Das Hologramm – Teil 3

Tausend Fragen gingen mir durch den Kopf, als wir auf dem Weg zu mir nach Hause waren. Der Blick in den Rückspiegel war schon Gewohnheit geworden, aber da tat sich nichts. Die Wolken schienen aus dem Himmel herabzusteigen, es wurde richtig dunkel. Ich hasse so ein Wetter, wie die Pest eigentlich. Oliver schien sich nicht im Geringsten daran zu stören.

»Weißt du was ich jetzt gerne machen wollte?«, fragte er nach einer Weile.

»Du wirst es mir gleich sagen.«

»Eine Zigarette rauchen.«

Ich musste lachen. »Kann ich dir irgendwie nachfühlen. Aber leider.. geht das ja nicht.«

Zu meinen Überlegungen kam hinzu, was ich mit ihm machen wollte. Zu Hause, bei mir. Ich konnte in der Tat nichts anderes machen, als mit ihm zu reden. Sonst nichts, gar nichts. War das nicht total verrückt?
Doch, das war es. Superverrückt. Zudem, ich musste damit alleine klar kommen. Keine Menschenseele würde mir glauben, was da grad passierte. Das einzige, was mir dabei helfen könnte, war er selbst.
Ich stellte mir vor, wie ich ihn mitnahm auf eine Party. Und man wollte ihm dort die Hand geben, zum Beispiel. Aber selbst wenn das eine Möglichkeit wäre, zu Unsinnig das Ganze. Der Trubel wäre nicht auszuhalten. Und ohne Oliver näher zu kennen, das wollte und durfte ich ihm nicht antun.
Also konzentrierte ich mich auf dieses merkwürdige Geheimnis in jener Kammer, die wir zu stürmen gedachten.
Es goss wie aus Kübeln, als ich meinen Wagen vorm Haus parkte. In der Küche brannte Licht, meine Eltern schienen da zu sein und nun kam Plan eins zum Zug.

»Also, ich geh jetzt rein. Mein Zimmer ist oben«, dabei zeigte ich auf das Fenster, »du kannst nachkommen wenn du Licht siehst. Und.. lass dich nicht sehen, das gibt sonst erst Mal richtig Probleme. Meine Eltern haben nichts gegen meine Freunde, aber..«

Oliver winkte ab. »Hab schon verstanden.«

Ich fragte ihn nicht, wie er das anstellen wollte, denn letztlich hatte er ja schon Erfahrung mit fremden Wohnungen.

»N´abend«, rief ich in die Küche und hängte meine tropfnasse Jacke ab. Die wenigen Meter zwischen Auto und Haustür hatten gereicht, dass ich bis auf die Haut nass geworden war.

»Junge..« Meine Mutter stand plötzlich vor mir. »Du bist ja klatschnass. Ich lass dir ein Bad ein, nicht dass du dich erkältest.«

Ja, meine Mutti, immer besorgt um mich. War auch verständlich, für das Wohlergehen des einzigen Kindes liebevoll zu sorgen. Eine Widerrede war eigentlich sinnlos, im Übrigen war mir tatsächlich nach einem heißen Vollbad.
Oliver.. Schon rasselte es wieder in meinem Hirn. Aber gut, die Tür zum Bad blieb zu, solange ich da in der Wanne lag. Im Grunde konnte nichts.. Halt. „Du bist aber nackt“, schoss es mir durch den Kopf. Recht amüsant, der Gedanke. „Er kann dich nur ansehen“, dachte ich gleich darauf.

»Geh in die Küche und iss etwas, ich lass dir inzwischen Wasser ein«, hörte ich Mutti sagen und artig folgte ich ihrem Befehl.

»Hi Papa.«

Mein Vater.. im Grunde genauso besorgt um mich. Er saß am Tisch und blätterte in einem Magazin.

»Und, hast du schöne Aufnahmen machen können?«

»Ähm.. ja, schon. Aber das Wetter ist so mies geworden.. nicht das passende Licht gehabt.«

Wir unterhielten uns noch ein paar Takte, während dem ich ein paar Brote aß.

»Das Bad ist fertig«, sagte Mutti, während sie sich dann an den Tisch setzte.

»Okay, ich bin dann mal weg.«

Das sagte ich vor dem Hintergrund, da ein Vollbad bei mir ein Stunde wenigstens in Anspruch nahm.

Schon auf der Treppe nach oben hielt ich nach Oliver Ausschau, aber der kam ja erst, wenn ich Licht in meinem Zimmer gemacht hatte. Also knipste ich die kleine Lampe über der Stereoanlage an und zog mich aus.
Dann sah er mich eben nackt, was solls. Passieren konnte gar nichts, was mich in dem Moment allerdings doch etwas wurmte. Letztlich zählte Oliver ganz gewiss nicht zu jenen Menschen, die ich von der Bettkante stoßen würde und nach einem beruhigenden Bad im Arm dieses Jungen zu liegen – das hätte schon was gehabt.
Aber war nicht und damit stand ich nackt in meinem Zimmer und nahm meinen Bademantel aus dem Schrank. Eine altmodische Angewohnheit vielleicht, aber ich find’s saubequem in dem Frotteemantel auf dem Bett zu lümmeln. Lesen, Musik hören, Nichtstun..
Kaum hatte ich den Mantel an, kam Oliver herein.. durch die Wand.

»Hi..«, stotterte ich mehr oder weniger, trotz allem war das eben nicht die gewohnte Art und Weise, wie jemand mein Zimmer betritt.

Oliver nickte nur und sah sich um. »Schön hast du es hier.«

»Noch, na ja, was heißt schön. Es gibt viele unnötige Sachen hier, aber ich bring es nicht hin, mich davon zu trennen.«

»Was hast du vor?«, fragte er dann, nachdem er mich in meiner für ihn sicher nicht alltäglichen Kluft begutachtet hatte.

»Meine Mutter besteht auf ein Bad. Im Übrigen.. ich eigentlich auch.«

»Aha.«

»Du.. weißt schon, was ein Bad ist, oder?«

Er lachte. »Klar, hab’s oft genug.. ähm.. gesehen.«

Ich wollte gar keine näheren Einzelheiten dazu wissen. Also, unsichtbar sein zu können dürfte doch schon seine Reize haben. Mir fiel Benny ein, der Nachbarsjunge. Oh Mann, was hatte der mir schon den Kopf verdreht.
or allem, wenn er mit seiner Tussi vorm Haus am rumschmusen war und ich gern an ihrer Stelle gewesen wäre. Aus wär’s dann mit der Fantasie, ich würde jede freie Minute an seiner Seite verbringen. Er würde mich nicht sehen und ich seinen schönen Körper studieren können..

»Na, dann.. geh ich mal.«

»Und ich?«

Er sah mich an und was hätte ich darauf antworten sollen? »Hm, du kannst.. natürlich mitkommen.« Mulmig war’s mir nicht als ich das sagte. Immerhin bestand ja die Möglichkeit.. »Es ist Platz für zwei in der Wanne«, grinste ich stattdessen.

Er schien einen Moment zu überlegen, dann nickte er. »Ja, warum nicht. Hab zwar nichts davon, aber..«

»Okay, komm, das Wasser muss nicht kalt werden. Also, ich mein, wegen mir..«

Ich vergewisserte mich kurz, dass niemand auf dem Flur draußen war, dann gab ich Oliver ein Zeichen, dass er mir folgen sollte. Warum ich dann auf Zehenspitzen schlich, keine Ahnung, aber ich tat es.

Im Bad war es wohlig warm, die Spiegel angelaufen von heißem Dampf. Völlig ungeniert streifte ich den Bademantel ab. Ich versuchte so zu tun, als wäre Oliver gar nicht da. Was in weitestem Sinne ja auch der Fall gewesen war.
Rasch prüfte ich mit dem großen Zeh die Wassertemperatur und stieg dann in den Schaum, der Zentimeterhoch auf dem Wasser stand.

Oliver stand da und sah mir dabei zu. »Muss ein schönes Gefühl sein«, sagte er nur leise.

»Ja, ist es. Aber komm, lass mich nicht alleine hier sitzen.«

Prompt kam Oliver zu mir in die Wanne.

»Willst du dich.. nicht ausziehen?«, fragte ich verwundert.

»Wozu? Ich werd ja nicht nass.«

Das war zwar eine logische Feststellung, aber mir ging es um Gleichberechtigung. Er hatte mich nackt gesehen und ich konnte das ja auch erwarten.

»Hör mal.. «, wollte ich loslegen, aber er unterbrach mich.
»Schon gut.«

Damit stand er auf und begann, seine Klamotten auszuziehen. Dabei dachte ich gar nicht daran, wegzusehen. Auch nicht, als er den Gürtel der Jeans und den obersten Knopf aufmachte. Dabei sah mich Oliver nicht an, wahrscheinlich war ihm das doch nun etwas zu offenherzig.
Ich hätte ihn ja fragen können, ob es ihm peinlich ist, aber ich hielt den Mund. Auf eine weitere, spannende Aktion musste ich nicht warten, Oliver trug keine Unterwäsche. Nun, wozu hätte die auch dienen sollen. So kam sein dunkles Schamhaar zum Vorschein, dann sein schöner, von einer langen Vorhaut gezierter Schwanz zum Vorschein.
Ich schluckte und sah dann doch weg. Im Grunde passierte da nicht mehr, als würde ich ein Pornoheftchen aufschlagen. Mit dem einzigen Unterschied, dass ich das Heft in der Hand halten könnte.. Oliver konnte durch den Schaum nicht sehen, was sich zwischen meinen Beinen abspielte und das war gut so. Konnte Oliver überhaupt eine Erektion haben? Sicher.. oder doch nicht? Das war eine verdammt heikle Situation.

Nachdem Oliver seine Jeans abgestreift hatte, setzte er sich hinunter. Verdammt aber auch, ich konnte nicht seine Beine spüren..

Oliver lehnte sich zurück, als würde er das heiße Wasser genießen. »Und nun?«, fragte er mit geschlossenen Augen.

»Und nun.. gute Frage.. Warst du schon öfter.. in fremden Badewannen?«

Er lachte. »Nein, ehrlich gesagt nicht. Muss mich erst dran gewöhnen. Ist nicht so wie ein Stuhl oder Autositz.« Er grinste mich an. »Sicher denkst du dir jetzt deinen Teil.«

»Was meinst du damit?«

»Na, du bist doch schwul. Erzähl mir nicht, dass du nicht dauernd daran denken musst.«

»Stimmt. Tu ich. Dabei frage ich mich, ob du.. also ob dein Schwanz..«

Er grinste. »Ob der steif werden kann?«

»Ja, genau das.«

»Nein. Das hab ich aber schon mal gesagt. Ich spüre nichts und körperliche Reaktionen wie diese gibt es keine.«

»Aber.. im Kopf.. ich meine, jemanden.. gern zu haben oder so..«

»Das ist was anderes. Aber es löst keine Reaktionen aus, das ist es doch was du meinst?«

Ich nickte nur. Und war drum und dran, Oliver zu bemitleiden. Was gibt es denn schrecklicheres als keine Gefühle haben zu können? Keinen steifen Schwanz, keinen Orgasmus.. Undenkbar.

»Und du meinst, wir haben die Möglichkeit, das zu ändern? Mit diesen Büchern mein ich?« Es war sehr schwer, vom Thema abzulenken. Olivers Oberkörper sah einfach zum reinbeißen aus, unter normalen Umständen wären wir sicher längst übereinander her gefallen.

»Ich weiß es nicht, aber wenn es eine Chance gibt, dann dort, ja.«

Ungeduld machte sich in mir breit, man musste dringend etwas gegen diesen Missstand tun. »Wann wollen wir das in Angriff nehmen?«

»So schnell es geht.. « Dabei musterte er mich mit seinen schönen Augen. Ja, auch wenn er keine Gefühle in seinem Körper hatte, er wollte sie zurückhaben. Das war ziemlich eindeutig.

»Gut. Dann Morgen früh.«

Er nickte und schloss die Augen. »Wann werd ich sowas mal richtig genießen können?«

»Bald, Oliver, bald..«

Der Frage, ob er nun wirklich ein Hologramm war oder nicht, wollte ich nicht mehr nachgehen. Es würde sich erledigen, spätestens wenn wir diese Bücher gefunden hatten. An die begann ich nämlich langsam zu glauben. Was erschwerend hinzukam war mein Bedürfnis, Oliver richtig anfassen zu können. Zu küssen, zu streicheln. Das musste ganz einfach möglich sein, irgendwann.

Später wünschte ich meinen Eltern eine gute Nacht, was sie in Anbetracht der frühen Stunde mit seltsamen Blicken quittierten. Ich gab vor, durch das Bad müde geworden zu sein und fügte zudem gleich an, dass ich am frühen Morgen auf die Burg fahren wollte. Das Wetter sollte nämlich schön werden und dies hieß es auszunutzen.

Es war zu blöd. Da saßen wir dann auf meinem Bett und konnten nichts, aber auch gar nichts miteinander anfangen. Immer wieder mal langte ich nach Olivers Körper, jedoch blieb das Ergebnis natürlich dasselbe. Er hatte sich wieder angezogen und saß im Schneidersitz neben mir. Zu meinen Berührungsversuchen sagte er gar nichts, sah mich dabei bloß traurig an.

»Wenn du.. wieder.. also ich mein, ein richtiger Mensch geworden bist.. was möchtest du dann am liebsten als erstes machen?«

Oliver sah mich lange an und offenbar hatte er sich damit noch gar nicht richtig beschäftigt. »Hm.. das ist gar nicht so einfach. Ich glaube, ich würde erst mal etwas Richtiges essen wollen, dazu etwas trinken.. rauchen..«

Ich spürte, dass seine Aufzählung noch nicht vollständig war. »Und dann?«

Jetzt trafen mich seine Blicke wie selten zuvor. Eindringlich, so, als wolle er wieder in mich hineinsehen. »Dann möchte ich.. mit dir schlafen.«

Ganz unerwartet traf es mich nicht, aber diese Offenheit jagte mir dann doch eine Gänsehaut über den Rücken. Es war ja nicht nur dass er das sagte, sondern wie. Jetzt tat er mir noch viel mehr leid und wie gerne hätte ich ihn an mich gedrückt.

»Du sagst gar nichts.«

»Ähm.. ich.. bin etwas, sagen wir mal, überrascht.«

»Warum? Weil ich mit dir ins Bett gehen will?«

»Nein, nein, das ist doch völlig okay.. nur, dass du das so offen sagst..«

»Oh, ich wollte dir nicht zu nahe treten.«

»Schon gut. Wir sollten aber jetzt wirklich alles dransetzen, dass..«

Ein Klopfen an der Tür unterbrach mich. Erschrocken sah ich Oliver an und hielt einen Zeigefinger an meinen Mund. »Pscht.«

»Ja?«, rief ich dann.

»Andy, ist alles okay mit dir?«

»Ja.. sicher.« Eigentlich gab es noch nie einen Grund, warum ich meinen Eltern den Zutritt in mein Zimmer verweigern sollte oder musste. Mir war fast klar, dass sie sich um mich sorgten, immerhin war mein frühes ins Bett gehen alles andere als normal.

Kaum war eine Sekunde verstrichen, lugte Muttis Kopf durch die Tür. Ihr anschließender Gesichtsausdruck traf es voll auf den Punkt: Sie sah aus, als hätte sie einen Geist gesehen.

»Andy…«

Ich sprang auf und geriet in einen bösen Erklärungsnotstand. Zum Glück hatte ich den Bademantel an, aber das war in dem Moment nicht relevant.

Mutti trat ins Zimmer. Zum einen wohl immer noch leicht geschockt, zum anderen schien es ihr peinlich gewesen zu sein, sich selbst in diese missliche Situation gerbacht zu haben. Nun ist es nicht so, dass ich nie jemanden auf meinem Zimmer gehabt hätte.
Freunde gab’s ja schon in meinem Umfeld und sehr selten waren Besuche auch nicht. Allerdings nie welche, die ich nicht meinen Eltern vorgestellt hatte. Um so mehr musste mir dazu rasch etwas einfallen. Denn eines war nicht möglich:
Niemand konnte in mein Zimmer gelangen, ohne an der Küche vorbei oder durch das Wohnzimmer gehen zu müssen. Nie und nimmer wäre ein heimlicher Besuch möglich gewesen, höchstens wenn meine Eltern schliefen.

Ich spielte mit meinen Fingern und bemühte mich um Schadensbegrenzung. Zumindest sollte es nicht so aussehen, als würde ich meine Eltern mit irgendetwas hintergehen. »Mutti, das ist Oliver..« Den Nachnamen, verdammt. Aber auch das war im Moment nicht so wichtig.

Oliver stand auf. Natürlich stand ihm das Entsetzen ins Gesicht geschrieben und ich dachte, jetzt wäre er zum ersten mal heilfroh gewesen, unsichtbar zu sein.

»Hallo«, sagte er und hob die Hand.

Oh weh, keine Hand geben.. bitte..

Mutti sah mich und ihn abwechselnd an. »Andy.. wie kommt.. er denn hier herein?«

»Ach, das ist so.. Weißt du, Oliver und ich kennen uns noch nicht lange und.. ich wollte ihn euch so oder so bald vorstellen.«

»Andreas, das hat’s.. du doch noch nie gemacht.. Aber egal. Freut mich, Oliver.. ?«

» Pondé«

»Oh, ein französischer Name..«

Klappt, ich wusste es in dem Moment. Meine Mutti schwärmt nämlich für Frankreich. Warum auch immer, sie hatte eine Schwäche für die Renaissance und all so einen Kram. Hing sicher auch damit zusammen, dass ihre Vorfahren irgendwo aus der Provence stammten.

Sie streckte ihre Hand zu Oliver hin.

»Ähm.. Mutti, das geht leider nicht.. Oliver hat sich.. an den Händen verletzt?«

Erschrocken sah sie Olivers Hände an. »Tatsächlich? Ist es schlimm? Zeigen Sie doch mal..«

Ich stellte mich frech dazwischen. »Nicht nötig, Mutti, er.. hat schon was drauf getan.. aber es tut ihm noch weh.«

Etwas enttäuscht nahm sie ihre Hand zurück. »Also wenn ich helfen kann.. Aber Andy, dein Gast sitzt hier.. ich sehe nichts zu trinken.. Haben Sie vielleicht Hunger? Mein Sohn ist ja sonst nicht so, ich kenne ihn. Weiß gar nicht..«

»Ist schon gut, ich werde ihm etwas holen. Er wird ja auch nicht lange bleiben.«

Meine Mutter nah mich auf die Seite und flüsterte. »Sag mal, wie hast du ihn hier reingebracht? Und warum bist du so unfreundlich? Du hättest ihm wenigstens..«

»Mutti, bitte. Ich erklär dir das ein andermal, okay? Nun lass uns bitte alleine.. nur heute und nur ausnahmsweise.« Ich drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Vielleicht hätte ich das nicht tun sollen, denn das machte die Sache noch weit verdächtiger, als sie es ohnehin schon war.

»Andy.. was ist los?«

»Nichts, Mutti, nichts, ich.. später..«

Sie sah uns noch eine Weile an, dann zog sie die Schultern hoch. »Also gut, wenn du meinst. Aber..«

Ich schob sie zur Tür, auch wenn das nicht meine Art ist. Mit einem Seufzer lehnte ich mich an die dann wieder geschlossene Tür. »Mann, das war knapp.«

»Sie hat dir kein Wort geglaubt«, sagte Oliver nur und setzte sich wieder auf mein Bett.

»Ich weiß. Jetzt muss ich bloß noch rauskriegen, wie ich es ihr beibringe. Mit etwas Glück schieben sie es auf pubertäre Eigenschaften. Käme mir grad recht.«

»Und nun?« Olivers Blick holte mich wieder auf den Boden.

»Ich denke, es ist jetzt völlig egal was wir machen. Vielleicht legst du keinen Wert drauf, aber du kannst die Nacht gerne hier bleiben.«

»Wenn es dir nichts ausmacht..«

»Tut es keinesfalls. Immerhin.. du nimmst mir ja keinen Platz weg..«

Er lachte. »Stimmt auffallend.«

Wir redeten noch über viele Dinge, vor allem, was Oliver mit seinem Menschsein anfangen wollte. Es war sehr interessant zu hören, was man selbst als Selbstverständlichkeit betrachtete und sich für ihn als unüberwindbare Hürden herausstellte.

»Ich werde auf dem Schloss bleiben«, sinnierte er, während wir so nebeneinander lagen und ins Dunkle starrten. »Ich werde als erstes meine Besitzrechte durchsetzen und dann diesen impertinenten Führer rausschmeißen.«

»Aha. Meinst du, das geht so einfach?«

»Oh, ich weiß sehr viel über die jetzigen Besitzer. So viel, dass sich am Ende die Staatsanwaltschaft für sie interessieren könnte.«

»Oha. Gauner, Tagdiebe, Verbrecher, Strauchgesindel?«

»So ungefähr. Aber lass uns erst mal die Kammer durchsuchen, dann sehen wir weiter.«

Es war eine lausige Nacht. Obwohl ich Oliver nicht spüren konnte, wachte ich jedes Mal auf, wenn ich mich umdrehte. Ich konnte einfach nicht auf oder in gewissem Sinne sogar in ihm liegen. Insgesamt war es keine gute Idee, ihn neben mir liegend zu wissen.

Entsprechend sah ich am Morgen danach auch aus. Worum ich nicht herumkam, war eine Erklärung am Frühstückstisch. Eigentlich wollte ich im Morgengrauen los, noch bevor meine Eltern auf waren, aber ich verpennte kläglich.

»Morgen«, brachte ich denn auch nur heraus, als ich in die Küche kam.

Vier sehr fragende Augen trafen mich und ich holte tief Luft. Am besten, Fragen abwarten, nicht einfach losbrabbeln. Ich musste mich ja nicht auch noch in Widersprüche verstricken.

»Wo ist denn dein neuer Freund?«, fragte mich mein Vater.

Ich setzte mich an den Tisch und goss mir Kaffee ein. »Der ist schon früh gegangen.«

»Sag mal, was sollte das denn? Warum hast du ihn uns nicht vorgestellt?«

»Wie schon gesagt, wir kennen und kaum.. und Oliver ist sehr, sehr schüchtern. Er braucht seine Zeit, wisst ihr..«

Gut, das funktionierte. »Ich hab ihn reingelassen und er wollte um keinen Preis.. euch so schnell kennen lernen. Das hat nichts mit euch zu tun.. er ist halt so.«

»Ein komischer Vogel«, bemerkte mein Vater, womit er im Grunde ja nicht ganz unrecht hatte.

Ich ließ mich auf keine weiteren Diskussionen ein, mir waren dann diese Bücher wichtiger. Am Auto kontrollierte ich noch mein Werkzeug, man konnte schließlich nicht wissen was da alles vonnöten war. Rasch suchte ich noch den großen Hammer aus der Garage, damit sollte schon einiges auszurichten sein. Ich musste grinsen, als mir Sprengstoff einfiel und das Getöse in den alten Gemäuern.. Aber soweit mussten wir ja Olivers Aussage nach gar nicht gehen. Überraschen lassen, das war alles was mir dazu noch blieb.

Ich verabschiedete mich von meinen Eltern unter der Angabe, dass ich nicht wüsste wann ich wieder zu Hause sein würde.

»Also.. erst will sich dieser Oliver uns nicht vorstellen, dann bleibst du wer weiß wie lange bei ihm.. «

Ich winkte meiner Mutter auf diese Aussage hin nur zu und stieg ins Auto. In der Tat schien das Wetter mitzuspielen, die Regenwolken hatten sich über Nacht verzogen und damit hob sich auch meine Stimmung.
Ganz merkwürdig war allerdings, dass mir Olivers Abwesenheit weit mehr zu schaffen machte als dieser geplante Einbruch. Ja, es bestand auf der Fahrt schließlich kein Zweifel: Ich hatte mich in diesen Jungen verliebt, irgendwie halt. In einen, den es im Grunde gar nicht gab, und doch.. Es war einfach zu verzwickt und ob meiner Sehnsucht fuhr ich schon mal schneller als die Polizei erlaubte.

Es standen schon wieder Autos auf dem Parkplatz vor der Ruine, die ja gar keine war. Nun gut, ich hoffte, irgendwie unbemerkt in das Gebäude kommen zu können. Einer Führung anschließen war nicht, da konnte man sich nicht einfach abseilen.

Kaum stand ich vor meinem Auto, hörte ich die angenehme Stimme meines Geistes. »Morgen.«

Ich nickte nur und sofort ging es mir einen Tick besser. Es konnte mir sozusagen gar nicht viel besser gehen als in dem Moment.

Und Oliver schien das zu spüren, er grinste. »Haben deine Eltern noch was gesagt?«

»Klar, sowas sind die von mir nicht gewohnt. Du seist ein komischer Vogel, meinte mein Papa.«

»Hehe. Dacht ich mir. Aber nun komm, wir haben zu tun.«

»Halt mal. Erstens: Wie komm ich da jetzt rein und Zweitens: Was brauchen wir an Werkzeug?«

»Ersteres: Du folgst mir einfach, zweites: Das müssen wir erst noch sehen. Komm mit.«

Ich schloss meinen Wagen ab und folgte Oliver, der eine ganz andere Richtung als zum Eingang einschlug. Wir drückten uns an dem alten Gemäuer entlang und wurden rasch von Hecken und Sträuchern verschluckt.

»Mach mal nicht so schnell, dir können die Scheiß Dornen ja nix anhaben.«

»Tja, es hat eben alles seine Vor- und Nachteile.«

Irgendwie ging es dann an der Mauer bergab, ziemlich steil sogar und schließlich standen wir vor einem alten, verrosteten Gittertor.

»Kannst du das aufmachen?«, fragte Oliver und ich schüttelte den Kopf.

»Mann, das hast du doch vorher schon gewusst, warum hast du nichts gesagt? Jetzt hab ich kein Werkzeug..«

»Ich glaube nicht, dass du dafür welches brauchst.«

»Soso, der Meister spricht. Zaubern ist nicht mein Ding, nur um es gesagt zu haben.«

»Nun meckere hier nicht herum. Sieh dir doch das Schloss an der Kette erst mal an.«

In der Tat schien das Vorhängeschloss schon bessere Tage gesehen zu haben. Es bestand mehr aus Rost als aus festem Metall und knirschte unter meinen Fingern.

»Was ist, kriegst du das auf?«

Olivers Ungeduld war schon nervig. »Nun mal schön langsam, gut Ding will Weile haben.« Dabei fragte ich mich, wer von uns beiden schneller in der alten Bibliothek sein wollte. Doch trotz allen Versuchen, das Schloss hielt meinem Zerren und Ziehen stand. »So krieg ich das nicht auf, ich brauch Werkzeug.«

»Mist. Dann geh es holen. Ich warte hier.«

Unter allen anderen Umständen hätte ich mich geweigert, diesen elenden Weg noch mal zu gehen, aber ich hatte keine Wahl. »Warum kannst du nicht zaubern, wie das alle vernünftigen Geister können?«

Oliver machte ein Unschuldsgesicht und hob die Schultern. »Vielleicht kriegen wir das ja auch noch raus, wer weiß.«

Da es keine Alternative gab, war herummosern tatsächlich nicht die entscheidende Lösung und schweren Herzens begab ich mich auf den Rückweg.
Aber kaum schlich ich aus dem Gebüsch am Rande des Parkplatzes, kam mir jemand entgegen, und zwar ziemlich stramm. Ich erkannte den Typen, der war mir schon während den Führungen aufgefallen. Ich reihte ihn in eine Art Hausmeister ein, auch seines grauen Kittels wegen.

»Was machen Sie denn da?«, rief er mir schon von weitem entgegen. Ich blieb stehen, um erst einmal richtig Luft zu holen. Der Aufstieg war alles andere als ein Spaziergang und langsam war ich da auch nicht unterwegs gewesen.

»Ich.. suche meinen Hund«, entfleuchte es mir prompt. Egal wie auch immer, da gab’s keine unangenehme Rückfragen.

Nun stand dieser Typ genau vor mir. »Ihren Hund?«

»Das sagte ich bereits. Meinen Hund, genau.«

Er schielte hinter mich und warum auch immer, mir schien, er zweifelte an meiner Aussage. Aber das konnte mich nicht berühren.

»Was für ein Hund?«
Jetzt dämmerte mir, dass dieser merkwürdige Geselle nicht ganz richtig tickte. »Er hat vier Beine, ein Fell, einen Schwanz und Ohren.. so Schlappohren, wissen Sie.«

»Werden Sie nicht frech.« Er drehte sich demonstrativ um und zeigte zum Eingang. Unter anderem befand sich dort dummerweise ein Schild, worauf deutlich zu sehen war, dass man Hunde an der Leine zu führen hatte. »Sehen Sie das dort?«

»Ja, ich sehe es. Nur, mein Hund versteht es wohl nicht und..«

»Wollen Sie mich verarschen?«

»Nein, aber er ist aus dem Auto gesprungen. Hopps, weg war er. Verstehen Sie? Ich Konnte ihn gar nicht erst an die Leine nehmen.«

»Das ist nicht mein Problem. Was wollen Sie jetzt machen?«, fragte er barsch.

»Ich hole die Leine und suche ihn. Was anderes fällt mir nicht ein.«

Er schnaubte und ganz sicher würde er mich kaum aus den Augen lassen. Ich schickte ein Gebet zum Himmel, dass er nicht versuchen würde, mir zu helfen.

»Das lass ich noch mal durchgehen, aber beim nächsten Mal gibt’s ne Anzeige, verstanden?«

Ich nickte artig. Jetzt musste er sich nur noch trollen, denn woher hätte ich eine Leine nehmen sollen? Und Oliver würde schon ziemlich ärgerlich..

Tatsächlich dackelte der Typ wieder Richtung Eingang. Ich fühlte dass es besser war, dem nicht wieder zu begegnen.

Völlig außer Atem kam ich schließlich wieder an dem Tor an.

»Warst du erst noch zu Hause?«

»Ja, maul ruhig herum. So ein Typ mit grauem Kittel hat mich abgepasst. Der hat scheinbar was zu sagen hier.«

Olivers Gesicht überzog ein breites Grinsen. »Dann musst du Seltmann begegnet sein. Heinrich Seltmann. Der spielt den Aufpasser hier. Ist ein bisschen doof, aber den kann man schnell mit Worten in die Enge treiben. Ich hab’s mal mitgekriegt, wie den einer so richtig verarscht hat.«

Ich nickte, wenigstens lag ich mit meiner Vermutung nicht so ganz falsch. Wenige Augenblick später knirschte das rostige Schloss in meinen Händen und mit dem Schraubendreher war es ein Leichtes, den Bügel herauszubrechen.

Knarrend öffnete ich die Tür soweit, bis ich hindurchschlüpfen konnte. Dann drückte ich die Tür wieder zu und hängte das Schloss in die Kette. Auf einige Entfernung war nicht erkennen, dass da was gemauschelt worden war.

Wortlos folgte ich Oliver den schmalen Pfad durch mannshohes Gebüsch, schließlich gelangten wir sogar an einen Hang mit Weinreben. Allerdings war hier schon Steinzeiten nichts mehr gemacht worden. Ab und an stellte ich sehr schöne Motive fest, die ich mit meiner Kamera hätte festhalten können.
Dann ging es wieder bergab, immer an dem Gemäuer entlang und schließlich lag vor uns ein tiefer Graben.

»So, hier war früher die Zugbrücke über den Wassergraben. Da müssen wir runter.«

»Klasse. Und wie mach ich’s, dass ich hier nicht auf die Schnauze fliege? Ist dir klar, wie steil das ist?«

»Schon, aber da unten gibt’s einen Entwässerungskanal, durch den kommen wir rein.«

Natürlich schwebte Oliver den Hang hinab, kein Tropfen Schweiß kostete ihn das und stürzen war sowieso etwas, was er längst vergessen hatte. Zum Glück waren die Büsche fest mit dem Untergrund verwachsen, so ließ ich mich wie ein Affe von Busch zu Busch hinunterhangeln.
»Übrigens, diesen Weg geh ich nicht wieder zurück. Nur damit du dir schon mal etwas anderes ausdenken kannst.«

Oliver sagte daraufhin nichts, es schien fast, er hätte mir gar nicht zugehört.

Endlich kamen wir unten an und wie nicht anders zu erwarten, stand knöchelhohe Brühe in dem alten Bachbett. Fluchen tat ich, auch wenn’s nichts nutzte. »Wenn das mal alles seinen Sinn hat.«

»Hat es, Andy, hat es.«

»So? Ich mache dich darauf aufmerksam, dass ich außer dem Schraubendreher kein Werkzeug dabei habe und welches holen – auf diesem Weg – das kannst du dir schminken.«

»Ja, ich hab’s auch schon bedacht. Lass uns doch erst mal sehen, was wir machen können.«

Nachgeben, viel mehr blieb mir nicht übrig. Wir – das heißt ich – wateten durch die stinkende Brühe an die Stelle, wo damals die Zugbrücke drübergespannt war. Direkt unterhalb befand sich ein Kanal, nicht höher als sechzig Zentimeter. »Da rein?«, fragte ich schon ziemlich entsetzt.

»Leider.. ich kann’s dir nicht ersparen. Für dich gibt es keinen anderen Weg.«

Da fragte ich mich, ob man in diesen Büchern keine Möglichkeit fand, selbst so zu werden wie Oliver. Eine Umkehrung wäre an dieser Stelle so falsch gar nicht gewesen.

Ich bückte mich und blickte hinein in diese dunkle, muffig riechende Röhre. »Wie weit ist es?« Eigentlich wollte ich es gar nicht wissen, aber am Ende war es auch egal.

»Keine Ahnung. So weit wie die Mauer dick ist. schätz ich mal.«

»Aha, und wie.. dick ist sie? Äh.. lass mich raten: Du weißt es nicht.«

»So ist es.«

»Klasse. Wenn das so weitergeht.. na ja, komm, es hilft ja nichts. Oder lässt du mich etwa da alleine durchgehen?«

»Hm, warum soll ich mit?«

Er hatte Recht, warum sollte er. Ein Zwinkern und er war an jeder Stelle in diesem verdammten Gebäude. Dumm war nur, dass ich kein Licht am Ende dieses Tunnels sehen konnte. Meine Klamotten würde ich anschließend wegschmeißen können, und alles um… ich besann mich zur Ruhe. Einen Sinn würde das wohl alles haben, wenn in diesem Moment auch nicht ganz klar war, welchen.

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