Der Stoff, aus dem Leben gemacht ist – 4. Teil

Diese Geschichte und die darin handelnden Personen sind ein Produkt meiner Phantasie, wobei nicht auszuschließen ist, dass ähnliche als die darin beschriebenen Handlungen bereits passiert sind, oder sich künftig so zutragen werden. Eine Haftung dafür übernehme ich nicht.

26. August 2030, ein Montag in Villaabajo Verde im Norden Spaniens

Da sitzt er wieder auf Renatos Bett und starrt nur immer vor sich hin. Nichts ist mit den erhofften Liebesspielen. Habe ich was verkehrt gemacht oder ist es nur so, dass er sich halt schwer vom Gewohnten zu trennen vermag, auch wenn ich das nicht richtig nachvollziehen kann.

Während Fabio seinem scheiß Leben nachtrauert, räume ich die 7-Sachen aus den Mülltüten in die extra für ihn frei gemachten Fächer auf meiner Schrankseite ein. Kein Problem, bei den paar Klamotten.

Wie lange ist das nun her, dass wir zusammen im Chor waren… Sechs Jahre, glaube ich. Damals waren wir so unbeschwert, das Leben war nur ein tolles Spiel und voller bunter Überraschungen.

Gut, was das Leben anderer Leute betrifft, war mir das bis gestern auch noch ziemlich egal, was ging mich fremdes Schicksal an, meine Familie mal ausgenommen. Eigentlich war ich in der Beziehung bis gestern noch ein Kind, irgendwie in der Entwicklung etwas zurück, denke ich mir so.

Aber jetzt habe ich Fabio hier, der meine Hilfe benötigt. Das ist kein Spiel mehr, das ist das richtige Leben in all seiner Kompliziertheit. Ich werde seine Launen und Probleme ertragen müssen, all die Folgen seiner verkorksten Kindheit und Jugend, eine mögliche Magenverstimmung ebenso und noch vieles mehr.

Man, ich hab doch überhaupt keine Ahnung von solchem Seelenkram und bin voller Zweifel, ob ich für ihn dabei der Richtige bin. Ich, der ewige Eigenbrötler, der vom Leben anderer und dem Leben überhaupt keine Kennung hat.

Aber um ihn nur einmal wieder so erleben zu können, wie er mir gestern erschien, dem Liebesgott Amor so ähnlich, dafür werde ich alles tun und nichts unversucht lassen!

Gestern noch wie im Himmelreich, heute tot traurig, das kann ja was werden, mit ihm, mit diesem Auf und Ab. Denn los, die Sachen sind eingeräumt.

„Fabio! Dein Zipfel hängt raus!“

Entgeistert schaut er mich mit seinen grau-blauen Augen an, prüft die Hosensäume, dann bekommt er’s endlich mit. „Manu, was musst du mich so anführen!“

„Komm schnell mit, ich muss dir was zeigen!“ Mit sanfter Gewalt befördere ich ihn auf den Hof und packe blitzschnell fest zu.

Wie er schön duftet, als ich ihn über die Schwelle trage. Statt aber auf den Aufenthaltsort meiner Nase zu achten, muss ich stark aufpassen, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Zum Glück hat Fabio eine Hand um meine Schulter gelegt und mit der anderen versucht er durch Abstützen an der Wand, Schlimmeres zu verhindern. Meine Bandscheiben sind kurz davor, sich aus der vertikalen Ebene zu verselbständigen, dann habe ich ihn endlich auf meinem Bett abgelegt.

„Mein allerliebster Fabio. Sei Herzlich Willkommen. Ich möchte, dass du dich hier wohlfühlst. Ich will dir helfen und beistehen, möchte in guten und auch schlechten Dingen an deiner Seite sein. Auf, dass dich die Schatten deiner Vergangenheit nicht mehr so bedrücken. Ich möchte…“

„Ach, Manu, hier sind alle so gut zu mir. Hoffentlich enttäusche ich dich nicht. Ich weis doch gar nicht, ob ich das überhaupt wert bin und auch nicht, ob ich alles richtig machen werde, bei meinen Erfahrungen.

Aber ich habe mich hoffnungslos in dich verliebt! Und nicht erst, seit wir uns gestern wieder getroffen haben, nein, ich lieb dich eigentlich schon immer.“

„Schon immer?“

„Ja, Manu, ich will’s dir gern erzählen…“

„Müssen wir jetzt so viel reden? Entspanne dich.“

Während Fabio mit dem Rücken auf dem Bett liegt und mich mit großen erwartungsvollen Augen anschaut, streiche ich ihm die langen rot-braunen Haare aus der Stirn und bedecke seine heilende Wunde mit Küssen, dann zieht er mich endlich ganz an sich heran.

Mit dem Oberkörper auf ihn liegend, suche ich seine Lippen. Sie immer wieder aufs Neue ertastend und berührend, geben wir uns tausend Küssen hin, lassen unsere Lippen hinab gleiten und den Körper des Freundes mit der Zunge erkunden, bis wir gemeinsam vor Lust stöhnen und uns winden.

Ich spüre es am Blick seiner verlangenden glänzenden Augen, als es soweit ist, sich der Hosen zu entledigen. Ein verschmitztes Lächeln erfüllt sein Gesicht, als ich seinen Hosenbund öffne und die kurze Jeans etwas zu hastig entfernen will.

Nach einer vorübergehenden Lageänderung unserer Körper sind die störenden Dinger schnell entfernt.

„Aber wir haben kaum noch Wasser, um uns danach zu waschen.“

„Dafür fällt mir gerade was ein…“

Mit meinen liebkosenden Lippen an den Innenseiten seiner Oberschenkel immer wieder auf und hinab gleitend, als Umkehrpunkt die schon hochgezogenen Hoden nutzend, diese dabei mit den Liebkosungen nicht auslassend, mit den Händen seine Flanken zärtlich hin und her streichelnd, nähere ich mich dem Finale.

Kaum habe ich meine Lippen über seine etwas weit vorstehende, spitz auslaufende Vorhaut geschoben, da hebt sich Fabios Becken krampfartig an und laut wimmernd entlädt er sich, was unmittelbar zur Folge hat, dass auch ich ihm in nichts nachstehe. Kontrolle von Ort, Zeit und allen sonstigen Dimensionen, völlig ausgeschlossen.

*-*-*

Uns gerade in enger Umarmung liebevoll küssend, ist Fabio plötzlich nicht mehr richtig bei der Sache, „Sag mal, Manu, was ist das für ein eigenartiges Geräusch da hinten, hörst du das nicht?“

„Das ist der Wasserhahn in der Küche, Wasser ist wieder da.

Oh man, nicht jetzt! Ich muss den ganz schnell zudrehen, bevor das eine Riesen Überschwemmung gibt. Bin gleich zurück.“

Noch mit unseren klebrigen Körpersäften bedeckt, renne ich in die Küche und drehe den Hahn zu. Und ein Klick, dann ist die Warmwasseraufbereitung an. Endlich, endlich nach langer Zeit mal wieder richtig duschen können! Es ist auch notwendig wie noch nie.

Mit ein paar Streifen Toilettenpapier ist erstmal der gröbste Glibber an meinem Körper entfernt, den Rest der Rolle behalte ich für Fabio gleich in der Hand.

Ein prüfender Blick im Flur zur Wanduhr lässt mich erschrecken: Schon um Sieben! Keine Ahnung, wann meine Eltern heute nachhause kommen, aber wir können bald damit rechnen.

„Man, Fabio, schon Sieben! Ich muss schnell das Laken erneuern, sonst gibt das wieder großen Ärger mit Mamá.“ Jetzt noch die Matratze wenden, bringt leider nichts mehr, so pappig verklebt wie die Unterseite bereits ist. Mit Renato seiner zu tauschen, vielleicht. „Ich reib dich lieber noch etwas sauber, damit unterwegs keine verdächtigen Flecke auf dem Teppichboden zu sehen sind, dann gehen wir duschen. Hörst du, duschen. Wir, zusammen.“

„Juchhe, ich komme!“

*-*-*

Ausgiebig geduscht und gesäubert, die Frisuren gerichtet und vom einnehmenden Wohlgeruch unserer Deodorants umströmt, sitzen wir artig auf der Familienbank vor dem Fenster meines Zimmers, jedoch uns an den Händen haltend.

Die Sonne hat sich längst mit ihrer Strahlkraft der anderen Seite des Hauses zugewandt, aber um hier zu strahlen, bedarf es ihrer auch gar nicht, das erledigen wir gleich mit, mit unseren Gesichtern.

Dem Eingeweihten würde sich bei der Betrachtung unserer Gesichter ein wissendes Lächeln entlocken, andere erkennen nur zwei mit sich und der Welt sehr zufriedene 19-jährige Dorfjungs, die in angeregter Unterhaltung vertieft sind und sich freundschaftlich an den Händen halten, wie es hier im Süden ohne irgend welche Nebengedanken so Sitte ist.

Vor uns auf dem kleinen Beistelltisch jeder ein Glas mit dem einfachen Tischwein dieser Region und eine fast leere Schale mit Keksen.

Ich erkenne das Geräusch von Muttis Auto, das sich schnell nähert und am Tor kurz abbremst.

„Guten Abend, Söhne! Na, alles gut gelaufen mit Fabios Einzug? Und Wasser ist auch schon da, habe ich gehört.

Ich setze mich gleich zu euch, will mich nur etwas frisch machen und umziehen.“

Dann wird sie stutzig, schnuppert in unserer Nähe, um sich anschließend neugierig auf unseren Schultern abzustützen und auf den Zehenspitzen stehend, in mein Zimmer zu schauen.

„Alle Achtung, ihr seid nach den Jahren gerade mal einen Tag zusammen, und schon treibt ihr’s miteinander.

Ich musste mich mit Papá abends heimlich in der Bushaltestelle treffen, was ganz schön unbequem war, und ihr habt gleich ein Haus als Liebesnest für euch ganz alleine.

Ne, ne, die Jugend von heute…“

„Ja, mein lieber Manu, das sind halt meine Pheromone, die sind unschlagbar, eben Amor seine!“

Die Wirkung des coolen Spruches wird durch seine aufsteigende Schamesröte ins Negative hinein entschärft. Zum Glück habe ich eine weitaus dunklere Haut…

„He, ihr Turteltauben, ich lasse euch lieber noch etwas in Ruhe. So frisch verliebt, wie ihr es seid, da wollt ihr bestimmt lieber mit euch allein sein. Ich gehe derweil das Abendessen zubereiten.“

Um Fabios Verlegenheit zu lösen, bin ich jetzt neugierig, „Du meintest erst, du liebst mich schon immer. Ist das wahr?“

„Nun, pass auf, aber bitte lach mich nachher nicht aus: Dass ich hier überhaupt noch vor dir sitzen kann, verdanke ich allein dem so genannten Tal des Todes und meiner wilden Fantasie.

Da war ich immer, so oft es mir möglich war, und das war eigentlich täglich. Meine Mutter hatte mich ja nie vermisst und sonst interessierte sich keiner für mich.

Ich hab mir dort sogar ein Zimmer in einem alten Haus eingerichtet, mit einer Liege und einigen anderen Sachen vom Sperrmüll, wo ich ganz, ganz viel las und noch mehr träumte.

Ich hab dort sogar eine große Menge Geschichten geschrieben, meist sehr lustige, so viel anders, als es mein Leben war. Und während ich schrieb, war ich mitten drin in der Handlung, erlebte meine Träume so, als wären sie real.

Meist schon nach der Schule bin ich dorthin, in mein Königreich, wie ich es für mich nannte, und hab die Zugbrücke nach außen hochgezogen. Rein gedanklich, so musst du das verstehen, um mich zu schützen und um nicht verrückt zu werden, oder vielleicht auch hartherzig, was auch schlimm ist.

Und als ich eines Tages sehr traurig war, sogar bereits daran dachte, mich umzubringen, mich einfach von der hohen Steilwand stürzen wollte, da war im Tal auf einmal alles voller Blumen. Einfach so, nach einem langen Regen. Das war so etwas von schön und galt mir als Zeichen, da wollte ich wieder leben.

Danach schrieb ich meine allerschönste Geschichte. Die handelte davon, dass eines Tages ein Prinz ins Tal kommt, der mich wahrhaft liebt und mich von meinem scheiß Zuhause befreien wird.

Und in meinen Träumen warst immer nur du es. Ich mochte dich schon als kleiner Junge wirklich sehr. Und dann endlich, nach so langer Zeit der Einsamkeit, ich hatte meinen Glauben an Märchen längst verloren, da kam der Prinz. Du, ja, du warst das, du bist mein Prinz!“

„Und du bist mein allergrößter Schatz! Ich liebe dich.“

„Und noch was: Ich fahre morgen mit dir zusammen nach Bilbao, dass das schon mal klar ist. Deine Mutter hat mir alles erzählt, aber du hattest wohl nicht die Traute, mir davon zu erzählen. Schäm dich dafür.

Aber ich will nie mehr ohne dich sein!“

Ein Moped naht knatternd. Papá stört, „Guten Abend, Söhne.“ Er hat es zum Glück sehr eilig.

„Guten Abend, Papá.“ „Guten Abend, Papá.“

„Bitte entschuldige, mein liebster Fabio. Dass ich dir darüber noch nichts weiter gesagt habe, ist ein großer Fehler von mir. Aber wie, wann und ob das dort mit meinem Studium weitergeht, keine Ahnung, wirklich! Und dich bis nächsten Freitag hier allein zurück lassen, daran wollte ich nur ungern denken, nein, viel lieber wäre ich doch bei dir geblieben. Und dann kommst du mit dieser wirklich tollen Neuigkeit.

He! Dann sehen wir uns dort, so oft wir können! Mensch, Fabio, warum ziehen wir nicht einfach zusammen, ist das ein Vorschlag? Sag mal, was machst du eigentlich in Bilbao?“

„Nun, ein Studium zu finanzieren, dass kann ich mir leider nicht leisten. Aber ich bin schon eine ganze Weile am Konservatorium eingeschrieben im Fach Gesang, das bekomme ich mit einigem Hinzuverdienst gut hin.

Was ich später beruflich machen werde, muss ich erst mal sehn. Da ist auch noch das Theater, wo ich schon kleine Rollen gespielt habe. Hauptsache, es ist was mit Kultur und viel Publikum, denn allein war ich lange genug.

Ich habe nun wegen meiner Mutter allerdings einige Wochen aussetzen müssen. Die brauchte unbedingt wieder jemanden, den sie nerven konnte.

Gewohnt habe ich in der Nähe der Plaza Indautxu in einer ganz einfachen Unterkunft. Ein Zimmer in Hinterhoflage zu Viert, schlafen auf dem Boden mit Schlafsack, auf dem Flur ein Gemeinschaftsbad für die ganze Etage, das ist alles. Und du?“

„Ich wohne in einem Hotel an der Str. Deustuku Erribera. Das liegt nicht so weit von der Uni entfernt und ist ganz in Flussnähe. Leider ist es da ein wenig laut wegen der Hauptstraße davor.

Aber Luxus habe ich auch nicht. Mein Zimmer ist geradezu winzig und ohne Innenbad. Ich liege meinen Eltern schließlich schon genug auf der Tasche und Zeit zum Jobben lässt mir das Studium nicht.

Komm doch erst mal mit zu mir, dann können wir uns immer noch was gemeinsam überlegen.“

„Abendessen, hört ihr! Und zieht euch was über!“

„Dann los, Fabio. Ich muss dich aber in einem Punkt etwas vor meinen Eltern warnen: Beim Abendessen wird erwartet, dass wir dort ordentlich angezogen aufkreuzen, andernfalls ist eine Rüge fällig. Sonst gibt es bei denen nichts zu meckern, die sind echt in Ordnung.

Nimm dir einfach eines von meinen Hemden vom Bügel.

Die alte Jeans kannst du wirklich nicht anbehalten, so ausgefranst wie das Teil schon ist. Soll ich dir beim Ausziehen helfen?“

„Ne, lass man, dann verspäten wir uns nur. Noch ein Küsschen?“

„Das immer.“

*-*-*

Nanu? Die Tür zur Küche ist heute geschlossen. An der Tür ein großes Pappschild mit der bunten Aufschrift: ‚Familienaufnahmefeier für unseren lieben Fabio.‘ „Schau mal, Fabio, das ist für dich.“

„Überraschung!

Fabio und Manuel, bleibt bitte noch stehen und nehmt schon mal eure Gläser in die Hand, wir wollen was verkünden:

Mein lieber, herzensguter Fabio. Wir sind zwar nicht deine richtigen Eltern und ersetzen können wir die in deinem Alter auch nicht mehr, aber wir wollen uns alle Mühe geben, dass du uns wenigstens als deine Ersatzeltern oder Elternstellvertretung ansehen kannst.

Du bist ein toller Junge und mein Mann und ich, wir haben dich bereits sehr lieb gewonnen. Und in Manuel hast du nun einen guten Freund gefunden.

Aber eins muss ich noch los werden: Ihr seid mir auch schon zwei Dummköpfe! Ihr hättet es uns Altvorderen schon längst mal vormachen und die paar Kilometer aufeinander zugehen können! Es ist doch schade um all die Zeit, die ihr miteinander verloren habt.

Auch unsere Dörfer hätten etwas ‚Frischblut‘ schon lange wirklich gut gebrauchen können, das gibt sonst noch Inzucht hier. Aber ihr habt ja heute schon heftig wieder aufgeholt…“

„Mensch, Frau, nun mach doch unsere Jungs nicht schon wieder verlegen.

Mein Sohn, da siehst du gleich, wer hier in der Familie in bestimmten Belangen das Sagen hat. Für uns als das starke Geschlecht bleibt wieder nur die grobe Arbeit.

Dann komme ich mal zu den Rechten und Pflichten für dich als neues Familienmitglied:

Das wichtigste ist, immer füreinander hilfreich und in Respekt da zu sein, frei nach dem Motto ‚Einer trage auch des anderen Last.‘

Du kannst mit allen Problemen jederzeit zu uns kommen.

Wir wissen bereits, dass du eine schwere Zeit hattest und unser Zusammenleben wird dadurch nicht gerade einfacher, aber wir werden es gemeinsam meistern!

Du bekommst in voller Gleichberechtigung all die Vorzüge unserer Familie, die auch Manuel und Renato erhalten, wie Kost, Logis, Kleidung, einschließlich Kopfnuss und Streicheleinheiten. Extrabehandlung ausgeschlossen!

Du musst aber auch bereit sein, bei Bedarf ohne zu murren auf dem Hof zu helfen. Da wird immer mal wieder eine geschickte Hand gebraucht, die mir hilft. Stimmt es, Manuel…

Du kannst, wie die anderen Söhne auch, alles in der Wohnung und auf dem Hof nach Belieben und Vernunft nutzen, aber: Das Elternschlafzimmer ist tabu.

Manuel und Renato werden dir schon noch alles ganz genau zeigen und erklären.

Und denn habe ich hier noch was in der Jacketttasche: Dieser Umschlag ist nur für dich, Fabio und von uns Eltern als Begrüßungsgeschenk gedacht.

Und diese beiden Umschläge sind von Jorge und seiner Familie. Bitte nehmt sie an oder auch nicht. Aber er ist und bleibt nun mal mein bester Freund und ihm tut es wahrhaftig leid, was passiert ist.

Er hat mit seiner manchmal wirklich etwas gewöhnungsbedürftigen Art, ganz automatisch in jedes noch so kleine Fettnäpfchen zu treten, dazu beigesteuert, dass du, Fabio, jetzt hier vor uns stehen kannst. Ich möchte wirklich sehr, dass Frieden hier im Ort ist. Und Engel sind wir nun mal alle nicht. So, nehmt bitte.

Gut, das ist endlich geklärt. Nun wollen wir gemeinsam anstoßen und uns viel Glück wünschen.“

Man, das sind wahre Eltern. Während Fabio vor Rührung die Tränen kommen, denke ich, dass auch ich jetzt meinen Beitrag in irgendeiner Form leisten müsste. Eine Rede zu halten, fällt schon mal wegen Unvermögen aus, einen Blumenstrauß oder ein Geschenk habe ich nicht dabei.

„Fabio, komm in meine Arme.“ Lautes Klatschen, als ich mich endlich traue und ihm zaghaft den Mund küsse.

Auf dem Tisch steht schon das Festmahl bereit, Fabios Platz ist mit vielen bunten Blumen geschmückt.

Jedoch, ich bin etwas erstaunt, die Tischordnung hat sich verändert, ich habe meinen Platz abgeben müssen. Der hat wirklich schlag bei Papá, aber ich gönne es ihm. Schön, dass ich immer eine intakte Familie hatte.

27. August 2030, ein Dienstag in Villaabajo Verde im Norden Spaniens

Gut ausgeruht und in erwartungsvoller Stimmung, was der neue Tag uns bringen wird, sind wir quasi mitten in der Nacht bereits um Sechs an der Bushaltestelle, die großen Reisetaschen am Straßenrand abgestellt. Was sagte unsere Mamá gestern von der Bushaltestelle – wurde ich etwa hier auf der harten Steinbank gezeugt. Allein schon hier zu sitzen, ist eine Plage.

Glücklich darüber, in der großen Stadt nicht mehr allein sein zu müssen, ab jetzt immer in der Gewissheit, dass der Freund in der Nähe ist, rekapitulieren wir die ereignisreiche Zeit der letzten zwei Tage.

Als Fabio mir abends noch den Inhalt seines Umschlags zeigte, war ich ziemlich geplättet: Vier mal 500 Euro! Jorges Schmerzensgeld haben wir zwar eingesteckt, aber bisher ignoriert. Keine Ahnung, was da wirklich drin ist.

Aber eins macht uns etwas Sorgen: Wie können wir Renato möglichst schonend beibringen, dass er mit uns nicht mehr zusammen ein Zimmer teilen kann! Wir sind zwar höchstens immer nur am Wochenende zuhause oder in den Ferien, aber gerade dann wollen wir umso mehr allein sein…

„Manu, hört sich an als ob der Bus kommt. Besser du steckst dir dein Hemd ordentlich in die Hose. Und kämmen sollten wir uns auch.“

Die große Klappe auf, unser Gepäck rein, schon sitzen wir in der letzten Reihe im Bizkaibus, wo wir etwas ungestörter vor den lästigen Blicken der anderen Fahrgäste sind und uns bequem hinlümmeln können. Mit viel Gebrumme und Geschaukel geht es in Richtung Bilbao, aber das nur recht gemächlich, da zu unserem Verdruss auf den nächsten 180 Kilometern wirklich alle Kuhdörfer angefahren werden.

War die Fahrt für mich bisher meist total langweilig, ist es zusammen mit Fabio gut auszuhalten. Wir kichern viel, necken und überschütten uns hinter der schützenden Sitzbank mit Zärtlichkeiten. Und ich mag es, seine Hand in meiner zu spüren.

Unsere eng aneinander geschmiegten Oberschenkel und die gegenseitige Betrachtung unserer Körper erzeugen in mir eine wahre Vorfreude auf das, was wir in Zukunft zusammen erleben werden. Und selbst, wenn unser Redefluss zwischendurch mal versiegt und Fabio eng an mich geschmiegt seinen Kopf auf meiner Schulter ruhen lässt, bin ich total glücklich und genieße die Stille, betrachte und bewundere dabei seine Schönheit.

Je näher wir der Stadt kommen, umso zahlreicher werden die Ansiedlungen.

„Schau mal, Manu, ist das nicht eine große Sauerei, dort auf den Gemüsefeldern: Die ganzen Bewässerungsanlagen verbrauchen eine Unmenge an Wasser und in der Sonne verdunstet ein großer Teil davon gleich wieder. Wir haben arge Probleme mit der Wasserversorgung und die vergeuden es dermaßen maßlos für ihre Profite, sogar noch vom Staat hoch subventioniert, da muss man einfach was gegen unternehmen.“

„Und du meinst, du kannst was dagegen tun? Was soll das bringen.“ Mir sind die Felder bisher nie aufgefallen.

„Ich glaub schon, dass es was bringt.“

Da habe ich mir ja einen ganz schönen Idealisten geangelt, denk ich mir. Egal, aber süß ist er, wie er sich ereifert, dafür gibt’s noch ein paar Zärtlichkeiten extra.

„Komm, Fabio, wir gehen schon mal zur Tür vor, damit wir fix aus der Brutkiste rauskommen. Ich will mich endlich auch wieder mal richtig bewegen können.“

Wie immer ist auf dem Busbahnhof ein großes Gedränge und wir müssen darauf achten, uns nicht aus den Augen zu verlieren.

*-*-*

Plötzlich stockt Fabio im Vorwärtsgang und starrt erschreckt in die Menschenmenge vor uns hinein. Seine Augen zucken aufgeregt, die Finger, die gerade noch meinen Arm festhielten, damit wir uns im Gedränge nicht verlieren, krallen sich schmerzhaft in meinen Arm.

„Ach, du Scheiße! Ich muss schnell verschwinden! Hier, nimm meine Tasche, ich melde mich bei dir.“ Noch ein kurzer Armdruck als Abschied, dann ist er urplötzlich im Gewühl verschwunden. Keine Ahnung, in welche Richtung und wohin er gelaufen ist, und warum.

Mich nun ratlos und geschockt allein zurücklassend, fühle ich mich inmitten all der vielen Menschen auf einmal als der einsamste und unglücklichste Mensch dieser Welt.

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