Der Stoff, aus dem Leben gemacht ist – 5. Teil

Diese Geschichte und die darin handelnden Personen sind ein Produkt meiner Phantasie, wobei nicht auszuschließen ist, dass ähnliche als die darin beschriebenen Handlungen bereits passiert sind, oder sich künftig so zutragen werden. Eine Haftung dafür übernehme ich nicht.

27. August 2030, Dienstag, in Bilbao

„He, du Idiot, mach, dass du weiterkommst, du blockierst hier nur den Weg!“

Links und rechts die großen Taschen haltend, bin ich für die eilig ihrem Ziel zustrebenden vielen Leute ein Hindernis. Und so klein wie ich bin, sehe ich ringsum nichts als lauter schwitzende Leiber, die mich beinahe umrennen, sich dicht an mir vorbeischieben, mir sogar die Taschen zu entreißen drohen und mich dazu noch unfreundlich anschauen.

Hier kann ich nicht bleiben, aber ich merke deutlich, wie mir die Knie zittern, Kreislauf und Nerven nahezu kollabieren. Es fällt mir schwer, den Platz zu verlassen.

Als ich mich endlich bis zum wesentlich ruhigeren Randbereich durchgeschoben habe, werde ich sofort von den vielen anwesenden Straßenhändlern als Kunde erkannt und in ihren Fokus genommen. Aber all ihr Zeug ist mir nichts wert, ich will nur meinen Fabio wieder haben.

Zum Glück lassen die mich nach einem abschätzenden Blick schnell in Ruhe, denn ich strahle keine Kauflaune aus.

Ein Geistesblitz! Mir fällt mein Handy ein und ich schöpfe umgehend Hoffnung. Jedoch aus der Tasche auf meiner linken Schulter tönt es albern und nervend, „Fabio hat Telefon! Fabio hat Telefon!“, und will garnicht mehr aufhören. Hat sich denn alles gegen mich verschworen.

Mit meinen Blicken unruhig die Gegend nach meinem Freund abscannend, die Griffe der schweren Taschen links und rechts über meine Schultern geschoben, umrunde ich mehrfach den großen Platz, immer in der Hoffnung, ihn irgendwo sehen zu können.

Nach einer ganzen Weile tun mir die Schultern weh und ich merke, dass es so mit dem Gepäck keinen Zweck mehr macht, weiter zu suchen. Erst mal die Taschen loswerden. Zur Haltestelle des Stadtbusses ist es nicht weit.

Ohne gültiges Ticket nähere ich mich meiner Unterkunft, dabei immer den Blick durchs Fenster auf die Gehwege und eventuell sich nähernde Kontrollpersonen gerichtet. Hierher wollte ich eigentlich zusammen mit Fabio; wird er diesen Ort anhand meiner ungenauen Schilderung überhaupt finden können.

Warum ist er weggerannt und wo mag er jetzt stecken, diese Frage stelle ich mir in einem fort.

War etwas unpassend, wie ich auf die freundliche Frage des Portiers nach meinem Befinden geantwortet habe. Ich will nur schnell den Schlüssel, und kein Gelaber.

Die Taschen aufs Bett abgestellt, davor wäre für die zwei kein Platz, setze ich mich auf den Boden.

Fabios Handy in der Hand, checke ich die Ruflisten. Unzählige Nummern, häufige Gespräche, viele Fragen.

Er hatte es wirklich sehr eilig; im separaten Fach in seiner Tasche sind auch noch Ausweise, Geld und ein Schlüsselbund.

Dass ich jetzt die Sachen nach irgend welchen Hinweisen durchsuche, würde er mir wohl verzeihen. Aber nur sein Studentenausweis erscheint mir wertvoll, denn darauf ist ein ihn gut wiedergebendes Foto enthalten.

In der Tasche riecht es stark nach Fabio. Schnell ziehe ich den Reißverschluss wieder zu, damit ich wenigstens noch seinen Geruch behalte.

Mein Hals ist trocken, die Vorräte verbraucht, die Kraft entschwunden. Mit den Handys in den Hosentaschen und genügend Geld mache ich mich auf den Weg zur Bar Zorrozaurre gleich unten neben dem Hoteleingang. Erstmal Kaffee und ein Stück Kuchen, auch Zeit zum Nachdenken tut Not.

Nach Kuchen und zwei Kaffee kann ich endlich wieder durchatmen und Entschlüsse fassen.

Eigentlich ist mir klar, dass ich zwar Fabios körperliche Vorzüge schon ganz genau kenne, die Anzahl und Anordnung seiner vielen kleinen Leberflecke am ganzen Körper etwa, und auch, was er bei bestimmten gemeinsamen Aktivitäten für Geräusche abgibt. Aber von seinem Innenleben, was ihn bewegt, was er bisher ohne mich in dieser Stadt so trieb und von all dem, was seine Persönlichkeit ausmacht, davon habe ich nur sehr wenig Ahnung, habe mir in seiner Anwesenheit nicht mal die Frage danach gestellt.

Leider dachte ich in seiner Nähe immer nur an das eine, und danach war mir ständig… Was bin ich nur für ein oberflächlicher Mensch!

Da ich, was Fabios Leben hier anbelangt, wenig informiert bin, werde ich seine Kontakte befragen müssen: Ich wähle die Rufnummer, die am häufigsten von ihm angerufen wurde.

„Hi, Fabio! Super, dass du dich gleich meldest. Hat deine Mam dich endlich wieder ziehen lassen. Wo steckst du, können wir uns sehen?“

„Hi. Hier ist nicht Fabio, ich benutze nur sein Handy. Manuel ist hier, ich bin sein Freund.

Aber ich! möchte dich gleich sehen. Vielleicht kannst du mir helfen, Fabio wieder zu finden.“

„Hallo Manuel. Ich bin Nico, ein Kumpel von Fabio. Wir wohnen zusammen.

Das verstehe ich jetzt nicht. Wo bist du gerade? Ich kann dir ein Stück entgegen kommen. Können wir uns bei Judith treffen? Bis gleich.“

(Anmerkung: Judith ist eine markante Bronze-Skulptur am Flussufer.)

Nette Stimme hat der, scheint ein Ausländer zu sein, der Aussprache nach zu urteilen. Schnell bezahlen und dann los in Richtung Treffpunkt. Nur über die Brücke und nach links am Fluss entlang, keine Hürde.

– – –

Judith ist noch alleine, so leiste ich ihr Gesellschaft. So wie ihr der abgebrochene Arm fehlt, so geht es mir mit meinem Freund. Außer Spaziergängern und einem müde dahin fließenden Fluss ist hier nichts, was meine besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnte. Für Sehenswürdigkeiten habe ich momentan keinen Sinn.

Moment Mal, dahinten kommt einer. Ist der das? Ja, der kommt schnurstracks auf mich zu.

Oh man, bei dem könnte ich schwach werden: Etwas kleiner als Fabio, ich schätze mal 1,80. Weißes Hemd ohne Ärmel, ziemlich kräftige Oberarme, die nicht zur sonst eher schlanken Erscheinung passen. Tänzelnde, weit ausladende Schritte, Jeans und Badelatschen. Und eine sehr braune Haut.

„Hi, bist du Manuel? Mich nennt man Nico.“ Dabei hat er mir schon mindestens zweimal seinen Zeigefinger zur Begrüßung in den Bauch gesteckt und meine Arme berührt.

„Hallo. Ja, ich bin Manuel. Schön, dass du gleich gekommen bist.“

„Na, wenn du Fabios Freund bist, dann will ich dich ordentlich begrüßen. Ich bin schließlich auch sein Freund.“ Schon hat er seine vollen Lippen auf meine Wange gepresst und sieht mich danach mit hell-grauen, wachen Augen an.

Kann der das nicht etwas länger hinziehen. Gut, dann ich. Mich etwas auf meine Zehenspitzen stellend, drücke ich einen Schmatzer auf seine Wange neben der süßen kleinen Nase. Sein rundlich-ovales Gesicht überflutet sofort ein freudiges Strahlen.

Nico streicht sich kurz stockend mit den Fingern durch die braunen lockigen Haare, dann sieht er mich wissend lächelnd an. „Fabio hat mir gestern von dir am Telefon erzählt. Du bist also sein Freund. Na, ich mein so richtig Freund, mit Sex und so.“

Dass er mich dabei schon wieder berührt hat, macht mich kribbelig und verlegen. Ich nicke nur bejahend.

„Und wie lange seit ihr zusammen?“

Ich kann meine Gedanken gerade nicht richtig kontrollieren, so antworte ich, „So richtig seit gestern, aber…“

„Was, erst seit gestern, und du hast schon mit ihm Sex gehabt! Ich will’s nicht glauben, unmöglich, und das mit dem ach so keuschen Fabio! Ich baggere ihn schon über ein Jahr vergeblich an, und wir schlafen nun mal immer sehr eng zusammen, aus Platzgründen, aber mit dem geht einfach nichts.“

Nico steht nun ganz still und sein Redeschwall ist gestoppt. In meinem Fall ganz normal, bei ihm sicher sehr ungewöhnlich. Mit ihm zusammen zu wohnen, stelle ich mir gerade sehr anstrengend vor, aber dabei so keusch wie Fabio bleiben…

Nachdenklich sieht er mich an und meint, „Du wolltest mir doch was erzählen, von wegen Fabio wiederfinden. Ich zeige dir am besten unser Zimmer. Ist nur ein kleines Stück bis dahin und ein guter Ort zum reden. Dort kannst du mich gern auch mal besuchen, allerdings immer nur abends und Dienstags um diese Zeit.

Ich gehe nebenbei noch arbeiten, um mir das Geld für die Semestergebühren zu verdienen, wie viele andere auch. Möbel tragen, Feldarbeit und alles was Geld bringt. Nun, komm endlich.“

„Bitte, Nico, erzählst du mir von Fabio, was er hier macht, wie er so ist und eigentlich alles, was du mir erzählen kannst. Ich kenne ihn zwar schon sehr lange, wir hatten uns bis vorgestern aber einige Jahre nicht mehr gesehen.“

„Gerne doch.

Mensch, Manuel, achte mal etwas mehr auf den Verkehr, wäre doch sehr schade um dich!“

Um mich gut zu schützen, nimmt er gleich die Gelegenheit wahr und umfasst meine Schulter. Irgendwie doch sehr angenehm mit ihm, ja.

Hatte ich noch bis vor kurzem mit keinem fremden Menschen ein persönliches Wort geredet, musste infolgedessen auch mit meinen jugendlichen Hormonwallungen höchst selbst klar kommen, werde ich nun sogar von einem bildhübschen Verehrer regelrecht umworben, und dann ist da noch mein herzallerliebster Fabio. Wäre trotzdem schön, wenn der bald wieder aufkreuzen würde.

Und für den Fall, dass er nicht… Nur-kein-Gedanke-daran. Ist schmutzig.

„Ja, wo fang ich an: Fabio ist nicht mit wenigen Worten zu beschreiben. Er ist einer, nach dem sich alle Leute gern umdrehen und dessen Freundschaft begehrt ist, und nicht nur, weil er ein ausnehmend hübscher Junge ist. Und schon gar nicht wegen Blödeleien oder Gepose. Es sind seine fantasievollen Ideen, sein Intellekt und Gerechtigkeitssinn, Mitgefühl, Kameradschaft und Verlässlichkeit, welche von allen hoch geschätzt werden.

Und er ist der beste Freund, den man sich nur wünschen kann. Insofern können wir beide sehr glücklich sein, ihn näher zu kennen. Und du erst.

Manchmal ist er auch ganz schön schwierig, wenn er zum Beispiel stundenlang nur so dasitzt und angestrengt grübelt. Ist er dann endlich zu einem Ergebnis gekommen, kann er nicht begreifen, dass andere Leute ihn nicht sofort verstehen und unterstützen.

Er ist oft auch sehr ungeduldig und es ist nicht einfach, ihm immer alles recht zu machen.

Und das allgemeine Sagen hat er schon automatisch durch seine Kompetenz. Und gut organisieren, das kann er.“

Das mit dem ‚nur so dasitzen‘, das kenne ich bereits an ihn, anderes ist mir total neu. Warum er aber so schnell einen guten Draht zu meinem Papá aufbauen konnte, ist mir nun vollends klar, sind sie sich doch in vielem sehr ähnlich.

Ein großes Tor passierend, führt mich Nico durch einen auch als Garten genutzten langen Hinterhof, an dessen Ende ein zweistöckiges Gebäude steht. Vielleicht hat es früher mal in der Parterre als Schuppen oder Werkstatt gedient. Draußen sind Wäscheleinen zwischen Baumstämmen gespannt, voll mit T-Shirts, Jeans, Unterhosen und Socken.

„Wundere dich nicht über die ganze Wäsche, ich bin heute mit waschen dran.

Wir müssen noch die Treppe hoch. Schau mal, hier oben auf dem Balken liegt der Schlüssel. Und nun, bitte schön, hereinspaziert.“

Ich sage nichts, aber was ich sehe, empfinde ich als schlimm. Der Boden in dem kleinen Zimmer ist vollständig mit alten Matratzen ausgelegt, auf denen ungeordnet Wäsche herum liegt. Vor dem Fenster steht ein langer Tapeziertisch, unter dem einige Taschen und Plastiktüten abgestellt sind, darauf liegen gestapelt Bücher. Gespannte Leinen anstatt Wäscheschränke. Ein großer Haufen mit Decken in der Ecke, eine primitive Leuchte an der Decke, mehr nicht.

Sauber ist es schon und schlafen kann man prinzipiell auch, nur mit der Enge…

„Nun guckst du, was? Sauber und ohne Ungeziefer. Willst du einen Kaffee? Mit, erzählt es sich besser. Die Miniküche ist unten, und auch der Waschautomat.“

„Gern, Nico, wenn du einen mittrinkst.“

„Super. Dann räume ich schon mal auf, und du kochst Kaffee. Steht alles unten im Regal.“

Einwandfrei, Nico wäscht Wäsche, ich die verkrusteten Tassen. Was will man in diesem Haushalt auch groß erwarten. Wenigstens kennen sie schon Elektrizität.

„Soll ich dir tragen helfen?“

Hab ich mich erschrocken! Als ich mich umdrehe, bleibt mir fast das Herz stehen: Nico nur mit knappen Shorts bekleidet, mir seinen bemerkenswert gut gebauten Körper präsentierend.

„Kannst du auch beide tragen? Ich glaube, ich bin momentan etwas nervös.“

Er ganz langsam und vorsichtig vorne weg, ich vorsichtig hinterher. Nur nichts anfassen…

*-*-*

Wir sitzen auf dem gepolsterten Boden, mit unseren Rücken an die Wand gelehnt. „Nun, erzähl bitte, wieso ihn wiederfinden?“ Endlich kommen wir zum Thema.

Von dem urplötzlichen Ereignis muss ich nicht lange berichten, aber über das Warum und das Wo, da tun sich Fragen auf.

„Manu, darf ich dich auch so nennen, mache dir nicht unnötig Sorgen. Fabio kennt eine Menge Leute in Bilbao, und man kennt ihn. Keine Ahnung, warum der so plötzlich weg ist und sich nicht mal bei mir gemeldet hat. Er erzählt mir doch sonst immer alles, wenn nicht hier, dann per Telefon.“

„Das Teil hat er leider vergessen mitzunehmen. Hier, nimm es. Außerdem weis er nicht mal, wo ich wohne und vielleicht kommt er hier vorbei, dann kann er mich gleich anrufen. Ich denke, ich bringe dir auch seine Tasche. Der hat nicht mal seine Geldbörse dabei.“

„Richtig. Meine anderen zwei Mitbewohner kommen erst am Abend zurück, mit denen spreche ich. Wir sollten auch mit seinen Leuten vom Theater und der Musikschule reden, das können wir uns gern teilen. Vielleicht wissen die was.

„Gehe du bitte zum Theater, ich übernehme die Musikschule. Ich schreibe dir meine Telefonnummer auf und du gibst mir bitte deine. Habt ihr überhaupt schon was zum schreiben?“

„Du bist eine Nase! Irgendwie hast du das mit der Einrichtung hier total missverstanden. Es war Fabios Idee, unser Zimmer so einfach einzurichten, Unterhaltungselektronik komplett vermeidend.

Wir wollen hier einen Platz haben, an dem wir nicht voneinander durch all die Technik abgelenkt sind. Wir wollen ungestört miteinander reden können, zuhören, Ideen schmieden und verwerfen, diskutieren, feiern, lachen und auch weinen, wenn es sein muss, und uns wie wahre Menschen lieben. Dummköpfe brauchen wir hier nicht.

Vielleicht kommst du mal am Abend, dann wirst du schon sehn. Aber deine Sprüche kannst du dir dann bitte sparen, und wenn es dir möglich ist, bringe lieber dein Hirn mit.

Du kannst dann gern mal wieder vorbeikommen.“

Mein leicht überheblicher Ton hat ihm nicht gepasst, das ist ihm deutlich anzumerken, aber war doch nicht böse gemeint. Nico ist wohl etwas sehr empfindlich.

Als ich schon am Ende der Treppe bin, ruft er hinter mir, „Warte!“

„Du bist schon ein kleiner Dummer, aber trotzdem ein ganz süßer. Wir bleiben in Verbindung, ja, und komme bald wieder. Ruf mich an.“

Noch eine gegenseitige Umarmung, die mich seinem nackten Oberkörper wieder sehr nahebringt, dann bin ich weg.

Ich komme mir vor wie ein Insekt, welches nach dem ersten prägenden Genuss süßen Nektars dem Zwang unterliegt, ständig neue Blüten anzufliegen. Nico ist wie eine aufbrechende Blüte, die mit ihrer ganzen Bandbreite natürlicher Reize meine Sinne betört und mich zum Handeln zwingt. In meinem Fall für die Blüte gut, für das Insekt fatal.

Über die Gefahren für meine Beziehung mit Fabio bin ich mir wohl bewusst, aber werde ich immer die Kraft aufbringen können, aufkommendes Verlangen erfolgreich abzuwehren.

Meine Begegnung mit Nico: Interessant, aber anstrengend. Anstatt an der Antwort zur Frage nach dem Verbleib Fabios zu arbeiten, stehen die Hebel auf Hormonalarm.

Mahlzeit! Ich suche mir erst mal eine Imbissbude.

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