Die Hütte am Torfmoor – Teil 1

Mario Sprengers Geschichte beginnt an einem Sommertag, auf einer Eisenbahnfahrt in Richtung Norden…
»Warum hast du das langweiligste Buch mitgenommen?« Nachdenklich sah Mario von seinem Buch auf, hinaus in die vorbeisausende Landschaft. Unaufhaltsam ließ der Schnellzug Bäume, Wiesen, Wälder und kleine Seen an ihm vorbeiziehen.
Mario kannte die Gegend kaum mehr, zu lange war er nicht hier gewesen.
Er knöpfte sein Hemd weiter auf, die Hitze im Zug wurde unerträglich. Trotzdem, hoffentlich blieb das Wetter, dann könnten es schöne Ferien werden, seine letzten bevor er die Lehre als Bankkaufmann anfing. Seine Eltern drängten ihn förmlich in den Ferien nicht zu Hause zu bleiben.
»Fahr doch ein paar Wochen rauf zu Tante Margot, das kostet dich nichts und zudem – du weißt, dass meine Schwester dich verwöhnen wird« drängte ihn seine Mutter.
Er hatte seine Tante nur noch dunkel in Erinnerung, als er sie zum letzten Mal sah war er Zehn. Zu ihrem 50. Geburtstag waren sie zu ihr gefahren, rauf in die Heide. Da waren sie schon lange von dort weggezogen, sein Vater bekam in München eine Stelle als Abteilungsleiter einer Spedition.
Der Steward kam mit einem Wagen am Abteil vorbei und Mario kaufte sich eine Cola. Er saß allein im Abteil, die große Reisewelle war schon vorbei.
Er nahm das Buch wieder hoch und versuchte sich zu konzentrieren. Er begann es schon zum dritten Mal, aber nie konnte er es so am Stück lesen, dass er die Handlung auch verstand. Er hatte gehofft, dass er sich mit jemandem unterhalten könnte während der Fahrt, darum war er bei der Wahl seiner Lektüre auch nicht wählerisch gewesen.
Endgültig packte er das Buch in die Tasche.
Tante Margot. Er wusste von ihr nur, dass sie am Theater in Hamburg gespielt hatte. Sie stand oft in der Zeitung, war in den 70er Jahren als Diva gefeiert worden. Sie war dreimal verheiratet, aber dauerhaft waren ihre Ehen nie. Kinder hatte sie auch keine, dafür ließ ihr der Beruf keine Zeit. Jedenfalls hieß es so. Vor ein paar Jahren hatte sie sich von der Bühne zurückgezogen, lebte wie er hörte in Saus und Braus, wanderte von einer Party zu anderen. Sie genoss ihr Leben, aber sie schien auch einsam zu sein. Sie rief oft an, Stunden konnte sie am Telefon schwatzen und wenn er in der Nähe war, rief ihn seine Mutter zum Hörer. Dann musste er ihr schildern was er tat, wie es ihm ginge und solche Sachen. Er hasste diese Gespräche, aber seine Mutter hatte ihn einmal gewarnt. »Stell dich gut mit ihr, du wirst dich einmal über eine hübsche Erbschaft freuen können. Du bist schließlich ihr einziger Neffe. Sie hat in dir einen Narren gefressen, schon als du klein warst und festgelegt, dass du einen Großteil ihrer Hinterlassenschaft erben sollst.«
Das allein war der Grund warum er sich breitschlagen ließ, die Ferien in ihrem Landhaus zu verbringen. Er war nicht scharf auf das Geld, aber es war ja irgendwie leicht zu verdienen…
Er zündete sich eine Zigarette an. Ihm graute davor, drei Wochen lang nur heimlich rauchen zu können, wenn überhaupt. Eine Menge Gedanken gingen ihm im Kopf herum. Was würde er essen müssen, welche Filme durfte er sich ansehen und welche nicht, wie und wo schlafen, wann müsste er ins Bett,? Und dann: die ganze Zeit alleine da draußen in der Einöde. Das Haus lag am Rande eines kleinen Heidedorfs und mit Sicherheit war dort tote Hose. Vorsichtshalber hatte er deshalb seine Digitalkamera mitgenommen und das Notebook, das ihm sein Vater zu Weihnachten geschenkt hatte. Vielleicht war damit die Zeit besser zu vertreiben.
Er sah auf die Uhr, nahm sein Handy und wählte eine Nummer.
»Hallo Tante Margot? Mario hier. Ich bin in einer guten Stunde in Celle.«
»Hallo Mario, das ist aber schön. Du wirst am Bahnhof von meinem Chauffeur abgeholt. Ich warte auf dich. Tschau mein Kleiner.«
Wieso sagte sie Kleiner zu ihm? Nun ja, sie musste die Zeit vergessen haben, die seit ihrem letzten Treffen vergangen war. Sie würde sich wahrscheinlich wundern; er war mit 1,83 einer der Größten in seiner Klasse und sah zudem eher aus wie 18 als 16.
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Er zog seinen Koffer hinter sich über den Bahnsteig. Die brütende Hitze machte ihm zu schaffen, zudem schienen alle Menschen der Welt heute hier zu sein. Zwar war er das Bahnfahren gewöhnt, auch viele Menschen schreckten ihn nicht. Nur heute hätte er auf sie verzichten können.
Er betrat den Bahnhofsvorplatz und hielt nach jemanden Ausschau, den er nicht einmal kannte. Und woher wollte Tante Margots Fahrer wissen wen er zu suchen hatte?
Er setzte sich auf eine Bank und rauchte, immer mit dem Gedanken, dass es seine letzte Zigarette für Wochen sein könnte.
Seine Augen schweiften hin und her, versuchten Wagen oder Fahrer ausfindig zu machen. Leute liefen an ihm vorbei. Männer, Frauen, alte, junge, ganz junge, hübsche, weniger hübsche und welche, die irgendwie in der letzten Reihe gestanden haben mussten als Gott die Schönheit vergab. Aber vereinzelt kamen Menschen an ihm vorüber, denen er interessiert nachsah. Jungs, die in der Sommerhitze nur das Notwendigste anhatten und die damit praktisch so viel von sich hergaben als seien sie fast ohne Klamotten. Der Gedanke, darauf wahrscheinlich eine Zeitlang verzichten zu müssen, betrübte ihn leicht.
Eine schwarze Limousine fuhr vor und es gab keinen Zweifel, das war sein Abholer.
Ein älterer Mann in Uniform stieg aus und ging zum Bahnhofsgebäude. Mario piff kurz und winkte. Der Mann blieb stehen, sah in seine Richtung und nickte. Eilig kam er auf ihn zu.
»Mario?« fragte er höflich.
»Ja.«
»Prima, kommen Sie, ich helfen Ihnen.«
Eigentlich war Mario nicht an dieses Sie gewöhnt, aber es war ihm klar, dass der Fahrer selbst zu einem kleinen Jungen Sie gesagt hätte. Dienstpersonal. Ein neues, ihm unbekanntes Gefühl kam in ihm auf.
Es entging ihm nicht, dass ihnen viele der Menschen hier zusahen als der Fahrer seinen Koffer und die Taschen in dem Rolls verstaute und es schien unerheblich zu sein, dass sie im Halteverbot standen. Entweder seine Tante konnte ein Ticket einfach hinnehmen oder es wagte niemand ihr einen Strafzettel zu verpassen.
Der Fahrer öffnete ihm den Fond des Wagens, es war anscheinend nicht üblich, dass man sich neben ihn setzte.
Im Auto war es angenehm kühl und Mario beobachtete den Mann vom Rücksitz aus. Er fragte sich, ob er je mehr als drei Worte am Tag sprach, sprechen durfte. Was für ein Leben. Und eine goldene Nase würde er sich dabei auch nicht verdienen.
Sie fuhren noch fast Stunde bis sie durch Soltau kamen und Tante Margots Haus lag noch vier Kilometer außerhalb dieser Stadt.
Inzwischen war es später Nachmittag, die Sonne brannte nicht mehr so wild und als sie ausstiegen, umwehte ihn ein Duft nach Heide und Kiefern, eine leicht kühle Brise kam auf.
Ein Dienstmädchen ging ihnen entgegen, der Fahrer öffnete Mario die Tür und er stieg aus.
Neugierig sah er sich um. Ganz dunkel konnte er sich jetzt wieder an diesen Teil der Welt erinnern. Wenn ihn nicht alles täuschte, hatte sich hier nichts geändert, könnte die Zeit stehen geblieben sein. Keine Durchgangsstraße, keine Fabrik, keine modernen Häuser, keine Treffs, keine Eisenbahn, nichts. Er wusste nicht, ob ihn das freuen oder ärgern sollte. Er fürchtete er würde sich sehr viel mit seinem Computer abgeben müssen.
Dann sah er seine Tante aus dem Haus kommen. Nicht mehr ganz so schlank wie auf den Bildern kam sie ihm über die Eingangstreppe entgegen.
Sie war gekleidet als hätte sie soeben einen Auftritt gehabt. Ein hellblaues Kleid, um die Schultern eine Art Stola, blaue Schuhe und einen mit Rüschen besetzten Hut, der auf ihrem dunkelblonden, halblangen Haar saß. Für ihr Alter hatte sie eine erstaunlich junge Haut, keine tiefen Falten, die ihr das ruhelose Leben gegraben hatten. Wahrscheinlich hatte sie sich irgendwann einmal liften lassen, dachte er sekundenlang. Ihre Wimpern waren lang, die Lippen auffällig rot. Eigentlich stellte man sich einen alternden Star genauso vor. Irgendwie fand er sie interessant und er machte sich auf lange Erzählungen über ihre Vergangenheit gefasst.
Sie streckte ihm ihre Arme entgegen. »Hallo mein Junge, schön dass du da bist. Ach, und du meine Güte, bist du groß geworden. Und so hübsch. Endlich mal ein richtiger Mann in meiner Nähe.«
Er war etwas größer als sie und sie drückte ihn an ihren üppigen Busen. Mario spürte wie er rot wurde. Er roch ihr Parfüm, das sie wie eine leichte Nebelwand zu umhüllen schien. Zitronenduft, frisch und kühl. Ihre faltigen, rotlackierten Finger glitten über seinen Rücken.
Sie schob ihn ein Stück von sich. »So schön braun. Steht dir gut. Und wie geht es dir? War die Reise anstrengend? Ach, lauter Fragen, komm erst mal mit rein. Gerda, bringen Sie die Sachen in das Gästezimmer.«
Ob sie eigentlich Luft holte beim Reden? Er ließ sich am Arm von ihr mitziehen.
Sie betraten das Haus. Wider Erwarten schlug ihm kein alter Muff entgegen, nirgends hingen verstaubte Fotos aus alten, ruhmreichen Tagen, kein Tand zierte die Ecken. Die Diele bestand eigentlich schon aus einer Eingangshalle, die man von außen nicht vermutet hatte. Seine Tante ging die Wendeltreppe nach oben voraus.
»Ich hoffe es wird dir gefallen. Zugegeben, St. Pauli ist das hier nicht, aber ansonsten musst du auf nichts verzichten. Wie lange willst du bleiben? Deine Mutter sagte drei Wochen, ist das richtig?«
Er schien zum ersten Mal etwas sagen zu können. »Ja, drei Wochen. Wenn es mir gefällt…«
»Na, dann werden wir mal sehen, was wir tun können.«
Das obere Stockwerk bestand aus einem richtigen Wohnzimmer, einem kleinen Schlafzimmer mit schräger Decke, einem Bad und einer Art Arbeitszimmer.
Sie zog die Schultern hoch. »Hier haben früher die Gutsverwalter gewohnt, aber auf diesen Luxus habe ich schon vor Jahren verzichtet. Es gibt ja nichts mehr zu verwalten.«
Mario lief zum offenen Fenster. Sein Blick ging durch eine gewaltige Birke, hinter deren grünen Blättern das weite Land sichtbar war. Vögel lärmten in dem Baum, eine leichte Brise wedelte die Vorhänge. Es roch nicht nach verdüngter Landluft, der Himmel war richtig blau und nicht dunstig wie zu Hause. Unter Umständen könnte er sich daran gewöhnen.
Er drehte sich um und sah, dass ihn seine Tante mit verschränkten Armen beobachtet hatte.
»Nun, gefällt es dir? Du musst mir sagen, wenn es dir hier an etwas fehlt.«
Ihre Stimme war jetzt leiser und ruhiger geworden. Sicherlich war sie nur bei seiner Ankunft etwas nervös gewesen.
»Tante Margot, lebst du alleine hier?«
»Nun, alleine – wie man’s nimmt. Falls du auf einen Mann neben meiner Seite anspielst: Den suchst du vergebens, ich habe mit Männern kein Glück. Aber ich denke nicht, dass dich solche Dinge interessieren. Die Bediensteten sind zwar kein Ersatz dafür, aber ich habe eine Menge Freunde. Die halten mich am Leben.«
Mario hörte den traurigen Unterton deutlich heraus.
»Jetzt ziehst du dich aber erst mal um und dann setzten wir uns auf die Terrasse. Du musst mir viel erzählen. Du wirst dich übrigens an gewisse Regeln gewöhnen müssen, aber ich denke das ist bald Gewohnheit. Ich sehe dich dann.«
Damit verließ sie sein Zimmer und ging nach unten.
Was meinte sie mit Regeln? Der Ton gefiel ihm nicht. »Sie wird dir befehlen was du zu tun hast und was nicht und vor allem wann« dachte er und versuchte seiner Resignation zu wiederstehen. Hatte er eben noch das Gefühl, mit all dem zurecht zu kommen, überkamen ihn jetzt schwere Zweifel. Diktieren lassen würde er sich nicht.
Er packte den Koffer aus, räumte seine Sachen in den alten Bauernschrank. Sein Notebook stellte er auf den schweren Schreibtisch, der offenbar aus der Zeit des ersten Weltkriegs stammte. Eine nostalgische Lampe und ein Briefbeschwerer aus einem seltsamen Stein zierten ihn.
Mario sprang unter die Dusche, versuchte das aufkommende Heimweh zu entschärfen. Er dachte an seine Freunde und an das, was sie in diesen Ferien angestellt hätten.
*
»Bezaubernd. Mario, ich bin stolz auf dich« begrüßte sie ihn auf der Terrasse, die von einer Pergola überspannt war und um die sich auf der einen Seite Bugahnvilla rankten, um die andere Kletterrosen. Überall standen Töpfe aus Terrakotta herum, gefüllt mit Blumen oder Kräutern. Es war auch unter Mittag schattig hier, weshalb man sich an diesem Ort wahrscheinlich den ganzen Tag aufhalten konnte. Die Sitzgruppe und der Tisch waren aus schwerem Holz ohne jedoch plump zu wirken. In allem, was Mario bisher gesehen hatte, musste er seiner Tante Geschmack bescheinigen.
»Ich werde auf dich aufpassen müssen« sagte sie während sie ihm einen Platz deutete.
»Weshalb?«
Sie lachte. »Nun, ich achte schon immer auf meine Figur. Als es klar war, dass du kommst, habe ich meine Bediensteten angewiesen deftige Kost zu besorgen; ich dachte ich müsste dich aufpäppeln. Als ich dich das letzte Mal gesehen habe warst du ja ein richtiges Würmchen. Nun, du hast so eine fabelhafte Figur und ich gedenke nicht sie aus der Form zu bringen. Sünden in der Jugend kriegt man im Alter nicht wieder los und ich möchte dafür nicht verantwortlich zeichnen..«
Er setzte sich unsicher. Wenn sie weiter solche Dinge sagte, würde er morgen wieder abreisen. Er war nicht der Typ, der sich das Wochenlang anhören wollte.
»Ich wundere mich jetzt ein bisschen, dass du hier bist« sagte sie plötzlich und schenkte Kaffee in die Tassen.
»Wieso?«
»Nun, was machen denn jetzt die vielen einsamen Mädchen die du zurückgelassen hast?« Ihr Blick war von einem merkwürdigen Grinsen gezeichnet.
Er räusperte sich. Es war eine der unangenehmsten Fragen die sie stellen konnte. Er hätte es wissen müssen.
»Ich habe keine zurückgelassen« sagte er und warf Stück Würfelzucker in seine Tasse.
»Hoppla, das klingt aber nicht sehr überzeugend. Du hast doch eine Freundin, oder? Sicher, ein Junge der so aussieht wie du, hat eine, wenn nicht gleich ein paar.«
Er schüttelte den Kopf. »Du kannst mir glauben, es ist nicht so.«
Sie musterte ihn. »Nun, im Grunde hast du recht, auch wenn ich es nicht recht glauben kann. Dafür ist wirklich noch jede Menge Zeit. Genieße das Leben, es ist so kurz. Und du brauchst ja auch nur mit dem Finger zu schnippen..«
»Bitte, Tante Margot, können wir nicht über etwas anderes reden?«
Seine Unterbrechung schien ihr nicht zu gefallen. Wahrscheinlich war sie es überhaupt nicht gewohnt, unterbrochen zu werden. Sie wedelte sich mit einer Serviette Luft zu und lehnte sich zurück. Dabei verlieh sie ihren Bewegungen etwas theatralisches.
»Nun gut, wenn du möchtest..«
»Es passt ihr nicht, du hättest sie ausreden lassen sollen« dachte Mario und nahm sich vor ihr nie wieder ins Wort zu fallen. Vielleicht gehörte auch das zu den Regeln die sie erwähnte. Allmählich fragte er sich was er hier sollte. Wie konnte er dem Vorschlag, hier seine Ferien zu verbringen nur folgen?
Sie legte ihnen Kuchen auf die Teller. »Heute Abend sind wir übrigens zum Dinner eingeladen. Der Intendant des örtlichen Rundfunks gibt eine Abschiedsparty.«
Mario nickte innerlich. Natürlich, die Partys, wie konnte er sie nur vergessen.
»Geht er in Rente?« wollte er wissen.
Sie lachte. »Nein, in Urlaub. Aber es ist hier so Sitte, dass am Tag vor der Abreise gefeiert wird.«
»Und ich… ich muss da mit?«
»Hör zu, ich werde dich meinen Freunden nicht vorenthalten. Einen langhaarigen, flippigen Typen mit Hakennase, Pickel und zerrissenen Jeans – der dürfte sicherlich hier im Haus bleiben. Aber du, nein, du bist etwas zum vorzeigen. Auch wenn du jetzt glaubst ich würde dich andauernd darauf ansprechen, ich mache schon von Berufs wegen gern Komplimente. Vielleicht eine Marotte, aber sie hat mich in meinem Leben schon mit vielen Menschen zusammen gebracht. Menschen, die nachher ziemlich wichtig für mich und meine Karriere waren. Nimm’s also nicht tragisch. Übrigens, sehr nette Leute, du wirst sie mögen.«
Unlustig aß er den Kuchen, der allerdings tatsächlich eine akute Gefahr für seine – wie sie meinte – gute Figur darstellte.
»Sicher, ich kann dich nicht zwingen. Wenn du lieber hier bleiben möchtest, kein Problem.«
Der Ton machte die Musik und er ahnte, dass er es sich bei ihr verscherzen würde wenn er hier bliebe.
»Ist schon Okay, ich komme mit.«
Ihr Gesicht hellte sich auf. »Das ist lieb von dir. Ich weiß, es ist viel für diesen Tag, der sicher anstrengend für dich war und du musst ja nicht den ganzen Abend dableiben.«
»Und wann gehen wir?«
»Um 19 Uhr geht es los. Aber wir müssen nicht pünktlich sein.«
»Werden viele Leute kommen?« Im seinem Hinterkopf braute sich etwas zusammen.
»Nun, wenig sind wir nie.«
»Und nur Leute, ich meine nur Kollegen? Oder kann ich darauf hoffen, nicht den ganzen Abend alleine…«
Sie winkte ab. »Ach so. Du meinst, ob da auch Töchter kommen… Schon möglich. Aber verlass dich lieber nicht drauf. Weißt du, ich bedauere so sehr nicht noch mal jung zu sein. Und wenn du dann nicht ein Verwandter wärst..«
*
Er duschte noch einmal lange und ausgiebig, nahm sich vor das Beste aus diesem Abend zu machen. Sie hatte schon wieder so merkwürdig geredet. ».. du nicht ein Verwandter wärst..« Als würde er sich etwas aus ihr machen. Immerhin konnte er von der Bildfläche verschwinden, wenn es ihm an die Nerven ging. Und diese Befürchtung begann ihn langsam zu lähmen.
Sie betrachtete ihn wie eine Statue als er später das Wohnzimmer betrat. Mario hatte seinen Lieblingsanzug an, den dunkelblauen mit Nadelstreifen, das Jackett und die bequemen Schuhe. Er sah an sich herab.
»Fast hätte ich dich nicht wiedererkannt« sagte sie entzückt.
»Das ist doch aber nichts Besonderes.«
»Mein Lieber, du bist ein Junge, ich eine fast schon alte Frau. Du kannst mir glauben, wenn ich dir sage dass ich mich auf der Stelle in dich verknallt hätte. Dieser Anzug ist für dich gemacht; für dich und deine Figur. Du wirst jedem dort die Schau stehlen. Himmel, dass ich das noch erleben darf.«
Sie fuhr ihm mit einem Finger durch eine Locke die in seine Stirn gefallen war und streifte sie nach hinten. Er versuchte der Berührung auszuweichen, hielt dann aber doch ruhig. Es gab keinen Zweifel, dass sie Stolz auf ihren Neffen war.
»Ich hab was übrig für solche blonde Strähnen in dunklem Haar« hauchte sie »besonders wenn es so ungezwungen getragen wird wie von dir« sagte sie mit einem Ton, der ihm wie einstudiert vorkam.
»Hätte ich es ordentlicher kämmen sollen?«
»Quatsch. Das sieht aus wie bei Professoren. So ist es in Ordnung. Aber komm jetzt, wir müssen fahren.«
Sie ging voraus und er beobachtete ihre Bewegungen. Es schien ihm als würde sie gerade ein Stück einstudieren. Ihr Gang war ohne Zweifel graziös. So als würde sie jeden Zentimeter, den sie ging, vorausbestimmen. Ihr blaues Gewand hatte sie durch ein lilafarbenes ersetzt, sie schien eine Vorliebe für Neonfarben zu haben. Vielleicht hatte das etwas mit ihrer glanzvollen Vergangenheit zu tun. Er würde sie bei Gelegenheit danach fragen.
Sie stiegen in den kleinen Sportwagen, seine Tante setzte sich ans Steuer.
»Dass du selbst fährst?« fragte er überrascht.
»Bestimmte Dinge sollte man selbst tun. Wenn wir uns dorthin fahren lassen, steht Hans den ganzen Abend herum, deshalb habe ich ihm heute frei gegeben. Zudem habe ich nicht vor mich zu betrinken.«
Sie fuhr schnell und dennoch sicher. Ein Wunder dass ihr der große, ausladende Hut nicht vom Kopf flog.
Schon nach wenigen Minuten auf der einsamen Landstraße bog sie in eine Seitenstraße und fuhr langsamer durch eine Baumallee.
»Wir sind schon da? Das kann man ja zu Fuß gehen.«
Sie ging nicht auf seine Frage ein. »Alles was du hier siehst gehört den Paulsens« sagte sie stattdessen in einem wehmütigem Ton fast zu sich selbst.
»Schön. Würde mir auch gefallen« erwiderte er ebenso leise, wobei es ihn nicht wirklich interessierte.
»Es mag schon stimmen, dass Geld allein nicht glücklich macht, aber ich habe bisher nur die Vorteile gesehen« sagte sie, ohne den Blick von der Landschaft zu lassen.
»Diese Paulsens, kennst du sie schon lange?«
Ihr Gesicht wurde nachdenklich. »Nun, lange ist ein Begriff den ich noch nie deuten konnte. Lang kann ein Tag sein wenn du leiden musst, zum Beispiel.«
»Wie kommst du zu diesem Vergleich?«
»Ich werde es dir bei Gelegenheit erzählen.«
Vor dem Eingang der riesigen Villa standen schon etliche teure Karossen. Ein Diener kam zu ihrem Auto und fuhr es, nachdem sie ausgestiegen waren, auf einen der Parkplätze.
Musik war zu hören, Stimmengewirr. Mario wurde unsicher. Sie würde ihn herumreichen wie ein seltenes Tier oder einen wertvollen Diamanten. Er war solche Dinge nicht gewöhnt und grübelte. Wie sollte er sich verhalten? Jetzt ärgerte es ihn mitgefahren zu sein.
»So, komm rein, ich kann dich schwer allen vorstellen, soviel Zeit bleibt nicht. Aber es sind da ein paar wichtige Leute, die solltest du kennenlernen.«
»Und wieso?«
»Nun, diese Leute haben Einfluss. Man kann nie wissen wozu man solche Beziehungen einmal braucht.«
»Nein, das kann man nicht. Aber was soll ich damit anfangen? In drei Wochen bin ich weg « dachte er.
Sie betraten die Terrasse, die groß genug war um Ballabende darauf aufzuführen und selbst eine Bühne hätte noch Platz gehabt. Die Leute standen in Gruppen und Grüppchen zusammen, unterhielten sich angeregt, die meisten mit einem Glas in der Hand.
»Hallo meine Liebe, nett dass du gekommen bist.«
Ein hochgewachsener, schlanker Mann um die sechzig, Schnauzbart, graumelierte Haare stand vor ihnen. Ein Mann von Welt, dachte Mario und ohne Zweifel war dies der Gastgeber. Mario waren nicht die Blicke entgangen, die sich dieser Mann und seine Tante austauschten. Sie sagten mehr als jedes Wort, aber er hatte keine Zeit darüber nachzudenken.
»Hallo Harry. Das ist mein Neffe Mario« sagte sie nicht ohne Stolz. Paulsens Frau gesellte sich zu ihnen, gab seiner Tante Küsschen auf die Wange.
»Margot, schön dich zu sehen. Ach, und das ist dein Feriengast? Hallo, Ina Paulsen.«
Sie reichte ihm die Hand und musterte ihn. Mario fühlte sich plötzlich wie ein Affe im Zoo, an dem alle Leute vorübergingen und ihn anglotzten. Harry Paulsen hielt sich dezent zurück, wandte sich wieder einem Gesprächspartner zu. Mario glaubte eine Spannung zu spüren, die mit ihnen hier aufgekommen war.
Er gab der Frau die Hand und nickte nur.
Seine Tante zerrte ihn durch die Menschenmasse, stellte ihn diesen und jenen Leuten vor. Er war froh, dass er mit seiner Körpergröße nicht mehr als kleiner Junge auffiel, eine ganze Menge der Gäste war kleiner als er. In einem langweiligen Moment zählte er mindestens 80 Leute, es konnten aber leicht auch 100 gewesen sein, zu sehr waren sie in den Räumen verstreut. Alle waren gut angezogen und mit Sicherheit nicht gerade arm. Er stellte auch fest, dass es anscheinend keine Singles gab.
Als die Vorstellungsrunde zu Ende war ging er unter dem Vorwand, an die frische Luft zu müssen, zurück auf die Terrasse. Er nahm sich ein Glas Sekt vom Tablett eines vorbeikommenden Kellners und lehnte sich an die Brüstung.
Er hatte leichte Kopfschmerzen und war todmüde, aber er ahnte, dass das hier noch einige Stunden gehen würde. Seine Tante stand bald hier, bald da und redete wie ein Wasserfall. Ab und zu schien sie nach ihm Ausschau zu halten und wenn sie ihn entdeckt hatte winkte sie kurz, um sich danach wieder ihren Gesprächen zu widmen.
Er bereitete sich auf einen einsamen Abend vor und nahm die Situation gelassen hin. So sehr er sich auch nach seinem Bett sehnte, es würde ihm nicht davonlaufen.
Es brannte höllisch in der Nase als er sich an dem Sekt verschluckte. Inmitten der Menschenmenge tauchte plötzlich ein Junge auf. Etwa seine Größe, leicht gebräunt, schlank, kurze, braune Haare. Enge, aber nicht zu enge Jeans, ein weißes, weit offen stehendes Hemd. Seine schmale Taille war zu sehen, der Bauchnabel. Eine Halskette aus bunten Steinen, ein Armband aus der selben Kollektion. Verspielt, herrlich verspielt sah das aus.
Darum war er also mitgekommen. Die Ahnung, einem solchen Engel zu begegnen musste ihn dazu getrieben haben. Im selben Augenblick schimpfte er sich ein Idiot. Warum nur dachte er immer an solche Sachen?
Der Junge steuerte auf die Terrasse und stellte sich neben einen der Gäste, knuffte ihn, lachte. Sie gaben sich die Hand, schienen sich zu freuen. Mario ließ den Jungen keine Sekunde aus den Augen. Die Kleidung, die Haltung, der Gang. Die Bewegung seiner Arme und Hände. Selten hatte er einen Menschen gesehen an dem alles so stimmte. Wie alt mochte er sein? Mario schätze ihn zwischen 18 und 20, aber das war in der fortgeschrittenen Dämmerung nicht so einfach.
Künstlich ruhig lehnte sich Mario auf die betonierten Brüstung, trank aus einer zitternden Hand den Sekt. »Ein Blick nur, ich möchte nur ein Blick von dir. Schau mich an…« Er konnte gegen die Anziehungskraft nichts machen. Seine Träume beinhalteten in letzter Zeit öfter solche Jungs, aber er machte sich bislang keine Gedanken darüber. Immer wieder waren die großen, männlichen Filmstars Thema in den Pausen in der Schule gewesen. Helden, die über Leichen gingen. Und da diskutierten die Jungs aus der Klasse darüber, auch schon mal, wie gut der eine oder andere aussah. Von daher fühlte er sich nicht ausgegrenzt. Nur, was war mit diesen Gedanken, wenn er alleine zu Hause in seinem Bett lag?
Der Junge sah kurz herüber, scherzte dann aber wieder mit dem Mann, der sein Vater hätte sein können.
Ein Kellner kam vorbei und Mario schnappte sich das nächste Glas. »Schön, dann werde ich mich jetzt betrinken, egal was die anderen von mir halten. Nüchtern ertrage ich das nicht.« Mit einem Zug leerte er das Glas Sekt und noch ehe der Kellner verschwinden konnte hatte er das nächste in der Hand. Immer noch fixierte er den Jungen. Er dachte daran hinüberzugehen, guten Abend zu sagen, ihn einfach ansprechen.
Er spürte die Wirkung des Alkohols, stand kurz vor dem Entschluss, es wahr zu machen.
Vergangene Erlebnisse flammten auf. Sein erster Kontakt mit dem eigenen Geschlecht. Roland aus seiner Klasse, bei dem zu Hause war es einmal zu neugierigen Fummeleien gekommen. Er musste sich eingestehen, dass sie ihm Spaß machten – und er sich wenig später eingestehen musste, dass es das einzig Wahre war.
Einzig die Mädchen waren sein größtes Problem. Sie ließen nicht locker, lauerten ihm förmlich auf. Und das um so heftiger, da keine als seine feste Freundin galt und nichts hatte er sich so ersehnt wie das Ende der Schulzeit. Nun war sie da, es kehrte eine gewisse Ruhe in sein Leben ein. Ab und zu traf er sich mit Karin, der einzigen die nicht so kindisch war und auch gut aussah. Aber mehr als Händchenhalten im Kino war nicht, nach mehr hatte er kein Verlangen. Er spürte irgendwann, dass sie mehr von ihm wollte und das wurde ihm unangenehm. Ihr zu sagen, welche Gefühle er wirklich hegte, traute er sich ihr jedoch nie zu sagen.
Und nun tauchte dieser Junge auf, rührte urplötzlich in seinen Gefühlen. Aber wahrscheinlich würde in wenigen Minuten ein Mädchen auf der Terrasse erscheinen und sich bei ihm unterhaken nachdem sie sich geküsst hatten. Wieso kam er auf den Gedanken, dass dieser hübsche Boy Interesse an ihm haben könnte?
Er drehte sich um, lehnte sich auf die Brüstung und sah hinaus in die Nacht. Sterne blinkten, es war angenehm kühl und der Alkohol beruhigte ihn. Wohin ging er eigentlich, was wollte er? Karin würde auf ihn warten, sie sagte einmal: »ich würde mit dir ans Ende der Welt folgen«. Aber er stellte sich seine Begleitung dorthin anders vor. Er betete, dass er sein Leben nicht in aller Ewigkeit so unsicher gehen musste. Er war sicher, eines Tages würde sich das alles geben.
»Na, amüsierst du dich nicht?«
Er drehte sich nicht um, spielte mit dem Glas in seinen Händen und starrte es an. »Mit wem, Tante? Ich kenne hier doch niemanden.«
»Klar, wenn du hier Löcher in die Luft starrst ist das kein Wunder. Du solltest dich unter die Leute mischen, der Rest gibt sich von alleine.«
»Ich bin ziemlich müde, weißt du.«
»Ja, ich habe es befürchtet. Willst du nach Hause? Soll ich dich fahren? Es macht mir nichts aus.«
Er überlegte kurz, drehte sich dann um. Der Junge war verschwunden. »Ich glaube das ist das Beste. Ich falle hier sonst noch um.«
»Schön, ich hole eben nur meine Garderobe. Warte hier, ich komme gleich.«
Er leerte das Glas und stellte es auf die Brüstung. Er verspürte gute Lust es einfach anzustoßen, damit es in die Tiefe fiel und dort unten zersplitterte. Wut, Zorn, Enttäuschung darüber, dass sich der hübsche Boy aufgelöst hatte, seine Unentschlossenheit, all das mischte sich jetzt zusammen.
Er sah seine Tante im Raum drüben stehen, offenbar war sie aufgehalten worden. Lebhaft diskutierte sie mit einem Paar.
Er sah sich nach einer Sitzgelegenheit um und erspähte einen freien Tisch. Was sollten einige Minuten länger hier schon schaden?
Lässig, mit den Händen in den Taschen, schlenderte er hinüber und setzte sich. Zeitgleich kam der Kellner wieder vorüber.
»Noch etwas zu trinken, der junge Mann?« Er hielt ihm das Tablett hinunter und Mario nahm sich einen Whiskey.
Wenn schon, dann richtig. Er wusste, dass er nach diesem Glas seine Grenze überschreiten würde. Er trank selten Alkohol und wenn dann nur wenig. Scharfe Sachen kannte er noch nicht, jetzt würde er testen was es damit auf sich hatte.
Er lehnte sich zurück und starrte in den Himmel. So ein hübscher Kerl. Verschwand einfach wieder.
»Darf ich mich setzen?«
Mario sah zu einem Mann im mittleren Alter auf, elegant wie alle hier. Es bestand kein Grund abzulehnen.
»Bitte.«
Der Mann stellte sich als Bernd Heiser und Besitzer der hiesigen Schnapsbrennerei vor.
»Sie sind also der Neffe der berühmten Bruhns? Sie sind auf Ferien hier, höre ich.«
»So ist es.«
Mario verspürte zwar keine Lust sich zu unterhalten, aber immerhin wurde er von seinen trübsinnigen Gedanken abgelenkt.
»Und was machen Sie so? Noch Schule, oder schon Beruf?«
»Niemandsland. Keine Schule mehr, aber auch noch keine Lehre.«
Der Mann lachte, angenehm, nicht schrill, nicht laut und doch herzhaft. Marios Gemüt hellte sich auf. Bislang hatte er kaum Kontakt zu gebildeten, wohlhabenden Leuten. Er kannte sie aus dem Fernsehen, aus Krimis im Milieu. Was konnte so schlimm an einem Gespräch mit ihnen sein?
»Und was werden Sie…«
»Bitte, ich bin das Sie nicht gewöhnt..« Er fühlte sich schrecklich alt, wenn ihn jemand siezte. Zudem erinnerte es ihn daran, dass er älter aussah als er war.
»Na, kein Problem. Was wirst du lernen?«
»Bankkaufmann.«
»Prima. Das hat Zukunft. Geld brauchen die Leute immer.« Wieder dieses Lachen. »Und jetzt holst du erst Mal Luft hier, wie?«
»Sozusagen.«
»Und was treibst du den ganzen Tag? Ich meine, viel ist hier ja nicht los in der Gegend.«
»Ich möchte fotografieren.«
»Ah, Hobbyfotograf? Das ist eine sehr schöne Sache. Ich habe früher … ah.« Heiser sah an ihm vorbei.
Mario roch den Jungen noch bevor er ihn sah, spürte den Blick in seinem Rücken. Es war vielleicht ein sechster Sinn von dem er noch nichts wusste. Müdigkeit, Alkohol, trübe Gedanken an die langweiligen Wochen hier – verschwanden in Sekunden im Nichts.
»Felix, komm her, ich unterhalte mich grade mit dem Neffen der Bruhns.«
Mario stand auf, drehte sich zu dem Jungen um und gab ihm die Hand. Er spürte Schweiß seine Achselhöhlen hinunterlaufen als er ihm in die Augen sah. Eingerahmt von langen Wimpern, unterstrichen von einem bezaubernden Lächeln und dem blitzen schneeweißer Zähne vervollständigten sie das ebenmäßige Gesicht. Die Nase war ganz leicht aus der Mitte, ein paar kleine Pickel zeigten sich auf der Stirn, aber sonst gab es nichts zu bemängeln. Er hoffte, dass der Junge sein Zittern nicht spüren würde.
»Nabend« brachte Mario stockend hervor, »Mario Sprenger.«
»Felix Heiser.«
Sein Händedruck war fest, keine nasse Watte. Sofort sah Mario wieder auf den Tisch und setzte sich.
Felix setzte sich neben ihn, ungezwungen, ohne Scheu. Mario wagte es nicht dieses hübsche Geschöpf anzusehen, fürchtete, dass der seine unverschämten Gedanken lesen könnte. Ihre Schenkel berührten sich in der Enge um den Tisch, Mario traute sich kaum zu atmen. Er kniff seine Beine zusammen um den Berührungen zu entgehen, denn es war nicht klar wie der Junge das deuten könnte. Er kam sich vor wie ein Erstklässler. Warum ging er jetzt nicht mit Worten auf Felix los? Ein Kloß im Hals verhinderte es und er fluchte auf sich selbst. Schweigsame Sekunden schienen zu Stunden aufzulaufen. Schweiß trat ihm aus allen Poren.
»Na, gefällt es dir hier?«
Felix’ Stimme sorgte für einen weiteren Adrenalinstoß.
»Nun, ich kenne außer meine Tante hier niemanden, das ist so ein kleines Problem.« »Nur nicht zittern, nicht unsicher werden. Er wird niemanden fressen. Nein, du Holzkopf, aber wenn du hier Mist erzählst bist du durch « dachte er hektisch.
»Und woher kommst du?« Die Frage war an sich völlig banal, aber dass Felix sich jetzt bequem setzte und ihn dabei noch am Bein berührte kam der Zündung eines Höllenfeuers gleich. Er zuckte leicht zusammen, nahm sein Bein aber nicht weg. Es war ja nicht seine Schuld.
»München.«
»Wow, München, geil. Da wollte ich schon immer mal hin.«
»Ich glaube, ich lasse euch jetzt alleine, ihr werdet sicher einiges zu bereden haben.« Felix’ Vater stand auf. »See you later.«
Gebildet und doch nicht eingebildet dachte Mario. Felix rückte seinen Stuhl ein wenig weg, jetzt waren Berührungen ausgeschlossen. Erleichtert atmete Mario auf.
»Ja, ich bin gerne dort.«
»Und du hast dich für dieses Kaff hier als Urlaubsort entschieden?«
»Einmal was anderes sehen. Außerdem war ich schon ewig nicht mehr hier bei meiner Tante.«
»Eine starke Frau.«
Felix zündete sich eine Zigarette an und Mario lief sofort das Wasser im Munde zusammen. Er hatte es bis jetzt vermieden hier öffentlich zu rauchen, nun aber würde er sein Vorhaben brechen, es nicht zu tun. Er suchte mit den Augen nach seiner Tante und die stand noch immer bei dem Pärchen, mit dem sie in eine offenbar wichtige Diskussion vertieft war.

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