Das Boycamp III – Teil 13

Es dauert nicht lange, bis sich herausstellt, wem oder was Ricks Aufmerksamkeit gilt.
Schon wenige Minuten später ändert sich schlagartig das Leben im Camp und die Ereignisse überschlagen sich.
Rick setzte sich hin und fuhr mit seiner Zunge um seine Schnauze. Abwechselnd blickte er die beiden Männer an, dann wieder hinüber zum Wald.

»Kommt mir vor, als wüsste er nicht was er machen soll«, stellte Nico fest. »Ich denk, ich geh mir das mal ansehen.« Damit stand er auf und durchquerte den kleinen Rasenplatz für Frühsport. Hinter dem kleinen Gemüsegarten befand sich jener Pfad, auf dem sich Nico und Stefan damals zur alten Lagerstätte davongestohlen hatten.

Wider Erwarten stand Rick zwar auf, folgte Nico jedoch nicht. »Was ist, wist du mir nicht zeigen was da los ist?«

Rick bellte, laut und eindringlich, rührte sich aber nicht von der Stelle.

»Nico, ich glaub fast der will nicht dass du da hin gehst.«

»Felix, was soll denn passieren?«

»Weiß nicht. So hat er sich noch nie benommen.«

Auch Nico musste zugeben, dass das Verhalten des Rüden nicht normal war. Er blieb stehen und sah eindringlich zum Wald.

Plötzlich stürzte Rainer Bode aus der Küche heraus. Er sah fast leichenblass aus. »Der Wald brennt!«, rief er, wobei sich seine Stimme fast überschlug. »Hubert hat angerufen, Leute aus dem Dorf haben Alarm geschlagen.«

Obwohl es dazu eigentlich keine Fragen gab, traute Nico seinen Ohren zunächst nicht. »Wo?«, wollte er wissen, sein Herzschlag hatte sich in einigen Sekunden verdoppelt. Ohne groß nachdenken zu müssen war allen klar, was das bedeuten konnte. Der Wald war knochentrocken, schon ein Funke die Katastrophe schlechthin. Was insgeheim jeder seit Wochen befürchtete, jetzt war es eingetreten – ein Alptraum, zu dessen Ausgang man sich besser keine Gedanken machte.

»Einmal drüben bei den Bruchwiesen und dann gleich am Ortsausgang unten. Die Feuerwehren der ganzen Umgebung sind alarmiert.«

Nicos Gehirn arbeitete auf Hochtouren. »Bruchwiesen.. An zwei Stellen gleichzeitig? Das ist doch kein Zufall.«

»Das hat Hubert auch gesagt, er sprach gleich von Brandstiftung. Das Feuer bewegt sich bergauf, Richtung Steinbruch.«

»Also erst mal keine Gefahr für uns hier?«

In dem Moment nahm Nico leichten Rauchgeruch wahr und auch Gröbner sog die Luft durch die Nase.
»Rauch.. verdammt..«

Nicos Blick ging zu Rick, der wie angewurzelt dasaß. Sein Verhalten hatte sich damit auf der Stelle erklärt.
»Rainer, was sollen wir machen?«

»Nico, Ruhe bewahren, wir können nichts tun. Die Jungs sind alle hier und das bleiben sie auch. Außerdem evakuieren Leo und Irwin grade Camp zwei. Sie kommen hierher.«

Untätig herumzustehen war keinem der drei recht, aber es war tatsächlich das Beste, die Dinge abzuwarten. Nico streichelte dem Rüden über den Rücken. »Das hat Rick gemerkt, deswegen war er so komisch.«

Bode zog sein klingelndes Handy aus der Tasche. »Ja?« Er nickte, murmelte etwas in das Telefon und legte auf. »Das war Thomas Prauner. Er ist mit seinem Vater in einem Motorsegler unterwegs und hat aus dem Flugzeug die Rauchwolke gesehen. Sie fliegen die Strecke ab und unterrichten uns, wo das Feuer hinwandert.«

Nico blies die Luft aus. »Was ein Glück.«

»Ja. Die Feuerwehren sind aber noch nicht da.«

»Bis die kommen..«

»Also ich denke jetzt mal pragmatisch«, mischte sich Gröbner ein. »Egal wie es ausgeht, aber hier gibt es bestimmt einiges was – im nicht erhofften Ernstfall – den Flammen nicht zum Opfer fallen darf.«

Rainer Bode nickte. »Stimmt. Wir sollten nachsehen was in Sicherheit gebracht werden muss. Nico, du gehst mit den Jungs ins Camp, sie sollen alle privaten Sachen zusammensuchen. Aber nur wirklich wichtige Sachen.«

Nico rannte sofort los, unter Umständen zählte jede Minute. Er stürmte gleichsam in den Speiseraum, wo ihn daraufhin ungläubige Blicke trafen. Die Jungs waren noch ahnungslos..
Er versuchte ruhig zu bleiben und vor allem zu wirken. Eine Panik nutzte niemand. »Jungs, hört mal zu. Der Wald hat.. angefangen zu brennen.«

Sofort wirbelten Stimmen durcheinander, Simon und Roko sprangen von ihren Stühlen auf.

Nico beschwichtigte sie sofort. »Hey Jungs, kein Grund zur Aufregung. Das Feuer wird beobachtet und für uns hier droht im Augenblick keine unmittelbare Gefahr. Trotzdem solltet ihr vorsichtshalber wichtige Dinge aus den Hütten holen. Und damit meine ich wirklich Sachen, die wichtig sind. Wir haben vielleicht keine Zeit, den Platz komplett zu räumen. Wir gehen zusammen los; niemand sprintet davon und keiner bleibt zurück. Mit anderen Worten, zusammenbleiben verstanden?« Nico wunderte sich über den Ton, mit dem er das sagte.

»Ja nun, worauf warten wir noch?«, rief Patrick und sah Nico fragend an.

»Gut, auf geht’s.«

In einem Dauerlauf verließen sie das Gebäude und inzwischen war der Himmel nicht mehr so blau; ein feiner, grauer Schleier hatte sich über dem Areal ausgebreitet und neben dem Geruch nach verbranntem Holz begannen nach wenigen Metern die Augen der Jungen zu brennen.

»So weit kann das aber nicht mehr weg sein«, rief Marco Nico zu, der neben ihm herlief.

Nico musste ihm zustimmen, so gern er auch vom Gegenteil überzeugt gewesen wäre. »Ich denke, so ein Rauch geht über etliche Kilometer«, versuchte er es dann doch.

»Hoffentlich«, gab Marco zur Antwort und dabei rannten sie bereits auf den Pfad in den Wald hinein. Immer wieder sah Nico nach oben, denn dunkler werdende Rauchwolken würden nichts Gutes bedeuten.

Rick sprintete der Gruppe voraus und erreichte als erster die Hütten. Rasch suchten die Jungen ihre Unterkünfte auf, alles geschah überlegt und ohne wirkliche Panik.

Nico blieb an dem Baumstamm auf der Lichtung stehen und atmete schwer. Noch bereitete das Atmen keine Probleme, noch verdichteten sich keine Rauchwolken über ihnen. Aber es war ein sehr merkwürdiges Gefühl, das Besitz von ihm ergriff. Nico deutete es als Bedrohung, etwas, das plötzlich und unberechenbar über sie hereinfallen konnte. Zu dieser unterschwelligen Angst kam so etwas wie eine Ohnmacht – den Dingen keinen Einhalt bieten zu können. Hier half nur die Flucht, sonst nichts.

Er zog sein Handy heraus und wählte Bodes Nummer. »Was sagt Thomas?«

»Noch nichts. Ich geb dir schnell seine Nummer, für alle Fälle.«

Nico kritzelte sich in der Eile die Nummer auf seine Handfläche, legte auf und rief Thomas Prauner an.
»Hallo Thomas, hier ist Nico.. danke dass du uns informieren möchtest.«

Erstaunlich leise war im Hintergrund die Maschine des Motorseglers zu hören. Es klang eher wie ein leises, angenehmes Surren. »Hey Nico, schön dich zu hören.. und ihr habt ja noch einiges Gut bei mir. Also die Feuerwehr seh ich noch nicht.. aber ich.. grad.. drüben im Erlholz steigt auch Rauch auf.. es sind dann drei Stellen.«

»Thomas, das.. ist doch kein Zufall, oder?«

»Nein, das glaube ich auch nicht. Hoffentlich ist niemand mehr zwischen Bruchwiesen und dem Erlholz.«

Nico spürte, wie sich sein Körper zusammenzog. »Thomas, wieso?«

»N ja, nach Süden hin kann jetzt niemand mehr ausweichen, im Westen lodert es am Ortsausgang, im Osten die Bruchwiesen und im Norden ist der Steinbruch.«

»Thomas.. ich fürchte da ist tatsächlich jemand im Wald.«

»Was? Wer?

»Eine Gruppe Pfadfinder, auf dem Weg nach Bad Eilsen. Wir haben sie getroffen, am Steinbruch und sie wollten zu einem Bildstock, in den Bruchwiesen.«

»Okay, wir holen uns eine Genehmigung von der Flugsicherung und gehen dann tiefer, vielleicht sehen wir sie ja.«

»Das wär Klasse, Thomas. Melde dich wenn es etwas Neues gibt.«

Da hatte der Pilot bereits aufgelegt. Nico schnaufte. Die Pfadfinder.. dieser Pröll hatte gesagt, sie würden nach Karte und Kompass laufen. Damit schein sicher zu sein, dass sie sich nicht auskannten. Der einzige Weg war so schnell wie möglich zurück zum Steinbruch, bevor ihnen der Weg dorthin auch noch abgeschnitten wurde. Nico rief sich die Gesichter der Jungen in sein Gedächtnis. Das waren noch halbe Kinder..

»Verdammt«, sagte er laut.

»Was ist?«

»Roman.. ach nichts, ich hab nur laut gedacht.«

Marco stellte sich zu den beiden und Nico spürte, dass er den Druck nicht alleine aushalten konnte. »Die Pfadfinder.. sie laufen wahrscheinlich in genau die falsche Richtung.«

Die Jungen sahen sich an.

»Wieso das denn? Die werden doch merken dass da was nicht stimmt.«

»Schon, aber wenn sie nicht sofort umkehren.. wer weiß wo das Feuer noch überall ausbricht.«

»Du meinst, die.. und jetzt?«

Nico zog die Schultern hoch. »Thomas und sein Vater sind da oben in der Luft und versuchen sie zu finden. Bloß.. ich weiß nicht wie sie denen am Boden klarmachen wollen, was da auf sie zukommt.«

»Ruf die Polizei, Nico, sag allen was da läuft.«

Marco hatte Recht, es zählte wirklich jede Minute. Nico nahm sein Handy und berichtete Bode von seiner Vermutung. Mehr war es bis dahin nicht, vielleicht waren sie wirklich schon längst umgekehrt.

»Okay Nico, ich versuche alles Mögliche«, sagte Bode nur und legte wieder auf.

»Und jetzt?«, fragte Marco fast ängstlich.

Inzwischen hatten sich die Jungen an dem Baumstamm eingefunden, jeder trug seinen Rucksack und scheinbar hatten sie doch alle Habseligkeiten zusammengepackt. Nachdem es aber kein echter Notfall war, sagte Nico nichts dazu. »Ich weiß es nicht«, antwortete er Marco und versuchte, dessen Blick auszuweichen.

»Sollten wir.. ihnen nicht folgen?«, fragte Simon plötzlich, »ich mein’, wir können ja nicht bloß hier herumstehen.«

Nico äußerte nicht, dass er schon länger mit diesem Gedanken spielte, aber diesmal war es einfach viel zu gefährlich. Sie konnten selbst in Schwierigkeiten kommen und das galt es zu vermeiden. Thomas und seinen Vater ständig anzurufen machte auch keinen Sinn, die würden sich von alleine melden wenn sie etwas entdeckt hatten.
Dennoch war das Warten fast lähmend. Sein Handy klingelte, hastig zog er es aus der Tasche. »Ja, Thomas?«

»Hi Nico, wir dürfen auf 150 Meter runter, tiefer nicht. Aber das würde reichen die Gruppe zu sehen. Kennst du den genauen Weg, den sie genommen haben?«

»Nein, eben nicht. Ich fürchte, die gehen Querfeldein. Viele Wege gibt’s ja auch nicht.«

Thomas schien nachzudenken. »Ah, die Feuerwehr.. wir können das Blaulicht sehen. Sie sind am Ortsausgang und drüben am Erlholz.«

»Wie weit ist das Feuer vom Camp weg? Könnt ihr das sehen?«

»Schätzungsweise fünf oder sechs Kilometer, es frisst sich aber sehr schnell voran. Alles brennt.. wie Zunder.«

Nico konnte sich das Bild von da oben leicht vorstellen. »Also wird es.. auch bis hierher kommen?«

Wieder eine scheinbar nachdenkliche Pause. »Nico, ich melde mich wieder. Leg auf.«

Welchen Einfall Thomas auch immer hatte, Nico hoffte, es war ein guter. Er wandte sich wieder den Jungen zu. »Kommt, wir müssen zurück. Das Feuer ist unterwegs.«

»Und die Pfadfinder?« Simon ließ nicht locker.

»Wir können überhaupt nichts machen.«

»Aber zwischen hier und dem Steinbruch, da brennt es doch nicht.«

»Eben, was soll es nützen wenn wir da hoch gehen? Die Gruppe ist auf der anderen Seite. Und wir haben keine Ahnung, wo.«

»Ich finde auch, wir sollten was unternehmen«, mischte sich Roman ein. »Wir haben doch Thomas, der kann uns sagen wo die Flammen sind.«

Wenige Augenblicke versuchte sich Nico die Situation im Kopf abzubilden. Roman hatte zwar Recht, aber die Gefahr war zu groß. Am Ende gab es tatsächlich nur der Weg über den Steinbruch, alle anderen Möglichkeiten schienen im Moment ausgeschlossen. Erneut klingelte sein Handy.

»Nico, die Heeresfliegerstaffel der Bundeswehr aus Bückeburg stellt zwei Löschhubschrauber. Die Bereitschaft macht sie soeben startklar.«

»Puh, klasse Nachricht, Thomas. Aber wo kriegen die Wasser her?«

»Bei den niedrigen Wasserständen ringsum können sie nur zur Weser um die Löschbehälter zu füllen, eine andere Möglichkeit sehe ich nicht.«

»Thomas, das ist doch viel zu weit wenn ich mich erinnere.«

»Ja, aber ich wüsste sonst nicht.. aber das ist auch nicht unser Problem, die kennen sich da besser aus.«

»Und von den Pfadfindern? Habt ihr sie gesehen?«

»Keine Spur, aber wir suchen uns die Augen aus dem Kopf. Sobald wir was wissen, sagen wir Bescheid.«

Kaum hatte Nico das Gespräch beendet, meldete sich Rainer Bode. »Hallo Nico. Leo und Irwin fahren die Jungs aus Camp zwei runter zum Dorf, es macht keinen Sinn sie erst noch hierher zu bringen. Wie sieht es aus?«

Rasch schilderte Nico von Thomas’ Beobachtungen.

»Die Bundeswehrhubschrauber werden ebenfalls nach ihnen suchen«, sagte Bode, »da mach dir mal keine Sorgen. Aber ich denke, ihr solltet jetzt rüberkommen, es ist besser wenn wir hier verschwinden.«

Auch Nico sah keine andere Möglichkeit, hier konnten sie nichts ausrichten. »Gut, wir kommen.«

Nico wandte sich den Jungen zu. »Wir räumen das Feld, es gibt für uns hier nichts mehr zu tun.«

»Nico, die Hütten..« Marco deutete dorthin.

»Ich weiß, aber wie sollen wir die schützen? Wir haben ja nicht mal Wasser.«

»Da ist doch der Bach. Wir könnten es doch wenigstens versuchen«, warf Roko ein.

»Jungs, ich weiß, was euch die Hütten und das alles hier etwas bedeutet, mir tut es ja auch leid. Aber seht es mal realistisch. Gegen so ein Flammenmeer können wir überhaupt nichts ausrichten.«

Tatsächlich fand Nico, dass jede Überlegung unnütz war, denn nichts konnten sie dieser Naturgewalt entgegensetzen. Ihm machten die Pfadfinden viel mehr Sorgen. Er lauschte angestrengt, aber noch waren die Hubschrauber nicht zu hören. Jeden Meter, den die Jungs aus der Pfadfindergruppe in die falsche Richtung liefen, konnte einer zuviel sein. In dem Alter war zudem viel schneller Panik angesagt als wenn es sich um ältere und erfahrene Personen handeln würde. Das war zwar sein eher subjektiver Eindruck, aber nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Katastrophe würde perfekt, wenn sie kopflos handeln würden.

»Wo ist eigentlich Simon?«

Nico sah sich nach Patricks Frage um. Er war tatsächlich nicht am Platz und erst jetzt fiel auf, dass auch Rick nicht mehr unter ihnen war.

»Simon!?«

Die Jungen riefen nun durcheinander seinen Namen, aber der Junge gab keine Antwort.

»Rick!?« Nico schrie fast, urplötzlich beschlich ihn ein unangenehmes Gefühl.

»Simon, Rick!? Hat die jemand weggehen sehen?«, fragte Nico die Gruppe, aber keiner hatte das verschwinden der beiden bemerkt.

»Verdammt, wo sind denn die?«

»Vielleicht schon vorgegangen«, vermutete Roman. »Aber ich habe Simons Handynummer.«

Nicos Gesicht hellte sich auf. »Gott sein Dank.«

Rasch wählte Roman die Nummer aus einem Telefonbuch, aber wenige Sekunden später hörten sie eine Melodie aus der Hütte, die sich er und Simon teilten.

»Hm, war wohl nichts. Es liegt dort drin.«

»Klasse. Das hat gerade noch gefehlt. Aber es hilft alles nichts, die werden schon wieder auftauchen. Los jetzt, wir gehen.«

Mit eiligen Schritten verließen sie das Camp, wobei jeder der Jungs immer wieder zurücksah. Keiner wollte sich damit abfinden, dass die neuen Hütten vielleicht bald nicht mehr stehen würden.
Dennoch zögerten sie nicht, betraten den Pfad hinein in den Wald. Noch war der Himmel nicht von Rauchwolken gezeichnet, noch immer die Hubschrauber nicht zu hören. Nico rechnete sich aus, wie lange sie vom Stützpunkt bis zur Weser und dann bis hierher brauchen könnten. Eine Stunde wenigstens, dabei war nicht einmal sicher, ob sie überhaupt schon gestartet waren.

Trotz des nicht langen Weges kam die Gruppe völlig verschwitzt am Falkenhorst an. Unter der Tür standen Rainer Bode, Michel Korn und Felix Gröbner, anscheinend hatten sie auf die Jungen gewartet.

»Ist Simon hier, und Rick?«, wollte Nico zuerst wissen.

Die Betreuer sahen sich an. »Nein, hier sind sie nicht«, antwortete Bode und sein Gesicht wurde ernst.

»Sie waren plötzlich nicht mehr da.«

»Rick? Das.. kann ja eigentlich gar nicht sein.«

»Nein, Rainer, das wundert mich ja auch. Der weicht mir doch nie von der Seite.«

»Und ihr habt alles abgesucht?«

Roman nickte. »Alles, jedenfalls laut genug gerufen.«

Nico fiel ein, wie Simon von den Pfadfindern gesprochen hatte. Davon, dass es zwischen dem Camp und dem Steinbruch nicht brennen würde. Aber er allein.. und Rick? Nicos dummes Gefühl wurde heftiger.
»Rainer, ich fürchte fast.. die beiden sind los.«

»Was? Sind die verrückt? Und wieso Rick?«

»Die beiden haben ne ziemlich dicke Freundschaft geschlossen«, bemerkte Roko, »das ist jedem von uns aufgefallen.«

Bode zündete sich nervös eine Zigarette an. »Nico, kann es sein dass Rick Simon gefolgt ist?«

»Wer weiß. Ich meine, wir haben alle keine Acht auf die beiden gehabt. Jedenfalls muss man damit rechnen.«

Die Betreuer sahen sich ratlos an, wobei auch sie genau wussten, wie sehr es jetzt auf jede Minute ankam.
Bode nahm sein Handy. »Thomas? Wir fürchten, einer aus der Gruppe hier ist mit Rick auf dem Weg, die Pfadfinder zu suchen. Habt bitte ein Auge drauf.« Bode schaltete den Lautsprecher seines Handys an.

»Was ist los? Das ist Wahnsinn, das Feuer rast wie der Teufel. Aber okay, wir fliegen sowieso gerade Richtung Steinbruch.«

»Danke.« Bode legte auf. Aus der Luft konnte man sie ja vielleicht ausmachen, aber helfen konnte Thomas von dort nicht.

»Wir müssen sie suchen«, entschied Rainer Bode dann auch, obwohl ihm diese Entscheidung sichtlich schwer gefallen war.

Sofort kam Bewegung in die Gruppe.

»Ja dann, los.« Roko rieb sich die Hände und erntete heftiges Kopfnicken der anderen Jungs.
»Nicht alle, vier Mann sollten genügen. Nico, du bleibst hier, Michael Roman und Patrick auch. Felix, Roko, Marco und ich gehen los. Wir nehmen den Wagen und bleiben in ständiger Verbindung.«

»Und was machen wir hier so lange?«, fragte Korn.

»Warten, mehr ist eh nicht drin. Wenn es sein muss, fahrt weg, versucht keine Helden zu spielen.«
Bodes Worte waren eindeutig und damit liefen sie zu Bodes Auto.

Marco zögerte einen Augenblick, in dem er zu Nico herübersah. Sicher wäre er gern hier geblieben, das konnte Nico an seinen Augen ablesen. Aber in diesem Moment gab es nur Entscheidungen, es war kein Platz für Wünsche. Ungefährlich war dieser Einsatz keineswegs und Nico wäre über eine andere Einteilung ebenfalls froh gewesen. Aber es war nicht die Zeit für Diskussionen, Rainer hatte entschieden und daran gab es nun mal keine Zweifel anzumelden. Nico schlug die Augen nieder, was mehr sagte als jedes Wort zwischen ihm und Marco.

Kaum war der Suchtrupp im Wald verschwunden, meldete sich Thomas.

»Nico, wir haben jetzt den Steinbruch erreicht, aber sehen können wir niemanden, zudem wird der Rauch immer dichter.«

Nico schilderte kurz von der Suchaktion. »Was ist mit den Hubschraubern?«

»Noch nichts, aber wir haben keine große Sichtweite mehr. Wenn die auftauchen werden wir sowieso von hier verschwinden. Zumindest müssen wir rauf, raus aus ihrem Einsatzbereich.«

Diese logische Maßnahme war alles andere als eine gute Nachricht. Je höher Thomas und sein Vater flogen, desto geringer wurden die Chancen, die Vermissten ausfindig zu machen.
.
»Aber wir bleiben in der Nähe. Wir können den Motor öfter abstellen, die Hitze erzeugt eine Menge Aufwind. Tanken brauchen wir vorerst nicht, nur dem Rauch müssen wir ausweichen. Bis später.«

Nico spürte Unruhe in sich aufkommen. Hier zu sitzen und nichts zu tun war weitaus schlimmer als alles andere. Allerdings schien er damit nicht alleine zu sein.

»Wo holen die Wasser? In der Weser? Das ist doch viel zu weit.«

»Ja, Michael, das hab ich auch gesagt.«

Erneut klingelte Nicos Handy, Thomas meldete sich wieder.

»Die ganzen Feuerwehren aus dem Umland sind unterwegs, auch die Bundeswehr ist im Anmarsch. Sie fliegen Pioniere ein, ich hab’s grade über Funk gehört.«

Wenigstens eine gute Nachricht. »Okay, vielleicht können sie ja das Camp schützen.«

»Die haben ihre Pläne, ich denke die werden die Ortschaften vorziehen. Leider.«

Auch das war natürlich logisch, hier war niemand in unmittelbarer Gefahr. Nico beendete das Gespräch.
»Hilfe kommt jetzt aus allen Richtungen.«, sagte er.

»Und wie weiter?«, wollte Patrick wissen.

Korn schien ebenfalls ziemlich ratlos. »Wir müssen warten, mehr kann man nicht tun.«

»Diese Hitze aber auch«, stöhnte Roman und fuhr sich mit einem Taschentuch über das schweißnasse Gesicht. Tatsächlich schien man bereits die Nähe der Flammen zu spüren, aber noch bestand keine Gefahr.

»Das geht schnell«, sagte Korn. »Ich hab das mal erlebt, damals als die Heide brannte. Ich hatte bis dahin niemals geglaubt, wie schnell sich Feuer ausbreiten kann. Hundert Meter und mehr in wenigen Sekunden sind da möglich.«

Nico hörte nur halb zu. Ständig musste er an Simon, Rick und die Pfadfinder denken. Hundert Meter in Sekunden – welche Fluchtmöglichkeit hatte man denn da noch?

Ein Wagen brauste auf das Gelände und bremste scharf vor der Gruppe.

»Alles okay mit euch?«, fragte Hubert Angelmann noch beim aussteigen. Hasso, sein Griffonrüde, sprang heraus und begrüßte jeden der Gruppe mit abschnuppern.

Nico war froh, den Förster zu sehen. »Hallo. Nein, eigentlich nicht.«

Er schilderte dem Förster die momentane Situation. »Und jetzt stehen wir hier und.. keine Ahnung was man da machen soll.«

»Na ja, wenigstens ist noch nichts verloren, im Gegensatz zu meiner Hütte. Ich fürchte, die ist dran. Hab das Wichtigste schon mal aufgeladen, man kann nicht wissen.« Angelmanns Stimme war anzuhören, dass ihm das nicht Gleichgültig war. Wenn man es genau nahm, war das ja sein Zuhause.
Der Förster kramte dann im Handschuhfach eine Karte heraus und breitete sie auf der Motorhaube seines Rovers aus. Eine Generalstabskarte, in der jeder noch so kleine Weg eingezeichnet war.
»Nach Thomas’ letzten Meldungen ist das Feuer wohl hier.. « Mit einem Bleistift zeichnete er große Ovale auf die Karte, »hier und hier. Damit ist das Camp zwar nicht in unmittelbarer Gefahr, aber die Flammen kommen schnell voran. Jedenfalls, bis zum Steinbruch kommt man ja scheinbar ohne weiteres durch. Nur, dahinter, da sieht es nicht gut aus.«

Und genau da waren vermutlich die jungen Pfadfinder unterwegs. Um den Suchtrupp machte sich Nico keine Sorgen, Bode war erfahren und vorsichtig genug. Eher würde er umkehren lassen, als sich und die Jungs aus dem Camp in Gefahr zu bringen.
Ihm jetzt dauernd hinterher zu telefonieren war nicht besonders sinnvoll, er würde sich melden. »Ich werde dann mal meine Sachen zusammenpacken«, sagte Nico und ging zum Hauptgebäude.
Irgendwie fiel es ihm schwer zu glauben, wie es in einigen Stunden hier aussehen konnte. Bedächtig sah er sich um. Alles aus Holz, mehr als Schutt und Asche würde von all dem nicht übrig bleiben. Wieso ausgerechnet hier? Das Waldgebiet war riesig und niemand hier dachte mehr an einen Zufall, allzu deutlich standen die Zeichen auf Brandstiftung. Nur, wer hatte Interesse an so etwas und vor allem, warum? Das schlimmste daran war, dass der oder die Täter vielleicht niemals gefasst würden. Zufälle waren es meist wenn man sie doch erwischte, aber am Ende war es egal.
Er lehnte sich aus seinem Fenster und über ihm begann sich jetzt der Himmel grau zu verfärben. Rauchgeruch lag nun immer dichter über dem Wald, allzu lange dauerte es wohl nicht mehr.
Rasch räumte er seine Sachen zusammen, packte alles wild durcheinander in seine Taschen. Er hasste solche Momente, in denen er allein sein musste. Wo es niemand um ihn gab, mit dem er seine Ängste und Sorgen teilen könnte.
Nach und nach leerte sich sein Zimmer, die Taschen lagen auf dem Bett und gaben ein chaotisches Bild ab. Sollte so sein Praktikum enden? Wahrscheinlich war dem so und eine Wiederholung, vor allem hier, würde es kaum geben. Er fluchte einige Male, dann ging er in die Duschräume um sein Rasierzeug zu holen. In dem Augenblick, wo er vor einem der Waschbecken stand und auf die Wasserhähne starrte, kam ihm eine Idee. Sie war vielleicht eher Abenteuerlich, aber ein Versuch auf jeden Fall wert. Er stürmte hinaus vor das Gebäude, die Jungen hatten damit begonnen, ihre Sachen auf die Ladefläche von Angelmanns Rover zu bringen. Platz war noch genug auf dem Wagen.

»Ich fahre uns raus, weg von hier«, sagte der Förster zu ihm, dabei klang seine Stimme ziemlich belegt. Verständlich, sein Wald stand in Flammen und er war, wie die anderen hier auch, völlig machtlos.

»Herr Angelmann, ich hab da so eine Idee.«

»Dann raus damit.«

Nico ging zu dem Rover, wo noch immer die Karte auf der Motorhaube lag. Er orientierte sich kurz darauf und zeigte auf eine Stelle auf der Karte. »Hier sind wir, beziehungsweise der Falkenhorst, richtig?«

Der Förster nickte.

Dann tippte er mit dem Finger auf einen Punkt. »Und hier oben ist die Zisterne, wenn ich mich nicht täusche.«

»Ja, so ist das wohl.«

»Wenn man den Deckel dort aufmacht.. ich meine, der Durchmesser müsste für die Löschbehälter doch ausreichen, oder?«

Angelmann rieb sich seinen grauen Bart, sein Blick war skeptisch. Trotzdem schloss er diese Möglichkeit nicht völlig aus. »Es könnte funktionieren..«

»Lassen Sie uns hinauf fahren, wir messen es aus und geben den Hubschrauberbesatzungen Bescheid.«
Nicos Stimme zitterte. Es war eine minimale Chance, aber näher konnten die Hubschrauber nirgendwo Wasser aufnehmen als dort.

Angelmann nickte schließlich. »Gut, wir sollten es versuchen.«

Nico nahm sein Handy. »Thomas, wir haben vielleicht eine Möglichkeit gefunden, wie die Maschinen schneller Wasser fassen können. Oben auf dem Berg liegt eine Zisterne, durch dessen Öffnung könnten die Löschbehälter passen. Wir fahren hoch und messen das aus, gib du bitte der Bundeswehr Bescheid.«

»Okay, ich gebe es weiter. Wir haben übrigens ein Fahrzeug ausmachen können, es steht oben am Steinbruch.«

»Könnt ihr.. Personen erkennen?«

»Ja, es sind vier.«

Bode war also mit den Jungen dort oben angekommen, aber dennoch machte sich Enttäuschung in ihm breit. Das würde bedeuten, dass sie Simon und Rick noch nicht gefunden hatten. »Der Hund ist auch nicht zu sehen?«

»Nein, kein Hund.«

»Okay..« Nico beendete das Gespräch. Es half nichts, dort konnten sie nichts tun, ihre Arbeit war eine andere. »Können wir fahren?«, fragte Nico und Angelmann nickte.

»Ich habe ein Metermaß im Wagen, wir sollten jetzt los.«

»Patrick, komm bitte mit«, entschied Nico spontan und schon sprang der Junge ins Auto, gefolgt von Hasso.

»Es ist eine gute Idee, hoffentlich passen die Behälter. Dafür muss aber genügend Platz sein, sonst werden die sich am Rand verfangen«, gab der Förster zu bedenken.

Nur aus Filmen kannte Nico den meist unruhigen Schwebeflug eines Hubschraubers. Viel pendeln durfte seine Last nicht, das konnte fatale Folgen haben. Notfalls würde die Besatzung das Seil kappen müssen und dann war nichts gewonnen. Sie mussten sich auf die Piloten verlassen, vor allem würden die kein unnötiges Risiko eingehen.

»Wir bleiben hier«, sagte Michael Korn und nahm Roman am Arm. »Man kann ja nicht wissen.«

»Okay. Bis dann.« Heimlich drückte Nico seine beiden Daumen, während der Förster mit gewohnt schneller Fahrt den Weg zur Zisterne hinauffuhr.

Patrick lehnte sich nach vorne und blickte in die Baumkronen. »Rauch.. da ist er..«

Nico wagte keinen Blick nach oben, er wollte es gar nicht wissen. Stattdessen nahm er sein Handy.
»Thomas, wir sind auf dem Weg zur Zisterne. Wie weit ist das Feuer von dort weg?«

»Keine Gefahr, Nico. Wir sind eben über den Berg geflogen, die Hubschrauber sind informiert und in etwa einer halben Stunde dürfte der erste da sein. Beeilt euch.« Damit legte er auf.

»Wir sollten jetzt vielleicht ein bisschen beten«, sagte Nico zu seinen beiden Begleitern. »Wie weit ist es noch?« Zwar war Nico die Strecke mit Rainer Bode damals abgefahren, aber nun war ihm das Gefühl für Zeit und Entfernungen abhanden gekommen.

»Zehn Minuten, etwa.« Angelmanns Worte erstarben. Gleichzeitig sahen die beiden Jungen auch, warum.

»Scheiße«, fluchte der Förster nur fünf Minuten später und dieses Wort fand nirgends so eine genaue Bezeichnung wie für das, was sich in etwa zwanzig Metern Entfernung vor ihnen darbot.

»Wie ist.. das möglich?«, stammelte Nico angesichts des mächtigen Baumes, der quer über der Fahrbahn lag.

Angelmann bremste direkt davor und hielt an. »Ich hab nur eine Vermutung. Das ist eine uralte Eiche, sie sollte im Herbst eh gefällt werden weil sie morsch ist und zudem haben die Borkenkäfer bei der Hitze ganze Arbeit geleistet. Aber dass der gerade jetzt umstürzen musste.. Das sieht schon bald wie ein Fluch aus.«

Kurzzeitig dachte Nico an Sabotage, aber niemand konnte von seiner Idee wissen. Zufall oder nicht, jetzt gerieten sie in arge Bedrängnis. Hastig zog er sein Handy aus der Tasche. »Thomas, kann ein Hubschrauber da oben landen und die Besatzung nach der Luke sehen? Wir stecken fest.«

»Nein, Nico, nicht die Sikorsky CH-53, die ist zu groß und wahrscheinlich auch zu schwer. Man weiß ja nicht wie dick die Kuppel über der Zisterne ist. Was ist denn los?«

»Ein Baumstamm, quer über den Weg. Da kommen wir nicht vorbei.«

»Mist. Wie weit ist es denn noch?«

»Zu Fuß.. ne Viertel Stunde vielleicht.« Nico sah Angelmann dabei fragend an und der nickte. »Wenn wir uns beeilen.«

»Gut, ich sag den Besatzungen sie sollen zur Weser fliegen, es macht ja keinen Sinn, wir verlieren zuviel Zeit.«

Ohne Worte sprang Nico aus dem Wagen. »Auch wir sollten uns jetzt beeilen.«

»Warte«, rief der Förster, stieg ebenfalls aus und kramte sein Metermaß aus der Werkzeugtasche auf der Ladefläche.

Danach kletterten die drei über den Baumstamm, was durch die Äste gar nicht so einfach war. Nur für Hasso gab es damit keine Probleme, elegant witschte er durch das Geäst und dann sprinteten sie los. Nico hatte auch nicht geahnt, wie trainiert der Förster war und ohne Mühe mithalten konnte.

Nachdem sie das Hindernis hinter sich gelassen hatten, hielt Angelmann nach einigen Minuten an.
»Hier rein, das ist eine Abkürzung«, sagte er und deutete auf einen eher unscheinbaren Pfad, der steil durch einen jungen Tannenwald nach oben führte. Es gab darüber keine Diskussionen, dem Förster konnte man hier blind vertrauen. »Ist zwar etwas steiler, aber schneller.«

Es war kein Weg in dem Sinne, hier nahm sich das Wasser seinen Weg ins Tal wenn es heftig regnete. Dadurch war der Boden uneben und nur unter Vorsicht schwierig zu begehen.

»Wenn hier jetzt Wasser runterkäme.. «, stöhnte Nico, da die Wasserrinne nach kurzer Zeit begann, noch steiler zu werden.

»Ja, aber dann würde es gar nicht brennen können. Wenn hier mal ein Sturzbach runterkommt, dann ist da schon ein Unwetter zugange«, seufzte der Förster.

Sie konnten nur hintereinander den schmalen Steig begehen, der Boden war ausgewaschen und teilweise lagen größere, blanke Steine im Weg, die das Wasser aus dem Boden gewaschen hatte. Auch die Büsche rechts und links wirkten als natürliche Bremsen, immer wieder schlugen den dreien die Äste um die Ohren, wie Peitschen fast.

Trotz dem Rauschen in den Ohren, was bei der Anstrengung normal war, vernahmen sie wenig später gleichzeitig ein Motorgeräusch und im selben Augenblick überquerte der Motorsegler den Wald. Er flog fast beängstigend tief worauf sich schließen ließ, dass der Gipfel des Bergs nicht mehr weit sein konnte.

Angelmann bestätigte das dann auch. »Wir haben es gleich geschafft.«

Patrick hatte inzwischen sein Shirt ausgezogen und um seine Hüfte gebunden. Er störte sich nicht an den Kratzern, die ihm die Äste zufügten. Die Luft war drückend heiß und es schien, als würde man sie kaum atmen können. »Zieht das Feuer vielleicht die Luft weg? Man kriegt ja kaum noch welche«, seufzte er.

»Ich denk schon dass es etwas damit zu tun hat, aber wir kommen auch immer höher, Flachländer spüren da schon den Unterschied.«
Damit mochte der Förster Recht haben, aber es half nichts. Nico streifte ebenfalls sein T-Shirt aus und aus irgendeinem Grund vermisste er jetzt Rick an seiner Seite. Erstaunlich, welche Sicherheit ihm der Rüde doch gab.

»Wir sind gleich da«, schnaufte Angelmann und verlangsamte sein Tempo. »Bin halt doch nicht mehr der jüngste.«

Dann lichtete sich der Wald, sie kamen fast direkt an dem flachen Sandsteingebäude heraus. Sofort erklomm Nico die kleine Anhöhe und sah sich um. Von hier aus hatte man nur nach Osten gute Sicht und dort verdunkelten nun auch schwarze Rauchwolken den Himmel. Gelegentlich stiegen auch weiße Rauchfahnen auf, ein Zeichen, dass dort bereits gelöscht wurde. Obwohl man die Hubschrauber nicht sehen konnte, da sie offenbar unten im Tal zugange waren – das tiefe Brummen der Maschinen war nun nicht mehr zu überhören.

Der Förster und Patrick kamen nun auch zu ihm hoch. In diesem Augenblick wurde aus einem leichten Brummen ein immer lauteres Dröhnen. Vor ihren Augen tauchte schließlich ein riesiger Hubschrauber wie aus dem Boden kommend über dem Berg auf. Nico durchfuhr eine Gänsehaut, das Bild erinnerte ihn an eine riesige, dröhnende Libelle. Deutlich waren die weißen Helme der Piloten zu erkennen und dann wehte ein starker Wind, der durch die Rotorblätter entstand. Grashalme und kleine Äste wirbelten den dreien entgegen, während der Transporthubschrauber höher stieg und nun auch der Wasserbehälter sichtbar wurde.

Nico stemmte sich gegen den starken Wind. »Los, wir müssen den Deckel aufmachen«, schrie er gegen den fast ohrenbetäubenden Lärm, den die beiden Turbinen und die Rotorblätter erzeugten.

Ein Mann beugte sich aus einer Luke an der Seite des Hubschraubers heraus. Auch er trug einen Helm und schien Anweisungen zu geben, man konnte erkennen, dass er sprach. Jetzt winkte der Mann und schien die drei zur Eile anzutreiben.

Beherzt folgten Angelmann und Patrick dem Winken und kamen Nico zu Hilfe, der bereits die Verriegelung der Winde geöffnet hatte. Zusammen mit Patrick leierte er an der Kurbel und langsam klappte der Deckel der Zisterne auf.

Währenddessen war der Hubschrauber höher gestiegen und nun schwebte der Wasserbehälter fast über ihnen. Ein rascher Größenvergleich ließ Nico hoffen, dass der Behälter genug Platz hatte, um in den Schacht abgelassen werden zu können. Wahrscheinlich sah das der Soldat an der Luke besser von oben, aber Zeit, erst noch auszumessen, würde ihnen sowieso nicht bleiben.

Der Deckel war nun offen, weiter als etwa 80 Grad ließ er sich nicht nach hinten klappen. Aber das genügte, um nicht zu stören und er konnte nicht vom Abwind der Rotorblätter zugeschlagen werden.

Nico arretierte die Winde und so war auch letzte Sicherheit gegeben.
Jetzt winkte sie der Soldat aus Luke beiseite, mehr konnten sie an dieser Stelle sowieso nicht tun; rasch rannten die drei zurück und sprangen von der irdenen Kuppel vor den Eingang der Zisterne.

Schnell suchte Nico an seinem Schlüsselbund, dann öffnete er die Tür. »Wir müssen sehen, dass genug Wasser drin ist.«

Das war das Letzte, was sie nun hätten brauchen können, aber notfalls konnten sie die Pumpe von Hand in Betrieb setzen und Wasser nachpumpen lassen.

Nico knipste das Licht in dem Pumpenraum an und sein erster Blick fiel auf den Wasserstandsanzeiger. »Zehn Meter.. ich denke wir sollten die Zisterne bis zum Rand füllen, die werden eine Menge Wasser brauchen.«

Angelmann nickte nur. Zwar war ihm das alles nicht ganz so fremd, ein paar Mal war er mit Stein hier drin gewesen, aber da ging es nur um reine Besichtigungen. Wie man mit der Technik umging, wusste er nicht.

Aber Nico spürte, dass ihm der Förster vertraute. Er ging zu dem Sockel auf dem die Pumpe stand und öffnete den Schaltkasten. Ohne lange zu zögern drückte er den grünen Knopf, woraufhin die Pumpe leise surrend anlief.

»Was ein Glück dass du dich auskennst«, sagte Angelmann staunend.

»Zufall«, murmelte Nico nur und beobachtete das Manometer an der Wand. Mit 6 Bar Druck förderte die Pumpe und auch der Pegelmesser begann sich leicht zu bewegen.

»Okay, die lassen wir einfach laufen. Was zuviel wird läuft über, aber das können wir uns glaub ich echt leisten«, sagte Nico und ging hinaus aus dem Raum. Er lief ein Stück vom Gebäude weg und sah nach oben. Unglaublich, dass dieser riesige Hubschrauber wie angenagelt in der Luft stehen konnte. Das Seil führte hinunter und so wie es von dieser Stelle aussah, passte der Löschbehälter durch die Luke. Nico nahm sein Handy.
»Rainer? Was ist los? Habt ihr Simon und Rick gefunden?«

»Nein, weder sie noch die Pfadfinder. Aber im und über dem Wald ist so eine Aufruhr, die müssen wissen was los ist. Wir gehen jetzt um den Steinbruch herum, sie müssen hier irgendwo sein. Wo seid ihr? Die Hubschrauber.. sie sind da, oder?«

Nico erklärte kurz, was sich bei ihnen dort oben abspielte. Das sprechen fiel ihm schwer, allmählich begann er sich ernsthafte Sorgen zu machen. Warum war der Junge losgelaufen und wieso war ihm Rick so ohne weiteres gefolgt?

»Mensch, das war ne klasse Idee mit der Zisterne, darauf wäre ich nicht gekommen. Okay, wir suchen erst mal weiter und melden uns«, sagte Bode und legte auf.

Kurz darauf meldete sich auch Thomas wieder. »Nico, wir haben abdrehen müssen, weil wir sonst den Hubschraubern im Weg sind. Aber so wie ich von weitem sehe, klappt das mit der Zisterne, der Behälter unter dem Hubschrauber ist im Moment nicht zu sehen. Außerdem sind die Pioniere abgesetzt worden, sie bekämpfen den Brand am Erlenholz.«

»Gut.. das ist gut«, sagte Nico mit erlöster Stimme. Egal was jetzt passieren würde, sie hatten ihr möglichstes getan. »Wie sieht es sonst aus?«

»Die Feuerwehren sind überall. Das größte Problem ist die Ostseite, da kommen die nur schwer ran.«

Im Moment klang das beruhigend, denn der Falkenhorst lag zur Südseite. Nur Camp zwei, das nun Langensteiner Mühle hieß, lag am Osthang des Berges. »Was ist mir dem Camp zwei?«, wollte Nico deshalb wissen.

»Sehen wir von hier aus nicht, aber ich glaube dort ist das Feuer noch nicht angekommen.«

In diesem Augenblick sah Nico, wie der Mann an der Luke des Hubschraubers mit den Armen winkte. Das galt jedoch nicht ihnen, sondern offenbar dem Piloten. Der konnte das zwar nicht sehen, aber scheinbar unterstrich der Soldat hiermit seine Anweisungen. Langsam begann der Helikopter senkrecht zu steigen und wenig später kam der Löschbehälter zum Vorschein. Wasser rieselte an ihm herunter und damit war sicher, dass die Operation geglückt war. Kaum befand sich der Behälter einige Meter über dem Schacht, drehte der Hubschrauber mit seiner Fracht ab und verschwand hinter den Baumkronen.

Nico rannte wieder zurück in den Pumpenraum. Elf Meter Wassersäule zeigte der Pegelstand, damit war auch sicher, dass das Wasser nicht knapp werden würde.
Er setzte sich auf den Vorsprung an der Wand, wo er schon mit Rainer Bode gesessen hatte. Erst jetzt spürte er, dass sein ganzer Körper zitterte und wie erschöpft er war. Ausruhen, ein paar Minuten wenigstens. Angelmann und Patrick setzten sich ebenfalls zu ihm.

»Mensch Nico.. auf so eine Idee muss man erst mal kommen.«

Nico winkte ab und zündete sich mit zitternden Fingern eine Zigarette an. »Das ist mir wirklich spontan eingefallen. Wäre ich nicht in den Waschraum gegangen, wäre mir das auch nie eingefallen.«

Patrick und der Förster nahmen sich ebenfalls Zigaretten aus der Schachtel, die Nico ihnen hingehalten hatte.
»Wenn man nur wüsste.. Simon und Rick.. Und dann: Das hat doch jemand angezettelt. Wer kann Interesse haben, den Wald hier anzuzünden?«

Angelmann schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung, Nico. Das hier ist weder Bauland noch sonst irgendwie von Belang. Vielleicht war es doch nur eine Glasscherbe oder jemand hat eine Kippe in den Wald geschmissen. Ich glaub, so einen könnte ich ohne Wimperzucken umbringen.«

»Ja, aber ist es logisch, dass das an einigen Stellen gleichzeitig passiert? Ich denke wohl eher nicht«, lenkte Nico ein.

Inzwischen wurde es draußen erneut laut. »Der nächste Hubschrauber«, sagte Patrick fast wie zu sich selbst. »Was würden wir jetzt ohne die machen?«

»Wenn ihr mich fragt, dann sind die Dinger fast schon sein Segen«, antwortete der Förster.

Da die Löschaktion offenbar funktionierte, konnte Nico seine Gedanken wieder einigermaßen ordnen. »Simon und Rick.. Ich möchte bloß wissen, wo die beiden sind, sie können sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.«
Bei Rainer war Marco in guten Händen, um ihn musste er sich keine Sorgen machen. Außerdem konnte man davon ausgehen, dass Rick weder sich noch Simon in irgendeine Gefahr bringen würde. Trotzdem gab es allzu viele Unabwägbarkeiten.

Nico stützte die Ellenbogen auf seine Schenkel und scharrte mit den Füßen im Sandboden. Sollte dies wirklich das Ende des Camps sein? Sicher würde man da draußen alles tun, um die Gefahr abzuwenden, aber dennoch dürfte es zu Veränderungen führen. Was Falk dazu sagen würde? Wahrscheinlich wusste er längst was hier abging und es wäre kein Wunder, wenn er in kürzester Zeit hier auftauchen würde. Sein gutes recht irgendwie, es war und blieb sein Camp.

Richtig ruhig wurde es draußen nicht, immer wieder war das Geräusch der Hubschrauber zu hören. Nico war fast zu müde, um sich das anzusehen. Sein Blick fiel auf den Pegelmesser und nun konnte man deutlich sehen, wenn ein Behälter gefüllt wurde. Ein Meter machte das aus, den die Pumpe jedoch schnell wieder gut machte. Ihr leises Brummen klang fast wie eine Erlösung.

In dem Raum war es angenehm kühl und allmählich meldeten sich Hunger und Durst.

»Müssen wir eigentlich hier bleiben? Ich denke, die kommen ohne uns zurecht«, meinte Patrick denn auch.

Nico sah sich in dem Raum um. In der Tat, hier konnten sie nichts weiter tun, im Prinzip lief alles ohne ihre Hilfe. Dass er ständig auf seine Uhr sah, hatte einen anderen Grund. In der Dunkelheit konnten die Hubschrauber nicht fliegen und damit auch kein Wasser schöpfen. Von nun an kämpften alle da draußen gegen den Faktor Zeit. Und der war bekanntermaßen unantastbar. »Es wird bald dunkel«, äußerte er dann auch seine Befürchtung.

Angelmann sah auf die Uhr. »Vier Stunden können die bestimmt noch fliegen. Meinem Gefühl nach.. könnte das gerade reichen.«

Nico trat vor das Gebäude und nahm sein Handy. »Thomas, wie sieht es aus?«

»Sehr gut, Nico, sehr gut. Es sieht so aus, als wäre zumindest die Ausbreitung der Feuer eingedämmt.«

Nico atmete auf. »Werden sie es bis zum Einbruch der Dunkelheit unter Kontrolle haben?«

»Kann man so nicht sagen, aber an vielen Stellen wird der Rauch weiß.«

Weißer Rauch bedeutete Wasserdampf. Nicos Anspannung legte sich etwas, wobei ein Rest Unsicherheit blieb. Zumindest aber hatten die Pfadfinder Ausweich- oder Rückzugsmöglichkeiten wenn es stimmte, dass sich das Feuer nicht weiter ausbreiten konnte. Sicher war es nur eine Frage der Zeit, bis sie auftauchen würden, mehr nicht.

»Nico, wir müssen umkehren. Der Tank ist fast leer und den Flugplatz müssen wir ja auch noch erreichen.«

»Dann.. geht ihr aber heute nicht mehr hoch, oder?«

»Versprechen kann ich es nicht. Wir kreisen noch einmal und fliegen dann zurück.«

This Post Has Been Viewed 308 Times

No votes yet.
Please wait...

Schreibe einen Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.