Die zweite Chance – Teil 2

„Morgen Florian! Du bist spät dran und hast noch nicht mal was gefrühstückt!“

„Morgen Mama. Mit dem Rad komm ich noch rechtzeitig und Hunger hab ich eh nicht.“

„Dann nimmt dir wenigstens was zu Essen mit“, rief sie ihm nach als er auch schon zur Haustüre rannte.

„Ich muss los Mama. Ich kauf mir unterwegs was.“

Florian rannte zur Tür raus. Schnappte sich sein Fahrrad und machte sich auf den Weg zur Schule.

Die zehn Minuten wie er vor einer Woche dachte schaffte er gerade so. Seine Mutter hatte wohl recht er war zu spät. Zumindest wenn er jetzt noch vor der ersten Stunde ins Sekretariat sollte.

Der Schulhof war schon vor Schülern völlig überlaufen. Florian schlug einige Haken an einzelnen Gruppen vorbei auf die Türe des Mittleren Gebäudeteils zu. Die Schulglocke läutete, als er über die Schwelle trat. Wieso mussten Eltern immer Recht haben?

Das Innere der Schule erschlug ihn fast. Es war genau wie das Äußere: bunt! Die Wände in verschiedenen Pastellfarben gestrichen, die Metallsäulen auf der Vorder- und Rückseite quietschend bunt und die Decke mit einem blauen Himmel und kleinen weißen Wolken bedeckt. Wenigstens der Boden war langweilig grau.

Mittlerweile drängten einige andere Schüler an ihm vorbei in ihre Klassenzimmer.

In der gegenüberliegenden Wand fand er eine Glastür mit der Aufschrift Verwaltung. Sein Instinkt hatte ihn also nicht getäuscht.

Die zweite Tür in dem Korridor war mit „Sekretariat“ beschriftet. Bingo!

Erst nach dem zweiten Klopfen hörte Florian ein leises „Herein!“

Das Büro war ein schlichter Raum mit etwas zu vielen Pflanzen auf dem Fensterbrett als die Statik eigentlich vertragen dürfte. Eine Frau mittleren Alters thronte hinter einem großen Schreibtisch. Die scharfen Gesichtszüge und die leicht geschwungene Brille wurden jedem Klischee gerecht. Nur die langen schwarzen Haare passten nicht so ganz.

„Guten Morgen Frau…“, ein schneller blick auf das Namensschild auf dem Tisch, „Ähh… wie spricht man das denn aus?“

Er wurde mit zusammengekniffenen Augen gemustert.

„Gorcyzka! Ist doch ganz einfach! Und du bist?“

„Entschuldigung, ich bin Florian Neuman. Ich soll hier zur Schule gehen.“

„Ah ja…“

Florian wurde erneut gemustert.

„Du bist also der, der meint mit einer Woche Verspätung hier anfangen zu können. Aber wenigstens hast du dich noch entschlossen am Rest des Schuljahres teilzunehmen.“

Florian guckte verlegen auf den Boden.

„Der Direktor ist heute leider verhindert, er wollte dich eigentlich noch ins Gebet nehmen. Daher werde ich dich am Besten gleich in deine neue Klasse bringen.“

Ohne weitere Worte verließ Frau Gorcyzka das Büro. Florian folgte ihr einfach und ging hinter ihr in den blauen Flügel. Eine Treppe hoch und dort bis ans Ende des Korridors. Erst vor der letzten Türe drehte sie sich zu Florian um und sprach wieder.

„Florian, eins noch. Ich weiß warum du hier bist und warum du wechseln musstest!“

Florian starre die Sekretärin an und spürte wie seine Augen glasig wurden. Ihre Gesichtszüge aber wurden weicher.

„Keine Angst, der Direktor und ich sind die Einzigen, die es wissen. Und wir wollen, dass wenn so etwas an dieser Schule passieren sollte, du sofort mit einem von uns redest! Ich werde diesen Idioten dann persönlich den Arsch aufreißen!“

„Aber… Wie… Was…“ stammelte Florian.

Frau Gorcyzka lächelte ihn an.

„Meine Tochter! Ich geb’ zu, es war grade am Anfang nicht immer leicht. Aber niemand hat das Recht sich ihr in den Weg zu stellen wenn sie einfach nur glücklich werden will! Und das Gleiche gilt auch für dich!“

„Danke…“, nuschelte Florian und guckte verlegen auf den Boden.

„Alles okay? Können wir reingehen?“

Florian nickte leicht.

„Und noch was! Das habe ich dir nie gesagt! Ich muss auf meinen schlechten Ruf achten!“ sagte sie mit einem Lächeln.

„Und jetzt mach, dass du in deine Klasse kommst!“

Mit einer Hand öffnete sie die Tür, mit der anderen schob sie Florian, bevor er sich von dem gerade gehörtem erholt hatte, ins Zimmer.

„Guten Morgen Herr Peters. Das ist Florian, er wird ab heute doch noch ihrem Unterricht beiwohnen.“

Und schloss die Tür sofort wieder hinter Ihm. Knapp dreißig Augenpaare waren auf ihn gerichtet.

„Hallo Florian. Stell dich doch am Besten kurz vor dann können wir mit dem Unterricht fortfahren.“

Das übliche Ritual also. Es scheint Lehrern immer ein tiefes Bedürfnis zu ihre Schüler in Verlegenheit zu bringen.

„Ähh, ich bin Florian Neumann. Meine Familie und ich sind hier hergezogen, weil mein Vater versetzt wurde…“

„Danke, das sollte erst mal reichen“, unterbrach ihn sein Lehrer. „ Setzt dich am besten dahinten neben Lars.“

Florian ging zu dem ihm zugewiesenen Platz in der vorletzten Reihe. Lars schien recht groß sein. Zumindest soweit Florian das beurteilen konnte während er auf dem Stuhl saß. Braune, kurze Haare und dunkle Augen die Florian anstrahlten. Er schien eine ziemliche Frohnatur zu sein.

„Hi, ich bin Lars.“

„Oh das beruhigt mich aber. Das heißt ja ich hab wirklich den richtigen Platz gefunden“, grinste Florian ihn an.

„Blödmann“ kam es von Lars wobei er jedoch leicht kicherte.

Die restliche Zeit der Doppelstunde verbrachte Florian mit seiner neuen Klasse und den Gemeinsamkeiten des Rheins in den Niederlanden und des Jangtse in China, und den unterschiedlichen Ansätzen mit den Problemen fertig zu werden.

„Kommst du mit in die Pause“ fragte Lars als er auch schon aufsprang.

Florians Eindruck hatte nicht getäuscht. Lars war fast einen Kopf größer als er selbst.

„Gerne. Ich kenn ja sonst keinen.“

„Wenn das der einzige Grund ist brauchst du nicht mitzukommen.“

Lars klang ernst und auch etwas traurig. Seine Augen und die nach oben gezogenen Mundwinkel sprachen aber etwas anderes. Lars musste man scheinbar immer ins Gesicht gucken, um zu wissen was er meinte.

Kurz darauf standen Beide unter einem Ahornbaum auf dem bunten Schulhof.

„Meistens treffen wir uns immer hier. Dann verpasst man sich nicht wenn man unterschiedliche Kurse hat.

„Wer ist denn ‚wir’?“

„Die wirst du gleich kennen lernen. Arne, Marcus und Kathrin waren bei uns in Geografie. Die saßen zwei Reihen vor uns und hohlen sich wohl noch was zu Essen. Michael und Sabine sind in einem anderen Kurs. Da drüben kommen sie übrigens.“

Ein dunkelhäutiger Junge mit pechschwarzen Haaren und ein blondes Mädchen kam Hand in Hand auf die beiden zu.

„Die Zwei trifft man fast nie alleine an.“ Meinte Lars zu Florian, und zu den beiden Neuankömmlingen.

„Hallo ihr, das ist Florian unser vermisster neuer Schüler.“

„Hi, freut mich dich kennen zu lernen. Wo warst du denn so lange?“

„Ich… ähh… war ne weile krank. Und meine Ärztin wollte mich nicht eher zur Schule lassen.“

„ Cool! Ein paar Tage frei könnte ich auch gebrauchen. Du musst mir unbedingt die Adresse von ihr geben.“

„Die Adresse von wem?“

Ein weiteres Mädchen war zu ihnen gekommen, gefolgt von zwei Jungen. Das mussten wohl die Anderen sein.

„Hallo ich bin Kathrin und das sind…“

Florian warf erst jetzt einen genauen Blick auf seine Mitschüler und wusste dann sofort wer sie waren. Mr. T-Shirt und Mr. ohne-T-Shirt die er bei der Erkundungstour mit Laura auf dem Schulhof gesehen hatte.

„Wir kennen uns schon. Zumindest vom sehen.“

„Wirklich? Woher denn das?“

Kam es von Arne, dem größeren der beiden, dem mit T-Shirt.

„Ich war vor einer Woche mit meiner Schwester mit dem Rad hier und du hast mich blöd angemacht.“

„Oh… das warst du?“

„Ja.“

„Mist. Tut mir echt leid. Aber mir ist hier schon häufiger ein Ball geklaut worden wenn ich mich nur mal kurz umgedreht habe…“

„Ha! Das ist gut. Du lässt das Teil die ganze Nacht liegen und du glaubst es wäre nur kurz?“ Mischte sich Mr. ohne-T-Shirt ein. Der war nach Florian Meinung auch komplett angezogen mehr als nur eine Sünde wert.

„Ja! Die meisten Menschen halten es nämlich für unhöflich Dingen zu klauen. Aber mir ist klar das so ein kleiner Skater wie du davon nichts versteht.“

„Du skatest?“ Florian wurde hellhörig.

Marcus griff mit beiden Händen an die Seite seiner Baggy und schüttelte sie.

„Klar, wonach sieht das denn aus? Skatest du auch?“

„Hab mal, aber das ist schon ne Weile her. Würde mich aber schon reizen mal wieder auf ´nem Board zu stehen.“

„Klasse, endlich mal jemand, der einen vernünftigen Sport zu schätzen weiß.“

Ein verächtliches Schnaufen war von Arne zu hören.

„Komm doch heut Nachmittag einfach mit. Ich wollt in die Halfpipe.“

„Gerne! Um drei?“

„Yo“

„Hallo ihr beiden. Es hat geklingelt. Trennt euch mal wieder.“

Florian verdrehte innerlich die Augen, dafür müssten sie erst mal zusammen sein dachte er.

Der Rest des Schultages verlief ähnlich. Langweilige Stunden, interessante Pausen. Florian schien in eine interessante Klicke gestolpert zu sein.

*-*-*

Um drei kam Florian auf dem Rad im Park an. Die Halfpipe lag im Westlichen Teil und Florian musste nur einen kleinen Teil des Parks durchqueren.

Zu Hause hatte seine Mutter eine Mischung aus Ärger und Begeisterung an den Tag gelegt, als er sein Mittagessen mit der Begründung er wolle mit einem Klassenkameraden in den Park, herunter schlang.

Sein Board hatte er auf dem Rücken unter seinem Rucksack geklemmt.

Marcus lehnte sein Fahrrad grade an ein Geländer als Florian an der Halfpipe ankam.

„Toll, du bist ja echt gekommen.“

„Hab ich doch versprochen. Ist hier immer so wenig los?“

Florian und Marcus waren die einzigen an der Halfpipe.

„Meist ja. Am Wochenende sind manchmal noch andere da. Willst du zuerst oder soll ich?“

„Fang du an. Ich werde mich lieber erst mal zu ebener Erde einfahren.“

„Alles klar.“ Grinste Marcus und kletterte auch schon die Halfpipe rauf.

Florian drehte einige Runden auf dem Asphalt, sprang einige Stufen herunter und wieder hinauf. Währenddessen zeigte Marcus was er in der Halfpipe konnte. Mit dem was er vorführte musste er mit dem Board schon auf die Welt gekommen sein.

Nach einigen Minuten stoppte er wieder auf der Plattform und zog sich sein T-Shirt über den Kopf.

Florian starrte ihn an und schluckt schwer. Als Marcus sich wieder in die Halfpipe stürzte konnte er den Blick nicht abwenden. Wenigstens wusste Marcus nicht was er ihm damit antat. Florian setzte sich auf eine kleine Stufe und sah Marcus weiter zu.

„Warum hast du eigentlich aufgehört zu skaten?“

Florian hatte nicht einmal mitbekommen das Marcus wieder eine Pause einlegte. Er saß schon eine Weile neben der Halfpipe und hatte mehr oder weniger auf Marcus gestarrt und war in Gedanken versunken.

„Hatte keinen Bock mehr.“

„So einfach hat man doch keinen Bock mehr und so hatte sich das heute Morgen auch nicht angehört.“

„Das war halt ne blöde Sache. Ich hab mich mit den Anderen nicht mehr verstanden. Da bin ich ihnen lieber aus dem Weg gegangen.“

„Echt? Wie kommt denn so was?“

„Ich will nicht drüber reden.“

Florian starrte mal wieder auf seine Füße, eine seiner Lieblingsbeschäftigungen.

„Okay, musst du auch nicht.“

Beide saßen schweigend neben einander. Marcus kam langsam wieder zu Atem.

„Florian?“

„Ja.“

„Wer bist du?“

„Das weißt du doch. Florian Neuman.“

„Ja das auch. Das ist ein Teil der Wahrheit. Aber da ist noch mehr oder?“

Marcus guckte Florian nicht an und Florian schwieg.

„Du scheinst irgendwie…“Marcus hielt kurz inne. „…traurig zu sein.“

Florian schwieg weiter.

Marcus schien aber auch die Stille zu verstehen und drehte sich zu Florian.

„Willst du jetzt oder kann ich wieder in die Halfpipe.“ Wechselte er das Thema.

„Ich würde gern mal.“

„Dann los!“

Marcus sprang auf und zog Florian an der Hand zur Halfpipe.

Marcus stand neben Florian oben auf der Rampe als dieser langsam sein Board auf den Rand zu bewegte. Ihm war ziemlich mulmig zu mute. Ein dreiviertel Jahr war doch recht lang und machte sich jetzt bemerkbar.

Jetzt oder nie.

Florian setzte seinen linken Fuß auf das vordere Ende des Boards, verlagerte sein Gewicht leicht nach vorne und schwang sich über den Rand.

Und dann war es wieder da. Er wusste genau was er zu tun hatte. Gleichgewicht halten, Gewicht verlagern um mehr Schwung zu bekommen, am Ende mit dem Board über die Kante rutschen oder drehen oder einfach nur hoch in die Luft und das Board unter den Füßen halten.

Florian wurde richtig euphorisch, das Adrenalin wirkte.

Angst was ist das?

Er wurde mutiger. Beim nächsten Mal griff er mit der Hand nach der Kante. Hielt mit der anderen das Board unter den Füßen. Schwang seinen Körper in einer Drehung nach oben bis er auf seiner rechten Hand stand. Und dann langsam wieder zurückkippen lassen, das Board wieder unter die Füße ziehen, bis er wieder auf dem Board steht.

Theoretisch.

Schon bei der ersten Bewegung merkte er, dass etwas nicht stimmte. Er hatte noch zu viel Schwung und der verwandelte sich nun in eine leichte Drehung. Nicht viel, aber zu viel. Die Weels stießen auf die Kante der Halfpipe und sofort verließen seine Füße das Board. Die nächsten Sekunden waren eine Mischung aus Fallen, Rutschen und Überschlagen bis er unten auf dem Bauch liegen blieb.

„Flo!“

Marcus sprang auf sein Board, die Rampe runter und sprang unten wieder ab. Neben Florian hockte er sich hin.

„Alles Okay? Sag was!“

„Ahhh…“ mehr als ein Stöhnen war erst mal nicht drin.

„Hast du mich grade Flo genannt?“ presste er hervor.

„Äh… glaub schon, sorry“

„Schon in Ordnung. Oh man mir tut alles weh!“

„Hast du dir was gebrochen?“

„Weiß nicht. Hilf mir mal hoch.“

Mühsam stemmte Florian sich hoch, Marcus legte seinen Arm um seine Hüfte.

„Kannst du stehen?“

„Ahh!“ Florian schrie auf. „Wohl nicht. Hab mir wohl den Fuß umgeknickt.“

„Und nicht nur das…“

„Hä? Wie jetzt?“

„Wenn du schon an den Armen solche Schrammen hast, was glaubst du wie dein Gesicht aussieht.“

„So schlimm?“

„Zumindest etliche Kratzer. Die sollten dringend ausgewaschen werden.“

„Na toll. Dann müssen wir mich nur noch nach Hause bekommen. Ich hab keine Lust meine Eltern anzurufen.“

„Das geht schon. Wir schrauben deine Sattel etwas runter, dann kannst du dich mit dem einen Bein abstoßen.“

Das funktionierte auch ganz gut. Florians Sachen hatten sie auf Marcus Gepäckträger geklemmt. Wäre das Zeug auf Florians Rad hätte er wohl nicht aufsteigen können. Jetzt wo er etwas zur Ruhe kam merkte er, dass sein Fuß nicht als einziges schmerzte. Sein linker Arm fühlte sich nur unwesentlich besser an und irgendwo musste er sich auch den Rücken geprellt haben.

Sie brauchten drei Mal so lange wie Florian für die Hinfahrt gebraucht hatte. Beim Haus angekommen legten sie die Räder in die Einfahrt. Florian humpelte halb die Stufen hoch und wurde halb von Marcus getragen.

„Schließ du auf.“

Er drückte Marcus die Schlüssel in die Hand. Gemeinsam humpelten sie ins Haus.

„Ah! Nicht so schnell!“

„’Tschuldigung“

„Lass uns am besten gleich nach oben gehen.“

„Gehen ist gut!“

„Blödmann!“

In dem Augenblick ging die Wohnzimmertür auf.

„Florian? Oh mein Gott Florian! Was ist denn passiert? Wer war das?“

Völlig außer sich stürmte seine Mutter auf ihn zu.

„Niemand, Mama.“

„Du willst mir doch nicht erzählen, dass so was von alleine passiert!“

Jetzt kam auch noch Tom durch die Tür gelaufen. Na bravo, das sah wieder nach einer Familienzusammenkunft aus.

„Mama, ich hab mich nur mit dem Skateboard hingelegt.“

„Nur hingelegt ist gut. Das war der spektakulärste Stunt den ich je gesehen hab!“

Für den Spruch wurde Marcus von allen dreien mit weit aufgerissenen Augen angestarrt. Die von Florians Mutter verengten sich jedoch schnell wieder zu kleinen Schlitzen.

„Äh, ’tschuldigung. War nicht so gemeint.“

„Hast doch eigentlich Recht. So hab ich mich nicht mal als Anfänger hingepackt.“

„Wenn ihr beiden genug geprahlt habt, können wir dich ja vielleicht endlich zum Arzt fahren!“

„Jetzt mach mal halblang, Mum. Erst mal werde ich mir das angucken, so schlimm scheint das gar nicht zu sein. Die Schürfwunden können wir hier verarzten und wenn der Knöchel gebrochen oder wirklich richtig verstaucht wäre hätten die Beiden das erst gar nicht bis hier her geschafft.“

Ihre Mutter guckte noch immer skeptisch.

“Und er wird das sicher auch nicht wieder zur Gewohnheit werden lassen.“

Die letzte Bemerkung brachte ihnen einen eigenartigen Blick von Marcus ein. Doch nachdem ihre Mutter halbwegs beruhigt war konnten Tom und Marcus Florian gemeinsam in den ersten Stock und dort ins Bad bringen. Sein älterer Bruder übernahm dort das Kommando.

„Setz dich da auf den Rand. Ich kümmere mich um deinen Fuß und Marcus kann schon mal die tieferen Schürfwunden reinigen.“

Florian zog sein T-Shirt mit Marcus Hilfe über seinen Kopf, alleine hätte er es wohl nicht geschafft. Tom schmierte einen Knöchel mit einem Sportgel ein und wickelte anschließend eine fest sitzende Bandage herum. Doch das war nicht das unangenehme. Marcus versuchte währenddessen seinen Rücken mit einem weichen Schwamm zu säubern. Für den größten Teil reichte dies auch aus. Für einige Splitter und kleine Steine müsste er jedoch eine Pinzette zu Hilfe nehmen. Florian zuckte jedes Mal zusammen.

„Ich bin fertig mit dem Verband. Wie sieht’s bei dir aus Marcus?“

„Glaub das war es auch. Mehr ist nicht.“

„Ok. Florians Rücken sollte aber noch mit der Salbe eingerieben werden. Das könnt ihr aber auch in seinem Zimmer machen. Ich werde erst mal wieder zu unserer Mutter und sie etwas beruhigen.“

Marcus folgte Florian der langsam in sein Zimmer hinkte.

„Sieht ja ganz nett aus. Aber du solltest noch etwas mit den Wänden machen, die sehen etwas kahl aus.“

„Das kommt noch, wir sind doch grad erst hergezogen. Kannst du mir den Rücken mit der Salbe einreiben?“

Er ließ sich auf sein Bett fallen.

„Klar rück mal was.“

Marcus nahm neben ihm Platz. Florian konnte ein stöhnen nicht unterdrücken als Marcus die wunden Stellen einrieb. Nach einiger Zeit fing der größte Schmerz an nachzulassen und er konnte sich ein wenig entspannen.

„Scheint ja zu helfen. Hast du vorne auch noch was? Oder reicht das?“

„Ähh… nee… das recht schon.“ Stotterte Florian herum.

Zum Schluss waren Marcus Berührungen mehr als angenehm gewesen, was er auch in seiner Hose deutlich spürte. Seine Shorts waren zwar Weit, aber nicht so weit, das es nicht aufgefallen wäre.

„Wie du meinst. Und was machen wir nun?“

„Ich bleib auf jeden Fall hier liegen und hoffe, dass die Schmerzen schnell nachlassen.“

Den Anderen Grund verschwieg er lieber.

„Du kannst in der Küche erst mal was zu trinken organisieren und dann können wir ja noch Musik hören oder ’nen Film gucken. Ich hab ne coole skater-DVD mit verschiedenen Stunts drauf.“

„Damit kann ich leben.“

Marcus verließ das Zimmer um die Küche zu suchen.

Kurz darauf war er von Florians Mutter mit dem benötigtem versorgt worden. Und beide verbrachten den restlichen Tag mit einer Flasche Cola, einer Tüte Chips und dem Fernseher. Marcus konnte sich jedoch nicht verkneifen fast jede Szene der DVD mit „Das bekommst du doch eh nie hin“ zu kommentieren.

*-*-*

Am nächsten Morgen humpelte Florian fünfzehn Minuten eher aus dem Haus. Er war zwar verletzt, aber seine Mutter weigerte sich ihn bei Selbstverursachten Schmerzen, wie sie es nannte, zur Schule zu fahren. Und der Schulbus kam für ihn selbst nicht in frage.

Beim Läuten der Schulglocke kam er an.

„Scheiße tut das weh!“

Das Auf- und Absteigen war das Schlimmste.

„Noch immer so schlimm?“

„Marcus! Was machst du denn hier?“

„Zur Schule gehen was denn sonst? Ich hab auf dich gewartet. Wenn du alleine hochhinken musst kommst du ja nie an.“ Grinste dieser.

„Wahrscheinlich. So langsam sollten wir uns übrigens beeilen.“

„Hey, das hört sich an als läge das an mir!“

„An wem denn sonst? Du hast mich doch gestern auf die Rampe gezwungen.“

„Idiot! Komm her, leg deinen Arm über meine Schulter und ich versuch dich an deinem Gürtel zu stützen.“

Zusammen wankten sie so zum Klassenzimmer. Die Klassentüre schloss sich grade als die beiden in den Korridor bogen.

„Mist, das gibt Ärger!“

„Was haben wir denn jetzt überhaupt?“

„Englisch! Und die alte Palmer versteht gar keinen Spaß!“

„Na dann los! Klopfen oder so rein?“

„Natürlich klopfen! Bist du noch ganz dicht?“

„Come in!“ hörten sie nach einer Weile.

„I am sorry for being late, Mrs Palmer.“

“We have already started Marcus. So please hurry.”

Dieser zog Florian am Gürtel in die Klasse. Die gesamte Klasse starrte ihn, beziehungsweise die Wunden in seinem Gesicht an. Das schien zu einem morgendlichen Ritual zu werden.

„And who are you?“

„ I am the reason why he is late.“

Zusammengekniffene Augen schienen ein Markenzeichen der Frauen an dieser Schule zu sein. Da waren wohl noch weitere Auskünfte nötig.

„My name is Florian Neumann. I am new in this town an visit this class since yesterday.“

„There where some rumours that you were supposed to join our lessons one week ago.”

“That true Mrs Plamer. I was ill and had to stay at home.”

“ When you where ill, what are you now?”

Ihre Augen schienen sich noch weiter zu verengen.

“I had an accident in the Park.”

“Ich hab es doch gesagt! Basketball ist viel ungefährlicher!”

Arne musste mal wieder seinen Sport verteidigen und Lars hatte auch noch ein Wort zu sagen.

„Und warum habt ihr nichts gesagt. Ich hätte dir doch Hochhelfen können. Wäre einfacher gewesen als sich auf diesen Zwerg zu stützen!“

Damit was Marcus gemeint, der eigentlich nur unwesentlich kleiner als Florian war.

„Gentlemen, quiet please.“

Der Rest des Tages war halt Schule. Erstaunlich wie sie am zweiten Tag schon wieder zum Alltag werden kann. Die Pausen aber blieben der Lichtblick der Woche und auch der Nächsten.

Schon nach ein paar Tagen war es für Florian selbstverständlich zum Ahornbaum zu gehen, wenn er einen Kurs alleine hatte. Er schien in eine echt nette Clique rein gekommen zu sein. Besonders Lars, seinem Banknachbarn, Marcus, mit dem er ein gemeinsames Hobby gefunden hatte und Kathrin, die scheinbar der Ausgleich zwischen den unterschiedlichen Charakteren war.

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