Das Boycamp III – Teil 10

Wo liegt der Unterschied zwischen Freizeit und Dienst im Camp? Auf alles findet Nico keine Antwort und Teil seines Praktikums ist es, das selbst herauszufinden.
Am Steinbruch findet Steins Abschiedsfeier statt, zu der er auch eine Überraschung mitgebracht hat.

Nico erzählte im Schnelldurchlauf die Geschichte des Jungen, auch von seinem Vorschlag, an der Schlacht teilzunehmen. Dass die Jungs nackt waren, verschwieg er.

»Nico, das musst du entscheiden. Irgendwann stehst du alleine da und keiner gibt dir Anweisungen. Aus dem Bauch raus muss das kommen, verstehst du?«

Nico räusperte sich. »Ja, okay. Äh.. die Jungs haben doch jetzt Freizeit, oder?«

»Eigentlich schon, aber warum fragst du?«

»Nur so. Nicht dass die was tun was sie nicht sollen.«

»So lange sie nicht wieder alles auseinander nehmen..«

»Nee, da sorge ich für.«

Stein lachte. »Was anderes hab ich jetzt nicht erwartet. Bis dann.«
Nachdenklich beendete Nico das Gespräch. Zwar war es Unsinn, nachher seinem Bauchgefühl die Schuld zu geben, aber bevor der Zauber da drüben aus war gab es nur eins.

»Simon, komm, wir mischen die dort mal kräftig auf.«

»Ehrlich?«

»Du hast es so gewollt. Und nun los.«

Während sich Nico das Hemd über den Kopf zog, schielte er hinüber zu den Jungs. Marco beobachtete ihn dabei, was bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiter schlimm war. Aber unter diesen Blicken musste nun auch die Hose weichen und das war dann doch nicht so einfach. Nico entschied sich für die Seitenstellung, so musste er sich nicht von vorn oder hinten präsentieren.
Das allgemeine Umfeld wie der Wald, der Ort an sich verhinderten eine Erektion, vor der sich Nico am meisten fürchtete. Rasch eilte er dann zu den Jungen hinüber, die allerdings keine Notiz von ihm nahmen, sowenig wie von Simon, der ihm kurz darauf folgte. Das taten sie erst, als Nico mit einem Satz in der Brühe saß. Es spritzte auf und schon war er den Attacken der Jungs ausgeliefert.

Rick wurde ruhig, als Simon an das künstliche Becken kam. Der Rüde hielt scheinbar einen Sicherheitsabstand ein, eindeutig spürte er die Furcht des Jungen und wollte ihn offenbar nicht unnötig ängstigen. Immer wieder beobachtete Nico den Jungen, der sich ihnen nur zögerlich näherte und Rick dabei nicht aus den Augen ließ.

»Hey, cool dass Sie mitmachen«, rief Patrick und hob den Daumen hoch.

»Das gehört.. zur Therapie.. sozusagen..«, antwortete Nico etwas unsicher.

Patrick kniff die Augen zusammen. »Zur Therapie.. aha..«

Dann nahm sich Simon ein Herz und stürzte sich auf Roko und Patrick, so dass die drei mit einem Schrei ins Wasser fielen. Nico rutschte ein Stück auf dem Hintern entlang um den Rangeleien aus dem Weg zu gehen, als Marco sich nun ebenfalls auf die im Wasser liegenden stürzte.
Zufall oder nicht, plötzlich spürte Nico einen Arm um den Hals und wurde nach hinten umgerissen. Kurzzeitig tauchte sein Gesicht unter Wasser und als er sich prustend aufsetzte, kniete Marco so halb über ihm. Sein Gesicht, völlig vom Schlamm verdreckt, glich eher einer Fratze, aber die Augen leuchteten wie blitzende Edelsteine daraus hervor. Sekundenlang trafen sich ihre Blicke, die auch unter diesen Umständen mehr sagten als jedes Wort. Nico spürte sofort, dass seine Gefühle doch erwidert wurden. Da war mehr als nur Zufall im Spiel, dessen war er sich sicher.

Ohne ein Wort rollte sich Marco zur Seite und patschte vergnügt mit den Handflächen in das Wasser. Nico war einen Augenblick wie benommen, zudem kam ihm das alles hier allmählich unwirklich vor. Wenige Minuten nur, und sein Weltbild des Betreuers gerieten ins Wanken. Er würde dieser Aufgabe nicht gewachsen sein, niemals. Vielleicht würde es anders aussehen, wenn er einen festen Freund hatte; jemanden, an den er sich abends ankuscheln und möglicherweise über all seine Gefühle über einen solchen Tag wie diesen reden konnte. Ansonsten würde er sich ständig der Gefahr ausgeliefert sehen, sich in den einen oder anderen Jungen zu vergucken und damit permanent in bedenklichem Fahrwasser zu treiben. Dieser Zwiespalt drohte ihm nun den Spaß zu verderben. Klar war, dass es solche Aktionen nicht ständig, wenn überhaupt noch einmal geben würde. Ob er Simon damit tatsächlich etwas von seiner Angst nehmen konnte schien an dieser Stelle aber so gut wie unmöglich.

»Ist was?«, fragte Marco denn auch, dem Nicos nachdenkliches Gesicht aufgefallen war.

»Nein, alles okay«, log er.

Nico spürte, dass Marco ihm diese Antwort nicht abnahm, aber auf eine grundlegende Diskussion wollte sich Nico an der Stelle nicht einlassen. Immerhin hatte es direkt mit Marco zu tun und überhaupt war dies der falsche Ort um zu reden.

Der war nur für Simon richtig. Rick hatte sich drei Meter neben dem Schauplatz auf den Waldboden gelegt und beobachtete die planschende Gruppe. Nico musste an dieser Stelle zu einem Ergebnis kommen, auch wenn das jetzt fraglich schien.

»Hey Simon. Ich hab mein Versprechen gehalten, jetzt bist du dran.«

»Du meinst..?«

»Ja, ich meine.«

Beide sahen sie zu Rick hinüber und der schien auf ein Kommando zu warten. Nico winkte ihn, ohne dass Simon das mitbekam, mit dem Kopf zu sich. Rick stand langsam auf, blieb aber zunächst nur an der Stelle stehen.

»Simon, guck dir den Hund an. Total verdreckt, weil er mit den Jungs im Schlamm gespielt hat. Ich weiß ganz genau, dass er dich in dieser Runde vermisst hat. Sieh es einfach mal so: Rick weiß nicht, warum du ihm aus dem Weg gehst. Wie soll er auch? Er spürt dass du Angst vor ihm hast und nun musst du ihm zeigen, dass du genau das nicht hast.«

Simon nickte zum Zeichen, dass er zumindest das verstanden hatte.

»Also, lass ihn zu uns kommen, okay? Dass er harmlos ist, das weißt du.«

Wieder nickte der Junge und stand auf. Trotz allem ein lustiges Bild, wie Nico fand, total mit Schlamm bedeckt, die Haare, das Gesicht, einfach alles. Allerdings wusste Nico auch, dass er nicht besser aussah.
Nun kam Rick Schwanz wedelnd zu den beiden herüber. Es schien, als wolle er so harmlos wie möglich aussehen und irgendwie gelang ihm das sogar. Einen Meter von Simon weg blieb er stehen, immer noch mit dem Schwanz wedelnd.

»Fass ihn ruhig an, Simon. Er mag dich, sonst wäre er jetzt gar nicht erst hier.«

»Aber du bist doch da..« Simons Stimme zitterte leicht.

»Tu so, als wär ich es nicht, okay?«

Der Junge nickte wieder und hob in Zeitlupentempo seine Hand. Rick setzte sich nun hin und kam nicht näher. Etwas Besseres konnte er in Nicos Augen gar nicht tun. Er selbst schwieg jetzt, wandte sich von den beiden ab um sich wieder in das Getümmel im Schlamm zu stürzen. Er war sicher, alles andere musste jetzt einfach ohne ihn ins Laufen kommen.

Ab und an schielte er hinüber und beobachtete, wie Simon Ricks Schnauze streichelte. Vorsichtig geschah das, als wäre der Hund aus Glas. Aber der Anfang war gemacht, von nun an würde es die Zeit bringen, bis Simon Vertrauen zu dem Husky gefasst hatte. Ob das dann draußen mit anderen Hunden auch funktionieren würde, das war eine andere Sache.

Kurze Zeit später flachte dann das Spiel mit dem Schlamm ab und die Jungs begaben sich ein Stück weiter nach oben, wo der Bach noch sauber war. Nico sah, wie Simon mit Rick im Geleit auf ihn zukam.

Er stupste Simon an die Brust. »Siehst du, es geht doch.«

Der Junge lächelte, wobei seine schneeweißen Zähne aus dem schlammverdreckten Gesicht hervorleuchteten.

Beim abwaschen des Schlammwassers zwang sich Nico, den Jungs dabei nicht zuzusehen. Er beschäftigte sich mit seinem Körper und tatsächlich verhinderten die Gedanken an die Zukunft hier sämtliche erotischen Hintergedanken.

Nachdem sich die Jungs vom gröbsten Schlamm gereinigt hatten, verteilten sie sich in ihre Hütten, während Nico zusammen mit Rick zum Hauptgebäude lief. Stein über den ganzen Vorgang zu informieren, das wollte sich Nico sparen; Antworten, wenn er gefragt wurde, mehr nicht. Allerdings musste er damit rechnen, dass seine Teilnahme an dem Badespaß herauskommen würde, von daher war es vielleicht doch besser, mit Stein oder wenigstens Bode darüber zu reden.

Der lief ihm dann auch prompt über den Weg. Richtig sauber wurde man auch durch das klare Bachwasser nicht, womit Nico natürlich sofort auffiel.

»Oh, was ist dir denn passiert?«

»Die Jungs haben nen Staudamm am Bach gebaut und.. na ja, bei der Hitze bot sich an..«

Bode nickte. »Kann’s mir vorstellen. Bloß sollten die das wieder in den Ursprungszustand bringen, ich glaub Angelmann sieh sowas nicht gerne.«

Daran hatte Nico gar nicht gedacht. Um diesen Zustand wieder herzustellen war es allerdings unvermeidlich, erneut in den Schlamm zu steigen. Aber das war nicht seine Sache, befand er. »Ich werds ihnen sagen.«

»Und wieso siehst du so aus?«

Nico grinste und Bode verstand.

Zum Mittagessen erschienen die Jungs wieder sauber und rein, als wäre nie etwas geschehen. Nico war vor ihnen duschen gewesen und hatte die Restzeit bis zum Mittag an seinem Notebook gesessen. Von Stefan noch immer keine Antwort, was nach dieser langen Zeit nur bedeuten konnte, dass er von dieser Sache hier gar nichts wissen wollte. Nico hatte es befürchtet, aber nun erstarb auch das letzte Fünkchen Hoffnung. Nun schien es doch endgültig zu sein und diese Tatsache betrübte ihn, trotz allem. Dennoch schrieb er eine weitere Mail an Stefan, dass er sich wenigstens melden sollte, er brauchte ja keine Stellungnahme abzugeben.
Rasch überfolg Nico noch die Wetterseiten und erst Ende der nächsten Woche zeichnete sich eine Änderung der Wetterlage ab. Bis dahin rechneten die Computermodelle weiterhin heißes Hochsommerwetter.

Nach dem Essen setzte Rainer Bode die Jungs über den restlichen Ablauf des Tages in Kenntnis. Er stand auf und ging an den Tisch der Gruppe.

»Übrigens gibt’s bei Herrn Steins Feier heute Abend eine Änderung. Wir werden alle zusammen feiern, also auch Camp zwei, oben am Bahnhof. Das liegt so ziemlich genau zwischen den Camps, jeder hat den selben Herr Gröbner hat das meiste schon hochgefahren und im Grunde wird nur das gemeinsame Grillfest vorverlegt. «

»Wie lange wird das denn gehen?«, wollte Roman wissen.

Stein grinste. »Für euch Jungs nicht später als Mitternacht.«

»Ihr müsst euch euren Appetit allerdings schon anmarschieren. Zum Feierabend werdet ihr gefahren. Wir sind ja..«

».. keine Monster«, ergänzte Nico lachend.

Gemurmel unter den Jungs, aber es war nicht zu verstehen, um was es ging.

»Und.. kommt sonst noch jemand?«, wollte Nico von Falk wissen.

»Alle Jungs und Betreuer, Hubert Angelmann, Antonia Berger, Doktor Gebhard und ich glaub Horst Walther von der Polizei hat auch frei heute.«

»Hm, ne ganze Menge.«

»Okay Jungs«, wandte sich Stein nun der Gruppe zu. »Um 16 Uhr ist Abmarsch, bis dahin habt ihr ausnahmsweise frei. Und gleich zu Anfang: Ich wünsche da oben keine Extratouren. Dass es euch nicht langweilig wird, dafür sorgen wir schon selbst.«

Nico holte sein Buch aus der Seitentasche seiner Hose und warf einen Blick auf den Dienstplan. Angeführt war an diesem Nachmittag „Sport“, was immer man darunter auch verstehen konnte. Aber mittlerweile herrschte wieder die Wüstenhitze da draußen und jede körperliche Anstrengung geriet – ohne Wasser – zum Marathon. Von daher war der Marsch zum Bahnhof schon das äußerste, was man den Jungs zumuten konnte.

Nico setzte sich etwas später auf die Bank hinter dem Gebäude, auf der schon Rainer Bode saß und rauchte.
»Du Rainer.. mir ist siedendheiß eingefallen, dass zumindest ich gar nichts für Falks Abschied habe. Ich mein, er hat verdammt viel für mich getan und tut es immer noch.«

»Na ja, ich kann dir da auch nicht helfen, denn ich kenne Falk und er würde es eh erst mal ablehnen. Er mag das eigentlich nicht.«

»Mag sein, aber so gar nichts..«

»Du kannst es ihm ja nachreichen. Köln ist ja nicht am anderen Ende der Welt und ich glaube sowieso, dass dein schönstes Geschenk an ihn der Tag sein wird, wo du hier deine Arbeit aufnimmst.«

Nico schluckte. Noch war seine Ausschweifung – so bezeichnete er bereits die gemeinsame Schlammschlacht – nicht angesprochen worden. Rainer wusste, dass er mitgemacht hatte und in der Regel klappte die Kommunikation unter den Betreuern sehr gut. Dennoch fühlte sich Nico nicht wohl in seiner Haut.
»Du weißt, dass ich mit denen da im Wasser war..«

Bode zog an seiner Zigarette und nickte. »So hab ich’s verstanden.«

»Rainer, ich hab das Gefühl ich krieg das hier nicht in den Griff. Ich fürchte, ich werde die Grenzen niemals finden, die zwischen den Betreuern und den Jungs gezogen bleiben muss.«

»Ich dachte mir, dass du das eines Tages sagen wirst«, lachte Bode. »Aber du machst dir zu viele Gedanken. Was glaubst du, wie lange ich oder Falk oder die anderen gebraucht haben, um genau diese Grenzen herauszufinden? Und selbst jetzt, nach ziemlich langer Erfahrung, kriegen wir sie noch aufgezeigt. Das ist ein Prozess, der eigentlich niemals endet. Stell dir vor, wie langweilig das hier wäre wenn man schon im Vorfeld genau wüsste, was passiert. Ums deutlicher zu sagen: Jeder Junge hier ist ein spezielles Individuum und fast immer gilt für jeden einzelnen auch eine besondere Behandlung. Wenn du, wie Falk es mir erklärt hat, einem dieser Jungen die Angst vor Hunden nehmen willst, dann ist das ganz alleine deine Entscheidung. Du musst es nicht tun, klar, aber wenn es vom Gefühl her wichtig für die Therapie sein kann, dann heißt es eben einsteigen in den Ring. Das macht unsere Arbeit hier erstens interessant und zweitens Abwechslungsreich.«

»Aber ich weiß nicht, ob so eine Phobie am Ende mit dem Erfolg der Therapie zusammenhängt.«

Bode rieb Daumen- und Zeigefingerspitzen aneinander. »Das nennt man dann Fingerspitzengefühl. Grundsätzlich aber kann man sagen, dass es keinen Schaden nimmt wenn man sich näher mit diesen Sachen beschäftigt. Wie weit ist Simon eigentlich gegangen?«

»Er hat Rick an der Schnauze gestreichelt und danach ist ihm Rick nicht von der Seite gewichen bis ich mit ihm dort weg bin.«

»Na bitte. Alles andere kommt von selbst. Du musst auch bedenken, dass du in diesem Praktikum das erste Mal Berührung damit bekommst. Irgendwann kannst du entscheiden, was du tun oder lassen sollst.«

Nico dachte noch lange über Rainers Worte nach. Es lag also meistens in seiner Entscheidung was er machen wollte und was nicht. Zweifellos hatte er sich mit dem Schlammbad sehr weit vorgewagt, er dachte sogar schon an die Schamgrenze. Aber offensichtlich hatten die Jungs keinerlei Berührungsängste und damit hakte Nico dieses Thema ab. Simon zumindest hatte von dieser Einlage profitiert und alles andere musste Nebensache bleiben.

Ein Klopfen weckte ihn, der Stress und wenige Schlaf der letzten Tage hatte an seinen Reserven gezehrt, darum war er gleich nachdem er in sein Zimmer zurückging, auf seinem Bett eingeschlafen.

Rainer Bode stand unter der Tür. »Hallo Nico. Gut geschlafen? Es ist gleich 16 Uhr und ich wollte fragen, ob du mit den Jungs zum Bahnhof laufen möchtest. Falk braucht mich hier noch und Michael ist schon oben.«

Nico rieb sich die Augen und gähnte. Der kurze Schlaf war tief und traumlos gewesen und hatte damit seine Batterien weitgehend aufgeladen. »Na ja, wenn das so ist, bleiben ja nicht viele Möglichkeiten übrig.«

Bode grinste. »Streng genommen nicht.«

»Okay, ich mach mich fertig und nehm sie mit.«

Rick begrüßte ihn, als er das Gebäude verließ. »Sieht wohl so aus, als hättest du ein neues Herrchen, wie?«

Der Husky wedelte mit dem Schwanz und folgte Nico schließlich zum Camp.

Dort warteten die Jungs bereits auf dem Baumstamm auf ihn.

»Gut, Jungs. Wir werden etwa zwei Stunden brauchen. Das klingt viel, geht aber schnell vorbei, vor allem wenn ihr nicht trödelt. Wenn es jemand zu schnell geht oder sonst was nicht stimmt, immer schön melden. Also dann, mir nach.«

Nico beschloss, in der Gruppe zu bleiben und nicht nachzulaufen. Das geschah auch unter der Prämisse, dass es sich um Freizeit und nicht um Programm handelte. Simon war zwar immer noch etwas auf Abstand bezüglich des Huskys bedacht, aber Nico nahm an, dass sich das während des Marsches ändern würde. Der Trick bestand einfach darin, dass er selbst keinen großen Abstand zu Simon hielt. Rick folgte ihm an seiner Seite und so kämen sich die beiden wohl oder übel näher.

Von Beginn an marschierte Marco neben Nico und dem Rüden her.
»Also, ich hab mir das hier viel schlimmer vorgestellt«, meinte Marco dann auch.

»Nun ja, es ist ja erst eine Woche vorbei. Die nächsten beiden dürfte es dann schon eher zur Sache gehen.«

»Würde mir nicht viel ausmachen. Besser als Langeweile jedenfalls.«

»Oh, ich wusste nicht dass euch langweilig ist.«

Marco lachte. »So hab ich das nicht gemeint. Es war schon cool bis jetzt, aber.. ah, vergiss es.«

Allmählich kam Nico dann auch mit den anderen Jungen ins Gespräch. Es ging um alles Mögliche, vom Essen über das Rauchverbot bis hin zu dem Wilderer, dessen Geschichte sich sehr schnell im Camp herumgesprochen hatte.

Die Gruppe legte nur eine kleine Pause auf der Wiese bei den Trauerweiden ein, offenbar trieb sie der Hunger dann rasch weiter. Nico musste sie nicht antreiben oder zusammenhalten, es lief alles ohne Probleme. Kein totes Reh, keine wilden Hunde.. nur der entwischte Wilderer machte Nico jetzt irgendwie Sorgen. Aber ihm hier zu begegnen schien eher unwahrscheinlich.

»Werden die den abgestürzten Flieger schon geholt haben?«, fragte Marco.

»Ich nehme es an. Immerhin war da ja auch Umweltschaden entstanden, durch das Kerosin mein ich.«

Simons Abstand zu Rick hatte sich bis auf einen Meter reduziert. Zwar schielte er immer mal wieder zu dem Husky, achtete jedoch nicht auf einen Mindestabstand. Nico fand es einen Riesenfortschritt im Gegensatz zu den letzten Tagen. Insofern ließe sich seine Teilnahme an der Schlammschlacht rechtfertigen, obwohl es für ihn persönlich eine Ausrede war. Es war eben im passenden Moment geschehen.

Allmählich näherten sie sich dem Bahnhof und schon jetzt stand fest, dass die Jungs dieses Ziel in Rekordzeit geschafft hatten. Vor der Halle standen bereits Felix Gröbners Auto, auch Steins Wagen parkte am Waldrand im Schatten.

An einer der Hütten stieg eine Rauchwolke in den Himmel und schon von weitem roch es nach glimmender Holzkohle. Nico freute sich auf diesen Abend, obwohl der Grund dazu nicht unbedingt erfreulich war. Sichert würde es auch ohne Falk Stein hier weitergehen, zweifellos jedoch würde eine Lücke entstehen. Nach allem, was Nico bis jetzt erlebt hatte, würde er ganz bestimmt nicht die Nachfolge antreten. Diesen Platz würden andere besetzen, allen voran Rainer Bode.

»Was seh ich denn da? Gibt’s Bier da drüben«?, fragte Roman und sah Nico verwundert an.

»Ausnahmsweise«, grinste Nico.

Auf den letzten Metern zum Grillplatz vor der Hütte blieb er stehen, während sich die Jungs hungrig und durstig zu Gröbner gesellten. Nico sah sich um und seufzte. Wie vertraut war ihm diese Ecke nun schon und es gab nichts zu deuteln: Rein vom Gefühl her fürchtete Nico, seine Tage hier seien gezählt. Er beobachtete Marco, wie er mit den Jungs am Zapfhahn des Bierfasses herumalberte, ging in die Hocke und kraulte Ricks Fell. »Ich glaub immer mehr, dass das nichts für mich ist, Rick.« Marco sah zu ihm herüber, wohl mit einem fragenden Blick. Sie standen bereits in einer besonderen Beziehung zueinander, daran gab es keine Zweifel. Die gab es nur, was die nächste Zeit hier betraf. Wie weit wollte Nico gehen? Der Sache wegen hätte er sich sagen müssen, bis hierher und nicht weiter, aber seine Gefühle vereitelten diesen Gedanken. Er war so vermessen zu behaupten, Marco mit einem Fingerschnippen herumzukriegen. Er wartet nur darauf, dachte Nico und diese Ansicht machte es ihm nicht unbedingt leichter. »Komm, wir gehen zu ihnen, ich habe Durst«, sagte er zu Rick und lief zu der Gruppe hinüber.

Die Jungs aus Camp zwei waren noch nicht eingetroffen, und so herrschte auf dem Platz noch eine gewisse Ruhe.
Falk Stein stand an dem provisorischen Büffet, das aus einer breiten Diele auf zwei Holzböcken bestand und würzte das Fleisch. Erst jetzt fiel Nico eine weitere Person auf, die neben Stein stand. Doch nach wenigen Augenblicken traute er seinen Augen nicht. Zierlich, klein, schüchtern und doch..

Langsam ging Nico auf den Jungen zu, den er hier niemals erwartet hätte. Antoine sah schon aus der Entfernung krank aus. Blass, die Haare in der Stirn. Aber er war es wirklich. Fast beschämt sah zu ihm herüber.

»Antoine..« Nico reichte dem Jungen die Hand.

»Hallo Nico.«

»Das ist aber ne Überraschung.. «

»Ich hab ihn gefragt und er hat ja gesagt. Nun ist er hier«, meinte Stein.

Nico legte seinen Am um Antoines Schulter und zog ihn einige Schritte mit sich fort, so dass sie ungestört reden konnten.

»Wie geht es dir? Es ist.. richtig toll dass du da bist.«

Antoine lächelte, aber es sah eher gequält aus. »Ich.. dachte.. Na ja, es geht es geht so einigermaßen. Die Ärzte haben mir einen Tag freigegeben, sozusagen. Herr Stein hat mich abgeholt und er bringt mich auch wieder zurück.«

Die ganze Strecke war Stein gefahren, nur um den Jungen hier dabeizuhaben. »Musst du noch lange im Krankenhaus bleiben?«

»Weiß ich nicht, aber sie haben mir.. eine gute Prognose gegeben. Trotz allem..«

»Antoine, du musst es mir nicht sagen.. aber wo.. hast du dich angesteckt? Und was haben deine Eltern gesagt?«

Antoine spielte mit seinen Fingern, offenbar waren ihm die Fragen nicht angenehm.

»Du musst nichts sagen, gar nichts«, wiederholte Nico.

»Schon gut. Es war.. vor etwa sechs Monaten. Wir waren auf einer Freizeit zelten, mit dem Fußballclub. Und da.. hab ich mich.. ach Nico, es ist halt passiert. Der Junge war aus dem Ort damals und ich hab.. mich halt von ihm.. «

Nico drückte Antoines Arm. »Lass gut sein, ich kann es mir denken.«
Tränen stiegen in die Augen des Jungen. »Wir waren betrunken und ich hab’s eigentlich gar nicht gewollt.«

Antoine begann zu schluchzen und Nico nahm ihn in den Arm. Es war ihm in diesem Moment völlig Gleichgültig, wie man das deuten konnte.
»Komm, wir gehen zu den anderen. Wenn du reden möchtest, sag es einfach, okay?«

Antoine nickte und wischte sich eine Träne aus den Augen.

Stein hatte die beiden aus dem Augenwinkel beobachtet, bemerkte Nico.

»Na Nico. Na, alles gut gelaufen mit den Jungs?«

»Ja.. keine Probleme. Ausnahmsweise.«

Stein neigte den Kopf. »Höre ich das etwas heraus?«

»Mag sein. Dir kann man ja eh nichts vormachen.«

»Nico, was soll ich mit dir noch anstellen? Du bist hier, weil du was lernen willst. Dazu gehört in jedem Fall auch immer eine Überlegung: Zum Beispiel darüber, was richtig und was falsch ist. Wir haben das alle durchgemacht und es gab nie einen Grund, die Sache hier in Zweifel zu ziehen.«

Sie standen alleine und Nico konnte offen reden. »Falk, ich glaube.. ich bin einfach nicht stabil genug. Ich hab mit den Jungs nackt gebadet, nur um Simon seine Angst vor Hunden zu nehmen. Das ist doch.. völlig absurd.«

Stein schien diesem Geständnis überhaupt kein Gewicht beizumessen. »Na und? Hattest du Erfolg?«

Nico drehte sich um und sah zu der Gruppe. »Simon hat Rick gestreichelt und er geht ihm nicht mehr aus dem Weg.«

»Na bitte. Egal wie auch immer, du hattest eine Idee und du hast sie umgesetzt. Unter welchen Umständen, das spielt am Ende nicht die geringste Rolle. Du wirst noch sehr oft in Situationen geraten, wofür es keine Patentlösung gibt. Was tu getan hast, steht in keinem Lehrbuch.«

Nico verstand was Falk damit sagen wollte, aber so richtig zufrieden war er mit seiner Ausführung nicht. Er wagte es, einen Schritt weiterzugehen. »Und was passiert, wenn ich mich.. in so einen Jungen.. verlieben würde?«
Steins Gesicht wurde ernst. »Man kann das nicht ausschließen, da bin ich realistisch genug. Aber da musst du eine Grenze ziehen und ich denke nicht, dass ich dir das näher erläutern muss.«

Nico schüttelte den Kopf. »Klar. Aber gesetzt den Fall.. «

»Wenn du dir nicht sicher bist, dass du es im Griff hast, dann ist es besser.. Sag mal, ist da.. etwas passiert?«

Es war eine Frage der Zeit, bis ihn Falk durchschaut hatte, das war sogar todsicher. Vielleicht wollte Nico, dass er selbst darauf kommt.

»Nein, passiert ist nichts, aber ich spüre es.«

»Und wer ist es?«

»Marco Serrolas.«

Stein nickte und drehte die Steaks, um sie von der andren Seite zu würzen. »Solange nichts passiert ist, kannst du ja noch eingreifen. Sollte er dir zu nahe kommen, musst du ihn abweisen.«

Das war deutlich und auch endgültig. An dieser Stelle gab es kein bisschen oder ein wenig. Entweder – oder, das war Steins klare Botschaft. Aber konnte er Falk oder sogar sich selbst eine Garantie dafür geben, dass er nicht schwach wurde?

»Nico, es geht hier ausschließlich um den Ruf des Camps. Was meinst du was passiert, wenn Marco zum Beispiel später seinem Bewährungshelfer munter erzählt, dass er mit einem Betreuer ein Verhältnis hatte? Das gleiche oder erst recht gilt auch für einen Praktikanten. Die Berger stampft uns hier in Grund und Boden, da kannst du Gift drauf nehmen.«

Das leuchtete ein, egal aus welchem Blickwinkel man die Sache betrachtete. Immer wieder sah Marco zu ihm herüber und dieser Augenaufschlag sprach einfach nur Bände. Es lag an ihm, den Jungen zu ignorieren und damit allen erdenklichen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Letztlich musste er es als eine Art Feuertaufe sehen, eben einfach die Grenzen nicht nur auszuloten sondern am Ende auch einzuhalten.

Unter all diesen Aspekten wurde Nicos Euphorie mächtig gedämpft.

»Nun mach nicht so ein Gesicht, Nico. Glaubst du ernsthaft, das war nicht vorauszusehen? Ich denke, du selbst hast diese Angst von Anfang an gehabt, stimmts? Und jetzt ist das eingetreten, wovor du dich am meisten gefürchtet hast. Das ist nun mal der Lauf der Dinge und jeder von uns, ich nehme da keinen aus, hat seine Ängste gehabt, wovor auch immer. Die große Kunst im Camp ist es, sich dem zu stellen und damit umzugehen. Es ist diese Herausforderung, die das Leben hier so einmalig macht. Du bist kein Typ für hinter den Schreibtisch, so wenig wie alle Betreuer hier. Aber das alles hat nun mal seinen Preis. Denk mal drüber nach.«

Nico presste die Lippen zusammen. Vielleicht gelang es ihm ja tatsächlich, dem allem gewachsen zu sein. Später, wenn es wirklich so weit kam, dass er hier Betreuer sein würde. Aber da war auch die Sache mit dem Haschisch. Schon zwei Vergehen, die er sich nie und nimmer erlauben durfte. Jetzt, in diesen Wochen, war das sicher nicht so gravierend, aber später durfte es keine solchen Ausreißer mehr geben.

Aus dem Wald kamen nun zwei Fahrzeuge, im einen saß Leo Maier, im anderen Irwin Probst und Gerd Hagen.
Die Männer sahen in ihren Freizeitklamotten so völlig anders aus, fast waren sie nicht wieder zu erkennen.

Wenig später standen dann alle Betreuer beisammen und Nico spürte eine besondere Atmosphäre unter ihnen. Sollte man glauben, dass die räumliche Trennung unter diesen Umständen auch zu einem gewissen Abstand untereinander führen konnte, aber dem war nicht so. Nico ahnte allerdings schon jetzt, dass sich die Gespräche unter ihnen um die Vergangenheit drehen würden. Um Anekdoten, Erlebnisse, schöne und weniger schöne Begebenheiten. Sicher würde es interessant sein da zuzuhören, denn vieles war ja auch passiert, wovon Nico noch nichts wusste.

Dann erklangen Stimmen aus dem Wald, zweifelsohne trabten die Jungs aus Camp zwei langsam an. Sie begrüßten die Jungs aus Camp eins per Handschlag und auch hier fremdelte niemand. Sie saßen alle im gleichen Boot, das war ihnen offenbar schon recht früh klar geworden.

Inzwischen legte Gröbner die ersten Steaks auf den Schwenkgrill und Nico gesellte sich zu ihm. »Na, ein besseres Wetter können wir auch nich kriegen, wie?«

»Oh ja, das kann man sagen. Aber für ein Kräftemessen ist es doch reichlich heiß.«

Nico spitzte die Ohren. »Kräftemessen?«

Felix Gröbner grinste. »Ja, machen die immer hier. Ich meine, wenn man jetzt sieht wie sie so beisammen stehen, trinken, rauchen, reden – da könnte man meinen, die wären ein Herz und eine Seele. Aber da ist trotzdem eine Art Rivalität. Wir haben das früher erst gar nicht so bemerkt, bis ein paar der Jungs auf die Idee kamen, sich zu messen. Welches ist das stärkere Camp?«

»Tatsächlich? Und wie machen.. oder machten die das?«

Gröbner zeigte mit der Grillzange über den Gleiskörper. »Siehst du den alten Waggon da drüben?«

Nico hätte nicht einmal hinzusehen brauchen, er lachte. »Und ob ich den sehe.«

»Die kamen auf die Idee, den Wagen in Gang zu bringen. Haben sie dann auch im Rahmen der Ergotherapie gemacht. Also keine Holz- oder sonstige Arbeiten, nein, die haben so lange an dem Wagen gewerkelt, bis der sich wieder bewegen ließ.«

»Aha. Und dann?«

»Tja, dann war es relativ einfach. Jedes Camp muss den Wagen innerhalb einer bestimmten Zeit eine gewissen Strecke fortbewegen. Wie oder mit was liegt bei den einzelnen Gruppen.«

Nico grinste. »Das find ich ne tolle Idee.«

»Ja. Macht denen immer ne Menge Spaß und ehrgeizig, das waren bis jetzt alle.«

»Und wann machen die das?«

Gröbner sah auf die Uhr. »So in einer Stunde etwa. Wenn sie gegessen haben.«

Auf so einen Einfall musste man erst mal kommen. Nico beschloss, sich den Waggon kurz näher anzuschauen und lief zu ihm hin.

»Ganz schön alt, das Teil, wie?« Marco war ihm unauffällig gefolgt und stand nun mit seinem Glas Bier neben Nico und Rick.

»Ja, ich kenn den noch, da war das die reinste Rostlaube. Aber jetzt..«

Scheinbar hatten die Jungs vor ihnen alle unnötigen Teile des Waggons abgebaut, um ihn so leicht wie möglich zu machen. Er beschloss zunächst, nichts von dem Wettbewerb zu sagen, sicher war das auch eine Art Überraschung.

Sie liefen um den Waggon herum und tatsächlich hatten die sich alle Mühe gemacht, ihn wieder zum laufen zu bekommen. Die Achsenlager alle eingeölt und gefettet. Nico verspürte direkt Lust, an diesem Kräftemessen teilzuhaben. Aber das war nun wirklich nur eine Sache unter den Jungs, wobei er nichts zu suchen hatte.

Motorgeräusche waren zu hören und ein weiteres Fahrzeug traf vor der Halle ein. Aus dieser Entfernung war Doktor Gebhard in dem Auto zu erkennen. Nur Augenblicke später fuhr auch Hubert Angelmanns Range Rover vor, er parkte seinen Wagen weiter unten direkt neben den Gleisen. Fehlte nur noch der Polizist, aber da wusste Stein ja nicht genau ob der Dienst hatte an dem Abend.

Kurz bevor Nico zurücklaufen wollte, huschte die Erinnerung an diesen Waggon durch sein Gedächtnis. Als Erkan sich hier versteckt hielt und die Eisenstange zu sich nahm, während sie drüben unter der Rampe Deckung gesucht hatten. Triestes, trübes Regenwetter lastete über der Gegend, was dieser Szene etwas Bedrohliches verliehen hatte. Und auch Stefans Aussage, er würde diese Gegend hier „nicht mögen“, fiel ihm wieder ein. Aber jetzt, unter diesen Umständen, wirkte das alles völlig friedlich.

Marco zündete sich eine Zigarette an. »Auch eine?«, fragte er Nico und stürzte ihn erneut in einen Gewissenskonflikt. Wo war diese verdammte Grenze? Überschritt er sie schon alleine dadurch, dass er dieses Angebot annahm? Nach kurzem Zögern nahm er es an und fischte sich eine Zigarette aus der Packung.

Marco ging ein paar Schritte um den Waggon herum, wobei er neugierig den Zustand begutachtete. Nico folgte ihm und dann waren sie außer Sichtweite der anderen und sie redeten dabei kein Wort miteinander.
Marco blieb stehen und musterte Nico eindringlich. Diesem Blick zu widerstehen erforderte Nicos ganze Kraft. Die Augen, die Wimpern, dieser volle, sinnliche Mund. Marco war in dieser Woche noch brauner geworden und Nico musste an das Wort Schön denken, auch wenn er es nicht durfte. Es war aber nicht nur Marcos Aussehen, das ihn in den Bann zog, daran hatte er ja nie gezweifelt. Dieses Knistern war plötzlich wieder da, die fast spürbare Spannung. Angenehm war sie, warm. Wenn kaum einmal der Ausdruck, man könne sich in Augen verlieren, zutreffen würde, hier tat er es. Obwohl Nico jeden Millimeter, den sich ihre Gesichter jetzt langsam näherten, registrierte, tat er nichts dagegen. Er konnte es einfach nicht. Langsam aber stetig bildete sich ein Strudel, in den er hineingezogen wurde. Und mit ihm hinein alle Bedenken, Ängste, Verbote. Der Zeigefinger, der vor unüberlegtem Handeln warnte, Steins strenger Blick.

Er ließ seinen Kippen zu Boden fallen, genauso wie Marco Sekunden davor. Alles wurde undeutlich, undefinierbar, verlor an Bedeutung bis hin zu absoluten Handlungsunfähigkeit.

Der Strudel drehte sich noch Minutenlang, nachdem ihn Marcos Lippen losgelassen hatten. Dominant blieb der Geschmack des Kusses, der Geruch, der von dem Jungen ausging, sonst nichts. Nico wusste, dass er einen Fehler gemacht hatte, er war zu weit gegangen. Vielleicht wusste er auch, dass an dieser Stelle sein Job hier gelaufen war, aber er nahm es nicht wahr. Wenn es raus kam, war er bereits weg hier und ob sich das alles wegen eines Kusses bezahlt machen würde, spielte in dem Augenblick keine Rolle. Eines jedoch wusste er ganz bestimmt: Niemals würde er sich gegen solche Gefühle auflehnen können.

Marco wandte sich ab. »Entschuldige.. das hab ich.. nicht gewollt.«

Nico sah zu Boden. Trotz allem war er den Tränen nahe, denn noch nie war sein Wunschtraum in so weite Ferne gerückt wie in diesen wenigen Minuten. Alles was er sich vorgenommen hatte, drohte wie eine Seifenblase zu zerplatzen. Hatte Stefan das alles geahnt? War er deswegen so gegen Nicos Wunsch, weil er wusste, dass er sich damit selbst überforderte? Fragen über Fragen, auf die es zumindest an dieser Stelle keine Antworten gab. »Ist schon gut. Es war ja auch meine Schuld.«

»Kriegst du jetzt Ärger?«

Nico lächelte gequält. »Das hängt im Grunde von dir ab. Ich werde es nicht jedem freimütig erzählen. Niemanden eigentlich.« Damit sprach er bereits eine Bitte aus.

»Ich auch nicht. Ehrenwort.«

Obwohl es gefährlich war, den Jungs hier solche Versprechen abzukaufen, glaubte ihm Nico. Was würde er davon haben? So lange sich Nico loyal ihm gegenüber verhielt, brauchte Marco das tatsächlich niemanden zu sagen. »Komm, ich glaub die Steaks rufen.«

Nico sah von weitem, dass Stein sie beobachtete, wenn auch nur Augenblicke lang. Von hier aus gab es auf keinen Fall Einsicht zu der Stelle wo es passiert war und Rick konnte zum Glück nicht reden. Wenn alles gut ging würde dieser Kuss ein ewiges Geheimnis bleiben.

Nico begrüßte zunächst die Neuankömmlinge und setzte sich zu der Betreuergruppe. Während des Essens konnte man meinen, die Jungs aus den beiden Camps wären stets beisammen. Sie saßen nicht nach Camp nebeneinander, sondern querbeet durcheinander. Nico schmeckte das Steak nicht besonders, obwohl sich Felix alle Mühe gegeben hatte. Stattdessen zapfte er sich ein paar Biere mehr als er eigentlich vertrug. Allerdings glaubte er zumindest, dadurch etwas leichter über das Geschehnis hinwegzukommen. Dennoch trafen sich seine und Marcos Blicke überdurchschnittlich oft und Nico musste annehmen, dass Stein auch dieses nicht verborgen blieb. Aber im Grunde war es fast schon egal. Die zwei kommenden Wochen würde er noch durchstehen, danach würde man weitersehen müssen.

Die Betreuer hatten etwas Abseits Platz genommen und wie erwartet drehte sich das meiste um die Anfangszeit des Camps. Immer wieder kam Stein auf Nico zu sprechen; auf ihn, Manuel, Erkan und Stefan. Für Nico war es eine Zeitreise und viele Dinge, die er längst vergessen hatte, traten wieder in den Vordergrund.

Auch die neuen Betreuer hörten aufmerksam zu, viele Details waren ihnen noch unbekannt. Falk Stein redete und redete, er schwelgte förmlich in der Vergangenheit und in so gut wie jedem Wort erklang die Wehmut, mit der er hier wegging.

»Aber es gibt ja würdige Nachfolger«, warf er dazwischen ein und Nico schmeckte nicht, dass er ausgerechnet ihn dabei ansah. Ahnte er denn wirklich gar nichts? War ihm entgangen, dass er mit Marco eine Weile Unsichtbar hinter dem Waggon war? Aber womöglich traute er Nico auch nicht zu, sich dort zu einem Kuss hinreißen zu lassen. Du hast ihn enttäuscht, grübelte Nico. Er weiß es nicht und der erwartet von dir Disziplin. Anstand. Du hast den Ruf des Camps geschädigt.. Immer mehr solcher Gedanken machte sich in Nicos Kopf breit. Er sah sich in einer Art Mausefalle, aus der es kein Zurück gab. Wäre er alleine gewesen, hätte er geheult. So versuchte er, sich zusammenzureißen und gute Mine zum bösen Spiel zu machen. Ab und an sah er zu den Jungs hinüber, die ausgelassen feierten, auch wenn ihnen der Grund dazu gar nicht richtig bewusst sein würde.

Nachdem sie gegessen hatten, stand Stein auf und ging zu den Jungen hinüber. »So, der gemütliche Teil ist erst mal vorbei.«
Dann begann er ihnen die Spielregeln des Wettkampfs zu erklären, Nico hörte nur mit einem Ohr zu. Viel wichtiger war ihm, wie er die kommenden Tage herumbringen würde ohne alles noch schlimmer zu machen, als es ohnehin schon war. Abstand zu Marco..

»Nico, kommst du mal rüber?«

Stein rief nach ihm und riss ihn aus seinen Gedankengängen. »Du hast mitbekommen, worum es geht?«

»Ja klar, Felix hat es mir auch schon erklärt.«

»Schön. Dann obliegt dir die Zeitmessung. Der Waggon muss innerhalb drei Minuten fünf Meter weit geschoben werden. In dem Moment, wo das erste Räderpaar über die Markierung rollt, drückst du die Stoppuhr und gibst ein Zeichen, okay?«

»Alles klar.« Nico war froh, dass er auf andere Gedanken gebracht wurde und begab sich dann auch mit den Jungen zu dem Waggon.

Leo Meier hatte bereits mit Kreide ein Strich auf die Gleise gemacht, genau fünf Meter weit weg. »Nico, am besten du bleibst hier bei den Markierung.«

»Okay.»

Am Ort des Geschehens versammelten sich denn auch alle Anwesenden, Leo Meier leitete den kleinen Wettkampf richtig förmlich ein.

»Alles erstes tritt an Camp eins. Ich rufe die Teilnehmer im Einzelnen auf: Simon Tolpe, Roman Vavlek, Marco Serrolas, Roko Svenic, Patrick Held. Bitte die Aufgerufenen auf die linke Seite.«

Die Jungs folgten ihm und stellten sich auf.

»Teilnehmer des Camps zwei: Holger Pech, Dirk Hansen, Karsten Kordes, Sebastian Humb und Dimitri Wegener. Bitte nach rechts. Wer zuerst anfängt, entscheidet ein Cent.«

Den hielt Leo Meier in zwei Fingern und zeigte ihn herum. »Wer Kopf, wer Zahl?«

»Zahl«, kam es zuerst aus den Reihen von Camp zwei und Meier warf die Münze in die Luft.

Gespannt verfolgten die Jungs den Aufschlag auf Maiers Handrücken, dann hob Meier die Hand, unter der die Münze zum Vorschein kam. »Zahl«, rief er.

Die Jungs aus Camp zwei jubelten und begannen, ihre Hemden auszuziehen. Nico beobachtete sie dabei, ohne bestimmte Hintergedanken zu vertuschen. Es war nun mal schön anzusehen. Man musste es einfach aus ästhetischer Sicht betrachten: Saubere, gut gebaute Jungenkörper, von der schon tief stehenden Sonne golden beschienen. Romantisches Klischeedenken, aber es passte eben zusammen. Nico ärgerte sich, keine Kamera dabei zu haben und ob es jemals wieder so eine Gelegenheit geben würde war inzwischen mehr als fraglich geworden.

Die Jungen suchten sich passende Angriffsgelegenheiten an dem Waggon, probierten hier und da, um ihre Position zu ändern. Schließlich hob Karsten die Hand. »Wir sind soweit.«

Nico positionierte sich an der Markierung und hob ebenfalls die Hand, denn auf sein Zeichen sollte es losgehen. In diesem Augenblick fuhr ein weiteres Fahrzeug auf das Bahngelände. Ein unbekanntes Auto, mit zwei Personen besetzt, parkte neben den anderen Fahrzeugen und die Insassen stiegen aus. Eine der beiden war durch seine längeren Haare schon auf diese Entfernung zu erkennen.

»Thomas?«, fragte Roko.

Nico kniff die Augen zusammen. Ganz klar, das war der abgestürzte Pilot, der andere Mann war unbekannt. Beide kamen nun ziemlich eilig zu dem Waggon herüber und winkten.

»Tatsächlich, Thomas.. «, sagte Nico.

».. Prauner«, ergänzte Patrick.

»Hallo zusammen, entschuldigt die Verspätung, aber wir haben den Weg einfach nicht gleich gefunden«, entschuldigte sich Thomas.

Nicos Seitenblick zu Falk verriet, dass der nicht überrascht war, eher erleichtert.

»Das ist mein Vater, Xaver Prauner.«

Der Mann, der wohl um die Sechzig sein durfte und so braungebrannt und schlank war wie sein Sohn, gab ebenso wie Thomas den Betreuern die Hand. Auch er entschuldigte sich, blieb dann direkt vor Stein stehen. »Dann kann das wohl.. warten bis das hier vorbei ist.«

Stein nickte und das Ganze Gespräch blieb irgendwie rätselhaft.
Thomas strahlte förmlich und winkte zu der Gruppe aus Camp eins. »Hallo Jungs«. Sie winkten und grüßten zurück.

»Okay, Männer, es geht los«, führte Leo Meier dann wieder an und beendete die kurze Unterbrechung.

Nico freute sich, Thomas wieder zu sehen, vor allem schien er gesund und munter. Dann jedoch widmete er sich seiner Aufgabe, ging wieder in die Hocke an der Markierung und hob erneut die Hand. In der anderen hielt er die Stoppuhr und rief dann: »Achtung, fertig… und dann.. LOS!«

Im selben Augenblick drückte er auf die Stoppuhr und die Jungs aus Camp zwei legten sich mächtig ins Zeug. Unter gegenseitigem Anfeuern stemmten und drückten sie gegen den Waggon, der sich Anfangs nur Millimeterweise fortbewegte. Schon wurden die Gesichter der Jungs rot vor Anstrengung, aber keiner ließ locker. Die Schreie wurden lauter und gepresster, der Wagen begann, Fahrt aufzunehmen. Nico war etwas verwundert, wie schnell es dann plötzlich ging. Dabei wusste er noch vom Physikunterricht, dass die meiste Kraft nur dazu aufgewendet werden musste, um die Masse aus der Ruhe in Bewegung zu bringen. Nachher würde auf ebener Strecke ein Mann genügen, den Waggon in Fahrt zu halten. Noch zwei Meter, einen Meter.. »STOPP!« schrie er und hielt die Uhr an.

»Eine Minute und zwanzig Sekunden.« Dabei wusste Nico nicht, ob diese Zeit gut oder eher schlecht war. Fest stand nur, dass genügend Zeit bleiben würde und wohl auch auf eine schwache Gruppe ausgelegt war.

Die Betreuer und auch die Jungs aus Camp eins klatschten und Pfiffe waren zu hören, während der Waggon langsam ausrollte. Dabei legte er aber noch gut weitere zehn Meter zurück, ehe er stand.
»Okay, das war eine sehr gute Zeit«, meinte Leo Meier. »Wir machen eine neue Markierung, zurückschieben könnt ihr den Wagen nachher alle zusammen.«
Meier hielt das Maßband an die Radachse und Nico ging die Gleise entlang, um die Markierung auf den Schienstrang zu machen.

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