Margie 10 – Dorftratsch

Es war eigentlich auch mein eigener Wunsch, dass mich Angelo an dem Abend direkt vom Badesee nach Hause fuhr. Zum einen, weil seine Eltern wohl inzwischen zurückgekommen waren und zum anderen, weil ich mich ein bisschen um die Wohnung kümmern wollte.
Mein Fahrrad stand dort und meine Klamotten hatte Angelo auch noch. Es gab also schon Gründe, um wieder bei ihm aufzutauchen. Dem Manske von gegenüber waren mit Sicherheit schier die Augen aus den Kopf gefallen, als ich mit Angelo vor unserem Haus auftauchte.
Der Alte war schon seit jeher neidisch auf unsere Familie, so lang ich denken konnte. Und nun wusste er scheinbar überhaupt nicht, was er damit anfangen sollte. Ein Porsche fuhr hier niemals in der Ecke und ich genoss es richtig, mit Angelo an meiner Seite langsam durch das Viertel zu schleichen.
Er raste nicht herum, wie man das vermuten konnte und gerade das fiel auf. Den Deckel setzte ich aber drauf, indem ich Angelo einen so gar nicht heimlichen Kuss auf die Lippen gab, bevor ich ausstieg.
Wie nah der Alte ein Infarkt war ahnte ich nur, auch wenn ich das wegen der herrschenden Dunkelheit nicht sehen konnte. Im Auto war jedenfalls hell genug, jeder der es sehen wollte konnte das auch.

Die Manske waren die typischen Kirchgänger, wann immer die Glocken bimmelten sie dort. Gott war wirklich das Einzige, woran sie glaubten. Dass es Männer geben sollte die Männer lieben, na ja, irgendwo in den Großstädten war so was schon mal möglich.
Aber niemals hier, in der ödesten Ecke Deutschlands, und schon überhaupt nicht in dieser Straße. Nun, seit diesem Abend war ihre heile Welt kaputt. Es bestanden auch berechtigte Zweifel, dass diese Scherben je wieder gekittet werden konnten. Ich war schuld, okay, aber was konnte ich dafür? Ich war verliebt. Und ja, verflucht, ich war stolz auf meinen Freund, den ich ab diesem Tag offiziell als solchen bezeichnete.
Konsequenzen hatte ich nicht zu fürchten, allerdings hätte mich nicht gewundert, wenn anderntags der Möbelwagen vor Manskes Haus stehen würde. Dass sie Angelo irgendwie erkannt haben könnten, hielt ich für unwahrscheinlich.

Dummerweise hatte ich nicht mit dem berühmt-berüchtigten Dorftratsch gerechnet. Diese Nachlässigkeit bekam ich am anderen Morgen zu spüren. Unheimlich gut gelaunt war ich schon früh aus den Federn gesprungen, geduscht, rasiert, ein bisschen zivilisiert wollte ich schon aus dem Haus, um frische Brötchen zu holen.
Die Begegnung mit Angelo hatte mich doch viel mehr aus meinem Trott gebracht als ich das für möglich gehalten hätte. Und nachdenklich hatte mich all das gemacht. Vieles was in meinem Kopf herumschwirrte konnte ich nicht richtig zuordnen, das musste erst in eine Reihe.
Und so wie die Dinge dann lagen, hatte ich wieder zu mir selbst gefunden. Angelo war irgendwie bereits fester Bestandteil in meinem Leben geworden, auch wenn die Zukunft völlig ungewiss war.
Also lief ich jenen wunderschönen Sommermorgen los, um mir Brötchen einzukaufen. Gerade als ich oben an der Straße um die Ecke bog, sah ich die Manske aus dem Bäckerladen kommen. Gut, ich hatte da ein blödes Gefühl auf einmal, dann sagte ich mir, was soll es, es kann im Grunde nichts passieren.
Sie sah mich nicht, weil sie kurz darauf im Schuhgeschäft verschwand.
Und dann schien es mir, als würde die Türglocke zum Bäckerladen Unheil verkünden. Die Renate stand hinter der Theke. So alt wie ich, wir waren so quasi nebeneinander her aufgewachsen ohne uns näher zu kennen.
Derweil sie damals in die Realschule wechselte und sowieso nicht mit uns spielen durfte. Man fürchtete einfach nur schlechten Umgang.

»Mojn«, sagte ich noch immer gut gelaunt. Aber dann sah ich den Blick, der auf mir ruhte.

Kein Ton gab Renate von sich.

»Vier Brötchen bitte.«

»Vier?«

»Ja, Vier.«

Eigentlich hatte sie nie eine lange Leitung, was mich dann allmählich ins Grübeln brachte.

»Ähm, ist dir ne Laus über die Leber gelaufen?«, war dann auch meine durchaus berechtigte Frage.

»Mir nicht, aber dir.. etwas Anderes vielleicht?«

»Mir? Was soll..«

Dieser Blick. Na klar. Trebitschs, deren Familie Renate entstammte, waren ja auch so bieder. Kirche hier, da und dort. Immer, wenn’s gegangen wäre. Mein Blick fiel auf das Kruzifix in der Ecke zur Backstube. Gut, ihre Sache.
Sie packte die Brötchen in die Tüte.

»Und das reicht?«

Ich holte jeden Morgen vier Stück, jedenfalls so lange ich Urlaub hatte.

Ja, oder hab ich abgenommen?«, feixte ich.

»Könnt ja sein dass es für zwei nicht reicht.«

Da fiel der Groschen: Die Manske hatte geplaudert. Trotz der misslichen Lage in dem Moment interessierte mich, was die alte Sumpfdeckelschnecke zum Besten gegeben hatte.

»Wie meinen?«, fragte ich scheinheilig.

»Man munkelt halt, dass du nicht alleine im Hause bist, kaum dass dir deine Eltern den Rücken gekehrt haben.«

Ich setzte mein umwerfendstes Lächeln auf.

»Sie haben mir nicht den Rücken gekehrt, sondern sind schlicht und ergreifend in Urlaub gefahren. Wie andere Leute auch. Und wen ich zu Besuch bei mir habe.. nun, ich wüsste grad nicht, wessen Wässerchen das trüben sollte.«

Sie wurde Rot und ich wusste warum. Jetzt war sie an der Reihe und das Unfassbare aussprechen, das würde sie nicht hinkriegen. Sie hatte viel zu viel Angst, das Kruzifix könnte zu Boden stürzen oder der Himmel herabfallen oder sie müsste am Ende gar ins Fegefeuer.

»Nun?«

»Was „nun“?«, stotterte sie.

»Wer munkelt denn was?«

Es machte mir plötzlich Freude, sie in die Enge zu treiben und ich musste unbedingt wissen was die alte Schachtel am verbreiten war.

»Das weißt du doch selber«, gab sie giftig von sich.

So hatte ich sie noch nie erlebt und ich fand, Zornesröte stand ihr gar nicht mal schlecht.

»Sorry, aber ich weiß leider überhaupt nichts. Bin mir keiner Schuld bewusst.«

Plötzlich sah sie an mir vorbei, nach draußen, durch die große Scheibe hinaus auf die Straße. Es war wie es immer ist, automatisch tut man es nach. Was ich dann hörte und sah war wie im Film.
Angelo parkte seinen Porsche genau vor dem Laden, der tiefe Bass des Motors ließ die Scheibe leicht erzittern. Rasch sah ich wieder zu Renate hin, ich musste einfach ihr Gesicht sehen.
Japp. Entsetzen, Panik, Angst, Furcht – das Grauen machte sich in ihr breit. Ganz sicher war ich mir zwar nicht, aber da glaubte ich auch ein Leuchten dahinter zu erkennen. Jenes Leuchten, das ich von mir selbst am besten kannte, sobald ich an Angelo dachte oder so wie jetzt, einfach nur sah.
Ja, er war eben das Bild von einem Mann. Von einem jungen Mann, in den man sich verlieben musste. Ihm würden sogar Scharen von Heteros zum Opfer fallen, das stand für mich fest.
Mein Herz war derweil auf Hundertachtzig, denn Angelo schwang inzwischen seinen wunderschönen Körper aus dem Wagen. Er sah mich durch die Scheibe – und winkte. Himmel, diese Freude in seinem Gesicht..

Ich warf dem Kruzifix rasch einen Blick zu und dachte laut „Danke.“

Renate stand wie angewurzelt hinter dem Tresen. So mussten Menschen aussehen, wenn sie dem Leibhaftigen begegnen. Ich war mir sicher, wenn sie gekonnt hätte, Angelo wäre draußen geblieben. Rasch die Tür abschließen, Schild umdrehen, auf dem jetzt „Geöffnet“ und auf der Rückseite „Heute geschlossen“ stand.
Aber dem war eben grade nicht so, es war schlicht zu spät für eine solche Maßnahme.
Lächelnd betrat er den Laden und die Glocke bimmelte diesmal so gar nicht Unheilvoll. Für Renate womöglich schon.

Gerade noch hatte sie garantiert so quasi gewettert und wer weiß was sie mit der Mansk’schen Schreckschraube gehetzt hatte. Vielleicht sogar von Tod und Teufel. Nun kam da ein Engel angeschwebt. Betrat den Raum, erfüllte ihn auf der Stelle mit einem frischen, zitronigen Duft und einer Riesenportion Unbekümmertheit.
So stand er vor mir und wartete. Ich hatte nie geglaubt, dass es Konkurrenz zu unserer Sonne geben konnte, aber ich glaubte es, ab diesem Morgen, in dem Laden.
Ich ging einen Schritt auf ihn zu und er hob beide Arme. Was hätte man denn da tun sollen? Nichts? Nein, das ging gar nicht. Ich lief in diese Arme hinein, legte meine um seinen Brustkorb und – küsste ihn. Mitten auf den Mund. Mitten in dem Laden.
Ein kurzer Blick zum Tresen, Renate schien noch am Leben, wenn auch nur noch in Bruchteilen. Ich war mir nicht sicher, ob Angelo angezogen war, denn viel anders, als wenn er völlig nackt hereingekommen wäre, konnte man nicht gucken.

»Ja, Rantelein, du hattest recht. Vier Brötchen sind unter diesen Umständen in der Tat zu wenig.«

Und damit legte ich ihr die Tüte wieder vor ihre weit geöffneten Augen.

»Ach, war das übrigens.. jenes Munkeln, von dem du erzählt hast?«

Mehr rot konnte sie nicht werden, aber Im Grunde tat sie mir leid. Wohlbehütet aufgewachsen, bedacht mit allem was der Mensch zum Großwerden braucht. In dem Moment konnte ich mich grad nicht erinnern, ob sie einen Freund hatte.
Wahrscheinlich nicht. Mit ihren Zöpfen und dem Kleid war sie sicher selbst dem dümmsten Waldbauernbub im Umkreis zu bieder. Wie sagte meine Großmutter einmal: „Ich hab deinen Großvater niemals nackt gesehen.“
Okay, das waren auch andere Zeiten, aber ich dachte, hier, bei ihr, da würde die Zeit wohl auf diesem Niveau stehen geblieben sein.

»Sei so nett und tu noch Vier dazu. Danke.«

Ich sah wie ihre Hand zitterte als sie die Brötchen eher mit Ekel und Abscheu als mit Freude am Beruf in die Tüte gab.

In jenem Augenblick ging die Glocke der Tür. Die Person, die reinkam kannte ich nur vom sehen, bekannt war sie mir nicht. Doch bevor Renate wirklich etwas Ernsthaftes passieren würde, zog ich es vor zu zahlen.

»Wolltest du etwas Bestimmtes hier?«, fragte ich Angelo, nachdem ich mein Rückgeld aus

Renates zitternder Hand entgegen genommen hatte.

»Nein, eigentlich wollte ich dich überraschen, aber das ist ja nun leider in die Hose gegangen.«

»Tja, früher aufstehen..«

Ich warf Renate noch einen Handkuss zu, was zugegebenermaßen fast schon eine Frechheit war, aber ich konnte es mir nicht verkneifen.

»Bis Morgen«, meinte ich noch und mit Angelo an der Hand verließen wir den Laden.

Prustend ließ ich mich auf den Beifahrersitz fallen. »Angelo, du warst köstlich.«

Er startete den Motor. »Ich? Wieso das denn?«

»Nur weil du da rein bist, das allein war..« ich beugte mich zu ihm und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

Der Bäckerladen befindet sich alles andere als in einer Seitenstraße. Und um diese Zeit war die Tratschkarawane unterwegs; also die Hausfrauen und Rentner, die das Neueste vom Neuen wussten und bis zur Mittagszeit hatten sich solche Ereignisse in der Regel bis ins letzte Bauernhaus verbreitet.
Abgesehen von der Manske, hatten diesen Kuss im Auto wenigstens vier mir bekannte Personen beobachten können und das mit tödlicher Sicherheit auch getan. Nun ging es darum, wer wem am schnellsten von dieser Unverschämtheit berichten konnte.

»Angelo, ich fürchte, wie beide stiften eine ganze Menge Unheil im Ort.«

Derweil steuerte er sein Gefährt durch die Hauptstraße und es gab kein Blick, der uns nicht folgte.

»Hm, keine Ahnung was du meinst. Aber ich habe Neuigkeiten.«

Ich lehnte mich zurück.

»Wenn es dir nichts ausmacht, beim Frühstück? Mit leerem Magen bin ich nicht so sonderlich Aufnahmefähig.«

Er lächelte und nickte, dann trat er einmal übermütig aufs Gaspedal. Selbst Leute auf dem Gehweg erschraken fast zu Tode und ich amüsierte mich köstlich über die erbosten Gesichter.

»Wieso habe ich dich nie hier im Ort gesehen?«, wollte ich dann wissen, während er Kurs auf unsere Straße nahm.

»Es gab nie einen Grund für mich, hierher in die Stadt zu kommen.«

»Oh – Stadt. Welch Aufstieg. Und nun.. hast du einen?«

Dabei grinste ich ihn an. Er bog in unsere Straße ein.

»Nun, ich denk schon.«

Zum Glück hatte ich am Abend zuvor die Wohnung einigermaßen aufgeräumt. Wenn man alleine ist bleibt ja öfter so manches liegen. Das einzige Zimmer, das von der Aktion ausgespart blieb, war mein Reich.
Aber ich konnte mir nicht denken, dass ihn das störte.
Angelo fuhr den Porsche in die Einfahrt und mein erster Blick galt dem Haus gegenüber. Ich wäre jede Wette eingegangen, dass die beiden bereits am spionieren waren. Der Motor unseres Autos war für diese Gegend eben sehr ungewöhnlich.
Aber was scherten mich die Nachbarn. Mich interessierte nur, ob sie wussten wer Angelo war. Am Ende traute ich ihnen alles zu.

»Unser Reich. Nicht so feudal wie eures, aber es lässt sich hier gut leben.«

Mit diesen Worten schloss ich die Haustür auf.
»Komfortabel..«, sagte Angelo nur dazu und blieb artig im Flur stehen.

»Komm mit in die Küche, ich mach uns einen schönen Kaffee. Und dazu gehen wir in den
Garten. Ach.. übrigens.. hier muss man alles selber machen, einen Diener können wir uns derzeit leider nicht leisten.«

Angelo lachte.

»Na ja, wer weiß. Es soll ja wieder Aufwärts gehen mit der Konjunktur.«

Wenig später saßen wir auf der Terrasse im Garten.

»Und, was wolltest du mir Neues berichten?«

»Ja, ich hatte gestern Abend noch einen Anruf. Mirko Nussbaum, das ist einer von den Herren die du kurz bei mir kennen gelernt hast.«

»Den.. vom Rundfunk, glaub ich?«

»Genau der. Ich werde Übermorgen nach Frankfurt fahren, den Vertrag unterzeichnen.«

»Mann Angelo, wirklich? Das heißt, du wirst im Rundfunkorchester spielen?«

»Ja, die haben sogar einen Ersatz für mich beim Symphonieorchester gefunden. Wenn alles klar geht kann ich nächste Woche schon anfangen.«

Freude, okay, die empfand ich, ganz besonders für Angelo. Aber irgendwas störte mich an all dem. Nur, was? Ich hasse flaue Gefühle in der Magengegend und nun war es wieder da. Blöderweise täuschte es mich selten.

»Aber, du wirst sicher nicht ohne Margie..«

Angelo lachte.

»Nein, keine Angst. Ohne Margie geht gar nichts. Sie sollte ja morgen Nachmittag fertig sein. Mal sehen.«

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