Das Boycamp II – Teil 5

Boycamp II – Teil 5

»Rick, wir sind hier garantiert falsch«, äußerte Erkan nach einiger Zeit seinen aufgekommenen Unmut. Nichts deutete mehr auf den richtigen Weg hin, sie mussten sich verlaufen haben. Zumal jetzt deutlich zu erkennen war, dass es tatsächlich bergauf ging. Erkan blickte nach oben. »Warum kann ich keine Sternbilder lesen?«, fragte er sich. Zumindest hätte er dann einen Anhaltspunkt über die Richtung gehabt, in die Rick sie führte. Aber der Hund lief weiter unbeirrt den schmalen Weg entlang, der bald durch eine dichte Tannenschonung ging. Erkan blieb nichts, als ihm zu folgen. Trotz allem schien der Husky zu wissen wo er langging, es wirkte so sicher und bestimmt was er tat. Vielleicht doch eine Abkürzung….?

Dann hörte Erkan wie aus dem Nichts entfernte Stimmen. Es wurde nicht leise gesprochen, aber es schien noch weiter entfernt zu sein. Sofort blieb er stehen und lauschte. Auch Rick verharrte jetzt und seine Ohren in die Richtung gespitzt setzte er sich. Erkan legte sein Gepäck ab und schaltete die Lampe aus. Sie war schon sehr schwach geworden, lange konnten die Batterien nicht mehr halten. Die Stimmen redeten irgendwie durcheinander und ohne ein Wort zu verstehen klang es nach Streit, zumindest aber nach einer heftigen Diskussion. Während Erkan langsam den Weg weiterging um sich die Sache näher zu betrachten, blieb Rick auf der Stelle sitzen. Erkan war sich nun sicher, das war kein Zufall. Rick hatte ihn hier hergeführt, warum auch immer.

Mit jedem Meter trat er vorsichtiger auf und immer wieder blieb er stehen. Nach und nach wurden die Stimmen deutlicher, nun war auch ein Lichterschein zu erkennen. Erkan ging gebückt, schließlich zog er es vor, auf allen vieren zu kriechen. Seine Anspannung und Furcht wurden durch Neugier kompensiert. Egal was da vorne sich auch abspielte, das war mit Sicherheit nichts Legales.

Der Weg endete auf einer Anhöhe, von der aus Erkan nun hinunterblicken konnte. Auf einer Lichtung direkt unter ihm brannte ein Lagerfeuer, davor mit dem Rücken zu ihm saßen zwei Männer. Rademann erkannte er dennoch gleich an der Statur und den anderen, fremden Mann an dessen Stimme. Da waren sie also. Steins Geländewagen stand weiter hinten, sonst war der Platz leer. Er schien eher willkürlich ausgewählt, aber vielleicht war es auch ein Versteck. Wie sicher mussten die beiden da unten sein, dass ihr Feuer nicht gesehen wurde? Erkan kniff die Augen zusammen. Alles was er nun wusste deutete darauf hin, dass der zweite Mann in irgendeiner Form hier im Wald sehr vertraut war. Ein Jäger? Förster? Besitzer dieses Gebietes? Das war nicht allzu abwegig. Darum diese Ruhe, diese Sicherheit vor Entdeckung. Und ein Mensch mit Ortskenntnissen – da könnte Tobias überall sein.

Erkan erschrak fast zu Tode als Rick neben ihn trat. »Uff, das hätte aber schief gehen können«, flüsterte er ihm zu. Gemeinsam beobachteten sie die beiden Männer, die sich nun normal unterhielten und deshalb auf diese Entfernung nicht zu verstehen waren. »Was gäbe ich jetzt wenn ich Mäuschen da unten spielen könnte, Rick.« Als würde ihn der Hund verstehen wedelte er kurz mit seinem Schwanz. »Hilft aber nicht. Wir müssen weg. Komm, Rückzug.« So leise und vorsichtig wie sie gekommen waren schlichen sie wieder zurück.
Nach einiger Zeit kamen sie an einer Wetterhütte vorbei. Erkan war unsagbar müde und erschöpft, weshalb er sich trotz allem zu einer Pause entschied. »Rick, wir machen hier ne Rast. Außerdem machen die Batterien der Lampe nicht mehr lange mit.« Er setzte sich auf die Holzbank in der offenen Hütte, dann ließ er sich einfach seitwärts umfallen und kurz darauf schlief er vor Erschöpfung ein. Rick legte sich vor die Bank und wachte.

Es war noch dunkel als Erkan wieder aufwachte, nun war es doch sehr kühl geworden. Er streckte sich und stand auf, wobei er alle Knochen spürte. »Meine Güte, jetzt weiß ich erst was ich an dem Zelt hab«, stöhnte er, nachdem er sein Gepäck aufgenommen hatte.
Rick lief nun wesentlich schneller zurück und Erkan musste sich dem Tempo wohl oder übel anpassen. Je weiter es nun begrab ging, desto dichter wurde wieder der Nebel. Er hatte gar nicht nachgelassen, das lag an der Höhe, mutmaßte Erkan und begann insgeheim zu beten, dass die Taschenlampe nicht ganz ausging.

Es dämmerte nun als die beiden vor dem Gebäude am Camp ankamen. Trotz der frühen Stunde lehnte Stein bereits unter der Tür und es sah so aus, als hätte er hier die ganze Nacht gestanden. Wie zwei Geister tauchten Erkan und Rick aus dem Nebel auf.
Stein empfing seinen Rüden mit ausgestreckten Händen und ging in die Knie. »Aha, da seid ihr ja. Brav gemacht, Rick.« Sein Blick fiel auf Erkan. »Und du? Ist alles okay mit dir?«

»Sie haben Rick geschickt….?«

»Nicht direkt, aber er wusste schon was zu tun ist.«

»Herr Stein, er hat mich zu einem Platz geführt wo sich Rademann und ein anderer Typ aufgehalten haben.«

»Ja, und?«

»Die beiden haben zuvor das Fahrrad und andere Sachen aus einem Versteck im Wald geholt.«

Stein stand auf. Es deckte sich mit dem, was ihm die drei Jungs geschildert hatten. Zumindest hätten sie sich gut abgesprochen, was er ihnen aber nicht zutraute. Irgendetwas an der Sache stimmte nicht.

»Wer war der andere…. Typ?«

»Keine Ahnung, ich kenne ihn nicht. Wäre er aus dem Umfeld, hätte ich wahrscheinlich seine Stimme erkannt.«

»Eine Beschreibung?«

»Hm, es war ja schon dunkel. Also sein Gesicht hab ich so nicht sehen können. Aber den Bewegungen nach…. na ja, ich würde sagen, er ist noch nicht so alt. Etwa Eins-Achtzig groß würde ich sagen. Dunkle Sachen angehabt. Sie müssen was unternehmen, die haben garantiert etwas mit dem kleinen Tobias zu tun. Wie und was, keine Ahnung, aber tun Sie was. Vielleicht ist es noch nicht zu spät.«

»Ich hab im Radio gehört dass man für den Jungen Lösegeld verlangt hat. Das heißt, die ganze Geschichte ist Sache der Polizei«, sagte Stein bestimmt.

»Ja, klasse. So wie es aussieht haben die da oben am Bahnhof alles abgesucht. Aber den Verschlag im Wald, den haben sie nicht gefunden. Was soll man denn davon halten?«

»Das weiß ich auch nicht. Aber wir können nichts tun…. Weißt du denn, wo die beiden sich aufgehalten haben?«

Erkan blickte zu Boden, er könnte nicht einmal die Himmelsrichtung beschreiben. »Nein, ich hab keinen blassen Schimmer. Rick hat mich dahin geführt, wieso auch immer. Sicher weiß ich nur, dass es oben war, auf irgendeinem Berg. Es gab dort keinen Nebel und es war nicht so kalt.«

»Er wird ihre Stimmen gehört haben. Hunde hören verdammt gut«, fügte Stein an, wobei er mit seinen Gedanken schon wieder wo ganz anders war.

»Ja, ich weiß. Aber das hilft uns ja jetzt auch nicht weiter.«

»Okay, ich werde die Polizei informieren. Zumindest ist es ja so dass sie sich da irgendwo auf den Bergen aufhalten müssen. Ist das ein Lager oder wie?«

»Gut möglich. Sie hatten Feuer gemacht…. und, ach ja, mich hat gewundert wie sicher die sich gefühlt haben. Ich würde jedenfalls kein Feuer im Wald anmachen wenn ich was zu verbergen hätte. Und es gibt was zu verbergen. Rademann hat nämlich gesagt, er holt die Polizei, stattdessen kam er mit diesem anderen Typen. Von Polizei keine Spur.«

Stein zog die Augenbrauen hoch. Irgendwie schien sich nach und nach ein Puzzle zusammenzusetzen. Er sagte nichts über den Verdacht, der bei ihm aufkam. »Übrigens, die andere Gruppe wird heute Morgen zu uns stoßen, sie haben auch zwei Ausfälle. Und Nico ist zu Stefan….«

»…. ins Zelt gezogen«, kam ihm Erkan zuvor.

»Ja, aber woher weiß du?«

»Ich hab’s mir gedacht. Ist ja auch nur logisch.« Obwohl er damit rechnen musste, würde ihm Nico auch ohne Zärtlichkeiten ganz schön fehlen. »So, dann kommen also die anderen….«, lenkte er sich dann ab.

»Ja, ihr werdet das Programm zusammen durchziehen. Es ist schwierig mit so wenigen Leuten und dann zwei Gruppen. Aber jetzt geh erst mal rein, frühstücken. Und für dich gibt es heute keinen Dienst. Schlaf dich aus, du wirst es nötig haben. Danach reden wir über den Fall Raffael. Da ist noch Klärungsbedarf.«

»Ja, ich dachte es mir«, sagte Erkan und blickte etwas ungläubig. Die Sache mit der Nacht jedenfalls nahm im Stein scheinbar nicht übel und das mit Raffael, dafür hatte er Zeugen. Er nickte kurz und begab sich in das Gebäude, um sich über das Frühstück herzumachen.

Nico schlug die Augen auf. Was ein herrlicher Schlaf, was eine herrliche Nacht. Der warme, kuschelige Körper direkt neben ihm war Beweis genug, dass er nicht geträumt hatte. Sie mussten sich krank melden, beide. Hier liegen bleiben für den Rest der Zeit. Fest drückte er sich an Stefans nackten Körper und erntete damit ein tiefes, wohliges Brummeln. Gleich würde ein unverkennbarer Weckruf über den Platz schallen und dann zum Teufel mit ihm.
Stefan streckte alle Glieder von sich und quiekte wie eine Maus. »Mann, hab ich gut geschlafen…. mit einem Hasen im Arm..« Er drehte sich zu Nico, so dass sie sich ihre Gesichter in der Dämmerung gerade so ansehen konnten. »Das müssen wir unbedingt wiederholen. Was hat mir das gefehlt….«

»Hm, was denkst du wie es mir geht? Leider ist gleich Schluss mit Lustig. Denn….«
Natürlich kam der Weckruf auf die Sekunde und Nico steckte seinen Kopf in den Schlafsack, um es nicht wahrhaben zu müssen. Stefan dagegen setzte sich auf und streckte die Arme in die Höhe. »Los, du Penner, ich hab Hunger«, lachte er und schubste Nico in die Seite.

Stefan krabbelte zum Eingang und öffnete das Zelt. »Mann, Nico, sieh dir den Nebel an….«

»Jau, ´ne richtig dicke Suppe. Da wird’s fraglich ob die Sonne das heute noch schafft, ihn wegzuräumen«.

»Nico?«

»Ups. Morgen Herr Stein.« Nico störte nicht dass der Betreuer direkt einen Blick in das unordentliche Inventar ihres Zeltes nehmen konnte und Stefan krabbelte eilig in den Schlafsack zurück. Das musste für Stein natürlich eindeutig sein, aber er ist auch bloß ein Mensch, dachte Nico.

»Ich hab ´ne Frage an dich.«

»Und die wäre?«, fragte Nico neugierig und zog den Schlafsack bis an seine Brust.

Stein kniete sich vor den Eingang des Zeltes. »Erkan ist heute Morgen zurückgekommen, Rick hat ihn heimgebracht.«

»Au, das ist schön…. Wo ist er jetzt?«

»In seinem Zelt. Er wird heute nicht am Programm teilnehmen.«

»Und nun? Werfen Sie ihn raus?«

»Nein, dazu hab ich keinen Grund. Er hat zwei Männer beobachtet, da oben in den Bergen. Offenbar dieselben, die er zuvor am Bahnhof gesehen hat.«

»Rademann, nicht wahr?«

Stein nickte fast unmerklich.

»Und der andere?« wollte Stefan wissen.

»Kennt er nicht. Seine Beschreibung ist auch nur vage. Klar bei den Lichtverhältnissen.«

Nico war sich nun sicher, dass Stein ein Auge auf Rademann geworfen hatte. »Und wo hat er die gesehen?«

»Da liegt das Problem, er weiß es nicht. Rick hat ihn geführt und er sagt nur, es gab dort oben keinen Nebel und es war nicht kalt. Was immer er damit auch meinte. Nico, ist es möglich herauszufinden, wo das gewesen sein könnte? So viele Berghöhen gibt es hier nicht.« Stein hoffte, dass ihm der Junge weiterhelfen konnte. Nie würde er seine Ausführungen bei dem Unwetter damals vergessen. Wenn einer wusste was das zu bedeuten hatte, dann dieser Junge.

»Lutz muss die Karte noch haben, dort sind die Höhenmeter mit angegeben. Und ich müsste mal mein Handy benutzen….«, sagte Nico. Dass ihn Stein zu Rate zog, rechnete er ihm hoch an und erfüllte ihn mit so etwas wie Stolz.

Stein sprang auf. »Okay, ich geh die Karte holen«.

Während er sich entfernte, krochen die beiden flugs aus ihrer warmen Umhüllung. Sofort überzog Stefan eine Gänsehaut. »Mein lieber Mann ist das kalt. Ich komm hier noch um.«

Nico grinste. »Sei kein Frosch und nu mach hin, Stein ist gleich wieder hier. Es ist Eile angesagt wenn er uns nicht nackt sehen soll.«

Kaum hatten sie ihre Hosen angezogen, stand Stein wieder vor dem Zelt. »Hier, die Karte.«

Nico nahm sie, fuhr mit dem Zeigefinger verschiedene Konturen nach und nickte zufrieden. Er nahm sein Handy und drückte eine Kurzwahlnummer.

»Hallo Walter? Ja, ich bin’s…. Oh, ganz gut, alles im grünen Bereich. Aber ich hab ´ne Frage: Kannst du mir die Obergrenze des Nebels heute Nacht durchgeben? Ja, hier für die Gegend, du weißt noch…. Ja, genau.«

Stein wartete geduldig, während Walter, Nicos langjähriger Freund aus dem Wetterclub, wohl irgendwelche Informationen zusammensuchte.

Nach einer Weile setzte Nico das Gespräch fort. »Ja? Aha. Hm, okay. Gut Walter, dank dir und bis bald.«

»Und, was hat er gesagt?« fragte Stein neugierig.

»Die Obergrenze müsste in etwa sechshundert Metern gewesen sein, dort beginnt die derzeitige Inversion.« Er lächelte, als er Steins fragenden Gesichtsaudruck sah. »Müssen Sie jetzt nicht genau wissen, aber das bedeutet im Groben gesagt nur, dass sich Warmluft in der Höhe befindet. Bei Gelegenheit erklär ich’s Ihnen genauer.« Rasch widmete er sich wieder der Karte und kniff die Augen zusammen. »Da! Es gibt nur eine Möglichkeit.« Er tippte mit dem Finger auf eine Stelle. »Der Berg hier ist fast siebenhundert Meter hoch, alle anderen tiefer als Sechshundert.« Gleichzeitig blickte er aus dem Zelt und nickte in den Wald. »Da, in der Richtung, etwa acht Kilometer Luftlinie von hier. Drachenkopf heißt der Berg.«

»Kenn ich«, sagte Stein im aufstehen. »So, geht euch jetzt waschen und dann auf zum Frühstück.«

»Was werden Sie jetzt tun?«

»Warten bis Herr Rademann kommt. Ich werde ihn fragen und dann sehen wir weiter. Ach und noch etwas: Zu keinem ein Wort über diese Sache, okay?«

Die beiden nickten nur und machten sich auf den Weg zum Hauptgebäude. Steins Wagen war noch immer nicht da, von Rademann keine Spur. Dafür stand Leos Transporter vor dem Gebäude.

»Aha, mir scheint die andere Gruppe ist angekommen, das Gepäck liegt noch im Wagen«, mutmaßte Nico. Einen Augenblick dachte er an Mirko, riss sich aber zusammen.

Schneller als sonst hatten sie geduscht und sich rasiert. Als Nico danach den Speiseraum betrat, versuchte er sich nichts anmerken zu lassen. Kein nervöser Blick oder sonst etwas, das auf Unsicherheiten schließen ließ. Mirko, Bernd und Klaus saßen bereits an dem runden Tisch und Alexander stellte eine weitere Kanne Kaffee hin. Mit einem Kopfnicken begrüßte er Nico und Stefan. Stein und Leo Meier saßen schon an dem separaten Tisch am Fenster und blätterten in der Tageszeitung, deren Seiten sie sich wohl geteilt hatten.

Die beiden Jungen setzten sich auf ihre Plätze.

»Morgen zusammen. Wo ist Raffael?«, wollte Stefan wissen und fragte dabei in die Runde, ohne jemanden direkt anzusprechen.

Die anderen nickten zum Gruß, sie waren bereits mit Müslis und belegten Brötchen beschäftigt.

»Keine Ahnung. Frag doch den da«, antwortete Bernd schnippisch und zeigte mit dem Löffel über seine Schulter nach hinten, in Steins Richtung.

»Darauf wäre ich nie gekommen«, gab Stefan ebenso unwirsch zurück. Bernd schien nicht die allerbeste Laune zu haben.

Wenig später kam auch Lutz in den Raum, hielt kurz inne um sich einen Überblick über die Lage zu machen und ging dann direkt zu Stein und Meier an den Tisch.
»Hab grad Raffael getroffen. Dem geht es nicht gut heut Morgen, er ist wieder zurück in sein Zelt«, teilte er den beiden Betreuern mit.

Stein sah kurz auf, nickte und widmete sich nach einem »Ist in Ordnung« wieder der Zeitung. Nico nahm an, dass es bei der Lektüre auch um den kleinen Tobias ging. Er wurde neugierig und fragte einfach quer durch den Raum. »Herr Stein, gibt ‘s was Neues? Ich mein, mit dem Tobias?«

Stein und Leo sahen gleichzeitig von der Zeitung auf. »Nein, noch immer keine Spur.«

Nico wusste, dass das längst nicht alle Informationen waren. Nach der verstrichenen Zeit zu urteilen stand dort bestimmt, dass man bereits mit dem Tod des kleinen Jungen rechnete. »Was ist mit dem Lösegeld?«, hakte er nach.

»Die Polizei hüllt sich in Schweigen, sie wollen die Ermittlungen nicht gefährden und halten sich mit Kommentaren zurück.«

Erst jetzt bemerkte er, dass die Neuen am Tisch aufmerksam zugehört hatten, es schien als ob sie von dem ganzen Fall nichts wussten. Nico überlegte ob er auf mögliche Fragen antworten sollte, hielt es dann aber für besser, sie an Stein zu verweisen.

Die Fragen kamen, als sie auf dem Weg zu ihren Zelten waren. Die drei Neuen schleiften ihr ganzes Gepäck mit sich, inklusive ihre Zelte.

»Was sollte die Frage vorhin?«, wollte Klaus schließlich wissen. Eins-Achtzig groß, dunkelbraune, kurze Haare, Ohrringe auf beiden Seiten und ziemlich tätowiert kam er mit sicher neunzig Kilo fast wie ein richtiger Knasti daher. Das Ganze wurde noch durch die schiefe Nase betont, die scheinbar öfter als einmal gebrochen gewesen war. Aber die Art wie er redete passte nun wieder nicht zu diesem Bild. Hätte man nur seine Stimme gehört läge die Vermutung nahe, dass es sich um einen zarten Jüngling handelt.

»Habt ihr nichts von dem Jungen gehört, den man hier in der Gegend entführt hat?«, stellte Nico eine Gegenfrage.

»Nö, nichts. Vielleicht auch nicht richtig hingehört.«

Klaus und Mirko lauschten neugierig, als Nico den Fall – so wie er ihn aus den Medien kannte – schilderte. Von Rademann, Erkan und den Verdächtigungen sagte er nichts, obwohl er gerne darüber geredet hätte. Es störte ihn etwas, dass Mirko direkt an seiner rechten Seite lief, viel zu dicht wie er fand. Aber immer noch ging Nico davon aus, dass er nichts mehr von ihm wollte. Doch bevor er Ewigkeiten mit dieser unterschwelligen Angst leben musste, blieb er stehen. »Mirko, hast du einen Moment Zeit….?«

»Ja, klar«, bekam er als Antwort und Mirko blieb stehen, wobei er im selben Augenblick seine Last einfach fallen ließ.

»Mirko…., ich weiß nicht wie ich es anfangen soll. Aber ich kann den Vorfall damals im Wald nicht vergessen, auch nicht was du mir da angedroht hast.« Mehr wollte er jetzt nicht sagen, Mirko musste auch so irgendwie reagieren.

»Ich hab’s auch nicht, Nico. Aber ich…. vergiss es. Ich will mich entschuldigen für das was da passiert war und zudem schwöre ich dir, dass ich dich nie wieder anfasse. Im Grunde weiß ich heute noch nicht was damals in mich gefahren ist.«

Nico atmete hörbar aus, ein Stein fiel ihm vom Herzen. Es war ja nichts Schlimmes passiert und zudem drehten zu der Zeit alle schon ein bisschen am Rad.
Die anderen waren ohne Stopp weitergelaufen und bereits im dichten Nebel verschwunden. Nico sah Mirko in die Augen, er wollte die letzten Zweifel ausräumen. »Okay, ich verzeih dir, so was kommt schon mal vor. Abgesehen davon…. so schlecht küsst du ja nicht.«

Sie grinsten beide und schlugen in ihre Hände ein.

»Komm, wir müssen weiter«, drängte Nico und schnappte sich ohne Fragen Mirkos Zeltpaket. »Wie ist es denn gelaufen bei euch in der Gruppe?«

»Ganz gut. Bode und Meier sind echt patente Kerle, man kommt gut mit ihnen aus. Im Übrigen haben sie mir gleich zu Anfang angedroht, dass ich für den Fall einer Wiederholung wie bei dir damals sofort den Koffer packen kann. Dass Daniel rumgesoffen hat haben wir ja verhindern wollen, aber da war nichts zu machen. Wir finden es okay dass er heimfahren musste. Allerdings wird er jetzt wohl zwei Jahre in den Knast wandern, er hat ein Haufen Automaten geknackt und jede Menge Sachschaden angerichtet. Na ja, Roland hat echt Pech gehabt mit seinem Fuß. Irgendwie am Straßenrand abgeknickt und das war’s. Ich denk, dem geben sie bestimmt ´ne zweite Chance hier – wenn er wieder laufen kann.«

Einige Meter weiter blieb Nico stehen. »Und weshalb bist du wieder hier?«

Mirko räusperte sich, es war ihm ohne Zweifel unangenehm darüber zu reden. »Ich weiß, das klingt jetzt vielleicht doof in deinen Ohren nachdem was ich dir vorhin versprochen habe. Aber…..«

»Ja, aber?«

»Ich hatte ´ne Freundin, also zumindest bildete ich mir ein dass wir ein Paar gewesen wären. Eines Abends, ich hab zu viel getrunken gehabt, wollte ich mit ihr ins Bett. Aber sie nicht. Es gab Streit…. Nico, ich bin irgendwie ausgerastet.«

»Du hast sie dir genommen? Stimmts?« Das Wort Vergewaltigt wollte er nicht benutzen, Mirko würde es oft genug in dem Zusammenhang gehört haben.

Mirko nickte und war anscheinend froh, es nicht selbst sagen zu müssen. »Ja, aber ich wusste davon nichts mehr. Bin erst in der Ausnüchterungszelle wieder zu mir gekommen. Na ja, alles andere kannst du dir denken.«

Nico setzte seinen Weg fort. »Und was haben sie dir aufgebrummt?«

»Bin Ersttäter…. Sie haben mir zwei Jahre auf Bewährung gegeben. Aber ich kann das mit dieser Therapie hier auf die Hälfte verkürzen.«

Mittlerweile waren sie an ihrem Zeltplatz im Wald angekommen. Dicht waberte der Nebel um die Bäume und Nico ahnte, dass es die Sonne heute nicht mehr schaffen würde ihn wegzuräumen. »Hier drüben ist noch Platz«, sagte er und zeigte Mirko eine kleine, freie Fläche zwischen den Buchen. Bernd und Klaus hatten ihr Zelt weiter hinten in der Nähe des Baches angefangen aufzuschlagen.

»Du bist allein im Zelt, wenn ich mich nicht verzählt habe«, fiel Nico dann ein.

»Jep. Daniel ist ja nun fort…«

»Wenn du möchtest, können wir Erkan ja mal fragen ob ihr in ein Zelt wollt. Oder bist lieber alleine?« Natürlich war ihm klar, wie Erkan seit der Sache damals zu dem Jungen stand, aber wenn sie eine funktionierende Gruppe sein wollten, musste ein Verzeihen und Vergessen einfach möglich sein.

»Nö, wenn er nichts dagegen hat…. So allein kommt ja nicht wirklich Freude auf.«

»Okay, lass uns mal zu ihm rübergehen, mal sehen ob er schläft.«

Erkans Zelt lag am weitesten von dem kleinen Sammelplatz weg und es war verschlossen. »Hm, ich denk wir lassen ihn in Ruhe. Dein Zelt haben wir gleich aufgebaut wenn er alleine bleiben möchte. Ach, Mirko, es gibt da etwas was du nicht wissen musst, aber wissen sollst. Es ist nur, nicht dass du dich irgendwie wunderst…. Stefan und ich, wir beide sind zusammen. Wenn du verstehst was ich meine.«

Mirko starrte ihn an. »Was? Hm, da hab ich ja noch einiges versäumt damals…. Aber okay, das ist ja eure Sache.«

Nico nahm erfreut auf, dass es Mirko offenbar egal war.

»Was liegt heut Morgen eigentlich an?«, fragte Bernd, der mit Klaus inzwischen das Zelt aufgebaut hatte. Zusammen mit Stefan waren sie zum Sammelplatz gekommen, wo Nico und Mirko auf dem Baumstamm saßen und rauchten.

»Gruppengespräch. Wird wohl etwas am Programm geändert, nachdem….« Nico verstummte und kniff die Augen zusammen, als Rademann auf dem Pfad durch den Wald auftauchte. Sollte der schon mit Stein geredet haben? Nico vermutete, eher nicht. Er zupfte Stefan am Ärmel und deutete ihm kurz, kein Wort zu sagen. Sie mussten so tun als wüssten sie von nichts. Hoffentlich kreuzte Erkan jetzt nicht auf, das hätte wegen der Sache mit Stefan Folgen haben können. Nico dachte daran, wie giftig er auf Raffael reagiert hatte.

»Guten Morgen«, rief Rademann und Sekunden später atmete Nico auf. Rainer Bode kam soeben dazu. Für Nico war es fast eine Wohltat, ihn hier zu sehen. Er ließ seine Kippe unter der Sohle verschwinden und stand auf. »Guten Morgen, Herr Bode«, rief er an Rademann vorbei, ohne ihn zu beachten. Am liebsten hätte er „Rainer“ gerufen, aber das hatte der sich ja verbeten solange andere dabei waren.

Rainer Bode lächelte. Ja, dieses Jungenhafte an ihm hatte sich nicht verändert und Nico suchte sofort nach einer Möglichkeit, ihm alles zu erzählen, Lückenlos. Vom Klau der Unterwäsche über die Webcam bis zu den Geschehnissen mit Rademann. Er brauchte einen Verbündeten, eine Vertrauensperson zwischen sich und Stein. »Herr Bode, kann ich Sie einen Augenblick alleine sprechen?«, sprang er denn auch sofort frech in die Presche. Was Rademann darüber dachte war ihm egal, es musste sein. Jetzt und hier, sofort.

Bode kam auf ihn zu. »Um was geht es denn? Scheint ja wichtig zu sein.«

»Ja, das ist es. Haben Sie nun einen Moment Zeit?«

Er nickte und folgte Nico in den Wald. »Stefan kommst du mit?«, rief Nico, was aber weniger eine Frage als sein Wunsch war.
Sie setzten sich an dem Bach ins Moos und Nico stieg ohne Umschweife ein, versuchte nichts auszulassen. Dabei war es nicht einfach, die Vermutungen außen vor zu lassen. An einigen Stellen ergänzte Stefan Nicos Ausführungen, besonders die, wo Rademann ihn versuchte anzumachen.

Rainer Bode ließ sich rückwärts fallen und starrte in die Nebelverhangenen Baumkronen. »Hm, das ist ja ein dickes Ding.« Er fragte nicht nach Vermutungen, schien sich vielmehr ein eigenes Bild von den Geschehnissen zu machen.

»Rademann ist hier, auf dem Platz. Hast du Polizei gesehen oder mitgekriegt dass er mit Stein gesprochen hat?«

Bode rieb sich das Kinn. »Nein, Nico, ich habe zwar keine Polizei gesehen, aber im Grunde auch nichts mitbekommen. Ich denke, ich sollte mit Falk reden.«

»Tu das. Allmählich kommt uns das immer spanischer vor. Scheinbar interessiert das Ganze hier niemanden.« Nico sah Stefan an. »Wenn sich bis heute Mittag da nichts tut, rufe ich persönlich die Polizei. Das ist mein ernst.«

»Gut, warte mal ab, nichts überstürzen….« Bode sah auf, als Erkan zu ihnen stieß.

»Morgen zusammen.«

»Ah, der verschollene Jüngling. Morgen Erkan. Nun, wie war deine Nacht? Hab gehört du warst da draußen?«, fragte Nico mit einem gewissen Grinsen im Gesicht.

»Ja, eigentlich nicht dramatisch, weil Rick bei mir war. Aber was macht ihr denn hier? Sollten wir nicht längst in der Gruppenstunde sein?«

Bode stand auf. »Ich glaube, irgendwie läuft das hier nicht rund. Erkan, was passierte denn genau da draußen?«

Erkan setzte sich zu ihnen und begann, die Geschehnisse der Nacht aus seiner Sicht zu schildern. Damit ergänzte er das Bild, das in allen Teilen den Vermutungen Auftrieb gab.

»Und du hast keine Ahnung wer die Person bei Chip gewesen war?«

»Chip?«

»Ja, Rademanns Spitzname«, gab Bode schmunzelnd zur Antwort.

»Nein, ich hab ihn nicht erkannt, es war ja zudem dunkel.«

»Okay, ich gehe jetzt zu Falk, das muss geklärt werden. Ihr bleibt solange hier, ich glaub erst mal nicht dass es nach Dienstplan weitergeht.« Damit stand er auf und ließ die Jungen zurück.

Als Bode aus dem Wald kam, sah er gerade einen Polizeiwagen vom Gelände fahren, Rademann verschwand im selben Augenblick im Hauptgebäude. Also dürfte alles seine Ordnung haben und er musste sich nicht weiter um die Geschichte kümmern. Auf der Stelle kehrte Rainer Bode um, berichtete den Jungen über seine Beobachtung und deutete an, die Sache auf sich beruhen zu lassen.

Der Morgen verlief mit Gruppengespräch, wenn auch etwas später als geplant. Schriftliche Ausarbeitungen über Gewalt und deren Auswirkung. Nico fand den Platz vor dem Wald für ihre Gruppenarbeiten weit geeigneter als einen geschlossener Raum und trotz des zähen Nebels war es nicht unangenehm kalt. Kurz vor der Mittagspause rief Stein Raffael und Erkan zu sich.

»Die anderen können schon mal zum Essen, ihr beide bleibt bitte da.«

Nico wusste sofort um was es gleich gehen würde. Die Sache auf der Wiese war noch zu klären und Stein hatte offenbar erst das Thema durcharbeiten wollen, bevor er die beiden anhörte. »Was glaubst du, wird einer von den beiden gehen müssen, oder gar beide?«, fragte er Stefan auf dem Weg zum Hauptgebäude.

»Keine Ahnung. Ich würde an Steins Stelle kein Theater drum machen. So schlimm war’s ja nun auch nicht.«

»Langsam. Immerhin hat Raffael uns ans Leder gewollt. So wie ich Stein kenne sind das Dinge, die hier absolut nicht gewünscht sind.«

Sie waren gerade fertig mit essen, als Erkan und Raffael in den Raum kamen, gefolgt von Stein. Keiner von beiden sah richtig glücklich aus und es war schwer zu deuten was bei diesem Gespräch herausgekommen war. Erkan setzte sich neben Nico, schon Augenblicke später stellte Alexander ihm und Raffael die Teller hin.

»Und, was hat Stein gesagt?« Nico war viel zu neugierig um einen passenden Moment abzuwarten. Ein Seitenblick auf Erkan verhieß nichts Schlechtes, denn der grinste einen Atemzug lang. Dann beugte er sich zu Nico hinüber. »Raffael muss gehen. Es ist ja seine Sache, aber er sagt, er hasst die Schwulen nun mal und kann nichts dagegen machen. Dumm gelaufen für ihn, denn er möchte „mit solchen Typen“ nichts zu tun haben. Stein hat auch durchblicken lassen, dass Raffael scheinbar auch Kontakte zur rechten Szene hat. Er wird noch heute Nachmittag nach Hause fahren.«

Nico blies die Luft aus seinen Lungen. Stein machte keine Kompromisse, auch dieser Punkt ging an ihn. »Übrigens, Mirko…. ich hab mit ihm geredet.«

»Oh, und was sagt er?«

»Er hat sich entschuldigt und das klingt glaubwürdig.«

»Aha, einsichtig geworden, wie?«

»Ja, aber ich hab ihm nichts von dir und deinen Absichten erzählt, falls er mich noch mal anfassen sollte. Du…. hast doch nichts gegen ihn im Grunde, oder?«

Erkan ließ sich beim Essen nicht unterbrechen. »Worauf willst du denn jetzt raus?«, fragte er mit vollem Mund.

»Hm, nun ja, Mirko ist allein im Zelt…. Ich mein, wenn du lieber alleine sein möchtest, sicher kein Problem. Aber Mirko findet es alleine nicht so doll.«

Erkan hörte nun doch schlagartig auf zu kauen. »Wer ist denn auf diese Idee gekommen? Du etwa?«

»Ist doch egal. Sag einfach ja oder nein.«

»Ich glaub nicht dass ich das möchte.«

Nico grummelte. Es stand noch eine lange Zeit vor ihnen und je besser sie sich verstünden, umso einfacher würde das Gruppenleben. »Nun ja, keiner kann dir was vorschreiben…. aber wie wär’s dann mit Lutz? Der ist ab heute Mittag ja nun auch alleine wenn Raffael fährt.«

»Lutz? Na ja, gegen den würde ich nichts haben.«

»Okay, aber fragen solltest du ihn selbst, er weiß noch nichts davon. Übrigens: Hat Stein dich ermahnt?«

»Nein, eigentlich nicht. Er geht sicher davon aus dass ich weiß worauf es jetzt ankommt.«

Raffaels Auszug aus dem Camp an dem Mittag fand mit gemischten Gefühlen unter den Jungen statt. Bis zu seiner Entgleisung auf der Wiese hatte er sich loyal verhalten, umso unverständlicher war seine Reaktion. Sie wurde es erst, nachdem seine Verbindung zu Rechtsextremisten bekannt wurde. Erkan, Nico und Stefan waren dann auch die einzigen, die bei Raffaels Abgang tiefe Genugtuung empfanden. Es war die richtige Entscheidung getroffen worden, Stein stützte sie, nach seinen Angaben, nicht auf sein Gutdünken, sondern ganz klar auf festgeschriebene Regeln. Und die schlossen eine Toleranz gegenüber dergleichen Verfehlungen aus.
Mirko konnte Raffaels Gefühl dabei am besten verstehen. Schuldig gesprochen wurde auch er damals, nur war sein Abgang wesentlich unspektakulärer.

Nach dem Mittagessen rief Stein die Gruppe vor dem Gebäude zusammen. »Also Jungs, damit ihr nicht glaubt, dass euer Aufenthalt hier nur aus Wandern und Gesprächsrunden besteht, gibt es für euch auch etwas anderes zu tun. Wir wollen hier eine Werkstatt einrichten, in der sich jeder nach seinen Neigungen betätigen kann.«

Nico grinste einen Moment, das Wort „Neigungen“ löste etwas in ihm aus und er schielte zu Stefan neben sich.

»Das Ganze wird natürlich unter fachmännischer Anleitung geschehen. Da der ehemalige Zuständige für dieses Projekt nicht mehr hier ist, wird Leo Meier die Leitung übernehmen. Wie weit ihr während eurer Zeit kommt ist eigentlich nicht wichtig, die Maschinen, Werkzeuge und das Material kommen eh erst im nächsten Frühjahr. Aber nun hab ich genug gefaselt, Herr Meier übernimmt ab sofort die Regie.«

Fast unbemerkt hatte der sich hinter die Gruppe gestellt und trat nun vor. »Gut. Herr Stein hat das Wichtigste aufgeführt, kommt einfach mal mit.«
Neugierig folgten sie ihm hinter das Gebäude, wo noch keiner von ihnen gewesen war. Meier fuhr währenddessen fort: »Die Vorgängergruppe hat bereits damit angefangen, den Schuppen wieder in Schuss zu bringen. Er war übrigens sozusagen der Vorläufer des neuen Hauptgebäudes und ist im Lauf der Jahre baufällig geworden. Mittlerweile hat er ein neues Dach bekommen, zudem wurde alles Gerümpel darin beiseite geschafft. Der nächste Schritt soll im Wesentlichen die Ausbesserung der Seitenwände sein, die bestehen fast nur noch aus morschen Brettern. Ziel der Instandsetzung ist es eben eine Werkstatt darin einzurichten, da die so genannte Ergotherapie mit in den Plan aufgenommen werden soll.«

Die Jungen versammelten sich nun in dem Schuppen, der aus einem einzigen Raum bestand.

»Meine Güte, was soll man denn aus dem Ding noch machen? Wär’s nicht besser man hätte das ganz abgerissen und neu aufgebaut?«, fragte Lutz.

Leo Meier stand unter der Tür und lauschte dem Gespräch. »Klar hätte man ihn abreißen können, aber dann hättet ihr jetzt vielleicht Langeweile…. Spaß beiseite, einen Neubau für die geplante Werkstatt hat man nicht genehmigt. Also Leute…«, begann er dann mit der Aufgabenteilung, »nachdem uns der ehemalige Leiter dieses Projekts verlassen musste und ich seit heute die ehrenvolle Aufgabe habe sein Werk fortzusetzen…. Setzt euch mal im Kreis, damit wir einen anständigen Plan machen können.«

Ein Seufzen ging durch den Raum.

»Man muss kein ausgebildeter Handwerker sein um das zu erreichen, zudem…. wie wohl nicht anders zu erwarten, geht das hier nur im Team – also nur mal schon im Vorfeld, falls ihr euch wieder fragen solltet wofür das Ganze.«

»Warum musste der Vorgänger gehen?«, wollte unvermittelt Bernd wissen und erntete damit zustimmendes Kopfnicken unter den Jungen.

Leo Meier sah ihn etwas überrascht an, offenbar hatte er nicht mit dieser Frage gerechnet. »Nun, seine Art wie er die Ausbildung hier führte, stieß nicht auf allgemeine Zustimmung. Ich denke, mehr müsst ihr dazu nicht wissen.«

Nico beugte sich zu Erkan. Flüstern war allmählich zum festen Bestandteil ihrer Unterhaltungen geworden. »Da stimmt doch was nicht. Warum sagt Leo nicht, was der Typ angestellt hat?«

»Keine Ahnung. Aber mir kommt’s auch komisch vor. Man sollte mal den Rainer fragen was da Sache war….«

»He, zuhören«, unterbrach Meier das Privatgespräch. »Also, ich zeige euch jetzt wo ihr das Material und das Werkzeug findet. Wer was machen möchte – das könnt ihr unter euch selbst ausmachen. Aber nicht, dass da welche herumstehen, es gibt für jeden was zu tun. Übrigens haben das eure Vorgänger ganz toll hingekriegt, zumindest hat man mir das gesagt. Also, alle mitkommen. Und noch etwas: Da in der Ecke steht ein alter Spezialofen, da wird Sägemehl drin verbrannt. Nicht, dass einer auf Idee kommt und den anstecken will. Lasst die Finger von dem Ding, ist nicht ganz ungefährlich, okay? Es ist zudem nicht anzunehmen, dass ihr hier drin frieren werdet. Sollte es euch dennoch zu kalt werden in den nächsten Tagen, dann gebt mir Bescheid.«

»Was glaubst du, werden die jetzt endlich mal nach Tobias suchen? Und Rademann…. ich kann mir einfach keinen Reim draus machen. Er muss doch den Bullen was erzählt haben….«
Nico achtete darauf, dass Leo Meier sein Gespräch mit Stefan nicht mitbekam.

»Wir sollten was unternehmen«, mischte sich Erkan ein, der offensichtlich mitgehört hatte. »Ich mein, ich weiß ja was ich gesehen hab. Egal was der denen aufgetischt hat, aber garantiert hat der was zu verbergen.«

Die drei sahen sich an, verstanden auch ohne Worte, dass es an der Zeit war aktiver zu werden. Wie das aussehen sollte war völlig unklar, schließlich konnten sie hier nicht einfach verschwinden.

»Was sollen wir machen? Wo und nach was suchen? Stein gibt uns bestimmt keinen Urlaub«, flüsterte Stefan grinsend, während Leo Meier den anderen das Werkzeug aus einem verschließbaren Schrank herausgab.

Sie gesellten sich unauffällig zum Rest der Gruppe, Leo Meier hatte ihr kurzes Gespräch nicht mitbekommen.

Während sich Bernd, Erkan und Mirko anschließend mittels ihrer fast unbändigen Kraft mit dem herausreißen der morschen Bretter beschäftigten, begannen Nico und Stefan die Bretter nach draußen zu tragen. Lutz und Klaus grummelten Unverständliches und machten sich auf der anderen Seite an den Seitenteilen zu schaffen.

»Sieh mal, Meier fährt weg«, bemerkte Stefan und rempelte Nico in die Seite.

»Und was willst du mir damit sagen?«, fragte Nico zurück, obwohl er Stefans Gedanken fast lesen konnte.

»Ich hab keinen Bock auf das hier…. Lass uns mal ein bisschen auf dem Gelände herumschnüffeln.«

»Herumschnüffeln? Hier? Ich versteh nicht….«

»Komm, wenn sie uns suchen, müssen wir halt ´ne Ausrede finden.«

Wie zwei Katzen schlichen sie sich aus dem Schuppen und entschlossen steuerte Stefan den dahinterliegenden Wald an. Nico sah noch einmal unsicher zurück und folgte dann seinem Freund ins Unterholz, wo sie im Gestrüpp schnell unsichtbar wurden.

»Verrätst du mir mal was du vorhast?«, fragte Nico, nachdem sie einige Minuten durch das Unterholz geschlichen waren. Ihm war überhaupt nicht wohl bei der Sache, zumal er Steins Reaktionen auf solche Eskapaden kannte.

»Nein…. äh…. ich will eigentlich nur was wissen.«

»So? Interessant. Wenn du mir sagst was es ist, kann ich dir vielleicht ´ne Antwort dazu geben.«

»Nico, ich glaub eher nicht. Komm einfach mit, wir schauen mal.«

Es gab gelegentlich Situationen, in denen Stefan sehr geheimnisvoll tat und dann war noch nie etwas aus ihm herauszubekommen. Nico unterließ darum weitere Fragen, es würde letztlich doch zu nichts führen.

Sie kamen hinter dem Camp an dem kleinen Bach aus dem Dickicht heraus. Still und friedlich lag die Stelle vor ihnen, in dem noch immer wabernden Nebel war auch kein Vogel zu hören. Nur das Gurgeln des Baches streichelte die Stille.

Als würde Stefan genau wissen wohin er will, ließen sie das Camp rechter Hand liegen und tauchten erneut im dichten Gestrüpp unter. Nico wurde langsam nervös, aber er schluckte neue Fragen hinunter. Immerhin war es eine gewisse Ablenkung, dass Stefan dicht vor ihm ging und seine leichten, fast katzenartigen Bewegungen sowie die süßen Pobacken zur Geltung brachten. Nico wusste einen Augenblick lang nicht, was ihm mehr Schweiß auf die Stirn trieb…. die Anstrengung oder der Anblick.

»Wie hast du das gemacht?«, wollte er dann neugierig wissen, als sie auf einen Pfad stießen und trotz der langen Zeit dazwischen erkannte Nico den schmalen Weg. Warum er ihm so genau in Erinnerung geblieben war, wusste er nicht zu erklären, aber es bestand kein Zweifel.

»Woher? Hm, ich dachte es mir dass wir hier herauskommen. Richtig gewusst hab ich’s eigentlich nicht.«

Beide überkam ein seltsames Gefühl. Es war der Weg, der zu ihrem damaligen Camp führte.

»Stefan, ich weiß jetzt grad nicht ob wir….«

»Komm, es ist doch schon lange her. Oder möchtest du nicht mitkommen? Ich könnte es verstehen.«

»Und du? Willst du unbedingt dahin?«

»Na ja, ich möchte halt mal nachsehen wie es da jetzt ist. Ich mein….«

Nico blies die Luft aus. »Okay, komm weiter. Wir können sowieso nicht ewig wegbleiben.«

Je deutlicher die Erinnerungen wieder zurückkamen, desto langsamer wurden die beiden. Nico sah automatisch nach oben, in die Baumkronen. Aber statt dem von grauweißen, mit Eiswolken überzogenen Himmel von damals konnte er nur den Nebel ausmachen. Alles war plötzlich wieder da, jede Minute dieses schlimmen Tages. Die Gesichter tauchten wieder auf, auch die der „Kleinen“. Die Betreuer Rainer Bode, Falk Stein, Leo Meier. Die Stechmücken, die drückende Schwüle. Es war Windstill, wie jetzt. Und Nico spitzte die Ohren. Der erste weit entfernte Donner…. die Angst war auf einmal greifbar nahe. Einen Moment blieb Nico stehen, wusste nicht ob er wirklich weitergehen sollte. Noch einige Meter, dann würden beide an der Stelle stehen, wo sie damals ihr Lagerfeuer gemacht hatten.

»Was ist? Du musst nicht…. Ich geh nur mal kurz nachschauen, in ein paar Minuten bin ich wieder da.«

»Nein, ist schon gut. Ich hab nur kurz nachgedacht. Es geht schon.«

Wenige Minuten später traten sie aus dem dichten Tannenwald.

»Stefan…. da….«

Sie blieben stehen und starrten zu dem Waldrand an der Lichtung, wo der Sanitärwagen stand. Jetzt war die Erinnerung vollständig zurückgekehrt. Sie sahen vor ihrem geistigen Auge, wie sich die ersten Äste bewegten, das Wetterleuchten im Westen, den aufwirbelnden Sand. Große, kalte Regentropfen trafen ihre Haut und ließen sie in der ersten heftigen Windbö frösteln.

Nico hob die Hand und zeigte zum Waldrand, hin zu dem Wagen. »Sie…. sie haben ihn nicht mal weggeräumt«, stammelte er und musste schlucken.

Stefan stand der Mund offen. »Verstehe nicht, warum man den Schrott nicht beiseite geschafft hat.«

»Vielleicht ist ja keiner zuständig. Wobei ich als Besitzer dieses Waldes so was hier nicht dulden würde.«

»Nico, es fragt sich ja in dem Zusammenhang, wem dieser Wald gehört. Denk mal an Erkans Beobachtungen. Feuer mitten im Wald, keine Angst vor Entdeckung.«

»Du meinst…. Dieser fremde Typ da…. dem gehört der Wald?«

»Ich würde es aus dieser Sicht jetzt vermuten. Wenn er ihm nicht gehört, so hat er zumindest hier was zu sagen. Das könnte also auch der Pächter sein, oder sogar der Förster.«

Nico starrte wieder zu dem Wagen. Er hörte auf einmal die Schreie darin, als der Baum und der Hagel die Lichtkuppeln zertrümmerten. Er sah Manuels panischen Blick, seine wilde Entschlossenheit, den Wagen wegen seiner Platzangst zu verlassen. Es war zu schnell gegangen, niemand konnte Manuel zurückhalten als er sich in der Kabine nach oben hangelte und durch das Geäst nach draußen über dem Dach verschwand. So hatten sie ihn das letzte Mal lebend gesehen. Niemand hörte wie er abstürzte, kein Schrei, nichts.
Nico bekam eine Gänsehaut. Trotz der schmerzlichen Erinnerungen bewegte er sich langsam auf den Wagen zu. Schmutzig war er nun, die Metallteile verrostet, die eingedrückten Seitenwände wiesen hässliche Löcher auf. Die Reifen waren platt, die Stützen tief in den Boden eingesunken und ringsum hatte sich die Natur viel Terrain zurückerobert. Dicht rankte ein Himbeerstrauch an der hinteren Seitenwand, die kleine Treppe war von Farnen hoch umwuchert.

»Selbst den Baum haben sie da liegen lassen«, stellte Stefan fest, als sie fast vor dem Wagen standen. Die Tür hing genauso schräg in den Angeln wie damals, als Stein und die anderen den Baum weggezerrt und sie aufgehebelt hatten. Der Geruch nach Kot und Urin schlug ihnen beißend entgegen, als sie die Treppe hochgestiegen waren.

»Das Ding wird scheinbar von allen möglichen Wanderern heimgesucht. Solchen die Schweine sind unter ihnen. Sieh dir das an«, sagte Nico, nachdem er einen Blick in den Raum geworfen hatte. Stefan drängte sich neben ihn und betrachtete das Interieur. Packungen von allen möglichen Naschereien und Zigaretten, Bier- und Limonadendosen, Papiertaschentücher, deren Benutzung eindeutig war. Dicke, schwarze Fliegen flogen aufgescheucht um sie herum.

»Die Scheißen hier einfach rein…. Unglaublich. Und da, der Fernseher war damals bestimmt nicht hier. Die Mikrowelle auch nicht…. Möchte mal wissen wer den Müll in den Wald schleppt und dann hier deponiert. Ich werd den Sinn niemals verstehen.«

»Ich auch nicht«, schloss sich Nico an. »Komm, da wird einem ja schlecht.«

Bevor sie den Wagen verließen, sahen sie noch einmal hoch zu den Kuppeln, die jetzt so still und ruhig ihre zerfetzen Ränder präsentierten. Fast so, als wäre es Kunst.

»Und jetzt?«, fragte er, nachdem sie wieder draußen standen. »Ich will ja weiterhin nicht neugierig sein, aber hast du hier denn nun was Besonderes gesucht? Oder war das nur wegen….«

»Hier….«, rief Stefan, der sich während Nicos Frage etwas näher das Stück um den Wagen angesehen hatte, »….ich denk, das hab ich gesucht«, sagte er so leise, dass es Nico grade noch verstand. Langsam ging er zu ihm und folgte seinem Blick.

Etwas abseits, von Farnen und anderen Wildkräutern fast verdeckt konnte man das obere Drittel eines dunkelbraunen, schmalen Brettes erkennen. Stefan trat mit seinen Füßen die Pflanzen darum nieder und in dem Augenblick, als das schlichte Holzkreuz sichtbar wurde, stockte beiden Jungen der Atem.

Manuel Gräber
12.04.1986 – 30.08.2004

Verblasst waren das kleine Passfoto und die Farben der Inschrift, in Bodennähe begann das Holz zu faulen. Die beiden Jungen verschränkten ihre Hände und sahen stumm zu Boden.

Manuel lag leblos auf dem Boden, so als würde er nur schlafen. Gespenstisch das Licht, das von dem Bus aus durch den Regen leuchtete. Nico öffnete die Augen, um den furchtbaren Erinnerungen jener Nacht zu entgehen. »Was meinst du, wer hat wohl dieses Kreuz hierhin gestellt? Seine Eltern…. oder Stein und die anderen Betreuer?«

»Keine Ahnung, wir können ja mal fragen.«

Nico begann sich zunehmend unwohl zu fühlen. In den letzten Minuten hatte er irgendwie gehofft, Manuel säße nur da neben ihnen in den Büschen und beobachtete sie. Gleich würde er vor ihnen stehen und sich das Ganze als schlimmer Traum herausstellen.

»Er war ein feiner Kerl..«

Stefan nickte daraufhin. »Hast du dir je Vorwürfe über seinen Tod gemacht?«

»Nein, nicht direkt. Du hast nur sicher bemerkt dass ich später eigentlich nie über ihn geredet habe. Auch nicht, wenn ich ab und zu an ihn dachte. Ich hab alle Schuld auf Stein abgewälzt, hätte er zu Anfang auf mich gehört…. dann würde er noch leben….« Nico spürte wie sich Tränen in seinen Augen sammelten. Er wollte es herauslassen, seine Wut, seine Trauer. Wäre Stein jetzt hier gewesen, es hätte ohne Zweifel erneuten Streit über sein damaliges, ignorantes Verhalten gegeben. »Trotzdem, es war nicht alleine seine Schuld. Ich hätte es ahnen müssen. Spätestens als er in Panik geriet….«

Stefan reichte ihm ein Taschentuch, nachdem er seine Nase ein paar Mal hochgezogen hatte. »Hier, nimm. Niemand konnte das verhindern, du weißt doch wie schnell er da draußen war. Er hätte vorher sagen müssen dass er auf engem Raum Angst bekommt….«

Nico schüttelte den Kopf. »Sein Tod war unnötig, wie auch immer.«

Stefan nahm ihn am Arm. »Niemand kann das mehr ändern. Komm, wir sollten jetzt wieder zurück, ich denke inzwischen haben sie uns vermisst und weiß der Geier was wir jetzt ausbaden müssen. Nur, ob sie uns deswegen rausschmeißen….« Dabei nickte er mit dem Kopf zu dem Kreuz.

»Man kann nicht wissen. Wenn ihnen die Regeln wichtiger sind als das hier, dann schon.«

Langsam verließen sie den Platz, Nico drehte sich noch ein paar Mal um. »Wir sollten ihm ein neues Kreuz fertigen. Das hier hält nicht mehr lange.«

»Gute Idee, aber nun komm, der Ärger ist wahrscheinlich eh schon groß genug.«

Nachdenklich traten sie den Rückweg an. Immer wieder wurden sie in die Erinnerungen von damals hineingerissen. »Was aus all den anderen Jungs wohl geworden ist?«

»Keine Ahnung, Stefan. Aber ich denke, außer uns wird keiner von ihnen jemals wieder hier gewesen sein. Und auch nie kommen.«

»Was passiert jetzt bloß mit Rademann? Wenn keiner was sagen will sollten wir da mal langsam ´ne Idee kriegen«, versuchte sich Stefan abzulenken.

Nico blieb stehen. »Wie meinst du das denn? Auf eigene Faust? Das gibt dann aber erst Mal richtigen Ärger.«

»Möglich, aber irgendwie fuchst mich das. Wenn dem kleinen Tobias was zustoßen sollte…. Sorry, aber mit dem Wissen was wir jetzt haben und dann das…. Nee, da riskier ich lieber ´nen Rausschmiss.«

Nico wunderte nicht, dass ihn Stefan gar nicht fragte. Der wusste, dass er mitmachen würde und Erkan wäre ebenfalls dabei, dem bräuchte man eh nur eine Andeutung zu machen.

Da für das Schuhwerk keine Vorschrift bestand, waren die beiden Jungen mit leichten Sneakers unterwegs, was ihnen ein schnelles vorankommen auch im dichten Gestrüpp und Wurzelüberzogenen Waldboden erlaubte. Leicht außer Atem näherten sie sich dem Camp. Sie waren vorsichtig, da man nicht wissen konnte, ob sich einer von den Betreuern in der Nähe aufhielt.

Stefan blieb stehen und hielt Nico mit der Hand zurück. »Warte mal, ist da nicht was?«, flüsterte er.

Nico atmete langsamer und lauschte. »Nö, ich seh´ und hör nichts.«

»Doch, da ist was. Ich hab’s deutlich gehört.«

Wie zwei steinerne Statuen blieben sie stehen und lauschten angestrengt in die Richtung, in die Stefan mit der Hand zeigte.

Nach ewigen Sekunden der Stille dann ein Knacken, das typische Geräusch wenn ein Ast bricht. Fast gleichzeitig gingen die beiden Jungen in die Knie. So war ihnen zwar durch die Büsche der direkte Blick verwehrt, ebenso wenig aber konnten sie gesehen werden. Stefan legte sich schließlich flach auf den Boden und versuchte angestrengt etwas zu erkennen, aber es rührte sich nichts mehr und der weiterhin dichte Nebel sorgte für Sichtprobleme. Langsam beruhigte sich ihre Puls- und Atemfrequenz, und Nico stand ganz langsam auf, stets den Blick in die verdächtige Richtung. Aber wie schon einmal im Schlafraum des Hauptgebäudes erkannte er nur Sekundenbruchteile eine Person, die rasch im Nebel verschwand. Auch wenn er die Gestalt nicht erkennen konnte, war er in einem sicher: Sie hatte dieselbe Größe, Statur und den Gang. Dinge, die er schon deswegen gut beurteilen konnte, weil ihm das Einprägen männlicher Erscheinungen angeboren war. Das hier war todsicher ein- und dieselbe Person, die er schon einmal gesehen hatte. Aufgeregt flüsterte er Stefan seine Entdeckung hinunter zum Boden.

»Und du bist sicher?«

»Der war das auch im Schlafraum und einen Eid könnt ich darauf schwören. Komm, ich denk der ist verschwunden. Wenn wir Glück haben fällt er mir ja wieder auf. Er ist in Richtung Hauptgebäude gelaufen.«

Eilig verließen sie das Camp und als sie aus dem Wald herauskamen, fuhr ein Wagen vom Gelände. Die beiden Jungen konnten wegen des Nebels das Fahrzeug nicht erkennen, das kräftige Motorgeräusch prägten sie sich jedoch ein.
Sie gingen denselben Weg zurück auf dem sie sich weggeschlichen hatten und hörten dann bereits das Hämmern aus dem Schuppen. Sollte ihre Abwesenheit gar nicht bemerkt worden sein? Neugierig auf die Kommentare und Gesichter betraten sie den Schuppen. Es roch nach frischem Holz und Harz, die Jungs waren tatsächlich eifrig bei der Arbeit.

»Na ihr beiden? Ausflug beendet?«, fragte Erkan, der plötzlich hinter ihnen stand und die beiden deshalb gehörig erschreckte.

»Mann, Erkan…. Hat man uns vermisst?«

Er grinste spitzbübisch. »Klar hat man das.«

»Ja, und? Mensch, lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen? Wer und was hat er gesagt?«

»Ah, der neugierige Stefan…. Ja, ja, erst abhauen und dann Muffe kriegen.«

»Wir haben keine Muffe, aber sag endlich….«

»Stein hat euch gesucht, aber erst vor ´ner viertel Stunde. Ich hab gesagt ihr seid mal eben rüber zu den Zelten weil Nico Nasenbluten hatte.« Dabei zog er sich an der Nase und verrollte die Augen.

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