fast ein halbes Dutzend Gläser mit abgeräumt.

Tief atmete ich durch und griff noch mal ganz langsam nach einem Glas. Danach flitze ich zum Waschbecken und ließ das Glas volllaufen. Ich löschte wieder alle Lichter und ging zurück auf den Flur.

Mir war, als hätte ich kurz einen hellen Lichtschein gesehen, aber verwarf diesen Gedanken gleich wieder. Als ich bei den beiden ankam, saß Kai auf den Boden.

„Jens war als erstes bei dir und hat mich gerufen“, hörte ich Jonas sagen.

„Hier, das Glas Wasser“, meinte ich und beugte mich nach vorne um es Kai zu geben.

„Ich kann mich an nichts erinnern… äh… danke“, stammelte Kai und nahm das Glas in die Hand.

„Würdest du Kai auf sein Zimmer bringen?“, fragte mich Jonas.

Entgeistert schaute ich ihn an. War das sein Ernst?

„Ich muss kurz zum Direx, sonst würde ich es selbst machen. Bis auf ein paar Prellungen hat er sich nichts getan.“

Ich wusste nicht warum, ich glaubte das, Jonas einfach so, ohne zu hinterfragen, ob Kai nicht zu einem Arzt müsse. Ich nickte ihm zu.

„Gut, wir helfen Kai noch zusammen auf, dann könnt ihr losgehen.“

Kai war immer noch ganz benommen und nicht sicher auf den Füßen.

„Du weißt, wo Kais Zimmer ist?“, fragte Jonas.

„Ja… so ungefähr.“

„Zimmer Nummer 234.“

„Okay, ich werde es schon finden und ich denke, so klar ist Kai noch, dass er weiß wo er wohnt.“

Der genannte gab kein Kommentar von sich, musste seinen Kopf wohl sehr gestoßen haben um alles zu vergessen, was war. Langsam führte ich ihn die Treppe hinauf und bog in den Nordflügel.

Nach einer weiteren beschwerlichen Treppe mit Kai, waren wir auf seinem Flur. Ich lass auf jeder Zimmertür die Nummer, bis ich Kais gefunden hatte.

„Hast du deinen Schlüssel?“, fragte ich.

„Schlüssel?“

Oh mein Gott, der war ja wirklich ganz neben sich.

„Kai, ich brauche einen Schlüssel um die Tür aufzumachen.“

Es gab keine Reaktion. So griff ich einfach in seine Jackentasche. Fehlanzeige. In der anderen wurde ich fündig. Ein kleiner Schlüsselbund mit mehreren Anhängern kam zum Vorschein. Ich stutzte.

Einer der Anhänger war geformt wie ein Regenbogen und bemalt mit dessen Farben. Das ist doch… Egal, Kai schwankte wieder und so schloss ich seine Tür auf. Ich machte Licht und schob Kai in sein Zimmer.

Etwas unbeholfen standen wir nun beide da. In einem Korb, vor der Heizung lag eine Katze, die uns neugierig beobachtete. Kai sollte sich am Besten hinlegen.

„Komm, zuerst ziehst du mal deine Jacke und Schuhe aus“, meinte ich.

Aber als er sehr eigenartig begann an seiner Jacke zu ziehen, musste ich doch einschreiten.

„Warte, ich helfe dir.“

Also zog ich ihm die Jacke aus und führte ihm zu seinem Bett. Dort machte er gleich Anstalten sich hinzulegen. Man, was tat ich hier überhaupt. Vorhin noch, da wollte er mir wahrscheinlich an die Gurgel gehen und jetzt bemutterte ich ihn auch noch.

So zog ich ihm die Schuhe aus und stellte sie vor sein Bett.

„Ist alles klar mit dir, Kai?“, fragte ich ihn.

„Mir ist schwindlig und ich bin so müde und…, und alles tut weh.“

Konnte ich ihm nicht verdenken, nach diesem Sturz. Ich sah mich kurz im Zimmer um und fand eine Decke. Also stand ich auf und nahm diese Decke und warf sie über Kai. Ich konnte ein leises „Danke“ vernehmen.

Ein  leichtes Klopfen und ein „Hallo?“, ließen mich zur Tür sehen. Da stand Jonas.

„Ich habe hier eine Schmerztablette und noch Wasser. Sonst alles in Ordnung?“

„Ich weiß nicht, ich kenne mich da nicht aus, aber er benimmt sich recht komisch.“

„Ja, so ein Sturz kann vieles bewirken oder auslösen. Aber ich denke, wenn er sich richtig ausgeschlafen hat, geht es ihm besser… bis auf die blauen Flecken, denke ich.“

„Wen du meinst…“

„Keine Sorge, morgen geht es ihm wieder besser.“

„Gut. Meinst du, ich kann dann in mein Zimmer zurück? Bin nämlich nach diesen abendlichen Erlebnissen total geschafft.“

„Glaube ich dir gerne, Dann wünsche ich dir eine gute Nacht, man sieht sich sicher morgen wieder.“

„Gute Nacht!“, meinte ich und verließ das Zimmer.

*-*-*

Die Kantine war überraschend voll, für diese Zeit am Sonntag. Ich dachte eher, dass viele ausschlafen würden.

„Will noch jemand einen Kaffee?“, meinte Tilly, der gerade aufstand.

Ein gemeinsames Kopfschütteln der Runde beantwortete seine Frage. Während Tilly an die Theke lief, kam Kai in die Kantine marschiert.

„Guten Morgen Tillmann, gut geschlafen?“, hörte ich Kai sagen.

Nicht nur ich hörte dies, sondern meine Tischgenossen ebenfalls. Verwundert schauten sich Fine und Nadine an.

„Was ist denn ich den gefahren?“, fragte Gerrit.

„Guten Morgen allerseits… ah Jens… danke noch mal für deine Hilfe. Jonas hat mir erzählt, wie hilfsbereit du warst. So jetzt erst mal ein gutes Frühstück.“

Mit diesen Worten ließ uns durch die Reihe weg, dumm schauend zurück.

„Was war das denn?“, sagte Nadine und hatte den Pudels Kern erwischt.

Alle Augen richteten sich auf mich, sogar Tilly, der sich gerade wieder an seinen Platz setzte.

„Ähm… ich weiß nicht“, sagte ich vorsichtig.

„Bei was hast du ihm geholfen?“, wollte Gerrit wissen.

So erzählte ich, was sich gestern nach unserem Treffen noch zugetragen hatte. Die Erzählung wurde mit Worten wie „Arsch – Hirnrissig – Autsch“ bekleidet.

„Ist er so arg auf den Kopf gefallen?“, fragte Gerrit.

„Ich kann es euch nicht sagen. Jonas meinte, es gehe ihm soweit gut und er müsse nur eine Nacht durchschlafen.“

„Ich traue diesem Frieden nicht“, kam es von Fine.

Ich zuckte mit den Schultern. Da fiel mir der Regenbogenanhänger ein, aber sagen wollte ich das nicht.

„Dazu kenne ich Kai zu wenig, wenn er auch mit seiner Bemerkung über mich recht beleidigend war. Aber sonst weiß ich nicht über ihn, um mir ein Urteil bilden zu können“, erklärte ich.

„Komm Jens, so nobel kannst nicht mal du sein, um nicht zu merken, was für ein Arschloch da herum läuft.“

„Tilly! Nicht zu laut!“, mahnte Fine mein Gegenüber.

„Können wir nicht einfach abwarten… was passiert?“, fragte ich vorsichtig.

Der Blick einer Person kann ja schon tödlich sein, aber gleich von vier Personen.

*-*-*

~Dein Herrchen ist echt ein Netter.~

Hinter mir war Cleo aufgetaucht.

~Ich weiß, aber wie kommst du da jetzt drauf?“~

~Er hat meinem Herrchen geholfen, als dieser… na ja nicht recht bei der Sache war.~

~Interessant…, kannst du mir mehr erzählen?~

~Wenn du mich auf einen Spaziergang begleiten willst?~

*-*-*

Direx Sönker hatte sich zu sich gebeten, sicher wegen dem Vorfall mit Kai. Ich hoffte er war genauso gutgläubig wie Jonas und ich bekam nicht doch noch Ärger. Höfflich klopfte ich an die Tür, bevor ich das Zimmer des Rektors betrat.

„Ah, hallo Jens, komm herein, auf dich habe ich schon gewartet.“

Er hatte auf mich gewartet…

„Setz dich.“

Okay, ich setzte mich auf den Stuhl vor seinen Schreibtisch.

„Mir ist da heute Morgen etwas zu Ohren gekommen…“

„Herr Sönker“, unterbrach ich ihn, „es tut mir Leid, aber ich habe Kai wirklich nicht gestoßen.“

„Äh…, ich weiß gerade nicht, wovon du sprichst… ich wollte dir wegen dem geplanten Weihnachtsmenu danken. Was ist mit Kai?“

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