Seitenstiche – Teil 3

Es war ungefähr viertel nach acht des nächsten Morgens. Es war der Morgen nach Florians Trauerfeier und Beerdigung. Adrian und ich saßen am Frühstückstisch.

»Diese Hitzeperiode macht mich fertig. Es soll wieder rekordverdächtig heiß werden. Und kein bisschen Wind.«

Die Klimaanlage des Hotels schaffte im Frühstückssaal eine Jahreszeiten unhabhängige Atmosphäre. Draußen, außerhalb des Kunstklimas des Hotels, war das Thermometer bereits auf 24 Grad angestiegen. Tendenz steil steigend.

»Was hast du heute vor?«, fragte Adrian.

Gedankenverloren zerschnitt ich ein mittelweichgekochtes Ei auf meinen Brötchen und bestreute es mit etwas Salz. Ich wusste, was als nächstes auf der Tagesordnung stand und ich wusste auch, dass ich keine sonderliche Lust verspürte, meiner selbstgesteckten Tagesordnung zu folgen.

Ich nahm einen Bissen, kaute, trank etwas Tee und seufzte: »Ich muss mit Christian sprechen.«

Adrian zog erstaunt seine Augenbrauen hoch: »Dem Christian? Du meinst deinen alten Schulfreund, dieses homophobe Arschloch, von dem du erzählt hast?«

»Ja!«, ein weiterer Bissen Eibrötchen verschwand im meinem Mund, »Genau der!«

»Warum?«

Ja warum eigentlich? Die Idee ihn zu befragen war mir vor einer halben Stunde unter der Dusche gekommen. Genaugenommen war mir unter der Dusche klar geworden, dass ich Christian einfach besuchen musste. Der Grund war genau so einfach, wie fragenaufwerfend: Warum waren Christian, Jens, Sören und Christorph überhaupt auf Florians Beerdigung gewesen?

Bei Jens war die Sache noch relativ nachvollziehbar. Er und Florian besuchten beide die FH Lübeck. Was Flo hingegen mit Christorph, Sören und insbesondere Christian verband, war mir ein Rätsel. Um es zu lösen, blieb nichts anderes übrig, als Christian einen Besuch abzustatten.

»Und wo finden wir diesen Christian?«, erkundigte sich Adrian.

»Im Autohaus seines Vaters.«

»Ach, was für Autos verkauft der Gute denn?«

»Schwedische Panzer«

»Hä?«

»Die Autos, die Oberstudienräte fahren.«

»Hä?«

»Saabs!«

 

 

»Sie schauen noch?«

Nicht dass ich jemand wäre, der Vorurteile kultivieren würde, aber Autoverkäufer sind irgendwie alle gleich. Doch jener Automobilverkäufer, der uns gerade gegenüber stand, machte eine Ausnahme. Anfang 20, sehr brav, adrett gekleidet, so, als wenn Mutti ihm den Anzug ausgesucht hätte, schenkte uns jener Fachhändler für skandinavische Blechschweine sein gewinnendes Lächeln. Man hätte ihm seinen »Mammis Liebling«-Style fast abgekauft, wären da nicht ein paar Details gewesen, die etwas mehr hinter dieser Fassade vermuten ließen, angefangen bei seiner leicht punkigen Frisur bis hin zur unbewussten Gestik, die die angelernte Verkäuferfreundlichkeit nicht vollständig verdecken konnte.

»Nöh!«, war Adrians Antwort, mit der der Autodealer nicht gerechnet hatte, »Was wollen Sie für den 9.5er haben?«

Das Autojüngelchen musterte erst mich dann Adrian abschätzend, kräuselte seine Stirn und war kurz davor den gleichen Fehler zu machen, den vor ein paar Tagen der Portier unseres Hotels gemacht hatte. Dabei war das kleine Verkäuferchen wirklich süß anzusehen, vorausgesetzt, man ignorierte sein »Bester Schwiegersohn aller Zeiten«-Auftreten. Ohne Anzug, in ein paar altersgerechte Klamotten gesteckt, könnte er sogar das eine oder andere schwule Herz brechen.

Adrian verdrehte die Augen. Das letzte worauf er Lust hatte, war wieder ein Typ, der dachte, dass man ihn verarschen wollte. Ich wusste zwar nicht, was Adrian mit einem Saab wollte, aber wenn er nach dem Preis fragte, war er definitiv interessiert. Aber offensichtlich wollte dies das kleine Autoverkäuferchen nicht glauben. Im Gegensatz zu der Szene mit dem Hotelportier, schien Adrian diesmal allerdings auf kein Scharmützel aus zu sein. Statt sich um den Verkäufer zu kümmern, kümmerte er sich um das Auto. Er setzte sich hinein. Ich folgte ihm auf der Beifahrerseite.

»Sehr bequem…«, murmelte Adrian, zog die Fahrertür zu und begann, an allen möglichen Knöpfen zu spielen, wobei er sich dem Verkäuferlein zuwandte.

»Wir können Ihnen auch sehr günstige Finanz…«, versuchte das Saabmännchen die Diskussion des Preises von einer anderen Seite zu starten. Er war sich absolut sicher, dass sich Adrian dieses Auto niemals leisten konnte. Er blätterte eine Weile in einem Prospekt. Nach seinem Gesichtsausdruck zu schließen, suchte er eine ganz bestimmte Information. Nach 4 oder 5 Seiten hatte er es gefunden und machte einen Schritt auf das Fahrerfenster zu, um Adrian auf die vermutlich immens wichtige Information aufmerksam zu machen.

»Wenn Sie…«, weiter kam der kleine, süße Verkäufer nicht. Ganz wie es im Lehrbuch für erfolgreiches Verkaufen stand, suchte unser Saabhänder den direkten Blickkontakt zu seinem Opfer. Mit einem freundlichen, aber falschen Lächeln auf dem Lippen und dem Prospekt in der Hand schaute er zu Adrian. Ich weiß nicht was jener tat, aber er tat etwas. Da ich neben ihm saß und nur seinen Hinterkopf bewundern konnte, blieb mir ein Blick auf Adrian Gesicht verwehrt. Aber irgendetwas musste Adrian getan haben, denn plötzlich verschwand das Lächeln von unserem so tapferen Verkäuferknaben und machte einem halb panischen, halb schuldhaften Gesichtsausdruck Platz. Zu allem Überfluss lief er auch noch knall rot an und ließ vor Schreck seinen Prospekt fallen.

»Entschuldige Jan, aber ich glaube diese Kunden wollen zu mir. Wenn es überhaupt Kunden sind…«

Zuerst konnte ich Christian nicht sehen, nur hören, was sehr daran lag, dass ich in einem Auto saß und Christian sich vom Heck her näherte. Jan, unserer Autoverkäufer, nickte in die Richtung, in der vermutlich Christian zu erblicken war, und machte sich, mit einer Mischung aus Erleichterung und Verunsicherung auf den Lippen, aus dem Staub.

»Was willst du hier?«

Christian kam sofort zur Sache. Inzwischen stand er neben der halb geöffneten Beifahrertür. Seine Stimme war völlig emotionslos.

»Ich will mit dir reden.«

Christian antwortete nicht sofort. Stattdessen schlug er meine Tür zu, öffnete die Fondtür hinter mir, kletterte auf die Rückbank und schloss seine Tür wieder.

»Ok, rede!«

Christian saß zwischen mir und Adrian direkt in der Mitte der Rückbank. Alle Türen war zu, die Fenster geschlossen und ich plötzlich ausgesprochen sprachlos. Ich hatte zwar den Besuch bei Christian geplant, hatte mir aber keine Gedanken darüber gemacht, was ich ihn denn eigentlich fragen wollte.

»Hat der Wagen auch Xenon-Scheinwerfer.«, fragte Adrian aufs Blaue heraus.

»Ähm… ja, natürlich…«, grummelte Christian ärgerlich, weil ihn Adrian aus dem Konzept brachte, »Xenon ist kein Problem…«

»Hast du von der Sache mit Sören gehört?«, stellte ich meine erste sachbezogene Frage.

Von Christian war zuerst nur ein verächtliches Schnauben zu hören. Doch plötzlich langte sein rechter Arm von hinten um den Beifahrersitz. Christians rechte Hand krallte sich an der linken Seite des Sitzes fest. Wir man sich vorstellen kann, befand sich mein Hals genau zwischen Sitz und Christians Unterarm. Und genau jener Unterarm war es, der jetzt sehr unschönen Druck auf meinen Kehlkopf ausübte. Mein Versuch etwas zu sagen, endete in einem Gurgeln.

Adrian, mein Held und Ritter, wollte natürlich sofort zu meiner Rettung eilen. Dazu hätte er aber erst seine Fahrertür öffnen müssen. Diese war aber verschlossen.

Als eine Art Erklärung streckte Christian seinen linken Arm aus. Von seiner Hand baumelte ein Schlüsselbund mit Funksender.

»Bleib ganz ruhig oder ich werde deinem Liebchen hier noch ein wenig mehr die Luft abdrücken!«, zischte Christian Adrian an. Jener schaute in den Rückspiegel und sah dort in das Gesicht von einem zu offenbar allem entschlossenen Christian. Adrian nickte. Er würde keine Anstalten machen, mich zu befreien und ruhig bleiben. Der Druck auf meinen Kehlkopf lockerte sich.

»So! Nachdem wir das geklärt hätten, kommen wir zum eigentlichen Thema.«, fauchte Christian gedämpft.

Christian ließ ein paar dramatiksteigernde Sekunden vergehen.

»Was fällt dir eigentlich ein, hier aufzukreuzen?«, diese Frage war an mich gerichtet. Dem Druck auf meinen Hals zu urteilen, war die Frage rein rhetorisch gemeint. Christian würde seine Fragen selbst beantworten.

»Wie kannst du es wagen, dich nach Lübeck zu trauen, nach allem, was du hier abgezogen hast? Ausgerechnet auf Florians Beerdigung. Besitzt du nicht mal soviel Anstand seine Familie in Ruhe trauern zu lassen? Macht dich das an, andere Leute leiden zu sehen?«

Und an Adrian gerichtet: »Bist du sein Stecher? Ich hoffe, du hast dich nicht in ihn verliebt. Wenn ja, tust du mir leid. Du weißt gar nicht, auf was für eine falsche Schlange du dich einlässt.«

Und wieder an mich: »Nicht wahr, Sebiboy, du weißt sehr gut, wie man eine Freundschaft verrät? Wie man Freude ausnutzt und dann wegwirft.«

Mir fiel plötzlich ein, dass ich zwei Hände besaß, die mit durchaus beweglichen Gelenken trickreich an meinen Armen befestigt waren. Und zu meinem größten Erstaunen waren eben jene Hände sogar frei. Möglich, dass mich Christians Angriff zuerst dermaßen überrumpelt hatte, dass mir diese Banalität nicht früher eingefallen war. Nun war sie es und ich machte spontanen Gebrauch von dieser Erkenntnis.

Ich packte Christians Arm, riss ihn so kräftig von Sitz und Hals los, dass er mit den Knöcheln seines Handrückens gegen das Seitenfenster knallte.

»Scheiße!«, fauchte jener. Vermutlich war der Zusammenstoß mit der Verbundglasscheibe schmerzhaft.

»Christian, halts Maul!«, knurrte ich und drehte mich auf meinem Sitz um meine eigene Achse, dass ich mit meinen Knien auf dem Beifahrersitz zu hocken kam und direkt in den Fond zu meinem ehemaligen Schulfreund sehen konnte.

»Ich habe echt keine Lust, mich mit dir zu streiten. Erst recht will ich nicht von dir angegriffen werden. Ist das klar?«

Christian schwieg, aber mit seinen Augen funkelte er mich vor Wut kochend an.

Ich seufzte. Ich wusste, dass das Gespräch mit ihm nicht einfach werden würde. Womit hatte ich gerechnet? Eigentlich war ich davon ausgegangen, dass es überhaupt nicht zu einem Gespräch kommen würde. Aber ich musste es wenigstens versuchen, oder? Das Christian austicken und handgreiflich werden würde, lag weit außerhalb meines Erwartungshorizontes. Es war selbst für ihn eine sehr extreme Reaktion.

Doch noch wollte ich nicht aufgeben. Ich versuchte mir eine möglichst neutrale Stimme zu geben und setzte mein bestes Pokerface auf: »Eigentlich hatte ich gehofft, man könne mit dir ein vernünftiges Gespräch führen. Aber selbst nach all den Jahren scheinst du immer noch nicht in der Lage zu sein, mit einem halbwegs zivilisiert zu reden. Komm Adrian, wir gehen. Es hat keinen Zweck!«

Es war ein Bluff. Es war ein gottverdammter dreister Bluff. Ich setzte darauf, dass Christians Stolz es nicht zulassen konnte, besiegt sitzen gelassen zu werden. Innerlich zitterte ich. Ich wollte unbedingt mit Christian reden, aber genau das durfte ich ihn auf keinen Fall merken lassen. Inzwischen hatte ich den Öffnungsschalter für die Zentralverriegelung gefunden und gedrückt. Es gab ein leises Klacken und wir konnten aussteigen. Ich hatte mein zweites Bein noch nicht aus der Tür, als Christian sich vom Rücksitz meldete: »Warte…«

»Was?«, zischte ich ungehalten. Aus meinem Bluff war Verärgerung geworden. Was machte ich hier überhaupt? Wenn er nicht mit mir reden wollte, dann eben nicht! Christian wäre zwar für meine Ermittlungen hilfreich gewesen, aber ich sah nicht ein, mich erdrosseln zu lassen.

»Ok…«, kam es von Christian fest, »Du sollst deine Chance haben. Ich werde mir noch einmal all deine Lügen anhören und dann verpisst du dich! Danach will ich dich nie wieder sehen! Reden wir also. Aber nicht hier. Kommt…«

Ich schaute hilfesuchend zu Adrian. Er nickte. Ich zuckte mit meiner Schulter. Wir folgten Christian in sein Büro.

Christian

Christians Büro war nicht sehr groß, aber groß genug, um neben einem Schreibtisch auch eine kleine Sitzgruppe zu beherbergen: zwei Sessel und ein Zweisitzer, auf dem Christian saß. Adrian und ich bevölkerten jeweils einen Sessel.

»Ok, fang an!«, fing Christian an.

»Nein!«, knurrte ich wütend und war von mir selbst ein wenig überrascht, »Ich will endlich wissen, was du mir eigentlich permanent vorwirfst! Seid damals giftest du mich an. Wirfst mir vor, ich würde Lügen, Freunde verraten, ausnutzen oder bescheißen. Wir waren mal Freunde. Ich würde schon gerne mal wissen, warum du mich dermaßen verachtest.«

»Ich fass es nicht!«, lachte Christian sarkastisch, »Dass du immer noch den Unschuldsengel spielst, ist wirklich der totale Hammer. Um dich stapeln sich die Leichen und du mimst immer noch den harmlosen kleinen Jungen, der damit ü-ber-haupt-nichts zu tun hat. Man, soviel Dreistigkeit muss man fast schon bewundern.«

»Bin ich hier im falschen Film, oder was?«, ich hatte keine Ahnung, warum Christian so sauer auf mich war, »Was wirfst du mir eigentlich vor?«

»Junge, deine Selbstgerechtigkeit kotzt mich an. Du weißt ganz genau, was ich meine…«, Christian war definitiv von mir angewidert.

Ich verstand es nicht. Ich hatte es schon damals, vor 6 Jahren nicht verstanden. Damals, das war Anfang der 13. Klasse. Es war, als Flip zu uns auf die Schule kam und…

Mein lieben Kopfschmerzen und die erwartungsgemäße Übelkeit kehrte zurück. Adrian bemerkte es und sprang in die Diskussion mit ein.

»Ok, gehen wir der Einfachheit halber einfach mal davon aus, dass Sebastian wirklich das eiskalte, gefühllose, skrupellose Arschloch ist, für das du ihn hältst. Nehmen wir ebenfalls mal an, dass Sebastian sich dermaßen selbst belügt oder unermesslich kaltschnäuzig ist, dass er überhaupt nicht erkennen kann, was du ihm genau vorwirfst. Stell dir weiterhin vor, dass ich von der ganzen Geschichte nicht die geringste Ahnung habe. Könntest du mir unter diesen Annahmen einfach einmal deine Sicht der Dinge erklären?«

Christian bedachte Adrian mit einem merkwürdigen Blick, der irgendwo zwischen Befremden und Verwunderung lag.

»Und du, Sebastian…«, Adrian machte eine Pause in der er tief Luft holte, »…sagst kein Wort! Lass Christian ausreden, Ok?«

Ich nickte.

Christian schüttelte den Kopf: »Ihr zwei spinnt doch, oder? Na gut, ihr wollt es offensichtlich nicht anders haben… Unser lieber Sebastian hier, hat erst Florian zur Homosexualität verführt. Dabei besaß er nicht einmal den Anstand mit Babs, Barbera, Schluss zu machen. Ganz im Gegenteil! Er trieb es heimlich mit Flo, während er gegenüber seinen angeblichen Freunden die Hete und eine glückliche Beziehung heuchelte. Erst als die Wahrheit nicht mehr zu verheimlichen war, stand er endlich zu Flo. Aber nicht aus Liebe, sondern nur, um mit ihm weiter in die Kiste gehen zu können. Aber kaum war das geschafft, war er auch schon auf der Suche nach dem Nächsten. Und der nächste war Flip, den er aber schnell abservierte. Schade nur, dass sich der kleine deswegen das Leben nahm. Ja, du hast Flips Leben auf dem Gewissen. Du hast ihn angemacht, mit ihm gespielt, wie mit einem Spielzeug. Und als Flip nicht mehr interessant war, hast du ihn wie ein Spielzeug weggeworfen.«

Ich konnte nur mit dem Kopf schütteln. Was Christian erzählte, stand im absolut krassen Gegensatz zu meinen Erinnerungen – soweit ich über diese verfügte. Doch selbst, wenn mir die eine oder andere Erinnerung fehlte oder tief in meinem Schädel vergraben war, wusste ich, dass Christians Beschreibung nicht stimmten konnte.

»Ja, jetzt schweigst du. Du weißt ganz genau, dass es so war.«, Christian begann sich in seine Wut hinein zu steigern. Vielleicht war es gut so. Vielleicht half es, die Wahrheit ans Licht zu befördern, wenn er endlich einmal aussprach, was er von mir hielt und wie er die Geschichte damals wahrgenommen hatte. Vielleicht…

»Und ich dachte, du wärst mein Freund. Pah, Freund! Du weißt ja gar nicht, was Freundschaft ist. Für dich war es doch nur wichtig, im Mittelpunkt zu stehen. Wer war Babs Freund, du! Jeder andere hätte sich beide Arme abgerissen, um mit Babs gehen zu können. Und wer hat Babs dann mit Flo betrogen? Du! , Seht her, ich bin cool, ich bin schwul und ich liebe Florian!’  Und wieder musstest du im Mittelpunkt stehen. Dass du dabei völlig deine Freunde vergessen hast, ging dir völlig am Arsch vorbei.«

Christians Meinung über mich war verletzend, anmaßend, unfair und beleidigend. Aber war sie in allen Punkten falsch? In einem Punkt gab mir Christian zu denken. Wollte ich tatsächlich immer im Mittelpunkt stehen? Ich hatte immer den Eindruck, dass dies Christians Privileg gewesen war. Und jetzt meinte er, ich hätte das gleiche getan?

Wenn ja, dann nicht absichtlich. Flo und ich wurden durch eine ebenso böse, wie anonyme Kampagne in unserer Schule geoutet. Als wir erkannten, dass es keinen Sinn machte, irgendetwas zu dementieren, wagten wir einen Schritt: wir machten unsere Beziehung öffentlich. In gewisser Weise hatte Christian wirklich Recht, wenn er meinte, ich hätte im Mittelpunkt gestanden. Natürlich schlug unser Coming Out wie eine Bombe ein. Natürlich standen wir im Mittelpunkt. Aber nicht, weil wir ihn gesucht hätten, sondern, weil wir in ihn hineingedrängt wurden.

»Aber was mich am meisten fertig macht, wofür ich dich hasse, ist dass du Flip auf dem Gewissen hast!«

Das war es also. Das, was ich schon immer vermutet hatte. Weswegen ich seit Jahren vermieden hatte, nach Lübeck zurück zu kehren. Das, was nie jemand wagte öffentlich zu sagen, es aber immer dachte. Ich hatte Flip auf dem Gewissen. Er hat sich wegen mir umgebracht.

Es war nicht wahr! Es konnte nicht wahr sein! Ich fühlte es. Innerlich wusste ich es! Wenn mir doch bloß mein verdammtes Gedächtnis nicht den Dienst versagen würde. Warum konnte ich mich nicht erinnern? Warum wollte ich mich nicht erinnern? Warum wurde mir bei jedem Versuch schlecht? Gab es da vielleicht doch etwas? Eine Schuld, die ich auf mich geladen hatte?

Christian war fertig und, um zu demonstrieren, dass es nichts mehr zu sagen gab, verschränkte Christian demonstrativ seine Arme vor seiner Brust. Mir war absolut klar, dass hier nichts mehr zu retten war. Christian hatte sich seine Meinung über mich gebildet und die stand fest, wie ein Fels in der Brandung. Ich hätte verloren, wenn ich nicht noch einen Trumpf im Ärmel gehabt hätte.

Innerlich rang ich um Fassung. Während ich noch versuchte meine Wut und Enttäuschung unter Kontrolle zu behalten, nestelte ich mein Handy aus der Hose und wählte eine Nummer.

»Hi! Ja, ich bin’s… Die Trauerfeier? Na, wie wohl? Nichts, was irgendwie Vergnügungssteuerpflichtig gewesen wäre… Du, etwas anderes. Ich sitze hier bei Christian… Wie? Ja genau, dem Christian! Wärst du so nett und erzählst ihm bitte, wie die Sache mit unserer Beziehung damals wirklich war? Warum? Nun, er hat mir eben erklärt, was für ein Arschloch ich bin, wie ich dich, Flo und Flip betrogen habe. Ja? Ok, mach ich!«

Ich sah Christian an, der mit einem fragenden Gesichtsausdruck zurückschaute.

»Hier für dich!«, ich warf ihm mein Handy zu, »Es ist Babs! Hör’ dir an, was sie sagt. Wie sie die Beziehung zu mir empfunden hat. Ich weiß, dass du mir nichts glaubst. Aber vielleicht glaubst du einer der Personen, die von der ganzen Geschichte direkt betroffen waren.«

Christian fing das Handy auf. Zuerst sah er es an, als ob es ein Block hochstrahlenden Plutoniums sei, doch siegte schließlich die Neugier und er führte es zögernd zu seinem Ohr.

»Hallo? Babs? Bist du es? Wie? Ja, natürlich… Moment, ich muss mir das notieren…«

Christian ging zum Telefon auf seinem Schreibtisch und tippte eine Nummer in die Wahlvorbereitung.

»Ok! Ich leg’ dann auf.« und tat es.

Christian drückte die Lauthörtaste und startete die Wahl. Wenig später hörten wir ein Freizeichen, gefolgt von einem: »Ja?«

»Christian hier! Babs?«

»Ja, ich bin hier.«, bestätigte Babs das Offensichtliche, »Du willst also wissen, was wirklich zwischen mir und Sebastian war? Bist du dir sicher?«

»Nein, wozu? Es ist doch alles ganz klar. Aber Sebastian, dieses Arschloch, meinte, ich würde ihm eh nichts glauben, womit er absolut Recht hat. Daraufhin hat er mir sein Handy in die Hand gedrückt. Du warst dran.«

»Erst einmal: Sebastian ist kein Arschloch! Er war es noch nie und wird auch niemals eins werden! Bei Arschlöchern fallen mir ganz andere Leute ein…«

Die gute alte Babs. Diplomatie war immer ein Fremdwort für sie gewesen. Sie nannte zwar keine Namen, aber es war klar, wer gemeint war. Christian war natürlich nicht sehr glücklich darüber, dass ihm seine Kronzeugin in der Klage gegen mich bereits im ersten Satz die Gefolgschaft versagte.

»Warum sagst du das? Wer hat dir denn vorgespielt, in dich verliebt zu sein? Wer hat dich denn mit einem Kerl betrogen? Wer hat dich, uns alle, verarscht? Genau, Sebastian!«

»Ich glaube, ich muss da einige Dinge gerade rücken.«, legte Barbera los, »Sebastian hat mich nie angelogen. Niemals und zu keinem Zeitpunkt. Er hat mich auch niemals betrogen. Hörst du? Niemals!«

»Aber das kann nicht sein. Warum lügst du?«, zeterte Christian hörbar nervös.

»Hey! Ich weiß doch wohl, was ich erlebt habe. Nochmals zum mitschreiben: Sebastian hat mich nicht betrogen.«

»Das kann nicht sein!«, insistierte Christian beharrlich, »Er hat es doch schon mit Florian getrieben, während ihr noch zusammen wart.«

»Formal mag das soweit stimmen. Nur stimmt deine Interpretation der Fakten nicht. Außerdem fehlt dir eine winzige, aber entscheidende Detailinformation. Ich wusste, dass Flo und Sebi miteinander schliefen. Ich habe die beiden sogar ermutigt und ihnen geholfen. Ich hab’ ihnen sogar mein Zimmer zur Verfügung gestellt.«

Bei der letzten Bemerkung schaute mich Adrian amüsiert an. Ich konnte nur verlegen mit den Achseln zucken. Babs hatte uns wirklich geholfen, wofür wir ihr unendlich dankbar waren. Von unseren Problemen eine Örtlichkeit zu finden, an der wir ungestört unserer intensiven Zweisamkeit frönen konnten, hatte ich schon berichtet. Zuerst hatten wir unsere Donnerstage, doch die fielen später für ein gutes halbes Jahr aus, als Flos Mutter meinte, sie bräuchte einen Tag in der Woche für ihren Haushalt. Dieser Tag war ausgerechnet unser Donnerstag. Glücklicherweise musste sie nach einiger Zeit betriebsbedingt auf Mittwoch wechseln. Während jener Zeit half uns gelegentlich Babs mit einem diskreten Refugium aus.

Christian wurde blass. Einem Großteil seiner Überzeugungen wurde die Basis entzogen.

»Aber…«, stammelte er ins Telefon, »Warum wart ihr dann noch zusammen? Gib doch zu, dass er dich belogen hat! Er ist schwul und hat geheuchelt! Er hat behauptet, er würde dich lieben!«

»Nein, so kannst du das nicht sagen.«, korrigierte Barbera Christians Argumente, »Erst einmal: Sebastian liebte mich wirklich. Zweitens war ich es, die Sebastian zu einer Beziehung getrieben hatte. Christian, bitte, denk doch einmal nach, wir waren 15, höchstens 16 Jahre alt. Sebastian wusste doch noch gar nicht, dass er schwul war. Das begriff er erst, während wir zusammen waren.«

»Aber wenn du gewusst hast, dass er schwul war, warum hast du dich dann nicht von ihm getrennt?«

»Willst du das wirklich wissen? Du warst der Grund! Du, Sören, Christorph, Jens, die ganze Gang. Euer Machogehabe war einfach nur nervig. Jede Frau, die nicht in einer Beziehung steckte, war doch von euch zum Abschuss freigegeben. Und ihr konntet ganz schön penetrant sein, wenn ihr jemanden ins Auge gefasst hattet. Ich geb’s ja zu, ich habe Sebastian als Schutzschild gegen euer Anmachen benutzt. Also, wenn jemand jemanden anderen ausgenutzt hat, dann war ich es und nicht Sebastian! Es war genau umgekehrt.«

Babs machte eine Pause, um mit gesenkter ernster Stimme fort zu fahren: »Außerdem, so wir ihr über Schwule abgelästert habt, hatte ich ehrlich Angst um Flo und Sebi. Hast du oder Christorph auch nur ein einziges Mal darüber nachgedacht, wie eure blöden Sprüche auf Flo und Sebi gewirkt haben müssen? Du erinnerst dich doch: ,Die Typen sind doch alle krank!’ , ,Wenn mich so einer anmacht, wird er sich wünschen nie geboren worden zu sein!’  Kommt dir das irgendwie bekannt vor? Und das waren nur eure harmlosen Sprüche.«

»Aber, das waren doch nur Sprüche!«, versuchte sich Christian in einer sehr schwachen Verteidigung

»Einfach nur Sprüche? Ich habe das gequälte Lächeln von Sebastian noch gut im Gedächtnis. Ich habe die Schmerzen in seinen Augen gesehen, wenn er über eure Witze lachte und sich dabei selbst verleugnete. Einfach nur Sprüche! Pah!«

»Aber… aber…«, stammelte Christian der Verzweifelung nahe, »Was wussten wir, wie Schwule wirklich sind?«

»Ich glaube nicht, dass das eine wirklich Entschuldigung ist. Aber das muss Sebastian entscheiden, denn ich denke, du hast dich bei ihm zu entschuldigen. Du warst alles andere als fair zu ihm und hast ihm nach der Sache mit Flip nicht mal die Chance gegeben, seine Seite der Geschichte zu erzählen. Ich weiß noch genau, wie du reagiert hast, als Sebastian und Florian durch diese unsäglichen Gerüchte geoutet wurden. Wo warst du, als Sebastian seine Freunde brauchte? Ich kann mich nicht erinnern, dass du dich uneingeschränkt hinter die beiden gestellt hättest. Erst als klar war, dass es keinen Stress geben würde, warst du mit einem Mal der super Freund, der schon immer für alle Formen der Liebe eintrat. Das war schon eine erstaunliche Wandlung, wenn ich an deine Sprüche vorher denke. Aber ich gebe zu, du hast Recht. Du hattest wirklich keine Ahnung von Schwulen. Du hast sie immer nur auf ihre Sexualität reduziert. Und deine Wortwahl war immer viel zu…, hm, sagen wir mal… plakativ.«

Christian wurde rot. Und dabei war Babs mit dieser Formulierung noch erstaunlich zurückhaltend. Mir fielen zu Christians damaligen Sprüchen eigentlich nur Klassifizierungen wie prollig, obszön oder vulgär ein. Oder, um es mit meiner Großmutter zu sagen: »Dem müsste man mal den Mund mit Seife auswaschen.«

»Warum seid ihr alle gegen mich?«

Hörte ich da einen demütigen Unterton? Wurde Christian weich.

»Niemand ist gegen dich.«, hörten wir Babs aus dem Lautsprecher. Christian zuckte zusammen. Er hatte den letzten Satz zu sich selbst gesagt und war erstaunt, dass er eine Antwort erhielt.

»Weißt du, was Sebastian am meisten fertig gemacht hat?«, Babs wartete Christians Antwort nicht ab, »Dass du ihn abgelehnt hast. Dass du dich geweigert hast, mit ihm zu reden.«

»Bitte Babs, nicht weiter!«, fiel ich meiner alten Freundin ins Wort. Ich wollte nicht, dass sie das sagte.

»Doch, es muss endlich raus! Ich habe jahrelang geschwiegen, weil du mich darum gebeten hast. Aber jetzt ist Flo tot und es macht keinen Sinn mehr, zu schweigen. Christian soll endlich die Wahrheit erfahren. vielleicht könnt ihr euch danach endlich einmal aussprechen.«

Christian starrte das Telefon an. Seine Miene war wie versteinert, als Barbera erzählte: »Du weißt, was offiziell passiert ist. Flip kam ums Leben und sofort hieß es, Sebastian wäre schuld. Er hätte sich an Flip rangemacht, ihn bequatscht und es schließlich geschafft ihn ins Bett zu bekommen. Manche behaupten auch, Sebastian hätte Flip vergewaltigt. Jedenfalls soll Flip danach aus Scham mit seinem Auto Selbstmord begangen haben. Ich weiß nicht, wer dieses schwachsinnige Gerücht in die Welt gesetzt hat. Aber es kann kein Funken Wahrheit daran sein. Sebastian kann sowas nicht, außerdem hat er nur einen einzigen Menschen geliebt und das war Florian. Weißt du, warum er Florian nach Flips Tod verlassen hat? Um Flo zu schützen! Damit Flo nicht die gleiche Behandlung erfuhr wie er. Christian, ich war dabei, wie Sebastian Florian aus Liebe aufgab. Ich habe selbst erlebt, wie er dafür sorgte, dass später alle dachten, er, Sebastian, hätte Florian zur Homosexualität verführt. Und obwohl sowas vollkommen unmöglich ist, waren alle sehr bereitwillig dabei, diesen Schwachsinn auch noch zu glauben. Sebastian hat für seinen Freund, für seine Liebe zu ihm, gelitten. Er hat die Kübel Scheiße auf sich genommen, die man über ihm auskippte. Das einzige, was Sebastian wirklich verletzt hat, warst du! Er hatte gehofft wenigstens dir die Wahrheit erzählen zu können. Aber du…«

Babs hielt inne.

»Nein!«, kam es nach einer Weile aus dem Lautsprecher, »Nein, ich will dir keine Vorwürfe machen. Nicht mehr. Ich möchte dich nur darum bitten, Sebastian noch eine Chance zu geben. Sebastian wird dir immer eine geben. Kannst du es auch? Und wenn du es tust, dann nicht für mich. Nicht, weil ich dich darum bitte, sondern tu es für euch. Ihr wart mal die besten Freunde. Meinst du nicht, dass du es Sebastian einfach schuldig bist, dir mal seine Sicht der Geschichte anzuhören?«

Nach dieser Enthüllung war Christians Gesichtsausdruck leer. Er starrte einfach nur so dahin. Völlig apathisch quälte er sich noch ein »Danke Babs. Ich melde mich!« heraus und beendete die Verbindung.

Dann brach das Schweigen aus. Ich schaute fragend zu Adrian. Sollte man Christian ansprechen? Adrian meinte nein. Nonverbal, denn er gab mir nur ein Handzeichen ruhig zu bleiben.

Christian starrte weiterhin in die Leere. Seit er das Telefongespräch beendet hatte, stierte er ausdruckslos vor sich hin. Die Stille im Raum wurde fast unerträglich. Ich hörte meinen eigenen Atem, meinen Herzschlag, sogar das Rauschen meines Blutes in meinen Ohren. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen die sagen, dass Menschen anfangen Phantomgeräusche zu hören, wenn sie sich eine Zeit lang in einem absolut stillen Raum befinden. Jedes kleinste Geräusch, ein Knistern in der Wandverkleidung, das leises Klacken des Minutenzeigers eines analogen Ohrs, schien extrem laut zu sein. Ich wagte mich kaum zu bewegen, um keine ohrenbetäubenden Geräusche zu produzieren. Ähnlich Adrian, der so wie ich, einfach nur nachdenklich vor sich hinschaute.

»Ich…«, Christians Stimme zerriss die Stille wie ein Gewitterblitz. Von der plötzlichen Gewalt seiner eigenen Stimme erschrocken, zuckte er zusammen und ging unwillkürlich in Deckung. Adrian und mir erging es ähnlich. Auch wir zuckten zusammen und schauten wie aufgeschreckte Hühner zu Christian. Jener schaute nicht zurück. Ganz im Gegenteil vermied er jeglichen Blickkontakt.

»Ich… ich glaube… nein… ich weiß eigentlich nicht, was ich noch glauben soll.«, ließ Christian seinen Gedanken freien Lauf, »Was Babs eben sagte…«

»Vielleicht wäre es gut, wenn du – darf ich Christian zu dir sagen? – dich zu uns setzt.«, meinte Adrian sehr mitfühlend. Natürlich, Adrian war unbelastet. Er kannte Christian nicht, er hatte nicht, wie ich, eine gemeinsame Vergangenheit, die offenbar einem vernünftigen Gespräch entgegen stand. Adrian zögerte nicht eine Sekunde, von diesem Vorteil Gebrauch zu machen.

»Bitte!«, setzte Adrian nach und deutete mit seiner rechten Hand auf den freien Platz in unserer Sitzgruppe.

Christian war immer noch tief in Gedanken versunken, weswegen er Adrians Aufforderung auch eher mechanisch folgte. Völlig abwesend schaute er von Adrians Hand zum Sofa, nickte kaum merklich und setzte sich schließlich in Bewegung.

»Ich hab’ das wirklich nicht gewusst…«, ließ uns Christian an seinen Gedanken teilhaben. Was für Gedanken das auch immer sein mochten.

»Du wusstest nicht, was Sebastian mit Barbera verband?«

Christian nickte: »Ich dachte immer, er hätte sie nur benutzt. Als Deckmantel. Alle meinten das. Ich kann mich noch erinnern, wie raus kam, dass Flo und Sebastian schwul und zusammen waren. Es hieß sofort, Sebastian hätte Babs nur ausgenutzt. «

»Wer sagte das?«, fragte Adrian sofort nach.

»Ich weiß nicht mehr genau.«

Christian dachte nach. Während er das tat, schloss er seine Augen und massierte sich mit seiner rechten Hand die Stirn. Man konnte regelrecht sehen, wie Christian zurück wanderte. Zurück in der Zeit. Zurück in seinen Erinnerungen. Christian lehnte sich auf dem Sofa zurück. Und wären er seine Augen immer noch geschlossen hielt, als wenn er dadurch die Vergangenheit vor seinem inneren Auge besser sehen könnte, begann er zu erzählen.

Megapixel voller Liebesglück

Die Ereignisse von denen Christian erzählte, lagen irgendwo zwischen den großen und den Herbstferien des 12. Schuljahres. Ich war damals schon über ein Jahr heimlich mit Florian zusammen gewesen. Seit dem denkwürdigen Hamburgausflug, war nicht nur ein ganzen Jahr, sondern auch ein ganzes Schuljahr vergangen. Schuljahre sind ähnlich wie Hundejahre. Sie zählen zwar nicht siebenfach, aber mindestens doppelt. Während dieser Zeit begingen wir eine große Dummheit. Eigentlich begingen wir laufend Dummheiten, aber diese eine stellte jede andere in den Schatten. Wir hielten unsere Beziehung geheim. Wir outeten uns nicht und ließen es sogar zu, dass man uns für durch und durch hetero hielt. Babs ging zwar privat ihre eigenen Wege – genaugenommen ging sie nicht, sonder nahm ihren Roller, welcher sie zu ihrem 3 Jahre älteren Freund und auf seine Matratze führte – in unserer Clique saß sie aber nach wie vor an meiner Seite.

Die Geheimniskrämerei und das Versteckspielen nervte zwar, aber wir arrangierten uns damit. Feige, aber zu bequem, um etwas zu ändern, redeten wir uns ein, dass es keinen Grund geben täte, um etwas an der Situation zu ändern. Natürlich wünschten wir uns, uns in aller schulischen Öffentlichkeit umarmen zu können. Wir malten uns die interessantesten Szenen aus, bei denen wir am Ende immer die versammelte Heterosexualität mit einem öffentlich dargebotenen Zungen-Mandel-Wechselwirkungsereignis schockten.

Im Rückblick sieht man viele Dinge anders. Auf jeden Fall sieht man sie wesentlich rationaler und abgeklärter. Welchen Schüler schocken zwei sich küssende Jungs? Keinen! Ich muss nur daran denken, wie es Adrian fertig gebracht hatte, zwischen zwei Vorlesungen auf dem Uniklo mit seinem Ex eine Nummer zu schieben. Etliche unserer Bekannten hielten diese Geschichte für einen Fake. Ich wusste, dass sie wahr war. Ich war dabei. Im Stall nebenan und hab` den beiden noch ein paar Kondome zugesteckt. Die zwei waren nicht sehr zurückhaltend zugange. Jeder, der das Uniklo besuchte – und zwischen den Vorlesungen besuchten es viele – war klar, welchem Ursprungs die Geräusche aus dem wackelnden Klostall waren. Wie gesagt, die Welt ist abgeklärter als man denkt.

Aber damals mit Flo träumten wir einfach das Spiel: Was wäre wenn? Wenn wir uns outen? Wenn wir uns nicht mehr verstecken?

Es blieb der Traum zweier verliebter Feiglinge. Wir fanden tausende Wenn’s und Abers dafür es nicht zu tun. Niemals hätten wir gedacht, dass jemand anderes unser Outing übernehmen könnte.

Christian erfuhr von der Sache während einer Stunde verstärkt einschläfernden Geographieunterrichtes bei Obervaliumpille Oberstudienrat Dr. Uwe Knoth, mit T-H. Jens und Christian hatten das zweifelhafte Vergnügen jenen Kurs aus studientechnischen Gründen belegen zu müssen. Ein Kelch, der am Rest unserer Truppe glücklicherweise vorbei gegangen war.

»Was hast du nach der Schule vor?«, fragte Jens Christian während einer besonders öden Phase der knothischen Wissensvermittlung.

»Du kannst Kalenderblätter lesen?«, antwortete Christian und machte einen Strich auf einer imaginären Strichliste für Jens dumme Fragen. Die Liste war lang.

»Ähm, 21. September, wieso?«

»Und der Wochentag?«

»Dienstag, ja und?«

Christian wurde ungeduldig. Es hasste es, wenn seine Gesprächspartner auf die Benutzung ihres Verstandes verzichteten. Hätte Jens seinen Verstand benutzt, hätte er ganz genau gewusst, dass Christian jeden Dienstags nach der Schule zum Handball ging.

»Mann, mein Brötchen heute morgen hatte einen höheren IQ als du!«, kam es daher ebenso erwartungsgemäß wie wenig schmeichelhaft von Christian.

»Jetzt mach mich nicht an! Sag’ lieber was Sache ist!«, zischte Jens leise. Der alte Knoth hatte sie bereits zum zweiten Mal mit seinem Todesblick bedacht.

»Handball!«, zischte Christian zurück, »Man, du bist manchmal echt lahm. Seid wie vielen Jahren bin ich Dienstag beim Handball?«

»Ok, vergiss es!«, Jens war beleidigt. Wenn Jens etwas hasste, war es von Christian vorgeführt zu werden. Wenn Jens etwas besonders, geradezu abgrundtief hasste, war es von Christian zu recht vorgeführt zu werden.

»Sein Problem!«, dachte Christian, der Jens beleidigte Mine natürlich bemerkt hatte, »Was kann ich dafür, dass er zu doof zum Denken ist. Es ist ja nicht so, dass ich erst seit einer Woche Handball spiele.«

Christian spielte in der Tat wesentlich länger als einen Monat. Konkret hatte er mit 12 Jahren angefangen. Zwischenzeitlich war er 18 Jahre alt geworden. Mathe war zwar nicht seine stärkste Seite, sein Grundverständnis reichte aber trotzdem aus, um messerscharf berechnen zu können, dass er somit seit 6 Jahren jene besagte Sportart betrieb. Was folgerichtig bedeutete, dass Jens entweder total ignorant oder aber einfach manchmal total Stulle war. Möglicherweise trafen auch beide Alternativen zu.

Von Zeit zu Zeit empfand Christian Jens als nervend.

Um weiterem Frust aus dem Weg zu gehen, verzichteten beide für einen Moment auf eine weitere Kommunikation. Sie versuchten sogar, dem drögen Gelaber Doc Knoths zu folgen. Es blieb beim Versuch. Obwohl Ökologie und Umweltschutz eigentlich interessant und wichtig sein sollte, gelang es der unterrichtenden Lehrkraft jede Stunde zu einem Willensakt an Selbstbeherrschung werden zu lassen. Man musste sich unter Aufwendung aller körperlichen und geistigen Reserven dazu zwingen, nicht einzuschlafen.

»Mit Flo?«

Jens Frage kam unerwartet.

»Natürlich, mit wem denn sonst?«

Florian und Christian waren seid 3 Jahren im gleichem Team. Hätte sich daran etwas geändert, hätte dies entweder Christian oder Flo erzählt. Christian stutzte. Jens Frage war merkwürdig. Nicht etwa, weil sie das Selbstverständliche erfragte. Sowas machte Jens ständig und wäre damit nicht beachtenswert. Beachtenswert war wie Jens die Frage stellte. Der Tonfall klang eigenartig.

Er schien unterstellen zu wollen, dass es eher außergewöhnlich sei, dass Christian zusammen mit Flo zum Training ging.

»Wieso?«, zischte Christian. So wie Jens »Mit Flo?« gefragt hatte.

»Na ja, man erzählt sich so einiges über Flo und… Wundert mich, dass du noch nichts gehört hast…«

Nur Doc Knoths ermahnender Blick hinderte Christian daran, Jens anzubrüllen – Was war mit Flo und diesem »und…«?

»Ich habe gehört…«, Jens flüsterte, wobei deutlich war, dass er es nicht um Knoths Unterricht Willen tat, »…Flo und Sebastian…na ja, sie verbringen wohl etwas viel Zeit miteinander…«

Christian starrte Jens an. Unverständnis stand auf sein Gesicht geschrieben: »Wie jetzt? Wir verbringen doch alle viel Zeit miteinander, wir sind Freunde.«

»Verstehst du nicht…«, Jens wandte sich aus seinem Stuhl, »Die Typen sollen schwul sein! Die ficken miteinander!«

Nur das Schrillen der Schulklingel rettete Christian davor, Knoth Unterricht durch einen Wutausbruch zum Kollabieren zu bringen. Das Geräusch des Läutwerks übertönte einen guten Teil des »Was?«, welches Christians Lungen und Stimmbänder entwich.

»Die zwei sind Schwanzlutscher, Rückwärtseinparker, Nugatstecher, warme Brüder…«

»Ich glaube ich hab’s langsam verstanden!«, unterbrach Christian Jens Redefluss, »Wer kommt denn auf solch schwachsinnige Gedanken?«

Die beiden kramten ihre Sachen zusammen und griffen sich ihre Jacken. Die Raum der nächsten Stunde lag im Trakt mit den naturwissenschaftlichen Fachräumen. Außerdem war große Pause, was bedeutete, dass man sich zuerst im Aufenthaltsraum traf.

»Christorph meinte heute morgen sowas…«, meinte Jens auf dem Weg zum Aufenthaltsraum.

»Christorph erzählt viel und meistens erzählt er Scheiße.«, knurrte Christian, dem das Thema nicht gefiel. Homosexualität im Allgemeinen und Schwule im Besonderen mochte er nicht. Nicht, dass er welche gekannt hätte, aber er war sich sicher, dass, wenn er welche kennen würde, er diese auch nicht mögen würde. Und, da er ja wusste, dass er Schwule nicht mochte, konnte natürlich niemand schwul sein, den er mochte. Was im Umkehrschluss bedeutete, dass Florian und Sebastian nicht schwul sein konnten, da er, Christian, sie mochte.

Dieser neue Aspekt zur sexuellen Orientierung seitens Flo und Sebastian stand im Widerspruch zu Christians Weltbild.

Es konnte also nicht wahr sein. Christorph musste spinnen.

Innerhalb einer Minute hatten sie den Oberstufenaufenthaltsraum erreicht. Während Sören und Christorph schon auf ihrem Stammsofa saßen, waren weder die Mädels noch Florian oder Sebastian anwesend, was aber nicht sonderlich ungewöhnlich war. Sören hatte gerade Sörens Notebook vor der Nase.

»Moin, Alter!«, begrüßte Christian Christorph, »Was erzählst du für Scheiß? Flo und Seb sind schwul? War dein letzter BigMac ranzig?«

»Nope!«, meinte Christian knapp und hielt Christorph Sörens Notebook hin.

Das gerade laufende Programm war auf Vollbildmodus gestellt. Was durchaus sinnvoll war, da es sich um eines jener unzähligen Bildbetrachtungsprogramme handelte. Und Bilder sollte man wenn schon in ihrer ganzen Pracht bewundern. Und so füllte, abgesehen von der Windowsüblichen Menüzeile und einem kleinen Toolbar für Bildbearbeitungsfunktionen, ein einzelnes Bild den gesamten Bildschirm aus. Soweit war dies für ein Bildbetrachtungsprogramm sicherlich nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich war hingegen der Inhalt des Bildes. Jener Inhalt machte den Widerspruch in Christians Weltbild manifest.

Das Bild zeigte mich und es zeigte Florian. Unbekleidet, vollständig unbekleidet und erregt. Wobei man nur Florians Erregung konkret sehen konnte, da sich meine Erregung in seinem Mund befand.

»Das ist doch ein Fake!«, klammerte sich Christian an seine Sicht der Wirklichkeit.

»Nein, ist es nicht.«, meinte Sören leise, »Da passt alles. Es ist Flos Zimmer. Die Raumaufteilung stimmt. Der Bildhintergrund ist fehlerfrei. Die Proportionen der beiden zueinander stimmen auch. Das kann keine Montage sein. Wenn du mit Photoshop Bilder ausschneidest und zu einem neuen Bild zusammenfügst, hast du immer Fehler in den Proportionen oder der Körperhaltung. Aber da sind keine Fehler. Schau dir das Spiegelbild von den beiden in Flos Schrankspiegel an. Selbst da stimmt die Geometrie. Scheiß, die zwei sind zwei gottverdammte Arschficker!«

»Hallo Leute!«

Mein Auftritt.

 

 

»Will jemand ein Wasser, Tee oder Kaffee?«

Wir befanden uns immer noch in Christians Büro im Autohaus seines Vaters. Bis eben hatte er die Geschichte erzählt, wie Florian und ich an unserer Schule geoutet wurden. Und natürlich, wie er darauf reagierte. Und er reagierte immer noch. Ich konnte es an seiner ganzen Köpersprache sehen. Selbst Jahre nach diesem Vorfall, wühlte es ihn auf. Zugegeben, auch mich ließ die Erinnerung nicht kalt. Ganz im Gegenteil. Wir wurde gleichzeitig heiß und kalt, als Christian begann die Szene im Aufenthaltsraum zu beschreiben.

»Erzähl du weiter!«, Christian holte O-Saft, Wasser und Cola Light aus einem kleinen Kühlschrank und stellte es vor uns auf den Tisch.

»Ich?«, nach allem, was Christian von mir und meiner Meinung hielt, war seine Aufforderung mindestens erstaunlich.

»Ja, du! Mal sehen, wie lange wir einer Meinung sind…«, obwohl Christian sehr viel Abschätzigkeit in seiner Stimme legte, überzeugte sie nicht mehr. Babs Zurechtweisung hatte eindeutig einen Umdenkprozess in Christians Schädel ausgelöst.

»Ok!«

 

 

Spulen wir ein Stück zurück. Ich, Sebastian stehe nach einer anstrengenden Doppelstunde Englisch unmittelbar vor der Tür des Aufenthaltsraums. Mein einziger Gedanke in jenem Moment war meine Freunde zu begrüßen, mich aufs Sofa zu schmeißen und einen Happen zu Essen. Brötchen, mit Gouda, aus meinem Rucksack. Ich öffne die Tür und sehe einen Teil der Gang, wie er sich wild gestikulierend hinter einem Notebook versteckt. Sören, Jens und Christorph zeigen auf den Bildschirm, Christians Gesicht wird von selbigen verdeckt.

»Hallo Leute!«

Christians Augen tauchen hinter dem Rand des LCD-Schirms auf und starren mich an. Im selben Moment wird mir klar, dass etwas nicht stimmt. Christians Augen sind eiskalt. Sein Blick trifft mich und mir schnürt es unmittelbar den Hals zu. Ich habe Christian niemals vorher so versteinert gesehen. Ich schaffe nur noch ein schwaches: »Was?« von mir zu geben.

Ohne eine Wort zu sagen oder den Blick von mir abzuwenden dreht Christian das Notebook zu mir um. Christian schließt seine Augen. Er wirkt verletzt, traurig, enttäuscht und wütend. Ich richte meinen Blick von Christians Augen auf den Bildschirm.

Was?

Es dauert eine Ewigkeit, bis ich erkenne, was das Bild zeigt. Ich brauchte keinen Spiegel, ich wusste auch so, dass sämtliche Farbe aus meinem Gesicht verschwand. Ich bekam Schweißausbrüche und zitterte leicht. Die Wahrheit, die lang gehütete Wahrheit, war rausgekommen und Florian und mir in diesem Moment um die Ohren geflogen.

»Ich…«, stammelte ich mit einem Klos von gigantischem Ausmaß in meinem Mund.

Christian öffnete seine Augen, drückte das Notebook dem neben ihm sitzenden Jens in die Hand, stand auf, rempelte mich im Vorbeigehen an und ging. Er sagte kein einziges Wort, nur seine Augen sprachen und ihre Sprache war nicht sonderlich freundlich.

Wie nicht anders zu erwarten ging auch Christorph. Im vorbeigehen raunte er mir gerade mal so so laut, dass nur ich es hören konnte, »Schwanzlutscher!« zu. Eine Bemerkung, die mich nicht nur verletzte, sondern den offensichtlichen Fakten des Bilds widersprach.

Da stand ich also. Geoutet, gedemütigt und bei einer Lüge ertappt. Es war genau der Albtraum eingetreten, den ich immer auf jeden Fall vermeiden wollte.

Immerhin war auf Jens und Sören Verlass. Jens wirkte, wie Christian schon beschrieben hatte, zuweilen etwas ignorant und vor allem extrem trantütig. Aber das lag hauptsächlich daran, dass er sein Gehirn grundsätzlich nur dann benutzte, wenn es sich, aus seiner Sicht gesehen, lohnte es zu benutzen. Wenn er es dann doch tat, war er ein ätzender kleiner Zyniker. Man musste ihn einfach mögen.

»Es ist gar kein Blut geflossen. Schade!«, war dann auch sein Kommentar.

»Leute, ich kann das erklären…«, setzte ich zur maximal dümmsten Rechtfertigung aller Zeiten an.

»Sebastian! Bitte…«, unterbrach mich Jens maliziös, »Was gibt’s da noch zu erklären? Du schläfst mit Flo. Ich zwei seid schwul. Das ist Fakt. Und erzähl uns bitte nicht, ihr habt nur mal experimentiert. Es gibt noch mehr Bilder. Überaus eindeutige Bilder.« Vor seinem nächsten Satz kratzte sich Jens am Kinn: »Alter, ich hätte nie gedacht, dass du so gelenkig bist.«

Ich musste schlucken und gegen einen ausgeprägten Fluchtreflex kämpfen. Ich wollte gerade losrennen, als Sören sich plötzlich mit der flachen Hand auf die Stirn schlug.

»Natürlich! Hamburg! Letztes Jahr in den Sommerferien!«

Sören ging buchstäblich ein Licht auf. Sein Mine hellte sich auf und er strahlte über seine eigene Scharfsinnigkeit, als er eins und eins addierte: »Wir waren doch zu dritt in St. Georg, du, Florian und ich. Erinnerst du dich? Jens, du warst mit Christian shoppen…«

Wie hätte ich jenen Tag jemals vergessen können? Es war der Tag! Der Tag, an dem Florian und ich zusammengefunden hatten. Es war mit Abstand der schönsten Tage meines ganzen Lebens gewesen. Ich war der Liebe begegnet und sie hatte mich in ihre Arme genommen.

Entsprechend dämlich musste ich dreingeschaut haben, denn Jens meinte: »Er erinnert sich. Schau dir seine dämlich grinsende Fresse an!«

»Oh Menno, warum hab ich das nicht früher gecheckt?«, fragte sich Sören rhetorisch, »Flo hat uns in ein Restaurant/Café geschleppt. Nichts gegen den Laden, das Essen war super, aber der Laden war ein schwuler Szeneladen.«

«Übertreib nicht.«, protestierte ich, »Das war überhaupt kein Szeneladen. Der ist bestenfalls community friendly. «

»Egal. Mir wird aber klar, warum wir da waren. Flo hat uns und insbesondere dich getestet. Geschaut, wie wir auf einen schwulen Laden reagieren. Und als wir später zum Parkhaus zurückgingen, seid ihr zurückgeblieben. Lass mich raten: da hat es zwischen euch gefunkt. Gib’ es zu! Ich hab mir dabei nie etwas gedacht, aber die Rückfahrt nach Lübeck war schon merkwürdig. Da hing was in der Luft.«

Was sollte ich tun? Leugnen? Lächerlich! Sören hatte den Nagel auf den Punkt getroffen. Nanometer genau. Bei der Erinnerung an unsere Rückfahrt musste ich einfach versonnen lächeln. Sören, Flo und ich saßen auf der Rückbank. Flo, die dreiste Socke die er nun mal war, war die ganze Zeit damit beschäftigt heimlich an mir rum zu machen. Sören hatte Recht, es lag etwas in der Luft, nämlich der Geruch zweier schmerzhaft erigierter Schwänze, die munter in unseren Hosen vor sich hin tropften.

Jens schüttelte seinen Kopf: »Ich fass es nicht. Du und Florian seid Arschf… schwul! Ziemlich dreiste Kiste, die ihr hier abzieht. Warum habt ihr nie ein Wort gesagt?«

Ich wusste nicht recht, wie ich Jens und Sörens Reaktion deuten sollte. Beide waren dabei ihre Köpfe zu schütteln, allerdings aus recht unterschiedlichen Motivationen. Sören war nach wie vor von seiner eigenen Scharfsinnigkeit begeistert. Und spielte die Geschichte nochmals mit sich selbst durch. Jens hingegen schüttelte sein Haupt über die Sache an sich. Von keinem kam ein Hinweis darauf, wie sie die neue Situation bewerteten. Ich entschied, den Sachverhalt aktiv zu klären.

»Ihr wisst, warum wir nix gesagt haben?«

Jens und Sören schauten zu mir auf.

»Du gibt es also zu?«, fragte Jens.

»Was? Das ich schwul bin? Natürlich! Witzbold! Bei dem Bild sind doch wohl weitere Erklärungen überflüssig. Du hast es selbst gesagt. Und Sören, du hast Recht. Es war der Hamburgausflug im letzten Jahr. Seit jenem Tag sind Flo und ich zusammen. Oh, mein Gott! ,Sind wir zusammen.’  Das trifft es nicht einmal ansatzweise. Ich liebe diesen Mann! Ich…«, ich stoppte und lächelte einen Moment versonnen in mich hinein. »So, und nun seid ihr dran!«

»Womit sind sie dran?«

Ich wirbelte herum und sah Florian hinter mir stehen. Ein Fragezeichen im Gesicht.

»Wir sind geplatzt!«, antwortete ich und zeigte auf den Bildschirm des Notebooks.

Florians einziger Kommentar war: »Oh!«

Dann schnappte er sich, ohne zu fragen, das Notebook und schaute sich das Bild genauer an. Es dauerte nicht lange, da hatte er entdeckt, dass dieses Bild nicht das einzige auf der Festplatte war. Flo blätterte durch einen ganzen Stapel photographisch dokumentierter Geschlechtsakte. Es war alles zu sehen. Fast jede von uns praktizierte Ausdrucksform körperlicher Liebe war erfasst worden.

Flo blätterte immer schneller durch die Bilder. Fast mechanisch scannte er ein Bild nach dem anderem ab. Plötzlich schloss er das Programm und klappte das Notebook zu.

»Ich will die Bilder haben. Alle!«, sagte er an Sören gerichtet, dessen Notebook es war. Ich kannte diesen Tonfall. Es war die gleiche Eiseskälte, mit der Florian seinen Bruder bedacht hatte, als dieser uns in flagranti erwischt hatte. In gewisser Weise ähnelte sich die Szene. Zu sagen Florian kochte, wäre zu kurz gedacht gewesen. Für den oberflächlichen Betrachter mochte es so wirken, als wenn Flo mit einem Dampfdrucktopf konkurrieren wollte. Aber ich kannte Florian, ich liebte ihn und wusste daher ganz genau, was er fühlte. Der offensichtliche Zustand einer massiver Gepestetheit war nur äußerer Schein. Ich spürte wie verletzt Flo war. Es war genau die gleiche Verletztheit, wie damals bei Olli.

Mit einem eiskalten Blick, der Sören jegliche Farbe aus dem Gesicht trieb, sprach Flo weiter: »Wenn ich die Bilder habe, löscht du alle Kopien. Absolut alle. Ich will, dass sich kein einziger verdammter Pixel auf deinem Notebook oder sonst einem deiner Rechner befindet. Ist das klar? Kein einziger verschissener kleiner Pixel!«

»Ey, Alter, entspann dich!«, beging Jens den Fehler, Flos Verärgerung nicht ernst zu nehmen.

»Entspannen?«, fauchte Flo los, »Entschuldige, aber wie würdest du reagieren, wenn ich morgen Bildern von dir und Ute beim Poppen verschicke?«

Jens wurde rot und schaute schuldbewusst zu Boden.

»Was Sebastian und ich miteinander machen, geht nur, und zwar ausschließlich nur uns etwas an. Verdammt, diese Bilder sind kriminell!«

»Aber…«, stammelte Sören kleinlaut und ängstlich, »Ich hab’ die Bilder doch gar nicht gemacht.«

»Wie? Nicht gemacht?«, fuhr ihn Flo aggressiv an.

Sören war kurz davor loszuheulen. Ihm dämmerte langsam, dass die Bilder weit mehr waren, als nur ein paar heimliche Pornobildchen.

»Ich habe die Bilder per e-Mail bekommen. Anonym! Dass heißt, nicht ganz anonym. Sie waren mit deiner e-Mailadresse verschickt worden. Natürlich war die gefaket, aber dass hab ich doch erst gemerkt, als ich den Anhang aufgemacht habe. Ich weiß wirklich nicht, wo die her sind. Die e-Mail lautete nur: ,Hi Alter, hier die versprochenen Pics von unserer Grillparty. Greetinx Flo!’  Und du erinnerst dich sicherlich, dass du mir deine Bilder schicken wolltest. Es tut mir leid. Ich wollte mit den Bildern nicht hausieren gehen.«

»Hast du aber!«, fauchte Flo.

»Nein! Verdammt!«, Sören war wirklich den Tränen nah, »Es war ein Unfall. Ich habe von den Bildern wirklich niemandem etwas erzählt. Ich wollte sie euch zeigen und niemand anderem. Heute Morgen, noch vor der Schule standen Christorph und ich zusammen. Er fragte mich, ob ich die Dokumentation unserer gemeinsamen Projektarbeit dabei hätte, und ich meinte ja. Darauf fragte er, ob er die kurz sehen könnte. Ich meinte natürlich wieder ja. Ich weiß auch nicht, wie es passieren konnte, aber plötzlich hatte er die Bilder auf dem Bildschirm. Na ja, du kennst ja Christorph… Wirklich, du musst mir glauben. Ich wollte das nicht.«

Flo sagte nichts, sondern schaute plötzlich leer und müde vor sich hin.

»Sören hat Recht. Christorph hat mir von den Bildern erzählt und wie er sie heute morgen zufällig auf Sörens Rechner fand.«, Jens seufzte, »Ich habe es noch niemandem erzählt, aber ich habe ebenfalls eine e-Mail mit Bildern bekommen. Ich habe sie, bis auf eins, sofort gelöscht.«

»Verdammt!«, fluchte Flo matt, während er sich in einen freien Sessel fallen ließ. Er sah traurig aus, enttäuscht und müde. Ich fühlte, dass er den Tränen nah war. Ich ging auf ihn zu, hockte mich neben ihn auf die Armlehne des Sessels und legte meine Hände auf seine Schulter. Für einen Moment, flackerte ein Lächeln auf Flos Lippen auf. Dankbar für meine Berührung schaute er zu mir hoch. Immer noch matt, wandte er sich an Jens und Sören: »Ihr versteht das nicht, oder? Nein, wie könntet ihr das auch verstehen. Das…«, Flo zeigte mit seiner rechten Hand auf das Notebook, wobei seine Stimme wieder an Lautstärke gewann. Im Gegensatz zu vorher konnte man seine Verletztheit deutlich hören, »Das… entspricht nicht dem, was ich bin! Es entspricht nicht dem, was Sebastian ist! Ja, wir sind schwul. Verdammt, warum denn auch nicht? Niemand hat mich gefragt, ob ich schwul sein will. Ich bin es einfach. Es ist mir auch egal, denn ich liebe diesen Mann!«

Flo schaute zu mir hoch. Nie sah er begehrenswerter aus, als in jenem Moment. Sein Blick flehte nach meiner Liebe. Aber Flo brauchte nicht nach ihr zu flehen. Sie gehörte ihm, uneingeschränkt und bedingungslos. Ich war so stolz, wie er für unsere Liebe einstand. Meine Hände drückten seine Schultern, versicherten ihm eben meiner ganzen Liebe, die ich für ihn empfand und er strahlte. Flo strahlte so sehr vor Freude und Glück, dass ihm eine einzelne Träne aus dem Augenwinkel lief.

In dieser Stimmung, wandte er sich Jens und Sören wieder zu. Seine Stimme war belegt und leise.

«Ja, ich liebe Sebastian!«, Flo machte eine kurze Pause, um mehr Kraft für seine Stimme zu sammeln: »Aber diese Bilder da, reduzieren diese Liebe nur auf Sex. Versteht ihr? Ich liebe Sebastian! Ich liebe ihn, wie nichts anderes auf dieser Welt. Aber diese Liebe ist viel, sehr viel mehr, als einen Schwanz in eine Körperöffnung zu stecken. Sex ist nicht Liebe, es ist eine unter vielen Möglichkeiten Liebe zu zeigen. Aber diese Bilder verneinen unsere Liebe. Sie reduzieren uns auf Tiere, die nur ihren Druck abbauen wollen. Sie wollen aus unserer Liebe etwas Minderwertiges machen. Einen vulgären Akt. Etwas schmuddeliges, das man heimlich fotografiert und dann als e-Mail verschickt.«

Im Aufenthaltsraum war es totenstill geworden. Jeder hatte mitgehört. Und jeder im Aufenthaltsraum wusste jetzt, wie Flo und ich zueinander standen. Ich schätzte, dass in weniger als 2 Stunden der gesamte Jahrgang Bescheid wissen würde. Unser Geheimnis war keins mehr.

Was mich im Rückblick immer wieder erstaunte, war meine Reaktion auf unser Outing. Es ließ mich kalt. Flo und ich hatten uns alle möglichen schauerlichen Szenen vorgestellt, die über uns hereinbrechen würden. Doch nichts geschah. Zumindest im Moment nicht. Im Aufenthaltsraum befanden sich um die 20 Personen, uns eingeschlossen. Statt der erwarteten oder besser befürchteten »Schwanzlutscher« Rufe, herrschte nach wie vor eine gespannte Stille im Raum. Jeder schien gespannt zu sein, wie die Geschichte weitergehen würde. Natürlich hatte niemand den Mumm seine Neugier zu zeigen, weswegen man auffällig unauffällig wegschaute.

»Alex, du hältst dein Buch verkehrt herum!«

Florian konnte es sich nicht verkneifen, einen unserer Mitschüler zu piesacken. Alexander, ein netter Typ aus unserem Deutschkurs, lief knall rot an und drehte hektisch sein Buch um 180 Grad.

Ich drückte Flo. Meine Hände lagen immer noch auf seinen Schultern. Ich saß nach wie vor auf der Armlehne des Sessels in dem Flo saß.

Flo ließ seinen Kopf in den Nacken fallen, schaute zu mir hoch. Oh, wie ich diesen Kerl liebte. Seine Haarsträhnen waren ihm wie immer wieder frech ins Gesicht gefallen. Er sah einfach zum Anbeißen aus. Kaum kreuzten sich unsere Blicke, erstrahlte sein Lächeln. Er blinzelte mir zu. Ein freches, hinterhältiges Flackern war in seinem Blick. Ich verstand sofort, was er wollte. Ich senkte meinen Kopf auf zu seinem Kopf hinab. Nährte mich mit meinen Lippen den seinen und berührte sie. Sofort öffneten sich unsere Münder und es entbrannte ein Ringkampf unserer Zungen. Noch während wir uns küssten, zog ich Flo zu mir hinauf und nahm ihn in den Arm.

»Damit wäre dann wohl alles klar…«, kommentierte Jens unsere Demonstration gegenseitiger Zuneigung.

Rolle rückwärts

»Was für eine rührselige Geschichte.«, knurrte Christian mit ätzendem Zynismus in der Stimme, während er die nächste Ladung Getränke aus seinem Kühlschrank holte.

»Du hast uns nie wirklich akzeptiert, oder?«, fragte ich Christian.

Christian reagierte anders, als dies nach seinem bisherigen Verhalten zu erwarten war. Statt die nächste Salve abschätziger oder diskriminierender Bemerkungen auf mich abzufeuern, stellte er die Flaschen auf den Tisch und ließ sich, sichtlich müde, auf sein Sofa fallen. Er warf seinen Kopf in den Nacken und seufzte: »Shit!«

Was ging hier ab? Ich spähte zu Christian hinüber. Der hatte seinen Kopf gesenkt und starrte den Boden vor seinen Füßen an. Ich legte meinen Kopf zur Seite, um Christian von unten ins Gesicht sehen zu können, doch Christian wich mir aus. Er drehte sich sogar weg. Wenn ich Christian nicht seit Ewigkeiten gekannt hätte, wäre ich zu dem Schluss gekommen, dass Christian weinen würde. Aber ich kannte Christian. Christian weinte nicht. Niemals! Oder doch?

»Scheiße…«, schniefte Christian deutlich hörbar. Ich hatte mich wirklich nicht getäuscht. Unserem ehemaligen Obermacho liefen dicke Tränen über die Wangen. Ich sprang auf und eilte zu ihm. Ich hockte mich neben das Sofa und streckte meinen Arm zu ihm aus.

Da war er wieder Sebastian, der Samariter.

»Hey, Alter, was ist denn?«

Christian war völlig anders. Gebrochen, verzweifelt, um Fassung und um Tränen kämpfend. Diese Art emotionalen Zusammenbruchs passte so überhaupt nicht zu ihm. Schließlich war er immer unser Leithammel gewesen. Christian sagte was abging, er bestimmte was in oder out war. Er war der erste, der ein Handy, ein Tattoo oder eine Freundin hatte. Er hatte die größte und vulgärste Klappe von uns allen. Und, als ob dies alles noch nicht reichen würde, sah er zudem auch noch super aus. Christian war die Personifizierung von Stärke und Männlichkeit, die Manifestation des Begriffes »Sport« in physischer Form. Er spielte Handball, Fußball und schwamm. Er war der Prototyp eines Athleten und ging mir damit häufig mächtig auf den Senkel, da er sein Potential eher in prolliger Weise auslebte. Was für eine Verschwendung!

Und was für eine Tragik, denn Christian konnte auch anders sein. Andernfalls wären wir nie so lange Freunde gewesen. Christian war kein Proll, dies schien viel mehr eine Maske von ihm zu sein, die er in der Öffentlichkeit aufsetzte. Sobald man mit ihm allein war, war er ein super Kerl. Er war nachdenklich, hochintelligent, schlagfertig, witzig, sogar fürsorglich. Er zeigte sogar ganz offen seine Schwächen und Ängste. Und er war aufrecht. Er hätte einen nie hängen gelassen, denn er war auch kräftig, standhaft wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung. Nicht ohne Grund war er mein ältester und, wenn ich ehrlich war, auch mein bester Freund gewesen.

In der Gruppe allerdings wurde er lästig wie Hämorrhoiden. Da wurde er zum nervigen Proll, obwohl er es überhaupt nicht nötig gehabt hätte.

Und dieser Mann saß nun vor uns und weinte?

Hilfesuchend schaute ich zu Adrian hinüber.

Adrian lachte zwar nicht, aber ein wissendes leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Er wusste oder vermutete einmal wieder mehr, als mir in diesem Moment klar war.

»Christian, darf ich dir eine persönliche Frage stellen?«, Adrians Stimme war warm und mitfühlend.

»Was?«, fragte Christian verstört, als wenn er mit seinen Gedanken gerade an einem ganz anderen Ort war.

»Jan?«, fragte Adrian leise, während ich mich fragte, wer um Himmels Willen Jan war.

Christian nickte stumm. Ich war verwirrt. Was wusste Adrian, was ich nicht wusste?

»Jan?«, fragte ich daher Adrian.

Diesmal seufzte Adrian und wiegte seinen Kopf abschätzend hin und her.

»Sebastian, hast du dich jemals gefragt, warum Christian deine Beziehung zu Florian nie richtig akzeptiert hat? Warum er immer extrem aggressiv abfällig über Schwule sprach?«

»Sicher.«, worauf wollte Adrian hinaus, »Er hat ja nie verhehlt, dass er uns krank und abartig findet.«

Adrian zeigte auf Christian, der schluchzend und in sich zusammengesunken auf dem Sofa hockte: »Sieht so jemand aus, der Schwule hasst? Meinst du, so jemand würde freiwillig mit einem Schwulen zusammenarbeiten?«

»Zu-sammen-ar-beit-en?«, wiederholte ich Adrians letztes Wort. Meine Gehirnzellen arbeiteten auf Hochtouren. Grübelnd schaute ich zu Christian und versuchte einen Blick in sein Gesicht zu erhaschen. Aber Christian wich mir nach wie vor aus.

Jan? Wer war Jan? Ich hatte den Namen schon einmal gehört. Es war noch nicht lange her. Es war…

»Nein!«, platzte es aus mir heraus, »Christian, das ist nicht möglich! Das kann nicht sein!«

Die Wucht der Erkenntnis traf mich ungebremst und ohne Airbag. Ich hockte nach wie vor neben dem Sofa, musste aber aufstehen, um nicht die Balance zu verlieren. Taumelnd wanderte ich zu meinem Sessel zurück und ließ mich eben so matt wie Christian in das Sitzmöbel fallen.

»Aber was war mit Corinna? Ihr wart doch über zwei Jahre zusammen. Du hast mit ihr…«, jetzt war es an mir zu stammeln.

Christian schaute auf: »Geschlafen? Geliebt?« Er schnaubte verächtlich, »Ich habe sie bestenfalls gefickt, aber mit Liebe hatte das wenig zu tun. Wir hatten Spaß am Sex. Nein, das ist nicht richtig, sie hatte Spaß am Sex, während ich die Augen zu machte und an dich dachte. Ich kann froh sein, dass sie wirklich sehr in mich verliebt war.«

»Du bist schwul?«, ich konnte es nicht glauben und überhörte ein wichtiges Detail. Christian konnte nicht schwul sein. Das war technisch, biologisch, psychologisch, oder sonst wie logisch nicht möglich.

Christian schaute mich an, unsere Blick kreuzten sich und mir stockte das Blut in den Adern. Ich sah eine unendliche Traurigkeit und eine Sehnsucht nach Liebe, die regelrecht schmerzhaft war.

»Verstehst du es nicht? Hast du mich nicht gehört?«, fragte Christian leise weinend, »Ich war in dich verliebt! Du weißt gar nicht, wie sehr ich nach deiner Liebe sehnte. Wenn ich mit dir zusammen war, brauchte ich nie der Machoproll sein. Du akzeptierst Menschen, wie sie sind. Bei dir brauchte man in keine Rolle zu schlüpfen, um dir zu gefallen. Shit, selbst jetzt, nachdem wie ich dich behandelt habe, reichst du einem die Hand. Sebastian, du kannst gar nicht ermessen, wie sehr ich dich begehrt habe. Aber du warst unerreichbar. Du warst mit Babs zusammen. Mein Gott, jeder Typ in der Schule wollte mit Babs gehen. Und du hast diesen Jackpot geknackt. Wie konnte so jemand schwul sein? Wie hätte ich gegen eine Frau gewinnen können. Du musstest einfach hetero sein. Und ich hatte Angst, dass du etwas merken würdest. Was meinst du, warum ich die Sprüche brachte? Natürlich hab ich Schwule gehasst. Schließlich habe ich mich selbst gehasst. Und dann sah ich die Bilder…«

Christian sagte nichts mehr. Dafür brach ich in Tränen aus. Als ich begriff, was alle die Jahre wirklich hinter Christians Verhalten steckte, war es so, als wenn mir jemand eine glühende Klinge in die Brust trieb. Christian war in mich verliebt gewesen, wagte aber nie, etwas zu sagen. Natürlich nicht, wie könnte ich ihm das verdenken? Er hatte Angst! Die gleiche scheiß Angst, die mich auch umtrieb. Angst davor, abgelehnt zu werden. Angst vor Zurückweisung und Ablehnung.

Er hatte schlicht und einfach eine gottverdammte, scheiß Angst davor, mich als seinen Freund zu verlieren.

Die Ironie dieser Situation tendierte in Richtung Zynismus.

Wie mussten die Bilder von mir und Flo auf Christian gewirkt haben? Die Antwort ließ mir die Magensäure in der Speiseröhre hochkommen. Christian hatte Recht, ich hatte, wenn auch unwissentlich, unsere Freundschaft verraten. In dem Moment, als Christian klar wurde, dass ich schwul war, muss in ihm eine Welt zusammengebrochen sein. Hatte er sich bisher mit der Vorstellung getröstet, dass ich hetero und damit unerreichbar war, wurde plötzlich alles anders. Die Bilder zeigten einen anderen Sebastian, einen, der mit einem Mann schlief. Christians Vorwürfe stimmten, wenn auch die Motivation eine andere war. Ich ahnte, wie quälend es für ihn gewesen sein muss, mit ansehen zu müssen, wie Florian und ich glücklich unser Coming Out feierten. Was für uns eine seelische Befreiung und ein Moment wirklicher Freude war, muss für Christian… Nein, ich wollte es mir nicht vorstellen, denn obwohl es nicht meine Schuld war, fühlte ich mich schuldig.

»Christian…«, ich hatte einen Klos im Hals, »Es tut mir leid. Ich habe das nicht gewusst. Du und schwul? Das ist ein Widerspruch in sich. Verdammt Christian, ich hatte Angst vor dir! Warum denkst du, hab ich jahrelang geheim gehalten, dass ich schwul bin? Ich wollte unsere Freundschaft nicht aufs Spiel setzen.«

Christian wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und rieb sich die Augen. Ein gequältes Lächeln zierte seinen Mund: »Schön doof, was?«

»Ich verstehe, dass du mich tatsächlich gehasst haben musst…«, in meiner Stimme war keine Bitterkeit. Ich verstand Christian.

»Ja.«, antwortete er müde und verschnieft, »Wie konntest du mich nur so hintergehen? Die Eifersucht auf Flo fraß mich regelrecht auf. Ich habe euch abgrundtief gehasst. Florian noch mehr als dich. Er hatte mir deine Liebe gestohlen. Euch zusammen zu sehen, war eine Qual. «

»Warum erzählst du mir das jetzt? Was ist anders? Vorhin wolltest du mir noch an die Gurgel gehen…«

Christians Augen fingen wieder an zu tränen: »Als du eben von dir und Flo erzählt hast, begriff ich, dass ich im Unrecht war. Ich habe eben erst begriffen, wie sehr ihr euch geliebt habt. Wirklich geliebt habt. Sebastian, bitte verzeih mir. Ich hab’ mir immer versucht einzureden, dass euch nur eine Fickfreundschaft verband. Aber so, wie du eben von Flo erzählt hast… Mein Gott wie sehr hab’ ich euch Unrecht getan. Ihr zwei wart füreinander bestimmt. Oh, Scheiße, verdammt… was hab’ ich getan?«

Christian brach in sich zusammen. Der große Machokerl war nur noch ein Häufchen Elend. Ich schaute zu Adrian und der verstand sofort, was ich wollte. Adrian stand auf und verließ den Raum. Christian hockte mit vorgebeugten Armen auf dem Sofa und weinte leise vor sich hin.

»Christian?«, hörte ich eine Stimme vom Eingang des Büros. Christian schaute hoch. In der Tür stand der kleine Autoverkäufer. Unsicher und mit weichen Knien schaute er zu Christian hinüber.

»Jan?«, Christian Stimme klang gebrochen, aber man konnte deutlich die Überraschung heraushören.

»Ja!«, lächelte der kleine Autoverkäufer. Adrian gab ihm einen Schubs und Jan lief los. Christian war eine Sekunde verwirrt, dann begann er zu lächeln, zwar noch etwas verschnieft und unsicher, aber immerhin.

Ich fühlte mich plötzlich fehl am Platz. Und während Autoverkäufer Jan auf den Sohn des Chefs zulief, verließen Adrian und ich das Büro. Ich war gerade dabei die Tür zu schließen, als mir Christian hinterher rief: »Sebastian, warte…«

»Später! Ruf mich an. Meine Nummer hab ich dir aufgeschrieben.«

»Danke!«


 

»Ich verstehe überhaupt nichts mehr. Christian ist schwul?«

Adrian und ich saßen im Restaurant unseres Hotels und erörterten das Ergebnis des Vormittags.

»Weißt du, was dein Problem war?«, fing Adrian an.

»Nein.«

»Du bist ein Teil davon.«

»Wie meinst du das?«

Während wir ein vorzügliches Mittagessen verzehrten, erklärte mir Adrian die Situation. Mein Problem, so Adrian, bestand darin, dass ich in meiner eigenen Geschichte verfangen war. Genau so wenig, wie Christian mich objektiv betrachten konnte, konnte ich Christian objektiv betrachten. Immer stand unsere gemeinsame Geschichte dazwischen. Wir hatten jeder für sich eine ganz genaue Vorstellung davon, wer der andere war. Dies machte uns blind für die kleinen Signale, etwa die, die Christian in Richtung Jan ausstrahlte.

»Dass der kleine Autoverkäuferjunge schwul war, hab ich sofort bemerkt. Man, der war richtig süß. Ich hatte nur wenige Sekunden mit ihm geflirtet, da ist er auch schon knall rot angelaufen.«, meinte Adrian.

»Interessant wurde es dann«, fuhr Adrian fort, »als Christian dazu kam. Zwischen den beiden knisterte die Luft. Beide belauerten sich, ohne sich aber offen zu bekennen. Sie wichen ihren gegenseitigen Blicken derart aus, schauten aber immer zum anderen rüber, wenn der nicht schaute. Richtig süß, wie es nur zwei ineinander Verliebte tun, die aber bisher nicht den Mut gefunden hatten, zu ihren Gefühlen zu stehen.«

Adrian lehnte sich zurück. Er genoss es, in der Analyse des Falls weiter zu sein, als ich es war: »Du konntest diese Signale nicht sehen. Dein Bild von Christian war das einer 200 prozentigen Hete. Du warst davon überzeugt, dass Christian ein homophobes Heteroarschloch war. Damit hast du dir selbst den Blick für die Details geraubt. Wie gesagt, du warst blind. Eure gemeinsame Geschichte stand euch im Weg. Christian konnte dir nicht verzeihen, dass du Flo ihm gegenüber vorgezogen hast. Er konnte euch euer Glück nicht gönnen. Damit wollte und konnte er nur die schlechten Aspekte sehen, selbst, wenn es keine gab. Er war hundertprozentig davon überzeugt, dass du es mit Flo nicht ernst meintest. Er musste sich an die Vorstellung klammern, das du und Flo bestenfalls nur ficken wolltet. In seinen Augen gab es zwischen euch keine Liebe. Es durfte sie einfach nicht geben. Als du aber vorhin die Geschichte eures Outings erzähltest, war da soviel Liebe drin, dass selbst Christian sie nicht ignorieren konnte. Zu akzeptieren, dass ihr euch wirklich geliebt habt, war schließlich der Schlüssel zu seiner Befreiung.«

»Es ist krank!«, meinte ich traurig.

»Was?«

»Die ganze Geschichte. Nein, krank ist das falsche Wort. Es ist tragisch und es ist traurig. Eine wirklich Tragödie. Wie viel Schmerz und Leid hätte vermieden werden können, wenn ich nicht so feige gewesen wäre. Hätte ich nicht mit Babs Hilfe eine Heterofassade aufgebaut, hätte Christian vielleicht sogar eine Chance gehabt. Mein Gott, wenn Flo nicht gewesen wäre… Christian ist wirklich ein lieber Kerl. Er ist witzig und intelligent. Und obendrein, sieht er verdammt gut aus. Ich weiß nicht, ob ich mich nicht in ihn verliebt hätte. Ich denke sogar, dass ich ihn auf gewisse Weise geliebt habe. Ungefähr so wie einen Bruder, den ich nie hatte. Seine Ablehnung mir und Flo gegenüber hätte mich niemals so sehr verletzt, wäre mir Christian egal gewesen.«

»Junge, es ist müßig darüber zu diskutieren, was wäre wenn. Ihr hattet einfach Angst. Denk doch nur daran, was für euch auf dem Spiel stand. Die Gefahr die Freundschaft zueinander zu verlieren, würde ich als primäres Panikmoment bezeichnen. Und nur weil wir, Jahre später und deutlich reifer, inzwischen wissen, dass eine Freundschaft, die auf einer Lüge basiert, niemals funktionieren kann, war das mit 16 oder 17 Jahren etwas völlig anderes.«

»Verdammt!«, fluchte ich und legte mein Besteck weg.

»Was?«

»Christian hat mein ganzes Konzept durcheinander gebracht! Für mich stand er auf Platz 1 der Verdächtigen.«

»Und warum tut er es nicht mehr? Bis vor einer Stunde hat er Flo und dich doch noch am Liebsten in den 7. Kreis der Hölle verbannt. Rein objektiv gesehen, ist er jetzt noch verdächtiger als vorher. Schwulenhass als Mordmotiv hielt ich zwar für möglich, aber nicht für wahrscheinlich. Das sind normalerweise Affekt- und Gruppentaten. Einzeltäter sind dabei sehr selten. Aber die gute alte Eifersucht liefert immer noch eines der besten Tatmotive.«

»Ich gebe dir Recht. Rein objektiv haben wir alles zusammen. Eine Opfer-/Täterbeziehung. Was du noch nicht weißt, was mir Olli heute Morgen am Telefon erzählt hat ist, dass Christian sogar die Möglichkeit hatte. Für die Zeit der Tat hat er kein Alibi. Und jetzt auch noch dieses perfekte Tatmotiv: Eifersucht.«, ich lockerte meinen Hals, machte ein paar Dreh- und Dehnbewegungen, dass die Knochen krachten, »Aber er war es nicht.«

»Instinkt?«

»Ja, aber auch Gefühl. Die Sache mit der Blindheit für die eigene Geschichte arbeitet auch andersrum. Ich kenne Christian, jedenfalls dachte ich, dass ich ihn kennen würde. Trotzdem, das mag alles nicht sehr rational und sachlich sein, aber ich bin mir gefühlsmäßig sicher, dass Christian nicht der Täter sein kann. Du weißt doch wie Flo gestorben ist. Er ist mit Alkohol und Barbituraten in der Badewanne ertrunken. Derjenige, der ihn umgebracht hat, hat sein Handeln bis ins Kleinste genau geplant. Christian ist alles andere als dumm, er ist sogar sehr intelligent, aber das wichtigste, tief in seinem Inneren ist er ein emotionaler, schmusiger Teddybär. Ein so kalt berechneter und ausgeführter Mordplan passt nicht zu ihm. Wenn Christian jemanden umbringen wollte, dann würde er es offen von Angesicht zu Angesicht machen, aber niemals jemanden heimtückisch und hinterhältig vergiften.«

Adrian lächelte zufrieden: »Du bist wirklich gut. Ich bin durchaus bereit dir zu folgen. Ich halte Christian auch nicht für den Täter. Nicht nachdem ich ihn heute kennen gelernt habe. Du weißt, dass der Giftmord typisch für Frauen sein soll?«

Wir orderten ein Dessert. Die Hitzewelle der Tage hielt nach wie vor an. Außerhalb des klimatisierten Hotels war es zwischenzeitlich über 33 Grad heiß geworden. Nach dem emotional aufwühlenden Gespräch mit Christian war mir die Lust auf einen Strandtag oder einen Stadtbummel vergangen. Adrian hatte sofort zugestimmt, vorerst, während der größten Gluthitze des Tages, im Hotel zu bleiben.

Das Dessert kam – Eissorbet.

»Etwas anderes.«, nahm Adrian unser Gespräch wieder auf, »Was war mit den Bildern von eurem Outing?«

»Oh, das…«, ich hätte mich fast an meinem Schokoladenpfefferminzsorbet verschluckt, »Das war eine ziemlich heftige und auch nicht gerade geschmackvolle Geschichte.«

»Erzähl!«

 

 

Florian und ich wurden also durch Fotos geoutet. Jemand hatte uns beim Sex fotografiert. Das waren die Fakten, als wir mit Jens und Sören den Oberstufenaufenthaltsraum verließen und wenig später zurückkehrten. Die Lehrkraft der nächsten Stunde war überraschend krank geworden, was uns ausreichend Zeit und Gelegenheit gab, die neue Situation zu erörtern. Fragen gab es schließlich genug.

Unsere primäre Frage war, wie unsere Freunde mit unserem Outing als solchem wohl klar kommen würden. Mit Jens und Sören hatten wir ein halbwegs leichtes Spiel und hätten es wahrscheinlich wesentlich leichter gehabt, wären Flo und ich uns nicht selbst im Weg gestanden. Da wir erwarteten, dass man uns mit Ablehnung gegenübertreten würde, gingen wir zuerst mit etwas zuviel Aggressivität vor. Jens und Sören hörten sich das alles eine Weile an und setzten uns schließlich auf den Topf.

»Hey, Leute!«, fing Sören an, »Ich weiß, dass ich in Hamburg nicht sehr gut auf den schwulen Laden und seine Bedienung reagiert habe. Ihr müsst das verstehen, ich war mir damals meiner eigenen Sexualität nicht völlig sicher. Der Laden, die Bedienung, das ganze Umfeld machte mich einfach nervös. Ich bekam Panik, dass ihr etwas bemerken würdet. Mein Gott, dabei war das ein Test von Flo um Sebastian auszutesten. Inzwischen weiß ich, dass ich hetero bin und freu mich für euch, dass ihr zueinander gefunden habt.«

Sören war einfach. Jens schon ein wenig schwerer: »Ok, ihr seid also schwul.«

»Ja, sind wir.«

»Und ihr fickt miteinander?«

»Du hast die Bilder gesehen, oder? Also kennst du die Antwort. Obwohl ich es nicht unbedingt, Ficken’  nennen würde. Gegenfrage: ist es wichtig, ob wir miteinander gefickt haben?«

»Wohl nicht!«, knurrte Jens, »Ich muss gestehen, dass ich es nicht verstehe. Ich kann nicht begreifen, was an einem Typen geil sein soll. «

»Du reduzierst es auf Sex. Wir lieben uns.«

»Ach, komm mir bitte nicht mit Liebe. Was soll das sein? Händchenhalten?«

»Wie war das, als Ute sich von uns zurück zog, weil ihre Eltern kein Geld hatten und sie sich dafür schämte?«, fragte ich Jens.

Er sah mir mit einem verwirrten Blick an: »Ich weiß nicht, was das damit zu tun haben soll, aber ich hab mich um sie gekümmert, was denn sonst?«

»Und was hast du getan?«

»Erst einmal getröstet und aufgebaut. Ute hatte sich sehr in sich verkrochen und die Außenwelt abgeschottet. Später habe ich ihr dann klar gemacht, dass sie sich nicht schämen muss, weil sie wenig oder kein Geld hat. Flo, was willst du hören? Ich war einfach für sie da. Was denn sonst?«

»Genau das ist es, was Sebastian und ich füreinander sind. Wir sind füreinander da.«, erklärte Flo, »Ich weiß nicht, wie ich es besser beschreiben soll. Aber wenn Sebastian traurig ist, fühl ich es sofort und bin es auch. Dann versuche ich ihn wieder aufzubauen. Umgekehrt, wenn er sich über etwas freut, freut mich das auch. Wir sind füreinander da und teilen alles was wir erleben miteinander. So wie es Freunde miteinander tun, nur dass diese Sache bei uns halt tiefer, viel tiefer geht. Wenn Sebastian nicht in meiner Nähe ist, ist es, als wenn ein Teil von mir selbst fehlen würde und ich fühle mich leer und unvollständig. Ihn in der Nähe zu haben, ist hingegen wie eine wärmende Feuerstelle, die Kraft und Geborgenheit gibt. Sebastian macht mich glücklich, einfach nur dadurch, weil er da ist. Aber ihn in den Arm zu nehmen, ihn zu halten, ist wie eine Energieexplosion.«

»Wow!«, meinte Jens beeindruckt, »Ich kann zwar nicht sagen, dass ich alles verstanden habe, was du sagst oder dass ich es nachvollziehen kann, aber ich glaube, ich habe eine Idee davon, was euch aneinander bindet. Ich wollte nicht respektlos sein, als ich gefragt habe, ob ich Sex miteinander habt. Es ist nur so, dass es mich interessiert. Na ja, ganz ehrlich, jeder kennt doch die Gesichte von wettwichsenden Typen. Ich dachte wirklich, ihr würdet sowas machen, nur dabei halt noch einen Schritt dabei weitergehen. Ordentlich einen abholzen… ähm… also, ich…«

Jens wurde krebsrot, ihm waren seine Gedanken plötzlich peinlich: »Ähm… Ich muss mich wirklich bei euch entschuldigen. Ich… ich bin wohl ziemlich schwanzgesteuert. Ähm… entschuldigt… Ich hoffe, dass ihr mir das nicht übel nehmt.«

»Nein, natürlich nicht.«, beruhigte ich Jens. Ich kannte ihn schließlich. Er war nicht uneben, konnte aber eben auch richtig daneben hauen, »vielleicht verstehst du jetzt, warum wir diese Bilder fürchterlich finden.«

»Jein. Nicht so ganz. Ok, es ist kein Wettwichsen. Aber ihr habt doch miteinander geschlafen! Ich habt doch das gemacht, was auf den Bildern zu sehen ist, oder etwa nicht?«, Jens kratzte sich am Kopf.

»Ja schon, aber es ist, was ich und Flo schon vorhin gesagten: die Bilder reduzieren es auf den reinen Akt. Erinnerst du dich an Torben?«

»Oh, bitte, hör’ auf mir mit diesem geisteskranken Wichser auf.«

Torben war ein Klassenkamerad gewesen. Gewesen, den er war nach der 10. Klasse abgegangen. Torben versuchte mit aller Macht in unsere Freundesgruppe zu kommen. Ein Versuch bestand unter anderem darin, Parties im Haus seiner Eltern zu veranstalten. Vorzugsweise, wenn seine Eltern verreist waren. Es waren keine großen Parties, manchmal waren wir nur eine Hand voll Leute. Diese Parties waren merkwürdig. Ich weiß nicht genau warum, denn es war zwar immer irgendwie nett, fühlte sich aber nie richtig rund. Möglicherweise lag es daran, dass Torben viel zu krampfhaft versuchte, unsere Freundschaft zu gewinnen und deswegen die Parties einfach auch verkrampft waren.

Es war bei einer dieser Parties im kleinen Kreis, bei der nur wir Jungs anwesend waren, als Torben uns eine selbstgebrannte DVD zeigte: »Ihr glaubt nicht, was ich hier drauf habe.«

»Komm, Torben, mach es nicht so spannend.«

Jeder vermutete, dass Torben einen Kinofilm aus dem Netz gezogen hatte, der noch nicht in die Kinos gekommen war. Er hatte sowas schon häufiger gebracht.

»Kein Spielfilm. Das ist ein der krasseste Porno, den ihr je gesehen habt.«

Ein Porno also. Die Reaktionen auf Torbens Enthüllung war durchwachsen. Wir reagierten zurückhaltend euphorisch. Jeder waren natürlich begierig das Teil zu sehen, nur sollte man uns unsere Geilheit nicht unbedingt sofort anmerken. 16 jährige Jungs können schon merkwürdig sein. Torben grinste und legte das Teil ein.

Als ich diese DVD erwähnte, musste Jens grinsen: »Oh ja, Torben und sein Porno. Er war so stolz uns das Teil vorführen zu können. Aber was hat das mit dir, Flo und den Bildern zu tun?«

»Erinnerst du dich an den ersten Teil mit der Sekretärin und dem gut bestückten Büroboten?«

»Oh Shit ja, die Mutti hat ihm ordentlich einen abgekaut.«, lachte Jens.

»Erinnerst du dich auch daran, was Christorph geschrieen hat?«

»Wie konnte ich das vergessen? Er hat ja den ganzen Laden zusammengebrüllt, Fick der Alten ins Maul! Ramm ihr deinen Riemen rein, dass sie gurgelt!’  Der Mann kann echt unappetitlich sein. Ich fand Christophs Gebrüll mehr als abtörnend.«, meinte Jens und lachte dabei nicht mehr.

»Warum fandest du das unappetitlich?«, fragte ich nach.

»Na ja…«, überlegte Jens, »Ich glaube wir müssen niemand etwas vormachen, warum man Pornos schaut. Ich geb’ ja auch zu, dass ich mir einen runtergeholt habe. Aber was Christorph da abzog, war ekelhaft. Ein Frau ist doch mehr als nur drei Löcher, wo man sein Teil zum abpumpen reinstecken kann. Widerlich. Ich glaube, Dani hatte ihn deswegen dann auch angezählt. Und du kennst Dani, wenn sie sauer ist, möchte man möglichst viel Abstand zu ihr haben. So ab 1000 km aufwärts. Ich weiß nicht mehr genau, wo und wann das war, aber ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie sie Christorph anfauchte, er soll beim Sex nicht immer nur sich denken.«

»Ich erinnere mich auch daran.«, grinste Sören, der sich in die Unterhaltung einschaltete, »Aber Dani hatte es weniger zurückhaltend formuliert.«

Ich schaute zu Flo. Er nickte mir zu und führte meinen Gedankengang fort: »Was Sebastian sagen will ist folgendes. Es gibt Sex und es gibt Sex. Ihr habt die Bilder gesehen. Ihr habt den Porno gesehen. Es ist genau so, wie Jens sagt. Es sind Wichsvorlagen. Eine ziemlich einseitige Angelegenheit. Nun wäre ich der letzte, der etwas gegen Onanie hätte, aber darum geht es nicht. Die Bilder von uns lügen, sie zeigen nur die halbe Wahrheit. Wenn ich Sebastian blase, dann weil ich es will, weil es mich glücklich macht, ihm Freude zu bereiten. Es ist eine Form unsere Liebe zueinander auszudrücken und keine schnelle Nummer, um den Druck von den Eiern zu nehmen.«

Jens kratzte sich ein weiteres Mal am Kopf: »Das zeigen die Fotos wirklich nicht.«

»Nein, natürlich nicht. Der- oder diejenige, der diese Bilder gemacht hat, wollte erreichen, dass es wie ein billiger Porno aussieht.«

»Moment mal!«, mischte sich Sören ein, »Dann sind die Fotos gar nicht von euch gemacht worden?«

»Wie jetzt?«, kam es gleichzeitig von mir und Flo.

»Äh, ich dachte, ihr hättet euch beim Sex gefilmt und jemand hat die Bilder später von einem eurer Rechner geklaut.«, erläuterte Sören.

»Wir haben uns nie beim Sex gefilmt. Sowas ist doch peinlich. Wie kommst du darauf?«

»Na ja, schaut euch die Bilder mal ganz genau an!«, meinte Sören und öffnete sein Notebook. Wir schauten. Bisher hatten wir nur das eine Bild von uns gesehen, das das ganze Chaos ausgelöst hatte. Die Bilder waren von ausgesprochen privater Natur. Bei etlichen Bildern liefen Florian und ich knall rot an.

»Ich glaube«, fing ich verlegen an und traute mich aber nicht Sören oder Jens ins Gesicht zu sehen, »damit dürften alle Fragen zu schwulen Sex für euch erschöpfend geklärt sein.«

»Vermutlich hast du Recht… Flo, ich hätte nie gedacht, das du so gelenkig bist.«, meinte Sören zu Flo und grinsten diesen breit an. Flo leuchtete hell rot auf.

»Und?«, brachte ich das Gespräch zurück auf den Punkt, »Flo und ich beim Sex. Worauf sollen wir denn genau achten?«

»Junge!«, knurrte Sören, »Lös dich mal vom Inhalt. Weder du noch Flo hat die Bilder gemacht, aber irgend jemand muss die Fotos gemacht haben. Das ist doch Florians Zimmer, oder etwa nicht? Ich weiß, dass man beim Sex in einer anderen Welt schwebt, aber man wird nicht blind. Irgendwo muss doch die Kamera gestanden haben. Die könnt ihr unmöglich übersehen haben.«

»Schau dir mal dieses Bild an.«, Sören hatte ein bestimmtes Foto herausgesucht, »Flo schaut direkt in die Kamera!«

Jetzt begriff ich was er meinte. Wenn es Fotos gab, dann gab es auch eine Kamera und wenn es eine Kamera gab, dann auch jemand, der die Kamera bediente. Da die Kamera uns sehen konnte, mussten wir sie auch sehen können. Aber…

»Oh, mein Gott, meine Webcam!«, kreischte Florian plötzlich los und zeigte auf das Bild, »Sebastian, du kennst mein Zimmer. Wo müsste bei diesem Blickwinkel die Kamera stehen?«

Ich dachte nach: »Im Bücherschran… Oh, Shit, nein, wir haben dein Zimmer vor einem Monat umgebaut! Dort wo jetzt dein Bücherschrank steht, stand vorher dein alter Schreibtisch mit Computer, Monitor und… Webcam! Die klemmte oben auf der Glotze. Wir wurden von deinem PC bespitzelt.«

 

 

Als ich dir Geschichte unseres Outings erzählte, hörte Adrian aufmerksam zu. Später zeigte sich, dass auf Florians PC ein Trojaner installiert worden war. Ein sehr spezieller und ausgebuffter Trojaner, um es genau zu nehmen.

Ein Freund, den man als wahren PC-Guru bezeichnen könnte, entdeckte das Programm. Es wurde bei jedem Start des Rechners mitgestartet. Einmal angeworfen, aktivierte es einen Port und lauschte dort auf Befehle. Aber nicht nur das. Der Trojaner deaktivierte auch die Überwachung genau dieses Ports in Florians Firewall.

Jeder konnte sich von außen mit dem Trojaner verbinden, solange er nur dessen Passwort kannte. War man erst mal drin, war das Programm ausgesprochen komfortabel. Es gab sogar ein Hilfemenü. Neben Einzelbildern konnte man auch kleine Videosequenzen erstellen und das Mikro der Webcam auf Tonüberwachung einstellen.

Und Flo hatte gerade seine Webcam gegen eine neuere mit deutlich besserer Qualität und Auflösung ausgetauscht. Es gab sogar einen Modus, der auf Bewegungen reagierte und dann eine Meldung an eine vorher einstellbare IP-Adresse schickte.

»Und woher wusste euer Onlinespanner, wann der PC online war?«, fragte Adrian abschließend.

»Flo hatte ICQ in der Taskleiste.«

Adrian nickte nachdenklich, dann meinte er: »Das kann nur jemand aus eurem engerem Freundeskreis gewesen sein. Wer sonst kannte Flos Rechner gut genug, um so ein Ding durchzuziehen?«

»Das haben wir uns auch gefragt. Sind aber nie dahinter gekommen, wer es war.«

»Was meinst du, war es Zufall, dass er euch beim Sex beobachtet hatte?«

»Ich denke schon. Bis zum dem Zeitpunkt als wir aufflogen, wussten nur Babs und Olli, dass wir schwul waren.«

»Sicher?«

»Ja…«, ich überlegte, »Doch absolut sicher.«

»Und was ist mit deinem lieben Vetter René?«

Ich runzelte die Stirn und musste erst einmal nachdenken, was Adrian meinte: »Nein, du spielst auf die Sache in der Kneipe an. Das war aber erst Wochen später, nachdem wir geoutet wurden. Außerdem, was hat René mit Florian zu tun? Er kannte ihn doch gar nicht. Und ich hatte René mindestens ein halbes Jahr lang nicht gesehen und dann auch nur flüchtig auf dem Geburtstag meines Onkels.«

»Aber er wusste, dass du schwul bist?«, beharrte Adrian.

»Was heißt, wusste’? Er vermutete es. Ich weiß noch, dass er mich auf der Geburtstagsfeier seines Vaters anmachte: ,Na, wollen wir schnell aufs Klo gehen? Ich weiß doch, wie scharf du auf meinen Schwanz bist.’  Ich hab’ ihn kommentarlos stehen gelassen. «

»Hm…«, meinte Adrian.

»Was meinst du mit, Hm…’?«

»Nichts. René wusste zwar nicht mit Sicherheit, dass du schwul bist, aber er vermutete es. Mir gibt zu denken, dass außer Babs und Olli er der einzige war, der es wusste. Wenn er der einzige war…«

Und wenn es Adrian zu denken gab, dann sollte es mir ebenfalls zu denken geben.

René in Nöten

»Hast gerade etwas vor?«

Adrian hatte sein Besteck weggelegt, schaute auf seine Uhr und sah mich fragend an.

Ich zuckte mit den Schultern und sagte wahrheitsgemäß: »Nöh«

»Gut, dann komm mit!«

Adrian sprang auf, packte mich am Arm, schleifte mich durch das Hotelrestaurant und die ganze Lobby über den Parkplatz bis zu seinem Auto. Dabei war er dermaßen fröhlich und gut gelaunt, dass ich mir schon Sorgen machte.

»Wo willst du eigentlich hin?«

»Lass dich überraschen. Ich hab’ da so eine Idee. Vielleicht ist sie völlig abwegig, aber…na, mal sehen! Verspreche mir aber, nicht sauer zu werden, ja?«

»Ok… soweit das möglich ist.«

»Vertrau mir, es wird uns bestimmt mit dem Fall weiter bringen.«

Adrian fummelte an seinem Navisystem rum. Den Daten nach zu urteilen, lag das Ziel irgendwo im Hamburger Freihafen. Alles war sehr geheimnisvoll.

Während der Fahrt lauschten wir dem Radio oder unterhielten uns über Belanglosigkeiten. Der Porsche flog leichtfüßig dahin. Kilometer um Kilometer näherten wir uns Hamburg.

»Du weißt, womit unsere Familie ihr Geld verdient?«, fragte Adrian unvermittelt.

»Du hast mal gesagt, ihr seid sowas wie Kaufleute.«, mein Wissen über die Seidenwickler und Melchior AG war recht rudimentär.

»In gewisser Weise. Wir sind im Groß- und Einzelhandel tätig, machen aber auch Facilty-Management, Spedition und Logistik, Krankenhausdienstleistung, Sicherheitsdienstleistungen und -technik, IT-Service und, und, und. Wir sollen sogar eine Schokoladenfabrik in Belgien und eine Kondomproduktion in den Niederlanden haben.«

»Aha?«, und warum erzählte mir Adrian das? Ich bedachte ihn mit einem fragenden Blick, aber Adrian grinste nur.

Das Navisystem brachte uns auf direktestem Weg zu unserem Ziel. Am Eingang des Freihafens wurden wir kurz vom Zoll aufgehalten, aber Adrian hielt ihm eine Art Ausweis hin und man winkte uns durch.

»Du weißt, wohin wir wollen?«, fragte ich skeptisch.

»Nein, aber das Navi weiß es. Und ich glaube, wir haben unser Ziel erreicht. Carl Oskar Kleisterhus und Söhne, Internationale Fracht, SM-AG-Gruppe.«

»SM-AG-Gruppe?«

»Seidenwickler und Melchior AG — Kleisterhus gehört uns. In gewisser Weise sind das meine Angestellten, nur dass ich nicht einen von ihnen kenne.«

»Und warum sind wir hier? Wolltest du mir dein Firmenimperium zeigen?«, ich hoffte, dass Adrian wusste, was wir hier wollten, sicher war ich mir dabei aber nicht.

»Vergiss das Firmenimperium. Hör mir lieber zu. Ich sagte zwar, dass ich hier niemanden kenne, ich sagte aber nicht, dass du hier niemanden kennst. Sie mal da drüben!«

Ich folgte Adrians ausgestreckten Arms und schaute. Ich sah ein Hafengelände, mit Schuppen, Kaimauer, Containern, Kränen, Schiffen und Gabelstaplern. Gabelstaplern?

»Shit, Adrian, das ist mein Heterovetter René!«

»Genau! Ich weiß selbst nicht so genau, wie ich auf die Idee gekommen bin. Du hast mir in den letzten Tagen sehr viel von dir erzählt, mehr, als dir vielleicht selbst klar ist. Dein Vetter René tauchte dabei immer wieder mal auf. Nenn es Instinkt, aber ich habe das Gefühl, dass René in der Geschichte mehr als eine Rolle spielt. Und ich weiß, dass du ihn Fragen musst. Ich weiß auch, dass das für dich nicht einfach ist.«

Ich starrte Adrian an. Was für eine wirre Idee. Sollte ich jetzt sauer sein oder mich über seine Initiative freuen? Ich schaute von Adrian zu René, der mit seinem Gabelstapler zwischen Schiff und Lagerschuppen hin und her fuhr.

»Und wie stellst du dir das vor? Soll ich einfach zu ihm hingehen? Der Typ mag mich nicht, nachher karrt der mich mit seinem Stapler noch über den Haufen!«

»Du bist mir nicht böse?«, Adrian sah mich mit einem halb ängstlichen halb traurigen Dackelblick an. Wie könnte ich bei so einem Blick auf ihn sauer sein? Obwohl ich nicht wusste, was ich meinen Vetter eigentlich fragen sollte.

»Nein, ich bin dir nicht böse.«, lächelte ich Adrian an und drückte ihm die Schulter, »Aber du musst mir noch verraten, woher du wusstest, dass René hier arbeitet.«

Adrian entglitten vor Verlegenheit die Gesichtszüge: »Ähm, ich sagte doch vorhin, dass wir auch in Sicherheitsdienstleistungen machen…«

»Nein, sag nicht, ihr habt eine Detektei?«

»Eine?«, entgegnete Adrian, »Ich hab’ einfach das Hamburger Büro angerufen und denen den Auftrag gegeben, ein paar Infos über deinen Vetter René zu beschaffen. Gestern rief man mich an und sagte mir, dass er bei Kleisterhus arbeitet.«

»Ich denk, du bist Großaktionär der Seidenwickler und Melchior AG. Seid wann arbeiten die Firmen für die Aktionäre?«

»Ähm, na ja.«, druckste Adrian herum, »Als Familienmitglied ist es Tradition in der Firma zu arbeiten. Ich bin ganz offiziell ein unbefristet beurlaubter Angestellter der Seidenwickler und Melchior Holding. Die Holding ist die Mutter vons janze, wie die Berliner sajen würden. Ich hatte doch von dem besten Freund meines leiblichen Vaters erzählt. Victor August von Achterstädt ist Vorstandsvorsitzender der AG. Er ist das, was mein Stiefvater gerne wäre. Jedenfalls führt mich Victor als Assistent des Vorstandes für neue Medien und Kommunikationstechnik. Victor weiß, dass mir die Informatik Spaß macht und denkt, dass ich später mit meinem Wissen eine Bereicherung für das Unternehmen sein werde. Für ihn steht das außer Frage, dass es so sein wird. Das bringt meinen Stiefvater natürlich noch mehr auf die Palme. Für ihn ist die EDV- und Kommunikationstechnik nur ein Kostenfaktor. Victor hingegen, fragt mich regelmäßig, was ich von Vorschlägen aus der EDV halte und hat deswegen auch schon Projekte abändern lassen, was immer eine richtige Entscheidung war. Da fällt mir ein, du hast meinen Stiefvater doch schon mal gesehen, oder?«

Ich nickte. Adrians Stiefvater war ein kalter unsympathischer Technokrat. Ich hatte ihn bisher einmal gesehen. Es war der Tag, an dem ich die Wahrheit über Adrian erfahren hatte.

»Als er damals nach Hause flog, wusste er noch nicht, dass Victor eines seiner Projekte auf meine Empfehlung hin storniert hatte. Ohne Not und ohne dass es uns ansatzweise inhaltlich weiter gebracht hätte, hatte Hilmar eine Vorstandsvorlage für einen vollständigen Systemwechsel eingebracht. Allein die Lizenzkosten wären locker im dreistelligen Millionenbereich gelandet. Völliger Schwachsinn. Hilmar hasst mich deswegen. Aber genau das ist sein Problem. Er begreift einfach nicht, dass es Leute gibt, die Projekte nicht aus einem Egotrip heraus machen, sondern weil sie sinnvoll sind. Victor war wirklich froh, dass ich an der Entscheidung mitgewirkt habe. Seit jenem Projekt besitze ich einen Firmenausweis, der mir bei allen Konzerntöchtern sämtliche Türen öffnet.«, Adrian zeigte auf einen alten Backsteinbau, »Und dies gilt auch für die Firma Kleisterhus und Söhne.«

 

 

Adrians Behauptung war voreilig. Denn vor den offenen Türen der Firma Kleisterhus und Söhne saß Elfriede Dunkert.

Wie hatten Adrians Flunder verlassen und waren die drei Stufen zum Bürokontor von Carl Oskar Kleisterhus und Söhne emporgestiegen. Im Inneren des roten Backsteinbaus schlug uns der Duft einer längst vergessenen Zeit entgegen. Auf den ersten Blick schien es, als wäre die Zeit irgendwann im 19. Jahrhundert stehen geblieben. Schwere dunkle Eichenschränke, ebenso dunkle Wandtäfelungen, Pendellampen von der Decke mit bronzenen Einfassungen. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn kleine buckelige Buchhalter mit Ärmelschoner die Gänge gekreuzt hätten. Doch der erste Eindruck täuschte. Im Empfangsbüro zeigte ein Designerflachbildschirm auf einem antiken Schreibtisch, dass man einerseits das moderne mit dem alten harmonisch verbinden kann und dass man bei Kleisterhus nicht ganz so angestaubt war, wie man möglicherweise vermuten würde.

Und dann war da noch Elfriede Dunkert.

Elfriede war irgendwo zwischen Mitte 50 und Anfang 60. Sie hatte Oberarme von Ausmaßen ganzer Baumstämme, was zu ihrer üppig ausladenden Oberweite vortrefflich paßte. Um das Gesamtwerk Elfriede Dunkert bewundern zu können, war man gezwungen einige Schritte zurück zu treten. Die hochtoupierten Haare bildeten die konsequente Fortführung ihres ausladenden Wesens. Der Versuch ihrem käsig-wabbelig-weichen Teint durch Aufbringen von Farbe einen Hauch von Schönheit zu verleihen, musste wohl eher als gescheitert betrachtet werden. Adrian meinte später, er hätte gedacht, dass ihre Farbe Folge eines Unfalls mit einem Tuschkasten war. Mann musste Elfriede zu Gute halten, dass ihre Kriegsbemalung perfekt mit ihrem brüllenden Blümchenkleid harmonisierte. Vom Typ her gab es für Elfriede ganze drei mögliche Berufe: Klofrau, Puffmutter oder Mutterschiff von Kleisterhus und Söhne.

»Moin, Jungens, watt wüllt je denn?«, plattdeutschte es uns entgegen. Meine lübsch-hanseatischen Ohren identifizierte sie als nicht hamburgerischen Ursprungs. Vermutlich Ahrensburg.

Noch bevor wir auch nur einen Pieps auf Elfriedes Frage entgegnen konnten, schob sie bereits den nächsten Satz nach: »Wolld ihr Jobbs? Nüxx to mochen. Ahhhls dicht. Da geid nix.«

Sie war schon eine Seele von Mensch die Elfriede. Sie war es wirklich. Bei all ihrer Üppigkeit und der Neigung, der Feldwebel des Unternehmens zu sein, war sie aber auch die Mutterglucke, die über alle ihre Schäfchen wachte.

»Wir würden gern Herrn René Simon.«, Adrian hatte sich in einem angemessen Abstand vor Elfriede Dunkerts Schreibtisch gestellt und deutete einen ganz kleinen Diener an.

»Watt? Meddem René wüllst de snacken. Nu töff mal«, es war schon erstaunlich wie sie die Wülste in Elfriedes Gesicht eine nach der anderen spannte. Mutterschiff Dunkert zog die Luft ein. Während sie sich aufblähte, fragte ich mich, ob bei dem beschränkten Raumvolumen des Büros genug Sauerstoff für Adrian und mich übrig bleiben würde.

»Cheeeeeäääääääääääffff?«

Ich musste mich korrigieren. Elfriede Dunkert könnte neben Klofrau, Puffmutter und Mutterschiff auch noch locker als Nebelhorn durchgehen.

»Elllfriiiiiiiiiiedeeeee!«, tönte es zurück.

»Komm mah!«

Wir hörten Fußgetrappel und wenig später stand ein Herr mittleren Alters im Raum. Robert Tichy, Geschäftsführer von Kleisterhus und Söhne, sah aus, wie aus dem Ei gepellt. Welch ein Kontrast. Einerseits Elfriede, bei deren Anblick alle Fliegen tot von der Wand fallen und dann andererseits Robert Tichy, Budapester Schuhe (schwarz) im makellosen Zustand, dunkler maritimer Zweireiher (maßgeschneidert), Krawatte mit Stil und Understatement, blau-weißes Hemd, Manschettenknöpfe. Robert Tichy war ein geborener Hamburger.

Es gibt einen Unterschied zwischen gebürtigen und geborenen Hamburgern. Gebürtige Hamburger wurden in Hamburg geboren. Bei geborenen Hamburgern wurden auch schon die Eltern in Hamburg geboren. Wenn uns Robert Tichy musterte, dann so, dass wir es nicht merkten.

»Die Herren möchten gerne René Simon sprechen.«, hochdeutschte Elfriede, wobei sie aber immer noch über den spitzen Stein stolperte.

»Tichy!«, begrüßte uns Herr Tichy formvollendet und steckte seine Hand in Richtung Adrian aus.

Ich begab mich erneut in die Beobachterrolle. Während der ganzen Zeit hatte ich mich bereits vorsichtig in den Hintergrund geschoben. Wenn jemand das Wort an uns richten würde, dann an Adrian.

»Seidenwickler, Adrian Seidenwickler.«, antwortete Adrian und ergriff im gleichen Moment Robert Tichys Hand.

Ich war beeindruckt. Adrian schien ein anderer Mensch geworden zu sein. Sein ganzes Auftreten, seine Körpersprache, aber auch sein Tonfall und der Klang seiner Stimme war vollkommen verändert. Hier stand nicht Adrian Seidenwickler, der Student, hier stand ein Adrian Seidenwickler, der die gleiche Selbstsicherheit, das gleiche Standing wie Robert Tichy besaß. Wenn Adrian auch kein geborener Hamburger war, so war sein Auftreten mindestens so dezent und kultiviert, wie das von Tichy.

»Seidenwickler?«, fragte Tichy. Wenn er überrascht war, so ließ er sich das nicht anmerken.

»Oh, entschuldigen Sie.«, meinte Adrian höflich und reichte ihm seinen Konzernausweis.

Robert Tichy musterte den Ausweis und reichte ihn Adrian zurück: »Und womit kann ich helfen?«

»Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen Herr Tichy, dass wir bei Ihnen einfach hereingeplatzt sind. Dies ist Sebastian Simon, der Cousin von Herrn Simon. Wir würden René gerne kurz sprechen und das auch nur, wenn es nicht mit seinen Aufgaben kollidiert. Es ist wirklich ein rein privater Besuch. Wir möchten auf keinen Fall ihren Betrieb durcheinander bringen.«

Robert Tichy schaute zu Frau Dunkert, die sofort schaltete. Zielsicher drückten ihre Wurstfinger die Codezahl einer Personenrufanlage.

»In spätestens fünf Minuten ist er hier. Ich glaube, Sie möchten ungestört miteinander sprechen. Folgen Sie mir bitte.«

Tichy brachte uns in einen kleinen Besprechungsraum mit gepolsterter Doppeltür und einem roten und grünen Licht über ihr. Was hier besprochen wurde, hat diese vier Wände niemals verlassen.

»Ich danke Ihnen, das ist wirklich sehr freundlich.«, Adrian war einfach ein anderer Mensch. Tichy nickte freundlich und ging.


 

Der Besprechungsraum war nicht sehr groß. Ein edler, dunkler Holztisch mit gedrechselten Beinen stand in der Mitte des Raums. Um ihn herum standen acht schwere hochlehnige Stühle mit dunkel-roten Ledersitzflächen. Die Wände waren bis Bauchnabelhöhe getäfelt. Auch dieser Raum verströmte den Geruch einer längst vergessenen Zeit. Doch wäre es falsch ihn als altmodisch abzutun. Eine state-of-the-art AV-Anlage, eine modernes Subnotebook, ein VoIP-Telefonsystem und blendfreies Halogenlicht wiesen darauf hin, dass dieser Raum, obwohl mit der Tradition alter Handelsleute verbunden war, voll in der Gegenwart stand.

Wir hatten uns auf zwei Stühle gesetzt, die hinter dem Konferenztisch standen. Wir mussten ein paar Minuten warten, dann tauchte René auf. Nachdem er beide Türen hinter sich geschlossen hatte, schaltete Adrian das Rotlicht ein. René drehte sich zu uns, kräuselte seine Stirn als er von Adrian zu mir schaute und grunzte.

»Au Scheiße, der Schwanzlutscher!«, waren die vier Worte, mit der uns René begrüßte.

»Ja, ich freu mich auch, dich zu sehen.«, konterte ich freundlich.

Demonstrativ verschränkte René seine Arme vor seiner Brust und blieb mit provozierend aufeinandergepressten Lippen vor dem Tisch stehen. Er stank nach Schweiß, was bei den mörderischen Außentemperaturen jener Tage kein Wunder war. Durch den Geruch geweckt, fiel mir auf, dass es im Besprechungsraum angenehm temperiert war. Offenbar gab es eine verdeckte, zugfreie Klimaanlage.

»Was willst du, Wichser?«, knurrte er.

Noch bevor ich mich aufregen konnte, war Adrian aufgestanden. Ganz locker und mit einer absolut bewundernswerten Gelassenheit ging er auf René zu, zog den nächstgelegenen Stuhl nach hinten und sagte: »Würden Sie sich bitte setzten, Herr Simon.«

Mein Vetter zog seine linke Augenbraue hoch, schielte skeptisch zu Adrian herüber und setzte sich.

»Wer ist denn der Kasper?«, fragte mich René, » Herr Simon! So hat mich nicht mal mein Jobberater angesprochen.«

»Ich bin kein Kasper, sondern ein Freund von Sebastian.«, Adrian blieb cool.

»Ah, sein Stecher! Bläst mein Vetter immer noch so gerne Schwänze? Von meinem konnte er gar nicht genug bekommen.«

Ich hatte es geahnt. Dies würde eine sehr, sehr unerfreuliche Unterhaltung werden. Es war die reinste Zeitverschwendung. Ich hatte schon geahnt, dass die Sache einen recht vulgären Weg nehmen würde und fragte mich innerlich, was sich Adrian von diesem Treffen überhaupt versprach.

»Bleiben wir kurz beim Thema Stecher.«, meinte Adrian immer noch völlig cool, hatte dabei aber plötzlich dieses gewisse haifischartige Grinsen auf seinen Lippen, »Wenn ich Sebastian richtig verstanden habe, sind Sie der Meinung, dass er Homosexuell ist?«

»Häh? Mein Gott, brich dir keinen ab.«, knurrte René erneut, »Kannst du nicht wie ein normaler Mensch reden?«

»Kein Problem!«, meinte Adrian jetzt richtig cool. René hatte es sich mit ausgestreckten Beinen auf seinen Stuhl bequem gemacht und schaute mit vorgeschobenen Kinn und verkniffenen Augen von Adrian zu mir und zurück zu Adrian. Alles an ihm schien zu brüllen: »Was wollt ihr Weicheier eigentlich von mir?«

Adrians nächste Aktion kam daher völlig überraschend. Er packte die Armlehnen des Stuhls, auf dem sich René lümmelte, mit beiden Händen und riss mit einer Kraft, die ich nicht für möglich hielt, den Stuhl um 90 Grad zu sich herum.

»Ok, du arrogantes Arschloch. Ich will wissen, woher du weißt, dass Sebastian schwul ist?«, Adrians Gesicht befand sich nur wenige Zentimeter von Renés entfernt.

Für einen Moment war mein Vetter desorientiert: »Hey, was soll der Scheiß!«

»Scheiß? Ich werde dir was von Scheiß erzählen! Ich bin ein guter Freund von Sebastian. Sebastian muss wissen, wann und von wem du erfahren hast, dass Sebastian schwul ist. Soweit alles klar?«

Adrian war eiskalt. So kannte ich ihn gar nicht. Wäre ich an Renés Stelle gewesen, ich hätte mir vor Panik in die Hosen geschifft. Adrian wirkte extrem bedrohlich.

»Hat er dir das nicht erzählt? Wir haben miteinander rumgemacht. Damals als Kinder. Mann, dass ist 10 Jahr her. Es hat ihm gefallen. Sebastian ging richtig ab. Der muss doch schwul sein.«

Ich sagte nichts. Renés Reaktion war interessant. Ich hatte ihn jahrelang nicht gesehen. Er reagierte zwar wie erwartet aggressiv, aber ich hatte den Eindruck, als wenn er etwas verheimlichen würde. Vielleicht war dieses Treffen doch keine Zeitverschwendung.

»Für wie blöd hältst du mich?«, fragte Adrian gespielt genervt, »Wir wissen beide, dass das lächerlich ist. Ihr wart Kinder, da spielt man rum. Deswegen behauptet man nicht, dass der eigene Vetter schwul ist. Du magst es vielleicht vermutet und Sebastian damit aufgezogen haben, aber es ganz genau zu wissen, ist eine andere Sache. Also, noch mal, von wem hast du erfahren, dass Sebastian schwul ist.«

René suchte mit flehenden Blicken nach einem Ausweg.

»Ich habe Sebastian vor Jahren mit seinem Freund in einer Jugendkneipe getroffen. Wie die miteinander rumturtelten war völlig eindeutig.«

Moment! Es machte plötzlich Klick in einem Schädel, so stimmte die Geschichte nicht. René spielte auf die Sache mit Flo an, unser kleines Wortgefecht, als ich René latente Homosexualität unterstellte.

»Moment mal!«, ließ ich mich daher verlauten, »Warum fällt mir das jetzt erst ein. Du wusstest von Florian! Wir haben nicht geturtelt, dafür war überhaupt keine Zeit. Du bist sofort an unseren Tisch gekommen und hast uns angemacht. Du wusstest ganz genau, wer Florian war, dabei konntest du ihn überhaupt nicht kennen. Verdammt, warum ist mir das all die Jahre nie aufgefallen?«

Ein verschmitztes, verräterisches Lächeln huschte über Renés Lippen und Augen. Wir hatten ihn erwischt.

»Hat aber lange gedauert, dass mein lieber studierter Vetter was begriffen hat. Ja, ich wusste, dass du schwul warst.«

»Und?«, fragte Adrian, dessen Kopf sich nach wie vor wenige Zentimeter von Renés Gesicht befand.

»Baby, du glaubst doch nicht etwa, dass ich meine Quellen verpfeife?«, René grinste breit und tätschelte Adrians Wange mit seiner Hand.

Adrian setzte einen unheimlichen Gesichtsausdruck auf. Wo hatte er die nur alle gelernt? Adrian schaute René mit dem Blick eines Mafiapaten an, der einem Delinquenten gerade mitgeteilt hat, dass man ihn leider umbringen müsse, er das aber nicht persönlich nehmen solle, die Sache sei halt rein geschäftlich.

»Du weißt, dass dieser Raum schalldicht ist?«, fragte Adrian mit gleichgültiger Stimme.

»Wie?«, in Renés Blick zeigte sich Irritation.

Adrian lächelte mich freundlich an und meinte: »Sebastian, würde es dir etwas ausmachen, kurz draußen zu warten? Ich möchte mich mit deinem Cousin unter vier Augen unterhalten.«

»Was hat er vor?«, in Renés Blick löste Angst die Irritation ab.

»Ich weiß nicht?«, ich zuckte mit meinen Schultern und stand auf, »Lass dich überraschen.«

Adrian hatte während dessen seine Geldbörse gezückt und durchsuchte sie. Nach ein paar Momenten hatte er gefunden, was er suchte, eine Crusingpack, sprich ein Kondom und eine Portion Gleitgel. Für einen winzigen Moment haderte ich mit meinem Gewissen. Ich wusste zwar, dass Adrian niemals das tun würde, wonach es aussah, Aber das wusste René nicht. Sollte ich Adrian wirklich bösem Spiel ein Ende setzen? Nöh, warum eigentlich? Eigentlich hatte ich mit René noch eine Rechnung offen.

»Was hat er mit dem Kondom vor?«, fragte René extrem nervös.

»Ich geb dir einen Tipp: Entspann dich!«, riet ich René ohne den Hauch von Skrupeln.

»Aber… Sebastian… Du kannst doch nicht zulassen, dass dieser Typ mich…«

»Verdammt René, wer war es? Wer hat dir erzählt, dass ich schwul bin? Einen Namen! Ich will nur einen Namen hören!«, brüllte ich meinen Vetter an.

»Christorph! Es war Christorph!«, schrie René und blickte panisch auf das Kondompäckchen.

»Na also, geht doch!«, meinte Adrian, grinste frech und packte sein Crusingpack wieder ein: »Du solltest dringend was gegen deine Vorurteile tun. Oder glaubst du wirklich, ich wäre hier und jetzt über dich hergefallen? Im Gegensatz zu dir vergewaltige ich niemanden. Sex ist etwas, das allen beteiligten Spaß machen soll und nicht Angst.«

»Was?«, schrie René auf.

»Er begreift es nicht!«, meinte ich zu Adrian.

»Ich befürchte du hast Recht…«, meinte Adrian entnervt und ließ sich auf einen der Stühle fallen.

»Was?«, schrie René erneut.

»Hast du wirklich gedacht«, fragte ich René, »Adrian würde sich ein Kondom überrollen und dich hier auf dem Tisch durchficken? Tja, Pech gehabt! Wir würden dich nicht mal mit der Kneifzange anfassen wollen.«

»Ihr habt mich reingelegt.«

»Blitzmerker! Aber eigentlich hast du dich selbst reingelegt. Du solltest bei nächster Gelegenheit deine Vorurteile überprüfen.«, Renés Dummheit war schon fast schmerzhaft, »Ok, und jetzt erzähl mir alles über Christorph.«

 

Wirtschaftskapitäne

Allzu viel gab es nicht zu erzählen, doch das wenige war neu und interessant. Das größte Geheimnis war ganz banal: René und Christorph kannten sich vom Fußball. Beide spielten im gleichen Verein in derselben Mannschaft. Vor etlichen Jahren waren Christorph und René miteinander ins Gespräch gekommen, so wie man halt in einer Mannschaft miteinander spricht. Die beiden unterhielten sich über das übliche, den Sport, die Freundin, Sex und die Schule. Beim Thema Schule kam natürlich zwangsweise die Frage auf, welche Schule man denn besuchen würde. Als Christorph diese Frage beantwortete, meinte René sofort, dass er noch jemanden kennen würde, der diese Schule besuchen täte, nämlich seinen schwulen Vetter Sebastian. Dieser Sebastian, so René müsste im gleichen Jahrgang wie Christorph sein. Christorph soll dann sofort gefragt haben, ob er etwa Sebastian Simon, also mich meinen würde, was René bestätigte. Darauf hin fragte Christorph, wieso Sebastian schwul sein solle. Er, Christorph, könne sich das gar nicht vorstellen, schließlich hätte Sebastian, ich, eine feste Freundin, die Babs.

Das mag ja alles angehen, meinte darauf hin René, wäre aber kein Gegenbeweis. Woraufhin er die Geschichte von seinem Sommerferien bei mir zu Hause erzählte. Insbesondere erzählte er, wie ich ihm einen geblasen und es, seiner Meinung nach, durchaus genossen hätte.

Christorph meinte dann erst einmal nichts und das Thema war eine Zeit lang tot. Wochen später kam Christorph nach dem Training auf René zu und meinte, er hätte den Beweis dafür, dass ich, Sebastian, also Renés Vetter, tatsächlich schwul sei. Christorph legte ein paar eindeutige Farbausdrucke von Bildern vor, die mit einer Webcam aufgenommen worden waren.

An dieser Stelle wurde René Geschichte besonders interessant. Er konnte sich nämlich noch genau daran erinnern, wann Christorph ihm die Bilder gezeigt hatte. Er wusste es so genau, weil sie am Wochenende nach dem Training ein wichtiges Punktspiel hatten, das sie gegen aller Erwartungen haushoch gewonnen hatten. In diesem Spiel hatte er vier Tore geschossen. Es war sein bestes Spiel überhaupt gewesen. Christorph zeigte René die Bilder exakt zwei Wochen vor Flos und meinem Outing.

Christorph!

Warum überraschte mich die Nachricht nicht? War ich mal wieder völlig blind gewesen? Es passte perfekt. Christorph besaß genau den kühl kalkulierenden Intellekt, der für eine solche Aktion, wie mich und Flo mit einem Trojaner auszuspionieren, fähig war. War er aber auch eiskalt berechnend genug, um Flo umzubringen?

Und zu guter Letzt war da immer noch mein Vetter René. Nachdem er mit seinem Bericht fertig war, saßen wir zu dritt im Besprechungsraum und schwiegen: René unsicher, Adrian und ich nachdenklich.

»Danke!«

René sah mich wie einen Außerirdischen an.

Ich wiederholte: »Danke, dass du mir die Wahrheit gesagt hast.«

Und weil er immer noch wie ein Auto glotzte, fügte ich hinzu: »Über Christorph!«

Renés Blick hellte sich ein wenig auf. Erstaunlich, dass ich René einmal für den tollsten Kerl der Welt gehalten hatte. Ich sah René an. Nach Jahren schaute ich mir meinen Vetter das erste Mal wieder genau an. Obwohl unsere Geburtstage keine zwei Jahre auseinander lagen, wirkte er deutlich älter, müder und erschöpft. Immerhin war er nicht mehr so fett.

»Kann ich gehen?«, fragte René sehr ängstlich und fügte fast flüsternd hinzu, »Ich bin noch in der Probezeit und ich brauche diesen Job!«

Probezeit? Bei dem Stichwort fiel mir ein, dass mein Wissenstand um René nicht mehr aktuell gewesen war. Mein Gedächtnis führte ihn noch als arbeitslos. René hatte wirklich Angst um seinen Job. Ich mochte meinen Cousin nicht, doch trotzdem tat er mir plötzlich leid. Das Gefühl klamm zu sein, kannte ich noch gut genug. Meine ersten drei Semester in Berlin waren die Hölle gewesen. Meine finstere Miniwohnung ging mir durch den Kopf. Die karge Waisenrente. Meine unfreiwilligen Fastenkuren, um mir ein Fachbuch leisten zu können. Auch wenn René es nicht wusste, aber ich wusste ziemlich genau, wie man sich fühlt, wenn man mehr als klamm ist und nicht weiß, wovon man im nächsten Monat die Stromrechnung bezahlen soll.

»Tichy wird dich nicht feuern.«, meinte ich und schaute fragend zu Adrian. Der sah mich an und nickte stumm, was René aber noch mehr verunsicherte.

»Ihr seid Arschlöcher!«, quietschte René voller Panik, »Ich hab diesen Job gerade mal seit 2 Wochen! Ich darf das nicht verbocken! Mann, Sebastian, ich weiß, dass ich mich wie ein Arschloch benommen habe. Es tut mir Leid, aber ich muss jetzt gehen, sonst feuern die mich. Ich will Jasmin nicht verlieren.«

»Jasmin?«

»Meine Tochter. Meine Exfrau, Conny, interessiert sich einen Scheißdreck um unsere Tochter. Sie meinte, entweder ich nehme die Kleine oder sie steckt sie ins Heim. Wenn es etwas gibt, was mir wichtig ist, dann meine Tochter. Jasmin ist bei mir und meinen Eltern. Nur, wenn ich diesen Job verliere…«

René wurde zappelig, wippte von einem Bein aufs andere. Nur als er den Namen seiner Tochter aussprach, leuchteten seine Augen. Adrian seufzte, kratzte sich am Kopf und drückte den Knopf der Gegensprechfunktion auf dem VoIP-Konferenztelefon.

»Dunk-ääährt!«, quäkte Elriedes Stimme aus dem Lautsprecher.

»Frau Dunkert, wäre es wohl möglich, dass Herr Tichy uns kurz besuchen könnte?«

»Cheeeeeääääääääf!«, hörten wir Elfriede schreien, dann war Stille in der Gegensprechanlage.

»Bitte Leute! Ich hab’ euch wirklich alles über Christorph gesagt.«

Mein schlechtes Gewissen meldete sich. Dachte René wirklich, wir würden ihm seine Existenz vernichten? Ich mochte René immer noch nicht, aber das änderte nichts daran, dass ich nicht wollte, dass er sich mit Angst und Furcht quälte. Jasmin brauchte einen Vater.

In diesem Moment tauchte Tichy auf. René schien plötzlich zu schrumpfen und sah ängstlich zu seinem Chef.

»Herr Seidenwickler, was kann ich für Sie tun?«, fragte Tichy Adrian höflich.

»Ich weiß nicht genau, wie es formulieren soll…«, begann Adrian.

»Sie brauchen mir nichts zu erklären.«

»Vielleicht nicht, aber der Anstand gebietet es. Schließlich ist es Ihre Firma. Sie und nur Sie haben zu entscheiden. Deswegen ist das, worum ich sie bitte auch genau das: Eine Bitte — Ohne Konsequenzen. Ohne Verpflichtungen.«

Tichy nickte. Adrian fuhr fort.

»Herr Simon ist noch in der Probezeit?«

Tichy nickte erneut.

»Ich möchte Sie bitten, ihm einen regulären, unbefristeten Arbeitsvertrag zu geben.«

Tichy lächelte und meinte dann: »Herr Seidenwickler…«

»Adrian!«, unterbrach Adrian.

»Adrian«, korrigierte sich Herr Tichy und lächelte dabei, »Sie erinnern mich stark an Ihren Herrn Vater. Ich werde die Papiere sofort fertig machen. Ab sofort ist die Probezeit von Herrn Simon beendet. Nebenbei bemerkte, ich hatte bereits das gleiche erwägt.«

Sprachs, drehte sich um und wollte gerade gehen, als Adrian fragte: »Sie kannten meinen Vater?«

Tichy drehte sich um und lächelte: »Ja, ich kannte Ihren Vater. Er war ein beeindruckender Mann. Und ich, besser gesagt meine Familie, hat ihm viel zu verdanken. Er hat Kleisterhus vor dem Untergang gerettet, als bereits die Aasgeier über diesen alten Hallen kreisten. Ihr Vater war ein Visionär. Er plante immer strategisch und langfristig. Er hätte Kleisterhus sofort zerschlagen und unser Grundstück verkaufen können. Das hätte einen satten Sondererlös erbracht und alle hätten gesagt, er hätte vernünftig gehandelt. Aber Ihr Vater tat etwas anderes. Er nahm Geld in die Hand, modernisierte unsere Technik und nahm am Anfang auch Verluste in Kauf. Man sagt, dass er sich dafür sehr viel Kritik anhören musste. Aber die Zeit gab ihm Recht. Im dritten Jahr nach der Übernahme schrieben wir Gewinne, im fünften hatten wir die Investitionskosten wieder raus. Inzwischen sind wir einer der führenden Spediteure für Spezialfälle. Ja, Adrian, ihr Vater war etwas sehr Besonderes. Er glaubte an Ideen, Visionen aber insbesondere glaubte er an die Menschen. Und wenn ich sie so vor mir sehe, Adrian, erinnern sie mich wirklich sehr, sehr stark an Ihren Vater. Sie sehen ihm nicht nur unheimlich ähnlich, sie scheinen auch ähnlich zu denken. Ich glaube, ihr Vater wäre stolz auf Sie.«

Und mit diesen Worten ließ Tichy Adrian sprachlos zurück. Ich schaute zu meinem Freund herüber. Adrian war nicht nur sprachlos, er wirkte fast geschockt. Die Erwähnung seines leiblichen Vaters war für ihn eine Überraschung und, so schien es mir, sehr wichtig und bedeutsam.

»Wer bist du?«

Ich hatte René völlig vergessen.

»Adrian Seidenwickler.«, erklärte ich René, doch der zuckte nur mit seinen Schultern. Ich kräuselte meine Stirn, sah mich um und fand sofort, was ich suchte. Auf einem Sideboard lag ein kleiner Stapel Schreibblöcke samt Bleistiften. Auf den Schreibblöcken waren neben dem Firmenlogo von Kleisterhus und Söhne auch noch Telefonnummer, Adresse und unter anderem auch ein Logo der »SM-AG Gruppe« aufgedruckt. Ich zeigte es René: »Kleisterhus gehört Seidenwickler und Melchior.«

»Er ist mein Chef?«, fragte René und zeigte auf Adrian.

Der schüttelte müde seinen Kopf: »Nein, bin ich nicht. Tichy ist dein Chef und übrigens ein sehr guter. Es war seine Entscheidung, deine Probezeit vorzeitig zu beenden. Ich habe nur eine Bitte geäußert, die er, ohne jegliche Begründung, auch hätte ablehnen können. Wenn du jemandem danken willst, dann ihm und dir.«

»Mir?«

»Ja, natürlich! Tichy ist Geschäftsmann. Wenn er nicht denken würde, dass du gute Arbeit leistest, hätte er die Probezeit nicht vorfristig beendet und dich ins reguläre Arbeitsverhältnis übernommen. Also, danke dir selbst und sei ein guter Vater für deine Tochter.«

Ich wollts nicht glauben, aber René hatte glasige Augen: »Danke!«

Wir verabschiedeten uns von René und brachen dann selbst auf, nachdem wir uns unsererseits von Herrn Tichy und Frau Dunkert verabschiedet hatten.

 

 

»Bist du unter die Pfadfinder gegangen?«

Adrian und ich saßen schweigend im Auto und fuhren Richtung Stadtzentrum. Wir waren bereits eine Weile gefahren, ohne dass einer von uns etwas gesagt hätte. Adrian wirkte sehr nachdenklich und auch ein wenig melancholisch. Nach einer Zeit konnte ich die Stille nicht mehr aushalten.

»Wie?«, Adrian schreckte aus seinen Gedanken auf.

»Täglich eine gute Tat?«

»Du meinst wegen deines Cousins? Nein, nicht wirklich. Es war weder eine gute Tat, noch hab ich es deinetwegen getan.«, Adrian wehrte meinen Einspruch ab, bevor ich ihn überhaupt äußern konnte, »Ich weiß, dass du das fragen wolltest. Dafür kenn ich dich inzwischen ganz gut. Ich weiß nicht, warum ich Tichy gefragt habe, Renés Probezeit vorzeitig zu beenden. Vielleicht wollte ich einfach nett sein oder mir tat dein Vetter einfach Leid. Wenn du unbedingt eine Erklärung haben möchtest, dann sagen wir einfach, dass ich es gegen mein schlechtes Gewissen getan habe. Ich hab’ René mit dem Kondom einen mächtigen Schrecken eingejagt. Verdammt!«

Adrian haute mit seinen Hände wütend auf das Lenkrad ein.

»Warum denken so viele Heten immer, wir würden hinter jedem Arsch her sein? Das ist nicht fair! Und ich Idiot missbrauch dieses Vorurteil auch noch zu meinen Gunsten. Shit!«

Adrian knurrte, schüttelte seinen Kopf, als wenn er einen unschönen Gedanken verscheuchen wollte, sagte aber nichts mehr. Dafür lächelte er plötzlich und änderte das Ziel des Navigationssystems. Ich achtete nicht drauf. Adrian schwieg und strahlte zufrieden. Er kurvte durch Hamburg, wobei ich mich wunderte, denn ich war davon ausgegangen, dass wir nach dem Gespräch mit René nach Lübeck zurückfahren würden. Vor der Zieländerung stimmte die Richtung auch noch. Aber Adrian hatte andere Pläne und so sein Navigationssystem. Spätestens, als wir den Glockengießerwall erreichten, war klar, dass wir noch etwas länger in der anderen Hansestadt zubringen würden. Wenn ich dachte, Adrian würde eine Shoppingtour durch die Mönckebergstraße planen, dann hatte ich mich getäuscht. An der Lombardsbrücke bog er rechts ab. Die Straße »An der Alster» führte nicht nur nach St. Georg, sondern auch an der Außenalster entlang. Doch so weit fuhren wir nicht. Stattdessen manövrierte Adrian den Porsche vor die Einfahrt des Hotels Atlantic.

Ich schielte zu Adrian herüber, erntete aber nur einen kurzen Kommentar: »Kein Wort!«, was ich mit einem Schulterzucken quittierte.

Wir stiegen aus, das heißt, Adrian stieg aus, rannte um den Porsche, öffnete mir die Tür und zerrte mich aus dem Wagen. Kaum draußen zog er mich in die Empfangshalle des Hotels. Dabei ging Adrian nicht, sondern lief und ich stolperte hinterher. Hinter der Rezeption stand ein DejaVue. In mir keimten schon Befürchtungen auf, dass Adrian erneut eine Szene wie vor ein paar Tagen in Lübeck abziehen würde, doch da täuschte ich mich.

»Guten Tag die Herren, womit können wir Ihnen dienen?«

»Tja…«, begann Adrian zögernd, »Dies ist mehr oder weniger ein etwas ungeplanter Hamburgaufenthalt, weswegen ich keine Gelegenheit hatte, eine Suite vorzubestellen. Trotzdem… Wäre es möglich die BMW-Suite für diese Nacht zu buchen?«

»Einen Moment bitte, ich sehe kurz nach… Ja, sie haben Glück, die Suite die nächsten zwei Tage verfügbar. Haben die Herren Gepäck?«

»Wie gesagt, es war eine spontane Entscheidung. Wäre es möglich, dass Sie auch unser Hotel in Lübeck informieren, dass wir erst morgen zurückkehren werden.«

»Selbst verständlich. Die Hausdame wird Ihnen Toilettenartikel bereitstellen.«

Ohne zu überlegen legte Adrian seine Black Card sowie seine Autoschlüssel auf den Tresen, »Könnten Sie meinen Wagen parken lassen?«

»Selbstverständlich!«, meinte der Empfangschef, gab ein paar Daten an seinem Computer ein und gab Adrian seine Kreditkarte wieder zurück, »Dies ist nicht notwendig Herr Seidenwickler, sie haben bei uns ein Firmenkonto. Ich benötige nur ihre Unterschrift auf der Anmeldung. Und hier Ihre Codekarte.«

»Danke!«, Adrian lächelte, schnappte sich den elektronischen Zimmerschlüssel, dann meine Hand und rannte mit mir los.

»Wohin willst du?«

»Komm einfach mit!«

Hamburg — Ein Rückspiel

Adrian lief nicht, er rannte und das wie wahnsinnig. Bei den 32 Grad Außentemperatur war die Rennerei eine ausgesprochen schweißtreibende Angelegenheit. Glücklicherweise war Adrians Ziel nicht weit. Wir liefen den Ballindamm bis zum Jungfernstieg entlang. Dort angekommen zog mich Adrian auf die Promenade der Binnenalster. Erst hier begriff ich, wo wir waren. Adrian ließ mich los, ging einen Schritt zurück und strahlte mich an.

»Sebastian?«, Adrian hatte einen deutlich hörbaren Klos im Hals, der ihn selbst überraschte. Seine Stimme klang belegt, leicht gebrochen, fast ein wenig zitterig, als er fort fuhr: »Ich weiß, dass ich nicht Florian bin. Ich weiß, dass es anmaßend ist, dich hier her zu führen. Ich bin in diesem Moment im höchsten Maße selbstsüchtig, denn dieser Ort hat dir und Florian Glück gebracht und ich hoffe, dass er uns ebenfalls Glück bringen wird. Sebastian…«

War es Schweiß oder Tränen in Adrians Augen? Angst vor der eigenen Courage?

»Ich… Nein, warte… Du bist einzigartig. …Scheiße, klingt das kitschig… Du… Ich, ich habe noch nie einen Menschen wie dich getroffen. Du… Dich hat nie mein Geld… Hast mir nie meine Fehler…«, Adrian schüttelte energisch seinen Kopf, schaute auf den Boden vor sich und murmelte leise, »Nein, das ist auch Mist…«

Adrian seufzte leise. Er schien Kraft zu sammeln, denn er atmete tief ein, schaute aber nicht hoch: »Sebastian, ich liebe dich!«

Mein Herzschlag setzte aus.

Hier, an diesem Ort, am gleichen Ort, an dem Florian und ich entdeckten, was uns verband, stand Adrian vor mir und erklärte mir seine Liebe.

Ich war sprachlos. Stumm und perplex starrte ich Adrian an.

Es waren nicht die Worte, die mich aus dem Gleichgewicht brachten. Adrian hatte selbiges schon früher gesagt. Ich übrigens ebenfalls. Aber wenn wir es taten, dann immer in einen, zwar nicht unbedingt scherzhaften, aber doch relativierenden Tonfall. Jeder von uns konnte sich notfalls darauf zurückziehen, es als eine rein freundschaftliche Bemerkung gemeint zu haben. In der Art »Ich liebe dich, Alter!« – wie gesagt: kumpelhaft, freundschaftlich, in gewissen Sinne auch liebevoll, aber letztlich unverbindlich.

Doch die vier Worte, die Adrian eben ausgesprochen hatte, besaßen keine Halteseile, keinen Rettungsanker. Adrian hatte ausgesprochen, was er tief in seinem Inneren fühlte.

»Sebastian, ich liebe dich!«, hörte ich Adrians Worte wie ein Echo im meinem Kopf hallen.

Für Adrian gab es kein zurück mehr. Alles was jetzt folgte, lag in meiner Hand und Adrian wusste es. Niemals wieder würden wir so unbefangen miteinander sprechen, umgehen, sogar schlafen können, wie wir es bisher getan hatten. Adrian hatte mir seine Seele entblößt.

Er hatte es schon einmal getan. Mir fiel eine Frage ein, die Adrian nach unserem Besuch bei Ruth gestellt hatte.

»Hab’ ich überhaupt eine Chance bei dir?«, hatte er gefragt und ich die Antwort verweigert.

Adrian stand mir immer noch gegenüber.

»Es war dumm von mir… Vergiss es…«, stammelte er und war dabei den Tränen nah.

Ich muss mit meinen Gedanken an völlig anderem Ort gewesen sein und Adrian ausdruckslos angestarrt haben. Erst seine Worte holten mich zurück in die Wirklichkeit.

Mein Herz setzte wieder einen Schlag lang aus. Nein, Adrian weine nicht! Ich…

Ich…

Adrian – Florian

Ich…

Adrian stand zwei Schritte vor mir. Zwei lächerliche Schritte. Ich sah ihn an. Ich sah seinen gesenkten Blick, die Tränen, die seine Wangen herunterliefen, er zitterte.

Ich zitterte. Was hielt mich zurück? Warum fühlte ich mich wie gelähmt. Mir fiel Mathias ein. Mathias hatte mich geliebt, doch ich war nicht in der Lage seine Liebe zu erwidern. Er gab auf. Frustriert gab er auf und meinte, ich würde eine Mauer um mich aufbauen. Er hatte Recht. Er hatte so absolut Recht gehabt. Ich wollte niemand an mich heranlassen. Ich wollte nie wieder jemanden aufgeben müssen, weil ich ihn liebte.

Ich sah Adrian an. Doch es war nicht Adrian, den ich sah. Für einen Moment sah ich Florian, wie er mich anlächelte, nein, anstrahlte. Seine Lippen formten Worte und, obwohl sie lautlos waren, konnte ich ihn hören: »Verdammt, du liebst ihn doch auch! Lass ihn nicht gehen! Ich bin tot, Staub, Asche! Adrian lebt. Sebastian, gib dir und ihm eine Chance! Los du Arsch – Geh!«

Und ich ging. Nein, ich ging nicht, ich sprang auf Adrian zu, packte sein Gesicht mit beiden Händen und zog es zu mir heran. Meine Lippen trafen seine Lippen und ich küsste ihn, leidenschaftlich, wild, unbändig. Nicht nur Adrian liefen die Tränen übers Gesicht auch ich heulte wie ein Baby. Meine Augen hatten alle Schleusentore geöffnet. Ich heulte und küsste gleichzeitig.

»Danke!«, flennte ich, »Danke! Danke! Danke!«

Ich schlug meine Arme um Adrian und Adrian seine um mich. Wir hielten uns so eng und fest, wie wir nur konnten. Niemals wieder loslassen.

Verschnieft und mit einem schiefen Lächeln auf den Lippen, fragte Adrian: »Danke? Was ist das den für eine Antwort!«

Ich musste grinsen, was bei meinem verheulten Gesicht wahrscheinlich ziemlich blöd aussah: »Danke, dass du mich vor mir gerettet hast! Verdammt, ja, ich liebe dich! Adrian! Scheiße, du machst aus mir ein emotionales Wrack! Eine flennende Schwuppe! Danke!«

Ich zog ihn wieder an mich heran. Ganz dicht, die Wangen aneinander gedrückt hielten wir uns. Leise flüsterte ich Adrian in sein Ohr: »Lass mich nie wieder los, bitte, halte mich!«

Und Adrian: »Immer und ewig!«

 

 

Ich weiß nicht, wie lange wir so bei zwischenzeitlich 33 Grad mitten auf der Promenade der Binnenalster gestanden haben. Ich weiß ebenfalls nicht, wie viele Passanten uns befremdet angestarrt haben. Für eine kleine Ewigkeit gab es nur uns.

»Könnt ihr Typen eure Abartigkeiten nicht wenigstens zu Hause machen?«

Eine unfreundliche Bemerkung riss uns aus unserem Wolkenkuckucksheim heraus. Der Typ, vermutlich um die 25 Jahre alt, sah eigentlich ganz sympathisch aus. Nur sein Gesicht drückte Ekel aus. Ich entschied mich, mich nicht beleidigt zu fühlen. Nein, dieser Typ würde uns diesen Moment höchstens Glücks nicht kaputt machen.

Ich sah ihn freundlich an und sagte: »Du tust mir Leid, wenn du Liebe abartig findest.«

Danach ließ ich ihn stehen, nahm Adrian in den Arm und ging mit ihm weg.

 

 

Die Welt war plötzlich so völlig anders. Strahlender, farbiger, klarer. Liebe scheint eine Droge zu sein. Wir brauchten uns nur anzusehen und schon grinsten wir uns blödsinnig-debil an. Der Nachmittag verging wie im Flug. Noch auf der Promenade kauften wir uns Softeis in der Tüte, mit dem wir uns hoffnungslos bekleckerten. Softeis bei 33 Grad sollte verboten werden. Adrian besorgte eine Mineralwasserflasche mit der wir uns die klebrigen Reste des Eises von Fingern und Mündern wuschen, was recht lustig war, da das Wasser stark mit CO2 versetzt war.

»Meine Klamotten sind nass und stinken. Deine übrigens auch.«, meinte Adrian sehr treffend.

Wir verließen die Binnenalster und kehrten wieder nach St. Georg zurück und unternahmen im schwulen Viertel des Stadtteils eine kleine Shoppingtour. Mit der Zeit hatte sich der Schweiß in unserer Kleidung dermaßen zersetzt, dass Klassifizierung als »stinkend« noch geschmeichelt war. Neue Kleidung war absolut notwendig, um weiterhin gesellschaftsfähig zu bleiben.

Bevor wir den ersten Laden betraten, stoppte mich Adrian. Er stellte sich in den Eingang des Ladens und ließ mich nicht durch. Er legte sogar seine rechte Handfläche auf meine Brust uns sagte: »Ich bezahle! Keine Widerrede!«

Dieses Thema würde noch lustig werden. Da war ich mir sicher. Aber im Moment war ich zu glücklich, um zu protestieren. Ich atmete nur sehr tief ein und laut wieder aus und meinte müde: »Ok!«

Eine Stunde später hatten wir genug Klamotten für die nächsten Tage zusammen. Aus Prinzip hatte ich, trotz Adrians Protest, zwei T-Shirts gekauft und ihn gezwungen seins sofort anzuziehen. Auf der Brust stand: »2qt2bstr8«.

Nach ein paar weiteren erfolgreichen und erschöpfenden Beutezügen durch verschiedene Läden vom DVD- bis zum schwulen Sexshop, brachten wir unser Tagwerk ins Hotel. Es war Abend geworden und mit dem Abend bemerkten wir, dass wir hungrig wurden. Nach der Hitze des Tages entschieden wir, dass eine intensive Dusche angebracht wäre, um den Mief und Schweiß von uns abzuspülen.

Wir duschten gemeinsam, etwas, das wir noch nie gemacht hatten. Obwohl Adrian und ich schon mehrfach intensiven Sex miteinander gehabt hatten, waren wir nie auf die Idee gekommen, miteinander unter die Dusche zu gehen.

Es war faszinierend. Ich hätte nie gedacht, dass ich dermaßen romantisch veranlagt war, aber es machte einfach Spaß Adrian einzuseifen, mit Schwamm, Seife und Lappen über seinen Körper zu streichen, oder eng umschlungen unter der Brause zu stehen und das Wasser über uns laufen zu lassen. Es war eine völlig neue sinnliche Erfahrung.

Oder? Nein, sie war nicht neu. Es war etwas, eine Form von tiefster Intimität, die ich zuletzt mit Florian erlebt hatte. Erst jetzt, mit Adrian unter Dusche, gehalten von seinen starken Armen, begriff ich, was ich all die Jahre aufgegeben hatte. Wie jämmerlich mein Liebesleben, trotz Sex, all die Jahre gewesen war. Die Erkenntnis ließ meine Knie weich werden, doch Adrian reagierte sofort, fing mich auf, nahm mein Gesicht in seine Hände und küsste mich.

»Ich liebe dich, Adrian!«, nie hatte ich diese Worte so ernst gemeint, wie in jenem Moment.

 

 

Adrian konnte ein hoffnungsloser Romantiker sein. Nachdem wir uns abgetrocknet, mit Deodorant (Das Hotel hatte die exakt gleiche Marke bereitgestellt, welche wir sonst benutzten, sich aber in Lübeck befanden) eingenebelt und unsere neue Kleidung angelegt hatten, geleitete mich Adrian ins Hotelrestaurant.

Ich war sprachlos. Vom Oberkellner wurden wir an einen prachtvoll geschmückten Tisch geführt. Silberne Kerzenhalter mit eleganten langen weißen Kerzen, nach modernsten Designs gestaltete Blumengebinde zierte den Tisch.

»Was?«, war alles, was ich fragen konnte.

Adrian lächelte und meinte: »Ich dachte, wir sollten feiern. Sebastian, wir sind zusammen! Ich meine das absolut ernst. Ich war noch nie so glücklich, wie in diesem Augenblick. Ich weiß, dass wir sehr unterschiedliche Persönlichkeiten sind und noch eine Menge Stolpersteine auf unserem Weg liegen werden, aber das ist mir egal. All die Jahre dachte ich, ich würde dich kennen. Aber ich habe mich getäuscht. Erst die Tage mit dir in Lübeck haben mir den wahren Sebastian offenbart. Und ich verehre ihn! Die Geschichten, die du von dir erzählt hast, die Art, wie du mit deinen alten Freunden umgehst, selbst, wie du mit Christian um seine Freundschaft gekämpft hast, das war einfach unbeschreiblich. Du bist ein phantastischer Mensch. Du hast mich verzaubert, dabei bin ich noch nicht mal sicher, dass ich dich überhaupt verdient habe.«

Bei den letzten Worten schlich sich eine Traurigkeit in Adrians Stimme ein, die mir wehtat. Es schmerzte zu hören und zu sehen, wie unsicher Adrian sich selbst gegenüber war. Wir hatten uns noch nicht gesetzt und standen unbeholfen neben unseren Stühlen. Manche der anderen anwesenden Hotel- und Restaurantgäste bedachten uns mit befremdeten Blicken, doch wir ignorierten sie. Wir befanden uns in unserer eigenen Welt.

»Ich glaube, wir sollten uns besser setzen.«, ich zeigte auf die Stühle an unserem Tisch. Adrian nickte gedankenversunken und setzte sich, wie in Trance. Ein Ober servierte uns einen Aperitif und ein Amuse gueule, den »Gruß aus der Küche«. Kleine Brandteigkugeln, die mit einer Lachscremepaste gefüllt waren.

»Es ist nicht wahr!«, ich hatte mein Amuse guele noch nicht angerührt. Stattdessen hatte ich über Adrians letzte Bemerkung nachgedacht, »Es ist nicht wahr, dass du mich nicht verdient hast. Abgesehen davon, dass ich es hasse. in derartigen Kategorien zu denken, wüsste ich niemanden anderen, den ich mehr liebe und dem ich mehr vertraue als dir. All die Jahre hast du mich immer wieder aufgebaut, wenn ich mal wieder fertig war. Wer war da, als ich mich von Thorsten, dem Arschloch, getrennt hatte? Du! Aber das ist alles irrelevant und nichts im Vergleich zu dem, was du für mich während der ganzen Geschichte um Florians Ermordung getan hast. Adrian«, meine Stimme nahm einen flehenden Ton an, »ohne dich hätte ich das niemals durchgestanden! Also, hör auf dich zu fragen, ob du mich verdient hättest! Ich liebe dich, so wie du bist und ich bin glücklich, mehr als glücklich, dass du mich liebst, dass du um meine Liebe gekämpft hast und mich aus den Fesseln meiner Vergangenheit befreit hast.«

Ich langte über den Tisch, griff Adrians Hände und nahm sie in meine: »Danke! Ich liebe dich!«

Unbeeindruckt von der Umgebung und den anderen Gästen, führt Adrian meine Hände zu seinem Mund und küsste sie. Er strahlte mich an: »Ich liebe dich mehr!«

Das Essen war einer jenen surrealen Momente, in denen sich Glück, Freude und ein Hauch Melancholie zu einem emotionalen Sturm vereinten. Oder anders ausgedrückt, es war wunderschön. Das Essen, die Umgebung, aber insbesondere Adrian.

Nachdem wir unser Dessert gegessen hatten, grinste ich Adrian unverhohlen lustvoll an. Adrian sah und grinste zurück. Ohne weitere Worte miteinander zu wechseln, standen wir auf, verließen das Restaurant und gingen auf unsere Suite.

Adrian fliegt

»Was?«, ich hockte, angezogen, auf unserem Bett und wunderte mich über Adrian. Der liebe Kerl hatte einen süßen versonnenen Ausdruck in seinen Augen.

»Ich dachte gerade an Sex.«, meinte Adrian und strich sich verlegen mit seinem Handrücken über sein Kinn.

»Ich auch…«, gestand ich und stellte das Gleitgel, das ich am Nachmittag während unserer Shoppingtour erstanden hatte, auf den Nachttisch.

Adrian ließ seinen Kopf von einer Schulter über seinen Nacken zur anderen rollen, schaute mich an und sah unendlich glücklich aus. Ich krabbelte zum Rand des Bettes, schnappte Adrian an seinen Handgelenken und zog ihn zu mir aufs Bett. Adrians Widerstand war nur symbolisch. Er ließ sich zu mir aufs Bett ziehen. Meine Hände glitten unter sein Shirt, strichen über seinen Bauch, seine Brust. Ich fühlte Adrians Brustwarzen, kniff leicht in sie hinein und erntete ein lustvolles Gurren von Adrian. Ich zog Adrian das Shirt ganz aus, entledigte mich blitzartig meines eigenen und umarmte Adrian. Unsere nackten, heißen Oberkörper berührten sich. Adrian atmete tief. Meine Hände glitten über seinen Rücken. Mein Gott, ich konnte einfach nicht genug von diesem Menschen bekommen. Der Hautkontakt war einfach berauschend. Unsere Wangen berührten sich, Seite an Seite.

»Adrian, ich will dich in mir haben!«, flüsterte ich Adrian ins Ohr.

Adrian brach den Wangenkontakt und sah mir extrem verliebt in die Augen. Ich hätte in diesem Blick versinken können, doch Adrian beendete den Blickkontakt in dem er mich küsste, zuerst ganz sanft, dann lustvoll. Unsere Lippen öffneten sich, Adrians Zunge begehrte Einlass, den ich Willkommendermassen gewährte. Dass Adrian küssen konnte, wusste ich, doch wie er mich jetzt küsste, war überirdisch, atemberaubend.

Wir entledigten uns unserer restlichen Kleidung. Ich weiß nicht, wann ich Adrian das letzte Mal, wenn überhaupt, so ausgiebig betrachtet hatte. Er war elegant gebaut, kein Muskelberg, aber auch kein Hungerhaken. Adrian war schlank, gut proportioniert und leicht muskulös. Ich ließ meine Hand über die Linien seines Körpers gleiten, fühlte die Wellen seiner Bauchmuskeln, die Kurven seiner Brust.

Adrian übernahm erneut die Initiative. Er zog mich zu sich heran, umarmte mich, küsste mich wild und tief. Noch während er mich küsste, spürte ich, wie er mit einem Finger in mich eindrang. Gleichzeitig verteilte er das silikonbasierte Gleitgel. Dabei war ging er derart einfühlsam vor, dass ich mich nicht einmal verkrampfte. Ein Finger nach dem anderen flutschte in meinen verlängerten Rücken. Ich stöhnte. Adrians Finger vollführten die reinste Magie.

»Bereit?«

Ich antwortete mit einem lustvollen Kuss, während Adrian mit erstaunlicher Gelenkigkeit und Körperkoordinierungsfähigkeit antwortete. Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, manövrierte sich Adrian halb unter mich und hob mich mit seinen Leisten und Oberschenkeln leicht an. Plötzlich lief ein Schauer durch meinen Körper. Seine Eichel drückte gegen meinen Schließmuskel und verlangte Einlass. Ich war mehr als willig ihm diesen zu gewähren. Kein Schmerz, kein Krampf, Adrians Schwanz glitt in mich hinein und füllte mich aus. Mir entwich ein tiefer Grunzlaut. Adrian strahlte.

»Mehr Action?«, fragte er.

Ich nickte und ab ging die Post. Adrian war fantastisch. Es war nicht nur das Gefühl, ihn vollkommen in mir zu spüren, ihn quasi zum Teil meines Körpers zu machen, es war die Art, wie Adrian gewillt war, mit mir eins zu werden, mir unendliche Lust zu bereiten und – egal wie kitschig es klingen mag – mir seine ganze, uneingeschränkte Liebe zu geben. Wir hatten schon häufiger miteinander gefickt. Es war immer befriedigend, lustvoll, manchmal sogar tierisch wild. Doch was Adrian in diesem Moment mit mir machte, war vollkommen anders. Es war kein Fick. Es war kein geiles aber hirnloses Rammeln. Es ging weit darüber hinaus. Adrian stieß kraftvoll zu, möglicherweise sogar stärker als je zuvor. Aber die Intention war eine andere. Adrian konzentrierte sich auf mich. Sein granithartes Fortpflanzungsorgan wollte mich über die Kante bringen, und mit seiner aktuellen Amplitude, Frequenz, Azimut und Deklination war er kurz davor, sein Ziel zu erreichen.

Ich spürte den «point of no return« näher kommen. Zielsicher wie eine Lenkrakete traf Adrian meinen Hot-Spot, meine Prostata. Es war soweit. In meinen Kopf zündeten Hunderte, nein Tausende Sylvesterraketen, mein Schließmuskel zog sich zusammen, ich verkrampfte mich, wurde steif, mein eigener Schwanz zuckte, klopfte wild auf Adrians Bauch umher.

Ich stöhnte laut auf – Und die Welt samt meinem Schwanz explodierte.

Die Kontraktionen meines Körpers, insbesondere meines Schließmuskels jagten Adrian ebenfalls über die Klippe. Sein Schwanz zuckte, wuchs zu seiner absoluten Maximalgröße an und begann sich, pulsweise unter massiven Eruptionen zu entladen. Völlig erschöpft, brach ich über Adrian zusammen, landete auf seiner Brust und nickte sofort ein.


 

Nach etlichen Minuten wachte ich auf. Adrian schien ebenfalls eingeschlafen zu sein, denn er schaute mich zwar glücklich, aber sehr verschlafen an. Adrian Schwanz war erschlafft, steckte aber immer noch in mir. Ich liebte dieses Gefühl dieser intensiven Nähe. Wir küssten uns, leicht und verspielt. Dabei merkte ich, wo meine Entladung gelandet war. Adrians Brust, Hals und Kinn war etwas klebrig. Was aber nicht weiter störte, denn kaum, dass wir mit der spielerischen Küsserei angefangen hatten, schwollen unsere Schwänze erneut zur vollen Größe an. Praktisch, dass sich Adrians Exemplar bereits am richtigen Ort befand.

Die nächsten Stunden wurden zu einem Wechselspiel aus Lust, Sex, Erschöpfung, innerem Frieden und intensivster Liebe. Ausgepowert und vollkommen ausgelaugt schliefen wir in den frühen Morgenstunden eng aneinandergekuschelt und unendlich glücklich ein.

Wenn man mich früher, bevor wir uns gegenseitig eingestanden hatten, dass wir uns in der Tat liebten, gefragt hätte, wie der Sex mit Adrian so sei, dann hätte meine Antwort gelautet: »Nett.« oder vielleicht auch »Geil!« Mehr aber nicht.

Nach jener Nacht hatte sich alles geändert. Sex mit Adrian war bisher eine Veranstaltung mit gerichteter Funktion gewesen. Wenn Adrian und ich miteinander Sex hatten, stand die Lustbefriedigung im Vordergrund. Verstand ausschalten und Geilheit abreagieren, das war’s.

Aber jetzt nicht mehr. Ich hatte fast den Eindruck, dass wir immer versucht hatten, möglichst keine Gefühle, die irgendwie in Richtung Liebe gingen, bei unserer Körperakrobatik aufkommen zu lassen. Wahrscheinlich war es genau das. Jeder von uns, Adrian genau so sehr wie ich, hatte Angst gehabt, sich möglicherweise in den anderen zu verlieben und verhielt sich entsprechend zurückhaltend. Man könnte es auch weniger kopflastig ausdrücken. Wir waren mit dem Schwanz bei der Sache, aber nicht mit dem Herzen.

Doch in der vergangenen Nacht war beides zusammengekommen. Wir liebten uns körperlich. Möglicherweise war unser Treiben nicht ganz so wild wie sonst gewesen, obwohl ich das fast bezweifeln würde, doch war wesentlich mehr Gefühl bei der Sache. Wenn ich den Unterschied beschreiben sollte, dann würde ich sagen, dass ich früher Adrian eher als ein lebendes Sextoy verwendet hatte. Ein Dildo mit Intelligenz. Gleiches galt für Adrian, wenn ich die aktive Rolle übernahm. Jetzt hingegen wollte ich Adrian als ganzes, sein Wesen, seine Liebe zu mir aufsaugen und so eng und innig mit ihm verschmelzen, wie es eben nur ging. Ihn in mir zu fühlen gewann damit eine völlig andere Bedeutung. Es wurde zur ultimativsten Form ihm Nahe sein zu können. Und mit diesem Gefühl von Nähe gewann der Akt unendlich an Sinnlichkeit, als wenn seine Liebe wirklich in mich hineinfließen würde. Nie zuvor hatte ich bei einem Orgasmus geweint, diesmal heulte ich vor Glück.

 

 

Als wir kurz vor Mittag aufwachten, bestellten wir Frühstück aufs Zimmer und verlängerten unseren Aufenthalt um einen weiteren Tag. Zwischen Brötchen, O-Saft (frisch gepresst), Käse, Marmelade und Kaffee, sprach ich Adrian auf meine Empfindungen an. Er lächelte glücklich und meinte, er würde jetzt den Unterschied zwischen Sex und Liebe wirklich verstehen. Er hätte niemals gedacht, dass es dermaßen befriedigend sein zu geben, statt nur zu nehmen.

»Wie meinst du das?«, fragte ich.

»Du hast es selbst erklärt, als erzählt hast, wie ihr Jens und Sören den Unterschied zwischen Sex und Sex erklärt habt.«, meinte Adrian und zeigte diesen seligen Nachglüheffekt, der manche Menschen umgibt, wenn sie intensive und erfüllende Liebe praktiziert haben, »Ich wollte es erst nicht glauben, aber es funktioniert. Ich habe mich auf dich konzentriert, ich wollte dich glücklich machen. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass die ganze Energie verstärkt zurückkommen würde. Wow! Wenn ich an letzte Nacht denke, wird mir immer noch ganz warm.«

Natürlich küssten wir uns während des Frühstücks. Nichts Ernsthaftes, mehr ein paar verspielte Küsse. Der Rest des Tages verlief wie in Trance. Die hormonelle Verzückung muss mir die Sinne vernebelt haben, denn im Rückblick sehe ich den Tag nur mit Sterneffektfilter und Weichzeichner. Ich kann mich noch daran erinnern, dass uns Adrian bei einem Juwelier zwei Ringe aus Platin mit Gold kaufte. Zwei Ringe übrigens, die wir immer noch mit Stolz tragen und die uns jeden Tag wieder an unsere enge Verbundenheit erinnern. Es mag albern oder sentimental klingen, aber in Zeiten in denen ich von Adrian getrennt bin, etwa wegen einer Geschäftsreise, und mich einsam fühle, brauch ich nur auf meinen Ring sehen und die Einsamkeit vergeht. In ganz einsamen Stunden, in einer anderen Stadt alleine im Hotelzimmer, schließe ich meine Augen, denke an Adrian und geben meinen – unserem – Ring einen Kuss und weiß, dass Adrian bei mir ist.

In der nächsten Nacht hatten wir natürlich ebenfalls Sex, allerdings weniger wild, eher spielerisch. Wir schliefen auch sofort ein und wachten erst am nächsten Morgen erholt und frisch auf. Unmittelbar bevor wir zum Frühstück gehen wollten, klingelte Adrians Handy. Schon während er auf das Display schaute verdunkelte sich seine Miene.

»Shit, dass kann dauern.«, knurrte er und sah mich müde an, »Geh’ schon mal vor.«

Ich ging vor, dass heißt ich ging in den Frühstücksraum und genehmigte mir ein ordentliches Frühstück. Adrian kam nicht. Ich legte mit Müsli nach. Adrian war immer noch nicht da. Ich wollte schon wieder aufs Zimmer gehen, als er sichtlich angefressen den Raum betrat. Knurrend ließ er sich auf einen freien Stuhl an unserem Tischen fallen.

»Ich muss nach Hause. In zwei Stunden geht mein Flieger ab Hamburg-Fuhlsbüttel. Das Arschloch von meinem Stiefvater macht mal wieder Ärger.«

Ich packte Adrians Hände und drückte sie: »Hey, lass dich von ihm nicht unterkriegen! Oder soll ich besser mit dir kommen?«

Adrian schüttelte den Kopf: »Nein, bitte, fahr lieber wieder nach Lübeck. Versteh das nicht falsch. Ich liebe dich und würde für dich und mit dir durch die Hölle gehen. Aber im Moment wäre unsere Beziehung eine offene Flanke, die ich mir nicht leisten kann. Sebastian, das ist mir sehr wichtig, dass du das verstehst. Ich werde dich niemals verleugnen! Sollte das Thema aufkommen, werde ich meiner Mutter oder meinen Stiefvater sagen, dass du derjenige bist, denn ich liebe und mit dem ich alles, was ich habe, teilen will. Es ist nur so, dass ich im Moment keine schlafenden Hunde wecken will. Ich habe eine ungefähre Vorstellung davon, was Hilmar über dich sagen wird und glaub mir, es wird dir nicht gefallen. Um dir eine Idee von ihm zu geben: , geldgeiler Schmarotzer’  wird noch der freundlichste Titel für dich sein.«

»Adrian, ich liebe dich!«, war die einzige und recht einfältige Bemerkung, die mir zu Adrians Enthüllung einfiel(sic!). Er wollte alles was er besaß mit mir teilen? Er würde zu mir und unserer Beziehung stehen? Mir wurde mulmig. So langsam ahnte ich, welche Konsequenzen auf uns und insbesondere auf mich zukamen, »Du brauchst das alles nicht zu tun. Ich will nicht, dass du Stress mit deiner Mutter oder Hilmar bekommst. Nicht meinetwegen.«

Adrian gab mir einen halb dankbaren und einen halb traurigen Blick. Plötzlich lächelte er und meinte: »Wenn Stress, dann nur deinetwegen. Für dich würde ich jede Konfrontation auf mich nehmen.«

Der Rest des Frühstücks verlief schweigend. Man konnte sehen, wie es in Adrian arbeitete. Völlig in Gedanken bestrich er sich sein Brötchen zweimal mit Butter. Eine Scheibe Schwarzbrot belegte erst mit Schinken, um dann noch eine Scheibe Käse drauf zu legen. Beim ersten Bissen schaute er das Brot irritiert an, schien aber nicht zu realisieren, was verkehrt war.

»Entspann dich! Es macht keinen Sinn, wenn du dich jetzt schon verrückt machst.«, versuchte ich Adrian zu helfen, »Worum geht es überhaupt?«

»Wenn ich das wüsste, wäre ich ruhiger. Wenn ich alles richtig verstanden habe, ist die Geschichte mit der Softwareumstellung immer noch nicht vom Tisch. Hilmar besteht darauf, dass ich dem Vorstand für meine Expertise Rede und Antwort stehe, dabei werden vermutlich seine eigenen Leute versuchen, meine Analysen als unreif und meine Schlussfolgerungen als inkompetent darzustellen. Der Typ ist sowas von einem Arsch. Als Finanzchef sollte er doch wissen, dass sein System nicht nur schlecht ist, sondern auch unverschämt teuer. Ein Beispiel: wir haben ein vorzügliches Datenbanksystem. Sein System ist aber nur für ein anderes, durchaus ebenfalls sehr gutes, zertifiziert. Wir würden also unser altes System wegschmeißen, um anschließend für eine horrende Lizenzgebühr ein funktional identisches Datenbanksystem zu kaufen. Macht irgendwie keinen Sinn. Man könnte das Geld auch gleich verschenken.«

Adrian schüttelte seinen Kopf: »Genug davon! Ich muss packen!«

Wir gingen auf unser Zimmer, schmusten, packten und checkten aus. Der Porsche war in der Vorfahrt des Hotels bereitgestellt worden und unser Gepäck, welches eigentlich nur aus unseren Neuerwerbungen bestand, von einem Pagen verstaut worden. Jeder bekam sein Trinkgeld.

»Du fährst!«, meinte Adrian und warf mir den Schlüssel zu. Wir stiegen ein, Adrian gab das Ziel ein – Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel und los ging’s.

»Du weißt, wie du Ziele eingeben kannst?«

»Ja, das hast du mir schon mal gezeigt. Nicht, dass ich es von Hamburg nach Lübeck bräuchte, aber man weiß ja nie.«

»Gut, ich muss dich noch beim Wachschutz anmelden.«, Adrian wählte eine Telefonnummer auf seinem Navisystem aus und griff zum Hörer, »Adrian Seidenwickler, das Codewort lautet ,Gießkanne’ . Der Wagen wird bis auf weiteres von Sebastian Simon gefahren. Überfalltest in den nächsten fünf Minuten, danke!«

»Was war den das?«, fragte ich.

»Du weißt doch, dass ich einmal entführt worden bin.«

»Ja…«

»Nun, damit das keinem Familienmitglied oder höheren Angestellten jemals wieder passiert, besitzen alle Autos eine Anbindung an eine Unfall- und Überfallzentrale. Ein Unfall wird vom Navisystem automatisch erkannt und an die Zentrale gemeldet. Alternativ brauchst du auch nur 5-mal die 5 eingeben und Ok drücken. Sollte man allerdings auf die Idee kommen, dich in diesem Auto überfallen oder entführen zu wollen, dann kannst du einen stillen Alarm auslösen. Bei einem stillen Alarm wird sofort dein Standort an die Sicherheitszentrale weitergeleitet. Außerdem wird die Freisprecheinrichtung als Innenraumüberwachung aktiviert. Alles was dann im Auto gesprochen wird, wird von den Sicherheitsleuten mitgehört und auch aufgezeichnet.«

»Ist das nicht ein wenig übertrieben?«

»Mag sein, aber meine Mutter besteht darauf.«

»Nur, damit ich nichts falsch mache und aus Versehen…«

»Drück dein linkes Knie ganz links von unten ins Armaturenbrett. Da ist eine fühlbare Tastfläche. Wir müssen das jetzt sowieso testen.«, meinte Adrian.

Tipptronic sei dank brauchte ich keine Kupplung und konnte mit meinem Knie die Unterseite der Instrumententafel abtasten. Und wie Adrian gesagt hatte, befand sich ganz links außen eine Tastfläche.

»Die soll ich jetzt drücken?«, fragte ich nach.

»Yap, der Wachschutz wartet auf den Test.«

Ich drückte und nichts passierte. Halt ein stiller Alarm. Erst nach 30 Sekunden klingelte das Autoradiotelefon und Adrian ging ran: »Gießkanne. Ja, danke.«

»Krass!«, meinte ich und konzentrierte mich wieder auf den dichten Hamburger Verkehr.

Lose Enden und ein paar Telefonate

Die Suite in unserem Lübecker Hotel wirkte leer und einsam. Adrian fehlte mir. Die letzten Tage waren wir ständig zusammen gewesen. Ich schien mich recht schnell an seine Nähe gewöhnt zu haben. Ich hatte Adrian am Flughafen abgesetzt und war anschließend gleich zurück nach Lübeck gefahren. Der Portier gab mir zwei Nachrichten, die während meiner Abwesenheit für mich abgegeben worden waren. Eine war von Christian, der mich zum Essen einladen wollte. Wie er schrieb »als Entschuldigung für vergeudete Jahre«. Ich freute mich, vielleicht gibt es doch noch so etwas wie eine 2. Chance für Freundschaft.

Die zweite Nachricht stammte von Oliver, der neue Informationen zu Sören hatte. Kaum hatte ich diese Nachricht gelesen, lief es mir heiß den Nacken runter. Sören! Ich hatte völlig vergessen, dass er immer noch als mutmaßlicher Täter für den Mord an Doris in U-Haft saß. Nur, warum hatte weder Olli noch Christian mich einfach auf meinem Handy angerufen? Ich angelte das fipsige Kommunikationsgerät aus meiner Hosentasche und siehe da, es war aus. Akku leer. Das kommt davon, dass man die Viecher so selten aufladen muss, irgendwann vergisst man es.

Als erstes rief ich in Christians Laden an. Es meldete sich Jan, der Automobilverkäufer mit dem Adrian geflirtet hatte. Er erklärte mir, dass Christian einen Kundentermin hätte, aber gegen 17:00 Uhr zurück sein sollte. Auf jeden Fall würde er eine Nachricht hinterlassen, dass ich angerufen hatte.

Als nächstes rief ich Olli an, der sich auch sofort meldete.

»Sebastian, wo hast du denn gesteckt? Ich versuch dich seit 2 Tagen zu erreichen!«

»Und warum hast du mich nicht auf meinem Handy angerufen?«

»Weil der Akku leer war!«, knurrte ich ins Telefon, »Was gibt es neues von Doris und Sören?«

»Nicht viel.«, begann Olli und gab einen kurzen Statusbericht ab. Das Meiste, was Olli erfahren hatte, deckte sich mit meinen Vermutungen. Manche Informationen waren hingegen neu. Doris wurde mit einer Handharke, so wie man sie für die Grabpflege verwendet, am Hinterkopf getroffen. Die Verletzung war schwer, aber nicht tödlich, jedenfalls nicht sofort. Auf jeden Fall war sie schwer genug, dass Doris die Besinnung verlor und vornüber in ein Brunnenbecken gefallen war. Dort war sie schließlich ertrunken. Die Polizei hielt immer noch Sören für den Täter, da die Wasser- und Blutflecken auf seiner Kleidung von dem Brunnen und von Doris stammten. Sören hingegen beteuerte ständig, dass er Doris im Becken liegend vorgefunden hatte und sie retten wollte. Aber sie war bereits tot. Vor Schreck habe er sie wieder fallen gelassen und sei weggerannt.

»Hm, ist das für eine Haftfortdauer nicht etwas dünn?«, fragte ich Olli.

»Wenn es alles wäre ja. Aber Sören soll ein Motiv gehabt haben.«, Olli klang triumphierend, »Ich hatte doch erzählt, dass der Staatsanwalt ein Schulfreund meines Vaters ist. Dieser Freund hat ein wenig aus dem Nähkästchen geplaudert. Offensichtlich war Doris nicht nur eine veganische Lesbe, sondern auch eine Erpresserin. Du wirst es kaum glauben, aber sie scheint Sören erpresst zu haben. Und jetzt halte dich fest, es ging um Flip!«

Die Warnung war notwendig. Kaum hörte ich Flips Namen wurde mir schwummerig vor meinen Augen.

»Flip?«, hauchte ich fast unhörbar ins Telefon.

»Ja…«, Olli zögerte, »Geht es dir gut?«

»Ja, ich denke schon. Weißt du, worum es bei der Sache ging?«

»Nein, leider nicht. Die Ermittlungen laufen noch, deswegen sagen die auch nichts.«

Bei der nächsten Frage war ich es, der zögerte: »Olli… wie geht es… deiner Mutter… Wie geht es Antje?«

Olli atmete tief ein und wieder aus. Ich hörte die Luft scharf im Telefonhörer zischen: »Nicht gut. Sie erhält Psychopharmaka. Zuerst hat sie noch von Florian gesprochen. Eigentlich hat sie nur immer und immer, Mein Baby’  und, Alles wird gut’  wiederholt. Inzwischen scheint sie aber völlig in sich gekehrt zu sein. Seit gestern ist sie vollkommen katatonisch.«

»Mein Gott!«, ich kannte diese Frau und ich kannte sie ausschließlich als reines Energiebündel, »Aber was… Was macht ihr jetzt?«

»Hoffen! Hoffen, dass sie sich irgendwann aus ihrer selbstgewählten Isolation wieder befreien kann.«

Wir beendeten unser Gespräch. Was bedeutete das alles? Wo standen wir? Was wussten wir? Doris? Sören? Antje? Christian? Christorph? Christorph!

Ich schnappte mir das Telefon, rief die Auskunft an und ließ mir dir Nummer von Christorph Messer, Kiel, geben. Mit dir, mein Freund habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen!

Ich wählte die Vorwahl von Kiel, prügelte die Ziffern von Christorphs Nummer in die Tastatur und wartete. Das Freizeichen erklang.

»Messer!«, kam es schnittig.

»Sebastian!«, Christorph sollte ruhig spüren, dass ich sauer war.

»Was willst du?«, Christorph klang sofort gepestet. Gut so.

»Du hast Florian und mich geoutet. Du warst es, der den Trojaner auf Flos Rechner installiert hat.«

Christoph lachte: «Ich bin beeindruckt. Wie viele Jahre hat es gebraucht, bis du es herausbekommen hast? Fünf? Sechs?«

»Das ist alles, was du zu sagen hast?«

»Ja.«, entgegnete Christorph staubtrocken, »Aber mich würde interessieren, wer es dir erzählt hat?«

»René«

»Ahh, dein Cousin, ich erinnere mich.«, Christorphs Stimme klang amüsiert, »Stimmt, wir haben uns im Verein kennen gelernt. Er hat mich erst auf die Idee gebracht.«

»Warum?«, ich war definitiv nicht in der Stimmung in alten Erinnerungen zu schwelgen. Jedenfalls nicht mit Christorph. Ich wollte Antworten.

»Warum was?«, Christorphs Verärgerung kehrte wieder zurück.

»Spiel nicht mit mir. Du weißt ganz genau, was ich wissen will. Warum hast du es getan?«

»Höre ich da Gewissenbisse raus?«

»Christorph!«, fauchte ich ihn an.

»Oh Mann, du bist so ein Arsch, weißt du das. Du und Christian, zwei Egos so groß wie Fußballstadien. Weißt du was?«, Christorph ließ seiner Wut jetzt freien Lauf, »Ihr zwei habt mich damals sowas von angekotzt. Entweder du oder Krischan, einer hat gesagt, wo es lang ging und alle folgten. Zwischen euch ging nix. Euch bekam man immer paarweise. Wollte ich mal was mit Christian allein machen, war in 90% aller Fälle seine Antwort: , Lass uns Sebastian anrufen, vielleicht hat er auch Lust!’  Hey, was soll das für Freundschaft sein? War ich nicht gut genug für euch? Willst du mehr Beispiele? Egal wer aus unserer Clique was vorschlug, es hieß sofort immer: , Sebi, was hältst du davon?’  Mich, hat nie jemand gefragt, was ich von einem Vorschlag hielt. Du und Christian, ihr habt die Clique dominiert, ihr wart die Clique.«

»Es tut mir Leid, wenn du so empfunden hast. Ich habe das nie gewollt…«

»Einen Scheiß hast du! Natürlich hast es gemocht im Mittelpunkt zu stehen!«, Christorph schnaubte angewidert aus, »Der Tag an dem ich erfuhr, dass du schwul bist, war für mich ein Freudentag. Endlich hatte ich etwas, was ich gegen dich einsetzen konnte. Mann, als ich die ersten Bilder von Flos Notebook runter lud, habe ich mir vor Lachen fast in die Hose gepisst. ,Wenn das Christian sieht’ , dachte ich mir, ,ist es vorbei mit eurer Freundschaft; vielleicht haben dann auch mal andere Leute die Chance etwas zu sagen.’  Einen Shit hatten wir. Du und Flo habt allen die Show gestohlen und mich um meine Rache beraubt…«

»Und deswegen hast du Flo umgebracht!«, fiel ich Christorph ins Wort.

»Hey, was für Drogen nimmst du denn?«, brüllte es aus dem Telefon, »Wir reden hier über uralte Geschichten. Du, Christian, Sören, Corinna, Jens, ihr alle geht mir inzwischen sowas am Arsch vorbei! Aber es ist mal wieder typisch für dich. Immer schnell mit einem Urteil bei der Hand. Sorry, such dir einen anderen. vielleicht hast du es nicht mitbekommen, aber euer Outing hatte nichts verändert, nur dass wir es statt mit Krischan und dir nun mit Flo und dir zu tun hatten. Christian war plötzlich genau so abgemeldet wie ich oder die anderen. Flo umbringen? Ich bitte dich. Wozu? Als nachträgliche Rache? Dreißigtausend Jahre später? Junge, träum weiter. Oder denkst du an die Sache mit Flip? Nee, sorry, aber die jubelst du mir nicht unter. Flip war an dem Tag bei dir! Was immer passiert sein mag, ich hatte damit nichts, rein gar nichts, zu tun. Und nebenbei bemerkt, für den Fall, dass du mir nicht glaubst kann ich beweisen, dass ich mit Florians Tod nichts zu tun habe. Ich bin erst drei Tage nach seinem Tod mit meinem U-Boot wieder nach Kiel gekommen.«

Wäre noch zu ergänzen, dass Christorph U-Bootfahrer bei der Bundesmarine war.

»Wenn du wirklich nach Tätern suchst, dann wünsch ich dir viel Spaß dabei. Die Liste der Kandidaten dürfte recht lang sein, bei allen, die ihr verärgert habt. Auch wenn die meisten das niemals offen sagen würden.«, plötzlich änderte sich Christophs Stimme und wurde erstaunlich freundlich, »Ich will nicht rührselig werden, aber vielleicht tragt ihr, du, Christian und auch Flo, überhaupt keine Schuld daran, dass ihr Leute verärgert habt. Vermutlich habt ihr es überhaupt nicht bemerkt. Shit happens!«

»Nanu, seid wann bist du so soft?«, meinte ich ebenfalls entspannt.

Christorph lachte müde auf: »Ich soft? Bitte, bring mich nicht in schlechten Ruf!« Etwas ernster fügte er hinzu: »Ich hätte nie gedacht, wie sehr sich die Bedeutung eines gesprochenen Satzes zwischen dem, was man meint und dem, wie andere es aufnehmen, unterscheiden kann. Da kann ein falsch verstandener Witz schon mal böse Folgen haben. Du weißt es vielleicht nicht, aber ich habe die Offizierslaufbahn eingeschlagen und trage Verantwortung für die mir Unterstellten. Dabei lernt man manche Dinge anders, weniger sorglos, zu sehen.«

Und wieder endete ein Gespräch anders, als ich dies erwartet hatte.

Christorph schloss als Täter aus. Wer blieb denn da noch? Christian war nicht der Typ dafür. Olli würde niemals seinen eigenen Bruder umbringen. Ich gebe es ungern zu, aber Christorph hatte so schön in mein Täterprofil gepasst, dass ich mich über ihn ärgerte, ein sprichwörtlich wasserdichtes Alibi zu haben. Und was mit Jens und Sören?

Sören hatte auf der Trauerfeier nervös gewirkt. Und Christorph? Mag sein, dass er nicht der Mörder sein konnte, trotzdem, irgendetwas stimmte nicht. Die ganze Geschichte stand irgendwie auf dem Kopf. Und Christian? Als er auf der Trauerfeier Sören sah, wollte er sofort aufspringen. Jens und Christorph mussten ihn mit aller Kraft zurückhalten.

Besuch eines Freundes

In diesem Moment klingelte das Zimmertelefon.

»Ja?«, meldete ich mich.

»Hallo, mein Liebling!«, hörte ich Adrian am anderen Ende der Leitung. Ein warmes, wohliges Gefühl breitete sich in meinem Körper aus. Es war gut, Adrians Stimme zu hören.

»Was ist mit deinem Handy?«, fragte Adrian besorgt, »Ich habe versucht dich anzurufen, bekam aber immer nur einen Hinweis, dass du nicht erreichbar bist.«

»Der Akku ist leer. Das Ladegerät liegt in Berlin.«

»Reißt du mir den Kopf ab, wenn ich sagen würde: ,Kauf dir ein neues Handy.’ ?«

»Geldverschwender!«, beantwortete ich seine Frage scherzhaft.

»Nein!«, konterte Adrian, »Ich will, dass du erreichbar bist. Sebastian, ich meine das ernst. Der Mörder von Flo läuft immer noch frei herum. Was ist, wenn du ihm zu nah kommst? Was ist, wenn er sich von deinen Ermittlungen bedroht fühlt? Du könntest in eine Situation geraten, in der du Hilfe benötigst. Bitte, ich meine das absolut ernst, kauf dir gleich morgen ein Handy.«

»Ja, Papa!«, maulte ich rum.

»Nix Papa! Ich habe einfach wahnsinnige Angst um dich.«, Adrians Stimme jagte mir einen Schauer über den Rücken. Er machte sich wirklich Sorgen, ernsthafte Sorgen. Ich schämte mich ein wenig, ihn nicht ernst genommen zu haben.

»Du hast recht.«, gab ich kleinlaut zu und wechselte das Thema, »Wann kommst du zurück?«

Adrian seufzte. Kein gutes Zeichen.

»Ich werde noch mindestens zwei Tage hier bleiben müssen. Die ganze Geschichte entwickelt sich zu einer extrem unerfreulichen Angelegenheit. Hilmar scheint die Sache sehr persönlich zu nehmen. Er hat den Termin, an dem ich meine Expertise dem Vorstand erörtern sollte, platzen lassen. Er versucht jetzt sich als Opfer einer Intrige zu gerieren. Er kam vor ein paar Stunden in den Besprechungsraum, der ganze Vorstand war anwesend, knallte mein Papier auf den Tisch und legte los: , Dieses Pamphlet, das von sich behauptet eine Analyse zu sein, ist der Versuch eines unreifen Kindes mich zu diskreditieren. Wenn Adrian Seidenwickler mit mir als seinem Stiefvater Probleme hat, sollte er das in einem persönlichen Zwiegespräch mit mir klären. Aber ich sehe nicht ein, als Blitzableiter für seine unbewältigten Gefühle über den Tod seines leiblichen Vaters, missbraucht zu werden.’  Und dann ging er wieder. Du musst dir das mal vorstellen. Hilmar behauptet, meine Analyse wäre nichts weiter als ein Versuch von mir, ihn persönlich schlecht zu machen. Ich würde ihn hassen, weil er meine Mutter geheiratet hat und deswegen wäre mir jedes Mittel recht, ihm zu schaden. Der Typ hat doch ‘nen Knall! Jedenfalls soll es übermorgen einen neuen Termin geben, an dem der ganze Komplex Systemwechsel neu erörtert werden soll. Das schlimme ist, dass Hilmar möglicherweise Erfolg haben könnte. Meine Mutter fragte mich vorhin, warum ich Hilmar so sehr ablehnen würde. Ich sagte ihr, dass ich Hilmar zwar nicht mag, aber dass das keinen Einfluss auf mein Papier gehabt hätte und dass Victor dies auch wüsste. Ich weiß nicht, ob sie mir geglaubt hat.«

»Ich weiß nicht, wie ich dir helfen könnte. Wenn du möchtest, dass ich zu dir komme…«

»Sebastian, du hast mir schon geholfen.«, Adrian klang ein wenig entspannter, »Sebi, ich so froh, dass ich mit dir sprechen kann.«

Was wir dann auch ausgiebig taten. Obwohl wir erst seit 8 Stunden getrennt waren, gab es genug zu sprechen, um damit 2 Stunden locker auszufüllen. Adrian schilderte alle scheußlichen Details seiner ersten Besprechung mit dem Vorstand. Ich berichtete meinerseits von meinem Gespräch mit Christorph und den Gedanken, die mir durch den Kopf gingen.

»Ich geb’ dir Recht.«, meinte Adrian, »Du musst mit Sören sprechen. Außerdem solltest du noch mal mit Christian sprechen. Vielleicht erzählt er dir, was in der Kapelle los war.«

»Ja, ich werde ihn gleich anrufen.«, seufzte ich, da mir der Gedanke ein ein weiteres Gespräch dieser Art nicht gefiel. Was war ich, ein Großinquisitor?

»Ich vermisse dich.«, meinte Adrian und ich konnte die Sehnsucht in seiner Stimme hören.

»Ich dich auch.«, gestand ich und fügte hinzu, »Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich mehr!«

 

 

Christian?

Widerwillig beendeten wir unser Gespräch. Eine Weile lag ich mit geschlossen Augen auf dem Hotelbett und träumte von Adrian. Doch die Zeit drängte. Ich riss mich zusammen und rief Christian an.

»Ja! Sebastian, bist du das? Seit zwei Tagen versuche ich dich zu erreichen. Ich wollte dich und deinen Freund zum Essen einladen.«

»Adrian musste leider heute Morgen nach Hause fliegen. Außerdem ist mein Handyakku leer und ich habe mein Ladegerät in Berlin vergessen. Aber trotzdem, danke, ich nehme gerne an.«

Ich zögerte einen Moment. Meine Rolle als Mordermittler begann mir zu missfallen. Ich begriff langsam, dass Ermitteln hieß, anderen Menschen seelische Qualen zu bereiten. Man muss Dinge erfragen, die man selbst niemals oder nur ungern beantworten möchte. Das Schlimmste dabei war, dass ich hier selbst involviert war.

»Christian?«, mein Gott, ich klang so schuldbewusst wie damals in der 2. Klasse, als ich unserer Klassenlehrerin Frau Sperling, beichtete, einen Tintenkiller benutzt zu haben. Irgendwo zwischen Trauerfeier und Kleisterhus war meine bisherige Unbefangenheit verloren gegangen. Warum fiel es mir plötzlich so verdammt schwer, Fragen zu stellen?

»Ja?«, Christian klang vorsichtig, zurückhaltend.

»Ich…«, nein, so ging es nicht mehr. Ich begann zu ahnen, wo die Veränderung lag. Christian, Christorph und René genossen bisher das zweifelhafte Attribut, zwar nicht unbedingt Feinde doch mindestens Gegner zu sein. Und so lange sie Gegner waren, konnte ich sie dämonisieren. Langsam begriff ich, dass es mir einfach scheißegal gewesen war, ob ich einen von ihnen mit meinen Fragen möglicherweise verletzte oder ob die Fragen fair und legitim waren. Scheiß drauf! Schließlich hatten sie es nicht besser verdient. Oder etwa doch?

Die Zeit hatte alles verändert. Die Zeit hatte uns verändert. Nur hatte ich dies bisher noch nicht begriffen. Ich sah meine alten Freunde und Feinde immer noch mit den Augen des 19 jährigen Abiturienten. Aber genau das waren sie nicht mehr. Wir waren keine Kinder mehr, wir waren noch nicht mal mehr Jugendliche, eher junge Erwachsene. Können einen fünf oder sechs Jahre so verändern?

Langsam dämmerte mir, dass meine alte Welt nicht so schwarz/weiß war, wie ich sie in Erinnerung hatte. Man muss sich das einmal vorstellen. Christorph als U-Bootfahrer? Christorph war zwar nie ein Pazifist wie Sören gewesen, aber vom Bund hielt er trotzdem nicht viel. Und jetzt war er Offizier der Marine? Was für ein Wandel. Und Christian? Er war schwul. Etwas, was völlig außerhalb meines Vorstellungshorizontes gelegen hatte. Jeder andere, aber niemals Christian.

Die Welt war nicht mehr in starkem Schwarz/Weiß-Kontrast gezeichnet. Vermutlich war sie es nie, nur waren wir alle nicht in der Lage gewesen, die Abstufungen in der Farbgebung erkennen zu können.

»Ich…«, setzte ich erneut an, »Ich muss mich entschuldigen.«

»Wofür?«

»Für eine Menge. Ich habe in den letzten Tagen nachgedacht. Viel nachgedacht. Über uns, dich, Ute, Flo, Sören, Corinna, Christorph, Jens, natürlich Babs, über die ganze Gang. Ich frag’ mich, ob mehr Ehrlichkeit geholfen hätte. Vielleicht wäre die Geschichte anders verlaufen. Christian, ich will meine Fehler nicht wiederholen. Ich will ehrlich zu dir sein. Ich glaube Florian wurde ermordet.«

Totenstille am anderen Ende der Leitung. Plötzlich räusperte sich Christian.

»Und du dachtest, ich hätte etwas damit zu tun?«

Als ich antwortete klang meine Stimme schwach. Ich schämte mich für meine Voreingenommenheit.

»Ja…«

Christian holte tief Luft: »Es ist Ok. Schließlich dachte ich immer, du hättest Flip auf dem Gewissen.«

»Darf ich dir eine Frage stellen?«, fragte ich vorsichtig, »Ich bin mir nicht sicher, aber sie könnte verletzend sein.«

»Schieß los.«, meinte Christian.

»Was war auf der Trauerfeier los? Was ist da zwischen dir und Sören? Christorph und Jens mussten dich festhalten.«

Christian schnalzte mit der Zunge: »Ok, die Wahrheit also. Hast du Zeit? Natürlich hast du Zeit. Ich komme rum. In 15 Minuten bin ich bei dir im Hotel.«

Sprach’s und legte auf. Ich duschte schnell, zog mir etwas anderes an und verließ mein Zimmer Richtung Lobby. Zwei Minuten später traf Christian ein. Wir gingen in die Hotelbar. Bestellten zwei nichtalkoholische Getränke und nahmen sie mit auf die Suite. Dort angekommen, setzten wir uns in die Sessel der Sitzgruppe im Wohnzimmer der Suite.

«Sören also…«, begann Christian und schaute leicht verzweifelt umher, wobei er direkten Blickkontakt mit mir vermied, »Ich dachte, Sören würde mich erpressen.«

 

 

»Was?«, schrie ich ein wenig zu laut auf, »Womit?«

»Damit, dass ich schwul bin.«, meinte Christian matt, »Du kennst meinen Vater. Er weiß es nicht und wenn er es wüsste, würde mich erst totschlagen und dann rauswerfen. Es wissen nur sehr wenige Leute. Du und dein Freund wissen und Sören weiß es. Sonst niemand.«

»Aber… Das kann nicht sein, wir reden von Sören! Sören und Erpressung? Niemals!«, ich fand den Gedanken absurd.

»Das dachte ich auch. Vielleicht sollte ich die ganze Geschichte erzählen. In den letzten Jahren hat sich unsere alte Clique auseinander gelebt. Nach dem Vorfall mit Flip und deiner anschließenden Trennung von Flo, war die ganze Sache nicht mehr die gleiche. Obwohl… vermutlich wäre es auch ohne eure Trennung dazu gekommen. Denk mal, wir hatten unser Abi faktisch in der Tasche. Einen Monat später war eh Schluss. Als dann noch die Sache mit deinen Eltern passierte… Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, wie du das damals verkraftet hattest.«

Hatte ich auch nicht. Ich war kurz davor mir das Leben zu nehmen. Etwa zwei Wochen nachdem ich mich zu seinem eigenen Schutz von Flo trennte, kam es zu dem tragischen Vergiftungsunfall mit meinen Eltern. Sie hatten Pilze gesammelt, leider die falschen. Eine Woche vor dem Ende meiner Schulzeit wurde ich Vollwaise. Und als wenn dieser Schicksalsschlag nicht reichen würde, verweigerte die Lebensversicherung meiner Eltern die Auszahlung der Prämie mit der Begründung, es wäre ein vorsätzlicher, selbstverschuldeter Todesfall. Mit anderen Worten, sie unterstellten eine Selbsttötungsabsicht.

Mit dem Wegfall der Versicherung stürzte ich in ein finanzielles Desaster. Auf dem Haus meiner Eltern lag eine Hypothek und ich hatte kein Einkommen. Was blieb mir anderes übrig, als das Haus schnellstmöglich zu verkaufen. Die Verkaufssumme war mau, mehr als mau, es reichte gerade alle Schulden und Hypotheken meiner Eltern abzulösen. Am Ende meiner Schulzeit stand ich vor dem absoluten Nichts. Alles was ich hatte, waren ein paar Möbel und ein Abitur, sowie eine mehr als karge Waisenrente.

Und so kam ich schließlich nach Berlin. Ich musste einfach alle Brücken hinter mir abbrechen und ein neues Leben aufbauen.

»Wie ich das damals verkraftet habe?«, wiederholte ich nachdenklich Christians Frage. Ich schaute ihn traurig an, als ich fort fuhr, »Schwer, sehr schwer. Es gab ein, zwei Momente, da dachte ich daran, Schluss zu machen. Aber dann… Es geht weiter. Irgendwie…«

»Ich bin froh, dass du es nicht getan hast.«

Und plötzlich war er wieder da. Christian, meiner alter Freund Christian, wie er mit 16 Jahren war. Der intelligente, freche, liebe Junge und mein bester Freund. Er strahlte mich an, so wie er es früher getan hat.

»Christian, du machst mich schwach, und scharf. Christian stand immer noch gut im Futter, spielte Handball und ruderte im 8er der Herren.

Er lächelte verträumt und sah dabei extrem süß aus. Die Luft zwischen uns knisterte. Wir ahnten beide, worauf das hinaus lief.

»Ich denke, das ist keine gute Idee.«, sagte ich nicht sehr nachdrücklich, »Was wird Jan sagen? Verdammt, was soll ich Adrian sagen?«

Christian schaute schüchtern auf den Tisch vor sich: »Soweit sind Jan und ich zwar noch nicht, aber ich glaube, ich liebe ihn. Er ist wirklich sehr lieb und richtig niedlich.«

Plötzlich hob Christian seinen Kopf und schaute mir direkt in die Augen: »Aber er ist nicht du und du bist nicht er. Ich will dich zu nichts verführen. Bloß… wenn ich dich ansehe, kommen in mir eine Menge schöner Erinnerungen hoch.«

Wem sagte er das? Nein, wir hatten nie miteinander rumgemacht. Keine Schwanzlängenvergleiche, Wett- oder Zielwichsen miteinander angestellt. Unsere Freundschaft war völlig unbefangen und unschuldig gewesen. Jedenfalls von meiner Seite aus. Wir hatten einfach immer viel Spaß miteinander, sei es auf Fahrradtouren, beim Campen oder den gemeinsamen Urlaubsfahrten unserer Eltern. Wie ich schon erwähnte, waren Christians und meine Eltern miteinander befreundet. Beide Familien verbrachten seit ich denken kann ihren Sommerurlaub miteinander.

Wie konnte ich das so lange vergessen, obwohl ich Christian seit der 2. Klasse kannte? Von all meinen Freunden war er nicht nur mein bester, sondern auch ältester Freund. War unsere Freundschaft wirklich so unschuldig gewesen, wie ich sie in Erinnerung hatte? War da nicht vielleicht doch eine latent erotische Spannung zwischen uns gewesen? Auf der anderen Seite, was war schon dabei, wenn wir 15-jährig gemeinsam in einem Bett oder Schlafsack schliefen?

Unwillkürlich musste ich meine Augen schließen. Ein Bild tauchte auf. Christian und ich, wie wir in Italien am Strand lagen. Er und ich, wir beide hatten in der Adria getobt, bis zur Erschöpfung rumgealbert. Müde lagen wir am Strand. Mein Nacken ruhte auf Christians Bauch, während wir uns ausruhten und Sonne tankten. Christians Hand lag auf meiner Brust und streichelte sie.

War es ein Traum? Nein! Ich hatte meine Augen immer noch geschlossen, als ich Christians Lippen auf den meinigen spürte.

Vielleicht hätte ich an dieser Stelle stoppen sollen – vielleicht…

Aber ich tat es nicht.

Ich wusste, was ich tat und dass es Konsequenzen haben könnte. Und trotzdem ließ ich es geschehen. Ich öffnete meine Lippen und ließ Christians Zunge in meinen Mund eindringen. Christian zog mir das T-Shirt aus, während ich bereits meine Hände unter seinem hatte.

»Sebastian!«, Christian klang, als ob er gleichzeitig glücklich und traurig war. Wenn ja, dann fühlte er sich genau so wie ich. Wir stoppten und sahen uns in die Augen.

»Ich will deine Beziehung zu Adrian nicht kaputt machen.«, Christian war im selben Moment verzweifelt und hochgradig erregt, »Ich weiß, dass du ihn liebst und ich liebe Jan, aber… Einmal! Einmal will ich dich in meinen Armen spüren. Bitte Sebastian…«

»Ssccchhhhh!«, ich legte ihm meinen Zeigefinger an seine Lippen, »Es ist gut… Ich weiß, was du willst… Und ich will es auch…«

Sprache wurde überflüssig. Mehr stolpernd als gehend gelangten wir ins Schlafzimmer. Hänsel und Gretel wären stolz auf uns gewesen, hinterließen wir doch eine Spur unterschiedlichster Kleidungsstücke. Die letzte Textile, die fiel, war meine Unterhose.

Das letzte mal, dass ich Christian nackt gesehen hatte, war vor vielen Jahren. Damals war er ein muskulöser, bulliger Teenager gewesen, mit breitem Kreuz, kräftigen Armen und starken Beinen. Man konnte sehen, dass er regelmäßig Sport trieb. Neben Handball im Verein hielt er sich im Kraftraum und mit Schwimmen fit. Christian und ich, das war ein absolutes Kontrastprogramm. Ich war 192cm groß, er gerade einmal 172cm. Ich war schmal und eher dünn, er kompakt und kräftig. Ich war mehr der dunkle Typ, Kopfhaare, Bart und Haut, alles war bei mir eher dunkel. Christian hingegen war blond, wenn auch nicht strohblond und hatte eine helle Haut.

Und nun lag Christian nackt auf dem Bett und ich stand davor und sah ihn an.

»Was?«, fragte mein wieder entdeckter alter Freund.

»Ich bin erstaunt, wie sehr du dich verändert hast. Das letzte Mal, dass ich dich nackt, oder halbnackt, gesehen habe, war vor mindestens 6 Jahren in Travemünde am Strand. Aus dem prolligen kleinen Muskelpaket ist ein wirklich beeindruckender Mann geworden. Du siehst fantastisch aus. Ich versteh gar nicht, was du an mir und meinem schlaksigen Körperbau findest.«

Christian schmunzelte ein wenig: »Du hast immer mit deinem Körper gehadert, oder? Einsneunzig und hängende Schulter? Aber genau das fand ich immer so geil an dir. Deine immer etwas ungelenke, unbeholfene Art zusammen mit deinem wirklich süßen Gesicht, machte mich immer ganz schwach… So wie jetzt auch! Komm her… Bitte!«

Ich ließ mich nur einmal bitten. Ich kletterte zu Christian ins Bett und ließ mich in seine starken Arme fallen, die sich sofort um mich schlangen. Mir lief eine Gänsehaut über den Körper. Christians Berührung war gut, sehr sinnlich und trotzdem kräftig.

»Was ist?«, fragte ich Christian.

Eigentlich stimmte alles. Christian war, der Härte seines Schwanzes, der sich frech in meinen Bauch bohrte, nach zu urteilen, hochgradig erregt, seine Liebkosungen waren einfach traumhaft, er reagierte auf meine Berührungen, doch trotzdem meinte ich eine gewisse Zurückhaltung zu spüren.

»Es ist…«, flüsterte Christian leise und vermied jeglichen Blickkontakt, »Es ist mein erstes Mal… Ich habe zwar mit Jan ein wenig gefummelt, aber Sex…«

Ich küsste Christians Geständnis einfach weg. Überhaupt begann ich Christian intensiv an allen möglichen Stellen zu küssen. Es gefiel ihm. Er stöhnte, seufzte, jammerte und wimmerte vor Lust. Seine Hände kraulten meine Haare, streichelten meinen Rücken, fuhren mir über die Wangen, während ich an Christians Ohrläppchen knabberte, an seinen Nippeln saugte und mit meiner Zunge mit ihnen spielte, seine Brust mit Küssen übersäte oder mit meinen Händen Schultern, Hüften und Po massierte.

»Mein Gott, das ist fantastisch!«, flüsterte Christian, »Du bist fantastisch!«

War ich das? Fantastisch? Wohl nicht, es war ein wenig mehr Erfahrung. Außerdem… Es war Christian, mit dem ich im Bett war. Er war mein ältester Freund. Er half zwar, dass er sehr gut aussah, aber das war nicht der Punkt. Der Punkt war: Es war Christian – Mein Freund, oder genauer, mein wiedergefundener Freund. Ihn körperlich zu lieben war eine Form von Bestätigung, dass alles, was zwischen uns stand, nun Vergangenheit war. Ich konnte fühlen, dass es Christian ebenso erging. Wir wussten was wir taten und ich wusste, dass es nichts an meiner Liebe zu Adrian ändern würde.

Hoffentlich wusste Adrian das auch…

Ganz schnell verscheuchte ich den Ansatz eines schlechten Gewissens und konzentrierte mich wieder auf Christian, der gerade dabei war, unsere Rollen zu tauschen. Er mochte zwar noch wenig Erfahrung haben, kompensierte dies aber mit einer extra Portion Hinwendung. Soviel Aufmerksamkeit würde man bei einem Muskeltier, wie Christian es war, gar nicht erwarten.

Christian begann mit einem lang anhaltenden, lustvollen und sehr tiefen Kuss. Unser Zungenschwertkampf wurde erst durch die Notwendigkeit Luft zu holen unterbrochen. Nach einer Weile begann Christian dann mit seinem Mund an meinem Körper abwärts zu wandern. Über Kinn, Hals und Brust (inklusive Brustwarzen) gelangte er zu meinem Bauch. Was er dabei mit seiner Zunge und meinem Bauchnabel anstellte, war unheimlich und ausgesprochen erregend.

Und dann zögerte er. Ich wusste, was er dachte. Es war das gleiche Zögern, das mich einen Moment abhielt, als mein Vetter René das von mir erwartete, was ich von Christian nicht erwartete.

»Du musst nichts machen, was du nicht willst.«, flüsterte ich leise und kraulte Christians Haare, »Es muss dir genauso viel Spaß machen wie mir.«

Christian schaut zu mir hoch. Erst etwas unsicher, doch dann brach sich ein Grinsen Bahn. Ohne den Blickkontakt abbrechen zu lassen, nahm Christian meinen Schwanz in die Hand, öffnete seinen Mund und ließ die Eichel hineingleiten. Seine Lippen schlossen sich direkt dahinter. Stück für Stück ließ Christian immer mehr von meinem Schwanz in seinen Mund hinein. Seine Zunge begann das unbekannte Objekt abzutasten, fühlte jede Kontur ab und bohrte sich sogar in das kleine Loch an der Spitze.

Da mir Christian nach wie vor in die Augen sah, konnte ich deutlich sehen, dass ihm gefiel, was er gerade tat. Mir gefiel es ebenfalls. Christian entpuppte sich als Naturtalent. Trotz des gewaltigen Umfangs meines Werkzeugs schien er keine Probleme damit zu haben. Nach wenigen Minuten spürte ich, wie sich Christians Lippen um meine Eichel stülpten. Sekunden später, war von meinem Fortpflanzungsorgan nichts mehr zu sehen.

Endlich war die Geometrie meines Schwanzes mal von Vorteil. Da er eher mittelmäßig lang und dafür wesentlich dicker war, hatte Christian keine Probleme mit Würgereizen. Ich wusste nicht, wie Jan bestückt war, aber mit meiner Länge kam mein alter Freund wirklich gut klar. Sogar sehr gut, wie ich stöhnend zugeben musste.

»Ich«, flüsterte Christian mir ins Ohr, nachdem er von meinem Schwanz abgelassen hatte, »möchte nicht, dass du mich für dominant hältst.«

»Was?«, fragte ich verstört.

Etwas nagte an Christian. Er druckste plötzlich rum, lag neben mir und wirkte abgelenkt.

»Raus mit der Sprache.«

»Ich weiß nicht… Es ist alles neu für mich… Ich schäme mich…«

Ich musste innerlich grinsen. Ich rollte mich auf Christian drauf und sah ihm direkt in die Augen: »Junge, du liegst mit mir nackt im Bett. Mein Schwanz steckte eben noch bis zum Anschlag in deinem Mund. Was könnte es geben, für dass man sich in diesem Moment schämen müsste?«

»Ich…«, stammelte Christian.

Ich nahm sein Gesicht in meine Hände und küsste ihn: »Sprich es aus. Wenn du mit jemanden schläfst, der dir etwas bedeutet, solltest du immer sagen, was du willst.«

»Ich bin hin- und hergerissen. Ich will nicht, dass du denkst, ich wäre ein dominanter Proll…«

Ich brachte Christian mit einem Kuss zum Schweigen. Mit großen Augen sah er mich fragend an. Ich lächelte, denn ich wusste, was er mir sagen wollte.

»Du möchtest mich ficken?«

Christian nickte schüchtern.

»Und wo ist das Problem?«, fragte ich.

»Ich will nicht, dass du denkst ich wäre so ein Typ, der sich nicht selbst ficken lassen würde. Einer der sich einredet, solange er sich nicht ficken lässt, sei er nicht schwul. Ich würde ja gerne, nur…«

»Nein!«, stoppte ich Christian, was ihn etwas verschreckte. Er sah mich unsicher an. Vermutlich sah er seine Bedenken vollauf bestätigt. Erst, als er meinen Gesichtsausdruck sah, entspannte er sich.

»Nein!«, wiederholte ich, »Ich werde dich nicht ficken. Ich will dir nicht wehtun. Es hat Monate gedauert, bis Flo oder Adrian mich aufnehmen konnte. Und das war alles andere als einfach. Ich weiß, dass ich mit meinem Schwanz ein Problem habe.«

Christian schaute immer noch verunsichert drein, weswegen ich ihm ganz leise in sein Ohr flüsterte: »Ich würde mich aber sehr freuen, wenn du mich ficken würdest.«

Sendepause

Christian verbrachte die Nacht bei mir im Hotel. Dieser kräftige Kerl war ein erstaunlich sensibler Liebhaber. Jan würde sich glücklich schätzen können. Nach zwei sehr intensiven Penetrationen, lag ich entspannt und befriedigt mit meinem Kopf auf Christians Brust. Es war Nacht. Nur das Licht einer Außenleuchte zeichnete sich schwach an der Zimmerdecke ab. Christian streichelte meine Brust und küsste mich gelegentlich. Ansonsten betrachteten wir zufrieden die Zimmerdecke.

»Du willst Adrian erzählen, dass wir miteinander geschlafen haben?«, fragte Christian leise.

»Ja.«, flüsterte ich, »Ich liebe ihn, und das bedeutet, dass ich ehrlich zu ihm bin.«

»Was wirst du ihm erzählen?«

»Dass es fantastisch war. Dass ich einen alten Freund wiedergefunden habe. Christian, ich hab dich immer geliebt – Als Freund.«

»Du hast kein schlechtes Gewissen?«, fragte Christian.

»Nein, ich liebe auch Adrian. Aber eben nicht als Freund, sondern als Liebhaber, als Partner. Adrian ist der Mensch, mit dem ich mein Leben verbringen will. Dessen bin ich mir inzwischen sicher.«

»Und wirst du keinen Ärger bekommen?«

»Das weiß ich nicht. Ich hoffe nicht. Ich weiß nicht, ob Adrian der eifersüchtige Typ ist.«, ich wusste wirklich nicht, wie Adrian reagieren würde, »Auf der anderen Seite weiß ich, dass Adrian mir niemals treu sein kann. Sollten wir zusammen kommen, werde ich mich damit abfinden müssen, dass er auch mit anderen schläft. Wenn ich Adrian an mich kette, werde ich ihn verlieren. Inzwischen verstehe ich ihn. Ich habe es eben gerade begriffen.«

»Eben gerade?«

»Ja, durch das, was wir miteinander gemacht haben.«, meinte ich zu Christian.

»Erklär!«

»Obwohl wir beiden miteinander geschlafen haben, liebe ich Adrian. Vermutlich sogar noch mehr, als vorher. Unser Sex hatte keine Auswirkungen auf meine Gefühle zu Adrian. Ich dachte, dass sie schwächer oder relativiert werden würden, wenn ich mit jemanden anderem schlafe. Aber dem ist nicht so. Mit dir verbindet mich etwas ganz anderes, als mit Adrian. Ich stelle gerade fest, dass ich meine Liebe nicht teilen muss, sie ist unteilbar. Mit dir im Bett zu liegen, ist wie, nach Hause kommen. Es ist, als wenn ich etwas lange verlorenes wiedergefunden hätte.«

Ich rollte mich von meiner Rücken- auf die Bauchlage und schaute Christian direkt in sein schwach erleuchtetes Gesicht: »Ich bin glücklich, dass wir nicht mehr streiten. Das wir unsere Freundschaft wieder gefunden haben.«

Selbst in der Dunkelheit konnte ich erkennen, dass über Christians Wangen Tränen liefen: »Ich schäme mich so sehr. Ich hatte über dich geurteilt, ohne deine Version der Geschichte zu hören. Ich wollte sie nicht hören. Ich wollte dich dafür bestrafen, dass du nicht mich, sondern Flo liebtest. Ich kann nicht verstehen, wie du mir jemals verzeihen konntest. Ich habe dich enttäuscht, dich verletzt.«

»Hey…«, mit dem Daumen meiner rechten Hand strich ich Christian seine Tränen weg, »Es ist vorbei. Du hast dich selbst mehr verletzt als mich. Und außerdem war ich nicht besser. Ich habe dich als Freund schlecht behandelt. Ich hätte auf dich acht geben sollen. Ich hätte bemerken müssen, dass ich unsere Freundschaft belastet hatte. In vielen Dingen, die du mir vorgeworfen hast, hast du recht gehabt. Ich war selbstsüchtig. Ich… es hat mir gefallen, im Rampenlicht zu stehen. Die Coming-Out Show mit Flo war mehr als cool. Ja, wir waren verdammt arrogant. Zu denken, nur weil jemand nicht, Hurra’  zu unserem Outing geschrieen hat, er wäre gleich ein Schwulenhasser, war anmaßend. Ich bin nicht unschuldig. Ich bin alles andere als unschuldig. Aber es ist müßig darüber zu reden. Christian, du bist mein Freund und wirst es immer bleiben. Ich werde immer um unsere Freundschaft kämpfen.«

Christian umschlang mich mit seinen Armen: »Mein Gott, wenn Corinna nur wüsste, wie falsch sie lag.«

»Corinna?«

»Sie hat es nie offen gesagt, aber ich glaube, sie war von dir und Flo ziemlich gepestet.«

»Ach, da muss sie aber ihre Gefühle sehr gut versteckt haben. Ich hatte sie immer für das Gute in Menschengestalt gehalten. Ich kann mich erinnern, dass du… wie soll ich es höflich ausdrücken… ähm… deine Sprache war zuweilen recht prollig, rassistisch, frauenverachtend und homophob…«

Christian schluckte: »Du musst nicht diplomatisch sein. Ich war ein Arschloch. Ich weiß, was für Scheiße aus meinem Mund gequollen ist. Ich wollte so hetero wie möglich erscheinen.«

»Aber in Corinnas Nähe mutiertest du immer zum Schmusekater.«

Christian kicherte: »Schmusekater ist gut. Corinna hasste es, wenn ich den Proll raushängen ließ. Also ließ ich es bei ihr sein, was gar nicht so schwer war, denn der Proll war eine Rolle, die ich spielte. Trotzdem, so richtig recht machen konnte ich es ihr nie.«

»Wie meinst du das?«

»Corinna warf mir immer vor, dass ich ihr nicht meine vollkommene Aufmerksamkeit widmete. Du würdest unserer Liebe im Weg stehen.«

»Ich?«

»Ja, du! Corinna meinte, ich würde viel zuviel Energie auf dich verschwenden. Sie meinte, ich würde ständig nur über dich reden. Corinna war regelrecht eifersüchtig auf dich. Sie hat es nie offen ausgesprochen, aber ich vermute, sie hat dich gehasst.«

»Ich glaube, ich kann sie ganz gut verstehen. Wenn ich bei dir wirklich Dauerthema war, dann wundert mich nicht, dass Corinna gepestet war.«

»Vermutlich hast du Recht. Aber so ganz verstehen konnte ich sie dann doch nicht. Ich dachte immer, sie hätte Angst, ich wäre in Wirklichkeit hinter Babs her und ich hätte nur deswegen über dich abgelästert, weil ich Babs und dich auseinanderbringen wollte, aber nach deinem Outing, nahm Corinnas Hass auf dich eher zu. Dabei war doch ganz klar, dass ich Corinna nicht verlassen wollte.«

Sah Christian es nicht oder wollte er es nicht sehen? Mir war sofort klar, warum Corinna eifersüchtig war. Ob sie es wusste oder nur unbewusst fühlte, aber sie hatte Angst Christian an mich zu verlieren. Ich war überzeugt, dass es so war. Allerdings hatte ich keine Beweise dafür. Christian, Christorph und nun Corinna, wie viele Leute hatte ich mit meinem Egotrip noch auf dem Gewissen? Ich machte eine Notiz in meinem Kopf unbedingt mit Corinna zu sprechen. Florians Beerdigung entwickelte sich zu einer Entschuldigungs- Tournee für mich.

»Weißt du, wo Corinna jetzt steckt?«, fragte ich vorsichtig.

»Sie studiert Medizin an der Uni Lübeck.«

»Ach?«, ich war erstaunt, »Wollte sie nicht die KfZ-Werkstatt ihres Vaters übernehmen?«

»Das hatten wir alle gedacht. Weißt du noch, wie Sie immer alle Mofas frisiert hat?«

Bei dem Gedanken an Corinna und ihrem Schraubentalent, musste ich kichern, »Die gute Corinna. Sie wäre eine echt super Mechanikerin geworden. Kein Kerl verstand mehr von Vergasern als sie.«

»Mechatroniker!«, korrigierte Christian, »Das heißt heute Mechatroniker. Ja, Corinna war schon toll. Wir hatten schon Pläne gemacht. Ich sollte den Autoladen meines Vaters übernehmen und Corinna den ihres Vaters. Dann wollten wir beide Läden zusammenführen. Aber darauf wurde nichts. Kurz nach dem Abi, du warst schon in Berlin, meinte sie eines Tages, sie würde Medizin studieren.«

»Wie? Einfach so?«

»Ja, einfach so. Wir sind dann heftig aneinander geraten. Ich hab’ Corinna angeschrien, wie sie mich so verarschen konnte. Aber sie sagte einfach nur, dass sie sich schon länger für Medizin entschieden hätte. Ihr Onkel wäre Arzt. In den letzten Sommerferien hätte sie bei ihm Büroarbeit gemacht und dabei ein wenig von seiner Arbeit mitbekommen. Das hätte ihr so gut gefallen, dass sie jetzt Medizin studieren wollte. Ich bin dann einfach gegangen. Unsere Beziehung war damit zu Ende.«

»Das wusste ich gar nicht.«, ich nahm wieder die Lage auf Christians Brust ein und Christian streichelte mir wieder versonnen über Bauch und Brust.

»Ach, das ist Geschichte. Wir waren jung und vermutlich ziemlich naiv, was unsere Berufsbilder betraf. Aber ich bin überzeugt, dass Corinna wirklich in mich verliebt war. Und eifersüchtig war sie. Als wir mal zusammen in einem Club in Hamburg waren, hat sich eine andere Frau an mich ran gemacht. Oh, oh, Corinna ist ausgerastet und hat ihr ein volles Glas Bier ins Gesicht geschleudert. Aber das ist Geschichte. Wir sehen uns ab und zu, aber mit Beziehung ist nichts mehr. Allerdings weiß ich nicht, wie sie reagiert, wenn sie erfährt, dass ich schwul bin.«

»Und du bist dir absolut sicher, dass du es bist?«, fragte ich, wohl wissend, was wir gerade miteinander gemacht haben.

»Ja, bin ich. Mehr denn je. Der Sex mit dir hat mich endgültig überzeugt. Ich weiß nicht, ob du verstehst, was ich meine. Es hat sich noch nie so richtig angefühlt. Dein Körper ist so männlich. Deine Brust, deine Arme, dein Bauch, alles an deinem, männlichen, Körper zieht mich an. Corinnas fand ihre Brust immer viel zu klein. Ich war froh, dass sie nicht so viel unter der Bluse hatte. Ich konnte mit diesen runden Hügeln nie etwas anfangen.«

»Und der Sex?«

»Willst du es wirklich wissen?«, Christian beugte sich vor und schaute mir ins Gesicht.

»Ja, natürlich!«, meinte ich, während mein Kopf weiterhin auf seiner Brust ruhte.

Christian gab mir einen sinnlichen Kuss und meinte dann: »Ich habe noch nie mit einem Mann geschlafen. Du warst der erste.«

»Und?«

»Es war völlig anders, als ich es mir jemals vorgestellt habe. Meinst du es ist pervers, wenn ich dir sage, dass ich es absolut geil finde, deinen Schwanz in meinem Mund zu haben? Ich könnte stundenlang daran saugen, nuckeln, lecken.«

Ich musste grinsen. Christians Geständnis war richtig süß: »Nein, das ist nicht pervers. Ich konnte spüren, dass es dir gefallen hat.«

Wir mussten beide kichern.

»Aber das Beste war etwas anderes.«, fing Christian an.

»Na?«

»Dein Gesicht, als ich in dir war. Du hast so unendlich glücklich ausgesehen. Ich habe mit Corinna geschlafen, aber ich habe nie erlebt, dass sie so glücklich dabei aussah. Aber das ist noch nicht alles. Das Gefühl in dir zu sein… Wow! Wahnsinn! Corinna war nichts im Vergleich zu dem Erlebnis. Ich hoffe, ich mache mich nicht lächerlich, aber ich denke den Unterschied zwischen Ficken und Lieben entdeckt zu haben. Corinna und ich, wir haben miteinander gefickt. In dir zu sein, war etwas völlig anderes. Ich weiß zwar nicht, was anders war, aber es war anders… Oh, mein Gott, ich mach mich hier komplett lächerlich…«

Ich küsste Christian auf seinen Mund und brachte ihn damit zum Schweigen: »Nein, machst du nicht. Ich weiß, was du meinst. Du entdeckst gerade den Unterschied zwischen Rammeln und Lieben. Nicht, dass etwas gegen gutes altes geiles Rammeln einzuwenden wäre. Ich sage dir eins, Jan kann sich glücklich schätzen, dich zu haben. Allerdings…«

»Was meinst du?«, auf Christians Gesicht zeigte sich Panik.

»Uns! Christian, ich mag dich. Ich genieße es, mit dir zu schlafen. Ich liebe dich sogar, aber wie ich schon sagte, als Freund und nur als Freund. Wir hatten unsere Chance und wir haben sie beide verbockt. Ich bin mit Adrian zusammen und ich hoffe, dass sich zwischen dir und Jan etwas Ähnliches entwickelt.«

Christians Gesicht hellt sich auf und er begann zu strahlen: »Ich weiß, dass wir keine Beziehung haben werden. Ich bin froh, dass wir immer noch Freunde sind. Nach allem, was wir uns gegenseitig angetan haben, ist das schon fast ein Wunder. Und mit dir einmal schlafen zu können, war nicht nur megageil, es war mehr, als ich zu träumen wagte.«

Ich grinste, erhob mich von Christians Brust, drehte mich um und flüsterte ihm ins Ohr: »Und bin ebenfalls froh mit dir geschlafen zu haben. Wie ist, meinst du, du könntest deinen Schwanz noch mal dazu bewegen, in mich einzudringen?«

»Ich dachte, du würdest niemals fragen?«, meinte Christian und griff zu Kondom und Gleitgel.

 

Polizeibesuch

Am nächsten Morgen frühstückten wir bei Christian. Ich hatte Bedenken im Hotel zu frühstücken. Wer weiß, auf welche Ideen die gekommen wären, wenn ich mit einem anderen Mann als Adrian im Frühstückssaal aufgetaucht wäre. Christian bewohnte ein nettes kleines Dachgeschoss im Zentrum, rund 7 Minuten Fußweg vom Hotel entfernt. Die Wohnung war ein Geschenk seiner Eltern zum Abitur gewesen.

Wir hatten gut, aber nicht ausschweifend gegessen, als Christian meinte: »Und, was machst du heute?«

»Ich weiß noch nicht. Flo wurde beigesetzt und meine Ermittlungen stecken fest. Irgendwie sind mir meine Verdächtigen abhanden gekommen.«

Ich hatte die Worte kaum ausgesprochen, da taten sie mir bereits leid. Was hatte ich anderes gesagt, als dass ich Christian einen Mord zutrauen würde?

»Entschuldige…«, ging ich sofort in eine offensive Defensivhaltung, »Ich wollte nicht…Verdammt!«

Ich biss mir auf die Lippen. Jetzt war es an mir, verzweifelt drein zu schauen. Ich wollte meine neugefundene Freundschaft zu Christian nicht gleich wieder kaputt machen. Doch Christian lachte mich an.

»Du hast mich ernsthaft für Flos Mörder gehalten? Ich dachte, er hat Selbstmord begangen.«

Ich erzählte Christian alles was ich wusste. Von Ollis Überzeugung, dass sein Bruder ermordet worden war, vom Treffen mit Ruth, Ollis Großmutter, von Antjes Nervenzusammenbruch, von meiner Begegnung mit René und, dass Christorph für Florians und mein Outing verantwortlich war. Christian hörte schweigend zu.

»Mach dir keinen Kopf darum, dass du mich für seinen Mörder hieltst. Nach allem, was zwischen uns stand und was du wusstest, war das ein naheliegender Gedanke.«

»Du verzeihst schnell.«

»Nein, eigentlich nicht. Aber ich denke, wir haben beide genug Stress miteinander gehabt. Ich hätte dir ebenfalls alles zugetraut, inklusive eines Mords. Du vergisst, dass ich dich für Flips Tod verantwortlich gemacht habe.«

Zu meiner Überraschung verursachte die Erwähnung von Flip keine Übelkeit. Ganz im Gegenteil, hatte ich den Eindruck über Flip sprechen zu können. Ich nutzte die Gelegenheit und erzählte Christian alles, was ich wusste. Was immer noch nicht viel war. Ich wusste, dass im Gegensatz zur landläufigen Meinung Flip nicht von mir wegfuhr sondern auf dem Weg zu mir war. Ich wusste, dass wir uns gestritten hatten, aber mehr auch nicht.

»Stimmt, ihr hattet euch gestritten.«, meinte Christian, »Dass Flip auf dem Weg zu dir war, wusste ich nicht. Aber ich glaube dir. Mann, das ist so lange her… Moment mal, worüber haben wir gestern Abend gesprochen? Da war was mit Sören…«

»Es ging darum, dass du dachtest, von Sören erpresst zu werden.«

»Stimmt! Ich war davon überzeugt, dass Sören mich mit meiner Homosexualität erpresste. «

»Wie hätte er das machen sollen? Du warst doch noch nie mit einem Mann zusammen?«

»Jein. Ich hatte noch keinen Sex.«, Christian seufzte, »Lach nicht, aber ich war in einer Coming Out Gruppe.«

»Doris!«, entfuhr es mir.

»Häh? Was hat die damit zu tun?«, Christian starrte mich an, als wäre ich ein grünes Männchen vom Mars.

Ich ging nicht direkt auf Christians Frage ein, sondern antwortete mit einer Gegenfrage: »Wo fand das Treffen der Gruppe statt?«

»Es gibt da ein Haus mit Verbänden, Vereinen und Gruppen. Dort gibt es auch Versammlungsräume, wo wir unsere Treffen abhalten.«

»Sind Lesben auch in eurer Gruppe?«

»Oh, bitte, nein. Das wurde wohl mal versucht, endete aber in Hauen und Stechen. Da kam dann eine Gruppe von Lesben, die wohl etwas sehr schräg drauf waren. Die waren nicht nur Lesben, sondern auch noch Veganer. Wir haben zwar auch zwei Veggis in unserer Gruppe, doch keiner von denen, würde mir ein Steak vermiesen. Die Mädels sollen da schon etwas härter drauf sein. Sie haben ihr Treffen in einem anderem Raum, allerdings zur gleichen Zeit wie wir.«

»Doris!«, wiederholte ich, »Sie war es, die dich erpresst hat. Doris war bei den Veganerlesben. Sie muss dich auf einem der Treffen gesehen haben.«

»Moment mal, reden wir von der gleichen Doris? Der Ökoschlam… ähm, die nette Mitschülerin mit der konsequenten Verweigerungshaltung gegenüber tierischen Produkten? Und diese Doris…«

»…war eine Lesbe, ja! Exakt diese Doris. Ich habe noch vor ein paar Tagen in der Breiten Straße mit ihr gesprochen. Sie hatte zusammen mit ihrer Gruppe lesbischer Veganerin einen Stand und verteilte Flugblätter. Wie bist du auf die Idee gekommen, dass es Sören war?«

»Das ging vor zwei Monaten los, als ich anonyme Briefe bekam. Sie enthielten zuerst nur Fotos von mir und der Coming Out Gruppe. Ein paar Wochen später lag dann ein Zettel bei, auf dem Stand, der mich fragte, wie viel mir die Vermeidung eines Outings den Wert sei. Zwei weitere Wochen später, wurde ich aufgefordert 10.000 Euro zu beschaffen. Und dann rief mich plötzlich Sören an. Er meinte, er müsse mit mir reden. Es ging um dich, Flo und Homosexualität. Natürlich dachte ich, Sören würde hinter den Briefen stecken. Mann, ich muss ziemlich neben mir gestanden haben, Sören sowas zuzutrauen. Doris also. Jetzt wird mir klar, was die von mir auf der Trauerfeier wollte.«

»Christian, du weißt was das bedeutet?«

»Dass ich nicht mehr erpresst werde? Eigentlich ist mir das inzwischen egal. Soll mein Vater mich doch rausschmeißen.«

»Eins nach dem anderem. Ich meine etwas anderes. Was bedeutet es denn, dass dich Doris nicht mehr erpressen kann?«

»Scheiße, ich hatte ein Motiv sie umzubringen. Und ich habe kein Alibi.«

Punktlandung. Im selben Moment klingelte es an der Haustür und zwei Kriminalpolizisten standen vor der Tür. Man bat Christian höflich aber nachdrücklich, sie zu begleiten. Als sie mich entdeckten, fragten sie gleich, wer ich denn sei. Ich ahnte, was kam. Kaum hatte ich meinen Namen gesagt, wurde ich ebenfalls gebeten, mit zu kommen. Da ihr Wagen zu klein war, um uns alle mitzunehmen, gestatte man es mir, mit dem eigenen, also Adrians Wagen zu fahren. Ich lief zurück ins Hotel, machte mich kurz frisch und ging zum Parkplatz. Kaum saß ihm im Auto, rief ich Adrian an.

»Hi! Nett dass du anrufst. Wenn alles gut geht komme ich heute Abend zurück. Ich hoffe, du hast in meiner Abwesenheit keine Dummheiten gemacht.«

Adrian meinte natürlich meine Ermittlungen, doch mir fiel sofort die Körperakrobatik mit Christian ein. Meine Antwort kam deswegen erstens verzögert und zweitens linkisch, »Ähm, also…«

»Sebastian?«

»Ich…«, war drauf und dran los zu heulen. Plötzlich hatte ich ein sehr, sehr schlechtes Gewissen. Ich hatte mich, mal wieder, selbst belogen. Natürlich würde es Adrian etwas ausmachen. Keinen Tag nachdem er quasi um meine Hand angehalten, hatte ich ihn betrogen. Ich war ein jämmerlicher Heuchler.

Und ein Jammerlappen, den ich fing zu heulen an.

»Sebastian, was ist denn? Was ist passiert?«, Adrian klang panisch.

»Ich bin ein Schwein. Ich verdiene dich nicht. Ich habe mit Christian geschlafen. Es tut mir leid. Ich bin ein Schwein…«

»Sebastian…«

»Nein, Adrian, ich bin ein schlechter Mensch. Ich bin beziehungsunfähig. Alle Menschen in meine Nähe müssen leiden. Flo und Flip mussten meinetwegen sterben, die Freundschaft zu Christian und Christorph habe ich missbraucht. Antjes Familie habe ich auch auf dem Gewissen. Hätte ich nicht die Sache mit Flo angefangen, wäre Antje nicht in der Klapsmühle gelandet.«

»Sebastian…«

»Nein, bitte Adrian, halt dich von mir fern. Ich will dich nicht auch noch auf dem Gewissen haben. Adrian, es tut mir leid.«

Und dann legte ich einfach auf. Ich schaltete das Autotelefon im Autoradio ab und heulte los. Ich heulte so lange, dass das Lenkrad nass wurde, was nicht lange dauerte, da es nebenbei in der Karre bullenheiß war. Nach der knochentrockenen Hitze der letzten Tage war es fürchterlich schwül geworden. Wie naheliegend. Es roch regelrecht nach einem Gewitter. Ein passendes Ende für meine Beziehung mit Adrian, die ebenfalls in einer Entladung geendet hat. Ich hatte es verbockt und das mit Ansage. Was hatte mich geritten mit Christian zu schlafen? Wie konnte ich, ausgerechnet ich, der bei jedem Arsch der mich betrog treu blieb, ausgerechnet denjenigen betrügen, der mir wirklich etwas bedeutete?

»Verdammt!«, fluchte ich und startete den Motor. Die Bullen warteten auf mich und ich wollte nicht noch mehr verbocken. Nachher kamen sie noch auf die Idee, ich wäre geflohen.

Im Nachhinein könnte ich nicht sagen, wie ich zur Polizei gefunden hatte, vermutlich unter Verletzung sämtlicher Verkehrsregeln, aber plötzlich saßen ich in einem Besprechungsraum und zwei Kripobeamte mir gegenüber. Sie stellten ein paar Fragen zu Doris, Christian und Sören, die ich wahrheitsgemäß beantwortete. Für Lügen war ich viel zu aufgewühlt. Während der gesamten Befragung, war ich abgelenkt.

»Entschuldigung, was hatten Sie gerade gefragt?«, war eine Floskel, die ich mehrfach verwendete, wenn mir Adrian und Christian wieder durch den Kopf gingen.

»Doris Demler…«, meinte dann einer der Polizisten genervt.

»Es tut mir leid.«, da war es wieder, »Aber ich bin momentan ein wenig durch den Wind. Beziehungsprobleme.«

Nicht dass es den Polizisten etwas anging, aber sie waren durch meine Erklärung einen Hauch geduldiger. Obwohl die Beamten recht zugeknöpft waren, bekam ich den Eindruck, als wenn sich ihr Ermittlungsfokus von Sören wegbewegte. Umso überraschter war, ich, als ich nach einer halben Stunde Befragung entlassen wurde.

Auf dem Flur der Mordkommission warteten Sören und Christian. Ich war baff.

»Hat man dich entlassen?«, fragte ich Sören.

»Ja, der wirkliche Täter hat überraschend gestanden.«, antwortete Sören und sah dabei nicht sehr glücklich aus. Mit gesenkter Stimme fuhr er fort: »Es war Antje.«

»Antje!«, flüsterte ich und wurde kreidebleich.

»Ja, Antje. Als du noch in der Zeugenbefragung warst, hat Olli angerufen. Er ist ein Nervenbündel. Erst stirbt sein Bruder und dann entpuppt sich seine Mutter als Mörderin. Die arme Familie.«

Ich musste mich vor Schreck erst einmal setzen. Antje hatte Doris umgebracht? Wie das? Konnte das sein?

Die ganzen Details der Geschichte erfuhren wir ein paar Tage später. Von Anfang an standen die Indizien gegen Sören auf wackeligen Beinen. Als die Polizei routinemäßig Doris Wohnung durchsuchte, stießen sie auf eindeutige Hinweise für eine rege Erpressertätigkeit unserer ehemaligen Mitschülerin. Es war wirklich so, wie es Olli vom Freund seines Vaters, dem Staatsanwalt, erfahren hatte. Wie es aussah, war nicht nur Christian ihr Opfer gewesen, sondern insbesondere auch Sören. Mit meiner Vermutung, dass Doris Christian bei einem seiner Gruppentreffen gesehen hatte, lag ich absolut richtig. Auf ihrem Computer gab es eine ganze Reihe Bilder von Christian und seinen schwulen Freunden. Wie ich weiter vermutet hatte, war damit Christian ebenfalls zu einem Hauptverdächtigen aufgestiegen.

Und dann platzte plötzlich die Bombe. Antje packte aus.

Sie war in der Klinik so weit stabilisiert worden, dass sie ihren katatonischen Zustand überwand und ein Geständnis ablegen wollte. Entgegen dem Rat ihrer Ärzte bestand sie sogar darauf. Danach hatte Doris offenbar versucht, auch Antje zu erpressen. Sie behauptete Unterlagen zu haben, die Beweisen würden, dass Flo nicht nur schwul gewesen sein soll (Welch neue Erkenntnis?), sondern dass Flip damals ermordet worden und Flo darin verwickelt sei. Doris fataler Fehler bestand darin, Antjes Reaktion falsch einzuschätzen. Statt auf Doris kleine Erpressung einzugehen, griff sie nach einer Grabharke und schlug zu.

»Ich habe dem kleinem Flittchen gezeigt, was es heißt Lügen über mein Baby zu verbreiten!«

Doris fiel ins Wasserbecken und ertrank. Die ganze Geschichte dauerte keine zwei Minuten und spielte sich offenbar genau zu dem Zeitpunkt ab, als ich an Flos Grab stand. Ich erinnerte mich, dass ich Antje damals nicht gesehen hatte, dachte aber, dass sie meinen Anblick einfach nicht ertragen konnte. Ein Fehler, einer von vielen, die mir in den letzten Tagen unterlaufen waren.

Gewittersturm

Ich unterhielt mich noch eine Weile mit Christian und Sören, war aber nicht bei der Sache. Christian bemerkte es sofort.

»Ist was?«

»Ich habe mit Adrian gesprochen…«, ich kämpfte mit den Tränen.

»Ist alles in Ordnung?«, Christian sah mich besorgt an.

»Nein, ich… Entschuldige, es tut mir leid…«, ich sollte mir eine Strichliste machen. Diese Floskel schien ich in letzter Zeit sehr inflationär zu verwenden, »Ich muss los… Ich… Ich melde mich…«

»Sebastian, warte, ich muss dir noch etwas über Flo erzählen. Es hat mir Cor…«

»Später!«, unterbrach ich Sören und beging den nächsten Fehler. Wie sich bald zeigen sollten, war es der schwerwiegendste Fehler von allen, einer, der mir fast das Leben kosten sollte. Statt Sören anzuhören, entgegnete ich: »Sorry, aber ich hab’ gerade den Kopf voll. Ich habe Scheiße gebaut, richtig Scheiße.«

Christian sah mich bestürzt und traurig an: »Ich hätte nicht…«

»Nein, mach dir keine Vorwürfe, es ist nicht deine Schuld. Ich hätte mich beherrschen sollen. Du hast nichts damit zu tun. Es war meine Entscheidung gewesen. Wenn also jemand etwas verbockt hat, dann ich!«

Und weg war ich. Die nächsten Stunden, es war immer noch früher Vormittag, fuhr ich planlos in der Gegend umher. Ich konnte nicht klar denken. Wie konnte ich Adrian nur so enttäuschen. Verdammt, ich liebte ihn. Auch, wenn ich wusste, dass er mir niemals treu sein würde, liebte ich diesen Kerl. Und was tat ich? Ich betrog ihn bei der ersten Gelegenheit. Ich war Dreck. Ich war nicht besser als diese Schmarotzer, die sonst auch an seinen Fersen klebten.

Nach fünf Stunden war mein Kopf soweit klar, dass ich wusste, was ich machen musste. Raus aus Lübeck. Aber nicht mit Adrians Wagen. Selbst mit ihm rumzufahren, nach allem, was ich getan hatte, war schon mehr als unmoralisch. Ich fuhr also zurück zum Hotel, um meine Sachen zu packen. Von dort waren es nur fünf Minuten bis zum Bahnhof. Eine Fahrkarte zurück nach Berlin würde ich mir gerade eben noch leisten können.

Doch soweit kam es nicht. Ich hatte den Wagen gerade auf dem Parkplatz des Hotels zum Stehen gebracht, als der Himmel sich begann zu verfinstern. Von Westen zogen tief schwarze Wolken auf und trieben eine wahre Gluthitze vor sich her. Das Thermometer zeigte 38 Grad. Ich hatte die Wagentür nur 5 Sekunden auf, als bereits der Schweiß aus allen Poren brach.

»Hallo Sebastian!«

Jemand sprach mich an. Ich war etwas desorientiert, da ich die Stimme nicht sofort zuordnen konnte. Sie war weiblich und klang bekannt, doch wollte mir im ersten Moment keine passende Person dazu einfallen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich zur Stimme umzudrehen.

Corinna stand vor mir.

»Corinna?«, fragte ich überrascht.

»Ja, ich!«, lächelte Corinna freundlich. Sie sah fantastisch aus. Aus dem Mädchen von damals war eine beeindruckende junge Frau geworden. Sie war sportlich elegant gekleidet. Alles sah sehr passend und gut an ihr aus. Selbst der Rucksack, den sie locker über ihre Schulter geworfen hatte, wirkte an ihr elegant, »Ich wollte mich bei dir entschuldigen, dass ich es nicht zur Trauerfeier geschafft habe. Im Krankenhaus war der Teufel los.«

Corinna machte wirklich den Eindruck, dass sie ihr Fehlen bedauerte.

»Hey, der Gedanke zählt. Für Flo allemal. Er wird es verstehen, wo immer er jetzt ist.«, was für eine peinliche Phrase, aber ich fand sie in jenem Moment passend.

»Danke!«, Corinna sah mich mit einem beruhigten Ausdruck an, »Hättest du einen Moment Zeit für mich?«

Eigentlich wollte ich packen und aus Lübeck abhauen. Aber Corinna sah mich fast flehend an und triggerte meinen Nicht-Nein-Sagen-Können-Tick.

»Ähm…«, stammelte ich unbeholfen.

»Bitte, Sebastian, es würde mir sehr viel bedeuten.«, bettelte Corinna und schaute mich mit ihren großen Kulleraugen an.

Ich wurde schwach: »Ok, komm mit ins Hotel.«

»Wäre es ein zu großer Wunsch, wenn ich dich bitte würde mit mir zu kommen? Du könntest mich nach Hause fahren. Gleich bricht ein Unwetter los und ich habe keine Jacke. Du wärst mein Retter!«

Corinna sah so flehend und der Himmel bedrohlich schwarz aus, dass mein Widerstand zerbröselte, wie trockene Kekse. Als dann auch noch eine heftige Gewitterböe aufbrauste und ein krachender Blitz über den Himmel zuckte, blieb mir nur ein: »Steig ein!«, übrig.

Corinna himmelte mich glücklich an, lief auf die andere Seite des Porsches und stieg ein. Ich seufzte und stieg ebenfalls ein. Corinna gab das Ziel vor und ich selbiges in das Navisystem ein. Wenig später fuhren wir die Fackenburger Allee Richtung Segeberg und Gewitter hinauf. Corinna erzählte, dass sie in einem Dorf zwischen Lübeck und Segeberg wohnte. Genau aus dieser Richtung kam uns die Gewitterfront entgegen. Mit jedem Kilometer, den wir fuhren, wurde es dunkler. Als wir die A1 kreuzten oder besser unterquerten, musste ich das Abblendlicht einschalten. Es war zwar erst gegen drei Uhr Nachmittag, aber bereits zappenduster. Und die Dunkelheit nahm weiter zu. Kurz hinter dem Ortsausgangsschild prasselten die ersten Regentropfen auf die Windschutzscheibe nieder.

Wir hatten Stockelsdorf gerade hinter uns gelassen, als das Unwetter richtig los brach. Selbst auf der 2. Scheibenwischerstufe, war es kaum möglich die Straße zu erkennen. Es war, als wenn man durch eine Wasserwand fahren würde. Obwohl von fahren konnte nicht mehr die Rede sein. Kriechen, war ein viel passender Begriff, da wir uns mit bestenfalls 20 km/h vorwärts bewegten. Wie auf Bestellung quäkte aus dem Autoradio die Stimme des Nachrichtensprechers. Er verlas eine Warnung des DWD, der vor einer Unwetterfront mit Starkregen, Sturmböen und Gewitter für den Bereich Kreis Segeberg, Kreis Ost-Holstein, Lübeck und Lübecker Bucht warnte. Ich dachte bei mir noch »etwas spät«, um mich sofort wieder auf die nicht vorhandene Straße zu konzentrieren.

Ich hätte mich auf Corinna konzentrieren sollen. Ich hätte dann bemerkt, dass Corinna in ihrem Rucksack nach etwas suchte. Doch ich suchte nach der Fahrbahn. Nachdem die Wischblätter eine Stelle auf der Windschutzscheibe überstrichen hatten, blieb gerade mal ein Wimpernschlag Zeit, um ansatzweise etwas von der Fahrbahn zu erkennen.

»Das ist Wahnsinn bei diesem Wetter weiterzufahren. Ich halte auf dem Seitenstreifen.«, erklärte ich Corinna, obwohl ich eher versuchte meine Nerven zu beruhigen. Draußen tobte das heftigste Unwetter, das ich jemals erlebt hatte. Von Zeit zu Zeit zuckten Blitze über uns hinweg und ließen das Äußere des Wagens grell erstrahlen. Dann brach wiederum der Donner in einer Stärke los, dass man ihm im Lenkrad als Vibrationen meinte fühlen zu können.

Ich war gerade dabei den Seitenstreifen anzupeilen, als mich plötzlich etwas am Hals stach.

»Au!«, schrie ich auf, »Verdammt was war das?«

»Das, mein lieber Sebastian, ist eine Giftspritze. vielleicht sagt dir Kaliumchlorid etwas. Es stoppt den Herzschlag, du bekommst einen Herzinfarkt. Sehr unangenehm, sehr schmerzhaft und sehr tödlich, aber du sollst ja auch etwas von deinem Tod haben. Nicht wahr? Aber hab’ keine Angst, noch steckt die Kanüle nur in deinem Hals.«

»Corinna, bist du wahnsinnig? Was machst du?«, schrie ich panisch auf. Ich war mir nicht sicher, ob sie das Kaliumchlorid überhaupt in meine Adern pumpen musste. Allein ihre Worte reichten aus, um Herzrhythmusstörungen zu verursachen.

»Wahnsinnig? Ich?«, Corinnas Stimme war eine Mischung aus Eiseskälte, Hass und Wahnsinn, »Du und Florian, ihr habt mein Leben zerstört. Dafür müsst ihr büßen. Flo hat es schon. Schade, dass er nie erfahren hat, wer ihm die Schlaftabletten verabreicht hat. Dieser naive Idiot. Er war so dankbar, dass ich ihm bei seiner Suche nach Flips Todesursache helfen wollte, dabei hatte er sie die ganze Zeit vor seiner Nase.«

»Du hast Flip und Flo umgebracht? Warum? Corinna, was haben wir dir getan?«

Mein Herz wollte vor Angst aus meiner Brust springen. Aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass Corinna eine Injektionsspritze in meinen Hals gerammt hatte. Ihr Daumen ruhte auf dem Kolben, der offenbar noch voll war. Die Flüssigkeit sah ganz harmlos aus, wie Wasser. Ich musste mich zusammenreißen. Die Gefahr auf der Straße jemanden anzufahren oder von der Fahrbahn abzukommen, erschien mir plötzlich lächerlich zu werden. Corinna wollte mich umbringen, nur zu. Sollte sie! Ich beschleunigte den Wagen, fuhr tiefer in das Unwetter.

»Sebastian was tust du? Hör sofort auf damit!«

»Du willst mich umbringen?«, meinte ich kalt, »Nur zu! Nur wirst du dabei selbst dran glauben müssen! Ich bin mal gespannt, wie du den Wagen unter Kontrolle bringen willst, wenn ich hinter dem Lenkrad krepiere.«

Hatten wir ein Patt? Corinna mochte ihren Daumen auf dem Kolben haben. Ich hatte meinen rechten Fuß auf dem Gaspedal.

»Sebastian, du hältst sofort an, oder…«, kreischte Corinna.

»Oder was?«, fauchte ich zurück, »Wir werden beide draufgehen! Aber das dürfte dir ja eigentlich nichts ausmachen, schließlich, habe ich dein Leben zerstört’, oder wie war das?«

Rechter Fuß? Da war doch was?

»Du bist ein Schwein!«,

»Sagst wer? Was bist du denn? Du hast Flo umgebracht, warum? Du hast Flip umgebracht? Warum, verdammt? Was haben wir dir getan?«

»Oh, ich habe auch deine Eltern auf dem Gewissen. Obwohl das ein Versehen war, wie konnte ich wissen, dass du keine Pilze isst.«

Das war der Moment, wo die Welt für einen Moment aufhörte zu existieren. Für einen Moment war alles sehr weit weg. Meine Eltern… Mein Herzschlag setzte aus. Ich keuchte, musste tief durchatmen, Tränen schossen in meine Augen. Meine Eltern… Corinna war kein Mensch. Sie war der Teufel. Doris mag eine selbstsüchtige Erpresserin gewesen sein. Aber Corinna?

Ich jappste nach Luft. Die verfluchte Frau hatte mir mit einem einzigen Satz den Boden entzogen. Ich hatte den Tod meiner Eltern immer für einen tragischen Unfall gehalten, einen verdammt tragischen Unfall. Aber es war kein Unfall gewesen. Es war…

»Brems!«, kreischte Corinna und riss mich zurück in die Wirklichkeit. Vor uns leuchteten die Rücklichter eines LKWs auf. Statt voll in die Eisen zu gehen, versuchte ich den Lastkraftwagen zu umfahren. Im Blindflug, denn sehen konnte man nach wie vor nichts. Bremse, ABS, ESP, ASR und eine doppelte Dosis Glück bewahrte uns davor, vorzeitig ins Gras zu beißen.

»Du bist wahnsinnig!«, schrie Corinna und bohrte die Kanüle etwas tiefer in meinen Hals.

»Ja, das bin ich!«, kicherte ich und ließ meine Stimme möglichst durchgeknallt klingen, »Soll ich noch etwas schneller fahren?«

»Du bringst uns beide um!«, jammerte Corinna.

»Das ist jetzt aber etwas absurd von dir. Wer hat mir denn gerade eine Giftspritze in den Hals gerammt und will mich umbringen? Schätzchen, wie es aussieht, habe ich nichts zu verlieren. Du willst Rache? Bitte, aber dann bist du ebenfalls fällig. Ich nehme dich mit ins Grab. So leicht kommst du mir nicht davon. Du hast alles zerstört, was mir lieb und teuer war.«

Rechter Fuß? Verdammt, da war wirklich etwas. Was hatte Adrian über meinen rechten Fuß gesagt?

Corinna kochte vor Wut. Ihr Plan war nicht aufgegangen. »Was willst du?«, schrie sie mich an.

»Was wohl? Zieh ganz vorsichtig die Kanüle aus meinem Hals und werfe das Teil aus dem Fenster.«

»Träum weiter!«, fauchte Corinna, »Du bist heute fällig.«

»Na gut…«, entgegnete ich lakonisch und gab noch etwas mehr Gas.

»Sebastian!«, kreischte Corinna.

Was für ein Glück, dass dieser Sportwagen wie ein Brett auf der Straße lag. Die Tipptronic schaltete perfekt im richtigen Moment. Der Porsche signalisierte zwar durch heftiges Warnleuchtengeblinke, dass die kleinen Fahrhelferlein bis an die Grenze der Physik belastet wurden, doch schien mir die Gefahr, von Corinnas Spritze getötet zu werden höher zu sein, als durch einen Unfall. Vielleicht lag ich auch falsch.

Tipptronic? Bein? Kupplung? Natürlich! Schlagartig fiel es mir ein. Der stille Überfallalarm. Wenn ich schon von dieser durchgeknallten Frau umgebracht werden soll, dann sollte das auch jeder erfahren. Es sollte jeder wissen, welche Wahnsinnige neben mir im Auto saß und was sie angerichtet hatte. Das war ich meinen Eltern, Flip und Florian einfach schuldig.

Vorsichtig ertaste ich mit meinem linken Bein den Alarmschalter. Corinna durfte auf keinen Fall etwas merken. Aber das war unwahrscheinlich. Für jemand, der man angeblich das Leben zerstört hatte, hing sie erstaunlich stark an selbigen. Völlig unbemerkt konnte ich den Alarmtaster betätigen.

 

Todesengel

»Das nennt mal dann wohl ein Patt…«, mein Verstand arbeitete auf Hochtouren. Irgendwie musste ich der Sicherheitszentrale klarmachen, in welcher Situation ich mich befand. Plötzlich keimte so etwas wie Hoffnung in mir auf. Hoffnung auf Rettung. Doch wie sollte die erfolgen? Irgendwann würde mir der Sprit ausgehen. Und dann?

»Wie meinst du das?«

»Ich versuche, die Situation objektiv zu sehen. Du willst mich mit einer Spritze voll Kaliumchlorid umbringen. Nur, dass ich mit aberwitziger Geschwindigkeit durch die Landschaft rase, hält dich davon ab, es zu tun. Ich nenne das ein Patt.«

Corinna reagierte gepestet: »Das habe ich immer an dir gehasst. Deine gottverdammte, pedantische Sachlichkeit. Was willst du?«

»Weiterleben!«, sie sollte wissen, dass ich nicht kampflos aufgeben würde.

»Träum weiter.«

»Ok, was anderes. Warum?«, wechselte ich das Thema. Ich musste Corinna zum reden bringen. Wenn ich Adrian richtig verstanden hatte, würde alles, was gesprochen wurde, zur Sicherheitszentrale übertragen werden.

»Warum was?«, fragte Corinna genervt.

»Moment…«, der Regen hatte ein wenig nachgelassen und die Straße wurde wieder sichtbar. Trotzdem war mein Tempo jenseits von gut und böse. Meine Überholmanöver waren mehr als gewagt. Ich überholte gerade einen Lupo, als uns ein dicker Daimler entgegenkam und uns mit seinen Xenonscheinwerfern hektisch anflackerte. Ich quetschte den Porsche zwischen Daimler und Lupo durch die sehr schmale Mittelgasse.

»Sebastian…«, Corinna war kurz davon in ihre Hosen zu pissen.

»Warum willst du mich umbringen? Warum hast du Florian, meine Eltern und Flip ermordet? Corinna, warum? Du schuldest mir eine Erklärung!«

»Mein Gott bist du so ignorant oder einfach nur blöd! Du hast mich der Liebe meines Lebens beraubt.«

»Hä?«, wen meinte sie jetzt.

»Mann! Du Idiot, ich rede von Christian!«

»Das versteh ich nicht.«, ich log, denn ich ahnte, was sie dachte. Arme Corinna.

»Ich habe ihn geliebt! Wirklich geliebt! Ich hätte ihm alles gegeben, nein, ich habe ihm alles gegeben. Aber jedes zweite Wort von Christian war Sebastian. Sebastian hier, Sebastian dort. Er hat dich vergöttert und du hast es nicht mal gemerkt. Ich musste mir Christian immer mit dir teilen. Selbst als du mit Babs zusammen warst, dieser eingebildeten Zicke, sprach Christian nur von dir. Wie stolz er auf dich war, dass du eine solch tolle Freundin hattest. Weißt du wie demütigend das war? Ich war seine Freundin! Ich sollte an erster Stelle kommen und niemand anderes!«

Corinnas Stimme klang sehnsüchtig. Dann machte sie eine Pause. Als sie weiter sprach, war  ihre Sprache hart und kalt: »Und dann kam Flo. Zuerst hegte ich noch Hoffnungen, dass du und Christian euch durch Flo einander entfremden würdet. Aber nein, Christian wurde richtig eifersüchtig auf euch. Jetzt wart ihr beide sein Dauerthema. Und als man euch dann outete, wurde es noch schlimmer. Christian verbitterte, ich kam gar nicht mehr an ihn ran. Verdammt, ich habe ihn geliebt, aber du hast ihn mir gestohlen.«

»Und deswegen hast du meine Eltern umgebracht?«

»Das war ein Versehen. Es sollte eigentlich dich treffen. Wie konnte ich wissen, dass du keine Pilze isst? Aber was sollte ich tun? Wenn ich Christian zurückgewinnen wollte, musstest du verschwinden.«

Ihre aberwitzige Logik war beängstigend. Corinna war definitiv verrückt. Um mich zu vergiften hätte sie den Tod meiner Eltern in Kauf genommen? Quasi als bedauerlichen Kollateralschaden?

»Wie?«

»Ach, das kam ganz spontan. Ich traf deine Eltern beim Pilze sammeln. Du erinnerst dich, wir wohnten im Nachbardorf. Ich war mit meiner Mutter ebenfalls Pilze sammeln. Ich hatte drei grüne Knollenblätterpilze im Korb. Ich weiß nicht mehr, warum ich die überhaupt aufgesammelt hatte. Jedenfalls kam mir die Idee, dass ich dich damit elegant loswerden könnte. Ein bedauerlicher Unfall. Das einzige, was ich machen musste, war die Pilze in den Korb deiner Eltern legen. Sie achteten immer sehr genau darauf, was sie ausgruben, aber wenn es einmal in ihrem Korb lag, interessierte es sie nicht mehr.«

Mir fröstelte vor soviel Kaltblütigkeit. Corinna erzählte ihre kleine Geschichte, als wenn es das selbstverständlichste auf der Welt war, unliebsame Personen einfach zu ermorden. Es klang sogar so, als wenn sie ein wenig stolz war. Es war die typische Selbstverliebtheit der Wahnsinnigen auf ihre Genialität.

»Und warum hast du es nicht noch mal versucht?«, die Frage lag auf der Hand.

»Oh, das wollte ich, doch du bist dann einfach nach Berlin gezogen. Na ja, das holen wir ja heute noch nach. Du weißt doch, aufgeschoben ist nicht aufgehoben.«

Corinnas Erzählung begann wieder ähnlich wie Kaliumchlorid zu wirken. Mir schnürte sich der Brustkorb zu und ich fing an zu frösteln.

»Und was hatte das mit Flip zu tun?«

»Och, der arme kleine Flip. Zuerst nichts. Eigentlich wollte ich nur, dass Flo sich von dir trennte. Ich wollte dich leiden sehen, so wie du mich hast leiden lassen. Ich wusste ja, wie sehr du Flo geliebt hast. Ach wäre das schön, dir die gleichen Qualen zu bereiten, die ich ertragen musste. Aber wie sollte ich euch auseinander bringen? Zuerst sah ich keinen Ansatzpunkt, doch dann kam mir der Zufall zur Hilfe. Flip beichtete mir, dass er unsterblich in dich verliebt war.«

Mir wurde kurz schwarz vor Augen. Also doch, Flip war schwul und hatte mich geliebt. Ja, natürlich, jetzt fiel mir alles wieder ein. Flip hatte mich von der Schule nach Hause gebracht. Er wollte mit mir reden. In meinem Zimmer fiel er dann über mich her und übersäte mich mit Küssen und erzählte mir, wie sehr er mich liebte. Als ich ihm dann erzählte, dass es für mich nur Flo gab, kam es zu einer Szene, einem Streit. Ich würde lügen. Das zwischen mir und Flo wäre doch schon seit Langem aus. Und dann fing er an zu heulen, warum ich ihn denn nicht wolle. Er wäre bestimmt mindestens ein so guter Liebhaber wie Flo.

Ich hatte dann die Nerven verloren. Ich wusste nicht, wie ich mit Flip umgehen sollte und schmiss ihn raus. Das war es, was mich jahrelang gequält hatte. Ich hatte ihn in seinem Zustand einfach sich selbst überlassen. Plötzlich sah ich die Erinnerung glasklar vor mir. Die Geschichte ging noch weiter. Flip rief mich später noch mal an. Er entschuldigte sich, die Nerven verloren zu haben und dass ich ihn deswegen nicht hassen soll. Ich versicherte ihm, dass ich das niemals tun würde, aber er müsse einfach einsehen, dass ich mit Florian zusammen war.

Flip weinte. Mein Gott, ich hörte plötzlich seine traurige Stimme deutlich in meinem Kopf. Es war wie damals. Er meinte, er würde mich lieben, er könne nichts dagegen tun, aber wenn es so sei, dass ich Flo liebte und nicht ihn, dann würde er das akzeptieren. Und dann fragte er mich, ob er noch schnell vorbei kommen könnte, um seinen Rucksack abzuholen.

Der Rucksack mit seinen Schulsachen. Er stand bei uns ihm Flur. Als ich Flip rausgeschmissen hatte, blieb er liegen. Natürlich könne er ihn abholen.

»Ich danke dir und bitte, verzeih mir, für alles!«

Ich wartete auf Flip, aber kam nie bei mir an. Ich begann mir Sorgen zu machen. Seine letzten Worte fielen mir wieder ein und machten mir Angst: »Verzeih mir, für alles!«

Und dann kam die Nachricht von seinem Unfalltod.

»Mein Gott, er hat Selbstmord begangen, wegen mir!«, war mein erster Gedanke. Sein Anruf war in Wirklichkeit ein Abschiedsanruf gewesen. Seinen Rucksack hätte ich ihm auch am nächsten Tag in die Schule mitbringen können. Ich hatte Flip auf dem Gewissen. Jedenfalls war es das, was alle, sogar ich, glaubten.

»Ja, ja! Ich sehe, du erinnerst dich an die nette kleine Geschichte.«, meinte Corinna, »Ach dieser dumme kleine Flip. Ich habe ihn monatelang scharf gemacht. Ihm zugeflüstert, dass es zwischen dir und Flo kriseln würde, dass ich dies aus aller ersten Hand wissen würde. Ach, der Kleine war überglücklich. Erinnerst du dich noch an den Tag?«

Der Tag? Ja, inzwischen erinnerte ich mich an den Tag. Ich hatte mich mit Florian gestritten, was zugegeben sehr, sehr selten vorkam und nie richtig lange anhielt. Flo hatte Stress mit Antje gehabt. Natürlich ging es wieder einmal um seine Beziehung zu mir. Ich hatte ihm angeboten mit seiner Mutter zu sprechen, sogar angefleht hatte ich ihn. Aber Florian war ein Dickkopf. Mit Antje würde er selber klar kommen.

»Gut, dann tu das. Aber heul mich nicht voll!«, hatte ich ihn angeschrieen, was mir sofort schmerzlich leid tat. Aber gesagt ist gesagt und ich war zu stolz, mich zu entschuldigen. Flo ging weg und ich ging weg.

»Ja, ich erinnere mich an jenen Tag.«, beantwortete ich Corinnas Frage.

»Es war einfach perfekt. Ich habe dich und Florian streiten sehen. Ich musste Flip nur noch einen kleinen Schubs geben. ,Frag doch Sebastian, ob du ihn nach Hause fahren kannst. Ich glaube, zwischen ihm und Flo ist es aus. So wie die sich gestritten haben.’  Du hättest das Strahlen in seinem Gesicht sehen sollen. So glücklich war er.«

Diese Frau verursachte Übelkeit. Wie konnte jemand nur so kalt und berechnend sein. Allerdings verstand ich nicht, wieso Flip sterben musste.

»Ach, das…«, kam es lakonisch von Corinna, »Das war Notwehr. Wie konnte ich ahnen, dass du Flip rausschmeißen würdest. Ihr Schwulen seid doch sonst nicht so zimperlich, wenn ihr einen knackigen Arsch vor euer Rohr bekommt. Aber du musstest natürlich wieder den treuen Freund spielen. Heuchler. Geb doch zu, dass du Flip gerne durchgeknallt hättest.«

»Nein, nicht durchgeknallt. Flip war süß, sogar sehr süß und sicherlich wäre er auch ein toller Freund. Aber er war nicht mein Freund, das war Florian und nur Florian.«

»Ja, ich weiß. Deine penetrante Aufrichtigkeit ist einfach ekelhaft.«

»Warum musste Flip sterben? Sag es mir!«, um meinem Wunsch etwas mehr Nachdruck zu verleihen, gab ich ein wenig Gas.

»Ist ja gut, ich erzähle es dir!«, meinte Corinna nervös, »Als Flip von dir vor die Tür gesetzt wurde, fuhr er nach Hause und hatte nichts Besseres zu tun, als Sören anzurufen, um sich bei ihm auszuheulen. Natürlich war Sören überrascht, wie Flip überhaupt auf die Idee gekommen war, dass du dich von Flo trennen würdest. Aber Sören bekam nichts aus ihm raus. In seiner Verwirrung über Flip rief mich Sören an. Ihm wäre aufgefallen, dass Flip und ich in den letzten Wochen und Monaten ein recht enges Verhältnis zueinander entwickelt hätten. Und da ich ihn, Flip, wohl am Besten von uns allen kennen würde, wollte er, Sören, mich fragen, ob ich mir erklären könnte, wie Flip auf die Idee gekommen sei, dass Flo und Sebastian sich getrennt hätten. Natürlich beteuerte ich Sören, dass ich nicht die geringste Ahnung hätte, Flip aber sofort anrufen und mit ihm sprechen würde. Worauf Sören meinte, dass ich es bald tun sollte, weil Flip nochmals zu Sebastian, zu dir, wollte. Du kannst dir vorstellen, dass ich nicht begeistert war. Wenn rausgekommen wäre, dass ich den Kleinen auf dich angesetzt hatte, wäre mein ganzer Plan aufgeflogen. Das musste ich natürlich verhindern, das verstehst du doch?«

Ist das die Form in der sich Wahnsinn zeigt? Corinna glaubte wirklich, dass sie nicht nur das Recht hatte Flip umzubringen, sondern, dass es auch eine logische, ja fast schon zwingende Notwendigkeit war. Schließlich hätte Flip ihren Plan, mein Leben zu zerstören, verraten können.

Träumerisch, als wenn sich Corinna nicht mit mir, sondern in einem Monolog mit sich selbst befand, fuhr sie fort: »Es war so einfach. Einfacher als ein Mofa zu frisieren. Niemand wäre nach dem Unfall auf die Idee gekommen, sich das Lenkgestänge anzusehen. Ich hätte nie gedacht, dass sich Flips kleiner Unfall als echter Glücksgriff entpuppte. Die ganze Schule sah dich endlich als das Arschloch, das du bist. Selbst Flo hat sich ja dann endlich von dir getrennt.«

Mir lag eine Entgegnung auf der Zunge. Ich wollte Corinna erzählen, dass sich Flo eben nicht von mir getrennt hatte, sondern ich mich von ihm, um ihn zu schützen. Aber etwas in Corinnas Stimmung hielt mich davon ab. Stattdessen fiel mein Blick auf die Strasse. Der Starkregen hatte abgeebbt. Vom Himmel rieselte nur ein leichter Landregen herab. Ich versuchte mich zu orientieren, dabei fiel mein Blick auf das Navisystem. Zuerst bemerkte ich gar nicht, was mir das Navisystem sagen wollte. Wie hatten nicht nur die Gewitterfront hinter uns gelassen sondern auch Bad Segeberg. Offensichtlich befanden wir uns auf einem Weg in Richtung Neumünster. Jedenfalls meinten dies die Straßenbeschriftungen auf der Graphik und der Richtungspfeil.

Richtungspfeil?

Wieso gab es noch einen Richtungspfeil? Das Ziel, das ich am Anfang der Fahrt programmiert hatte, lag deutlich vor Bad Segeberg. Der Richtungspfeil führte uns immer weiter von diesem Ziel weg. Verdutzt glotzte ich auf die Anzeige und hätte fast alles verdorben, wenn sich nicht im selben Moment Corinnas Giftspritze in meinem Hals schmerzhaft in Erinnerung gebracht hätte.

»Wie lange soll diese Farce noch gehen?«, fragte Corinna, »Du weißt, dass ich gewonnen habe. Ich weiß, dass du dich mit deinem neuen Freund verkracht hast, ich habe dich gesehen und gehört, als ihr miteinander telefoniert habt. Du Schwein hast mit Christian geschlafen. Allein dafür hast du den Tod verdient. Genauso, wie sein kleiner Freund, dafür habe ich gesorgt. Wenn ich Christian nicht haben darf, dann soll ihn gefälligst keiner bekommen.«

Jan? Meinte sie Jan? Sie konnte doch unmöglich auch für Jan einen Unfall vorbereitet haben. Hoffentlich hörte jemand mit. Sollte ich diesen Albtraum nicht überleben, sollten wenigstens Jan und Christian miteinander glücklich werden. Corinna durfte keinen Erfolg mehr haben.

»Wie lange? Solange der Sprit reicht und der reicht noch lange. Und eins verspreche ich dir. Bevor der Wagen stehen bleibt, setzte ich die Karre gegen einen Brückenpfeiler! Du kommst hier genau so wenig lebend raus, wie ich!«

Das dämpfte Corinnas Enthusiasmus ein wenig, steigerte aber im Gegenzug ihren Ärger, wie ich deutlich am meinem schmerzenden Hals spürte.

»Eins muss man dir lassen, du warst genial.«, begann ich Corinna Honig ums Maul zu schmieren, teilweise um sie abzulenken, teilweise um sie ein wenig zu beruhigen, »Niemand wäre je auf die Idee gekommen, dass meine Eltern und Flips Tod in Wirklichkeit Mordanschläge waren. Selbst Flos Tod halten alle, bis auf Olli und mich, für einen Selbstmord.«

»Ach ja, Florian. Wieso musste er auch unbedingt für deine Rehabilitierung kämpfen? Die ganzen Jahre war er ständig damit beschäftigt, nach neuen Beweisen zu graben. Und er grub tief, sehr tief. Bei dieser selbstsüchtigen, neugierigen und intriganten Kuh Doris wurde er doch tatsächlich fündig. Doris wusste, dass Flip schwul war. Sie wusste sogar, dass jemand aus unserem Kreis Flip eingeredet hatte, dass ihr zwei euch trennen wolltet. Ich weiß nicht woher diese Zicke das alles wusste, aber es war genau die Informationen, die Florian erst richtig auf Trab brachten. Ich bekam davon nur durch Zufall mit. Doris besuchte eine ihrer lesbischen Freundinnen in unserer Klinik, wo wir uns übern Weg liefen. Doris plapperte sofort los. Ihren ganzen Schwampf von fraulicher Solidarität und dem Irrglauben der Männer, die dachten sie könnten lieben. Männer seien nach neuesten Erkenntnissen genetisch gar nicht in der Lage dazu. Du kennst ihren Schwachsinn. Jedenfalls erzählte sie auch von Flo und dass sie mit ihm gesprochen hatte. Bei mir läuteten alle Alarmglocken. Nachdem ich Doris Freundin von ihren Leiden erlöst hatte, kümmerte ich mich um Flo. Ich verfolgte seine Spur. Er war tatsächlich dabei, die Sache mit Flip zu rekonstruieren. Was blieb mir denn anderes übrig, als ihn zu stoppen?«

Hatte ich Corinna richtig verstanden? Hatte sie nebenbei einen weiteren Mord gestanden? Was war das für eine Frau? Ich war kein Mediziner, aber mir dämmerte, dass Corinna krank war. Nicht einfach dieses dahingesagte »du bist verrückt«. Sie war es wirklich. Corinna war psychisch krank und das auf eine Art, die mir immer unheimlicher wurde. Corinna war einer der intelligentesten Köpfe auf unserer Schule. Kein Wunder, dass sie eine der besten Abiturnoten erhielt, die je ein Schüler in unserem Laden zustande gebracht hatte. Aber dieser klare, analytische Verstand verlor zusehends die Kontrolle über Gut und Böse. Corinna schien Morde wirklich als notwendige Maßnahmen anzusehen. So, als wenn man einen Zahn ziehen müsste.

Blackout

»Und was hast du dann getan?«, nahm ich Corinnas Erzählfaden wieder auf.

»Du kennst doch den Spruch: , Angriff ist die beste Verteidigung’  Ich rief Florian an, ob wir uns nicht bei ihm treffen könnten. Ich hätte gehört, dass er dich rehabilitieren wollte und hätte zu diesem Zweck ein paar Informationen.«

Die Alte war wirklich gerissen. Mich hatte sie ebenfalls reingelegt. Ich konnte es mir lebhaft vorstellen, wie Flo, nach neuen Informationen gierend, Corinna sofort zu sich einlud. Der Arme hatte nicht den geringsten Verdacht geschöpft, dass er sich damit die Viper direkt an seine Brust setzte. Mein armer, armer Flo. Der Versuch mich zu entlasten hat dich dein Leben gekostet.

Mein Blick fiel erneut auf das Navisystem. Seidenwicklerallee? Las ich richtig, was auf dem Display stand? Ja, ganz deutlich leuchtete Seidenwicklerallee auf und dass ich selbiger noch 7 km folgen sollte. Ich folgte und versuchte so selten und unauffällig wie möglich, das Navisystem im Auge zu behalten. Adrian? Es konnte nur Adrian sein, der mir über die Sicherheitszentrale eine Nachricht zukommen ließ. Plötzlich wurde mir klar, was los war. Sie führten mich. Die Sicherheitszentrale oder die Polizei lotsten mich still und heimlich mit Hilfe des Navisystems. Hoffnung keimte in mir auf. Vielleicht gab es doch noch eine Rettung.

»Du hast Florian besucht?«, fragte ich, um Corinna weiter abzulenken.

»Ja, mit einer Flasche Rotwein… Von der ich nicht getrunken habe.«, Corinna seufzte, »Der arme Flo, es hat ihn ziemlich überrascht zu erfahren, wer wirklich hinter Flips Tod stand. Pech für ihn, dass er da schon zu schwach war, um sich retten zu können. Ein paar Minuten später konnte er sich nicht mehr wach halten und schlief für immer ein. Ich muss sagen, dass ich eurem schwulen Körperkult wirklich dankbar sein muss. Wenn Flo ein fetter Heteroproll gewesen wäre, hätte ich ihn nie in die Badewanne bekommen. Aber der Junge wog ja nix.«

Ich wollte Corinna diesen Triumph nicht gönnen, trotzdem kamen mir die Tränen. Diese Worte aus ihrem Mund zu hören, ihren ätzenden Sarkasmus ertragen zu müssen, war einfach zu viel für mich.

»Damit wirst du nicht durchkommen!«, fauchte, heulte und zeterte ich, »Diesmal werden sie dich kriegen! Verlass dich drauf, diesmal bist du fällig.«

»Wie sollte das passieren?«, fragte Corinna kalt, »Alle werden denken, dass du dich umgebracht hast. Du hast mit Christian geschlafen und deinen Freund betrogen. Ich seh ihn schon vor mir, wie er heulend der Kripo erzählt, wie ihr euch gestritten habt. Und auch wenn es ein falsches Klischee ist, jeder wird denken, Typisch schwule Arschficker, können einfach nicht treu bleiben und hinterher ist das Gejammer groß.’  Niemand, mein lieber Sebastian, wird deinen Selbstmord in Frage stellen.«

»Irgendwann wirst auch du einen Fehler machen und dann haben sie dich am Arsch.«

»Ich? Einen Fehler? Ich bitte dich? Du unterschätzt den Wunsch der Menschen, nur das zu sehen, was sie sehen wollen. Niemand wird bezweifeln, dass dein Tod leider ein tragischer, aber für euch Schwule, typischer Selbstmord war.«

»Du bist der Teufel…«

Ich verlor ein wenig die Kontrolle über meine Emotionen. Aber Corinna war, selbst wenn sie wirklich psychisch krank sein sollte, extrem schwer zu ertragen. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass sich Corinna in der Landschaft umsah.

»Wo fährst du eigentlich mit uns hin?», fragte Corinna. Sie war drauf und dran, unsere Fernführung zu entdecken.

»Moment mal!», schreckt sie auf, und ließ meine größte Sorge Realität werden, »Du folgst dem Navisystem. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass du ein anderes Ziel eingegeben hast, außer dem, welches ich dir am Anfang gesagt hatte. Was läuft hier ab?«

Hatte sie mich jetzt an den Eiern? In Ultrahochgeschwindigkeit versuchte ich meine Überlebenschancen durch zu kalkulieren. Welche Alternativen hatte ich? Anhalten und mich vergiften lassen? Gas geben und einen Unfall forcieren in der Hoffnung, dass Corinna die Kontrolle über die Spritze verlor? Ich brauchte Zeit, mehr Zeit. Wenn man der Ankunftszeit glauben konnte, dann lag unser Ziel in einer Entfernung von vier Minuten, wie viel das auch immer in Kilometern sein mochte. Vielleicht hatte man etwas vorbereitet? In den letzten Minuten war uns kein Wagen entgegengekommen und im Rückspiegel konnte ich auch niemanden ausmachen. Also, wie konnte ich Zeit gewinnen?

»Du hast verloren!«, pokern und hoffen. Erklärungen hinauszögern.

»Was soll das heißen?«, Corinna klang extrem gereizt. Ahnte sie, dass ihr Geheimnis keins mehr war?

»Nun…«, fing ich langsam an und beschleunigte dabei, »Du hättest dich etwas mehr mit dem Eigentümer des Wagens auseinandersetzen sollen.«

Ihre Gegenfrage brachte mir 10 Sekunden: »Ein reiches Kind. So ein Berufssohn. Was hat das mit uns zu tun.»

»Adrian kein reiches Kind. Er ist ein stinkreicher Mann. Sagt dir der Name Seidenwickler nichts?«

»Seidenwickler?«, in Corinnas Schädel arbeitete es. Wieder ein paar Sekunden auf der Habenseite.

»Seidenwickler und Melchior AG. Adrian ist einer der Erben.«, erklärte ich und hoffte, dass sie am Ball blieb und mich aufforderte weiter zu erklären. Das Navisystem zeigte eine ETA von 3 Minuten.

»Was hat das alles mit uns zu tun? Schön, er wird dir einen Chromsarg spendieren. Das erklärt nicht das Navisystem.«

»Doch!«, meinte ich und machte eine Pause von 5 Sekunden, »Das Navisystem ist Teil eines Sicherheitssystems gegen Unfälle und auch gegen Entführungen.«

Das saß! Corinna wurde grün vor Wut.

»Du hast einen Alarm ausgelöst!«, fauchte sie mich kochend an.

»Ja, hab’ ich. Der Knopf befindet sich links unter meiner Seite des Armaturenbretts.«, erläuterte ich so langsam wie möglich. 2 Minuten.

»Wann?«

»Unmittelbar nach dem du mir die Gifstspritze in den Hals gerammt hast.«, das stimmte zwar nicht, aber woher sollte Corinna wissen, dass ich bluffte?

»Schalt es aus! Schalt es sofort aus!«, keifte sie los.

»Das kann ich nicht. Die Sicherheitszentrale hat die Kontrolle übernommen. Alles was im Wagen gesprochen wurde, wurde aufgezeichnet und an die Polizei übermittelt.«

»Nein!«, kreischte Corinna, »Du lügst! Das denkst du dir nur aus, weil du überleben willst. Du konntest schon immer gut bluffen, aber diesmal fall ich nicht auf dich rein. Ich kenne mich mit Autos aus, aber von solch einem System habe ich noch nie etwas gehört.«

Hm, dass ging wohl daneben. Ich überdachte schnell meine weitere Vorgehensweise. Sie glaubte nicht, dass ihr Geheimnis geplatzt war. Nun gut. Dann musste ich sie eben wieder etwas einschüchtern. Ich gab Gas. Der Wagen beschleunigte und raste auf die Kuppe eines Hügels zu. Die ETA erlosch. Wir überwanden die Kuppe. Nichts geschah. Vor uns lag eine schnurgerade, wie mit einem Lineal gezogene Straße. Kein Mannschaftswagen, kein Blaulicht. Keine Straßensperren. Mein Mut sang auf den Nullpunkt. Meine Hoffnung hatte sich als purer Zweckoptimismus, als Selbstbetrug, entpuppt.

»Du hättest mich fast überzeugt.«, lachte Corinna gehässig und demonstrierte, wie sehr sie mich und meine Verzweiflung durchschaute. Entspannt lehnte sie sich in ihrem Sitz zurück, »Wo ist den deine Kavallerie? Du hast geblufft. Aber irgendwann musstest auch du die Hosen runter lassen. Mich besiegt niemand!«

Die Spritze steckte in meinem Hals und Corinna kostete ihren Triumph aus. Ich ertappte mich bei einem sehr bösen Gedanken: »Corinna, drück ab! Mach diesem Albtraum ein Ende!» Mir war plötzlich alles egal. Es war einfach hoffnungslos. Nichts und niemand würde mich noch retten können.

Doch dann aktualisierte sich der Bildschirm des Navisystem auf das ich ungläubig glotzte.

»Schützenweg, 500m der Straße exakt folgen.«

Meinte das Navisystem das ernst? Wollte man mir wirklich das mitteilen, was ich glaubte, was der Text auf dem Bildschirm bedeutete? Gab es doch noch Hoffnung? Und war es wieder nur ein Trugbild, eine Fata Morgana, die mir mein Verstand vorgaukelte.

Nochmals nahm ich meinen ganzen Mut zusammen. Ich drosselte die Geschwindigkeit auf exakt 100 km/h und fuhr so geradeaus wie möglich.

»Gut, du hast gewonnen! Ich habe ein anderes Ziel eingegeben. Es gibt keinen Überfallalarm.«, gab ich mich geschlagen.

Corinna kicherte: »Ich sagte doch, dass ich immer gewinne. Ich mach dir einen Vorschlag. Du hältst an und wir bringen das hier zu Ende. Ich habe noch eine Spritze mit Natriumpentothal im Rucksack. Du wirst einfach einschlafen und nichts spüren. Keine Quälerei, keine Panik keine Luft mehr zu bekommen. Ich denke, ich sollte großzügig sein. Du hast wacker gekämpft.«

»Ich werde nichts merken?«, ging ich auf Corinnas Vorschlag ein, »Versprichst du mir das?«

»Versprochen!«, meinte Corinna in kaum verdeckter Siegesstimmung.

Ich bremste langsam ab. Mein Ziel war es, möglichst exakt an der Stelle anzukommen, die das Navisystem vorgab. Wenn das nur eine dumme Misinterpretation war, würde ich in wenigen Momenten tot sein.

»Komm ja nicht auf die Idee Dummheiten zu machen. Ich habe meinen Daumen immer noch auf dem Kolben der Spritze.«, wurde ich von Corinna ermahnt, während ich den Porsche zum Stillstand brachte.

Kaum kamen wir zu einem Stop, griff Corinna mit ihrer freien Hand nach ihrem Rucksack und begann darin nach etwas zu suchen.

»Bitte!«, flehte ich innerlich, »Wenn irgend jemand etwas unternehmen möchte, dann jetzt! Ich will noch nicht sterben!«

»Hier ist sie ja!«, jubelte Corinna und hielt eine zweite Spritze in ihrer rechten Hand.

Irgendetwas macht Plöpp, begleitet von einem Geräusch, das wie splitterndes Glas klang. Etwas Feuchtes traf meine rechte Wange. Ich sah mich erschrocken um und schaute in das ebenfalls überraschte Gesicht Corinnas. In der Windschutzscheibe befand sich ein kleines Loch. Corinna sah zuerst irritiert aus, dann begann sie zu brüllen. Die Hand, die die Giftspritze hielt war zerfetzt. Ein Scharfschütze? Wenn ja, dann war er nur halb erfolgreich. Ein Teil der Giftlösung, vielleicht durch die Wucht des Geschosses, war aus der Spritze in meine Blutbahn gedrückt worden. Mir wurde schwummerig und schwarz vor Augen. Wie aus weiter Ferne sah ich um uns Hektik ausbrechen. Maskierte SEK-Kräfte stürmten das Auto. Mir war, als wenn ich Adrian sehen würde… Aber nein, wie sollte er, ich hatte mit ihm Schluss gemacht, ihn ja betrogen. Ich…

Aufräumarbeiten

»Er müsste eigentlich gleich wieder zu sich kommen.«, meinte eine mir unbekannte Stimme, »Seine Kaliumwerte sind fast wieder normal und, was viel wichtiger ist, sein EKG völlig ok. Dem haben seine Nerven mehr zugesetzt, als die drei Tropfen Kaliumchloridlösung..«

»Sebastian? Würdest du bitte aufwachen!«, hörte ich eine Stimme, die ich vor Tagen mit Kaffeeduft verglichen hatte.

»Errhhhnnnn…«, knurrte ich.

»Komm Schatz, die Chance den Märtyrer zu spielen, hast du vertan.«, meinte die Stimme, die eindeutig Adrians war, »Deine durchgeknallte Schulfreundin befindet sich hinter Schloss und Riegel.«

»Was ist mit Jan? Sie hat gesagt, sie hätte sich auch um Jan gekümmert.«, murmelte ich.

»Auch erledigt. Jans Auto war manipuliert. Wäre jemand mit dem Wagen schneller als 120 km/h gefahren, hätte sich das Lenkradschloß blockiert.«

Ich wagte es, meine Augen zu öffnen.

Der Ausblick war eher nüchtern. Er zeigte das Innere eines Rettungswagens. In meinem linken Arm steckte ein Tropf, ein paar Kabel an denen Saugnäpfe hingen, vermutlich vom EKG, klebten auf meiner Brust und an einem Finger meiner linken Hand befand sich ein Puls- und Blutsauerstoffmessgerät. Ein Arzt, ich vermutete, dass es einer war, war gerade damit beschäftigt, meinen Blutdruck zu messen.

»120 zu 70, alles ganz normal.«, meinte er zufrieden, »Dein Freund hat sich gut gehalten. Ich hätte mir in gleicher Situation in die Hose gepisst.«

Und dann kam Adrian ins Bild. Lächelnd und ziemlich zufrieden meinte er: »Na, wie geht’s denn unserem Herzensbrecher?«

»Besser!«, gestand ich ehrlich und wollte mich von der Krankenliege erheben. Weit kam ich nicht. Mir wurde schwarz vor Augen.

»Ho, ho, ho!«, rief der Notarzt, »Junge, alles mit der Ruhe. Lass es ganz langsam angehen.«

Also langsam. Ich atmete einige Male tief durch, schaute hilfesuchend zu Adrian, der mich aufmunternd anlächelte. Ich wartete, bis mich der Arzt von Tropf und Messgeräten abgekoppelt hatte und erhob mich ein zweites Mal. Diesmal allerdings sehr viel langsamer. Es ging. Wenn mir im ersten Moment auch noch etwas wackelig war, gab sich das bald. Ich setzte mich erst einmal auf die Liege und wartete ab, bis sich mein Kreislauf stabilisiert hatte. Nach zwei Minuten stand ich auf. Ich wirkte wohl noch etwas wackelig, denn Adrian sprang sofort auf mich zu und wollte mich stützen.

Ich scheuchte ihn etwas schroff beiseite: »Ich kann das selbst.«

Adrian sah mich verletzt an, schüttelte resigniert seinen Kopf und seufzte.

»Kann ich einen Augenblick an die frische Luft?«, fragte ich den Notarzt.

»Klar! Von meiner Seite können Sie gehen wohin Sie wollen.«, meinte der Arzt und packte seine Sachen weg.

Ich kletterte aus dem Rettungswagen. Adrian folgte schweigend. Das Umfeld hatte sich deutlich verändert. Adrians Porsche stand nach wie vor mitten auf der Straße. Windschutzscheibe und Heckscheibe zierte jeweils ein Schussloch. Damit erschöpfte sich aber bereits die Ähnlichkeit mit der Situation, wie sie mir vor meiner Befreiung in Erinnerung geblieben war. Das Auffälligste zuerst: es wimmelte von Einsatzwagen. Vermummte SEK-Kräfte waren dabei den Einsatzort aufzuräumen. Ein Abschleppwagen näherte sich dem Porsche. Erst da fiel mir auf, dass seine Reifen platt, weil zerschossen, waren. Etwas am Rand stand ein Polizist in Kampfanzug aber unvermummt und sprach gleichzeitig mit zwei Herren in Anzügen, seinem Einsatztrupp und seinem Handy. Als er mich sah, wedelte er hektisch mit seinen Armen, als wenn er mich zu sich ranschaufeln wollte. Ich folgte der Aufforderung und lief zur kleinen Gruppe hin.

»Herr Simon, ich freue mich Sie unter den Lebenden zu sehen. Ich habe gerade mit der Staatsanwaltschaft gesprochen. Ihre kleine Kamikazefahrt dürfte den Herren eine ordentliche Menge Überstunden bereiten. Es wird Sie sicherlich interessieren, dass der Tod ihrer Eltern wieder aufgerollt wird. Gleiches gilt natürlich auch für die anderen Fälle. Ich weiß nicht genau, ob ich ihnen danken oder sie wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr verhaften soll.«, dabei grinste der Einsatzleiter breit, »Nein, das war nur ein Witz. Sie haben uns alle, die wir mitgehört haben, sehr beeindruckt. Niemand von uns wird diesen Tag so schnell vergessen.«

»Sie haben alles mitgehört?«

»Ja. Wir wurden zwar erst später zugeschaltet, haben uns aber parallel die Aufzeichnung angehört.«

»Was ist mit…«, ich sah mich um, konnte Corinna aber nirgends erkennen.

»Ihrer tödlichen Freundin?«, fragte der SEK-Leiter und nickte dabei, »Auf dem Weg zum Haftrichter. Wie es aussieht, wird sie sich für eine ganze Reihe Tötungsdelikte verantworten müssen. Obwohl… Ich glaube nicht, dass sie in einer Haftanstalt landen wird. Wir hatten während der ganzen Zeit eine Polizeipsychologin hinzugezogen. Ihre Meinung war recht eindeutig und wenn sie auch keine Expertin für klinische Psychiatrie ist, so meinte sie, dass ihre alte Schulfreundin vermutlich schwer psychisch krank ist. Aber das werden die Ermittlungen zeigen.«

»Danke!«, meinte ich und wurde mit einem freundlichem Nicken vom Einsatzleiter entlassen.

»Komm, ich bring dich zurück ins Hotel.«, meinte Adrian und führte mich zu einem Firmenwagen der Spedition Kleisterhus und Söhne. Adrian hielt mir die Seitentür des 5er BMWs auf und ich stieg schweigend ein. Adrian lief um den Wagen, stieg ebenfalls ein und fuhr mit uns los. Auch dieser Wagen besaß ein Navigationssystem. Wenn ich die Anzeige richtig interpretierte, hatte ich mich und Corinna irgendwo in die Gegend nördlich von Schleswig verfrachtet.

Die Fahrt begann schweigend. Mein Gemütszustand pendelte irgendwo zwischen Scham für meine Untreue, Hypernervosität in Folge Corinnas Mordversuchs und unerklärlicher Wut im Bauch.

Adrian wartete geduldig 50 km ab, bevor er das Gespräch eröffnete, welches ich seit selbigen 50 Kilometern befürchtete.

»Du willst also nichts mehr mit mir zu tun haben?«, fragte Adrian.

»Hnnrrr…«, knurrte ich.

»Du bist ein Arschloch, weißt du das?«

»Verdammt!«, fauchte ich Adrian an (oder schrieen ich ihn an?), »Ich weiß, dass ich dich enttäuscht habe. Das musst du mir nicht unter die Nase reiben mit deiner demonstrativen Freundlichkeit!«

Adrian schüttelte nur seinen Kopf, sagte aber kein Wort.

»Ich habe mich keine 24 Stunden nach deiner Liebeserklärung von Christian ficken lassen. Ich bin nicht stolz darauf und ich weiß, dass es Scheiße war. Sorry, es tut mir leid, aber offensichtlich bin ich auch nur einer dieser Schmarotzer, die an deinen Rockschößen hängen.«

Statt zu Antworten, ging Adrian brutal in die Eisen und brachte den 5er ABS  ratternd auf dem Seitenstreifen zum stehen. Ich bekam Angst. Ich wusste, dass ich es zu weit getrieben hatte. Ich war einfach sauer. Auf mich, auf Adrian, auf Christian, auf Corinna, einfach auf die ganze Welt. Dabei war die Welt schön. Die Gewitterfront war abgezogen. Die Sonne schien und es waren angenehme 24 Grad.

Adrian öffnete seinen und meinen Sicherheitsgurt, sprang aus dem Wagen, lief herum, öffnete die Tür und zerrte mich heraus.

»Du willst wissen, was ich von dir halte?«, schrie er mich an und presste mich mit dem Rücken gegen das Auto, »Du willst es wirklich wissen?«

Ich zitterte. »Bitte schlag mich nicht!«, flehte ich innerlich, »Warum muss ich auch alles falsch machen?«

Und dann packte Adrian zu. Er krallte sich meinen Kopf mit beiden Händen und zerrte ihn mit aller Kraft zu sich ran. Ich hatte meine Augen geschlossen, um mich vor eventuellen Schlägen von Adrian zu schützten. Doch die kamen nicht. Ungläubig öffnete ich meine Augen.

Und dann sah ich Adrian. Er heulte. Er heulte wie ein Schlosshund, packte mich noch fester, umklammerte mich fast krampfhaft und umarmte mich so eng, wie es technisch gerade eben noch ging. Er schmiegte seine Wange an meine und flüstere mir weinerlich ins Ohr: »Verlass mich nicht! Ich brauche dich, wie die Luft zum Atmen! Ich brauch dich, wie die Wärme der Sonne! Die letzten Stunden waren unerträglich. Du kannst dir nicht vorstellen, was ich durchgemacht habe. Sebastian, ich habe alles mit angehört! Ich habe jedes Wort Corinnas gehört, jedes gottverdammte einzelne Wort! Der Gedanke daran, dass diese Frau ihren Daumen auf einer Giftspritze in deinem Hals hatte und ich nichts, rein gar nichts dagegen machen konnte, war unerträglich, war pure Qual. Und bei allem, was wir jetzt über Corinna wissen, hätte sie keine Sekunde gezögert dich umzubringen. Ich hätte das nicht ertragen können. Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wäre Corinna erfolgreich gewesen. Ich… Bitte, Schatz, Liebling, allerliebstes, dickköpfigstes Arschloch, bleib bei mir!«

Ich begann zu zitterte, meine Knie wurden weich: »Du hasst mich nicht?«

Adrian löste sich und schaute mir direkt in die Augen.

»Dich hassen?«, rief er erstaunt aus, »Dich hassen? Wofür denn? Warum denn?«

»Ich habe dich betrogen. Ich habe mit Christian geschlafen.«

»Sebastian, glaubst wirklich, dass ich auf dich sauer bin, weil du mit Christian geschlafen hast? Glaubst du wirklich, ich könnte dich dafür hassen? Nein, Sebi, Baby, wie könnte ich das? Er ist dein ältester Freund! Ihr habt zugelassen, dass euch Liebe und Eifersucht trennte. Wie hättet ihr besser eure Freundschaft erneuern können, als euch zu lieben? Ich freu mich für euch, dass ihr wieder Freunde seid. Aber das ändert nichts daran, was ich für dich empfinde. Und ich habe nicht die geringsten Zweifel daran, was du für mich empfindest.«

Ich war sprachlos. Adrians Art meinen Treuebruch zu betrachten, war mehr als überraschend. Ich muss ein wirklich dummes Gesicht gemacht haben, denn auf Adrians Gesicht schlich sich ein feines Lächeln: »Ich könnte dich niemals hassen. Sebastian! Sebastian, du bist der wunderbarste, süßeste, nervenaufreibendste, herzensbeste, dickköpfigste, liebste Kerl, denn ich jemals kennen lernen durfte. Steh’ dir nicht selbst im Weg.«

Ich weiß nicht, wie lange wir eng umschlungen, Wange an Wange gegen den Wagen gelehnt an der Bundesstraße standen und uns hielten und weinten. Wir weinten vor Glück, dass wir uns hatten, vor Freude, dass ich noch lebte oder einfach, weil wir einfach zwei abgrundtief ineinander verliebten, sentimentale schwule Jungs waren.

 

Zukunftsplanung

Die nächsten Tage brachten eine Menge Veränderungen. Es war, als wenn ein Fluch von mir genommen worden war. Auf ungeklärten Wegen war die Geschichte Corinnas an die Presse gelangt. »Der Todesengel von Lübeck!« wurde sie genannt. Die Staatsanwaltschaft bekam einiges zu tun. So wurden nicht nur der Fall meiner Eltern, sowie Flips und Florians Tod neu aufgerollt, auch einige ungeklärte Todesfälle auf den Krankenhausstationen auf denen Corinna während ihrer Ausbildung gearbeitet hatte, wurden wieder aufgenommen. Jeder der Corinna, Sören, Christian, Christorph, Jens, Flo, Flip, mich, halt die ganze Gang kannte, erfuhr die Wahrheit darüber, was wirklich damals mit Flip passierte und warum ich mich von Florian getrennt hatte. Leute, die mich jahrelang gemieden hatten, die die Straßenseite wechselten, sobald sie mich sahen, grüßten mich plötzlich. Mir war es egal. Mir war viel wichtiger, dass ich meine Freunde, meine wirklichen Freunde gefunden und wiedergefunden hatte.

Ein alter und ein neuer Freund waren Christian und Jan. Die beiden hatten endlich den Mut gefunden miteinander ehrlich zu sein und zu ihren Gefühlen zueinander zu stehen. Ironischerweise war es Corinna, die die Initialzündung dafür lieferte, indem sie Jans Firmenwagen manipulierte. Noch während ich mich mit Corinna auf meiner Kamikazefahrt befand, wurde Christian davon informiert, dass möglicherweise Jans Firmenwagen manipuliert sein könnte. Als sich im selben Moment Jan hinter das Lenkrad seines Wagens setzte, soll Christian davor gesprungen sein und gerufen haben: »Stop! Der Wagen ist manipuliert!«

»Hä?«

»Meine Ex aus Schülertagen hat das Auto manipuliert. Sie will nicht, dass ich dich liebe.«

Und damit war die Katze aus dem Sack. Dumm nur, dass Christians Vater anwesend war. Es kam zum Wortgefecht in dessen Verlauf Christian von seinem Vater vor die Entscheidung gestellt wurde, entweder heterosexuell und sein Sohn, oder pervers und enterbt zu sein. Und außerdem wäre ein Schwuler sowieso geschäftsschädigend. Wenn sich das rumsprechen würde, könnte er den Laden eh gleich dicht machen. Unter diesen Voraussetzungen wunderte es nicht, dass Jan fristlos gekündigt wurde. Wie Christian später erzählte, war es nicht das erste Mal, dass sein Vater versuchte, ihn über den Geldhahn zu erpressen. Doch diesmal täuschte sich der Alte. Christian zog sein Namensschild ab und schmiss es seinem Vater auf den Tisch.

»Ich habe zu lange, viel zu lange gemacht, was du von mir wolltest. Dich hat nicht einmal interessiert, was mir wichtig ist. Ich werde mir nie wieder in mein Leben reinreden lassen. Es ist meine Sache, wen ich liebe.«, sprachs, nahm Jan in den Arm und küsste ihn leidenschaftlich, »Was hältst du davon, der Lebenspartner eines soeben arbeitslos gewordenen Autoverkäufers zu sein?«

Jan grinste: »Wie passend. Ich bin auch gerade arbeitslos geworden.«

Als Adrian von dieser kleinen Episode erfuhr, begann er diabolisch zu grinsen. Ich kannte ihn. Er war mal wieder in diesem Heten-belehren-muss-Modus. Wir saßen alle, Olli, Christian, Jan, Sören, Adrian und ich, in der Kneipe zusammen, als Adrian meinte: »Dem werden wir mal eine Lehre erteilen.«

Christian wirkte etwas unglücklich: »Bitte, kipp nicht noch Öl ins Feuer. Er ist immer noch mein Vater, obwohl er ein homophobes Arschloch sein kann.«

»Nein, nein… Keine Angst… vertrau mir!«, meinte Adrian amüsiert.

»Jetzt würde ich mir Sorgen machen!«, meinte ich, den Harmlosen spielend.

Christian schaute unsicher von mir zu Adrian und wieder zurück zu mir. Aber Adrian war nichts zu entlocken. Stattdessen schaute er auf seine Uhr. Es war viertel vor sieben. Adrian griff zu seinem Handy und wählte eine Nummer aus seinem Telefonbuch. Mit seinem Zeigefinger deutete er an, dass wir leise sein sollten. Gespannt unterbrachen wir unsere Gespräche und lauschten Adrian.

»Victor?«, meldete sich Adrian. Ich vermutete, dass er mit Victor August von Achterstädt sprach, dem Vorstandsvorsitzenden der Seidenwickler und Melchior AG, »Wie sieht’s aus? Ach, Hilmar hat klein beigegeben. Wie? Er meint, einem seiner Leute müsste wohl ein Kalkulationsfehler unterlaufen sein und er wolle das intern erst mal klären, bevor er den Vorstand informiert. So ein… nein, ich sage es nicht. Wie viel haben wir gespart? Wow! Aber deswegen ruf ich nicht an. Ich möchte einem Freund helfen.«

Und dann erzählte er die Geschichte von Christian und seinem Vater. »Weswegen ich anrufe. Mir gefallen die Saabs eigentlich ganz gut und ihr wolltet für den Pool Norddeutschland doch neue Wagen haben. Wie… Du gibst mir Clearance über 500.000 Euro. Wie? …Ich dachte an 10 Stück. …Nein, ich weiß nicht, ob meine Idee klappt, notfalls kaufen wir woanders. Ich möchte nur richtig pokern. …Victor, du bist ein alter Fuchs. Danke! Ok, verbindest du mich mit deiner Sekretärin, dass die Christians Vaters Firma zu Händen von Christian ein LoI schickst? Danke, du hast was gut bei mir!«

Drei Minuten später legte Adrian zufrieden auf und erklärte der vor Neugier brennenden Runde: »Also, die Seidenwickler und Melchior AG schickt jetzt Christians Vater ein Fax mit einem Letter of Intend. Darin steht, wie ihr sicherlich nach meiner Unterhaltung mit Victor und seiner Sekretärin geschlossen habt, dass wir für den Fahrzeugpool Norddeutschland an den Kauf von 10 Fahrzeugen denken. Was wir übrigens auch wirklich tun. Weiterhin steht auf dem Fax, dass sich in wenigen Minuten ein Herr Adrian Seidenwickler melden wird, der die Vertragsdetails abklären wird.

»Wer bist du?«, fragten Christian, Jan, Sören und Olli synchron.

»Das da«, erläuterte ich, »ist Adrian. Ihr kennt ihn doch. Mein Schatz.«

»Ok… Ich frage anders. Wer steckt hinter Adrian.«

»Ich könnte dir sagen, wer gelegentlich in ihm steckt…«, rutschte mir raus.

»Das war jetzt ein bisschen zu viel Information.«, meinte Sören.

»Gib’s auf.«, meinte Adrian neutral, »Ich bin Adrian Seidenwickler. Ich weiß nicht, ob ihr Seidenwickler und Melchior kennt, aber mein Vater war der Seidenwickler. Ich habe eben mit Victor, dem ältesten Freund meines Vaters, gesprochen, für den ich ab und zu arbeite.«

»Er ist ein Millionär?«, fragte Sören erstaunt.

»Bei dem Namen eher ein Milliardär…«, meinte Christian matt, der sich recht gut in der Finanzwelt auskannte.

»Nun denn, rufen wir deinen Vater an?«, meinte Adrian, grinste breit und griff zum Handy.

»Hallo, spreche ich mit dem Hanseatischen Saabsalon in Lübeck?«, begann Adrian das Gespräch, »Meine Name ist Adrian Seidenwickler, sie müssten vor wenigen Minuten ein Fax erhalten haben. Ja ich warte…«, Adrian hielt das Mikrofon zu und meinte zu uns, »Christians Vater scheint Faxgeräte selten zu benutzen. Er schaut gerade nach.«

Christian verdrehte seine Augen: »Paps ist manchmal sowas von altmodisch. Er hat zwar einen Computer, aber ich glaube nicht, dass er den jemals eingeschaltet hat.«

»Er ist zurück!«, meinte Adrian und wandte sich wieder Christians Vater zu, »Ja genau. Nein, nicht ein einziges Modell, wir werden wohl mischen. Limousine, Kombi und wohl auch ein oder auch zwei Cabrios. Insgesamt 10 Stück für unseren Pool, Vollausstattung, Leder, Navigationssystem, alles was halt geht. Aber alle in einheitlicher Farbe. Nein, nein, Lieferzeit ist für uns kein Problem. Was… Wieso wir auf Sie gekommen sind. Hat Ihr Sohn Sie denn noch nicht informiert? Ich bin der Lebenspartner eines Schulfreundes ihres Sohnes. Sie haben doch bestimmt von Sebastian Simon gehört. Ja… Ja, genau der. Wissen Sie, ihr Sohn und sein Kollege, wie hieß er noch, Jan, nicht wahr, die sind ein so nettes Paar.«

Uns flogen vor unterdrücktem Lachen fast die Augäpfel aus dem Schädel. Christian mühte sich arg die Fassung zu wahren und nicht schallend loszuprusten. Man konnte sehen, wie sehr er dieses quälende Gespräch seinem Vater gönnte.

»Ja, ja… Doch das klingt gut. Wann kann ich denn mit Ihrem Sohn die Verträge fertig machen? Wie… Nicht erreichbar? Mit ihnen direkt? Nein, nein, das geht nicht. Ich habe es Ihrem Sohn fest versprochen. Wissen Sie, das ist für mich eine Sache der Ehre. Entweder mit Christian oder niemandem. Wie? Er macht Urlaub? Komisch, davon hat er mir gar nichts erzählt? Nun ja, wir müssen uns nicht sofort entscheiden, ein paar Tage kann ich noch warten. Sie müssen wissen Mercedes-Benz ist sehr interessiert einen Fuß bei uns als Lieferant hinein zu bekommen. Ich muss natürlich auch wirtschaftlich denken. Auf der anderen Seite soll man persönliche Beziehungen nicht unterschätzen. Wie… Sie melden sich? Sie werden ihren Sohn kontaktieren? Fein! Sie sind ein sehr vernünftiger Mann, wirklich! Ja, schönen Abend noch!«

Kaum hatte Adrian das Gespräch beendet, platzte es aus uns heraus.

»Wow!«, meinte Christian, »In der Haut meines Alten möchte ich jetzt nicht stecken. Junge, mit dir möchte ich niemals Stress bekommen.«

»Warum denken immer alle Leute schlecht von mir?«, meinte Adrian unschuldig und wurde plötzlich sehr ernst, »Christian, hör mir zu. Ich schätze, dass in ein paar Minuten dein Vater anrufen wird. Was wirst du ihm sagen?«

Christian wirkte ein wenig verzweifelt: »Ich weiß es nicht. Ich weiß ja nicht mal, was er mir sagen wird. Ich denke er wird seine Abneigung gegen mein Schwulsein für einen Moment zurückstellen, aber das ist nur vorläufig. Im Moment dürfte er nur an sein Geschäft denken. So ein Auftrag könnten wir ganz gut gebrauchen.«

»Ok. Ich möchte, dass du mir eine Frage beantwortest: Was willst du?«

»Wie meinst du das?«

»Was willst du aus deinem Leben machen? Dein Vater hat dich rausgeschmissen. Du bist nicht mehr an ihn gebunden. Du kannst machen, was du willst. Ich kenn dich nicht gut genug, um beurteilen zu können, ob Autos verkaufen wirklich das ist, was du machen möchtest. Glaube mir, ich weiß, wie es ist, wenn man in eine Familientradition hinein geboren wird. Ich kenne die Abhängigkeiten, Erwartungen und Verpflichtungen. Du hast jetzt die Chance, dich davon zu lösen. Natürlich nur, wenn du dies auch willst. Ich habe dir nur die Möglichkeit verschafft, mit deinem Vater für einen Moment auf Augenhöhe zu verhandeln. Was du daraus machst, ist einzig und allein deine Sache.«

Christian war einen Moment sprachlos, dann schaute er Adrian hilfesuchend an: »Was denkst du?«

»Ich glaube, dass du in einem Punkt Recht hast. Dass du schwul bist, wird ein permanenter Streitpunkt zwischen dir und deinem Vater bleiben. Du kannst ihn jetzt mit dem Auftrag unter Druck setzten. Du könntest ihn zwingen, dich und Jan wieder einzustellen. Aber auf Dauer wird sich vermutlich wenig bis nichts ändern. Bei nächster Gelegenheit wird es wieder zum Streit kommen.«

»Aber was soll ich denn machen?«, Christian sah immer hilfloser aus, »Jan und ich brauchen einen Job. Ich würde auch gerne mit ihm zusammen ziehen, wenn er mich denn will.«

Jan knuffte seinen Freund: »Natürlich will ich dich.«

»Was habt ihr zwei denn für eine Ausbildung?«

»Eigentlich hat unsere Ausbildung nichts mit Autos zu tun. Ich habe Christian auf der Berufsschule zum Groß- und Außenhandelskaufmann kennen gelernt.«, meinte Jan etwas unsicher.

»Perfekt!«, jubelte Adrian, »Ich habe heute Morgen erst mit Elfriede und später mit Robert Tichy gesprochen. Herr Tichy ist Chef der internationalen Spezialspeditionsfirma Kleisterhus und Söhne. Tichy überlegt schon seit einer Weile auf dem Containerhafen HL-Tragemünde ein Büro zu eröffnen. Er meint, dass sich mit der EU-Osterweiterung der Warenverkehr nach Polen und ins Baltikum deutlich erhöhen wird. Er hat da, glaube ich, einen ganz guten Riecher. Für dieses Büro braucht er noch Leute, genaugenommen zwei, wie er sagte, formbare und lernwillige Jungs’ interessiert?«

»Äh, ja, natürlich, aber… ich habe bisher wirklich nur Autos verkauft. Ich möchte keine Gefälligkeiten. Du musste das nicht für uns tun, nur, weil ich mit Sebastian befreundet bin.«

»Keine Angst, das würde ich auch niemals tun. Sebastian wäre sonst sehr sauer auf mich.«, versicherte Adrian, »Ich sag euch wie es ist. Der Job ist keiner, bei dem ihr euch die Eier schaukeln könnt. Kleisterhus macht ausschließlich Spezialfracht, was bedeutet, dass ihr öfters mal vor Ort sein müsst. Mit anderen Worten, Tichy erwartet, dass ihr in angemessener Zeit Englisch, Polnisch, eine der Baltischen Sprachen, vielleicht auch ein paar Brocken Russisch beherrscht. Die skandinavischen Sprachen braucht ihr nicht, das läuft eh alles von Hamburg. Ansonsten lernt ihr in der Praxis, denn Tichy wird zusammen mit einem seiner Spezialisten während der ganzen Aufbauzeit in Lübeck sein. Und damit ihr euch auch nicht langweilt, möchte ich, dass ihr beide nebenbei einen Diplom Betriebswirt macht.«

»Ähm, das kommt jetzt alles ein wenig plötzlich…«, meinte Christian und sah Jan fragend an. Der zuckte mit den Schultern und meinte: »Warum nicht? Es klingt nach Spaß. Es ist sogar mehr, als ich jemals gedacht hatte, machen zu können. Nichts gegen den Beruf deines Vaters, aber kannst du dir vorstellen, wie wir in 30 Jahren immer noch Autos verkaufen?«

»Wir fangen wieder bei Null an…«, zögerte Christan.

»Ja und Nein. Einerseits habt ihr eine abgeschlossene Berufsausbildung. Aber auf der anderen Seite ist das Spezialspeditionsgeschäft eben auch neu und, ähm speziell. «, entgegnete Adrian, »Kleisterhus wird euch sicherlich fair bezahlen. Ich glaube nicht, dass es am Geld scheitern wird. Wenn es scheitert, dann höchstens an eurem Einsatz. Was richtig Stress sein dürfte, ist, neben der Arbeit den Betriebswirt zu machen. Da fällt mir noch ein kleines Detail ein…«

Adrian schmunzelte in sich hinein: »Die Seidenwickler und Melchior AG wird in den nächsten Tag für ihren Fahrzeugpool 10 neue Saabs kaufen. Es ist geplant, zwei davon an die Konzerntochter Kleisterhaus und Söhne weiter zu geben. Die benötigen für zwei neue Stellen in HL-Tragemünde je einen Firmenwagen.«

»Adrian, du bist ein ausgebuffte Ratte!«, lobte ich meinen Schatz, »Du lässt Christian sich seinen eigenen zukünftigen Firmenwagen kaufen?«

»Na ja, warum denn nicht. Ich würde ja an seiner Stelle folgendes machen. Er sollte sich mit seinem Vater zusammensetzen und eine satte Provision aus dem Geschäft ziehen. Mit der Kohle könnten sich die beiden Frischverliebten ihre gemeinsame Wohnung einrichten.«

 

Lose Enden

Es kam wie es kommen musste. Christians Vater rief wenige Minuten später Christian auf seinem Handy an. Es schien, als wenn er sehr mit sich ringen musste, dieses Gespräch zu führen. Der Ablauf präsentierte sich dann auch als eine Mischung aus Vorwürfen, Schmeicheleien, Drohungen und Zugeständnissen. Es war das alte Zuckerbrot und Peitsche Spiel. Doch Christian entwickelte Gefallen an seinem neu entdeckten Rückgrat. Er ließ sich nicht mehr von seinem Vater einschüchtern. Er erklärte ihm Klipp und Klar, dass Seidenwickler und Melchior sein Kunde sei. Ohne ihn würde es kein Geschäft geben. Es dauerte eine Weile, bis sein Vater diese Tatsache zähneknirschend akzeptiert hatte. Danach erklärte Christian ihm die Bedingungen, unter denen er den Deal mit den 10 Autos durchziehen würde. Er forderte einen fairen Provisionssatz und die Umwandlung seiner und Jans fristloser Kündigung in eine reguläre. Er kannte seinen Vater und dessen Tricks. Eine fristlose Entlassung hätte nämlich die Provisionsansprüche doch noch verwirkt. Mit dem fristlosen Rausschmiss wollte sich Christians Vater nämlich auch noch die nicht unerheblichen Boni sparen, die er Jan und Christian aus ihren bisherigen Verkäufen schuldete. Die beiden waren in den letzten 8 Monaten seine besten Verkäufer gewesen.

Sein Vater wandte sich, wie ein Aal. Die Sache mit den Provisionen lag ihm sehr schwer im Magen. Christian machte ihm mehr als deutlich klar, dass es ohne ihn kein Geschäft geben würde und dass sein Vater noch genug Marge hatte, dass sich das Geschäft für ihn immer noch lohnen würde. Alles in Allem war die ganze Geschichte eher unerfreulich. Christians Vater stimmte widerwillig allen Bedingungen zu, die Verträge sollten gleich nächste Woche unterzeichnet werden.

Als alles unter Dach und Fach war, brach unter uns allgemeine Schweigsamkeit aus. Es war Adrian, der schließlich das Schweigen brach: »Ich hatte gehofft, dein Vater hätte anders reagiert. Ich hatte wirklich gehofft, dass er sagt: , Scheiß auf das Geschäft, du bist mein Sohn. Ich habe einen Fehler gemacht.’  Christian, es tut mir leid.«

»Ja, aber jetzt weiß ich, dass ihm Geschäfte wichtiger sind. Es macht die Entscheidung leichter.«, meinte Christian und zeigte ein gequältes Lächeln, »Es ist merkwürdig. Aber ich fühle mich plötzlich befreit. Jan, das mag etwas plötzlich kommen, aber würdest du mit mir zusammen ziehen?«

Jan strahlte, zog Christian zu sich heran und gab ihm in aller Öffentlichkeit einen Kuss: »Liebend gerne.«

Damit war dieses Thema ebenfalls erledigt. Für Jan und Christian gab es ein Happy End mit leicht bitterem Beigeschmack. Aber vielleicht war es gar nicht verkehrt, dass Christian und sein Vater für eine Weile wenig miteinander zu tun hatten.

Adrian und ich blieben noch ein paar Tage länger. Zum einen wollte die Staatsanwaltschaft ein paar Dinge mit mir klären. Da war der Fall meiner Eltern, der wieder aufgerollt wurde. Mehrere Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie hatten Corinna zwar bescheinigt, psychisch krank und damit bedingt schuldfähig zu sein. Anderseits hatten sie nicht die geringsten Zweifel daran, dass Corinna die Taten auch wirklich begangen hatte, von denen sie mir im Auto so stolz erzählt hatte. Zwischenzeitlich hatte Adrian die Rechtsabteilung von Seidenwickler und Melchior auf Trab gebracht. Sie sollten ihrerseits die Lebensversicherung meiner Eltern auf Trab bringen, mir endlich die mir zustehende Versicherungssumme samt Zinsen zukommen zu lassen. Natürlich ließ sich die Versicherung nicht so leicht einschüchtern, sie wartete den Prozess gegen Corinna ab. Erst 7 Monate später schickte man mir einen Buchungsbeleg zum Versicherungskonto zu und legte kommentarlos einen Scheck über 250.000,- Euro bei. Es gab weder eine Entschuldigung noch ein Wort des Bedauerns.

Die restlichen Tage in Lübeck waren vollkommen anders, als die Tage davor. Das Gewitter, das während meines Höllenritts mit Corinna tobte, hatte die extrem heiße, stickige Luft vertrieben und gegen frische, kühlere Luft ersetzt. Es herrschten nicht mehr 35 Grad Gluthitze, sondern angenehme 26 Grad. Der wahre Grund für Florians Tod brachte mich noch einmal mit Ruth, Olli, Flos Schwester und seinem Vater zusammen. Wir besuchten Florians Grab und nahmen ein zweites Mal Abschied. Antje war leider nicht in der Lage, an diesem Treffen teilzunehmen. Für mich war dieser Besuch völlig anders. Ich brach in Tränen aus. Ich heulte wie ein Schlosshund. Erst in jenem Moment, als ich ein zweites Mal an Florians Grab stand, wurde mir klar was geschehen, was wirklich geschehen war. Mich überkam, soll ich sagen endlich, die Trauer, Verzweifelung und der Schmerz, der mir am Anfang, als ich Ollis Brief in den Händen hielt, gefehlt hatte.

Adrian nahm mich in den Arm und hielt mich.

Und plötzlich verstand ich: Florian war tot, aber ich lebte. In jenem Moment wusste ich, dass ich loslassen konnte, loslassen musste: »Leb’ wohl, Florian.«

 

 

Den Nachmittag am Tag vor unserer Rückfahrt nach Berlin verbrachten Adrian und ich mit Sören, Olli, Christian und Jan in Travemünde. Ein Strandtag. Christian hatte die Autos verkauft und, zusammen mit Jan, ihre Arbeitsverträge bei Kleisterhus unterzeichnet. Es war ein klein wenig, wie damals, während unserer Schulzeit.

»Hätten wir etwas anders machen können?«, fragte Christian.

Ich sah aufs Meer hinaus und schwieg. Ich schloss meine Augen und träumte von der Vergangenheit. Ich sah die zwei Jungs, die neben uns so sinnlich miteinander geküsst hatten und mir klar machten, dass ich schwul war. Ich sah Florian, wie er schüchtern im Schatten von Christian in mein Leben trat. Ich sah aber auch Corinna, wie sie Christian wirklich liebte, vielleicht sogar verehrte.

»Nein«, antwortete ich schließlich, »wir hätten nichts verändern können. Wenn ich zurückdenke und mich an all die Male erinnere, an denen wir an diesem Strand lagen, dann sind diese Erinnerungen nicht schlecht, auch nicht bitter. Ich erinnere mich gern an unsere Sommer in Travemünde. wusstet ihr, dass ich hier entdeckt habe, dass ich schwul bin?«

Christian sprang von seinem Badetuch auf: »Ich weiß es! Es waren die zwei schwulen Typen, oder?«

Mir klappte der Unterkiefer runter: »Du hast das die ganzen Jahre gewusst?«

Christian schüttelte den Kopf und sah plötzlich sehr traurig aus: »Ich schäme mich für den Tag.«

Christian hockte sich wieder hin und ließ seinen Kopf sinken: »Ich glaube, ich habe damals etwas sehr, sehr abfälliges über Schwule gesagt. Weißt du warum? Auch wenn du dachtest, ich hätte es nicht bemerkt, aber ich habe gesehen, wie du die beiden sehnsüchtig angesehen hast. Angehimmelt hast du sie. Dir war das vielleicht nicht bewusst, aber dir liefen Tränen unter der Sonnenbrille hervor. Für einen Moment dachte ich daran, dir zu sagen, was ich für dich empfand. Aber ich war einfach zu feige. Stattdessen brachte ich die übelsten Beschimpfungen für Schwule, die mir einfielen. Weißt du warum? Um dich zu provozieren! Ich wollte, dass dir der Kragen platzt und du mich zur Sau machst. Ist das nicht pervers? Kann man sich das vorstellen? Wieso kann es so schwierig sein, jemandem zu sagen, dass man ihn liebt?«

»Es ist das schwerste Geständnis, das man machen kann.«, Adrian sprach ganz leise, fast sinnlich, »Wenn du jemandem sagst, dass du ihn liebst, legst du dein ganzes Schicksal in seine Hand. Ich kann mir nichts Schwereres vorstellen.«


 

Den Abend lud uns Adrian nach Hamburg zum Essen ein. Es war nichts überkandideltes, kein überteuerter Nobelschuppen bei dem das gesehen werden wichtiger war als die Qualität der Küche. Es war solide sizilianische Küche mit gutem Wein und angenehm entspannter Atmosphäre, ein Tipp von Tichy. Ein Großraumtaxi hatte uns von Lübeck hingefahren und würde uns auch später wieder zurück bringen. Der Abend war sehr entspannt, locker und gelöst. Die Schatten der vergangenen Tage, Monate und Jahre begannen bereits zu verblassen. Was blieb waren neue Freunde und wiedergefundene alte Freunde.

Wir vereinbarten, nicht wieder Jahre zu warten, bis wir uns wiedersehen würden. Wir wollten in Kontakt bleiben und ich versprach, möglichst bald wieder nach Lübeck zurück zu kommen. Der Fluch, der in dieser Stadt auf mir lag, war wirklich verschwunden.

Kurz nach ein Uhr Nachts fuhr das Taxi vor unserem Lübecker Hotel vor. Jan und Christian stiegen mit uns aus, da ihre Wohnung in der Innenstadt lag und sie gut zu Fuß nach Hause gehen konnten, während Ollis und Sörens Wohnungen eher in entgegengesetzter Richtung lagen. Wir verabschiedeten uns von den beiden, wobei wir ihnen abermals hoch und heilig versprachen, uns bald wieder zu melden. Das Taxi fuhr weg.

»Das ist also das Ende?«, fragte Jan.

»Wir könnten noch einen Cocktail trinken.«, schlug Adrian vor, »Euer Arbeitsverhältnis beginnt erst in zwei Wochen. Oder habt ihr noch etwas Privates miteinander vor?«

»Adrian, du bist unmöglich!«, kommentierte ich Adrians Bemerkung, selbst im fahlen Licht der Straßenlaterne konnte ich sehen, dass die beiden frisch Verliebten rot anliefen.

»Na ja…«, meinte Christian plötzlich mit einer Mine, die ich nicht recht deuten konnte, »Ich dachte eher, ihr hättet vielleicht noch Lust auf einen Kaffee. Mit Sahne? Bei uns?«

Diesmal liefen Adrian und ich rot an. Meinten die beiden wirklich das, was ich dachte, was die beiden meinten? Oder versuchten sie nur, uns zu verarschen und blufften. Es gab nur eine Möglichkeit dies raus zu bekommen. Ich wechselte einen Blick mit Adrian. Er nickte und begegnete der Einladung mit einem: »Warum eigentlich nicht?«

Farbwechsel. Jan und Christian wurden bleich. Sie hatten geblufft. Jetzt stand aber ihre Ehre auf dem Spiel. Jan räusperte sich, kratzte sich kurz am Kopf, wechselte einen Blick mit Christian und meinte: »Ok, dann kommt.«

10 Minuten später waren wir in Christians Wohnung, die jetzt auch Jans war. Schnitt und Einrichtung hatte mir schon bei meinem ersten Besuch gefallen. Christian erwähnte erneut, dass die Wohnung ein Geschenk seiner Eltern zum Abitur gewesen war. Fügte aber hinzu, dass sein Vater dies inzwischen wohl bereuen dürfte. Während Christian Adrian und mir die Zimmer zeigte, war Jan damit beschäftigt den Kaffee aufzusetzen, was im Prinzip hieß, eine Espressomaschine zum Brühen zu bewegen.

Wir kehrten gerade ins Wohnzimmer zurück, als Jan vier Tassen auf einen flachen Tisch vor einer Wohnlandschaft stellte.

»Macht’s euch gemütlich!«, forderte Christian auf.

Wir setzten uns und griffen zur Tasse. Jeder nahm einen Schluck und schielte dabei unsicher seinem Gegenüber an, ich Christian und Jan Adrian.

»Und was ist mit der Sahne?«, fragte Adrian frech.

Ich musste kichern. Mit Adrian pokerte man nicht. Den beiden wären fast vor Schreck die Tassen aus der Hand gefallen.

»Ok, ok… Es war ein Scherz…«, gestand Christian und sah plötzlich sehr unsicher zu Jan.

»Ich hätte dich warnen sollen.«, erklärte ich, »Aber Adrian geht bei solchen Sachen immer bis zum bitteren Ende. Adrian hätte erst aufgehört, wenn er mit dir im Bett gelegen hätte.«

»Das ist nicht wahr!«, erboste sich Adrian, »Im Bett hätte ich erst richtig angefangen!«

»Shit!«, durchzuckte es mich. Hab’ ich mich jetzt zu weit aus dem Fenster gehängt? Ich war mir absolut nicht sicher, ob Adrian wirklich so weit gehen würde. Auch sein Einwand klang nicht eindeutig. Er konnte ernst gemeint, oder ein weiter Scherz gewesen sein. Waren wir also immer noch am Pokern, oder ging es nur noch darum, wer den ersten Schritt tat?

»So, so…«, ließ sich mit einem Mal Jan mit einer ganz coolen Stimme verlauten, »Du sagst also, du würdest im Bett erst richtig anfangen. Also, die Wohnlandschaft ist doch breit genug…«

Der Ball lag wieder bei Adrian. Tja, mein Freund, was nun? War Adrians Klappe wirklich größer als sein Mut? Ich kannte ihn zu gut, um zu wissen, dass es nicht an der Idee lag, Sex mit mehr als einer Person gleichzeitig zu haben. Vermutlich dachte Adrian gerade an mich. Er machte sich Sorgen, wie ich von ihm denken würde, welche Auswirkungen dies auf unsere Beziehungen haben könnte. Und was war mit Jan und Christian? Austesten…

»Findet ihr nicht, dass es hier ziemlich heiß ist?«, brachte ich den dümmsten Spruch aller Zeiten und zog mein T-Shirt aus, posierte ein wenig mit meinem nacktem Oberkörper rum und räkelte mich auf dem Riesensofa.

»Wo er Recht hat, hat er Recht, es ist halt eine Dachgeschosswohnung. Ihr entschuldigt?«, grinste Christian breit und entledigte sich sämtlicher Kleidung bis auf die Unterhose. Es war deutlich erkennbar, dass das Material seines Slips arge Schwierigkeiten hatte, alles im Inneren an Ort und Stelle zu halten.

»Ist euch kalt?«, fragte ich Adrian und Jan, die Christian und mich verdutzt ansahen.

»Ähm, nein, eher ziemlich heiß.«, murmelte Jan und fügte kleinlaut hinzu, »Fast schon zu heiß…«, wobei er sich langsam auszog.

Adrian schüttelte seinen Kopf, grinste und pulte sich aus seinen Klamotten. Wenig später saßen wir alle, mehr oder weniger in unseren Unterhosen auf der Wohnlandschaft und tranken Kaffee. Die Situation war schon etwas surreal. Jeder von uns hatte eine Erektion, jeder hatte so eine ungefähre Idee, was man wohl miteinander machen könnte, aber niemand tat etwas.

Es war Christian, der schließlich das Schweigen brach: »Sebastian, ich möchte nicht, dass du und Adrian wieder Probleme miteinander bekommt.«

»Das werden wir nicht.«, meinte Adrian und nickte zustimmend, »Warum machen alle Leute ein Brimborium darum, wenn man mehr als einen Menschen lieben möchte, körperlich lieben möchte?«

»Manche nennen sowas Untreue.«, entgegnete Jan.

»Unsinn!«, brach es aus Adrian heraus, »Untreue ist etwas viel, viel Schlimmeres. Untreue wäre, wenn ich Sebastian nicht mehr respektieren würde, wenn ich ihm meiner Liebe versichern täte und dabei an jemanden anderen denke und ihn belüge. Nur weil ich mit jemanden anderem schlafe, liebe ich doch Adrian kein Stück weniger.«

»Und was ist mit Eifersucht?«, fragte Christian.

»Ok, das ist ein Problem, hat aber mit Liebe nicht direkt etwas zu tun. Es ist eher das Gegenteil, nämlich Verlustangst. Die Angst davor, nicht mehr geliebt zu werden. Oder, was ich schlimmer finde, Angst um seinen Besitzstand. Aber Sebastian gehört mir nicht, genau so wenig, wie ich Sebastian gehöre. Ich liebe Sebastian, ich verehre und vergöttere ihn und ich habe mich ihm voll und ganz geschenkt. Es ist mehr etwas, was man gibt, als etwas, das genommen wird.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich dich verstehe.«, meinte Jan.

»Er versteht sich ja selbst nicht mal.«, ergänzte ich und krabbelte zu meinem Adrian hin, um ihm über seinen Körper zu streicheln, »Aber dafür liebe ich ihn.«

»Keine Eifersucht?«, fragte Christian.

»Oh, doch!«, entgegnete Adrian, »Ich würde jedem Kerl die Eier abschneiden, der versuchen würde mir Sebastian wegzunehmen. Dass heißt aber nicht, dass Sebastian niemand anderem seine Liebe schenken darf.«, und mit einem etwas diabolischen Grinsen auf den Lippen, »Oder er einfach nur mal richtig ficken will.«

»Und was möchtest du jetzt?«, fragte Jan direkt.

»Mit dir schlafen!«, antwortete Adrian eben so direkt, »Mit dir, mit Christian und mit Sebastian. Ich weiß, dass mein Schatz und Christian sich sehr mögen. Ich habe dich, in den letzten Tagen, als einen wirklich super netten Kerl kennen gelernt. Ich weiß nicht, ich habe mich in euch alle verliebt. Dass ihr auch noch rattenscharf ausseht, macht die Sache natürlich wesentlich leichter.«

»Eins muss man ihm lassen«, kommentierte Christian Adrians Einlassung, »Er weiß, was er will.«

»Du hast ja keine Ahnung!«, meinte ich und verdrehte meine Augen.

»Stop!», meinte Adrian plötzlich, »Ich will auf keinen Fall, dass sich jemand dabei unwohl fühlt und etwas macht, was er tief in seinem Inneren nicht will. Ich will nicht, dass irgendwelche Beziehungen kaputt gehen. Ich meine, meine Ansichten sind ja nicht unbedingt Allgemeingut. «

War ich mit Adrians Polygamievirus bereits infiziert worden? Der Gedanke mit den drei zu schlafen, war mehr als verlockend, er war geradezu geil. Doch war Adrian wirklich polygam? Eigentlich nicht. Er liebte vielleicht eine Reihe von Leuten, aber sein Herz, seine Seele, hatte er nur mir geschenkt.

Jan dachte eine Weile nach und schaute dabei hilfesuchend zu seinem Freund: »Was meinst du?«

»Schatz, du weißt, was ich für dich empfinde. Adrian und Sebastian sind Freunde, sehr, sehr gute Freunde, aber eben auch nur das.«, Christian sah besorgt aus, »Wenn du es nicht möchtest, dann müssen wir es nicht tun.«

»Aber das ist es nicht.«, meinte Jan, »Ich frage mich, wie du von mir denkst, wenn ich es möchte, dass wir alle miteinander schlafen.«

Auf Christians Lippen tauchte ein sehr breites Grinsen auf: »Mann, du bist ja genau so kompliziert wie Sebastian. Du machst dir Sorgen, wie ich darüber denke? Ich würde mich freuen, wenn du meinen alten Freund Sebastian so intensiv lieben lernen würdest, wie ich es durfte. Du entscheidest.«

»Es macht dir wirklich nichts aus? Du bist nicht eifersüchtig?«, fragte Jan richtig süß schüchtern.

»Nein, bin ich nicht. Wirklich nicht!«, antwortete Christian und nahm seinen Freund in den Arm.

Es war eine interessante Ausgangssituation. Ich hatte mich an Adrian gekuschelt. Mein Kopf ruhte auf seiner Brust, ich hockte quasi in seinem Schoß, während Adrian seine Arme um meine Brust verschlungen hatte. Zusammen sahen wir zu, wie sich Jan und Christian umarmten. Ich musste lächeln, wie die beiden sich aneinander schmiegten und wie glücklich sie dabei aussahen. Plötzlich wurde mir etwas klar, diese beiden würden lange zusammen bleiben. Während ich noch den Anblick in mich aufsog, warf mir Christian einen dankbaren Blick zu, während er Jan von seiner letzten textilen Hülle befreite.

»Sebastian, darf ich?«, flüsterte mir Adrian ins Ohr. Er hatte seinen Kopf zu mir herunter gebeugt und sah mir sinnlich in die Augen.

»Natürlich!», gab ich als Antwort und küsste meinen Schatz. Sekunden später fühlte ich, wie Adrian meinen Slip herunter schob, etwas Gleitgel (wo hatte er das wieder her?) in mich einarbeitete und schließlich mit seinem besten Stück in mich hinein glitt. Ich schloss vor Glück und Wollust meine Augen und genoss die innige Verbundenheit mit meinem Schatz. Der wiederum bewegte sich nur ganz langsam auf und ab, während er meinen Nacken mit Küssen bedeckte und mit seinen Händen meine Brust und Bauch streichelte. Als ich meine Augen wieder öffnete, sah ich Jan und Christian aufeinander liegen, wie sie sich gegenseitig wild und tief küssten. Der Rest der Welt schien für die beiden nicht mehr zu existieren.

»Findest du nicht, dass die beiden wirklich gut zusammen passen? Ich mag sie wirklich sehr gerne. Christian weiß, was er will und auch Jan wird seinen Weg machen. Ich hab das unbestimmte Gefühl, dass wir von den beiden noch sehr viel hören werden.«, flüsterte mir Adrian ins Ohr.

»Du hast Recht. Ich finde es toll, dass du ihnen die Chance bei Kleisterhus gegeben hast.«

»Es ist nicht mehr als eine Chance. Was daraus wird, hängt einzig von den beiden ab.«, meinte Adrian und küsste mich, während sein Becken angenehm stoßende Bewegungen vollführte.

Völlig unerwartet wandten sich die beiden Kussweltmeister zu uns um und grinsten uns an.

»Kommt!«, meinte Christian und packte meine Hand, während Jan Adrians Hand ergriff, um uns ins Schlafzimmer zu führen.

Die Nacht wurde recht kurz und hatte mit Schlafen nichts zu tun. Es musste erst wieder Abend werden, bevor Adrian und ich uns im reparierten Porsche in Richtung Berlin aufmachten.

Epilog

Ich schlief den Abend nach der Rückfahrt bei Adrian, wobei Schlafen wörtlich zu nehmen ist. Wir schliefen fest wie Felsbrocken. Am nächsten Morgen brachte mich Adrian in meine Miniwohnung. Als ich die Wohnungstür öffnete, hatte ich Probleme sie auf zu stoßen. Hinter der Tür hatte sich die Post von fast vier Wochen angehäuft. Briefschlitze in Wohnungstüren haben ihre Vor- und Nachteile. Einerseits wurde ich selten von Reklamepost belästigt. Die Zettelverteiler hatten selten Lust, die ganzen Stockwerke abzuklappern. Der Nachteil zeigte sich jetzt. Ich hob den Stapel auf und ging zu meinem Schreibtisch, während Adrian hinter mir die Tür schloss, die Fenster öffnete, um zu lüften und Teewasser aufsetzte. Als er schließlich zu mir ins Wohnzimmer kam, sah er mich entsetzt an. Ich muss wohl kreidebleich gewesen sein. Ich hatte die Post sortiert, Rechnungen von Werbung getrennt, als mir ein Brief in die Hände fiel, der offenbar eine Irrfahrt durch verschiedene Postämter hinter sich hatte. Er war an meine alte, meine erste Anschrift in Berlin adressiert worden. Das Postamt hatte den Irrtum festgestellt, aber dann den Fehler begangen den Brief an ein weiteres falsches Postamt zu schicken. Und so zog der Brief von Verteilzentrum zu Verteilzentrum.

»Mein Gott, was ist denn?«, Adrian stürzte auf mich zu.

Ich starrte, wie vom Schlag getroffen, benommen vor mir auf den staubigen Boden. In der Hand hielt ich den Brief. Da ich nichts sagte, sondern nur ausdruckslos vor mich hin glotzte, kniete sich Adrian vor mich hin und nahm den Brief in seine Hand.

»Florian Krüger…«, las Adrian vor, »Es ist ein Brief von Flo. Er wurde einen Tag vor seinem Tod abgestempelt.«

Adrian schaute mich aus seiner hockenden Position an. Als er die Tränen sah, fuhr er mir mit seiner Hand über meine Wangen. Ich schloss meine Augen und nahm diese Liebkosung dankbar an. Ich ging sogar noch weiter und drückte meine Wange in Adrians Handfläche.

»Hey, Babe, es ist gut.«, tröstete er mich, »Willst du ihn lesen?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Möchtest du, dass ich ihn dir vorlese?«

Ich nickte stumm. Adrian löste sich von mir, schnappte sich einen Hocker und setzte sich zu mir hin. Er öffnete den Brief und entnahm ein paar Seiten beschriebenen Papiers. Adrian begann zu lesen und noch während er las, veränderte sich seine Stimme und wurde zu Florians Stimme. Ich schloss meine Augen und hörte zu.

Mein liebster, schönster und teuerster Sebastian,

Du hast lange nichts von mir gehört. Du kennst den Grund, denn du bist der Grund. Ich weiß nicht, wie ich jemals das Opfer, das du für mich erbracht hast, entgelten kann. Denn es lässt sich nicht entgelten. In all den Jahren, in denen du die Schuld für Flips Tod auf dich genommen hast, in denen du die Rolle des herzlosen, eiskalten Arschlochs auf dich genommen hast, um mich zu schützen, kannte ich nur ein Ziel. Deine Rehabilitation. Wie groß muss die Liebe eines Menschen sein, soviel Schande und Verachtung zu erdulden, wie du sich für mich erduldet hast? Ich kann es nicht einmal erahnen, denn der Gedanke bereitet mir Angst und Trauer.

Sebastian, ich liebe dich! Ich liebe dich aus meinem ganzen Herzen.

Nur diese Liebe hat mir dir Kraft gegeben, mit meiner Aufgabe weiter zu machen. Und endlich ist es soweit. Ich glaube eine Spur entdeckt zu haben, die Flips Tod in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt. Du wirst mich vermutlich für verrückt halten, aber ich hege den Verdacht, dass Flip ganz gezielt auf dich angesetzt wurde. Irgendjemand wollte einen Keil zwischen uns treiben und hat Flip dazu benutzt. Sebastian, Flip war schwul! Du hast immer gesagt, er könne nicht schwul sein, doch ich habe Beweise. Flip war schwul und er war in dich verliebt! (Was ich übrigens sehr gut verstehen kann.)

Irgendjemand hat versucht Flip einzureden, dass wir uns auseinander gelebt hätten und dass du in ihn vernarrt wärst. Sebastian, was für ein Mensch könnte so etwas tun? Wer ist zu so einer Intrige fähig? Ich weiß, dass manche Leute unsere Liebe nicht verstehen. Schau dir nur meine Mutter an, der nach wie vor der Kamm schwillt, wenn sie nur deinen Namen hört. Aber zwei Menschen vorsätzlich auseinanderbringen? Wer tut sowas?

Ich werde dich auf dem Laufenden halten, was meine weiteren Nachforschungen ergeben. Ich werde mich übermorgen mit Corinna treffen. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen. Kannst du dir das vorstellen, sie will Ärztin werden, dabei haben wir sie schon alle zusammen mit Christian ölverschmiert unter einem Auto liegend beim Schrauben gesehen. Wie die Zeit doch Menschen ändern kann.

Jedenfalls scheint Corinna einiges zu Erzählen zu haben. Sie meinte am Telefon nur, dass die Geschichtsbücher umgeschrieben werden müssten. Du glaubst gar nicht, wie gespannt ich darauf bin, was Corinna weiß.

Ach Sebastian, wie sehr wünschte ich mir, wir würden uns endlich einmal wiedersehen. Dich in den Armen zu halten, dich zu küssen, oder sogar dein Monster in mir zu fühlen. Doch tief in meinem Inneren beschleicht mich das Gefühl, dass es nicht mehr das Gleiche sein würde. Selbst wenn ich dich entlaste, dich rehabilitiere, wird es nicht mehr so sein, wie früher. Und so sehr wir uns anstrengen werden, so sehr werden wir vermutlich scheitern.

Sebastian, ich liebe dich viel zu sehr, um dies Erleben zu wollen. Es würde uns beide zerstören. Sebastian, mein liebster, Sebastian, ich bitte dich, lass uns voneinander loslassen. Ich kann es nicht länger ertragen, dass du dich für eine Erinnerung von uns aller Liebe versagst.

Sebastian, bitte, ich flehe dich an: Lebe dein Leben! Such dir einen Freund, einen Mann und Liebhaber und lass die Erinnerung das sein, was sie ist – Die Erinnerung an die schönste Zeit meines Lebens. Die Erinnerung an die Zeit mit dir.

Dein, dich ewig liebender, Florian

 

Ende

This Post Has Been Viewed 499 Times

Rating: 5.00/5. From 1 vote.
Please wait...

Schreibe einen Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.