Das Boycamp III – Teil 11

Die Feier erreicht ihren Höhepunkt, aber der Übermut der Jungen endet beinahe mit einer Tragödie.
Stein tauft das Camp und Marco stellt Nico vor eine Entscheidung. Überraschend beschließt Falk Stein, dass die Jungen die Nacht am Steinbruch verbringen sollen und dafür wird eine Aufsicht gebraucht..

Inzwischen hatten auch die Jungs von Camp eins ihre Hemden ausgezogen und Nico konzentrierte sich auf seine Aufgabe. Er wusste inzwischen, wie die Jungs unbekleidet aussahen und wollte weder sich noch eventuell Falk Stein mit seinen Blicken provozieren.

»Okay, seid ihr fertig?«, rief er.

Patrick hob die Hand. »Fertig.«

Nico zählte herunter:»Drei, zwei, eins.. LOS!«

Auch hier wieder die Anfeuerungsschreie, die laut und durchdringend vom Steinbruch wiedergegeben wurden und weithin in den Wald schallten.

Zwei Meter, ein Meter.. »STOPP!« Nico las die Zeit ab. »Eine Minute, dreißig Sekunden,« rief er seiner Gruppe zu und die Enttäuschung war unzweifelhaft zu hören, trotz des Beifalls der anderen.

Leo Meier schwang sich gekonnt auf den Tiefladewaggon, der nach weiteren zehn Metern zum Stehen gekommen war »Damit steht das amtliche Endergebnis fest: Camp zwei hat mit zehn Sekunden Vorsprung gesiegt.«

Jubel aus dieser Ecke, Freudenrufe. Aber gleichzeitig gingen die Jungs auf die Verlierer zu und klopften auf Schultern, schüttelten Hände. Dass Camp eins verloren hatte, fuchste nicht nur Nico.

»So ein Mist. Wenn man das geahnt hätte, es wäre genug Zeit zum üben gewesen«, raunte ihm Marco zu.

»Tja, wie das Leben so spielt.. man kann nicht immer alles planen«, kam es von Falk Stein, der Marcos Bemerkung gehört hatte. Dann kletterte er ebenfalls auf den Waggon.

»Hört mal her, Jungs. Einen Preis für diesen Wettbewerb zu machen ist natürlich schwierig, aber angesichts des knappen Siegs scheint es sinnvoll, den Verlierern noch eine Chance zu geben. Auszutragen als Schwimmwettbewerb nächste Woche.«

Applaus und allgemeine Zustimmung waren die Antwort auf diesen fairen Vorschlag. Nur drei der Jungen zogen sich ihre Hemden wieder an, der Rest verteilte sich mit nacktem Oberkörper rund um den Grillplatz.

Nachdem sich die Jungen ausgeruht hatten, meldete sich Leo Meier zu Wort. »So Jungs, nachdem ihr nun wieder zu Kräften gekommen seid, dürft ihr den Waggon zurückschieben«, rief Leo Maier in die Runde. Seltsamerweise gab es keinen Widerspruch, die Jungs rappelten sich auf und gingen zu dem Wagen hin, der bereits an der ersten Weiche des Gleiskörpers stand. Nico beobachtete, wie zwei von ihnen, Simon und Dirk, auf den Waggon kletterten.
Die anderen riefen sich irgendetwas zu und allen voran schien Karsten so etwas wie Anweisungen zu geben. Das war aus dem Grund sonderbar, weil es für diese Aktion eigentlich nichts groß zu bereden gab. Die anderen Betreuer und Gäste unterhielten sich am nun entfachten Lagerfeuer und beachteten das Treiben da draußen gar nicht. Dabei war es nun eindeutig, dass Karsten irgendwelche Instruktionen gab. Er wedelte mit Armen und Händen in der Luft, zeigte mal auf den oder jenen Jungen.

»Was zum Teufel machen die da?«, fragte Nico, der sich daraus keinen Reim machen konnte.

Nun sahen alle zu den Jungs hinüber.

»Die machen das wissenschaftlich. Ist ja okay so. Aber wenn du es genau wissen willst, geh hin und frag was los ist.«

Das war eindeutig. Nico stand auf und wie schon fast die ganze Zeit folgte ihm Rick ohne dazu aufgefordert worden zu sein.

»Was treibt ihr denn da? Gibt’s Probleme?«, fragte Nico, nachdem er bei dem Waggon angekommen war.

Karsten sah ihn an. »Wir wetten, dass der Wagen in einer Minute an dem Busch da hinten ist.« Dabei zeigte Karsten mit dem Arm an die etwa zehn Meter weiter entfernte Stelle.

»Jungs, das ist aber die falsche Richtung«, gab Nico zu bedenken. »Ihr sollt ihn doch nur zurückschieben.«

»Ja, aber die Strecke ist so kurz, da kann der Wagen nicht richtig ausrollen. Dürfen wir?«, wollte Marco wissen.

Sicher wäre es kein Problem gewesen, den Jungen diesen Wunsch abzuschlagen, aber einen triftigen Grund dazu gab es eigentlich nicht. »Na schön. Aber ich habe keine Stoppuhr und..«

»Macht nichts«, mischte sich Roko ein und zeigte auf seine Armbanduhr.

Nico hob die Hände. »Macht was ihr wollt.«

Johlen und Grölen war nun zu vernehmen, so dass die anderen am Lagerfeuer nun doch gespannt herübersahen.
Allmählich begann es zu dämmern, die große Hitze war vorbei und hier in dieser Ecke wurde es angenehm kühl. Wahrscheinlich deshalb waren sie auch die Idee mit diesem Waggon gekommen, denn in der Tageshitze hätte sich keiner zu so einer Aktion freiwillig durchgerungen. Wer mit wem gewettet hatte wollte Nico dann gar nicht wissen. Er stellte sich mit Rick etwas Abseits und beobachtete, wie die Jungs in Position gingen, Simon und Dirk setzten sich auf die Ladefläche.

»Hier ist die Notbremse«, rief Simon lachend und zeigte auf den Handhebel, den die Vorgänger anscheinend angebaut hatten und von der Ladefläche das Waggons aus zu bedienen war.

Zusammen mit den anderen aus der Gruppe suchte sich Karsten eine gute Position und gab dann auch das Kommando.

»Eins.. zwei.. drei.. und LOS!«

Langsam setzte sich der Waggon in Bewegung, jedoch weit schneller, als das mit fünf Personen gelungen war. Die Jungs legten sich mächtig ins Zeug. Dimitri stolperte, rutschte aus und landete zwischen den Gleisen, war aber rasch wieder auf den Beinen und half weiter beim anschieben. Eine Menge Ehrgeiz, bewunderte Nico den Vorgang. Der Wagen wurde rasch schneller und kam schließlich an dem bestimmten Busch an.

»STOPP!«, rief Roko und blieb im selben Augenblick mit den anderen stehen. Einige Jungs liefen noch nach, ohne den Wagen weiter fort zuschieben.

Nico kniff die Augen zusammen. Er sah, dass Simon an dem Hebel zog, damit aber scheinbar gar nichts bewirkte.

»Zieh ihn hoch!«, schrie Nico dem Jungen zu, aber es war eindeutig zu sehen, dass Simon verzweifelt versuchte, den Wagen anzuhalten. Geistesgegenwärtig sprang Dirk von dem rollenden Waggon herunter und landete unsanft neben dem Gleisbett.

Sofort rannten Nico und Rick los, aber auf den Schwellen kam er nicht schnell genug voran. Die anderen Jungen nahmen ebenfalls die Verfolgung auf und erst in diesen Sekunden begriff Nico, warum der Waggon nicht langsamer wurde. Ab der Stelle, wo der Busch stand, begann das leichte Gefälle des Gleises. Dieses Gefälle wurde immer steiler, je weiter man von dem Verladebahnhof wegkam.

»Spring ab«, schrieen die Jungs durcheinander und inzwischen waren auch die Betreuer auf das Unheil aufmerksam geworden. Stein, Bode und Meier liefen sofort los als sie die Schreie hörten.

Rick gelang es als einzigem, in langen Sätzen den Waggon einzuholen. Simon zog noch immer an dem Hebel, offenbar war ihm das Tempo zu schnell geworden und er traute sich nicht, abzuspringen.

Die Situation wurde immer brenzliger. Dort, wo die Gleisanlagen endeten und der Bahndamm begann, wuchsen zu beiden Seiten hohe Brennnesseln und Disteln, zudem kam auf den Schwellen niemand schnell genug voran. Der Rost auf den Schienen konnte dem gut geölten Waggon kaum nennenswerten Widerstand entgegensetzen und das Gefälle ab dem Beginn des Bahndamms würde die Geschwindigkeit des Gefährts rasch erhöhen.

Der Husky nutzte den verbleibenden Weg bis zum Beginn des Bahndamms, um den Waggon an der rechten Seite zu überholen. In dem Moment, wo er an Angelmanns Rover vorbeirollte, sprang Rick mit einem Satz auf die Motorhaube, dann auf das Dach des Rovers und von dort mit einem Riesensatz hinüber auf den Waggon. Simon bemerkte diese Aktion gar nicht, noch immer zog er an dem Handhebel, dessen Wirkung auf die Bremsen aber gleich null war.

Bode und Meier gaben schnell die Verfolgung auf und rannten was sie konnten zu Bodes Auto zurück. Falk Stein hechtete dem Waggon auf den Schwellen weiter hinterher, aber der Abstand war schon zu groß.

Nico rannte trotz der aussichtslosen Situation mit den anderen Jungen immer weiter, dann ließ er im Tempo nach. Seitenstechen plagte ihn und mehr als einmal hatte er sich die Füße auf den Schwellen übertreten. Völlig außer Atem und die Hände auf die Knie gestützt sah er dem Waggon nach, auf dem Simon immer noch an dem Hebel zog. Anscheinend merkte er nicht wie schnell er inzwischen geworden war.

Kurz darauf kam Stein bei Nico an.

»Was sollen wir machen?«, keuchte Nico.

»Gute Frage, aber Rick ist da oben und das ist gut. Er wird eine Lösung finden, auch wenn er das Ding nicht anhalten kann.«

»Wo enden die Gleise eigentlich?«

»Die gehen bis fast runter in die Ortschaft. Als man den Betrieb hier oben eingestellt hat, wurden die Gleise vom Waldrand unten bis zum Ortseingang abgebaut. Dort ist jetzt nicht mal mehr ein Prellbock. Aber das ist wahrscheinlich sowieso nicht weiter von Bedeutung.«

»Wieso? Dann rast der Waggon doch irgendwohin.«

Stein holte Luft. »Wenn er nicht gebremst wird, ist bereits in der Kurve unten an der Wiese Schluss. Meine Meinung wenigstens. Ich kann mich erinnern, dass die Leute im Dorf einmal meinten, schneller als mit 30 Stundenkilometern durften die Züge nicht fahren.«

Nico schluckte. »Du meinst.. der fliegt raus?«

»Ich fürchte, ja.«

»Aber.. Falk.. wir müssen was tun..«, flehte ihn Nico an.

»Rainer und Leo sind unterwegs. Wir können nur hoffen, das Rick den richtigen Einfall hat.«

Währenddessen rollte der Wagen im schneller auf dem Bahndamm hinunter. Rick stellte sich vor Simon und ermutigte ihn durch sein Bellen, vom Wagen zu springen. Noch gab es genug Unkraut und Büsche, die einen harten Sturz vermieden hätten, aber Simon reagierte nicht auf Rick, immer wieder zog er verzweifelt an dem Hebel. Ab und zu warf er dem Hund nur einen ängstlichen Blick zu.

Bode und Meier rasten inzwischen mit dem Wagen auf dem Waldweg neben dem Bahndamm entlang. Steine flogen, die tiefen Schlaglöcher drohten die Achsen zu brechen und eine dicke Staubwolke war weithin zu sehen.

Plötzlich kam ihnen ein Fahrzeug entgegen. Der Weg war für zwei Autos viel zu schmal und Bode trat erschrocken auf die Bremse. »Verdammt..«

Der Lenker des anderen Fahrzeugs bremste ebenfalls und steuerte es näher an den Bahndamm, um Platz zu machen. Rainer Bode erkannte in dem Wagen zwei Personen. »Ach du Sch..«
Am Steuer saß Professor Roth, neben ihm Antonia Berger. Es gab keine Zeit zu verlieren, weshalb Bode seinen Wagen knapp an dem anderen vorbeisteuerte und dabei fast den Außenspiegel erwischte. Nachdem er das Fahrzeug der beiden passiert hatte, trat er wieder voll aufs Gas. »Die werden denken wir drehen durch«, sagte er kopfschüttelnd zu Meier und nahm die Verfolgung wieder auf.

Rick sah nach währenddessen nach vorn und weiter unten war bereits die Kurve auszumachen. Der Husky ahnte wohl die Gefahr, die dort lauerte und reagierte entsprechend. Er schnappte nach Simons Hosengürtel und biss sich darin fest. Der Junge krallte sich dabei krampfhaft um den Handhebel, seine Angst spiegelte sich in den weit aufgerissenen Augen wider.

Rick blieb keine Wahl. Noch war der Bahndamm von Büschen und hohen Gräsern umgeben, weiter unten wurden sie spärlicher und dort drohten die Schottersteine, sich bei einem Sturz schwer zu verletzen. Rick drehte sich so, dass er rückwärts am seitlichen Rand des Waggons stand und stieß sich mit allen vier Beinen ab. Sein Gewicht war zu groß, als dass Simon sich und gleichzeitig ihn noch festhalten konnte. Notgedrungen ließ der Junge den Hebel los und stürzte zusammen mit dem Husky laut schreiend von dem Wagen.

Dichte Ginsterbüsche und Brennnesseln dämpften den Aufprall der beiden, dennoch blieb Simon, nachdem er ausgerollt war, leblos liegen.

Gerade noch so konnten Nico und Stein sehen, dass die beiden vom Wagen fielen.
»Gott sein Dank.« Ein Blick zurück zur Halle bestätigte Stein, dass das Auto des Doktors nicht mehr dastand. »Uwe ist bestimmt gleich dort.«

Bode und Meier dagegen hatten davon, dass die beiden vom Waggon gefallen waren, nichts mitbekommen, zu sehr waren sie auf den unebenen Weg konzentriert. Zudem versperrten die Büsche eine gute Sicht auf den Wagen.
Sie rasten in fast gleicher Höhe neben dem Waggon her, aber auch sie ahnten, dass er zu schnell in die Kurve fahren würde. Die Frage war eben nur, mit welcher Geschwindigkeit er dort ankam.

»Siehst du den Jungen?«, fragte Bode, der seinen Blick nicht von dem Weg nehmen konnte.
Meier reckte und streckte sich, »Nein. Vielleicht hat er sich flach hingelegt.«

»Da unten kommt die Kurve. Was machen wir jetzt?« Rainer Bode wurde nervös, denn er sah keine Möglichkeit, irgendwie in den Ablauf einzugreifen.

»Beten«, sagte Maier resignierend.

Bode gelang es zwar noch, den Waggon zu überholen, aber kurz vor der Kurve bremste er seinen Wagen scharf ab. Sofort sprangen die beiden Männer aus dem Fahrzeug, um notfalls schnell helfen zu können.

Inzwischen begann der Waggon durch die hohe Geschwindigkeit auf dem alten Gleisbett zu schlingern und zu schlagen. Teile, die nicht irgendwie gesichert waren, fielen von dem Wagen ab und flogen nach dem Aufprall auf die Schottersteine wie Geschosse nach vorn durch die Luft.

»Deckung«, schrie denn auch Bode, als zwei Eisenteile heran geflogen kamen. Die beiden Männer warfen sich auf den Boden und im selben Augenblick hörten sie ein schrilles Kreischen, das von der Reibung der Eisenräder mit den Gleisen entstand.

Der Waggon ging in die Linkskurve und neigte sich langsam nach außen, wobei die inneren Räder bereits den Gleiskontakt verloren. Ein schweres Rumpeln donnerte durch den Wald, das Kreischen der Räder wurde unerträglich schrill.

Plötzlich ebbten die heftigen Geräusche ab, nur noch ein Rumpeln blieb, das sich langsam entfernte.

Bode hob den Kopf aus dem Gras. »Er ist nicht entgleist.«

Im selben Moment klingelte Leo Meiers Handy.
»Falk hier. Der Junge und Rick sind in Sicherheit.«

Meier blies die Luft aus. »Puh, Gott sei Dank.«

»Was ist mit dem Waggon«, wollte Stein wissen.

»Er ist durch die Kurve gesaust und jetzt.. keine Ahnung.«

»Er ist nicht entgleist?«

»Nein, weitergefahren.«

Ein paar Sekunden Schweigen. »Was?«

»Wir sind hier unten, in der Kurve. Er wäre wohl beinahe rausgeflogen, aber es ist nichts passiert.«

»Okay, ich informiere das Dorf. Ihr könnt zurückkommen, alles andere hat keinen Wert. Die Straße geht nach der Kurve geradeaus, ihr könnt dem Waggon also eh nicht folgen.«

Rasch informierte Stein die örtliche Polizei, die jedoch nicht mehr machen konnte als das Gelände, wo der Wagen ankommen könnte, weitläufig zu sperren.

Nico stand bei Stein und zitterte noch vor Aufregung. »Falk, wie lange braucht der Wagen, bis er unten ist? Falls er soweit kommt?«

Stein sah auf die Uhr. »Wenn er es bis runter geschafft hat, ist er seit gut zehn Minuten da.«

»Und.. wer informiert uns?«

»Horst will anrufen.«

Er, Nico und die Jungen kehrten völlig ausgepumpt zum Bahnhof zurück.
Sie begrüßten die beiden neuen Gäste, wobei sich Stein insgeheim wünschte, sie wären jetzt nicht da. Aber sie kamen immerhin auf Grund seiner Einladung. Stein erklärte Professor Roth und Antonia Berger das Geschehene und auch den Gleisverlauf, der sich wie eine Schnecke um den Berg wand und unten am Dorfrand im Nichts endete. Sollte der Waggon bis dahin nicht entgleist sein, würde er wie ein Geschoss über das Gleisende hinausschießen. Dabei war nicht auszuschließen, dass Spaziergänger in Gefahr gerieten, denn Gebäude gab es zum Glück in dieser Ecke nicht.

Die beiden machten ein ziemlich ernstes Gesicht, sagten aber vorerst nichts dazu. Schließlich hatte Stein so gut wie keine Frage offen gelassen.

»Wo kann der Wagen noch entgleisen?« fragte Nico.

»Lass mich mal überlegen.. Eigentlich besteht ja die ganze Strecke ab da unten aus einer Kurve. Ich vermute, irgendwann wird er einfach zu schnell und die geringste Unebenheit wirft ihn raus. Zum Glück ist schon spät, es wird kaum jemand mehr im Wald sein.«

Nico ließ sich einfach auf den Boden sinken. »Und ich bin Schuld.«

Stein kniete sich neben ihn. »Wer behauptet das denn?«

»Ich hab ihnen noch gesagt, das wäre die falsche Richtung. Die haben mich überredet und das hätte nicht passieren dürfen.« Dabei wischte er sich verstohlen eine Träne aus dem Gesicht.

Stein wuschelte Nicos Haare. »Quatsch. Wer denkt denn da gleich an sowas? Und dass da einer auf dem Wagen war.. ein dummer Zufall, sonst nichts.«

Nico lächelte gequält. »Zufall. Ist alles, was in meinem Umfeld passiert, immer nur Zufall?«

»Nico, das ist Blödsinn. Jedem von uns hier.. weißt du, langsam habe ich den Verdacht, du beginnst dir was einzureden.«

Kurz darauf klingelte Steins Handy. »Hallo Horst. Was hört man?« Stein nickte, sagte ab und zu aha. »Gut, dann werden wir ihn suchen.« Er legte auf. »Der Waggon ist nicht unten angekommen, also muss er irgendwo zwischen der ersten Kurve da unten und dem Ende der Gleisanlage entgleist sein. Ihn jetzt zu suchen macht keinen Sinn bei der einrechenden Dunkelheit. Außerdem, Schaden kann er nicht mehr anrichten.«

»Trotzdem, ich mach mich auf die Suche«, entgegnete Angelmann und verabschiedete sich sogleich. »Hab mir den Abend anders vorgestellt, aber gut, es ist nun mal passiert. Ich melde mich wenn ich den Waggon gefunden habe.« Angelmann kannte sich hier aus wie in seiner Westentasche, wahrscheinlich würde er gar nicht so lange brauchen um den Wagen zu finden.

»Ich denke wir haben erst mal was zum abregen verdient«, sagte Stein daraufhin.

»Abregen?«

»Ja, kommt mit.«

Frau Berger und der Professor folgten den beiden zum Grillplatz, auf dem Thomas Prauner und dessen Vater auf den Bänken saßen und auf sie warteten. Auch ihnen erklärte Stein kurz die Sachlage, dann betrat er die Hütte, die sie hier oben aufgekauft hatten, um ihre Grillsachen darin zu deponieren.

Der Bahnhof und das Gelände verloren allmählich an Farben, die Dämmerung schritt hier im Schatten des Steinbruchs schnell voran. Oben, auf dessen Spitze, leuchtete wieder das kleine, rote Licht.

Stein kam mit einer Flasche ohne Etikett zurück. Er öffnete sie und schenkte in kleine Schnapsgläser ein, die auf dem Board standen. Er wandte sich auch an Professor Roth, Thomas, dessen Vater und Antonia Berger. »Hier, auf den Schreck.«

Nico leerte das Glas auf einen Zug. Es brannte höllisch und das Zeug würde ansonsten sicher nur zur Desinfektion schwerer Wunden benötigt werden. Der Schnaps löste in seinem Magen eine beruhigende Wärme aus. Nico zeigte hustend nach oben zum Gipfel des Steinbruchs. »Die Antenne ist wohl repariert?«

»Ja, wir haben die Monteure noch wegfahren sehen«, sagte Stein.

»Oh, kein Hubschrauber?«

»Wohl nicht. Scheinbar brauchen die denn nur für die Installation, Reparaturen scheinen auf dem Landweg gemacht zu werden.«

Thomas hatte das Gespräch mitverfolgt und sah ebenfalls etwas besinnlich dort hoch. »Glück gehabt«, murmelte er.

»Wer zahlt das eigentlich?«, fragte ihn Stein.

Der junge Pilot zog die Schultern hoch. »Das wird die Untersuchung des Unglücks ergeben. Die haben den Flieger zerlegt und untersuchen ihn. Aber wahrscheinlich ist es meine Schuld..«

Langsam entspannte sich Nico, sah hinüber zu den Jungs, die etwas Abseits standen und miteinander redeten. Nur Karsten schien sehr schweigsam zu sein.

»Er macht sich die größeren Vorwürfe«, sagte Stein.

»Hat er das gesagt?«

»Nein, aber ich sehe es ihm an. Offenbar hatte er die Idee dazu.«

»Hat das.. Konsequenzen für ihn?«

Stein lachte. »Wieso das denn? Kannst du in dem, was da passiert ist. Vorsatz erkennen?«

»Nicht wirklich.«

»Siehst du. Da passiert nichts. Es ist im Verhältnis glimpflich abgegangen, Doktor Gebhard untersucht Simon und Dirk in seiner Praxis genauer, aber so wie er sagt ist nichts schlimmes passiert.«

»Wo ist Rick überhaupt?«

»Mitgefahren.«

»Mit dem Doc und Simon?«

»Ja, Uwe ist zwar kein Veterinärsarzt, aber sollte Rick was abbekommen haben wird er sich auch um ihn kümmern.«

»Wie gefällt es Ihnen«, wurde Nico plötzlich von der Seite angesprochen. Antonia Berger erkundigte sich nach seinem Wohlbefinden und Nico konnte nur eifrig nicken.

»Prima. Ich hab schon sehr viel gelernt.« Dass er Marco dabei einen Blick zuwarf, stufte er selbst als Zufall ein.

»Dann werden Sie sich wohl hier bewerben?«

Eine delikate Frage. Sie passte im Moment nicht in sein Stimmungsbild, das eher düster als rosig aussah. Aber jede negative Antwort hätte mit Sicherheit eine Menge Fragen zur Folge gehabt und so bleib er bei seinem ursprünglichen Plan. »Ich kann es mir sehr gut vorstellen.«

Die Berger nickte zufrieden. Klar, was sollte sie auch machen, nachdem was sie wahrscheinlich schon über ihn gehört hatte?

Wenig später rumpelte ein Fahrzeug aus dem Wald und kurz darauf erschienen Bode und Maier auf dem Grillplatz. Man konnte ihre Aufregung noch förmlich spüren.

»Mann, was eine Aktion«, stöhnte Rainer Bode und setzte sich auf eine der Brauereibänke. Leo Meier sagte gar nichts, setzte sich nur dazu.

Stein schenkte ihnen zwei Schnäpse ein. »Hier. Zum runterkommen.«

Die beiden nickten nur und kippten die Schnäpse ab.

Felix Gröbner war der einzige, der von der Aktion nichts mitbekommen hatte. Angesichts der Tatsache, dass er sich um das Brennholz für das Lagerfeuer kümmern wollte, war er ein paar Mal in den Wald zu jenen Stellen gefahren, die Angelmann ihm angewiesen hatte. Nun kam er mit einer letzten Ladung Brennholz im Kofferraum zurück.

»Wie seht ihr denn alle aus?«, wollte er wissen und wurde von allen beteiligten fast gleichzeitig über den Sachstand informiert.

»Wenn man euch mal ne Stunde alleine lässt.. Aber die Fete wird doch nicht.. abgesagt?«

Stein zog die Schultern hoch. »Eigentlich nicht. Ich nehme mal stark an, dass Uwe mit den beiden Jungs und Rick bald wieder hier auftaucht.«

Inzwischen war es Stockdunkel geworden, nur der Schein des Lagerfeuers leuchtete die nähere Umgebung des Platzes aus. Die Jungen saßen etwas Abseits beisammen und unterhielten sich. Wahrscheinlich ging es nur um den Zwischenfall, der trotz allem einen Schatten auf die Veranstaltung geworfen hatte.

»Hallo«, sagte Nico und setzte sich neben Antoine, der alleine auf einer Bank saß. Der Junge tat ihm unendlich leid und verständlicherweise Antoine kein Interesse an all dem hier. Er hatte offenbar nicht einmal Lust daran, sich mit den anderen zu unterhalten. »Ist alles in Ordnung?« Nico ärgerte sich selbst über die Fragestellung, aber ihm lag viel an dem Jungen.

»Ja, kein Problem.«

Hier war das Licht nur noch sehr schwach, dennoch konnte man gut die sorgenvollen Gesichter der Jungen erkennen.

Plötzlich stand Marco auf und setzte sich zu Nico und Antoine. »Alles okay, Nico?«, fragte er.

»Ja, schon. Wenn es keine ernsthaften Verletzungen gibt, können wir ja trotz allem von Glück reden.« Er spürte, dass das nicht die Antwort auf Marcos Frage war, aber hier und jetzt über den Kuss, darüber wollte er nun nicht reden. Insgeheim war ihm danach, aber man konnte sie hören und sehen. Und in Antoines Nähe war dieses Thema sogar ihm peinlich.

Marco nickte, stand auf und lief zur Halle hin. »Ich hol mir noch ein Bier, du auch?«

»Du auch?«, fragte Nico Antoine.

Der schüttelte jedoch heftig den Kopf. »Ich soll keinen Alkohol trinken.«

Nico verstand. Die Medikamente.. Mit einem leichten Klaps auf Antoines Schulter erhob er sich. »Das wird wieder..«

Ein verflucht dummer Spruch, wie sich Nico kurz darauf vorwarf, aber es war gesagt und sollte als Trost verstanden werden.

Leise dudelte das Radio, das Felix Gröbner mitgebracht hatte. Der Sender spielte Nicos Lieblinksmusik und allmählich fühlte er sich besser.

Während sich die beiden ein Bier zapften, sah Marco zu Antoine hinüber. »Was ist eigentlich nun mit ihm?«

»Ihm ist nicht gut.«

»Nico, warum wollte er.. sich was antun?«

»Ne längere Geschichte, Marco. Eine sehr lange sogar.«

Aus Nicos Stimmlage heraus verstand Marco und stellte keine weiteren Fragen. »Muss mal pinkeln«, raunte er Nico zu und verschwand hinter der Halle. Nico sah sich kurz um, niemand hatte von ihnen Notiz genommen und so folgte er, eher von einem bestimmten Reiz getrieben als durch seine Blase, dem Jungen in die Dunkelheit. Sicher war die Stimmung nicht so, wie sie jetzt hätte sein sollen, aber darüber dachte Nico nicht lange nach. Er war sich zwar der Gefahr bewusst, in die er sich damit begab, aber es war ihm egal.

Er hörte das Plätschern und stellte sich direkt neben Marco, um seinen Hosenladen zu öffnen. Sie sprachen kein Wort, während er krampfhaft versuchte, wenigstens ein paar Tropfen loszuwerden.

»Ganz schön was los hier«, sagte Marco dann und schüttelte seinen Schwanz ab. Nico konnte das nicht sehen, wohl aber waren die Bewegungen eindeutig. Statt endlich pinkeln zu können, schwoll ihm sein Schwanz in der Hand an.

»Klappt es nicht?«, fragte Marco und an seiner Stimme war zu hören, dass er wohl dabei grinste.

»Irgendwie.. nicht.«

»Warte, wenn ich weg bin geht’s.«

Nico hielt den Jungen am Arm fest. »Geh nicht.«

Marco stellte keine Fragen. Er drehte sich zu Nico um und legte seine Hand um seinen Hals. »Nö, wenn du nicht willst?«

Plötzlich spürte Nico eine Hand an seinem Hosenladen und Sekunden später umschloss sie seinen halbharten Ständer. Dort jedoch blieb sie nicht lange. »Nico, ich glaub es wird Zeit dass wir.. reden.«

Ja, darauf hatte Nico gewartet. Vielleicht war er ihm auch genau aus diesem Grund gefolgt. Reden; aussprechen was sie fühlten. Welche Rolle spielte es jetzt noch, dass Nico in der Rolle eines Betreuers steckte? Die Berger hatte ja nichts Nachteiliges angedeutet, Falk sowieso nicht. Wenn es ein Geheimnis bleiben konnte, warum nicht dem nachgeben, was ihn nun schon eine Weile bedrückte?

»Marco.. ich.. darf das alles eigentlich gar nicht. Aber du.. du machst es mir nicht grade einfach.«

Marco näherte sich wieder seinem Gesicht. »Pscht. Nicht reden. Jetzt nicht.«

Es folgte ein tiefer, inniger Kuss, in den sich beide einfach hineinfallen ließen. Erwischt werden konnten sie kaum, in dieser Stille hörte man jeden Schritt, trotz des Radios. Und aus dem kam ein passendes, schönes Lied und ließ die beiden ihre Umwelt für ein paar Minuten vergessen.

»Nico.. ich mag dich unheimlich gern«, flüsterte Marco, nachdem sich ihre Lippen getrennt hatten.

»Ich dich auch.«

»Aber was wird aus uns?«

Nico musste nicht länger darüber nachdenken. Marco kam aus Berlin, im Grunde genommen eine zu große Entfernung, als dass man sich darüber ernsthafte Gedanken machen konnte. Was hier mit den beiden passierte, konnte man bestenfalls unter der Rubrik Affäre abhandeln. »Ich denke, wir haben noch ein paar Tage Zeit, dann.. «

»Sag sowas nicht.«

In diesem Moment erkannte Nico, wie weit das alles schon gekommen war. Marco redete nicht so einfach aus dem Bauch heraus, er musste sich schon länger seine Gedanken darüber gemacht haben. »Hey, wir haben.. doch keine Chance. Denk mal an die Entfernung.«

»Ah Nico, was heißt das heute schon?«

»Wir könnten uns kaum sehen, schon mal drüber nachgedacht?«

»Am Anfang vielleicht, ja. Aber ich bin doch frei.. kann machen was ich will.«

Das alles kam Nico trotz allem zu plötzlich, darüber brauchte er eine gewisse Bedenkzeit. »Du, Marco.. wir haben uns geküsst, ja, aber das ist doch.. «

Marco schüttelte den Kopf. »Komm, lass uns zurückgehen bevor man uns vermisst. Wir können ja noch mal drüber reden, okay?«

Als sie zum Grillplatz zurückkehrten, tauchte vom Wald her ein Fahrzeug auf.

»Ah, Uwe und seine Patienten..«, stellte Stein schnell fest.

Nicht nur Nico machte große Augen, als Rick im Lichterschein auftauchte – mit Simon an seiner Seite. Ihnen folgten Dr. Gebhard und Dirk.
Nico grinste mehr in sich hinein. Da war wohl eine neue Freundschaft geschlossen worden und er sah, dass Falk und Rainer ihm zublinzelten. Nico holte tief Luft. Simon dürfte nun nicht mehr Furcht vor großen Hunden haben, als andere vorsichtige Menschen auch.

»Na, alles klar mit denen?«, fragte Stein den Arzt, dem man seine Erleichterung ansehen konnte.

»Ja, außer ein paar Schmarren ist nichts passiert. Alles gut abgegangen.«

Dirk und Simon waren an verschiedenen Stellen regelrecht bepflastert, aber ohne das weiter zu beachten griffen sie sich Biergläser und zapften.

Stein schnaufte aus, als würde er damit eine Last von sich werfen. »Okay, dann wollen wir den Abend so fortsetzen, wie das geplant war. Jungs, kommt mal rüber«, rief er ihnen zu und hatte kurz darauf alle hier um sich geschart.

»Also, den Grund dieses Abends hier oben kennt ihr schon. Es ist mein definitiv letzter Abend hier im Camp.« Es war nicht zu übersehen, dass Stein diese Worte nicht leicht über die Lippen kamen. »Von daher ist es an der Zeit, meinen Nachfolger namentlich und hochoffiziell bekannt zu geben. Zwar wird auch das die Runde bereits gemacht haben, aber der Form halber.. Bis auf Weiteres wird Rainer Bode die Camps führen.« Stein sah zu ihm hinüber und winkte ihn zu sich.

Freundschaftlich legte Stein den Arm um Bodes Schulter. »Herr Bode hat inzwischen sehr viel Erfahrung hier sammeln können und wir denken, dass wir mit ihm einen würdigen Nachfolger für mich gefunden haben.«

Beifall und Pfiffe brandeten auf.

Rainer Bode sah etwas verlegen aus, als er seine kurze Rede begann. »Nun, ich werde natürlich alles versuchen, das Camp genau so weiterzuführen wie bisher. Gründe für irgendwelche Änderungen gibt es keine und so.. mach ich’s kurz: Ich freue mich natürlich über diesen Posten und ich denke auch, dass wir gut miteinander auskommen.«

Erneut Beifall und Stein reichte Bode mehr symbolisch die Hand. »Herzlich willkommen an der Spitze des Camps.«

Nachdem die Glückwünsche des Teams beendet waren, übernahm Stein erneut das Wort. »Wie vielleicht manche mitbekommen haben, suchten wir ja nach einem Namen für die Camps und die Hütten. Übrigens wird Camp zwei am Montag seine neue Behausungen bekommen.«

Jubelrufe der Jungs aus diesem Camp durchbrachen die fast andächtige Stille.

Stein hob die Hand. »Aber Namen, die gibt es schon.«

Nico sah ihn ungläubig an, jetzt wurde er genau wie die anderen neugierig.

»Also«, setzte Stein fort, »Das Hauptgebäude von Camp eins wird künftig den Namen „Falkenhorst“ tragen.«

Das wurde als sehr schöner und passender Name angenommen, wie man aus dem Beifall heraushören konnte.

»Das Gebäude von Camp zwei bekommt wegen seiner räumlichen Nähe zu dem Gebäude den Namen „Langensteiner Mühle“. Damit sind auch Verwechslungen völlig ausgeschlossen.«

Wieder Beifall aus den Reihen.

»Damit komme ich zu den Camps. Es war nicht einfach, dafür Namen zu finden, aber ich denke, wir haben es gut getroffen.«

Mit Wir meinte Stein wahrscheinlich den Professor und die Berger. Nico hörte angespannt zu.

»Wir haben uns bewusst dazu entschieden, die Gebäude und die Camps voneinander zu trennen. Camp eins hört daher in Zukunft auf den Namen „Camp Manuel“. Dass er dabei Nico ansah, war mit Sicherheit weiß Gott kein Zufall.
Nico schluckte, sofort fiel sein Blick hinüber zu Rainer Bode. Der lächelte aber nur und nickte kurz. Das war also das Denkmal, von dem er gesprochen hatte. Nico war es in dem Augenblick egal, ob jemand diesen Namen für reichlich ausgefallen hielt; für ihn war es einer seiner schönsten Momente hier. Die Jungs kannten Manuel nur von dem, was Stein ihnen erzählt hatte, aber Nico wusste, dass da viel mehr dahinter stand. Laut rief er schließlich »Bravo« und klatschte eifrig, wonach die anderen darauf einstimmten. Von heute an würde Manuel nie wieder in Vergessenheit geraten, jedenfalls nicht, so lange es dieses Camp gab. Nico war davon überzeugt, dass es niemals untergehen würde, denn das Konzept und der Erfolg garantierten das Fortbestehen. Er kämpfte einen Augenblick mit den Tränen, aber in dem schwachen Licht bemerkte es niemand.

»Camp zwei erhält den Namen „Camp Roth“«, dabei schielte Stein zu Professor Roth, »nach dem Vornamen des Erfinders und Förderers dieser Institution.«

Klatschen, die meisten standen sogar auf und bescherten dem offenbar doch überraschten Professor damit stehende Ovationen. Er hatte damit scheinbar nichts von der Namensgebung gewusst.

»Zu guter Letzt«, unterbrach Stein dann die Aktion, »gab es noch einen Namen zu vergeben, nämlich für die Anlaufstelle, die Hütte unten, in der sich jede Einheit am ersten Tag zusammenfindet. Da war sich die Jury einig, dass sie den Namen nach der Ortschaft tragen sollte. „Simmelslager“ war damit die logische Entscheidung. Dieser Name steht übrigens als Überbegriff für die gesamte Institution hier. Auf Einladungen und dem üblichen Schriftverkehr wird also immer nur diese Bezeichnung auftauchen.«

Nico ging zu Stein hinüber, der jetzt Hände schüttelte, während Felix Gröbner die Schnapsgläser erneut füllte.

»Wer hat sich die Namen denn ausgedacht?«

»Das, lieber Nico, war Gemeinschaftsarbeit. Die Führung hat es uns überlassen und ich denke, wir haben eine gute Wahl getroffen.«

»Ja.. übrigens, danke für.. Camp Manuel. Das find ich echt ganz toll.«

»Nun, das war eh der erste Name der in diesem Zusammenhang fiel. Eigentlich stand er schon sehr früh fest.«

Erneut machte die Schnapsflasche die Runde, während man jetzt auch lautere Stimmen aus der Jungenecke vernehmen konnte.

»Ähm.. Falk? Wie viel dürfen die eigentlich… trinken?« Nico kam es schon seltsam vor, dass keiner der Betreuer auf den Alkoholkonsum der Jungen achtete.

»Das erledigt sich von selbst wenn das Fass leer ist, und das ist nach meiner Einschätzung nicht mehr lange.«

»Und.. wir, ich mein, fahren ist ja wohl auch nicht mehr?«

Stein lachte. »Richtig. Die Jungs bleiben heute Nacht hier, wir, Professor Roth und Frau Berger übernachten in der Zentrale unten, im Holzhaus, das ab heute Simmelslager heißt.«

Nico machte große Augen. »Die Jungs.. bleiben heute Nacht hier?«

»Ja, allerdings wohl eher ungeplant. Es ist besser so, als jetzt noch das Ganze hier aufzuräumen, dafür ist morgen früh dann Zeit genug. Ich denke, die Jungs haben echt genug.«

»Und wo schlafen sie?«

»Komfortwohnen gibt’s natürlich nicht, aber in der Halle ist Platz genug für alle.«

»In der Halle? Kommt ihr denn da rein?«

Stein hob einen Schlüsselbund hoch und klimperte damit. »Hubert war so freundlich.. Er hat die Halle angemietet, vornehmlich für Wanderergruppen, die hier übernachten wollen. Damit stehen dort auch Holzpritschen mit Matratzen zur Verfügung. Wir würden das nicht machen wenn es kalt wäre, aber so.. Ja, also dann lass uns doch mal gleich dort nachsehen«, sagte Stein und Nico begleitete ihn zu jener schicksalhaften Halle, die ihm noch so gut in Erinnerung geblieben war.

In der Halle selbst hatte sich nicht viel verändert. Stein betrat den Nebenraum, in dem der kleine Tobias zeitweise gefangen worden war und leuchtete mit seiner Taschenlampe hinein. »Gibt’s du mir mal Feuer?«

Kurz darauf erhellte eine Gaslichtlampe den Raum. Er wurde fast vollständig von fünf zweistöckigen Etagenbetten ausgefüllt, auf denen in Plastikhüllen geschützte Matratzen lagen.

»Und.. die bleiben ohne Aufsicht?« Nico war klar, dass das nicht gehen würde.

»Nein, du hast natürlich recht.«

Zu fragen, wer von den Betreuern die Aufsicht führen würde, wagte sich Nico nicht, da müsste Stein schon selbst damit herausrücken. Letztlich blieb die Frage, wo denn derjenige eine Schlafstatt fand.

»Ich werde mal mit Rainer reden.«

Warum sich Nico in diesen Vorschlag einmischte, vermochte er nicht zu sagen. Sicher war, dass er sich hier wohler fühlen würde als mit all den anderen im Simmelslager. »Also, wenn du nichts dagegen hast.. ich könnte ja auch hier bleiben. Wenn es denn noch ein Plätzchen gibt für mich.«

Stein lächelte. »Na ja, irgendwie hätte mich das jetzt auch gewundert. Drüben in der kleinen Hütte wo die Grillsachen untergebracht sind, gibt es ein Feldbett. Ich glaub das ist noch aus dem Weltkrieg übrig geblieben.«

»So lange es nicht zusammenbricht.«

»Das wohl kaum. Komm, das Licht lassen wir brennen.«

Sie verließen die Halle und gingen hinüber zum Lagerfeuer. Gröbner hatte noch ein paar dickere Baumstämme aufgelegt, die durch die Trockenheit rasch in Flammen aufgegangen waren und nun stoben knisternd und knackend Funken in den Nachthimmel.

»Das müssen wir aber gut löschen«, sagte Nico und setzte sich mit Stein neben Antoine auf die Bank. Der Junge hatte sich die ganze Zeit über an nichts beteiligt. Er schien sogar richtig geistesabwesend.

»Wie geht es dir?«, fragte Nico.

Antoine nickte. »Alles klar, ja. Ich bin jetzt bloß todmüde.«

»Versteh ich.« Sicherlich gab es noch sehr viel zu sagen und Nico wollte sich alle Zeit der Welt dafür nehmen. Aber Antoine schwieg. Es war eindeutig, dass er jetzt nicht reden wollte und Nico akzeptierte das ohne Vorbehalt. Zudem fürchtete er dann doch, damit überfordert zu werden.

Die Jungen waren schon ziemlich ruhig geworden und Nico stellte einmal mehr fest, wie sehr sich Simon gewandelt hatte. Rick war die ganze Zeit bei ihm geblieben und es hatte den Anschein, dass dies der Husky beabsichtigte. Je länger und näher er bei Simon blieb, desto schneller würde sich dessen Angst legen.

Bode, Maier, Probst, Korn und Hagen saßen an einem der Tische und Fachsimpelten, während der Professor und Antonia Berger aufmerksam zuhörten. Wenn man sich diese Gruppe so betrachtete, käme man nie auf die Idee, dass hier heute Abend schon der Teufel los gewesen war.

»Hubert hat sich nun noch nicht gemeldet, wie?«, fragte Rainer Bode.

Stein zog die Schultern hoch. »Bis jetzt noch nicht. Aber wie wir wissen ist der Wald groß. Vielleicht findet er den Waggon heute Nacht ja tatsächlich nicht mehr.«

»Und von dem Wilderer? Auch noch nichts gehört?«

»Hubert hat im Dorf den Steckbrief ausgehängt. Ich vermute, das ist hier eine Frage der Zeit bis jemand den Fremden erkennt. Kommissar Zufall vielleicht sogar, aber Hubert ist sehr zuversichtlich.«

Gegen Mitternacht kam Unruhe bei den Betreuern auf. Allmählich rüsteten sie zum Abzug.

»So, Nico, wir fahren dann. Die Jungs jetzt ins Bett zu bringen, das dürfte etwas albern rüberkommen. Meinst du, du kriegst das alleine hin? Wenn nicht, bleibt noch einer von uns da, das ist kein Problem.«

Nico lächelte. »Ne Falk, fahrt ihr schon mal. Ich denke, die sind so kaputt, die hecken nichts mehr aus.«

»Glaub ich auch nicht. Na gut, dann bis morgen früh.«

Mit Stein stand auch Antoine auf und er schien eher erleichtert darüber zu sein dass für ihn Feierabend war.

Nico trat vor ihn und nahm ihn an den Armen. »Antoine, ich würde mich freuen wenn wir in Kontakt bleiben würden. Wirklich..«

Antoine lächelte. »Das würde ich auch gerne wollen.«

Nico spürte plötzlich Tränen in die Augen steigen. Er dachte an gebündeltes Schicksal, daran, was auf diesen Jungen jetzt noch alles zukommen würde. Er versuchte seine Tränen zu verbergen, aber es gelang ihm nicht. Er nahm Antoine in seine Arme und drückte ihn. »Mach’s gut und.. pass auf dich auf.«

»Ja klar, wird schon. Ich pack das.«

Sie rückten voneinander ab und nun sah Nico ebenfalls in feuchte Augen. Ein Moment, in dem Nico am liebsten geschrieen hätte. Vor Zorn, Wut, Verzweiflung und der Tatsache, dem allem völlig machtlos gegenüber zu stehen.

Antoine drehte sich um und folge Stein zum Wagen. Noch einmal drehte er sich um und winkte Nico zaghaft zu.

Professor Roth und Antonia Berger verabschiedeten sich nun ebenfalls mit Handschlag von Nico.

»Ich denke, Sie werden das schon machen hier«, meinte Frau Berger. »Viel Erfolg noch für das Praktikum.«

Der Professor sah Nico fest in die Augen. »Du weißt ja, worauf es ankommt. Denk an die Stelle hier. Rainer Bode hat ja nun auch andere Aufgaben.«

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