Weirdos – Teil 3

Kapitel 15 – Daniel

Am nächsten Morgen tauchte Daniel nicht zum Frühstück im Speisesaal auf. Die restlichen Mitglieder seiner Gruppe trudelten hingegen einzeln oder in Zweiergrüppchen ein, nachdem sie die Eingangsuntersuchung in der medizinischen Zentrale hinter sich gebracht hatten. Vielleicht war Daniel durch die ungewohnte Umgebung ja der Appetit vergangen? Oder er war auch so ein Typ wie ich, der morgens ganz gut ohne Marmeladenbrötchen und Koffeinschock auf Touren kam. Es half auch nichts, dass ich sitzen blieb, bis sich der Speisesaal fast vollständig geleert hatte. Daniel blieb erst einmal verschollen. Missmutig verließ ich zusammen mit den letzten Frühstücksgästen den Raum. Das Personal war schon dabei, das Büffet abzuräumen. Wenn Daniel jetzt noch kam, würde er sowieso nichts mehr zu essen bekommen.

Anstatt direkt mit dem Aufzug hoch ins Zimmer zu fahren, schlenderte ich noch eine Weile durch die Gänge der Klinik in der naiven Hoffnung, irgendwo auf diesen süßen Boy zu stoßen, der mich am Tag zuvor so in den Bann gezogen hatte. Natürlich war diese Aktion genauso wenig von Erfolg gekrönt, wie die Warterei im Speisesaal. Schließlich kam ich dann doch wieder im Zimmer an. Allerdings hielt ich es dort nicht lange aus. Irgendwie war ich viel zu unruhig und nervös. Wenn wenigstens Kevin hier gewesen wäre, aber der hatte wieder einen Termin bei seinem Maltherapeuten. Nachdem ich eine Weile aus dem Fenster gestarrt hatte, schloss ich das Zimmer wieder ab und kehrte in die Eingangshalle zurück. Ich setzte mich an eine leere Sitzgruppe und blätterte mich durch die diversen Zeitschriften, die auf dem Tisch vor mir herumlagen. So langsam kannte ich die zwar alle schon, aber einfach nur untätig herumzusitzen fand ich dann doch zu öde. Immer wieder schielte ich zum Aufzug und zur Treppe hinüber. Es konnte schließlich sein, dass Daniel doch einmal hier vorbeischaute.

Und irgendwann geschah dann tatsächlich das, worauf ich schon gar nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Die Fahrstuhltüre öffnete sich und Daniel trat heraus. Er trug verwaschene blaue Jeans und den beige-braunen Kapuzenpulli, den er schon am Tag zuvor angehabt hatte. Unschlüssig sah er nach links und rechts, dann blickte er scheu zu mir herüber. Ich lächelte ihm zu und hob kurz die Hand zum Gruß. Zögerlich kam er auf mich zu und nahm sich dabei die Ohrhörer seines Walkmans ab. Zwischen den beiden Sesseln auf der anderen Seite des Tisches blieb er stehen.

»Hi!« begrüßte er mich. »Hast du jemanden aus meiner Gruppe hier unten gesehen?«

Seine Stimme klang ein wenig schüchtern.

»Nein, seit dem Frühstück niemanden mehr«, antwortete ich.

»Oh, ach so. Das Frühstück hab ich leider verpasst«, erklärte er mir. »Ich war da gerade bei unserem Psychologen zu diesem Erstgespräch oder wie das heißt. Die anderen waren wohl alle unten?«

Er deutete mit dem Finger in Richtung Speisesaal.

»Ich glaube schon«, antwortete ich Schulter zuckend und mit gespielter Gleichgültigkeit.

In Wirklichkeit war ich mir natürlich absolut sicher, dass alle außer ihm gefrühstückt hatten, schließlich hatte ich jeden einzelnen aus seiner Gruppe kommen und wieder gehen sehen. Ich konnte ihm aber schlecht erzählen, dass ich nur wegen ihm eine geschlagene Stunde im Speisesaal verbracht hatte und in dieser Zeit die Geschehnisse am Tisch seiner Gruppe genauestens beobachtet hatte. Unter Zuhilfenahme meines äußerst bescheidenen Schauspieltalents tat ich daher so, als ob ich die Ereignisse im Speisesaal noch einmal vor meinem geistigen Auge Revue passieren lassen musste, bevor ich ihm eine endgültige Antwort geben konnte.

»So vier, fünf Leute aus deiner Gruppe hab ich heute jedenfalls schon gesehen«, sagte ich schließlich.

Gleichzeitig fragte ich mich, warum es der Psychologe so eilig gehabt hatte, mit Daniel zu reden. Irgendwie machte mich das noch neugieriger als ich ohnehin schon war. Ich brannte richtig darauf, endlich mehr über Daniel zu erfahren.

»Hast du ‘ne Ahnung, wo die jetzt alle sind?« wollte Daniel dann von mir wissen.

»Wahrscheinlich auf ihren Zimmern, nehme ich mal an. Zumindest hab ich nicht gesehen, dass die gemeinsam irgendwo hin gegangen wären.«

Wieder blickte Daniel sich um. Anscheinend wusste er nicht so recht, was er jetzt tun sollte. Wenn man ein Einzelzimmer hatte und dadurch nicht ständig in Kontakt mit wenigstens einem der anderen Gruppenmitglieder war, konnte man sich hier am Anfang schon etwas verloren vorkommen. Und genau diesen Eindruck machte Daniel im Moment auf mich.

»Warum bleibst du nicht hier unten?« schlug ich ihm vor. »Vielleicht taucht ja noch jemand aus deiner Gruppe hier auf.«

Er zuckte unschlüssig mit den Schultern und schien trotz meiner Aufforderung eigentlich lieber wieder gehen zu wollen. Nach einem Moment des Zögerns ließ er sich dann aber doch mir gegenüber in einen Sessel fallen.

»Ich bin übrigens David«, sagte ich zu ihm.

»Daniel«, antwortete er und streckte mir die Hand entgegen. Na ja, seinen Namen kannte ich ja schon.

Dann setzte Schweigen ein. Worüber hätten wir auch reden sollen? Natürlich hätte ich ihn fragen können, warum er hier war. Das interessierte mich schließlich brennend. Allerdings erschien mir diese Frage dann doch etwas zu aufdringlich. Außerdem wusste ich ja nicht, ob er überhaupt Lust hatte, darüber zu reden oder ob ihm das nicht sogar ziemlich unangenehm war. Ich wollte ihn ja nicht gleich wieder vertreiben. Also sah ich ihm nur dabei zu, wie er den Zeitschriftenstapel nach irgendeinem Magazin durchstöberte, das ihn interessierte. Nach einer Weile schien er etwas Passendes gefunden zu haben und lümmelte sich damit in den Sessel. Bevor er die Zeitung aufschlug, griff er noch nach den Ohrhörern seines Walkmans, um sich diese wieder in die Ohren zu stecken.

»Was hörst du da?« fragte ich ihn gerade noch rechtzeitig, bevor die Musik meine Stimme übertönt hätte.

»Sigur Rós. Weiß nicht, ob du die kennst. Wahrscheinlich nicht, oder?«

»Stimmt«, musste ich zugeben und zuckte verlegen mit den Schultern. Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn er gerade eine CD von einer meiner Lieblingsbands im Player gehabt hätte.

»Ist so ‘ne Band aus Island«, erklärte er. »Die machen ziemlich ungewöhnliche Musik. Ich glaub jedenfalls nicht, dass die damit in die Charts kommen. Ich kenn die auch noch nicht lange. Die CD hat mir ein Freund geschenkt. Hab mich am Anfang gefragt, was er sich dabei gedacht hat, aber inzwischen find ich die richtig genial.«

»Ah ja«, antwortete ich knapp.

Eigentlich hatte ich überhaupt nicht richtig mitbekommen, was er zuletzt gesagt hatte. Dafür klang mir sein vorletzter Satz noch zu deutlich im Ohr. Hatte er nun ‘mein Freund’ oder ‘ein Freund’ gesagt? Ich war mir nicht sicher. Ersteres würde ja zumindest andeuten, dass er schwul war. Das für sich allein gesehen wäre zwar eine erfreuliche Neuigkeit. Es würde aber auch bedeuten, dass er bereits in festen Händen war, was weniger gut wäre. Na ja, für ihn wohl schon. Nur eben nicht für mich. Vielleicht sollte ich es besser unterlassen, gleich aus seinen ersten Sätzen seine sexuelle Orientierung herauslesen zu wollen. Wahrscheinlich hatte er ja nur gemeint, dass er die CD von irgendeinem seiner Freunde geschenkt bekommen hatte, egal ob er nun ‘ein’ oder ‘mein’ gesagt hatte. Schließlich outete man sich nicht mal so nebenbei als schwul. Immerhin war die CD kein Geschenk von seiner Freundin, was natürlich auch nicht bedeutete, dass er keine hatte.

»Willst du mal reinhören?«, wollte er nach einer Weile wissen.

Nur langsam wurde mir bewusst, dass ich ihn gerade geistesabwesend anstarrte. Ich brauchte ein paar Sekunden, bis ich meine Gesichtsmuskeln wieder unter Kontrolle und eine adäquate Antwort parat hatte.

»Hä? Was?« stammelte ich und hätte mir aufgrund dieser verbalen Entgleisung noch im selben Moment am liebsten auf die Zunge gebissen.

»Ob du dir das mal anhören willst?« wiederholte er seine Frage und hielt mir den Kopfhörer entgegen.

»Ach so, ja, gerne«, entgegnete ich.

Im Moment machte ich wohl nicht den besten Eindruck auf ihn, denn er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Dadurch bekam ich aber wenigstens einmal seine makellosen, strahlend weißen Zähne zu sehen. Entweder hatte Mutter Natur diese bereits so perfekt geformt und nebeneinander aufgereiht, oder Daniel hatte eine erfolgreiche kieferorthopädische Behandlung hinter sich.

Ich wechselte auf den Sessel neben ihm, nahm ihm die Ohrhörer ab und brachte es auf Anhieb fertig, sie dahinein zu stecken, wohin sie gehörten.

»Und gefällt es dir?«, wollte Daniel wissen, als ich sie ihm nach einiger Zeit wieder zurückreichte.

»Ja, nicht schlecht.«

»Hast du auch ‘nen Discman dabei?«

»Nee, wieso?«

»Dann könnte ich dir die CD ja mal leihen. Na ja, wenn wir noch länger miteinander hier in der Klinik sind, meine ich.«

»Also ‘ne Weile bin ich schon noch hier«, antwortete ich.

Hatte er das überhaupt wissen wollen? Ich war mir nicht sicher, wie ich seine letzten Worte interpretieren sollte. Wollte er damit etwa andeuten, dass er vielleicht nicht lange hier bleiben würde? Schließlich waren ja auch bei uns zwei Personen wieder abgereist, weil es ihnen hier nicht gefallen hatte. Er schien ja noch nicht viel Kontakt zu den anderen Mitgliedern seiner Gruppe zu haben. Möglicherweise dachte er ja deswegen darüber nach, schnell wieder von hier zu verschwinden.

»Na ja, wenn du keinen Discman hast, könnte ich dir den ja auch noch leihen. Die paar CDs, die ich dabei hab werden eh bald langweilig. Dann liegt das Ding sowieso nur noch nutzlos rum.«

»Hey, danke! Ist echt nett von dir. Du kannst dafür ein paar Bücher von mir haben, wenn du willst. Ich hab ‘nen ganzen Stapel dabei und noch keins davon gelesen.«

»Bücher hab ich glaub ich selber genug mitgebracht. Aber falls ich die tatsächlich irgendwann alle durch habe, dann komm ich drauf zurück.«

»Okay, sag dann einfach Bescheid. Auch wenn du sonst irgendwas brauchst, okay? Und wenn dir mal langweilig ist oder so, könnten wir auch mal was gemeinsam unternehmen.«

»Ja, gerne.«

Daniel wirkte inzwischen deutlich lockerer. Na ja, am Anfang unseres Aufeinandertreffens war ich ja auch nicht gerade unverkrampft gewesen. Inzwischen schien das Eis zwischen uns aber schon ein bisschen gebrochen zu sein. Vielleicht sorgte unsere Unterhaltung ja sogar dafür, dass er sich hier wohler fühlte. Zumindest hoffte ich das. Falls es Daniel in der Klinik wirklich nicht gefiel, musste ich alles tun, um das zu ändern. Er durfte nicht einfach wieder aus meinem Leben verschwinden.

»Wie spät ist es eigentlich?« wollte Daniel dann auf einmal wissen.

»Zwei Minuten vor halb Elf. Hast du keine Uhr?«

»Nee, irgendwie vertrag ich seit ‘ner Weile das Armband nicht mehr. Ich krieg dann immer so ‘nen komischen Ausschlag am Handgelenk. Na ja, deswegen hab ich in letzter Zeit eben nie ‘ne Uhr um.«

»Ach so«, erwiderte ich.

Vielleicht waren die Probleme mit seiner Haut ja sogar der Anlass für seinen Klinikaufenthalt. Jedenfalls hatte ich in einer Broschüre der Klinik gelesen, dass man hier auch psychosomatisch bedingte Hauterkrankungen behandelte. Aber konnte das tatsächlich der einzige Grund sein, aus dem Daniel hier war? Na ja, die Haut galt schließlich im Volksmund auch als Spiegel der Seele. Vielleicht lag sein wirkliches Problem also tiefer? Ich musste mir eingestehen, dass ich durch meine laienhaften Versuche, irgendwelche Zusammenhänge herzustellen, die es vielleicht überhaupt nicht gab, auch nicht sehr viel schlauer wurde. Warum interpretierte ich überhaupt in jede kleine Bemerkung von ihm irgendetwas hinein? Irgendwie fand ich diesen Wesenszug an mir ziemlich unsympathisch.

»Hinter dir über dem Aufzug hängt übrigens ‘ne Uhr.«

»Ah gut, beim nächsten Mal weiß ich dann, wo ich nachsehen muss.«

Nachdem er das gesagt hatte, stand Daniel zu meiner Enttäuschung plötzlich auf.

»Ich muss noch mal schnell zu unserem Psychologen«, erklärte er mir. »Der wollte was klären und mir dann Bescheid geben. So langsam sollte ich noch mal in sein Zimmer schauen.«

»Okay. Kommst du danach noch mal hierher?«

»Mal sehen.«

Er lächelte mich kurz an, dann war er um die Ecke im Gang verschwunden. Obwohl er mich alleine gelassen hatte, fühlte ich mich fast euphorisch. Daniel sah nicht nur verdammt gut aus, er war auch verdammt nett. Irgendwie konnte ich mir im Augenblick nichts Schöneres vorstellen, als einfach nur die Zeit in seiner Gegenwart zu verbringen. Ich nahm mir fest vor, ihn gleich bei der nächsten Begegnung zu fragen, ob er mal mit in den Ort kommen wollte. Schließlich kannte ich mich dort inzwischen bestens aus und konnte ihm alles zeigen. Ich hoffte, dass er nach dem Besuch beim Psychologen gleich wieder zurück in die Halle kommen würde.

Als dann eine Minute nach der anderen verging, Daniel aber nicht mehr auftauchte, stieg schließlich doch wieder eine leise Befürchtung in mir hoch. Was hatte der Psychologe ihm noch mitteilen wollen? Und warum hatte das Einzelgespräch bei Daniel so ungewöhnlich früh stattgefunden? Irgendwie kam mir das alles ziemlich komisch vor. Wenn da nicht seine Andeutung von vorhin gewesen wäre, hätte ich mir bei all dem wahrscheinlich nichts gedacht. So grübelte ich beunruhigt darüber nach, was hier wohl vor sich ging.

Zum Mittagessen war Daniel dann zwar wieder unten, doch irgendwie ergab sich keine Möglichkeit, mit ihm zu reden. Na ja, mein Nachmittag war ohnehin mit diversen Therapiestunden verplant, so dass für einen Spaziergang in den Ort gar keine Zeit gewesen wäre. Die Zeit bis zum Abendessen verging daher, ohne dass ich Daniel auch nur ein einziges Mal zu Gesicht bekam. Komischerweise machte es mich irgendwie nervös, nicht zu wissen, wo er gerade war und was er gerade machte. Packte er vielleicht gerade seine Koffer?

Als ich abends dann mit Kevin in den Speisesaal hinunterging und dort feststellte, dass Daniel bereits an seinem Tisch saß, fiel mir fast ein Stein vom Herzen. Er war also noch hier. Umso erschrockener war ich dann, als ich während des Essens zufällig zum Tisch seiner Gruppe hinüberblickte. Dort waren alle aufgestanden und Daniel schüttelte den anderen gerade der Reihe nach die Hand. Schlagartig verging mir der Appetit. Ich versuchte mir einzureden, dass das, was wie eine Verabschiedungszeremonie aussah, gar keine war. Oder dass es zumindest nicht Daniel war, der sich von den anderen verabschiedete. Das Ganze war nur leider keine Halluzination und auch kein böser Traum, sondern bittere Realität. Die anderen setzten sich wieder, Daniel blieb stehen. Nachdem er noch ein paar Worte mit Armin gewechselt hatte, kam er zu uns herüber. Es musste ja ohnehin an unserem Tisch vorbei, wenn er den Speisesaal verlassen wollte.

»Hi«, sagte er, als er zu uns herantrat. »Von euch wollte ich mich auch noch kurz verabschieden.«

»Bleibst du nicht hier?« hörte ich Gudrun fragen.

Ich selbst fühlte mich wie gelähmt und suchte im Geiste nach den passenden Worten, mit denen ich Daniel davon überzeugen konnte, dass er unbedingt hier bleiben musste. Aber mir fiel nichts Passendes ein. Wahrscheinlich hätte ich sowieso kein Wort herausgebracht.

»Unser Psychologe hat ‘ne andere Klinik für mich gefunden«, fing Daniel derweil an zu erklären. »Der meint, die passt besser für mich. Und da die zufällig gerade ‘nen Platz frei haben, komm ich jetzt da hin.«

»Na dann mach’s gut dort«, erwiderte Gudrun.

Von den anderen waren ähnliche gute Wünsche zu vernehmen, lediglich ich brachte immer noch keinen Ton heraus und sah Daniel nur entgeistert an.

»Hey, ich dachte …« stammelte ich schließlich. »Ich dachte, du leihst mir mal deinen Walkman.«

Welcher Teil meines Gehirns hatte sich nur diesen bescheuerten Satz ausgedacht? Ich sah, wie Daniel mit den Schultern zuckte. Bildete ich mir den traurigen Ausdruck in seinem Gesicht nur ein?

»Sorry, hätte ich echt gern gemacht, aber …«

Auch ihm schienen die passenden Worte zu fehlen. Fühlte er sich vielleicht ähnlich wie ich? Wohl kaum, sonst hätte er sich nicht so einfach in eine andere Klinik verlegen lassen. Oder vielleicht doch? Wenn ich das nur gewusst hätte. Dann hätte ich mich vielleicht getraut, ihm zu sagen, dass ich ihn vermissen würde. Oder ihn zumindest nach seiner Adresse gefragt.

»Na ja, ich muss los. Ich werde gleich abgeholt«, fuhr er schließlich fort. »Ciao, macht’s gut.«

Noch ehe ich irgendwie reagieren konnte, war er aus dem Speisesaal und damit auch aus meinem Leben verschwunden. Anstatt ihm nachzulaufen blieb ich wie paralysiert sitzen. Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, kaute ich auf meinem Brot herum. Als Gudrun und Nadine die andere Gruppe dann erneut zu überreden versuchten, den Abend gemeinsam zu verbringen, bekam ich das überhaupt nicht richtig mit. Diesmal hatten sie wohl sogar Erfolg, aber jetzt, wo Daniel weg war, interessierte mich das nicht mehr.

Nach dem Essen kam Kevin noch kurz mit aufs Zimmer. Er wollte sich nur für den Abend umziehen, ich dagegen warf mich auf mein Bett mit der festen Absicht, es an diesem Tag nicht wieder zu verlassen.

»Alles klar mit dir?« wollte Kevin sofort wissen.

»Nichts ist klar.«

»Na ja, ist eben dumm gelaufen. Hey, es gibt noch ‘ne Menge andere süße Jungs.«

»Ja, aber nicht hier!«

»Und was ist mit mir? Eigentlich dachte ich bisher, dass du mich auch ganz süß findest.«

Okay, er wollte mich aufmuntern und schaffte es sogar, mir ein kurzes Grinsen zu entlocken. Aber erwartete er wirklich, dass mir seine Sprüche irgendwie halfen?

»Mann, glaub mir, der Typ war sowieso nicht schwul.«

»Woher willst du das denn wissen?« fragte ich erbost.

»Bei Thomas hab ich doch auch sofort gemerkt, dass er schwul ist, oder?«

»Ja, aber bei mir hat dein Gespür in der Hinsicht komplett versagt.«

Kevin schien keine Erwiderung mehr einzufallen.

»Mach du dir ‘nen schönen Abend und lass mich einfach in Ruhe, okay?«

Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich richtig unfreundlich zu Kevin war. Na ja, er würde das sicher verstehen. Während er sein Sweatshirt auszog und einen Wollpullover aus dem Schrank holte, ärgerte ich mich über mich selbst. Warum hatte ich Daniel heute Vormittag nicht einmal nach seinem Nachnamen und seinem Wohnort gefragt? Dann hätte ich jetzt wenigstens die Möglichkeit gehabt, ihn wieder ausfindig zu machen. Einfach nur zu wissen, wo ich ihn finden konnte, hätte mir ja schon genügt. Wahrscheinlich hätte ich dann zwar trotzdem nie wieder mit ihm Kontakt aufgenommen, schon deswegen nicht, weil ich ihm dann hätte erklären müssen, warum ich so großes Interesse an ihm hatte. Aber besser gefühlt hätte ich mich. Jetzt würde schon etwas ganz unvorhergesehenes passieren müssen, damit wir beide uns jemals wieder sahen.

»Soll ich vielleicht lieber hier bei dir bleiben? Oder kommst du doch noch mit?« wollte Kevin wissen, als er den Pullover angezogen hatte. Er sah darin verdammt gut aus. Sicher würde er bei den Mädchen aus der anderen Gruppe mächtig Eindruck machen. Na ja, er würde ja auch keine Konkurrenz haben. Armin sah nicht so aus, als wäre er der große Mädchenschwarm.

»Nein! Und ich komm schon allein klar«, blaffte ich ihn an.

»Na gut, du kannst ja noch nachkommen. Wir sind im obersten Stock. Gudrun wollte ein paar Flaschen Wein besorgen. Vielleicht hast du ja später Lust, dich zu betrinken.«

Ich hörte noch, wie er die Türe hinter sich schloss. Dann kehrte Ruhe ein und ich war alleine.

*-*-*

Kapitel 16 – Licht und Finsternis

Während sich Kevin, Thomas und die drei Mädchen mit den verbliebenen Mitgliedern der anderen Gruppe im Raum vor der Dachterrasse einen netten Abend machten, lag ich im Zimmer auf meinem Bett und dachte an Daniel. Die Gewissheit, ihn nie wieder zu sehen, machte mich völlig fertig. Wie konnte es sein, dass dieser Junge mich einfach nicht mehr losließ, obwohl ich ihn doch nur ein paar Mal gesehen hatte? Ich schaffte es nicht, ihn aus meinen Gedanken zu verbannen. Also versuchte ich, lieber an gar nichts zu denken, und starrte stattdessen konzentriert die Decke an. Die Struktur der Raufasertapete verschwamm immer wieder vor meinen Augen, nur um jeweils ein paar Momente später wieder so klar und deutlich sichtbar zu werden, dass ich auch noch den kleinsten Mückenschiss erkennen konnte. Wie schafften es diese Viecher eigentlich, ihre Exkremente ganz im Widerspruch zu den Gesetzen der Schwerkraft an der Decke abzuladen? Oder waren diese kleinen Pünktchen etwas ganz anderes?

Je länger sich die Erhebungen und Vertiefungen der Zimmerdecke in meine Netzhaut einbrannten, desto häufiger machten sich meine Augen einen Spaß daraus, mir Dinge vorzugaukeln, die überhaupt nicht da waren. Eine Zeitlang schienen dunkle Flecken über das Weiß der Tapete zu tanzen. Ich versuchte zuerst, sie zu zählen. Als dies misslang, fand ich es interessanter herauszufinden, ob sie nun Walzer oder Tango tanzten. Doch da waren sie dann auf einmal wieder verschwunden. Stattdessen schien nun Schnee von der Decke herab zu rieseln.

Um endlich Ruhe vor diesen optischen Täuschungen zu haben, richtete ich mich kurz auf, schlug mit der Faust gegen den Lichtschalter und ließ mich dann wieder auf den Rücken fallen. Bevor ich noch anfing, Würmer über die Tapete kriechen zu sehen, verbrachte ich den Rest des Abends lieber im Dunkeln.

Zuerst schien die Finsternis tatsächlich die ersehnte Ruhe zu bringen, doch meine Augen gewöhnten sich schnell an sie. Bald konnte ich wieder die Konturen der Einrichtungsgegenstände erkennen. Der zugezogene Vorhang hielt das Licht der Nacht, das von außen einzudringen versuchte, eben nicht vollständig ab. Also setzte ich mich aufrecht auf mein Bett, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, und versuchte, im Dunkeln die Gegenstände zu identifizieren, die auf dem Tisch in der Mitte des Zimmers lagen oder standen. Bei den Flaschen und Gläsern war dies noch ziemlich einfach, und schnell wusste ich auch, was dieses quaderförmige Ding war, das bedenklich weit über den Rand des Tisches hinausragte, so dass man den Eindruck gewann, dass es eigentlich abstürzen müsste und nur deshalb liegen blieb, weil es irgendwie angeklebt war. Es war nichts anderes als der Roman von Andreas Steinhöfel, den ich immer noch nicht gelesen hatte. Stattdessen hatte ihn Kevin sich geliehen und inzwischen komplett durchgelesen. Als er heute kurz vor dem Abendessen damit fertig gewesen war, hatte er ihn von seinem Bett aus mit einem gezielten Wurf auf den Tisch befördert. Das Buch war noch einen knappen halben Meter über die Tischplatte geschlittert und dann gerade noch rechtzeitig zum Stillstand gekommen, um dort auch liegen zu bleiben.

»Solltest du auch endlich lesen. Ist wirklich gut!« hatte er gesagt, doch im Moment stand mir der Sinn am allerwenigsten nach schwuler Literatur. Das hätte mich nur an Daniel erinnert.

Als sich schließlich herausgestellt hatte, dass die Silhouetten der Gegenstände auf dem Tisch mir keine wirklichen Rätsel aufgaben, fiel mein Blick auf ein unförmiges Etwas, das auf dem Boden neben dem Kopfende von Kevins Bett lag. Es sah aus wie ein kleines Tier, das sich ängstlich zusammengekauert hatte. Genauso gut hätte es aber auch nur eines von Kevins T-Shirts sein können, das er zerknüllt auf dem Teppich liegen lassen hatte. Das Sweatshirt, das er eben ausgezogen hatte, war es jedenfalls nicht. Ich erinnerte mich genau, dass er dies wieder in den Schrank gelegt hatte. Was dieses Ding auf dem Boden nun wirklich war, blieb ein scheinbar unlösbares Rätsel. Da ich das Licht um keinen Preis wieder einschalten wollte, blieb nur eine Möglichkeit, um meine Neugier zu befriedigen. Ich musste den Entschluss über den Haufen werfen, die zwei Quadratmeter meiner Matratze an diesem Tag nicht mehr zu verlassen. Ärgerlich über meinen Wankelmut rollte ich mich aus dem Bett und robbte auf allen Vieren im Dunkeln auf das Objekt zu. Es entpuppte sich als simple Plastiktüte. Eigentlich hätte ich jetzt enttäuscht sein müssen. Fast hatte ich ja gehofft, dort etwas Flauschiges, Lebendiges vorzufinden. Etwas, das man streicheln und lieb haben konnte. Eine Plastiktüte war es nun wirklich nicht wert, dass ich dafür extra aus dem Bett gekrochen war. Ich war aber nicht wirklich enttäuscht, weil ich sofort wusste, dass die Tüte etwas enthielt, was in den bisher so erbärmlich verlaufenen Abend zumindest etwas Abwechslung bringen würde, wenn ich auch nicht erwartete, dass sich dadurch meine Stimmung irgendwie bessern würde.

Als wir zwei Tage zuvor im Ort nach einem Geburtstagsgeschenk für Nadine gesucht hatten, war Kevin in einer Nebenstraße auf dieses merkwürdige Geschäft gestoßen. ‘Army-Shop’ hatte mit billigen selbstklebenden Buchstaben auf dem Schaufenster gestanden. Ich weiß nicht mehr, wie wir dann auf die Idee gekommen waren, dort hineinzugehen. Dass wir in diesem Laden kein Geschenk für Nadine finden würden, war wohl klar. Auch die Armeeklamotten, unter denen sich der eine oder andere Parka mit Kapuze befunden hatte, waren nicht der Grund gewesen. Solche Dinger hatten mir noch nie besonders gefallen. Wahrscheinlich lag es einfach daran, dass weder Kevin noch ich einen solchen Laden in einem gepflegten Kurort erwartet hatten. Wir konnten uns wohl beide nicht vorstellen, dass dort überhaupt jemand einkaufte. Der Laden hätte mit Sicherheit viel besser in ein heruntergekommenes Großstadtviertel gepasst. Innen sah das Geschäft dann auch eher wie eine Rumpelkammer aus und der Typ hinter dem Tresen machte nicht gerade einen Vertrauen erweckenden Eindruck. Na ja, jedenfalls stammte die Tüte von dort. Sie enthielt ein Päckchen mit Lightsticks. Das waren etwa 30 Zentimeter lange, mit einer chemischen Flüssigkeit gefüllte Stäbe, die anfingen zu leuchten, wenn man sie knickte. Aus irgendeinem Grund hatten Kevin diese Dinger so sehr fasziniert, dass wir den Laden mit einem Zehnerpack verlassen hatten, obwohl es die Stäbe auch einzeln gegeben hätte. Wenigstens hatten wir so die Auswahl aus fünf verschiedenen Farben. Nachts hatten wir dann einen dieser Lightsticks ausprobiert, doch Kevin hatte schnell das Interesse daran verloren. Seitdem lagen die restlichen neun unbeachtet in der Plastiktüte herum.

Nun nahm ich sie dort heraus, krabbelte mit ihnen quer durch den Raum zur Zimmertüre hinüber und tastete im Dunkeln nach meinen Schuhen, die ich dort irgendwo vermutete. Na ja, sie standen dann doch nicht da, wo ich sie hingestellt zu haben glaubte, aber mein gut entwickelter Tastsinn half mir dabei, mein schlechtes Erinnerungsvermögen zu kompensieren. Als ich sie endlich zwischen den Fingern hatte, schlüpfte ich hinein und band die Schnürsenkel zu, was zu meiner Überraschung gar nicht so einfach war, wenn man nichts sah. Dann griff ich an der Garderobe wahllos nach einer Jacke, erwischte mehr oder weniger unabsichtlich Kevins Snowboardanorak und streifte ihn über. Anschließend ging es zurück zur anderen Seite des Raumes, wo ich den Vorhang aufzog und die Tür zum Balkon öffnete. Nacheinander brachte ich die Lightsticks nun zum Leuchten. Ich klemmte sie wahllos und ohne auf die Farben zu achten in unregelmäßigen Abständen zwischen die Metallstäbe des Balkongeländers. Sie mussten von unten eben gut zu sehen sein. Nur das war wichtig. So würden sie sicher jedem auffallen, der auch nur einen kurzen Blick herauf warf. Ich erwartete allerdings nicht, dass sich um diese Tageszeit auch nur eine einzige Menschenseele dort draußen herumtrieb. Somit würde ich wohl der einzige sein, der überhaupt etwas von dieser Aktion bemerkte.

Als ich schließlich fertig war, schloss ich die Balkontür wieder und verließ das Zimmer. Unbemerkt gelangte ich über das Treppenhaus am Übergang zwischen den beiden Gebäudeflügeln hinunter in den Keller und von dort durch den Gang zum Ausgang an der Rückseite der Klinik. Natürlich hätte ich es einfacher haben und das Gebäude durch den Haupteingang verlassen können. Dann wäre ich sofort auf der richtigen Seite des Bauwerks gelandet. Da ich aber unterwegs niemandem begegnen wollte, zog ich den längeren Weg vor. Ich musste mich ja nicht beeilen. Die Stäbe würden mehrere Stunden lang leuchten.

Im Freien angelangt atmete ich erst einmal tief die Nachtluft ein. Hinter mir fiel die Türe mit einem leisen Klacken ins Schloss. Dann war es still. Nur das monotone Surren der Heizungsanlage drang fast unhörbar durch irgendein Lüftungsgitter aus dem Inneren des Gebäudes nach draußen. Ich richtete meinen Blick nach oben und betrachtete eine Weile den sternenklaren Himmel. Hätten mir meine Probleme angesichts der unglaublichen Weite des Universums nicht sofort ganz klein und unbedeutend erscheinen müssen? Warum passierte das nicht? Nicht meine Probleme wurden klein und unbedeutend, ich selbst kam mir klein und unbedeutend vor. Verdammt klein und unbedeutend. Ich durfte mir gar nicht vorstellen, wie weit entfernt schon der naheste dieser Sterne war, um mir nicht völlig einsam und verlassen vorzukommen. Faszinierend fand ich diese Ansammlung von Milliarden kleiner Lichter aber trotzdem irgendwie. Ob es da draußen im All wohl noch anderes Leben gab? Vielleicht umkreiste einen dieser Sterne ja ein Planet, auf dem kleine grüne Männchen herumliefen, die mit ihrem Dasein besser zurande kamen als wir hier unten.

Als ich leicht zu frösteln begann, fädelte ich den Reißverschluss von Kevins Jacke ein und schloss ihn bis hoch übers Kinn. Durch das Fleecefutter auf der Innenseite war die Jacke um den Hals herum schön kuschelig. Die Kapuze wollte ich mir für später aufheben. Wenn ich erst einmal kalte Ohren hatte, würde sie doppelt angenehm sein.

Ich bog nach links auf den schmalen gepflasterten Weg ein, der rund um den gesamten Gebäudekomplex führte. Das Geräusch meiner Schritte auf dem Pflaster durchbrach unangenehm die Stille, so dass ich es bald vorzog, abseits des Weges über die aufgeweichte Erde weiterzugehen. Ludwig würde dadurch im Frühjahr vielleicht an der einen oder anderen Stelle den Rasen neu ansäen müssen. Im Moment kümmerte mich das allerdings herzlich wenig. Außerdem war das nun mal sein Job als Hausmeister.

Als ich die andere Seite der Klinik erreicht hatte, blickte ich sofort über die Schulter hinauf zu unserem Balkon. Unübersehbar strahlte mir von oben die kunterbunte Leuchtreklame entgegen, die im Gegensatz zu den funkelnden Sternen am Himmel ganz allein mein Werk war. Ich war fast ein wenig stolz und beschloss, mir das Ganze auch noch aus einiger Entfernung anzusehen. Also verzog ich mich in den äußersten Winkel des Klinikgeländes. Irgendeine mitfühlende Seele hatte dafür gesorgt, dass ausgerechnet dort eine Bank stand, umgeben von ein paar Bäumen und Sträuchern, die das Licht der Lampen abhielten, die vor dem anderen Gebäudeflügel den Parkplatz beleuchteten. Ich setzte mich und verschmolz auf diese Weise mit den Schatten. Nun hatte ich die gesamte Front der Klinik gut im Blick, während ich selbst mich vollkommen unbeobachtet fühlen konnte. Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Leuchtstäbe aus der großen Entfernung weit weniger spektakulär wirkten, als ich mir das vorgestellt hatte. Hinter vielen Fenstern brannte noch Licht, so dass die bunten Farben vor unserem Balkon gar nicht so sehr zur Geltung kamen. Ein Blick auf meine Armbanduhr brachte mich dann auch zu der Erkenntnis, dass es noch nicht einmal Neun war. Kein Wunder, dass noch so viele Patienten wach waren. Der Abend war noch so lang. Wie sollte ich nur all die Zeit totschlagen? Im Moment stand mir jedenfalls nicht der Sinn danach, die angenehme Dunkelheit zwischen den Büschen wieder zu verlassen. Sie passte einfach zu gut zu meiner melancholischen Stimmung. Also blieb ich einfach sitzen. Ich rutschte in die Mitte der Bank, griff über die Schultern nach der Kapuze und zog sie mir über den Kopf. Nachdem ich die Kordel festgezurrt hatte ließ ich noch meine Hände in den Ärmeln der Jacke verschwinden und kniff die Ärmelöffnungen mit den Fingern zu, so dass die kühle Winterluft auch dort nicht eindringen konnte. Dann breitete ich meine Arme über die Rückenlehne der Bank, legte den Kopf nach hinten und schloss die Augen.

Ich weiß nicht, wie lange ich so dasaß und es genoss, wie die Kälte der ersten Februarnacht über meine Nasenspitze strich, während meine Ohren und Wangen vom kuscheligen Fleecefutter der Kapuze wohlig warm gehalten wurden. Wahrscheinlich wäre ich sogar noch viel länger dort sitzen geblieben, wenn nicht etwas passiert wäre, womit ich nicht gerechnet hatte. Jemand setzte sich neben mich.

Erschrocken riss ich den Kopf nach oben und öffnete die Augen. Zu meinem Erstaunen war es Kevin, der neben mir saß und mich angrinste. Na ja, Daniel wäre mir lieber gewesen, aber der war inzwischen wohl weit weg.

»Oh Mann, hast du mich jetzt erschreckt«, japste ich, während mein Puls sich langsam wieder beruhigte.

Kevin grinste immer noch. Sein Blick streifte über meinen Oberkörper, der in seinem Snowboardanorak steckte.

»Ich hab mir deine Jacke ausgeliehen«, reagierte ich. Meine Stimme klang so gelassen, als ob dies das normalste der Welt wäre. »Ist dir doch recht, oder?«

Normalerweise wäre ich jetzt sicher rot geworden und hätte mir verlegen die Kapuze vom Kopf gestreift. In meiner augenblicklichen Stimmung war es mir aber völlig egal, was Kevin dachte und auch sein Schmunzeln machte mir nicht das Geringste aus.

»Wie hast du mich überhaupt hier gefunden?« wollte ich wissen, bevor er irgendetwas erwidern konnte.

»Na ja, ich wollte halt mal nach dir sehen. Du warst nicht im Zimmer, meine Jacke war weg, und dann hab ich das da entdeckt.«

Er deutete in Richtung unseres Balkons, wo es immer noch grün, gelb, blau und rot leuchtete.

»Dann konnte ich mir denken, wo du bist. Okay?«

»Okay, Sherlock Holmes«, erwiderte ich trotzig.

Für eine Weile setzte Schweigen ein.

»Willst du noch länger hier sitzen bleiben?« fragte Kevin schließlich.

Ich zuckte mit den Schultern.

»Warum nicht? Ich find es schön hier.«

»Kann ich mir vorstellen, so in meiner warmen Jacke«, feixte er.

Ich versetzte ihm einen sanften Stoß in die Rippengegend, womit ich mir einen Knuff gegen meine Schulter einhandelte.

»Also gut«, fuhr er mit gespielter Verärgerung fort. »Dann geh ich eben alleine wieder rein. Mir wird nämlich langsam kalt.«

Erst jetzt nahm ich richtig wahr, dass Kevin nur in seinem Wollpullover neben mir saß. Der war zwar ziemlich dick, aber als Schutz gegen die Kälte taugte er dann doch nicht für längere Zeit.

»Du hättest dir ja meine Daunenjacke nehmen können«, entgegnete ich.

»Hey, ich wollte nur kurz nach dir sehen und nicht hier draußen übernachten.«

Kevin hatte sich schon ein paar Meter von mir entfernt, als ich mich schließlich doch noch aufrappelte.

»Warte, ich komm mit«, rief ich ihm nach.

Er verlangsamte seine Schritte bis ich zu ihm aufgeschlossen hatte. Dann liefen wir gemeinsam zurück in Richtung Haupteingang.

»Wie läuft überhaupt der Abend mit den anderen so?« wollte ich wissen, während ich neben Kevin dahintrottete. Der fing langsam an vor Kälte mit den Zähnen zu klappern und schlang seine Arme schützend um den Oberkörper.

»Ach vergiss es. Thomas ist mit Armin vor ‘ner halben Stunde in den Keller verschwunden, Billard spielen und so. Und die Weiber aus der anderen Gruppe kannste echt vergessen.«

»Ich dachte, die eine gefällt dir ganz gut?«

»Na ja, dachte ich zuerst auch. Aber so toll ist die nicht. Aussehen ist eben nicht alles.«

»Und? Was machen wir dann jetzt?«

»Zu Thomas und Armin?«

»Okay.«

Ich lieferte nur noch schnell Kevins Jacke in unserem Zimmer ab, dann ging es ab an den Billardtisch. Der Rest des Abends wurde dann doch noch ganz erträglich. Ich entwickelte zwar absolut kein Gefühl für die Kugeln und verschoss mehr Bälle als Armin, der irgendwie so gar kein Talent für dieses Spiel zu haben schien. Wenigstens amüsierten sich Kevin und Thomas prächtig über unsere Versuche, die Kugeln in den Taschen verschwinden zu lassen oder zumindest die Weiße so zu treffen, dass sie nicht vom Tisch sprang. Nebenbei lernte ich Armin näher kennen. Seine Probleme unterschieden sich gar nicht so sehr von meinen eigenen. Zumindest konnte ich mich ansatzweise in ihnen wieder finden. Zuerst hatte ihn seine Freundin verlassen, dann hatte er mehrere Prüfungen versiebt. Danach war sein Selbstvertrauen völlig am Boden gewesen. Seit Wochen litt er an Depressionen und hatte eine Heidenangst vor den Wiederholungsprüfungen. Er war sich absolut sicher, dass er diese ohne starke Beruhigungsmittel niemals durchstehen würde. Wir kamen ganz gut miteinander ins Gespräch. Na ja, im Gegensatz zu Kevin und Thomas standen wir ja sowieso meistens nur untätig um den Tisch herum. Die Zeit verging und ich kam überhaupt nicht mehr dazu, Daniel nachzutrauern. Erst nach Mitternacht verschwanden wir auf unseren Zimmern.

*-*-*

Kapitel 17 – Höhen und Tiefen

Als ich am Donnerstagmorgen aufwachte, war es bereits nach halb Zehn. Eigentlich hatte ich nicht erwartet, dass ich in dieser Nacht so lange und vor allem so gut schlafen würde. Nach den Ereignissen des letzten Tages hatte ich eher mit einer weiteren unruhigen Nacht gerechnet. Na ja, jedenfalls erschien mir die Welt nun schon wieder etwas freundlicher. Ich räkelte mich und gähnte lautstark.

»Ich dachte schon, du wachst überhaupt nicht mehr auf«, hörte ich Kevins Stimme sagen.

Ich drehte mich auf die Seite und sah zu ihm hinüber.

»Na und? Du liegst doch auch noch im Bett«, konterte ich.

Er lag auf dem Bauch und hatte die Decke bis hoch über die Schultern gezogen. Da das Kopfende seines Bettes zur gegenüberliegenden Wand zeigte, konnte ich von meiner Position aus nur seinen Hinterkopf sehen, der ein Stück in die Höhe ragte, was daran lag, dass er sein Kinn auf beide Hände gestützt hielt.

»Bin aber trotzdem schon über ‘ne Stunde wach«, erwiderte er beiläufig, ohne zu mir herüberzublicken. Stattdessen verlagerte er kurz das Gewicht seines Kopfes auf die eine Hand, so dass er mit der anderen das Buch umblättern konnte, in dem er las.

»Und? Spannend?« wollte ich wissen, einfach nur um irgendetwas zu sagen.

»Geht so.«

»So langsam entwickelst du dich hier noch zur Leseratte.«

»Was soll ich sonst auch machen, wenn du so lange schnarchst.«

»Hä? Hab ich echt geschnarcht?«

»Nö.«

Damit nahm unser Wortgeplänkel ein vorläufiges Ende. Ich richtete mich auf, strich mir durch die Haare und schlug die Decke zurück.

»Gibt’s sonst was Neues?« wollte ich wissen, während ich schnell nach meiner Hose griff, um nicht sofort der Versuchung zu erliegen, mich wieder ins warme Bett zu kuscheln.

Bevor er auf meine Frage antwortete, klappte er sein Buch zu. ‘Grisham’ stand in großen Lettern auf dem Titel, mehr konnte ich auf die Entfernung nicht erkennen. Dann richtete er sich auf und wandte sich mir zu. Anscheinend hatte er tatsächlich etwas zu berichten.

»Ja, meine Eltern kommen am Wochenende.«

»Oh«, antwortete ich. »Hast du mit denen heute etwa schon telefoniert? Dann muss ich ja echt ziemlich fest geschlafen haben, wenn ich davon nichts bemerkt habe.«

»Nee, das weiß ich schon seit gestern, bin bloß noch nicht dazu gekommen, dir was davon zu sagen.«

Vorsichtig fuhr er fort: »Na ja, tagsüber warst du total auf Daniel fixiert. Und abends … du weißt schon.«

Ja, ich wusste, was er meinte. So langsam schien ich aber doch mit dem Gedanken klarzukommen, dass Daniel nicht mehr hier war. Zumindest verfiel ich nicht gleich in Depressionen, nur weil Kevin seinen Namen erwähnte.

»Und? Freust du dich auf deine Eltern?« wollte ich schließlich wissen.

»Klar. Na ja, hauptsächlich sind’s meine Eltern, die sich darauf freuen, mich mal wieder zu sehen. Kann ich ihnen ja schlecht abschlagen, oder?«

Er wurde nachdenklich.

»Ich hab ihnen verdammt viel Sorgen gemacht in letzter Zeit«, fuhr er fort. »Als ob das mit Marco nicht schon schlimm genug für sie gewesen wäre.«

»Hey, mach dir keine Vorwürfe deswegen.«

»Das versuch ich ja, ist nur nicht so einfach.«

Er wälzte sich aus dem Bett und blickte mich ein wenig niedergeschlagen an. Ich konnte mir gut vorstellen, wie er sich fühlte. Mal wieder fiel mir nichts Passendes ein, was ich ihm hätte antworten können. Ich ärgerte mich, dass ich überhaupt nachgefragt hatte. Kevin schien mir meine Unsicherheit aber anzusehen.

»Ist schon okay, David. Ich komm damit klar. Es tut nur verdammt weh, wenn ich mir vorstelle, dass meine Eltern in den letzten Wochen ganz allein waren in unserem Haus … und um Marco getrauert haben … und sich gleichzeitig um mich Sorgen gemacht haben. Ich wünschte, ich hätte ihnen einiges davon ersparen können.«

Ich war froh, dass Kevin in den letzten Tagen in der Gruppentherapie schon häufiger über diese Gefühle geredet hatte. Dadurch musste ich nicht befürchten, dass er jetzt wieder in ein tiefes Loch fiel.

»Na ja, seit Sie merken, dass ich hier klarkomme, geht’s ihnen glaub ich schon ein ganzes Stück besser.«

Er rappelte sich auf und rang sich ein Lächeln ab. Am liebsten hätte ich ihn kurz in den Arm genommen, beließ es dann aber bei einem aufmunternden Blick, als er an mir vorbei ins Bad ging. Bevor er die Türe hinter sich schloss, drehte er sich noch einmal kurz um.

»Warte erst mal ab, bis die mich hier wieder sehen. Wenn die dann merken, dass es mir inzwischen ganz gut geht, werden sie sich wahrscheinlich wahnsinnig freuen.«

Damit schien er sein kurzes Tief auch schon wieder überwunden zu haben.

Der Rest des Tages zog sich dann so dahin. Da wir donnerstags alle kaum zu irgendwelchen Therapien mussten, hatten wir jede Menge Freizeit. So kamen wir wenigstens dazu, noch mal nach einem Geburtstagsgeschenk für Nadine zu suchen. Diesmal wurden wir fündig und brachten einen niedlichen Teddybären mit zurück in die Klinik. Nadine würde sich sicher über etwas freuen, mit dem man auch mal kuscheln konnte. Am liebsten hätte ich mir zu diesem Zweck auch selbst gleich so ein Plüschtier gekauft. Das fand ich dann aber doch zu peinlich. Was hätte Kevin wohl von mir gedacht, wenn ich plötzlich so ein Ding mit ins Bett nahm? Na ja, als Ersatz für einen schnuckeligen Boy hätte es ohnehin nicht getaugt. So einen hatte das kleine Spielwarengeschäft aber leider nicht im Sortiment.

Auch wenn der Ausflug in den Ort etwas Abwechslung brachte, wurde ich mir an diesem Tag über eines klar. Die restliche Zeit unseres Aufenthaltes in der Klinik würde wohl recht langweilig werden. Irgendwie wurde alles hier immer mehr zur Routine und die Beschäftigungsmöglichkeiten in der freien Zeit waren begrenzt. Sicher hätte das anders ausgesehen, wenn Daniel hier geblieben wäre. So gut ich mich auch mit Kevin, Thomas und den drei Mädchen verstand, wir kannten uns inzwischen eben schon fast zu gut. Daniel dagegen war aufregend gewesen und geheimnisvoll, fast so wie Kevin am Anfang. Aber er war nun mal verschwunden und hatte seine Geheimnisse mitgenommen. Insgeheim hoffte ich ja immer noch, dass er hierher zurück kommen würde. Es konnte ja sein, dass die andere Klinik, in die er verlegt worden war, doch nicht so ideal für ihn war. Objektiv betrachtet waren das natürlich nur Wunschträume. Es war wohl besser, ihn einfach zu vergessen.

So verging eben die Zeit, ohne dass für mich etwas Aufregendes passierte. Am Freitag machte sich Thomas sofort nach der Gruppentherapie auf den Weg zum Bus. Er hatte dem Besuch bei Stefan zwar mit gemischten Gefühlen entgegengesehen, konnte es dann aber doch kaum erwarten, zu ihm zu kommen. Die Zugverbindung nach Langenbergen war am Freitagabend nicht gerade ideal, aber wenn er erst am nächsten Morgen gefahren wäre, hätte er eine Nacht weniger zusammen mit Stefan verbringen können und außerdem verdammt früh aufstehen müssen. Zumindest letzteres war überhaupt nicht nach Thomas’ Geschmack.

Am Samstag nach dem Frühstück kamen dann auch schon Kevins Eltern. Die beiden hatten sich im Ort ein Hotelzimmer genommen und wollten erst am Sonntagnachmittag wieder abreisen. Verständlicherweise hatten sie vor, so viel Zeit wie möglich mit ihrem Sohn zu verbringen. Für diesen Tag hatten sie geplant, sich mit Kevin die Sehenswürdigkeiten in der Umgebung anzuschauen. Damit war unsere Gruppe auf vier Personen zusammengeschmolzen. Na ja, der Tag wurde trotzdem ganz nett, aber so langsam überlegte ich ernsthaft, mir doch einmal ein Buch zu schnappen und ein paar hundert Seiten zu lesen.

Als dann am Sonntag auch noch Christina und Nadine Besuch bekamen, blieb mir tatsächlich nichts anderes mehr übrig, als zur Leseratte zu mutieren. Kevin hatte mich zwar morgens gefragt, ob ich den Tag mit ihm und seinen Eltern verbringen wollte. Das hatte ich aber dankend abgelehnt. Ich wäre mir wohl irgendwie als Störfaktor vorgekommen. Auch wenn die drei bereits einen ganzen Tag miteinander verbracht hatten, wären Kevins Eltern vielleicht nicht ganz glücklich gewesen, wenn ich nun die traute Familienatmosphäre beeinträchtigt hätte. Schließlich war ich für die beiden ein Fremder. Na gut, ich hatte mich am ersten Tag eine Weile mit ihnen unterhalten und seitdem hatten wir einige Male ein paar Worte miteinander gewechselt, wenn sie anriefen und ich zufällig den Hörer abnahm. Aber was änderte das schon? Außerdem konnte einem ein Wochenende verdammt kurz erscheinen, wenn man sich ewig nicht gesehen hatte. Wahrscheinlich genossen Kevins Eltern jede Minute, die sie ungestört mit ihrem Sohn verbringen konnten ohne dabei Rücksicht auf mich nehmen zu müssen. So verbrachte ich den Tag eben lesend auf dem Bett, bis Kevin kurz nach zwei Uhr plötzlich ins Zimmer gestürmt kam.

»Ah, gut dass du hier bist«, keuchte er. Er schien ziemlich außer Puste zu sein.

»Ist was passiert?« fragte ich besorgt.

»Nein, keine Sorge.«

Immer noch heftig atmend machte er eine beschwichtigende Handbewegung.

»Ich hab mich nur beeilt, weil meine Eltern unten im Auto warten. Eigentlich wollte ich dich nur fragen, ob du jetzt nicht doch noch mitkommen willst. Wir gehen noch im Ort ins Café, bevor meine Eltern wieder heimfahren.«

»Ach, ich weiß nicht«, antwortete ich unentschlossen. »Ich will euch nicht stören.«

»Ja, das hast du heut früh schon gesagt. Meine Eltern möchten dich aber gerne einladen und sich bei dir bedanken.«

»Wofür denn?«

»Hey, tu nicht so, als ob du das nicht wüsstest. Los, steh endlich auf und komm mit.«

Bevor ich irgendetwas erwidern konnte, flog mir schon meine Jacke entgegen. Notgedrungen schlüpfte ich hinein und zog noch schnell meine Schuhe an. Irgendwie war mir nicht besonders wohl bei dem Gedanken, wieder mit Kevins Eltern zusammenzutreffen. Ich erinnerte mich noch gut daran, wie verzweifelt und besorgt die beiden gewesen waren, als sie Kevin hier in der Klinik abgeliefert hatten. Und da war noch etwas, worüber ich mir Gedanken machte. Was hatte Kevin seinen Eltern über die Dinge erzählt, die sich hier zwischen uns ereignet hatten? Wahrscheinlich nicht viel, aber irgendetwas musste er ihnen schließlich gesagt haben, wenn sie sich jetzt zu dieser Einladung verpflichtet fühlten.

»Hast du mit deinen Eltern darüber geredet, was hier so alles passiert ist?« fragte ich ihn deshalb, während wir durch den Gang zum Treppenhaus eilten.

»Hey, ich hab schon nichts verraten, was dir peinlich sein könnte«, beruhigte er mich. Er schien sofort zu wissen, worauf ich hinauswollte.

»Ich hab ihnen noch nicht mal gesagt, dass du schwul bist und mich ganz geil findest«, fügte er übermütig grinsend hinzu, nachdem er ein paar Schritte vorausgeeilt war, um etwas Sicherheitsabstand zu gewinnen. Noch ehe ich auch nur den Hauch einer Chance hatte ihm hinterher zu springen, um ihm einen Stoß in die Rippen zu versetzen, rannte er auch schon mit einem Affenzahn die Treppe hinunter. Ich versuchte erst gar nicht ihn einzuholen. Seine scherzhafte Bemerkung konnte ich ihm ohnehin nicht übel nehmen. Sie zeigte ja nur, dass der Besuch seiner Eltern ihm richtig gut getan hatte. Er strahlte eine Lebensfreude aus, die ich in dieser Intensität bisher noch nicht von ihm gekannt hatte. Das Davonlaufen hätte er sich also wirklich sparen können.

Am Haupteingang wartete er auf mich. In seinem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Belustigung und gespielter Angst wider.

»Beim nächsten Mal gibt’s für so ‘ne Bemerkung ein paar blaue Flecken«, drohte ich ihm.

Einen sanften Knuff bekam er dann doch noch ab. Er quittierte ihn mit einem Kichern. Bevor wir die Klinik verließen, bemühten wir uns dann wieder um eine etwas ernstere Miene. Still liefen wir die letzten Meter zum Mercedes der Winters hinüber. Kevin öffnete eine der hinteren Türen und ließ mich als erstes ins Auto steigen. Während ich noch zur anderen Fahrzeugseite durchrutschte, wurde ich auch schon freundlich von seinen Eltern begrüßt. Von Anfang an gaben die beiden mir das Gefühl, willkommen zu sein. Die Atmosphäre war überhaupt nicht verkrampft, wie ich zuerst befürchtet hatte, und die Zeit im Café verging wie im Flug. Na ja, die beiden wollten dann schon so einiges von mir wissen, aber eher ganz allgemeine Dinge. Woher ich kam, was ich sonst so machte und all solche Sachen. Die beiden wollten wohl einfach erfahren, wer denn da seit fast drei Wochen mit ihrem Sohn auf einem Zimmer wohnte. Ich ließ mich dadurch jedenfalls nicht beirren und verspeiste genüsslich ein großes Stück Erdbeertorte.

Irgendwann wurde es dann für Kevins Eltern Zeit aufzubrechen.

»Christa, wenn wir rechtzeitig zuhause sein wollen, dann müssen wir jetzt langsam los. Wir müssen ja auch noch im Hotel unser Gepäck abholen, wenn wir die beiden Jungs zurückgebracht haben.«

»Also um uns braucht ihr euch nicht zu kümmern, wenn ihr’s eilig habt«, meinte Kevin. »Wir kommen auch so zurück in die Klinik, oder David?«

Ich nickte zustimmend.

»Ganz wie ihr wollt«, erwiderte Herr Winter. »Ihr müsst ja sonst auch immer laufen, wenn ihr in den Ort wollt. Und das Wetter ist heute ja auch schön.«

Wie üblich hätte ich den Rückweg bei schlechtem Wetter noch viel lieber zu Fuß angetreten, aber das konnte Kevins Vater schließlich nicht wissen. Etwas frische Luft würde aber auf keinen Fall schlecht sein. Wir verließen das Café und gingen noch mit Kevins Eltern zu dem Parkplatz zurück, auf dem sie ihr Auto abgestellt hatten. Dort verabschiedete ich mich höflich und sah zu, wie die beiden Kevin nacheinander umarmten. Frau Winter drückte ihrem Sohn noch einen Kuss auf die Backe, was Kevin ein wenig peinlich zu sein schien. Jedenfalls verzog er das Gesicht und verdrehte die Augen. Na ja, ich hätte vielleicht lieber dezent zur Seite sehen sollen, anstatt ihn gerade in diesem Moment anzugrinsen.

»Lass es dir gut gehen«, sagte sie, nachdem sie Kevin wieder losgelassen hatte. »Und du weißt ja, wo du uns dann ab Mittwochabend anrufen musst, falls du etwas willst oder falls etwas sein sollte.«

»Ja Mama, wie oft willst du mir das noch sagen? Außerdem rufst du ja sicher selbst noch mal an, bevor ihr fahrt.«

»Ich weiß, ich weiß. Und denk dran, Enrico würde sich wirklich freuen, wenn du dich mal bei ihm meldest und ihm sagst, wie es dir geht.«

Ich verstand nur Bahnhof. Das war aber auch kein Wunder, schließlich hatte Kevin mit seinen Eltern in den letzten beiden Tagen sicher einiges besprochen, wovon ich nichts wusste. Vielleicht würde ich ja auf dem Rückweg etwas mehr erfahren. Erst einmal sahen wir aber noch zu, wie die Winters ins Auto stiegen und sich auf den Weg zurück ins Hotel machten. Als der Mercedes verschwunden war, seufzte Kevin kopfschüttelnd.

»Meine Mum ist schon wieder ganz die Alte. Erzählt mir alles fünf Mal, damit ich’s auch ja nicht vergesse.«

»Das kenn ich, meine Mutter ist genauso.«

Wir drehten uns um und machten uns auf den Weg zurück zur Klinik. Bis auf ein paar vereinzelte Schleierwolken war der Himmel an diesem Nachmittag tatsächlich strahlend blau. Die Landschaft, die sich uns bisher so oft in einem trübsinnigen Grau präsentiert hatte, wirkte heute schon frühlingshaft bunt.

»Haben deine Eltern heute noch was vor, weil sie es so eilig hatten?« wollte ich unterwegs dann wissen. »Und was hat deine Mutter mit Mittwochabend gemeint?«

»Neugierig bist du überhaupt nicht, oder?«

»Wenn du nicht willst, musst du ja nichts erzählen.«

»Nee, ist schon okay. Also …« begann er seine Ausführungen. »Ich hab dir doch schon mal erzählt, dass meine Mutter mit ‘ner Freundin so ‘nen Klamottenshop betreibt.«

Ich erinnerte mich. Er hatte das sogar schon mehrmals erwähnt. Die Frau hieß Heilmann oder so ähnlich.

»Jedenfalls hat die zusammen mit ihrem Mann im Allgäu ‘ne Ferienwohnung«, fuhr Kevin fort. »Na ja, dorthin haben die beiden meine Eltern für eine Woche eingeladen. Sie haben wohl gedacht, meine Eltern würden da mal auf andere Gedanken kommen. Und solange ich noch hier bin sollen sie die Gelegenheit beim Schopf packen und einfach mitkommen.«

»Und am Mittwoch fahren sie los«, kombinierte ich.

»Genau. Du weißt schon, wenn ich erst mal wieder zu Hause bin, fahren meine Eltern garantiert nicht mehr weg. Die lassen mich dann sicher keinen Moment aus den Augen.«

Kevins Stimmung schien sich bei diesem Gedanken sofort wieder etwas einzutrüben.

»Hey, mit der Zeit wird sich das sicher alles wieder normalisieren.«

»Hoffentlich.«

Ich klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter, doch er hatte sich bereits wieder selbst ganz gut im Griff.

»Na ja, jetzt können sie erst mal eine Woche gemütlich Langlaufen. Zumindest wenn’s dort unten Schnee gibt.«

Mit theatralischen Bewegungen fügte er hinzu: »Und wenn nicht, dann können sie immer noch ausgedehnte Spaziergänge durch die beschauliche Bergwelt machen.«

Wir grinsten uns gegenseitig an.

»Jetzt weiß ich aber immer noch nicht, was deine Eltern heute noch vorhaben«, stellte ich fest.

»Na ja, eigentlich wollten sie ja überhaupt nicht mit ins Allgäu. Zumindest nicht bevor sie sich überzeugt haben, dass es mir gut geht und dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchen, wenn sie mal eine Woche weg sind. Als ob sie mich von dort aus nicht auch ständig anrufen könnten. Auf jeden Fall wollten sie sich erst endgültig entscheiden, wenn sie hier waren. Und für heute Abend sind sie mit den Heymanns zum Essen verabredet, damit sie ihnen ihre Entscheidung mitteilen und alles besprechen können.«

»Ach so«, antwortete ich. Jetzt wurde das Ganze schon etwas klarer. Nur eine Frage blieb noch offen. Ich entschloss mich, sie einfach zu stellen.

»Und wer ist Enrico?«

Kevin zögerte mit der Antwort.

»Ach, das ist nur …«

Er brach den Satz in der Mitte ab und schüttelte den Kopf.

»Hey, macht’s dir was aus, wenn ich dir das ‘n anderes Mal erzähle?«

»Nein, ist schon okay, wenn du nicht drüber reden willst«, antwortete ich etwas enttäuscht.

Ich nahm mir vor, ihn im Laufe des Abends noch einmal vorsichtig auf das Thema anzusprechen, aber dann kam mal wieder alles ganz anders, so dass ich die Sache mit Enrico völlig vergaß.

*-*-*

Kapitel 18 – Schrecksekunden

Eigentlich hatten wir Thomas noch zum Abendessen zurück in der Klinik erwartet. Der letzte Bus kam sonntags kurz vor Sechs am Ortsplatz an. Er musste sich also nicht einmal besonders beeilen, wenn er sich noch über das Büffet hermachen wollte. Doch Thomas tauchte nicht auf. Zuerst dachten wir, dass er sich für den Weg von der Bushaltestelle zur Klinik eben doch mehr Zeit gelassen hatte als üblich oder dass der Bus vielleicht Verspätung gehabt hatte. Als dann das Personal aber damit begann, die Schüsseln und Tabletts abzuräumen, von Thomas dagegen immer noch weit und breit nichts zu sehen war, wurden wir doch etwas unruhig. Freiwillig ließ sich Thomas sonst nämlich keine Mahlzeit entgehen.

»Seht doch mal auf seinem Zimmer nach. Vielleicht ist er ja schon da und hatte nur keinen Hunger«, schlug Gudrun vor.

»Oder er ist auf dem Dach und raucht eine«, fügte Nadine hinzu.

»Na gut, ich geh mal nachsehen«, bot ich mich an.

Kevin erhob sich ebenfalls von seinem Stuhl.

»Warte, ich komm mit.«

»Wir schmieren ihm noch schnell ein paar Brote, solange es noch was zu Essen gibt. Nicht dass er uns noch verhungert.«

Gudrun war also noch zu Scherzen aufgelegt. So besonders Ernst nahm Thomas’ Fehlen zu diesem Zeitpunkt wohl noch keiner von uns. Als Kevin und ich dann oben vor seinem Zimmer standen, pochte mein Herz trotzdem ein wenig. War Thomas wirklich noch nicht hier? Es war doch schon kurz nach Sieben. Selbst wenn der Bus Verspätung gehabt hatte und Thomas ganz gemächlich zurück zur Klinik geschlendert war, hätte er inzwischen längst hier sein müssen. Ich klopfte an, zuerst leise, dann lauter. Nichts rührte sich. Kevin drückte die Klinke hinunter, doch die Türe ließ sich nicht öffnen.

»Abgeschlossen«, stellte er fest.

»Sehen wir auf dem Dach nach«, schlug ich vor, obwohl ich irgendwie schon wusste, dass wir Thomas auch dort nicht finden würden.

Mein ungutes Gefühl bestätigte sich. Uns blieb nichts anderes übrig, als wieder zu den Mädchen in den Speisesaal zurückzukehren. Die sahen es wohl schon an unseren Gesichtern, dass wir keinen Erfolg gehabt hatten.

»Vielleicht hat er ja den Bus verpasst, oder den Anschlusszug«, meinte Gudrun, nachdem wir wieder Platz genommen hatten.

»Dann sieht’s übel für ihn aus, weil später kein Bus mehr fährt«, erwiderte ich. »Aber eigentlich kann ich mir das nicht vorstellen. Er hatte überall genügend Aufenthalt.«

Wir sahen uns ratlos an. Was konnte nur passiert sein?

»Und? Was machen wir jetzt?« wollte Kevin schließlich wissen.

»Also, mal angenommen, dass Thomas unterwegs tatsächlich irgendwo festsitzt. Vielleicht versucht er ja dann, uns zu erreichen. Ich meine, schließlich kennt er ja die Durchwahl von unserem Zimmer.«

»Dann solltet ihr beide besser nach oben gehen und auf seinen Anruf warten«, schlug Gudrun Kevin und mir vor. »Und wir drei sehen uns noch mal in der Klinik nach ihm um.«

Wir eilten sofort los. Kevin rannte die Treppe nach oben, als würde er bereits von unten das Telefon in unserem Zimmer klingeln hören. Ich konnte ihm mal wieder kaum folgen. Der Apparat jedoch tat keinen Mucks, als wir oben ankamen. So blieb uns nichts anderes übrig, als untätig herumzusitzen. Wir begannen, die wildesten Spekulationen darüber anzustellen, warum Thomas immer noch nicht zurück war. War er in den falschen Zug gestiegen? Oder war er in Langenbergen vielleicht sogar seinem Vater in die Hände gelaufen?

»Vielleicht ist er ja überhaupt nicht losgefahren?« mutmaßte Kevin schließlich.

»Du meinst, er ist noch bei Stefan?«

»Ja, könnte doch sein, oder?«

»Ach komm, dann hätte sich doch wenigstens Stefan bei uns gemeldet, damit wir Bescheid wissen und uns keine Sorgen machen.«

»Stimmt. Stefan ist viel zu verantwortungsvoll. Der hätte auch nie zugelassen, dass Thomas nicht zurückfährt.«

Wieder kehrte ratloses Schweigen ein. Während ich direkt neben dem Telefon sitzen blieb und darauf wartete, dass es endlich klingelte, lief Kevin unruhig im Zimmer auf und ab.

»Los, wir rufen jetzt einfach bei Stefan an«, sagte er plötzlich entschlossen. »Vielleicht weiß der ja, was los ist.«

»Stimmt, das hätten wir eigentlich schon längst machen sollen.«

»Hast du die Nummer noch?«

»Ja.«

»Dann ruf an! Diese Warterei macht mich sonst noch wahnsinnig.«

Ich kramte die Nummer der Cityklinik Langenbergen hervor und fürchtete schon, dass Stefan überhaupt nicht in seinem Zimmer im Personalwohnheim war. Die Frau in der Telefonzentrale stellte mich dann aber zum Glück schnell zum Telefon auf seiner Etage durch. Es klingelte fünf oder sechs Mal, dann wurde der Hörer abgenommen.

»Stefan Kunze«, meldete sich eine Stimme.

»Hallo Stefan. Hier ist David Kranitz. Du weißt schon, der aus der Klinik in Bad Neuheim.«

»Ist was mit Thomas?« war das nächste, was Stefan sagte. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er über meinen Anruf richtig beunruhigt war.

»Er ist noch nicht zurück in der Klinik«, antwortete ich vorsichtig.

»Oh Mann, Scheiße«, hörte ich Stefan ausrufen.

Dann trat für einen Moment Stille ein. Nur ein leises Rascheln und Stefans aufgeregtes Atmen waren zu hören. Ich überlegte fieberhaft, was ich sagen sollte, doch dann sprach er weiter. Ich glaubte, so etwas wie Verzweiflung aus seiner Stimme herauszuhören.

»Ich hab ihn doch noch extra zum Zug gebracht und gewartet, bis er abgefahren ist.«

Das hörte sich fast so an, als ob er erwartet hatte, dass etwas passieren würde.

»Ist zwischen euch irgendwas vorgefallen?« wollte ich wissen.

»Ach, er wollte, dass ich mit ihm abhaue.«

»Hä? Was? Wieso?«

»Ich weiß auch nicht, was mit ihm los ist. Gestern war noch alles in Ordnung. Sogar das Treffen mit meiner Mutter ist ganz gut gelaufen. Aber seit heute Morgen …«

Er geriet ins Stocken.

»Scheiße Mensch, was hätte ich denn machen sollen?« stieß er verzweifelt aus.

»Hey, dreh jetzt nicht durch«, versuchte ich ihn zu beruhigen. »Erzähl erst mal, was genau passiert ist.«

»Na ja, Thomas ist mir den ganzen Tag damit in den Ohren gelegen, dass ich mit ihm abhauen soll. Ich weiß noch nicht mal, wie er da drauf gekommen ist.«

»Abhauen? Wohin denn?«

»Irgendwohin. Möglichst weit weg von seinem Vater halt. So dass der nicht rausfinden kann, wo wir sind. Ich hab ihn gefragt, wie er sich das vorstellt. Ich meine, ich bin schließlich mitten in der Ausbildung. Da kann ich doch jetzt nicht einfach weg. Und Thomas ist noch nicht mal mit der Schule fertig. Ohne Geld und ohne Job, wie soll das denn gehen?«

»Hast du ihm das klar gemacht?«

»Ja sicher. Was weiß ich, wie oft ich ihm gesagt hab, dass ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, von hier wegzugehen. Auch wegen meinen Eltern und so. Ich hab auch gedacht, er hätte das eingesehen. Und jetzt? Oh Mann, wo kann er jetzt nur sein?«

»Beruhig dich erst mal. Er taucht sicher bald wieder auf. Hey, wo soll er denn auch hin? Er hatte ja nicht mal genug Geld für die Fahrkarte zu dir. Wenn Kevin und ich ihm nicht was geliehen hätten …«

Stefan fiel mir ins Wort.

»Meine Mutter hat ihm gestern fünfzig Euro zugesteckt.«

Im Geiste sah ich Thomas bereits im Zug nach Berlin oder in eine andere Großstadt sitzen. Ich versuchte, diesen Gedanken schnell wieder zu verdrängen.

»Hey, auch mit 50 Euro kommt er nicht weit. Jetzt wart erst mal ab. Außerdem sind ja noch die meisten seiner Sachen hier.«

Besonders überzeugend fand ich meine Argumente nicht. Gerade das letzte war alles andere als stichhaltig. Was besaß Thomas denn schon großartiges? Bis auf ein paar Klamotten hatte er so gut wie nichts mitgebracht. Das waren kein teurer Discman und keine CDs, die er vermissen konnte. Er hatte auch sonst keine Gegenstände hier gelassen, an denen er hing. Stefan schien ebenfalls nicht besonders beeindruckt von meinen Darlegungen zu sein. Trotzdem blieb mir nichts anderes übrig, als ihn jetzt mit der Ungewissheit über Thomas’ Verbleib alleine zu lassen.

»Stefan, wir sollten besser Schluss machen, damit das Telefon frei ist. Vielleicht versucht Thomas ja doch noch, bei dir oder hier bei uns anzurufen.«

»Okay. Meldet euch bitte gleich bei mir, wenn ihr was erfahrt.«

»Klar, machen wir.«

Ich gab ihm noch schnell die Rufnummer unseres Zimmers, damit auch er uns jederzeit erreichen konnte. Dann verabschiedete ich mich von ihm.

»Was sollen wir jetzt tun?« wollte Kevin wissen, als ich den Hörer aufgelegt hatte. Er hatte über den Lautsprecher alles mit angehört.

»Keine Ahnung.«

»Vielleicht sollten wir in der Zentrale Bescheid sagen.«

»Und dann? Was sollen die denn machen? Die Polizei einschalten? Eine Vermisstenanzeige aufgeben?«

»Auf jeden Fall wissen die besser, was zu tun ist.«

»Und wenn Thomas doch noch auftaucht und dann Ärger bekommt?«

Kevin zuckte ratlos mit den Schultern. Ich sah hinüber auf meinen Wecker. Es war noch nicht einmal 20 Uhr.

»Warten wir noch bis Neun«, schlug ich vor. »Wenn Thomas sich dann immer noch nicht gemeldet hat, können wir ja jemanden von der Klinik verständigen.«

»Einverstanden.«

Die nervtötende Warterei ging also weiter. Unsere Unruhe wuchs von Minute zu Minute. Ab und zu sah eines der Mädchen vorbei, um sich zu erkundigen, ob es etwas Neues gab. Die Suchaktion der drei war erfolglos geblieben, aber das war ja nicht anders zu erwarten gewesen. Jetzt saßen sie an einer Sitzgruppe in der Cafeteria, direkt vor einem Fenster, durch das sie den Weg im Blick hatten, der zum Kellereingang führte.

Der Gang zur Zentrale blieb uns dann aber doch erspart. Kurz nach halb Neun klopfte es an unserer Zimmertüre, so leise, dass ich es fast überhört hätte. Wenn Kevin nicht sofort aufgesprungen wäre, hätte ich vielleicht überhaupt nicht darauf reagiert. Thomas stand draußen. Er wirkte völlig verstört und eingeschüchtert.

»Hey, Mann, wo warst du die ganze Zeit?« schrie Kevin ihn fast an. Die Anspannung der letzten anderthalb Stunden suchte sich bei ihm wohl ein Ventil.

»Jetzt komm erst mal rein«, forderte ich Thomas auf und versuchte möglichst gelassen zu bleiben.

Mit gesenktem Kopf trottete er an Kevin und mir vorbei und ließ sich in einen der Stühle fallen.

»Seid ihr sauer?« fragte er leise.

»Mann, wir haben uns Sorgen um dich gemacht. Wir alle! Was glaubst du, wie fertig Stefan ist?«

»Habt ihr dem was gesagt?«

»Ja klar, was denkst du denn? Hätte ja sein können, dass er weiß, wo du abgeblieben bist.«

Thomas seufzte tief und rieb sich niedergeschlagen mit beiden Händen über das Gesicht.

»Jetzt sag uns endlich, wo du so lange gewesen bist!« verlangte Kevin schließlich.

Der hatte inzwischen auf seinem Bett Platz genommen. Ich setzte mich neben ihn auf die Matratze, damit ich Thomas ebenfalls im Blick hatte und nicht die ganze Zeit auf seinen Rücken starren musste. Thomas sah uns mit halb zusammengekniffenen Augen an.

»Mann, ich wollte abhauen«, erwiderte er mit einer Mischung aus Missmut und Trotz. Dann wandte er seinen Blick wieder der Tischplatte zu.

Im Moment schien er an einem Punkt zu sein, an dem ihm alles egal war. Selbst wenn wir ihn jetzt angeschrieen und ihm laut Vorwürfe gemacht hätten, hätte er das wohl still über sich ergehen lassen.

»Ich wusste halt nicht, wohin«, fuhr er leise fort.

»Und? Was hast du dann gemacht?«

»Na ja, zuerst wollte ich ja wirklich nur hierher zurückfahren. Aber dann bin ich einfach im Zug sitzen geblieben.«

»Und dann?«

Im Moment schien man ihm jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen zu müssen.

»Irgendwann hat mich der Schaffner rausgeworfen. In irgend so ‘nem Kaff.«

Na ja, Nahverkehrszüge waren ohnehin nicht das geeignete Verkehrsmittel, wenn man möglichst weit weg wollte. Viel weiter wäre Thomas wahrscheinlich auch dann nicht gekommen, wenn der Schaffner nicht bemerkt hätte, dass er für diese Strecke keine gültige Fahrkarte besaß.

»Was ist dann passiert?«

»Dann wollte ich eigentlich wieder zurück in die andere Richtung. Aber es ist kein Zug mehr gefahren.«

»Und was hast du dann gemacht?«

»Erst mal bin ich ‘ne Weile vor dem Bahnhof rumgehockt.«

»Und dann?«

»Dann hab ich versucht, per Anhalter zu fahren … aber ich wusste ja nicht mal, in welche Richtung ich muss … dann hat mich irgendwann so ‘ne Oma mitgenommen … die hat gesagt, sie fährt Richtung Bad Neuheim … aber die ist dann nur bis ins nächste Kaff gefahren … das war so’n Kuhdorf mit vier Häusern oder so.«

Thomas ließ sich für seinen Bericht viel Zeit. Nach jedem Satz machte er eine längere Pause. Ich war mir sicher, dass er mich damit in den Wahnsinn treiben würde, falls seine Geschichte noch lange dauerte.

»Los, erzähl schon weiter«, drängelte Kevin. Auch seine Nerven schienen blank zu liegen. »Was hast du dann gemacht?«

»Mann, dann bin ich wieder zurück in das Dorf gelaufen, wo der Bahnhof war.«

Ich wusste nicht, ob ich nun laut loslachen oder doch besser weinen sollte. Ich entschloss mich, einfach nur tief durchzuatmen und leise bis zehn zu zählen. Thomas schien seine Aktion immerhin ziemlich peinlich zu sein. Er wusste wohl, dass er sich ziemlich dumm angestellt hatte.

»Was hätte ich denn sonst machen sollen?« verteidigte er sich. »Durch das andere Kaff ist ja kaum ein Auto gefahren. Bis mich da jemand mitgenommen hätte …«

»Und was hast du gemacht, als du wieder am Bahnhof warst?«

»Na ja, da stand dann so’n Taxi rum«, antwortete er kleinlaut.

Jetzt konnte ich wirklich nur noch grinsend den Kopf schütteln. Währenddessen griff Thomas in seine Hosentasche und brachte ein paar Münzen zum Vorschein. Er ließ sie geräuschvoll auf den Tisch rollen. Eine davon zog ein paar Kreise bevor sie auf die Seite fiel.

»Wisst ihr, wie schweineteuer das war? Das da ist alles, was noch übrig ist.«

Seine Stimme hörte sich an, als wäre er gerade um die Ersparnisse seines gesamten Lebens gebracht worden. Jetzt konnte ich nicht mehr anders. Ich ließ mich zur Seite fallen, vergrub mein Gesicht in Kevins Bettdecke und lachte still in mich hinein. Irgendwie empfand ich die gesamte Situation nur noch als absurd. War das noch die reale Welt oder war ich irgendwann ohne es zu merken in ein Paralleluniversum abgedriftet? Das alles konnte doch nicht wirklich passiert sein. So was konnte sich doch nur ein völlig durch geknallter Schriftsteller ausdenken. Als ich mich dann aber wieder aufrichtete, sah alles noch genauso aus wie zuvor. Thomas saß immer noch mit gesenktem Kopf am Tisch und Kevin sah mich grinsend an. Wenigstens er schien das alles inzwischen ziemlich locker zu nehmen.

»Ich kann nicht mehr«, sagte ich zu ihm. »Ich brauch jetzt irgendwas zu trinken. Irgendwas mit Alkohol. Sonst dreh ich wirklich langsam durch. Ruft ihr bei Stefan an. Ich geh runter in die Cafeteria und sag den Mädchen Bescheid, dass Thomas jetzt hier ist.«

Damit ließ ich die beiden alleine im Zimmer zurück. Ich brauchte ziemlich lange, bis ich mir sicher war, wieder in der Realität angekommen zu sein.

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Kapitel 19 – Achtzehn

Am Montag standen dann in unserer freien Zeit die Vorbereitungen für Nadines achtzehnten Geburtstag auf dem Programm. Gudrun hatte schon in weiser Voraussicht die Diatlehrküche für uns reserviert. Schließlich brauchte man für so eine Festlichkeit auch eine Torte. In erster Linie war die Lehrküche ja für Patienten mit Essstörungen gedacht. So sollten zum Beispiel die übergewichtigen Patienten hier lernen, wie man sich gesund ernährte. Wenn gerade keine Veranstaltungen stattfanden, konnte sich aber trotzdem jeder in der Küche betätigten, der dazu Lust hatte. Man musste sich nur rechtzeitig in eine Liste eintragen.

Während Christina dafür sorgte, dass Nadine von unserer Aktion nichts bemerkte, machten Gudrun und wir Jungs uns daran, zuerst einmal die Zutaten abzuwiegen. Na ja, eigentlich leisteten wir Gudrun bei dieser Arbeit nur Gesellschaft. Backen war irgendwie nicht unsere Stärke. Dabei wollten wir ja wirklich helfen. Für Gudrun schienen wir das mit dem Abwiegen nur nicht genau genug zu machen. War es denn wirklich so wichtig, ob da jetzt ein paar Gramm Zucker mehr oder weniger in den Teig kamen? Jedenfalls bekamen wir schnell ihre resolute Art zu spüren, indem sie uns überzeugend klarmachte, dass wir uns entweder genau an das Rezept halten oder ihr besser möglichst weit aus dem Weg gehen und von nun an nichts mehr anfassen sollten. Na ja, um den Teig dann gut durchzurühren und die Backform mit Fett auszustreichen, waren wir dann doch wieder gut genug.

Nachdem der Kuchen schließlich fertig gebacken und eine Weile abgekühlt war, durften wir ihn sogar ganz ohne Gudruns Aufsicht mit geschmolzener Schokolade bestreichen. Ich fragte mich schnell, ob die Idee, uns bei dieser Arbeit alleine zu lassen, besonders gut gewesen war, denn Kevin fand das mit dem Anpinseln irgendwie zu umständlich. Er goss die Schokolade lieber direkt auf die Torte und kümmerte sich nicht im Geringsten darum, dass ich die flüssige Masse überhaupt nicht so schnell verteilen konnte. Mindestens ein Drittel lief an den Seiten hinunter und bildete auf der Arbeitsplatte mehrere braune Pfützen. Thomas leckte sofort alles gierig auf und amüsierte sich ansonsten prächtig darüber, was Kevin und ich da fabrizierten. Seine Aktion vom letzten Abend schien er längst abgehakt zu haben. Heute Morgen beim Frühstück hatte er sich noch einmal bei uns allen kleinlaut dafür entschuldigt und hoch und heilig versprochen, dass sich so etwas nicht wiederholen würde. Denn dass das ganze eine ziemliche Schnapsidee gewesen war, hatte er inzwischen längst eingesehen. Seitdem schien die Welt für ihn jedenfalls wieder in Ordnung zu sein. Nur mit Stefan hatte sich noch nicht wieder alles eingerenkt. Ob die beiden sich auch am kommenden Wochenende wieder sehen würden, war noch nicht ganz klar. Ich hatte fast den Eindruck, dass Stefan sich mit Thomas im Moment ein wenig überfordert fühlte. Eine ernstere Krise schienen die beiden aber nicht zu haben.

Irgendwann war die Torte dann doch einigermaßen gleichmäßig mit Schokolade bedeckt. Na ja, wir hatten ja auch genug von dem Zeug eingeschmolzen. An den Seiten schaute zwar noch hier und da der Teig heraus, dafür war die Schicht aber an den Stellen umso dicker, an denen die Masse vorhin hinunter gelaufen war. Zum Schluss formten wir in der Mitte der Torte aus bunten Smarties noch hastig eine große 18 und natürlich durften auch 18 Kerzen nicht fehlen. Die wollten zwar nicht so recht stehen bleiben, weil der Schokoguss inzwischen an den meisten Stellen ziemlich fest war. Trotzdem fand ich, dass wir das Ganze recht passabel hinbekommen hatten. Na gut, die Gesellenprüfung für Konditoren würden wir damit sicher nicht bestehen. Wahrscheinlich hätte man uns in jeder besseren Konditorei sogar vor die Tür gesetzt, wenn wir mit dem Ding dort aufgekreuzt wären und nach einer Lehrstelle gefragt hätten. Ich war trotzdem der Meinung, dass unser Werk ziemlich lecker aussah.

Am nächsten Tag war es dann soweit. Schon am frühen Morgen versammelten wir uns vor Nadines und Christinas Zimmer, mit der Torte und unseren Geschenken in den Händen. Christina hatte sich bereits aus dem Zimmer geschlichen und stand mit uns zusammen vor der Tür, als wir begannen ‘Happy Birthday to you’ zu singen.

»Ach, ihr seid echt lieb«, sagte Nadine strahlend, als sie die Türe öffnete.

Wir ließen sie die Kerzen auf der Torte auspusten und reichten ihr dann die Geschenke.

»Och, is der aber niedlich«, stieß sie freudig aus, als sie unseren Teddybär an sich drückte.

Richtig zum Feiern kamen wir dann aber erst am Abend. Dafür hätten wir aber auch die ganze Nacht durchgefeiert, wenn uns die Nachtwache nicht irgendwann höflich aber bestimmt aus dem Raum vor der Dachterrasse vertrieben und auf unsere Zimmer geschickt hätte.

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Kapitel 20 – Der Anruf

Normalerweise hielten wir uns auch jeden Tag nach der Gruppentherapie eine ganze Weile auf dem Klinikdach auf. Inzwischen konnte man das sogar als festes Ritual bezeichnen. Oft verbrachten wir dort oben die gesamte Zeit bis zum Abendessen. Seit Thomas zu uns in die Gruppe gekommen war, hatte sich der Raum mit den großen Fenstern einfach als optimaler Aufenthaltsort für uns erwiesen. Zum einen konnte Thomas jederzeit hinaus auf die Terrasse gehen, um sich eine Zigarette anzustecken. Und die hatte er nach den anderthalb Stunden bei Frau Fröschl eigentlich immer nötig. Zum anderen war es dort oben ruhig und wir konnten uns ungestört unterhalten. Wie wir letztendlich darauf gekommen waren, auch die Zeit nach der nachmittäglichen Therapiestunde dort zu verbringen, wusste inzwischen wohl keiner von uns mehr so genau. Jedenfalls konnte ich mir einen Tag ohne diesen Ritus kaum noch vorstellen.

Trotzdem ließen Kevin und ich am Mittwoch die anderen schon nach einer Viertelstunde alleine dort oben zurück und gingen hinunter auf unser Zimmer. Kevin hatte mit seinen Eltern vereinbart, dass sie sich irgendwann zwischen fünf und sechs Uhr melden sollten, um Bescheid zu geben, ob sie gut im Allgäu angekommen waren. Sicherheitshalber waren wir aber schon ein paar Minuten früher im Zimmer. Natürlich hätte es Kevin auch ganz gut alleine geschafft, auf den Anruf zu warten. Warum ich überhaupt mit ihm gegangen war, wusste ich selbst nicht so genau. Vielleicht war ich einfach nur müde und wollte ein wenig Ruhe haben. Nadines Geburtstagsfeier hatte gestern ja ziemlich lange gedauert, so dass ich in der Nacht nicht gerade viel Schlaf bekommen hatte.

Während wir darauf warteten, dass das Telefon klingelte, vertrieben wir uns die Zeit mit Lesen. Irgendwie fand ich das Buch, das ich angefangen hatte, aber nicht besonders aufregend. Vielleicht wäre ‘Die Mitte der Welt’ doch die bessere Wahl gewesen. Andererseits war mir der Gedanke irgendwie zuwider, ein Buch zu lesen, in dem vielleicht zwei Jungs miteinander glücklich wurden, während ich selbst so langsam die Hoffnung aufgab, in absehbarer Zeit einen Boyfriend zu finden. Irgendwie spürte ich auch immer noch jedes Mal eine gewisse Wehmut, wenn ich an Daniel dachte. Wie war es ihm wohl in der Woche seit seiner Abreise ergangen?

Ich blätterte mich durch die Seiten, ohne richtig bei der Sache zu sein. Wahrscheinlich wäre es sowieso sinnvoller gewesen, wenn ich mich mal wieder mit schulischen Dingen beschäftigt hätte. Ich durfte gar nicht daran denken, wie viel Stoff ich in den letzten Wochen versäumt hatte und wie viele Klausuren ich würde nachholen müssen. Außerdem war ich mir immer noch nicht sicher, ob die Therapie hier in dieser Hinsicht überhaupt etwas brachte. Ich lernte zwar verschiedene Entspannungstechniken, die mir dabei helfen sollten, Nervosität oder eine eventuell aufkommende Panik bei zukünftigen Prüfungen zu vermeiden. Ob das Ganze in der Praxis ebenfalls funktionierte, wusste ich aber nicht. Wenigstens war ich mir inzwischen über eines klar geworden. Ich würde weiter zur Schule gehen und zumindest versuchen, das Abitur zu schaffen. Ansonsten hätte ich mir sämtliche Versuche, meine Prüfungsangst unter Kontrolle zu bringen, ja auch gleich sparen können. Ich würde eben versuchen, viel gelassener als bisher an die Sache heranzugehen und es nicht allzu wichtig zu nehmen, ob am Ende auch eine gute Note heraussprang. Na ja, eigentlich war ich recht zuversichtlich, das auch zu schaffen.

Während ich mir Gedanken über meine Zukunft machte, sah Kevin immer wieder auf die Uhr. Die Minuten vergingen, ohne dass seine Eltern sich meldeten.

»So langsam könnten sie aber echt mal anrufen«, sagte er ungeduldig. »Die sind doch garantiert schon vor ein paar Stunden angekommen.«

»Na ja, zwischen fünf und sechs war vereinbart. Und bis sechs ist’s noch ‘ne gute Viertelstunde.«

»Na gut, wenn du meinst«, antwortete er. »Ich muss jedenfalls jetzt mal kurz aufs Klo.«

»Beeil dich«, erwiderte ich grinsend.

Mit einem Blick, der wohl so etwas wie ‘Ich kann doch auch nichts dafür, dass ich ausgerechnet jetzt muss’ ausdrücken sollte, verschwand er im Bad.

Ich drehte mich auf die andere Seite und widmete meine Aufmerksamkeit wieder meinem Buch. Ich hatte kaum ein paar Sätze gelesen, da klingelte das Telefon.

»Na super!« hörte ich Kevin aus dem Bad rufen. »Ausgerechnet jetzt!«

Es bimmelte zum zweiten Mal.

»Geh du mal ran. Ich bin noch nicht ganz soweit.«

Ich ließ es noch zweimal läuten, weil ich hoffte, dass Kevin vielleicht doch schon fertig war. Als er dann aber immer noch nicht aus dem WC gestürmt war, nahm ich schließlich selbst den Hörer ab.

»Winter und Kranitz. David Kranitz am Telefon.«

Zu Beginn unseres Aufenthalts in der Klinik hatte ich nie gewusst, wie ich mich melden sollte. Schließlich erkannte man nicht am Klingelzeichen, ob der Anruf nun für mich oder für Kevin war. Meistens hatte ich einfach bloß ‘Hallo’ gesagt, denn nur meinen eigenen Namen zu nennen fand ich auch irgendwie komisch. Inzwischen hatte ich mir diese Variante angewöhnt. Kevin fand das irgendwie ganz lustig. Er meinte, das würde sich richtig seriös anhören, so wie ‘Dachdeckerbetrieb Huber und Söhne. Franz Huber am Apparat’.

Am anderen Ende meldete sich eine männliche Stimme. Mir war sofort klar, dass das nicht Kevins Vater war.

»Oh! Hallo! Kann ich bitte mit Kevin Winter sprechen?«

Der Anrufer schien etwa in unserem Alter zu sein, soweit man so etwas durch das Telefon überhaupt feststellen konnte.

»Klar, einen Moment bitte, er kommt gleich.«

»Okay, danke!«

Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass die Stimme sich etwas unsicher oder sogar besorgt anhörte. Ich konnte mich aber auch täuschen. Wahrscheinlich war ich nur überrascht, weil ich ja eigentlich Kevins Eltern am anderen Ende der Leitung erwartet hatte. Ich kam nicht mehr dazu, mir weiter darüber Gedanken zu machen, denn Kevin sauste bereits auf mich zu und riss mir den Hörer aus der Hand.

»Hallo«, rief er fröhlich ins Telefon.

Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann erstarb sein Lächeln.

»Oh …! Hi!«, sagte er stattdessen überrascht.

Mit dem Hörer am Ohr setzte er sich langsam auf sein Bett. Eine Weile hörte er stumm dem Anrufer zu. Ich versuchte an seinem Gesichtsausdruck abzulesen, was der ihm wohl erzählte. Irgendwie sah Kevin ziemlich erschrocken aus. War vielleicht seinen Eltern etwas passiert?

»Okay … ah ja!«, antwortete Kevin schließlich. »Danke, dass du Bescheid gesagt hast.«

Er wirkte ziemlich nervös und unsicher. Nach einem Moment sprach er weiter.

»Ach, eigentlich ganz gut.«

Das konnte eigentlich nur bedeuten, dass ihn der Anrufer gefragt hatte, wie es ihm ging.

»Doch, ist gar nicht so übel hier … ähm, du, ich muss jetzt Schluss machen … äh … weil hier gibt’s gleich Abendessen … Okay. Ciao!«, beendete Kevin schließlich abrupt das Gespräch.

Nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, ließ er sich seufzend aufs Bett fallen.

»Ist was passiert?« fragte ich besorgt.

Er schüttelte nur den Kopf.

»Dann ging’s gar nicht um deine Eltern?«

»Doch, auch. Die sind gut angekommen.«

»Was ist dann los?«

»Nichts.«

»Hey, mach mir nichts vor! Irgendwas ist doch. Und was sollte das mit dem Abendessen? Es ist erst zehn Minuten vor sechs. Wir haben noch genügend Zeit.«

Kevin druckste eine Weile herum. Schließlich gab er mir doch eine Antwort.

»Mann, ich wollte halt nicht mit ihm reden.«

»Wer hat da überhaupt angerufen?«

Er drehte sich auf die Seite und starrte die Wand an.

»Musst du alles wissen?« grummelte er in sein Kopfkissen.

»Sorry!« erwiderte ich.

Wenn Kevin nicht reden wollte, war das seine Sache. Schon nach wenigen Augenblicken sah er dann aber doch wieder zu mir herüber.

»Also gut. Wenn du’s unbedingt wissen willst. Das war Enrico.«

Kevins Stimme hörte sich ziemlich störrisch an.

»Ah ja«, antwortete ich knapp.

Dadurch wusste ich natürlich immer noch nicht, wer Enrico eigentlich war und was er gewollt hatte. Um von Kevin nicht noch einmal angefaucht zu werden, wollte ich aber auch nicht nachfragen. Schließlich redete Kevin dann aber von selbst weiter.

»Der wollte nur Bescheid sagen, dass seine Eltern und meine Eltern gut im Allgäu angekommen sind und dass die jetzt nicht anrufen können, weil das Wetter da unten so toll ist und sie deshalb schon die erste Wanderung machen. Dann hat er noch gesagt, dass sie erst später am Abend wieder zurückkommen und heute nicht mehr anrufen und dass ich mich ja morgen früh selbst bei ihnen melden kann, wenn ich will. Jetzt alles klar?«

»Ja.«

»Gut, dann komm jetzt mit zum Essen.«

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Mein Magen knurrte schon eine ganze Weile. Trotzdem ging mir der Anruf von vorhin nicht aus dem Kopf. Enrico war also der Sohn der Heymanns. Das hätte mir Kevin ja auch gleich sagen können. Warum stellte er sich deswegen so an? Na ja, vielleicht mochte er ihn nicht besonders. Das wäre zumindest eine Erklärung dafür, warum er ihn am Telefon so schnell abgefertigt hatte. Irgendwie wurde ich trotzdem den Eindruck nicht los, dass mehr hinter Kevins Verhalten steckte. Er war nicht nur überrascht gewesen, dass Enrico anstatt seiner Eltern am Telefon gewesen war, sondern richtig erschrocken. Oder hatte er im ersten Moment nur befürchtet, dass seine Eltern vielleicht einen Unfall gehabt haben könnten? So sehr ich auch darüber nachdachte, eine endgültige Erklärung konnte ich nicht finden. Ich würde also abwarten und darauf hoffen müssen, dass Kevin mir noch mehr erzählte.

Den Abend verbrachten wir dann wie schon so viele Abende zuvor mit Gesellschaftsspielen. Der Kontakt zur anderen Gruppe war inzwischen längst wieder abgebrochen. Nur Armin gesellte sich noch manchmal zu uns. Die ganze Zeit immer nur in weiblicher Gesellschaft zu verbringen, war wohl auch für ihn als Heteromann auf Dauer zu viel. An diesem Tag ließ er sich trotzdem nicht bei uns blicken. Na ja, der Abend verging auch ohne ihn.

Als wir zu Bett gingen, versuchte ich noch einmal mit Kevin über Enricos Anruf zu reden, aber irgendwie brachte ich es nicht fertig, unser Gespräch in die richtige Richtung zu lenken. Vielleicht wollte er auch einfach nicht darüber reden und unterband schon deswegen alle diesbezüglichen Ansätze. Irgendwie kam mir sein Verhalten schon den ganzen Abend über etwas merkwürdig vor. Obwohl er sich bemühte, genau so fröhlich zu wirken wie in den letzten Tagen, bemerkte ich eine Veränderung. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen. Im Moment war es aber wohl sinnlos, mit ihm darüber reden zu wollen. Schließlich schaltete ich das Licht aus und versuchte einzuschlafen.

Mitten in der Nacht wurde ich wach. Zuerst dachte ich, dass es schon früh am Morgen sein musste und öffnete meine Augen einen spaltbreit, um einen Blick auf den Wecker zu werfen. Zu meiner Verwunderung stellte ich fest, dass es erst kurz nach zwei war. Was hatte mich um diese Zeit nur geweckt? Als ich meine Augen noch ein Stück weiter öffnete, bemerkte ich, dass der Vorhang zurückgezogen war. Kevin stand am Fenster und sah nach draußen. Sofort fühlte ich mich in die zweite Nacht hier in der Klinik zurückversetzt, als Kevin an genau dieser Stelle um dieselbe Uhrzeit gestanden, leise geweint und vor Kälte gezittert hatte. Diesmal war aber etwas anders. Damals hatte der Vollmond das Zimmer in ein helles Licht getaucht. Heute war vom Mond nichts zu sehen, dementsprechend dunkel war es im Raum. Und da war noch ein Unterschied, der mir sofort auffiel. Kevin hatte sich diesmal selbst in seine Bettdecke gehüllt, um nicht zu frieren.

Er hatte wohl inzwischen bemerkt, dass ich wach war, denn er drehte sich zu mir um.

»Schlaf weiter, David. Ist alles okay«, sagte er leise, fast sanft.

»Wirklich?« fragte ich schlaftrunken.

»Ja, mach dir keine Sorgen. Ich denk nur über was nach.«

Erleichtert rollte ich mich zurück auf die andere Seite und versuchte wieder einzuschlafen, doch irgendwie wusste ich sofort, dass mir das jetzt nicht mehr gelingen würde. Ich spürte nicht mehr den geringsten Anflug von Schläfrigkeit. Stattdessen war ich hellwach. Trotzdem blieb ich eine Weile mit geschlossenen Augen liegen und hoffte darauf, doch noch eindösen zu können. Unterdessen hörte ich, wie Kevin sich leise wieder auf sein Bett zurückzog und sich in seine Decke kuschelte. Als ich nach ein paar Minuten immer noch kein bisschen Müdigkeit verspürte, gab ich meine Einschlafversuche auf und sah in Kevins Ecke hinüber. Ich war mir sicher, dass er auch noch wach lag. Meine Annahme bestätigte sich. Trotz der Dunkelheit konnte ich erkennen, dass Kevin sich noch nicht einmal hingelegt hatte. Stattdessen saß er mit dem Rücken zur Wand aufrecht auf der Matratze, eingewickelt in sein Federbett.

»Kevin?« flüsterte ich leise zu ihm hinüber.

»Ja?«

»Ich kann jetzt doch nicht mehr einschlafen.«

»Sorry, ich wollte dich gerade wirklich nicht wecken.«

»Macht doch nichts.«

Eine Weile kehrte wieder Stille ein. Nur das leise Ticken des Weckers war zu hören.

»Worüber hast du vorhin nachgedacht?« fragte ich schließlich.

»Wie es weitergehen soll, wenn ich hier wieder raus bin?«

»Hast du Angst davor?«

Ich sah, wie er nickte.

»Willst du drüber reden?« fragte ich ihn.

»Morgen vielleicht.«

»Hey, ich kann jetzt sowieso nicht schlafen.«

Eine Weile zögerte er.

»Okay. Kommst du zu mir rüber?«

»Gerne, wenn du willst.«

Ich nahm meine Decke und lief zu seinem Bett hinüber. Er rutschte ein Stück zur Seite, so dass ich auf der Matratze auch noch gut Platz hatte. Nachdem ich mich neben ihn gesetzt und mich in meine Bettdecke eingepackt hatte, saßen wir erst einmal eine Weile schweigend nebeneinander. Dann fing er an zu reden.

»Wusstest du, dass ich seit meinem Selbstmordversuch mit niemandem aus meiner alten Clique mehr Kontakt hatte?«

Ich schüttelte den Kopf. Über seinen Freundeskreis hatte er mir bisher kaum etwas erzählt.

»Die haben sich doch aber sicher mal nach dir erkundigt, oder?«

»Klar haben die bei meinen Eltern gefragt, wie’s mir geht. Zumindest ein paar von ihnen, am Anfang. Nachdem sie mitbekommen haben, dass ich mit niemandem reden und niemanden sehen will, haben sie’s dann wahrscheinlich aufgegeben.«

»Du hast dich total abgekapselt, oder?«

»Mann, ich war auf einmal in der Psychiatrie, in der geschlossenen Abteilung, nach ‘nem Selbstmordversuch. Ich wusste überhaupt nicht, was mit mir passiert. Ich hab mich einfach nur geschämt. Kannst du das verstehen?«

Ich nickte.

»Klar kann ich das verstehen.«

Eine Weile zögerte er. Ich spürte, wie er verzweifelt nach Worten suchte, mit denen er mir klarmachen konnte, was ihn bewegte. Irgendwann schien er sich die nächsten Sätze zurechtgelegt zu haben.

»Weißt du, nach Marcos Tod, als ich dann endlich wieder in die Schule gegangen bin …«

Er machte eine Pause und seufzte tief. Ich ließ ihm Zeit, bis er weiterreden konnte.

»Irgendwie hab ich’s da geschafft, allen meinen Freunden vorzuspielen, dass es mir wieder gut geht und dass alles so ist wie vorher.«

»Warum hast du das gemacht?«

»Weiß ich auch nicht so genau. Wahrscheinlich, weil ich selbst wollte, dass alles wieder so wird wie vor Marcos Unfall. Ich hatte vorher immer so verdammt viel Spaß mit der Clique. Ich wollte, dass das wieder so ist. Aber das hat nicht funktioniert, mir ging’s von Tag zu Tag immer nur beschissener.«

Wieder machte er eine längere Pause. Sein Atem ging unregelmäßig. Ich spürte, wie sehr ihm die Erinnerungen immer noch zusetzten.

»Nach ein paar Tagen hab ich dann wohl geglaubt, dass die anderen mir tatsächlich abnehmen, dass ich okay bin. Keine Ahnung, ob das wirklich so war. Aber wie hätte ich denen dann noch zeigen sollen, wie’s mir wirklich geht? Außerdem hab ich ja gemerkt, dass die auch so schon alle nicht wissen, wie sie mit mir umgehen sollen. Irgendwie hab ich mich gefühlt, als ob ich überhaupt nicht mehr dazugehöre.«

Er griff nach dem Glas, das neben seinem Bett stand und trank ein paar Schlucke.

»Und jetzt hast du Angst davor, wie das sein wird, wenn du die alle wieder triffst?« fragte ich ihn, nachdem er das Glas wieder zurückgestellt hatte.

»Ja, ich frag mich, was die jetzt wohl über mich denken. Du weißt schon, wegen meinem Selbstmordversuch und der Psychiatrie und so. Und wie sie sich verhalten werden, wenn ich wieder in die Schule komme. Da werd ich sie ja auf jeden Fall sehen, wenn ich erstmal wieder dort hingehe. Mann, im Moment kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, da wieder hinzugehen.«

Er hielt einen Moment inne und schüttelte den Kopf, so als ob er die Gedanken daran vertreiben wollte.

»Weißt du, wie komisch das schon war, wieder mit Enrico zu sprechen?« fragte er mich dann.

»Wart … äh … seid ihr gut befreundet?«

Kevin nickte zuerst nur.

»Mann, wir waren echt mal die besten Freunde«, stieß er dann nach einer Weile hervor. »Und jetzt? Ich hatte keine Ahnung, was ich am Telefon zu ihm sagen soll, wie ich überhaupt mit ihm reden soll. Ich war total nervös. Am liebsten hätte ich einfach wieder aufgelegt.«

»Und er? Was hattest du für ein Gefühl, wie es ihm dabei ging, mit dir zu reden?«

Kevin zuckte mit den Schultern.

»Weiß nicht genau. Ich glaub, es ist ihm ziemlich schwer gefallen, hier anzurufen. Was glaubst du denn, warum er sich erst kurz vor sechs gemeldet hat?«

»Hey, das ist doch ganz normal, dass er sich auch unsicher fühlt. Das heißt doch aber nicht, dass ihm eure Freundschaft nichts mehr bedeutet oder dass er dich in Zukunft irgendwie komisch behandelt. Außerdem hat deine Mutter ja auch gemeint, dass er sich freuen würde, wenn du dich mal bei ihm meldest. Das hat die bestimmt nicht nur so gesagt. Und wenn du das Gespräch nicht so schnell abgewürgt hättest …«

»Ich weiß«, unterbrach er mich. »Ich hab ja vorhin auch schon überlegt, ob ich ihn in den nächsten Tagen noch mal selbst anrufe.«

»Na also.«

»Hey, ich weiß noch nicht, ob ich’s auch wirklich mache.«

»Wäre zumindest mal ein erster Schritt, oder?«

»Du meinst, ein erster Schritt zurück ins richtige Leben.«

»Ja, so ungefähr.«

Ich sah, wie er im Dunkeln grinste. Noch etwas verhalten, aber immerhin. Dann spürte ich seine Hand auf meiner Schulter.

»Leg dich wieder schlafen, David«, hörte ich ihn sagen. »Ich merk doch, dass du kaum noch die Augen offen halten kannst. Wir reden morgen weiter, okay?«

Na ja, ganz so schlimm war es nicht, aber irgendwann in den letzten zwei oder drei Minuten war tatsächlich ganz plötzlich wieder die Müdigkeit zurückgekehrt. Ich folgte seiner Anweisung ohne Widerworte und kroch hinüber in mein Bett. Binnen kürzester Zeit war ich eingeschlafen.

Kevin entschloss sich dann tatsächlich schon am nächsten Nachmittag bei Enrico anzurufen. Ich ließ ihn dazu alleine und setzte mich währenddessen zusammen mit dem Rest unserer Gruppe in die Cafeteria. Den anderen erzählte ich noch nichts von Kevins Vorhaben. Schließlich war ich mir nicht sicher, ob er sich auch wirklich trauen würde, es in die Tat umzusetzen. Es dauerte ganz schön lange, bis Kevin endlich herunterkam und sich zu uns gesellte. Entweder hatte er zuerst lange mit dem Anruf gezögert oder er hatte weit über eine halbe Stunde mit Enrico geplaudert. Dass er tatsächlich mit ihm telefoniert hatte, sah ich ihm aber sofort an. Kevin wirkte richtig aufgekratzt.

»Kommst du schnell mal mit da rüber?« fragte er mich leise und deutete dabei auf einen freien Tisch auf der anderen Seite des Raumes. »Ich muss was mit dir bereden.«

»Was ist?« fragte ich ihn, als wir uns dort gesetzt hatten.

»Ich will übers Wochenende nach Hause fahren und wollte dich fragen, ob du mitkommst?«

»Was willst du?« stieß ich überrascht aus. Mit so etwas hatte ich nicht gerechnet.

»Ja, wir könnten am Samstag ganz früh losfahren und sonntags wieder zurückkommen. Was hältst du davon?«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Mir war immer noch nicht klar, was er eigentlich vorhatte.

»Hey, das ist ja schon übermorgen«, erwiderte ich. »Ist das Gespräch mit Enrico so gut gelaufen, dass du’s jetzt nicht mehr erwarten kannst, deine Freunde wieder zu sehen, oder was willst du dort?«

»Na ja, ganz so ist es nicht. Ich hab schon ein mulmiges Gefühl dabei. Aber so was in der Art hab ich tatsächlich vor. Weißt du, jetzt wo meine Eltern im Allgäu sind, könnte ich mich wirklich mit meiner alten Clique bei uns zuhause treffen. Das ist doch ‘ne gute Gelegenheit, oder? Enrico will morgen in der Schule jedenfalls allen Bescheid sagen. Keine Ahnung, ob die dann auch wirklich alle kommen.«

Er zuckte mit den Schultern. Mit einem fast spitzbübischen Grinsen fügte er hinzu: »Enrico kommt aber auf jeden Fall.«

Ich fragte mich immer noch, was auf einmal in ihn gefahren war.

»Du hast dich also schon fest dazu entschlossen zu fahren.«

»Ja. Also was ist, kommst du mit?«

»Ich weiß nicht, ich kenn deine Freunde doch nicht. Was soll ich denn da?«

»Ach komm, dumussteinfach mitfahren. Wenn du dabei bist, fällt mir das Ganze einfach viel leichter.«

»Na gut«, willigte ich notgedrungen ein.

Worauf hatte ich mich da nur eingelassen? Schon jetzt kam ich mir wie das sprichwörtliche fünfte Rad am Wagen vor. Außerdem befürchtete ich, dass die Aktion für Kevin vielleicht doch enttäuschend verlaufen könnte. Möglicherweise stellte er sich das ja alles im Moment viel einfacher vor, als es tatsächlich war. Diese beinahe übermütige Stimmung, in der er sich im Moment befand, war bis Samstag sicher längst wieder verflogen. Und dann war es zu spät, um die Sache noch abzublasen. Was würde passieren, wenn seine Freunde vor verschlossener Tür standen und Kevin nicht auftauchte? Dann würde ein späteres Wiedersehen mit ihnen wohl noch viel schwieriger für ihn werden. Irgendwie war mir alles andere als wohl bei der Sache. Die anderthalb Tage, die bis zu unserer Abfahrt noch blieben, verbrachte ich jedenfalls in gespannter Erwartung auf das, was uns beide bei Kevin zuhause erwartete, falls wir denn tatsächlich fahren würden und sich Kevin nicht noch mal alles anders überlegte.

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