Zoogeschichten II – Teil 51

Regen

Was das letzte Mal passierte… Sebastian bekommt von Dennis’ Mutter Maria das Angebot, bei ihnen fest einzuziehen. Bei diesem Gespräch erfährt er auch, dass Dennis nicht der leibliche Sohn der Kahlbergs ist, sondern adoptiert wurde. Dieses Gespräch bekommt Dennis zufällig zu hören und erfährt so von seiner Adoption. Er bekommt Panik und läuft weg.

Robert wird nach seinem kleinen Unfall wieder aus dem Krankenhaus entlassen und der Versöhnung mit seinen Eltern steht nichts mehr im Wege. Bei einem Kurzbesuch im Zoo kommt er gerade rechtzeitig, um die Geburt des Jungen der Delfindame Dana mitzuerleben. Danach bricht er zusammen. Im Krankenhaus erfahren seine Eltern, dass sich ein Blutgerinnsel im Kopf gebildet hat und er notoperiert werden muss…

Sebastian

„Irgendwo muss er doch sein?“, meinte ich zu Michael, als wir uns wieder vor dem Kahlberghaus trafen.

„Ich bin alles zweimal abgegangen, aber hier in der Gegend ist er nicht.“

Die Tür ging auf und Brit kam heraus.

„Dennis’ Mum hat in seinen Rucksack geschaut, seine Papiere und seinen Geldbeutel trägt er bei sich“, meinte Brit.

„Dann kann er überall sein, wenn er seine Fahrkarte bei sich hat“, meinte Michael.

Sein Gesicht war ernst, seine Augen glasig. Mir war klar, dass er sich riesige Sorgen um seinen Dennis machte. Michael schaute mich an und irgendwie hatten wir beide zur gleichen Zeit denselben Einfall.

„Zoo?“, fragten wir im Chor.

Michael zückte seine Wagenschlüssel.

„Moment, ich hole meine Jacke“, meinte ich und rannte ins Haus.

„Kann ich mitfahren?“, fragte Brit.

„Klar, sag aber Frau Kahlberg noch Bescheid, dass wir im Zoo nachgucken gehen“, antwortete Michael.

So folgte mir Brit ins Haus und lief ins Wohnzimmer, während ich nach oben rannte, um meine Jacke zu holen.

Adrian

Seit zwei Stunden saß ich nun hier, zuckte bei jedem Geräusch zusammen. Nein, ich wollte nicht auch noch Robert verlieren. Er war so ganz anders als Dominik, er erwiderte meine Liebe.

Und nun sollte ich auch ihn verlieren… wegen einer Verletzung, die er sich wegen mir zugezogen hatte. Ich halte das nicht aus, ich bin schuld am Tod zweier Menschen… ich kann nicht mehr… ich will nur noch weg… auch tot sein… bevor noch jemand wegen mir stirbt.

Meine Tränen rannen ungehindert über meine Wangen, tropften auf die Hosenbeine.

„Adrian?“

Roberts Mutter saß neben mir. Sie nahm meine Hand und drückte sie sanft. Ich schaute sie an. Ihre Augen waren ebenso rot vom Weinen.

„Wir dürfen Robert nicht aufgeben!“, sagte sie mit weinerlicher Stimme, „nicht, nachdem wir uns fast wieder gefunden haben.“

Roberts Vater lief den Flur auf und ab. Bisher hatte er keinen Ton gesagt. Sein Gesicht schien kalt, keine Regung, keine einzige Träne. Mutter hatte erzählt, dass Herr Kahlberg, Dennis’ Vater, die Operation leitete.

Aber auch dies beruhigte mich nicht. Ich stand auf und lief zum Fenster. Sah hinab auf die Einfahrt des Krankenhauses. Trotz der Abendstunde war noch recht viel Verkehr auf der Straße.

Ein Auto nach dem Anderen fuhr am Krankenhaus vorbei. Es hatte begonnen, zu regnen und die Wassertropfen zogen – auf der Glasscheibe – langsam ihren Weg nach unten. Im Spiegelbild des Glases konnte ich mich erkennen.

Es schien, als wäre ich durchsichtig, nicht vorhanden. Wäre vielleicht besser, wenn ich nicht mehr da wäre. Ich lehnte meinen Kopf an die Scheibe und fing an zu schluchzen.

Dennis

Warum hatten sie mir das nicht gesagt… ich bin nicht der Sohn von… nein Mama und Papa konnte ich ja dann auch nicht mehr sagen… sie sind ja nicht meine Eltern… ich dreh durch… wer bin ich überhaupt… wer sind meine Eltern… heiße ich überhaupt Dennis…??

Mir wurde schlecht und ich übergab mich. Ich war gerannt wie blöd und erst im nahe gelegenen Park wieder stehen geblieben, weil mir die Luft ausgegangen war. Und jetzt lehnte ich hier am Baum, stand fast in meiner eigenen Kotze und… warum haben sie das getan… nie was gesagt… haben sie kein Vertrauen in mich… haben sie noch mehr Geheimnisse vor mir?

Ich schaute auf und sah die Straßenbahn heranfahren. Zoo. Ich fahr in den Zoo…

Robert

Ich hörte Meeresrauschen und öffnete meine Augen. Ich lag am Strand einer schönen Lagune. Hinter mir einige Palmen, vor mir das weite Meer. Ich spürte die Wärme der Sonne auf meiner Haut. Es tat gut. Aber wie kam ich hier her?

Eben war ich doch noch im Delfinarium. Ich richtete mich auf und sah aufs Wasser. Da sah ich einen Delfin. Ich stand auf und lief zum Wasser und sah Dana im Wasser.

„Dana, du bist ja auch hier, haben sie dich freigelassen?“

Dana schwamm auf mich zu und je näher sie kam, um so mehr verschwamm ihre Form. Sie richtete sich auf und nahm die Form eines Menschen an.

„Adrian?“

„Ja, Schatz?“

„Wo bin ich hier?“

„Das weißt du nicht?“

„Nein.“

„Du weißt nicht, was passiert ist, oder?“

„Ich war im Delfinarium…“

„… und bist zusammen gebrochen… und nun liegst du auf dem OP-Tisch und wirst operiert.“

Ich schaute mir Adrian näher an, bekam Zweifel, dass es überhaupt Adrian sei.

„Du bist nicht Adrian… stimmt’s?“

Die Gestalt vor mir schüttelte den Kopf.

„Komm… komm einfach mit mir.“

„Nein, ich will nicht!“

Sebastian

Nervös spielte ich mit meinen Fingern, während Michael wie der Henker zum Zoo unterwegs war. Heike hatte mich angerufen und erzählt, dass Robert nach der Geburt des jungen Delfins zusammengebrochen wäre und nun im Krankenhaus operiert wurde.

Sie hatten ein kleines Blutgerinnsel übersehen. Irgendwie war im Augenblick der Wurm drin, aber überall. Einzig allein, dass Brit hinter mir saß, ihre Hand auf meiner Schulter liegen hatte und ich sie zärtlich streicheln konnte, war ein kleiner Lichtblick.

Ich spürte, wie ich immer mehr für dieses Mädchen empfand. Gut ich kannte sie kaum, aber alleine die kurze Zeit, die ich jetzt schon mit ihr verbringen durfte, verwirrte meine Sinne. In meinem Innern fühlte ich mich das erste Mal wohl und geborgen, denn sie war bei mir.

Ich hatte mir fest vorgenommen, sie besser kennen zu lernen, denn sie war einfach ein Traum.

„Pass doch auf du Arschloch!“, rief Michael neben mir, der einem Auto auswich, das rückwärts aus einer Ausfahrt rollte.

„Michael… sorry, ich will ja nicht deine Fahrkünste kritisieren, aber könntest du etwas langsamer fahren, wir sind in der Stadt und da ist nun mal 50 angesagt… keine 80 oder 90.“

Michael schaute kurz zu mir rüber und das Auto wurde langsamer.

„Hast ja Recht… ich will nur meinen Dennis wieder finden, ich hab Angst, er tut sich was an.“

„Also so ist Dennis nicht“, kam es von der Rückbank, „Dennis würde so etwas nie tun, dazu kenne ich ihn schon zu lange“, meinte Brit.

Dein Wort in Gottes Gehörgang, dachte ich.

„Ich verstehe nicht, warum er weggelaufen ist“, meinte Michael und kämpfte mit den Tränen, „er weiß doch, ich bin für ihn da, ich bin sein Freund der ihn liebt… warum ist er weggelaufen?“

Ich drehte den Kopf und schaute zu Brit, die nur mit den Schultern zuckte.

„Kann es einfach sein, dass bei Dennis eine Sicherung durchgebrannt ist, er gar nicht wusste, was er tat, also wegrennen mein ich… man bekommt nicht jeden Tag zu hören… du bist adoptiert“, meinte ich.

„Hätte er nicht brauchen, er ist mein Kleiner und ich bin immer für ihn da…“

„Vorsicht Michael“, schrie Brit von hinten und ich sah nun auch den Wagen, der auf der Gegenseite den parkenden LKW überholte.

Adrian

Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter.

„Komm Adrian, Robert schafft das, er ist ein Kämpfer.“

Roberts Vater stand hinter mir.

„Du musst wissen, als Robert klein war, hat er sich von nichts klein kriegen lassen. Als es zum Beispiel darum ging, Fahrrad fahren zu lernen, ließ er sich nicht davon abbringen, auch wenn er laufend stürzte.“

Ich drehte mich zu ihm um.

„Am Schluss radelte er glücklich in unserem Hof umher mit aufgeschlagenen Knien und einer Beule am Kopf – aber er konnte Fahrrad fahren.“

Ich nickte ihm zu, wusste aber nicht, was ich darauf erwidern konnte. Je länger ich aber in die Augen von Roberts Vater schaute, umso mehr sah ich, dass diese Augen nicht kalt waren. Eher schienen sie müde – verbraucht – alt, aber sie hatten etwas Warmes an sich, das mich neuen Mut schöpfen ließen.

Die Tür zum OP-Trakt schwang auf und meine Mutter kam heraus.

Dennis

Die Blicke der Leute waren mir egal… und dass ich nach eben auch nicht sonderlich gut roch ebenso. Ich starrte hinaus auf die Straße, die im Dunkeln durch den Regen im Schein der Lichter der vorbeifahrenden Wagen glitzerte.

Wie im Schnelldurchlauf erschienen in meinem Kopf Bilder aus der Vergangenheit. Alles, was ich bis dahin mit meinen Eltern erlebt hatte, schöne Erinnerungen, die ich nie missen wollte. Und nun das.

„Nächste Haltestelle Zoo, Umsteigemöglichkeit Richtung Bahnhof Linie 5 und Universität Linie 3“, krächzte der Lautsprecher über mir.

Ich stand auf und lief zur Tür unter den Blicken der anderen sitzenden Leute. Ja, schaut mich an… ich bin ein Bastard, den seine Mutter nicht haben wollte… Ich riss mich zusammen, um nicht wieder ins Heulen zu verfallen.

Die Straßenbahn wurde langsamer, bremste ab, bis sie endlich stand. Die Tür öffnete sich und mir kam ein Schwall frischer Luft entgegen… ich stieg aus.

Sebastian

Michael trat voll auf die Bremse, die Reifen quietschten, aber wir rutschten auf der nassen Fahrbahn dem Auto immer näher. Nicht mal einen Meter vor dem Wagen blieb unserer stehen.

Alle drei atmeten wir gleichzeitig aus. Eine ältere Dame winkte uns entgegen, fuhr den Wagen an uns vorbei und war weg. Michael und ich schauten uns nur an, während er den Wagen wieder anrollen ließ.

Kommentar kam diesmal keiner von Michael, ihm steckte sicher genauso wir mir der Schreck in den Knochen. Der Regen wurde stärker und Michael blieb diesmal bei seinem langsamen Tempo.

Ich konnte erkennen, dass wir nun in der Nähe des Zoos waren, denn Michael bog in die Frankenstraße.

„Und wenn er nicht da ist?“, fragte Michael plötzlich.

„Er wird da sein!“, versuchte ich ihn zu beruhigen… ihn und wahrscheinlich auch mich selbst.

Dennis

Irgendwie war es gruslig im Zoo. Nur wenige Lampen brannten und ich konnte den Weg zum Bärenhaus nur schlecht erkennen. Ab und zu waren Tiere zu hören, aber sonst drang nur der Lärm des Straßenverkehrs in den Park.

Verkrampft hielt ich meine Codekarte in der Hand, bis ich endlich das Bärenhaus erreichte. Ich zog sie durch den Scanner und mit einem leisen Surren öffnete sich die schwere Eisentür. Da ich die Tiere nicht wecken wollte, die sicherlich in ihren Käfigen schliefen, drückte ich nur den Schalter, der die Beleuchtung der Nebenräume aufflackern ließ.

Mein Geruch stieg mir hoch und ich beschloss erst mal, mich zu waschen. Mit dem Handrücken fuhr ich über meine Nase und zog scharf die Luft ein. Leise Brummgeräusche drangen aus den Käfigen.

Ich zog meine nasse Jacke aus, warf sie über den Stuhl und ging ans Waschbecken. Als ich mein Bild im Spiegel sah, erschrak ich, denn so kannte ich mich nicht. Dunkle Ringe unter den Augen, das Gesicht blass, die Augen rot.

Ich drehte das Wasser an, spürte die Wärme, hielt die Hände unter das Wasser. Immer noch schaute ich erschrocken mein Spiegelbild an – wer bist du, Dennis Kahlberg? – war das wirklich mein Name? – Dennis? – wie würde Michael darauf reagieren? – ach Gott, Michael… Scheiße, an ihn hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht… würde er noch etwas von mir wissen wollen… wenn er raus bekam… dass ich ein Bastard bin … ein Nichts?

Ich stütze mich auf dem Beckenrand ab und begann wieder zu heulen. Meine Augen brannten und ich sank langsam in mich zusammen. Neben dem Becken auf dem Boden lag ich nun zusammen gekauert und wimmerte vor mich hin.

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