Kastanienbraun – Teil 2

Die Wärme im Raum tut ihr übriges und als ich wieder wach werde, habe ich neben mir auch eine angenehme Wärmequelle liegen.

Es scheint kaum Licht herein, was meine Orientierung schwer behindert, weshalb ich auch erst nach einer Weile realisiere, was war und wo ich bin.

Marcels blonder Wuschelkopf liegt dicht an mich gekuschelt und er hat einen Arm um mich gelegt, so dass mir die Schamesröte ins Gesicht steigt. Zum Glück kann das hier keiner sehen, da ich meistens rot wie eine Tomate werde, wenn mir etwas peinlich ist.

Ich versuche mich so wenig wie möglich zu bewegen, um ihn nicht zu wecken. Doch da meine Nase kribbelt, ist das schier unmöglich.

„Gib dir keine Mühe. Ich schlafe nicht.“, brummt Marcel in meine Halsbeuge hinein, was mir wohlige Schauer über den Rücken laufen lässt.

„Entschuldige!“, sage ich beschämt und kratze mich schnell.

Was ist eigentlich los mit mir, ich stehe doch gar nicht auf Männer und dennoch macht mir diese Nähe nichts aus. Ganz im Gegenteil, ich genieße es geradezu Marcel so dicht an mich zu spüren.

Normalerweise hätte ich nun draußen frieren müssen, stattdessen liege ich hier mit einem „schwulen“ Jungen, der sich immer mehr an mich ranschmiegt.

„Äh… Marcel? Was treibst du da?“, will ich schließlich von ihm wissen.

„Ich mach doch gar nichts!“, versichert dieser mir.

„So langsam sollte ich gehen“, sage ich und springe auch gleich auf, wobei meine Wärmequelle fast von der Matratze purzelt.

„Immer sinnig“, raunt Marcel.

„Hör zu“, versuche ich zu erklären, „ich muss noch zu Geld kommen.“

„Das kannst du aber auch wesentlich einfacher haben“, höre ich nun meinen Gegenüber sagen und ich könnte schwören, dass er grinst.

„Ich kann das nicht!“, schreie ich Marcel geradezu an.

„Nur weil du noch nie hast?“, will dieser prompt von mir wissen und hat es somit glatt geschafft mir die Sprache zu verschlagen.

„Komm her“, befielt er mir, „vielleicht sollte ich dir zeigen wie das geht?“

Erschrocken über diese Worte, nehme ich meine Beine in die Hand und stürme aus dem Heizungsraum. Ich hätte niemals mit ihm mitgehen dürfen!

Wie kann man einem völlig Fremden auch nur so trauen? Ich höre erst auf zu rennen, als ich wieder beim Abrisshaus angelangt bin, was gerade dem Erdboden gleich gemacht wird.

Zum Glück, habe ich sämtliches Hab und Gut bei mir, denn davon wäre nun nicht mehr viel übrig gewesen. Da ich hier eh nichts weiter ausrichten kann, beschließe ich an meine üblichen Stellen zu gehen und die Leute anzubetteln.

Das tue ich natürlich nicht gerne, aber irgendetwas muss ich ja leben. Der Rest des Tages fliegt nur so dahin und so wird es dunkel und immer leerer auf den Straßen.

Die Geschäfte haben schon geschlossen, als ich die Einkaufswagen, nach verbliebenem Geld durchsuche. Leider finde ich nur einen Einkaufchip und so beschließe ich wenigstens die windstille Hausecke zu nutzen, um mich auszuruhen.

Trotz des zahlreichen Schlafes am Tage, nicke ich ein und werde nur kurz darauf von pöbelnden Stimmen wieder geweckt.

„Hey, mach dich vom Acker“, brüllt mich ein dicker, fremder Mann mit Vollbart an, der sehr stark nach Alkohol und etwas undefinierbarem riecht.

„Ja“, raunt ein Anderer, schlankerer Mann mit Schnauzbart und etwa demselben Geruch, „das ist unser Platz!“

Die Beiden benehmen sich, als ob die Ecke denen gehören würde, doch will ich mich lieber nicht mit denen anlegen. Schließlich sind die Zwei Sternhagelvoll und gewiss um einiges Stärker als ich.

Also stehe ich auf und gehe mit gebürtigem Abstand an ihnen vorbei und mach mich auf zu den Toiletten. Dort herrscht natürlich um diese Uhrzeit Hochbetrieb, was mich auch dazu antreibt noch schneller als sonst meine Wäsche zu erledigen.

Beim Hinausgehen, werde ich noch mit dem einen oder anderen Spruch vergrault.

„Zieh Leine!“, spuckt mich einer an und ein anderer zeigt mir den Stinkefinger.

„Schnapp mir ja keine Kunden weg!“, pfeift ein Anderer und ich sehe zu, dass ich hier so schnell es geht weg komme.

Bei der Tankstelle kaufe ich mir von meinem bisschen Geld noch eben was zu essen, bevor ich es mir auf einer Bank mit angezogenen Beinen gemütlich mache.

Heute Nacht ist es mal wieder besonders kalt, so dass ich es kaum aushalte. Meine Beine zittern richtig und meine Hände habe ich nach dem Verzehr meines Brötchens schnell in die Jackentaschen vergraben.

Ich muss etwas weggedöst sein, als mich schallende Schritte hochschrecken lassen. Ein großer, schlanker Mann geht den Weg auf und ab, wobei er immer wieder meine Bank streift.

Dabei telefoniert er und gestikuliert wie wild mit den Armen und Händen, wobei ich mir ein Lachen nicht unterdrücken kann. Der Fremde, ist kein Deutscher, hat schwarze Haare und trägt einen langen dunklen Mantel, wie in einem dieser Krimifilme.

Verstehen kann ich seine Sprache nicht – ich würde auf Italienisch oder Spanisch tippen. Als er wieder an mir vorbei geht, fallen mir seine Schuhe auf, die im Mondlicht glänzen, so sauber sind sie.

Außerdem sticht mir sein dunkelroter Schal förmlich ins Auge, der beim Mantelkragen herausragt. Der Mann wirkt sehr gepflegt und so frage ich mich, was ihn in so eine Gegend gebracht hat.

Plötzlich bleibt er direkt vor mir stehen, beendet sein Telefonat und schmeißt sein Handy mit einem Wutschrei zu Boden, was mich zusammenzucken lässt.

Dann nimmt er mit einem lauten Seufzen neben mir auf der Bank Platz, auf der ich wie erstarrt vor Schreck sitze.

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