Zauberwald – Teil 4

»Ja, aber ich kenn da doch keinen, also bin ich lieber hierher gelaufen.«
»Warte, ich mach dir erst Mal nen heißen Kaffee.«
Michael nickte und ich ergötzte mich an dieser herrlichen Figur in dem total nassen Jägerdress.
»Mama, Michael muss raus aus den Klamotten..«
»Sicher. Kommen Sie, ich bring Sie ins Bad.«
»Und ich hol was zum anziehen, wir haben ja fast die gleiche Größe und Figur.«
Michael sagte nichts, nickte nur und folgte meiner Mutter. Ich stellte neuen Kaffee auf und stürmte nach oben in mein Zimmer. Am besten ich gab ihm einen Jogging-Anzug. Ich hatte einen neuen, noch gar nicht getragen. Außerdem zog ich Unterwäsche aus dem Fach und ein paar Strümpfe. Warum ich dabei so schrecklich nervös war fragte ich mich in dem Moment nicht.
Ich hörte die Dusche laufen, und der Hund saß brav vor der Tür. Ich streichelte sein nasses Fell, in der anderen Hand der Stapel Klamotten. Sollte ich jetzt einfach so rein? Nein, lieber nicht. Dabei stellte ich mir den Körper da unter der Dusche vor. Michael würde mir jetzt sicher oft begegnen, den Hofmann würden sie eh abservieren.
Das Wasser wurde abgestellt und es war ruhig im Badezimmer. Zaghaft klopfte ich an.
»Michael? Ich hab hier frische Klamotten für dich.«
Die Tür ging auf und da stand er vor mir, nur ein Handtuch um seine Hüfte gewickelt. Was für eine Figur, was ein Traum von einem Mann. Ich schluckte, weil ich in diesem Moment an David denken musste. Und an Marcus.
Michael sah mich an mit seinen nass-glitzernden Wimpern, diesem bezaubernden Lächeln.
»Danke«, sagte er und nahm die Kleidung. In diesem Moment sah ich den goldenen Ringfinger an der rechten Hand. Den hatte er damals, als wir uns kennen lernten, noch nicht angehabt. Michael schloss die Tür. Etwas bedeppert stand ich da. Minutenlang tat ich das und wusste nicht was ich machen sollte. Michael war verheiratet. Ich kniete mich zu Arcos hinunter.
»Sag mal, was ist dein Herrchen denn für einer? Ich kenn ihn, aber nicht sehr gut. Kannst du mir was über ihn sagen?«
»Vielleicht fragst du mich.«
Ich hatte nicht bemerkt, dass Michael die Tür geöffnet hatte, unsere Türen sind sehr leise.
Ich stand auf und fühlte, wie ich rot wurde. »Ähm, das war.. nur so ne Frage..«
Michael gab eine gute Figur ab in meinen Klamotten und ich wurde unheimlich verlegen.
»Willst du deine Frau nicht anrufen und ihr sagen, dass du hier bist? Sie wird sich Sorgen machen.«
»Hab ich schon, Unterwegs hierher.«
Ich nickte nur. So ein schöner Mann.. Naja, wenigstens war er in meiner Nähe und träumen konnte mir letztlich ja auch keiner verbieten.
Papa war inzwischen aus den Stallungen zurück und wir saßen im Wohnzimmer. Michael erzählte von seiner Laufbahn und was nun kommen würde und wir hörten ihm zu. Ich ganz besonders, denn er konnte so schön erzählen. Mit seinen Händen untermalte er die Erläuterungen, seine Gestik, seine Mimik. Er faszinierte mich. Er war schon 26, aber das sah man ihm nicht an. Lisa, seine Frau, hatte er vor zwei Monaten geheiratet. Sie wohnten in Dangersen, nicht weit von hier.
Arcos lag die ganze Zeit auf meinen Füßen und schlief. Musste es diese Frau geben? Warum konnte ich nicht David, Andreas, Marcus – einfach streichen und Michael dafür haben? Abstruse Gedanken sausten durch mein Hirn und immer wieder musste ich Michael genau ansehen. Ich trank an dem Tag mehr als ich vertrage, aber ich musste meinen Frust wegsaufen.
»Morgen Früh kommt der Abschleppdienst hierher«, sagte Michael irgendwann nach dem Mittagessen.
»Nicht heute?«
»Nein, macht keinen Sinn. Der Weg im Wald, wo mein Auto steht, ist fast ein Bach geworden, da kann man heute nichts mehr machen.«
»Ich habe das Gästezimmer für Sie hergerichtet«, sagte Mama wie beiläufig.
»Schön, lange mach ich eh nicht, die halbe Nacht auf dem Hochsitz schlaucht doch schon.«
»Hast du was geschossen?«, wollte ich wissen.
»1000 Stechmücken..«, grinste Michael.
»Und was ist mit Arcos?«
»Der kommt raus in den Stall«, antwortete Michael.
»Nein, das kannst du nicht machen.«
»Warum, das ist er gewöhnt.«
»Nein, sein Fell ist noch nass, er kann sich erkälten.«
Natürlich wusste jeder sofort, dass das Unsinn war.
Michael grinste. »Naja, bei mir schläft er jedenfalls nicht.«
Den Nachmittag verbrachte ich vor meinem Computer, einige Arbeiten aus der Uni hatte ich mitgebracht. Jetzt kamen sie mir gerade recht – zur Ablenkung.
Das Nachtessen war wieder sehr von Gesprächen begleitet und ich hörte Michael immer noch fasziniert zu.
Irgendwann in dieser Nacht brachen wir auf, es war einer der schönsten Abenden die mir in Erinnerung waren. Und Michael brannte sich in meinem Gehirn fest.
Arcos lag vor meinem Bett und schnarchte leise vor sich hin. Sammy durfte nie mit in das Haus, allerdings wollte er das auch gar nicht. Er schlief lieber im Stall, dort hatte ich ihm eine kleine Hütte gebaut und da war sein Reich.
Es war schon komisch einen Hund im Zimmer zu haben. Ich ließ meinen Arm sinken und fuhr über das jetzt trockene Fell. Arcos grummelte kurz und schlief dann weiter. Was ich nicht konnte.
Ich stand auf, ging zum Fenster und zündete mir eine Zigarette an. Noch knapp drei Wochen, dann musste ich zurück nach Hamburg.
Ich ging ins Bad um zu pinkeln.
Als ich herauskam, stand Michael vor mir. Er hatte nur noch meinen Slip an und ich konnte im Dunkeln sein Gesicht kaum erkennen.
»Hoppla«, flüsterte er. Mir verschlug es die Sprache und ich ging einfach an ihm vorbei. Es war mir zu gefährlich. Ich kannte mich, außerdem war ich noch nicht wieder nüchtern. Die Gefahr, etwas zu sagen oder zu tun was ihm nicht passte war zu groß.
Plötzlich spürte ich seine Hand um meinen Arm, und Michael konnte kräftig zupacken.
»Willst mir nicht mal gute Nacht sagen?«, sagte er leise.
»..D….doch..«
»Und warum tust du es dann nicht?«
»Michael, bitte, lass mich los.«
»Was hast du denn? Hab ich was angestellt?«
Dieser verfluchte Alkohol. »Ja, hast du.«
»Ach, und was?«
»Du siehst verdammt gut aus und ich hab mich in dich verknallt. Noch Fragen?«
Ich konnte seine Augen nicht sehen, aber ich ahnte wie sie aussehen. Groß wie Untertassen.
Er ließ mich los. »Aha.«
»Ja genau, aha. Gute Nacht.«
Ich rannte in mein Zimmer und bin dann auch gleich über Arcos gestolpert. Normalerweise liegt ja kein Hund vor meinem Bett.
Arcos jaulte nur kurz auf, ich stürzte auf mein Bett und blieb mit Tränen in den Augen auf dem Bauch einfach liegen. Warum ging das alles schief? Was nur machte ich falsch? Immer und immer wieder?
»Stefan?«
Ich antwortete nicht, wollte nichts hören und niemanden sehen, Michael schon gar nicht. Er konnte nichts dazu und das war das Problem. Es war alleine eine Sache zwischen Stefan und mir.
»Stefan? Was ist los?«
Was sollte sein. Mein Kopf begann langsam zu schmerzen und ich wollte nichts als alleine sein. Aber ich konnte mich gegen die Berührung auf meiner Schulter nicht wehren; oder ich wollte nicht. Es tat gut, Michaels Hände auf mir zu spüren.
»Hey, Stefan, es ist doch kein Drama. Warum bist du so komisch?«
»Ach, du willst mich doch bloß beruhigen.«
»Quatsch. Möchtest du Reden? Ich hab offene Ohren.«
»Für Schwule auch?«
»Ich muss dir sagen, dass ich dieses Wort hasse.«
»Ah. Und wie sagst du zu uns?«
»Ich erwähne es gar nicht.«
Ich drehte mich langsam zu ihm um, fing den Duft nach Duschgel auf und ahnte sein Gesicht vor mir.
»Stefan, bitte. Ich mag dich sehr, sehr gern.«
Ich ließ mich wieder auf mein Bett fallen. »Das hab ich schon mal gehört. Scheint Standard zu werden.«
»Nun mach keinen Aufstand.«
Ich schnaufte. Mehr konnte ich ja vielleicht gar nicht erwarten in meinem Leben.
Plötzlich begannen Michaels Hände meinen Rücken zu streicheln, fuhren zärtlich auf und ab. Und dann spürte ich seinen Atem in meinem Nacken, worauf ein ganz zarter Kuss auf meinen Hals folgte.
»Hey, Stefan, komm zu dir. Es wird immer Menschen geben die dich lieben. Das hat nichts mit deinen Gefühlen zu tun. Du wirst den Richtigen schon finden, okay?«
Ein Kuss von einem verheirateten Mann, der nichts von einem wollte.. Sollte ich vielleicht nicht einfach versuchen, Freunde zu finden? Nicht den Freund?
Ich drehte mich wieder um, nahm seinen Kopf in meine Hände und noch ehe er etwas tun konnte küsste ich ihn auf die Lippen. Er fuhr nicht sofort hoch, drückte mich nur leicht von sich.
»Siehst du, das geht auch. Ich will, dass wir Freunde werden. Nicht mehr, nicht weniger.«
»Und ich darf dich auch mal in den Arm nehmen wenn mir danach ist?«, fragte ich.
»Immer. Aber jetzt solltest du schlafen, du musst sicher früh raus.«
Er gab mir noch einen Kuss auf die Stirn und verschwand. Wie schön das war. Ich leckte meine Lippen ab um ihn ein letztes Mal zu schmecken.

Michael schlief noch als ich zum Frühstück runterkam. Schweigend saßen meine Eltern und ich am Tisch. Meine Gedanken hingen an Michaels Berührungen, an seinem zarten Kuss. Heteros küssen keine Schwulen, höchstens wenn sie mal Stockbesoffen sind. Und das war Michael nicht. Ich glaub, er war nicht mal angeheitert. Mein Kopf sagte mir, dass ich da wesentlich weniger vertrug als er.
Ich war beim melken, als Michael neben mir stand.
»Und, wieder beruhigt?«, fragte er mich.
»Wieso, hab ich mich aufgeregt?«
»Ja, hast du. Ohne Grund. Oder siehst du das anders?«
Ich stellte mich neben ihn und beobachtete die Melkmaschine. Michael wäre genau der, den ich gewollt hätte. Er kam einen Schritt auf mich zu, nahm meinen Kopf in seine Hände und küsste mich auf die Wange.
»Hey, Freunde, Okay?«
Ich nickte, auch wenn sich alles in mir zusammenzog.
»Sonntag im Ochsen? Nach der Kirche? Es geht um Hofmann.«
Ich nickte und brachte sogar ein Lächeln hervor.
Dann kam der Abschleppwagen und ich war wieder alleine.
Die nächsten Tage vergingen nur langsam. David meldete sich nicht und ich wollte auch gar nichts von ihm wissen. Sollte er glücklich werden, wie auch immer. Marcus schickte eine E-Mail und berichtete was er tat und machte und so weiter. All das ging an mir vorbei. Ich sehnte mich nach dem Sonntag. Michael hatte zu tun in seinem Revier wie er sagte und ich sah ihn die ganzen Tage nicht. Wieso sollte ich das auch wollen? Er machte mich eh verrückt wenn er in meiner Nähe war.
Und dann saß ich in der Kirche, ganz vorne wie immer. Ich schaute mich um, fast jeden kannte ich hier. Mein Gesicht hellte sich auf als ich Michael sah. Er saß in der dritten Reihe und nickte mir zu, als er mich bemerkte. Ich nickte zurück. Wie hübsch er wieder war.
Pfarrer Vogt erzählte eine Geschichte aus dem Alten Testament, ich konnte der Predigt nicht folgen. Und ich sang auch nicht, nur meine Lippen bewegten sich. Zu sehr beschäftigte mich Michael, einen Steinwurf weit weg von mir. Noch einmal drehte ich mich zu ihm um, suchte ein weibliches Wesen neben ihm. Kam er alleine oder war seine Frau bei ihm? Ich konnte in seiner unmittelbaren Umgebung niemanden ausmachen der ihr entsprochen hätte.
Die Glocken läuteten, die Messe war vorbei. Ich spürte meine Knie zittern als ich aufstand. Sollte ich mich überhaupt mit Michael treffen? Es tat unheimlich weh und ich beschloss, nicht in den Ochsen zu gehen. Ich wollte allein sein.
Ich ging als letzter hinter den Leuten hinaus, nahm aber nicht den Hauptausgang. Schnell wischte ich durch den Seiteneingang hinaus und eilte zu meinem Auto. Michael würde sicher am Eingang auf mich warten, hier konnte er mich nicht sehen.
Ein paar Minuten danach raste ich die Allee hinaus. Ich wollte zum Zauberwald, ich musste dorthin. Außer Marcus kannte ihn niemand und ich war froh, es nie jemanden anderen gesagt zu haben.
Wenig später saß ich an meinem kleinen Bach. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, das gurgeln des Wassers beruhigte mich. Ich ließ mich in das Moos fallen und starrte durch die Tannen in das dunkle Blau. Nein, nichts mehr. Kein Freund, kein Theater, keine Eifersucht, keine Liebe. Tat ich damit jemandem weh? Ich wüsste nicht, wem. Eigentlich war es eh egal ob ich hier war oder nicht. Sie meinten immer, mich trösten zu müssen. Mir Mut zu zusprechen. „Wird schon werden“, „wirst einen finden“.. Dieses Blabla ging mir zunehmend auf die Nerven. Nein, hier sein, nicht nachdenken, nur das Leben genießen. Das ging auch ohne Junge, oder Mann, oder wie auch immer. Ich rupfte einen Halm aus der Erde und kaute darauf herum. Schluss, sagte ich mir, endlich Schluss.

»Michael hat dich überall gesucht«, war das erste, was ich später zu Hause zu hören bekam.
»Und, warum hat er mich gesucht?«
»Ihr wolltet euch im Ochsen treffen, es ging immerhin um die Abwahl Hofmanns.«
»Und, hat man ihn abgewählt?«
»Nein.«
Ein Felsbrocken traf meine Stirn. »Was?«
»Eine Stimme hat für Michael gefehlt…«
Mir brach der Schweiß aus, ich sackte auf den Küchenstuhl. »Wie konnte das passieren?«
»Vetternwirtschaft. Hofmann hat eine große Lobby hier.«
Es war meine Stimme die gefehlt hatte. Wäre ich da gewesen.. »Ich dachte, man hat einen guten Draht zum Forstamt?«
»Ja, stimmt schon, aber irgend etwas ist da schief gelaufen. Vermutlich hockt da seit neuestem ein entfernter Verwandter von Hofmann.«
Ich nickte nur, war wohl mit Schuld, dass Hofmann weiterhin Mist bauen konnte. Tine fiel mir ein, ich musste sie mal wieder besuchen. Und daran hindern konnte mich eh keiner mehr. Mir wurde alles egal.
Ich dachte an Michael. Nichts war mit Freundschaft. Er würde wieder sein altes Revier betreuen, zu weit weg um ihn öfter zu sehen. Ich hätte kotzen können, so schlecht wurde es vor mir selbst. Dabei war ja gar nichts zwischen uns. Nur eine Freundschaft hatte ich haben wollen. Mir war wirklich schlecht.

Die Tage auf dem Hof neigten sich dem Ende zu. Noch eine Woche, dann war es vorbei. Ich hatte mich ein letztes Mal in den Zauberwald zurückgezogen, nachdem ich meinen Eltern sagte dass mir nicht gut wäre. Sie hatten es akzeptiert, auch wenn nun gerade wieder viel Arbeit auf dem Hof war. Und gut war mir wirklich nicht.
Mein Handy piepste.
„Hallo Stefan,
wie geht es dir?
Gruß
Marcus“
Ich antwortete ihm dass es mir gut ginge, mehr nicht. Er konnte ja nichts dafür.
Die wenigen Tage hier wollte ich noch genießen. Tine besuchen, Paula brauchte Streicheleinheiten, Sammy, Jockel, mein Gockel, die Katzen. Lange Zeit würde ich sie nicht mehr sehen, und sie waren mir wichtiger.
David meldete sich nicht und ich tat es ihm nach. Warum sollte ich die beiden besuchen? Es gab keinen Grund.
Meine Eltern, nun ja, sie hatten die letzte Zeit nichts mehr über das Thema Familie und ich gesagt und mich in Ruhe gelassen.
Der Tag der Abreise kam. Ich lud meine Sachen in den Wagen und verabschiedete mich von meinen Eltern. Ich war den Tränen nahe, versuchte gefasst zu bleiben. Ich drückte die beiden und fuhr einfach los. Ein schöner, sonniger Tag.

*-*-*

Kapitel 2
Meine Studentenwohnung in Hamburg war öd und leer im Vergleich zu der Stube, in der ich auf dem Hof gewohnt hatte.
Bruno und Peter waren meine Mitbewohner, zwei merkwürdige Typen. Hockten nur über den Ausarbeitungen, lasen und schliefen viel. Anfangen konnte man mit denen überhaupt nichts. Bruno, zuordnen konnte ich den gar nicht. Wir redeten nur über Sachen, die unser Studium betrafen. Peter schaute wenigstens ab und zu mal Fernsehen, aber sonst war da auch nichts. Im Grunde war es mir Recht so, ich hatte meine Ruhe. Die Arbeitsteilung ging Problemlos, fürs Kochen waren Peter und ich zuständig, Bruno schmiss den Haushalt. Keiner wusste um meine wahren Gefühle, aber ich war mir sicher dass sie es ahnten, zumindest vermuteten. Scheinbar war ihnen das aber völlig egal.
Mir passte in den Kram, dass die beiden noch zwei Tage weg waren. Nächste Woche begannen die Vorlesungen schon wieder und der ganze Trott ging von vorne los.
War das alles nur ein Traum was hinter mir lag? Nein, zu real die Bilder in meinem Kopf.
Es klopfte und Lena stand vor der Tür, in der Hand ein Blumenstrauß.
Sie küsste mich auf die Wange. »Schön dass du wieder da bist«.
Lena wohnte mit zwei anderen Kommilitoninnen nebenan und ich mochte sie. Keine Zicke, nicht aufdringlich. Auch sie schien zu ahnen was mit mir los war, so dachte ich bis zu dem Tag. Dann musste ich feststellen, dass sie es wusste.
»Und, hattest du einen schönen Aufenthalt bei deinen Eltern?«
»Ja, schon..«
»Jemanden kennen gelernt?«
»In dem Kaff?«
»Komm, einen wird’s doch da auch geben.«
Ich schluckte, verstand aber sofort. »Woher weißt du es?«
»Sowas weiß ich nicht, das spüre ich. Ich bin keine Hellseherin, aber eine gute Beobachterin. Du hast nie irgendwelche Andeutungen gemacht was mich betrifft. Also ich mein, so in der Art mal einladen, ausgehen, einfach was zusammen unternehmen. Und eine andere Frau ist auch nicht um dich rum.«
»Aber das muss doch nichts heißen.«
»Doch, in deinem Alter schon.«
»Na gut«, sagte ich, »ich hoffe dass wir trotzdem Freunde bleiben.«
Sie lachte. »Klar, Mensch, warum nicht? Ich kenn ne Menge schwuler Jungs aufm Campus. Die sind mir fast lieber wie diese Anmachetypen. Meine Güte Stefan, glotz nicht so. Glaubst du, du bist alleine hier?«
»Nein, natürlich nicht.«
»Was ist, willst du mir nicht erzählen was da los war?«
Ich brühte uns einen Kaffee und es tat gut, mit ihr über all das zu reden. Ich ließ nicht mal die Nacht mit David aus. Wie ein Film lief noch einmal alles vor mir ab.
»Aha. Und nun bist du hier. Kein David, kein Marcus, kein Michael.«
»So ist es wohl.«
»Du weißt aber schon, dass du selber Schuld hast?«
»Ich vermute es.«

»Mensch Stefan, wann willst du es lernen? Wie sagte David: »Meine Güte, soll ich dir zeigen wie man um einen Jungen kämpft..«
»Ich kann das nicht.«
»Nun, das ist deine Meinung, ich bin anderer.«
»Und was soll ich jetzt machen? Zurückfahren und alle großzügig bitten, mit mir ins Bett zu gehen?«
»Stefan, du wirst ausfallend dir selbst gegenüber. Dass Michael verheiratet ist, okay, da kannst du nichts machen. Dass David und Andreas es noch mal versuchen wollen, auch keine Chance. Marcus hat seine Freundin, auch dumm gelaufen.«
»Na bitte, was denn noch?«
Sie ließ sich zurückfallen in den Sessel und blies die Luft aus. »Könnte es sein, dass du Erfahrungen gesammelt hast? Und wie wär’s jetzt einfach mal mit einem der süßen Studenten hier?«
Sie hatte Recht. Ich steigerte mich in etwas hinein, das keinen Grund und Boden hatte. Aber wer sollte das hier sein? »Und, hast du einen Vorschlag?«, fragte ich.
»Verkuppeln werde ich dich sicher nicht.«
»Aber?«
»Komm doch Morgen Abend einfach mal zu uns rüber, Nadia feiert ihren Geburtstag. So, ich muss dann mal wieder, wir müssen noch einkaufen. Überlegs dir, Nadia freut sich wenn du kommst.«
Da saß ich nun und mir war klar was sie sagen wollte. Da kamen noch andere. Aber war das etwas für mich? Ansehen allerdings kostete ja nichts und gehen konnte ich auch wieder wenn ich wollte.
Ich packte meine Sachen aus und richtete die getragenen Klamotten zum waschen zusammen. In die Waschküche ging ich gerne. Da konnte man sich über alles Mögliche unterhalten, Wein trinken, rauchen.. Das war es, was ich jetzt brauchte. In dem Gebäude gab es 20 Wohnungen, die meisten als 2 – oder 3er WG, nur wenige Einzelzimmer. Da hatte ich schon länger eine Option drauf und nachdem bald wieder Prüfungen waren, dürften meine Chancen gut dafür stehen.
Auf der Fahrt im Lift nach unten stiegen noch Robbie und Ulf zu, ebenfalls mit Waschkorb in der Hand. Ich mochte die beiden und obwohl es niemand aussprach war bekannt, dass sie was zusammen hatten. Kurze Begrüßung, belangloses Blabla bis wir unten waren. Aus irgend einem Grund war mal wieder Party angesagt im Keller. Es roch nach Räucherstäbchen, Gras, Goloises, Schnaps, ein bisschen Schweiß und Musik mischte sich unter das Getratsche. Wie viele Studis auf dem kleinen Raum drängelten war überhaupt nicht auszumachen, an waschen jedenfalls war nicht mehr zu denken. Wir ließen unsere Körbe im Gang zurück und drängelten uns in die Masse. Ich bin kein Freund solcher Veranstaltungen, aber an dem Tag brauchte ich das. Ablenkung, egal um welchen Preis. Irgendwer drückte mir im vorbeigehen einen Joint in die Hand, jemand anderes gab mir einen Becher. Ich blieb stehen, zog an der Zigarette und nippte an dem Becher. Es schmeckte nach Barcadi-Cola. Mir war egal ob sich jemand mit mir unterhielt, Hauptsache ich konnte vergessen.
Sehr schnell stellte sich mein Kopf auf die Situation ein. Ich begann, mich näher umzusehen. Es war eigentlich ein ständiges Kommen und Gehen, ein Lachen und Dröhnen. Und der Qualm brannte in meinen Augen. Egal, hier wollte ich bleiben bis ich keine Lust mehr hatte, wann immer das sein sollte.
»Hallo du«, hörte ich neben mir eine Stimme. Mein Blick fiel auf einen jungen Kerl, etwas kleiner als ich, dunkelblond gestylt, blaue Augen und ein hübsches Gesicht. Dürfte mein Alter gehabt haben. Ohne etwas zu sagen stieß ich auf seinen Becher an.
»Schon länger hier?«, wollte er wissen.
»Ein Jahr ungefähr.«
»Bin letzte Woche eingezogen. Und was machst du so?«
Eigentlich wollte ich nur hier stehen und sonst nichts. Warten bis ich müde wurde, aber der Kerl begann mich zu interessieren. Ich erzählte ihm was ich studierte, mit wem ich zusammenwohnte und woher ich kam. Ich erfuhr, dass er Fabian hieß und Mathe studierte. Immerhin..
Es machte mich nervös wir er mich dabei ansah, mit seinen schon leicht glasigen Augen. Auf einmal war er weg. Okay, so konnte es bleiben. Mal ein Gespräch, dann wieder nichts, mir gefiel dieser Nachmittag hier unten.
Plötzlich hielt mir Fabian einen Becher vors Gesicht und starrte mich an. »Prost, Stefan.«
Ich trank und erst dann bemerkte ich, dass es purer Barcadi war. Ich würgte kurz, dann schluckte ich den Rest hinunter.
»Na, nicht so trinkfest?«, nuschelte er. Anscheinend hatte er schon einiges mehr intus.
»Nicht unbedingt«, sagte ich daraufhin und Sekunden später hielt mich Fabian am Arm.
»Kommst mit hoch? Ich hab ne Singlebude. Hier ist es laut, eng und man kriegt ja keine Luft.«

Mein Kopf glich einer Dampfwalze und in meinem Mund klebte alles zusammen, der Geschmack war einfach widerlich.
Langsam öffnete ich die Augen. Sofort registrierte ich, dass das nicht mein Zimmer und ich somit nicht in meinem Bett lag. Noch langsamer setzte ich mich auf. Chaos um mich herum, stellte ich trotz des Brummschädels fest. Die Bettdecke lag auf dem Boden, Kleidungsstücke flogen in der gesamten Bude herum. Ich erkannte darunter auch mein T-Shirt, meine Jeans – meine Shorts. Zwei leere Flaschen Wein lagen da, sah aus als hätte die jemand einfach dahingeworfen. Ich lag nackt auf dem Bett, und neben mir noch jemand. Mit dem Rücken zu mir, ebenfalls nackt. Nur langsam kehrten die Bilder der Nacht zurück. Fabian..? Ja, da lag er, schlief tief und fest. Ich ließ mich wieder langsam sinken, legte den Arm über mein Gesicht um der Helligkeit zu entgehen, die die aufgehende Sonne ins Zimmer schickte.
Was war da passiert? Nichts, gar nichts ließ sich meinen grauen Zellen entlocken. Ich konnte mich an wirklich überhaupt nichts mehr erinnern, nachdem ich Fabian letzte Nacht gefolgt war. Was war denn nun wieder los? Hatte mich von dem Jungen abschleppen lassen. Es ist ja so einfach, sich jemanden für eine Nacht zu suchen und dann zu tun, als wäre nie etwas passiert.
Zum aufstehen war ich kaum fähig. Ich musste aufs Klo, aber ich fürchtete dort nie anzukommen. Fabian räusperte sich und drehte sich zu mir um. Er öffnete ein ganz klein wenig die Augen. »Na, Süßer, alles okay mit dir?«
Süßer. Ich betrachtete seinen Körper, um dann schnell den Blick wieder abzuwenden. Wie konnte jemand in diesem Zustand eine Morgenlatte haben? Und dazu noch.. Ich schluckte. Was, verdammt, war letzte Nacht hier in diesem Bett passiert? Zufällig fiel mein Blick auf den Nachttisch. Ein Päckchen Kondome lag da, angebrochen. Wenigstens das. Aber wer mit wem? Wieso konnte ich mich einfach nicht mehr daran erinnern?
Ich stand langsam auf, betrachtete mir noch einmal dieses Geschöpf neben mir. Okay, anziehen, verschwinden. Raus hier. Fürs Bett war ich scheinbar allen gut genug.
Mit unheimlichem Dröhnen im Kopf suchte ich meine Klamotten auf dem Boden zusammen und begann mich anzuziehen.
Fabian setzte sich auf. »Hey, willst du schon gehen? Es ist Samstag.«
»Sorry, Fabian, aber ich denke es ist genug.«
Er rieb sich sein Gesicht und starrte mich an. »Oh, ist was Falsches passiert?«
»Nein, ich denke nicht.«
»Du bist doch schwul, oder? Jedenfalls hatte ich den Eindruck letzte Nacht..«
Ich ging auf ihn zu, während ich meinen Gürtel an der Jeans zumachte. »Was für ein Eindruck?«
»Mann, Stefan, du… du warst so toll. Das kann kein Hetero.«
Mir blieb die Luft weg. »Wie meinst du das?«
»Du erzählst mir jetzt nicht, dass du nicht mehr weißt was alles passiert ist.«
»Doch, tu ich. Besoffen und zugekifft wie ich war hab ich keine Ahnung, was gewesen sein könnte.«
Fabian grinste. »Glaub ich dir nicht. Hey komm, bleib hier. Ich mach uns ein Frühstück. Du bist für mich nicht nur die Nummer für eine Nacht.«
»Ach, was dann?«
»Ich hab deine Worte noch genau im Ohr.«
Mir wurde das Gespräch peinlich. Was hatte ich alles gesagt in meinem Delirium? »Welche Worte?«
»Dass du mich lieb hast. Und ich hab dir das gleiche auch gesagt. Weil es so ist.«
»Wie kann man einen Mann nach einer Nacht lieb haben?«, konterte ich.
»Was weiß ich. Aber es ist so und jetzt mach doch kein Gedöns. Komm, bleib bei mir.«
»Nein, Fabian, ich hab zu viele Erlebnisse derart hinter mir, ich möchte mir nicht selbst dauernd in den Arsch treten müssen.«
Er sah mich entgeistert an. »Was soll das heißen?«
»Ich denke einfach, ich bin Beziehungsunfähig. Warum weiß ich auch nicht, aber es scheint so. Und bevor da jetzt wieder Sachen passieren.. Du, ich weiß nicht was wir heute Nacht hier gemacht haben und vielleicht will ich es auch gar nicht wissen.«
Er stand auf und kam nackt wie er war auf mich zu. »So, willst du nicht? Ich kann es dir sagen: Du bist der zärtlichste Junge der mir je begegnet ist.«
»Aha, dann gab’s ja schon ne Reihe anderer vor mir.«
»Du wirst kaum etwas dagegen machen können.«
Ich spürte, wie Streit aufkam.
»Aber bitte«, sagte er dann in ruhigem Ton, »du kannst gern in deinem Selbstmitleid versinken. Ich find dich ziemlich okay und ich hab mich auch gefreut, dich kennen zu lernen. Aber so wie es aussieht ist dir das egal. Geh, da vorne ist die Tür.«
Bruno und Peter standen in der Waschküche, jeder mit einer Flasche Mineralwasser in der Hand. Sie sahen so wenig munter aus wie ich.
»Und, wie ist das Befinden?«, fragte mich Peter.
»Sieht man das nicht?«, grinste ich.
Sie nickten. »Scheiß Sauferei.«
Ich stopfte meine Wäsche in die Maschine, füllte Pulver und Weichspüler ein uns stellte mich zu ihnen. Noch immer hing der Qualm in der Luft, es roch nach allem Möglichen. Wenigstens hatte jemand aufgeräumt.
»Wisst ihr wer dieser Fabian ist?«
Die beiden sahen sich an. »Fabian Roth? Klar, der ist bei uns im Fach. Warum?«
»Nur so.«
»Aha«, sagte Bruno plötzlich, »ne lauschige Nacht mit ihm gehabt?«
Ich wurde sicher rot, sagte aber nichts. Es stand nur fest, dass er bekannt war – und schwul. Ich grinste nur.
»Der ist okay«, mischte sich Peter ein.
»Ah so?«
»Ja, ein bisschen schüchtern vielleicht..«
»Schüchtern??«
»Naja, wenn er was getrunken hat eher nicht..«
»Ihr scheint ihn ja gut zu kennen.«
»Wie es so ist wenn man nebeneinander sein Zimmer hat..«
»Peter, das heißt doch nicht dass..?«
»Nein, quatsch. Er ist keine Hure wenn du das meinst. Liebebedürftig halt.«

Ich versuchte später in meiner Bude, den Kater mit Kaffee zu bekämpfen, aber das gelang mir nur spärlich. Eine SMS traf ein.
„Hallo Stefan,
wie geht es dir in Hamburg? Die Schule ist ätzend und ich möchte so gern wieder auf den Hof. Hast du das Rehkitz schon getauft? Vielleicht kannst du mir ja mal ein Foto schicken. Gruß, dein Marcus.“
Tränen stiegen in meine Augen. Warum konnte man mich nicht einfach in Ruhe lassen? Sofort kamen die Erinnerungen zurück. Tine.. David, Michael.
Wie lange brauchte ich für die Fahrt nach Langenrehm? Maximal eine halbe Stunde?
Wenig später fuhr ich hinaus aufs Land. Unterwegs rief ich die Beiers an, dass ich kurz vorbeikommen würde. Zwar brummte mir noch immer der Kopf, aber ich versuchte es zu ignorieren.
Wieso wollte Marcus wieder zurück auf den Hof? Ich entschied mich, ihn anzurufen.
»Hallo Marcus, hier ist Stefan.«
»Stefan? Meine Güte, das freut mich aber. Wie geht es dir?«
Was sollte ich sagen? Dass es mir prima ging, weil ich letzte Nacht mit einem Jungen geschlafen hatte? Und einen Brummkopf, weil ich gekifft und gesoffen hatte? Ich hätte mir überlegen sollen was ich sagen will.
»Mir geht’s ganz gut. Und dir?«
»Das klingt nicht gut. Ist was passiert?«
Ich hätte heulen können, allein seine Stimme zu hören war schlimm für mich. »Ich fahre grade raus zu dem Kitz.«
»Oh nein, oder? Ich mag es auch sehen.«

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