Johannes Schmidt – Teil 4 (Ende)

Ich musste dringend meinen Frust loswerden.
Im Chat: Ixus, Dotti, Arschmade.
Ra: ‘Wohl nicht viel los hier heute.’
Ixus: ‘Werden noch im Schwimmbad hängen oder sonst wo.’
Dotti: ‘Und, was hat uns Ra neues zu berichten?’
Ra: ‘Er war da.’
Login – ‘Mikesch’
Arschmade: ‘Was heißt, er war da?’
Ra: ‘Hier, bei mir.’
Ixus: ‘Nee, oder?’
Ra: ‘Wenn ich es doch sage.’
Mikesch: ‘Na dann hat’s doch endlich geklappt.’
Ra: ‘Eben nicht.’
Login – ‘Plasma’
Dotti: ‘Was ist passiert?’
Ra: ‘Er hat kein Interesse an mir.’
Login – ‘Hamster’
Ixus: ‘Hat er das gesagt?’
Ra: ‘Nein.’
Dotti: ‘Du bist lustig. Möchtest du dass einer über dich herfällt um es dir zu beweisen?’
Arschmade: ‘Sag mal, kann es sein dass du im Nebel stocherst? Hast du ihn gefragt… also seid ihr wenigstens auf dieser Ebene zu Wort gekommen?’
Ra: ‘Nein. Ich glaub der sucht keinen Freund.’
Plasma: ‘Und wieso war er dann bei dir?’
Ra: ‘Ich hatte ihm was Wichtiges zu sagen.’
Hamster: ‘Aha, und was?’
Ra: ‘Er kann ne Stelle haben. Mein Papa gibt ihm ne Chance.’
Dotti: ‘Hey, super. Was hat dein Hase dazu gesagt?’
Ra: ‘Hab n Kuss von ihm gekriegt.’
Arschmade: ‘Hui. Ein Kuss für Ra. Wie romantisch.’
Mikesch: ‘Und dann? Ich mein, da kam doch noch was nach *neugierig bin*.
Ra: ‘Nein. Eincremen durfte ich ihn, das war alles.’
Ixus: ‘Du hast ihn – WAAAS?’
Ra: ‘Eingecremt, wegen der Sonne.’
Dotti: ‘Wenn das nichts ist…’
Ra: ‘Aber er ist dann später gegangen. Einfach so, nicht mal zum essen wollte er bleiben.’
Arschmade: ‘Sag mal, liebst du den Typen vielleicht?’
Ra: ‘Damit hier endlich mal Ruhe ist: Ja, ich liebe ihn. Er geht mir Tag und Nacht nicht aus dem Kopf. Aber was spielt es für eine Rolle, es ist ihm ja egal.’
Ixus: ‘Ich würd ihm mal genau das an den Kopf knallen. Er soll sich äußern.’
Ra: ‘Nein, so nicht. Ich möchte dass er es zu mir sagt.’
Dotti: ‘Ach, und warum?’
Ra: ‘Wenn ich ihn frage hab ich das Gefühl, er weicht mir aus. Ich glaube er würde mir keine richtige Antwort geben.’
Arschmade: ‘Weil er es vielleicht selbst nicht weiß?’
Ra: ‘Schon möglich.’
– das Fenster fürs Separee geht hoch –
Hamster: ‘Hallo Ra.’
Ra: ‘Hallo Hamster.’
Hamster: ‘Na, ich seh grad, du hängst ja voll drin.’
– Ich fragte mich neuerlich, was den das angeht –
Ra: ‘Tja, so ist wohl das Leben.’
Hamster: ‘Meinst du, dass das Leben so ist?’
Ra: ‘Sicher, was denn sonst?’
Hamster: ‘Was liegt dir denn an dem Jungen?’
– Mittlerweile war es egal –
Ra: ‘Was mir an ihm liegt? Er ist der schönste, der liebenswerteste und schnuffligste Boy den es gibt. Das sind für mich Gründe genug.’
Hamster: ‘Und was ist mit Herrn Schmidt?’
– Wie kommt der jetzt auf den?? –
Ra: ‘Naja, der ist wenigstens durchschaubar. Wir mögen uns. Er mich, ich ihn. Ich sorge dafür dass es ihm gut geht, dass er essen und trinken hat. Sogar mal zum Arzt fahre wenn es ihm nicht gut geht. Doch, ja, Johannes und ich sind ein Herz und eine Seele.’
Hamster: ‘Aha.’
Ra: ‘Würdest du das nicht tun für jemanden, den du gern hast?’
Hamster: ‘Doch, sicherlich.’
Ra: ‘Ja, gut, er hat seine Eigenarten. Aber für einen etwas älteren Herrn ist das ja auch verständlich, oder nicht?’
Hamster: ‘Sicher, schon. Aber wo ist Herr Schmidt eigentlich untergebracht?’
Ra: ‘Er wohnt in meinem Zimmer.’
Hamster: ‘Den ganzen Tag?’
Ra: ‘Nicht immer. Wenn es schön ist darf er auch mal auf die Terrasse. Aber er mag keine Kälte, deswegen ist er nur im Sommer draußen.’
Hamster: ‘Und ihr schlaft auch in einem Zimmer?’
Ra: ‘Logisch, was denn sonst.’
Hamster: ‘Wer ist denn nun eigentlich Herr Schmidt?’
Ra: ‘Na, Johannes ist mein bester Freund.’
Hamster: ‘Du, ich muss Schluss machen. Bis bald.’
Ra: ‘Ciao’.
Logout – ‘Hamster’
Zurück im Hauptchat
Ixus: ‘Ra, sag ma, hat dein Boy den Herrn Schmidt gesehen?’
Ra: ‘Nein, den hab ich abgedeckt.’
Arschmade: ‘Na was ein Glück.’
Ra: ‘Wieso? Es hat ja nix geholfen.’
So ging es noch ein paar Zeilen hin und her bis ich hörte, dass Papa heimkam.
Aber mir war nicht nach reden. Eher schummrig im Kopf, was wohl der Verdienst des Alkohols in Verbindung mit der Hitze und Sonne zusammenhing.
Ich hatte auch keinen Hunger an dem Abend und legte mich hin. Tausend Gedanken sausten durch meinen Geist, ich bekam Florian einfach nicht aus dem Kopf. Am Schlimmsten war die Vorstellung, dass er jetzt grade nicht alleine war.
Über dem Sessel lagen die weißen Shorts. Obwohl Florian nicht in meinem Zimmer gewesen war hatte ich das Gefühl, sein Geruch hing in meinen vier Wänden wie ein süßer, zauberhafter Nebel.
Papa war dann noch mal kurz heraufgekommen und sich nach mir erkundigt und ich sagte ihm frei raus, dass ich Liebeskummer hätte.
Er wuschelte meine Haare, sagte irgendwie lapidar, dass er das wohl kenne und ließ mich alleine.
Aber das half mir nicht wirklich.
Früh am Morgen war mir klar, dass ich etwas unternehmen musste. Ich konnte nicht im Haus bleiben und ich musste Florian wiedersehen. Es war ein Zwang, gegen den ich nichts ausrichten konnte.
Eine Stunde nach dem Aufstehen saß ich im Zug. Es war immer noch so heiß und ich hatte mich dementsprechend gekleidet. Mein dunkelgrünes Khakihemd und die gleichfarbige, ihrer Beine ab den Knien gekappte Zipphose, die grau-weißen Sneakers, Sonnenbrille.
Als ich vor dem Haus ankam fiel mir auf, dass es schräg gegenüber von Florians Wohnung ein kleines Cafe gab, wo man einige Tische und Stühle auf die Straße gestellt hatte.
Im Schatten eines hohen Baumes ließ es sich dort vortrefflich sitzen und bei einem Eiskaffee lümmelte ich den halben Vormittag auf dem Stuhl. Florian bekam ich nicht zu Gesicht, aber ich traute mich nicht zu klingeln. Zu meiner Freude gingen auch keine Männer aus oder ein. Aber vielleicht war er in der Kohlsteinstraße…
Gegen Mittag verspürte ich Hunger. Es machte wahrscheinlich gar keinen Sinn noch länger zu warten und so ging ich Richtung City, um irgendetwas Essbares aufzutreiben.
Am liebsten war mir für diesen Hunger das gelbe M.
Ich betrat den Schnellimbiss und erstarrte kurz. Hinten, ganz in der Ecke erkannte ich Florian. Ihm gegenüber saß ein Junge, ich schätzte ihn auf unser Alter.
Sie schwatzten, lachten und dazwischen schoben sie sich Pommes gegenseitig in den Mund…
Ich stand wohl da wie angewurzelt. Florian saß seitlich mit dem Rücken zu mir, er hatte mich nicht gesehen. Der Junge ihm gegenüber war recht hübsch und der Kleidung und dem Schmuck nach zu urteilen bestimmt schwul.
Ich setzte mich an einen der Tische an der Tür und starrte zu den beiden hin. Das war es also. Sie turtelten wie zwei Täubchen und da war mehr als eine bloße Bekanntschaft. Wenn der Junge nach einer Pommes schnappte geriet auch schon mal Florians Finger in seinen Mund. Mich machte das fast wahnsinnig. Hatte Florian mir je gesagt, dass er mich mag? Mit keinem Wort. Aber er hätte mir ja wenigstens sagen können, dass er einen Freund hat, das hätte mein Leben in den letzten Tagen erheblich erleichtert.
Der Hunger war mir vergangen, ich hatte eher Lust mich zu besaufen.
»Ist hier noch ein Platz frei?«
Ich sah hoch. Der Junge war vielleicht 16, keine Erscheinung, die mir den Atem geraubt hätte, aber es war mir eh egal. Ich beschloss in diesen Minuten sowieso gerade, die Jungs laufen zu lassen. Es war mir nicht gegönnt.
»Klar, setz dich.«
»Isst du nichts?«, wollte er wissen, nachdem er sich mir gegenüber hingesetzt hatte.
»Kein Hunger.«
Er lachte, während er herzhaft in den Hamburger biss.
»Komisch, ich dachte die Leute kommen zum Essen hierher.«
Ich lächelte gequält.
»Hab grad Liebeskummer«, gab ich von mir. Warum ich das sagte weiß ich nicht, aber es war mir eh alles egal.
Der Junge wollte grade erneut zubeißen, als er mich anstarrte.
»Ach, wirklich? Oder verscheißerst du mich?«
»Wenn ich es dir sage.«
Im Grunde stand mir der Sinn wirklich nicht nach Unterhaltung. Immer wieder starrte ich in die Ecke, wo die beiden Täubchen wohl mit der Fütterungszeremonie zu Ende waren.
Sie tranken ihre Cola leer und standen auf. Ich drehte mich um und sah zur Tür. Florian musste mich ja nicht erkennen.
»Hallo Sebastian.«
Das war gründlich schief gegangen.
Florian sah erst mich, dann den Jungen an. Ich dachte in dieser Sekunde im Boden versinken zu müssen, ihm alles zu erklären, aber ich ließ es einfach sein.
»Hallo Florian.«
Der Blick, den er mir zuwarf, vergesse ich so schnell nicht.
Wenige Sekunden später war der Spuk vorbei. Florian verschwand mit seinem Freund oder was auch immer aus dem Imbissladen und ich saß da wie ein begossener Pudel.
»Zoff mit dem Freund… «, sagte der Junge und biss erneut in den Hamburger.
»Wie meinst du das?«
»Oh, ich hab doch die Blicke gesehen. Aber es geht mich ja nichts an.«
Ich wollte ihm noch sagen, dass er ganz schön dreist für sein Alter war, aber da stand er auch schon auf und brachte das Tablett zurück.
»Hey, die Welt dreht sich weiter. Es gibt noch mehr… Tschau«, sagte er als er an mir vorbei ging und mich alleine da sitzen ließ.
Ich kochte vor Wut. Über mich, mein Verhalten, dieses blödsinnige Verliebtsein und diesen fremden Jungen, der ohne es zu wollen vielleicht alles verpatzt hatte.
Aber wozu diese Gedanken? Wer hatte denn die Pommes in den Mund eines anderen Jungen gesteckt? Ich wohl nicht.
Die folgenden zwei Tage ließ ich es gut sein. Ich wollte mich auch nicht mehr mit Florian in Verbindung setzen wegen der Stelle. Wenn ihm etwas daran lag, konnte er es ja selbst tun.
So verbrachte ich den Rest der Woche mit ein paar unbedeutenden Freunden im Schwimmbad. Zugegeben, immer wenn ich meine Augen schloss war da Florian, irgendwie. Aber ich würde es verwinden, das nahm ich mir vor.
Manfred rief ein paar Mal an und erkundigte sich nach Florian. Zum Schluss gab ich ihm die Telefonnummer, die konnten das ja unter sich ausmachen.
Samstagabend, im Chat.
Anwesend: Ixus, Arschmade, Loggi, Hamster und Krümel.
Ra: ‘Nabend’
Ixus: ‘Aha, der Schwerenöter. Lange nicht hier gewesen.’
Ra: ‘Hab euch nicht vermisst *g*’
Arschmade: ‘Wir dich auch nicht. Dachten eh du hast dich aus Liebeskummer…’
Loggi: ‘Arschi, red keinen Stuss. Ra, was ist los?’
Ra: ‘Was soll sein. Es ist alles wie es war.’
Loggi: ‘Das heißt, du siehst ihn nicht wieder.’
Ra: ‘Definitiv – nein.’
Arschmade: ‘Du machst es dir reichlich schwer.’
– Fenster geht hoch, Hamster will mit mir ins Separee –
Hamster: ‘Hallo Ra.’
– ich sage nichts –
Krümel: ‘Sag mal, Ra, sollen wir einen für dich besorgen?’
Ra: ‘Dummschwätzer. Ihr sollt mich in Ruhe lassen, ich hab genug um die Ohren.’
– Sie gingen mir auf die Nerven und ich wechselte dann doch zu Hamster –
Ra: ‘Hallo Hamster.’
Hamster: ‘Und, wie läufts?’
Ra: ‘Wie schon. Heute hab ich den Typ im Schnellimbiss gesehen. Er hat wohl seinen Freund wie einen Hund gefüttert und umgekehrt.’
Hamster: ‘Den Typ? Scheinbar hast du ihn herabgestuft.’
Ra: ‘Wie meinst du das?’
Hamster: ‘Vom Schnucki zum Typen ist es in meinen Augen ein weiter Weg.’
Ra: ‘Ach, wechseln wir das Thema.’
Irgendwann war ich das Chatten leid und klinkte mich aus.
Ich hatte keine Lust auf Radio oder Fernsehen, spielen wollte ich auch nicht mehr. Ich denke, ich ging mir selber gewaltig auf die Nerven.
Das Wochenende lief dann auch nach diesem Schema ab. Ich zerknüllte den Zettel mit Florians Telefonnummer und begann, ihn aus meinem Leben zu streichen. Zumindest versuchte ich es.
Blöderweise gelang es mir nicht mal mich zu befriedigen. Immer wenn ich zwischen meinen Beinen herumspielte, stand Florian vor mir und dann brach die Erektion zusammen. Er war mir einfach zu schade für eine billige Wichsvorlage.
»Dummkopf«, brummelte es aus dem Terrarium.
»Du hast gut reden. Musst dich mit solchen Typen ja nicht herumschlagen.«
»Das tut nichts zur Sache. Kann es denn sein, dass du Florian ein bisschen unter die Arme greifen musst? Er weiß vielleicht selbst nicht wie er es anstellen soll.«
»Und wieso lässt er sich von irgendeinem jungen Schnösel Pommes in den Mund stecken?«
»Seid ihr verlobt oder was? Er kann schließlich tun und lassen was er will.«
Ich seufzte. Herr Schmidt, also ich in dem Moment, hatte recht. Es war nichts zwischen uns, außer vielleicht ein kleines bisschen Freundschaft. Nein, nicht mal das. Eine lose Bekanntschaft. Ich stufte ihn wirklich immer weiter zurück. Bis hin zu dem Stricher, der Geld verdienen wollte und sonst nichts. Ich war ihm mehr als egal. Ein Typ aus einem Prospekt, der lecker, süß und hübsch aussah, aber dennoch nur auf Papier gedruckt. Ich warf an diesem Abend das Prospekt in den Mülleimer.
Dann kam der Montagabend. Ich büffelte grade über der Arbeit für Gemeinschaftskunde, als das Telefon klingelte.
»Seehofer?«
»Hallo Sebastian.«
Ich schluckte. Alles hatte ich erwartet, nur nicht Florians Stimme.
»Hallo«, sagte ich knapp.
Er druckste herum.
»Tschuldige, dass ich mich nicht mehr gemeldet habe.«
»Macht nichts«, log ich.
»Ich wollte noch mal wegen der Stelle nachfragen.«
»Hast du nicht mit Manfred gesprochen?«
»Wem?«
»Schon gut.«
Eine elend lange Pause folgte. Sie gab mir genug Zeit, meine Frage zu formulieren.
»Sag mal, wer war der Typ neulich…«
Er unterbrach mich.
»Ach, du meinst Marco? Ein alter Bekannter. Wir machen öfter mal ne Tour durch die Stadt.«
»Soso. Und schiebt euch dabei Pommes in den Mund…«
Ich konnte mich nicht zurückhalten.
Er lachte. Ja, er lachte wirklich und das klang echt ungezwungen und nicht gekünstelt.
»Oh je, bist du etwa eifersüchtig?«
Diese Frage hatte ich nicht erwartet und stockte deswegen.
»Musst du nicht. Marco ist schwul und wir haben viel Spaß zusammen. Mehr ist aber nicht.«
Was sollte ich ihn fragen? Dass es mir egal wäre? Er tun und lassen konnte, was er wollte? Oder dass mich dieses Verhalten bald ins Grab bringen würde, weil ich ihn… so gern hatte?
»Was ist nun?«, unterbrach ich ihn.
»Was soll sein? Du bist jetzt sauer, oder?«
»Ist das ein Wunder?«
»Mensch Sebi, mach kein Theater.«
»Oh doch, mach ich. Hast du eigentlich gemerkt, dass ich etwas für dich empfinde? Dass ich mir den Arsch für dich aufreiße und dir das an deinem scheinbar vorübergeht?«
»He, mal langsam. Ich hab auch so meine Probleme. Von Jetzt auf Nachher geht das eben nicht.«
»Und was ist… mit deinen Freiern?«
Schweigen. Und da wusste ich, er hatte es nicht wie versprochen bleiben lassen.
»Florian, weißt du was? Treib es ruhig weiter, damit verdient man ja leichter sein Geld. Ruf mich bitte nicht wieder an, hörst du? Und sehen will ich dich auch nicht mehr.«
Ehe ich mich versah hatte ich aufgelegt. Er konnte mir wirklich gestohlen bleiben.
Die Woche verging quälend langsam. Ich kam irgendwie nicht in die Gänge. In der Firma merkte man langsam, dass etwas nicht mit mir stimmte und trotzdem dachte ich, dass Florian nichts mehr in meinem Leben zu suchen hatte.
Aber ich täuschte mich. Er war da. Dauernd, überall. In meinem Kopf, auf der Terrasse und in meinem Zimmer. Da war er in Wirklichkeit ja nie, aber die Shorts hatte ich auf meinem Sessel liegen. Obwohl ich Florian ablehnte, brauchte ich seine Nähe. Es war fast nicht auszuhalten. Ich liebte ihn, Zweifel ausgeschlossen.
Freitagabends klingelte es.
Völlig ahnungslos öffnete ich die Tür – und sah Florian in die Augen. Augenblicklich trocknete mein Mund aus und meine Stimme versagte ihren Dienst.
»Hallo Sebi«, sagte er in einem Ton, der meine Hormone auf der Stelle durcheinander brachte.
»Was willst du?«, fragte ich dann forsch.
»Mit dir reden.«
»Reden? Worüber? Wir haben uns nichts mehr zu sagen.«
»Sicher?«
»Ja, bestimmt«, antwortete ich dann doch etwas zittrig.
»Lass mich doch bitte erklären…«
Ich zögerte. Einerseits wollte ich ihn nicht wiedersehen, andererseits stand er leibhaftig vor mir. Ihn einfach wegschicken? Das konnte ich in dem Augenblick nicht. Mein Blick fiel auf seinen Körper; diese Figur, eingepackt in ein knappes weißes T-Shirt, enge Jeans und den Sneakers… Sein Duft, der mir entgegenschlug. Und dann diese Augen. Sie bettelten förmlich. Aber war das nicht alles eingespielt? Einstudiert für jene, die er mit in sein Zimmer nahm? Brachte er denn nicht alle mit seinem Wimpernschlag außer Kontrolle? Dann zog er sich vor ihnen aus, präsentierte sein bestes Stück und machte sie endgeil auf ihn? Ich wurde wieder wütend. Warum musste er seinen schönen Körper verkaufen?
»Wenn du jetzt etwas Falsches sagst, ist er wirklich fort und sei froh dass er hier ist. Wenn du ihm egal wärst… dann stünde er jetzt nicht vor dir. Mach keine Dummheiten.«
Herr Schmidt hatte sicher Recht. Aber was sollte ich jetzt machen?
»Gut, komm rein«, sagte ich leise.
Florian folgte mir in mein Zimmer.
»Hübsch hast du es hier«, sagte er kurz darauf.
»Ja, ganz nett.«
»Du saudummer Idiot. Ist das alles was du zu sagen hast? Das ist ja wohl das Letzte. Flori ist nicht so wie du denkst. Wie oft soll ich es wiederholen?«
Herr Schmidt begann mir auf die Nerven zu gehen, aber so einfach war das nicht. Florian stand vor mir und sah mich an.
»Tja, anscheinend komm ich grade ungelegen.«
Ich schluckte. Florian hatte wohl ein ganz feines Gespür.
»Nein, das ist Quatsch. Komm, setz dich.«
Zögernd nahm er im Sessel Platz – und sein Blick fiel auf meine/seine Shorts. Ohne ein Wort sah er mich an und dann sie und dann wieder mich. Mir wurde heiß und kalt.
»Nun, was gibt’s so Wichtiges, dass du mich besuchst?«
Florian sah mich an. Nicht einfach so oder irgendwie. Seine Augen ruhten auf meinen und ich dachte, dahinsterben zu müssen.
Er sagte nichts, das taten seine Augen.
»Hör mal, ich hab noch zu tun. Wenn du nichts zu sagen hast, dann weiß ich nicht, was du hier willst.«
»Du kannst es dir nicht denken?«, fragte er ruhig.
»Nein, tut mir leid.«
Und in diesem Augenblick drehte ich durch.
»Hör zu, du kleiner, madiger Stricher. Du scheinst nicht zu wissen, was du willst. Aber ich, ich weiß, was ich will. Nämlich dich nicht wiedersehen. Deine Gegenwart macht mich wütend und zornig zugleich. Ich habe es dir schon einmal gesagt, ich mag nicht, dass du dich von fremden Männern durchbumsen lässt. Es ist ekelhaft und es kotzt mich an. Du bist schön, ein anderes Wort finde ich nicht. Aber es macht mich krank, dass du deinen Körper verkaufst. An fette, schmierige Typen, die sonst nie an jemanden wie dich herankommen würden. Ich habe dir einen Job besorgt, verbringe Nächte nur mit dir im Kopf. Und was machst du? Ich mag nicht daran denken, was in der Kohlsteinstraße oder bei dir zu Hause so alles passiert. Ich zweifle aber, dass es dir den absoluten Spaß macht. Wenn doch, dann steh auf der Stelle auf und geh mir aus den Augen. Dann haben wir uns nichts mehr zu sagen.«
Tränen stiegen in meine Augen und ich konnte nichts dagegen machen. Florian saß ganz ruhig da und sah mich an.
»Du verdammter Arschficker. Sag endlich etwas«, schrie ich.
»Wer ist Johannes Schmidt?«, fragte er leise.
Ich schluckte. In voller Fahrt hatte er mich ausgebremst.
»Was bitte?«
Plötzlich sprang Florian vom Sessel hoch und griff mich an meinen Armen, so dass es weh tat. Er schüttelte mich.
»Wer verdammt ist dieser Schmidt?«
»Woher weißt du…?«
Sein Griff wurde lockerer, sein Blick aber blieb hart und fragend.
»Ich frage dich ein letztes Mal: Wer ist dieser Schmidt?«
»Mein… mein Leguan.«
»Dein… was?«
»Mein Leguan. Er heißt halt so.«
»Und wo ist er?«
»Da hinten, in der Ecke…«
Plötzlich wich sein böser Blick. Tauschte ihn aus gegen ein sanftes Lächeln.
Er hielt mir die Hand hin und ich nahm sie zögerlich.
»Gestatten: Hamster«, lächelte er.
Ich verstand erst nicht, dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
»Du…du bist… Hamster??«
Er grinste nur.
»Ja, bin ich. Und ich war rasend eifersüchtig auf deinen Schmidt. Habe herausfinden wollen, wer das ist. Dass du mein Prinz bist, hab ich erst herausgefunden, als du deine Erlebnisse im Chat gebracht hast. Ganz sicher war ich mir, als du unser Treffen im M geschildert hast.«
Ich war sprachlos. Florian war dieser Hamster, der immer so geheimnisvoll tat.
»Und alles war Zufall?«
»Ja, ich bin in diesen Chat weil ich gehofft hatte, jemanden dort zu finden.«
Ich trat nahe an Florian heran, nahm ihn an den Armen und zog ihn zu mir.
»Was ist jetzt mit den Freiern?«
»Nichts. Nichts mehr. Ich hab mit Manfred telefoniert, ab Montag fange ich an.«
»Und… was ist mit mir?«, fragte ich ängstlich.
»Mit dir? Du wirst mein einziger Freier sein in Zukunft.«
Er unterstrich seine Worte mit einem zarten Kuss auf meinen Mund.
»Hehehe. Dummkopf. Hab ich’s nicht gesagt? Warum hörst du nicht auf mich? Nur weil ich ein Tier bin? Jetzt halte diesen Jungen fest, er braucht dich und du ihn. Morgen kannst du mich ihm vorstellen, heute lass ich euch alleine. Und habt euch lieb.«
Ich sah hinüber zur Ecke. Herr Schmidt würde sich nun kaum mehr in mein Leben einmischen, aber das, was er bis dahin für mich getan hatte, würde ich ihm nie wieder vergessen.
Florian drückte sich fest an mich, so, als hätte er wirklich gefunden, was er so lange suchte.
Plötzlich verloren wir das Gleichgewicht und fielen auf mein Bett.
»Das ist so kuschelig hier… und… « sagte er.
»Und was?«
»Du bist es auch.«
»Ich bin kuschelig?«
»Ja. Und du riechst so gut… «
»Was soll das jetzt werden?«, fragte ich scherzhaft.
Er presste seinen Körper an meinen.
»Kannst du dir das nicht denken?«
»Ähm, schon… eigentlich…«
Ich wachte auf. Ein Traum, ein wunderschöner, herrlicher Traum. So schön wie eine Frühlingswiese, getaucht in goldenes Sonnenlicht, mit all ihren Blumen und Düften. Warum nur ein Traum? Warum konnte es nicht endlich wahr werden? Warum war Florian nicht real? Warum musste ich alleine bleiben?
Plötzlich legte sich ein Arm um meine Brust, hörte ich ein leichtes, sanftes Atmen.
Entsetzt richtete ich mich auf. Es war kein Traum. Keine Minute der letzten Nacht war ein Traum. Er lag neben mir. Wir hatten uns geliebt. So, wie ich es nicht mal in meinen kühnsten Träumen erwartet hätte.
»Was ist los«, hörte ich eine schläfrige Frage, »hast du schlecht geträumt?«
Ich ließ mich zurückfallen. Tränen stiegen auf. Sachte packte ich den Arm auf meiner Brust, drückte ihn immer fester. Eine Hand fuhr durch meine Haare.
»Hey, nicht so fest. Ich brauch den Arm noch…«
Automatisch führte mich meine Nase zu Florians Hals, seinen Wangen, seinen Schläfen. Das war meine Frühlingswiese.
Und der siebte Himmel lag neben mir.
Nachdem ich mich mit 1000 Küssen von Flori verabschiedet hatte, ging ich in den Chat.
Anwesend:
Ixus, Plasma, Mikesch, Dotti, Krümel, Arschmade.
Ra: ‘Hi ihr.
Ixus: ‘Aha, Schmidts Eigentümer. Alles grün bei dir?’
Ra: ‘Dunkelgrün’.
Arschmade: ‘Soso. Klingt nach Glück oder so.’
Plasma: ‘Ra, was ist los?’
Ra: ‘Ich bin rettungslos verliebt.’
Mikesch: ‘Nee, oder? Du und Liebe? Das passt doch nicht.’
Dotti: ‘Wer weiß. Ra, du rückst sofort raus mit der Sprache.’
Ra: ‘Muss ich das? Euch, diesem üblem Mob, Bericht erstatten?’
Arschmade: ‘Übler Mob? Warte wenn wir uns mal begegnen.’
Krümel: ‘Ja, dann gibt’s was auf den Zwölfer.’
Ra: ‘Schwätzer.’
Login: ‘Hamster’
Ich bekam das große Zittern. Flori war da. Erst bei mir, dann im Chat. Meine Finger bebten als ich seinen Namen anklickte und ihn ins Separee lockte.
‘Hallo Flori.’
Nichts. Keine Antwort. War das alles eine Finte? Spielte er mit mir? War er doch nicht der, den ich hinter ihm vermutete?
Ich wurde nervös.
‘Hallo?’fragte ich nach.
Nichts.
‘Jemand da?’
Nichts.
‘Flori?’
‘Ja?’
‘Mensch, warum meldest du dich nicht?’fragte ich leicht ungehalten.
‘Ich hab nach Worten gesucht.’
‘Nach was?’
‘Nach Worten.’
‘Welche Worte denn?’
‘Die berühmten Drei waren mir zu billig.’
‘Die berühmten Drei?’
‘Hallo, jemand zu Hause?’fragte er und es las sich witzig.
Aber ich kapierte nicht.
‘Ja, ich bin zu Hause…’
*lol*. Du Dummkopf. ICH LIEBE DICH’
Tränen verwischten den Blick auf den Monitor. Mein Flori machte mir eine Liebeserklärung.
Ein Eintrag im Hauptchat ließ mich dorthin klicken.
Hamster: ‘Damit ihr es alle wisst: Sebastian und ich sind ein Paar. Und Herr Schmidt darf bei uns bleiben… als Dritter im Bunde sozusagen…’

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