Und Friede den Menschen auf Erden

Dimitri

Endlich geschafft, endlich ist es drei Uhr nachmittags am Freitag, endlich Wochenende. Diese Woche schien ja gar nicht mehr zu vergehen. Und es war wieder eine Schinderei heute und ein Stress. Freitag kommt ja immer der TÜV zu uns in die Werkstatt und dementsprechend gibt es viel zu tun, denn die Autos müssen ja vorher noch überprüft werden, um sie durch den Tüv zu bringen.

Dazu waren einige dringende Autoreparaturen fällig. Am meisten nerven mich ja die Kfz-Halter, die sich neben einem hinstellen und auf die Finger sehen und dann auch noch gute Ratschläge geben, was zu machen ist. Und dann treten sie von einem Fuß auf den anderen, weil sie es ja so eilig haben und der ‚dumme Mechaniker’ findet den Fehler so lange nicht.

Aber was soll’s, jetzt ist erst mal bis Montag Ruhe!

***

Ach ja, ich heiße Dimitri, bin gerade mal neunzehn Jährchen, habe vor ein paar Wochen meine Gehilfenprüfung zum Kfz-Mechaniker erfolgreich bestanden und arbeite, wie ja vorher schon beschrieben, in der Werkstatt eines großen Autohauses in der Dreiflüssestadt Passau.

Der Betrieb liegt direkt an der Ausfallstrasse Richtung Vilshofen und nur ein paar Hundert Meter weiter habe ich erst vor wenigen Wochen meine eigene Wohnung eingerichtet. Ich kann also bequem zu Fuß zur Arbeit gehen.

Aber jetzt bin ich erst mal auf dem Weg von der Werkstatt in die Umkleide- und Duschräume. Da ich mit dem Meister noch eine Besprechung hatte, bin ich der letzte, der diese Räume betritt und deshalb ist dort schon reger Betrieb.

Schließlich haben wir neben zwei Meistern noch sechs Gesellen und vier Lehrlinge. Und alle haben es sehr eilig, um nach Hause zu kommen. Ist ja schließlich Freitag und das lange Wochenende wartet!

Nur die wenigsten nehmen eine Dusche, bevor sie sich umziehen. Auch ich schlüpfe nur aus meinem verschmierten Overall und entnehme meinem Spind die sauberen Klamotten, d. h. Jeans und T-Shirt. Duschen kann ich auch zu Hause.

Nebenbei lasse ich natürlich meine Blicke im Raum umherschweifen, es gibt ja doch allerhand zu sehen.

Ach ja, wegen dem ‚allerhand zu sehen’, wie ihr sicher ahnt, bin ich schwul, was im Betrieb zwar manche vermuten, genau weiß es aber keiner!

Dass es manche vermuten, nehme ich deshalb an, weil ich, im Gegensatz zu all den anderen, nie von Erlebnissen mit einer Freundin berichte. Andererseits sollte das aber gar nicht so auffallen, da ich überhaupt nicht viel rede, nur was eben sein muss während der Arbeit.

„He Dimitri, was treibst du dieses Wochenende?“

Thomas, einer der Gesellen, wie ich um die neunzehn, stellt mir die Frage. Er ist eigentlich der Einzige, mit dem ich auch mehr oder weniger Privates berede. Aber wie er so vor mir steht, eben aus der Dusche kommend und mit nichts an außer dem Handtuch, das er nun abnimmt, um sich die Haare zu trocknen, da muss ich schon erst schlucken und starre förmlich auf sein Riesengehänge.

Nicht, dass ich es zum ersten Male sehen würde, nein, aber ich finde es immer wieder faszinierend, weil Thomas wirklich allerhand zu bieten hat. Er hat vor allem einen sehr großen Sack, der länger herabhängt als sein Schwanz, obwohl letzterer keineswegs zu den Kleinen zu rechnen ist.

Thomas hat schwarze, etwas längere Haare und auch sein schwarzes Schamgebüsch ist sehr dicht. Im Gegensatz zu seinen muskulösen, dicht behaarten Beinen ist seine Brust völlig unbehaart.

Ich weiß von ihm, dass er in der Kreisklasse Fußball spielt, deshalb auch sein wohlproportionierter Po!

„Hab ich was an mir, weil du so schaust?“

„Nein, nein, entschuldige, ich bin nur immer wieder fasziniert von deinem athletischen Körper, könnte man neidisch werden,“ stammle ich verlegen und so leise wie möglich, soll ja kein anderer mithören.

Thomas lacht und lässt seine blendend weißen Beißerchen blitzen.

„Da ich dich ja noch nie nackt gesehen habe, kann ich das Kompliment nicht erwidern. Aber es ist alles da.“

Dabei greift dieser Adonis ungeniert zu seinem Sack und wiegt ihn mit der rechten Hand und lächelt mich an. Nur gut, dass ich nicht mehr in der Unterhose dastehe, ich hätte mich garantiert verraten. So kann ich unbemerkt in die Hosentasche greifen und dort für Ordnung sorgen!

„Jetzt weiß ich immer noch nicht, was du am Wochenende vorhast.“

„Ach Thomas, du weißt doch, dass ich erst meine Wohnung bezogen habe, da gibt es noch so viel zu tun!“

„Brauchst du nochmals Hilfe, also ich hätte Zeit, würde dir gerne wieder helfen.“

Dabei schlüpft er in seine weißen Retroshorts, die sicher mehr zeigen, als sie verhüllen.

„Das wäre super Thomas, ich habe nochzwei Schränke in der Garage unten stehen, wenn du sie mir hinauftragen hilfst? Wie wäre es morgen nachmittags?“

„Ich muss zwar morgen noch Einkaufen, aber ich melde mich einfach bei dir, wenn ich fertig bin, okay?“

Ich nicke ihm freundlich zu und meine: „Einverstanden, dann bis morgen, Thomas!“

„Servus Dimitri, also bis morgen!“

Ich bin mit der Anzieherei fertig, nehme meinen Rucksack und mache mich auf den Nachhauseweg. Es sind ja nur ein paar hundert Meter die ich zu bewältigen habe. Die Straße vom Autohaus gerade runter, dann bei der Ampelkreuzung auf die linke Seite, eine kleine Anhöhe hinauf und schon bin ich zu Hause.

Ja, mein Zuhause, allmählich gewöhn ich mich daran, dass es mein eigenes Heim ist. Ich bin froh, dass ich mich vor vier Wochen entschlossen habe, von zu Hause auszuziehen!

Es ist ein kleines Appartement mit Kochnische und Bad im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses in der Vilshofener Strasse in Passau.

Die Miete ist in Ordnung und bezahlbar, weil ich ja auch Mietzuschuss von der Stadt bekomme.

***

~ Rückblick ~

Es war nicht mehr zum Aushalten mit den ewigen Beschimpfungen von meinem Vater, seit er um mein Schwulsein wusste.

Ich muss dazu erklären, dass meine Familie, also meine Eltern, mein kleiner Bruder Yuri, und ich vor 12 Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion, hierher nach Deutschland kamen.

Mütterlicherseits war die deutsche Volkszugehörigkeit gegeben, so dass der Umsiedelung nichts im Wege stand. Auch mein Vater hat inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit erworben, die unsere Mutter und wir Kinder schon länger hatten!

Wir lebten anfangs im Aussiedlerwohnheim in Landau a. d. Isar, bis wir vor ein paar Jahren hierher nach Passau zogen, wo bereits ein Bruder meiner Mutter lebte!

Er war es auch, der meinen Eltern einen Arbeitsplatz sicherte und mir schließlich die Lehrstelle im Autohaus. Vater tat sich von Anfang an schwer mit dem Deutschen, er spricht es auch heute noch sehr gebrochen und am liebsten überhaupt nicht!

Mit meiner Mutter und einigen anderen russlanddeutschen Bekannten redet er überhaupt nur Russisch. Mein Vater wurde immer unzufriedener mit dem ganzen Leben hier, als er merkte, dass einem in Deutschland auch nichts geschenkt wird! Auch hier muss für mehr oder weniger kargen Lohn hart gearbeitet werden. Er nörgelte an allem rum, vor allem auch an uns Kindern, wir konnten ihm nichts recht machen!

***

Und dann kam es zum Eklat! Ich merkte so vor drei bis vier Jahren, dass mich Mädchen nicht besonders interessierten. Wenn die anderen Burschen in der Hauptschule und dann in der Berufsschule vom ‚Weiberaufreißen’ und von ‚Titten und Muschis’ redeten und sich, wie unschwer festzustellen war, an diesem Gerede aufgeilten, da blieb ich ganz ruhig und konnte mir beim besten oder soll ich sagen, geilsten Willen nicht vorstellen, was bitteschön an einem weiblichen Unterleib oder an einem Gemöpse aufreizend sein soll.

Ja, dagegen nötigte es mir schon einiges an Beherrschung ab, den sich aufgeilenden Jungs nicht zu direkt auf ihre Hosentürls zu starren, vor allem, wenn sie sich ihre Päckchen oder Pakete richtig geil durchkneteten.

Da war mir klar, dass ich nun mal mit Frauen nichts anzufangen weiß und damit wohl schwul sein muss. Es war aber kein Schock für mich, so wie es manch andere erleben. Ich habe so was ja schon lange geahnt, es kam ja nicht über Nacht, dass ich eben Schwänze interessant fand.

***

Als ich eines Tages am Zeitungsstand des Passauer Bahnhofs Zeitschriften mit halbnackten Jungs sah, sie kaufte und zuhause durchblätterte, da war dann natürlich alles klar!

Erst gar, als ich mich endlich in einen Sex-Shop traute und mich dort mit ‚härteren’ Männermagazinen eindeckte, um mich mit den ‚steifen Tatsachen’ in meinem Zimmer auseinander zu setzen. Da gab es keine Zweifel mehr. Stundenlang konnte ich mich mit den Heften und mit mir selbst beschäftigen!

***

Eines Abends muss ich so intensiv mit mir beschäftigt gewesen sein, dass ich mein Anschauungsobjekt einfach unter das Kopfkissen schob, weil ich schon zu müde war um es wegzuschließen. „Morgen früh dann…“, schon war ich eingeschlafen. Von wegen morgen früh!

Es pressierte am Morgen und ich dachte an alles, aber nicht an die steifen Schwänze unter meinem Kopfkissen!

Die fielen mir erst wieder ein, als ich abends vor meinem, von meiner Mutter gemachten, Bett stand!

***

„Ich hab doch gestern…“ siedend heiß überkam mich der Gedanke, dass meine Mutter das Heft gefunden haben muss, denn es war sonst nirgends zu sehen.

Die Bestätigung kam gleich darauf, als ich zum Abendessen in unser Esszimmer kam und Vater sich drohend vor mir aufbaute und mir das beschlagnahmte Heft vor die Nase hielt.

„Dimitri Frelich!“

Oh je, wenn Vater mich mit meinem vollen Namen anspricht, dann ist Feuer unterm Dach!

„Dimitri, was das soll? Schweinestall das ist! Wo kaufen? Du mögen doch nicht solche… solche…?“

Vater fuchtelte mit dem Heft herum. Nur gut, dass mein Bruder nicht zu Hause und Mutter in die Küche geflüchtet war. So dass die beiden meine Verlegenheit, meine tomatenfarbene Röte und mein Gestammel nicht mitbekamen.

„Vater, ich hab das… ich weiß nicht… es ist nicht so…“

„Ja, Dimitri, was du sagen?“

Ich überlegte einen Augenblick und nahm meinen ganzen Mut zusammen, was kann denn schon noch passieren?

„Vater, ich muss es dir sagen, ich bin schwul! Jetzt ist es heraus. Ich wollte es euch schon lange sagen, hatte aber nicht den Mut dazu. Aber nach dem ihr das Heft gesehen habt, ist wohl alles klar.“

Warum jetzt nicht gleich reinen Tisch machen, hab doch eh nichts mehr zu verlieren! Weit gefehlt!

***

Ich hab Vater noch nie so laut schreien hören; man muss ihn noch auf der Straße gehört haben.

„Dimitri, du nicht schwul, kann nicht sein. Dimitri, du Russe, Russen nicht schwul!“

„Vater, ich bin aber schwul und außerdem bin ich Deutscher!“

Jetzt wurde Vater erst so richtig wütend, wobei ich gar nicht weiß, was ihn mehr erzürnte, meine erste oder die zweite Feststellung. Ich weiß gar nicht mehr, was er mir alles auf den Kopf zugesagt hat, mit welchen russischen Schimpfnamen er mich belegte.

Ich weiß nur noch, dass meine Mutter ins Zimmer stürmte, mich am Ärmel packte und mich hinauszog. Erst in meinem Zimmer kam ich wieder so recht zur Besinnung, als mich Mutter ansprach:

„Dimitri, es tut mir so leid, ich hab einen riesengroßen Fehler gemacht. Aber ich war so erschrocken über die Zeitschrift. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es so was überhaupt gibt. Und da bin ich schnurstracks zu Vater gerannt und hab es ihm gezeigt! War ein großer Fehler, ich weiß. Ist aber jetzt nicht mehr zu ändern!“

Irgendwie tat sie mir leid, wie sie da so mit Tränen in den Augen vor mir stand und sich entschuldigte.

„Ach was soll’s, irgendwann musste er es ja erfahren, warum nicht heute. Ich hab mir das Schwulsein ja auch nicht ausgesucht. Es ist nun mal so und nicht mehr zu ändern!“

„Vermutet habe ich so was schon lange, habe es aber bisher verdrängt. Aber Dimitri, es ist dein Leben, du musst damit zu Recht kommen. Ich bin jedenfalls immer für dich da. Und wirst sehen, Vater wird das auch hinnehmen, er braucht halt länger.“

„Aber sag vorläufig Yuri nichts davon. Ich will es ihm selbst sagen, irgendwann einmal.“

„Ist recht Dimitri, glaub mir, Vater wird eines Tages auch verstehen und es wird alles gut.“

***

Aber sie hatte die Rechnung ohne Vater gemacht! Vater verstand gar nichts! Und nichts wurde gut! Anfangs war ich Luft für ihn, dann allmählich belegte er mich wieder mit russischen Schimpfwörtern und es gab wegen jeder Kleinigkeit Streit. Von wegen harmonisches Familienleben!

Auch Yuri bekam bald mit, dass etwas vorgefallen sein musste, so wie mich Vater behandelte. Ich fand, es war höchste Zeit, ihm reinen Wein einzuschenken. Er ist ein netter, lieber Junge, Kunststück, er ist ja mein Bruder! Ganze 2 Jahre trennen ihn von mir, er ist vor kurzem 17 geworden und der Schwarm aller Mädchen seiner Realschulklasse. Aber sicher sieht ihm auch mancher seiner männlichen Mitschüler gerne hinterher, denn Yuris wohlgeformtes Hinterteil ist schon ein Blickfang.

„Yuri, kommst du mal auf mein Zimmer, ich hab was zu bereden.“

„Was ist denn Dimi?“

Ja, ‚Dimi’, so nennt mich außer Yuri keiner.

„Komm einfach rein und mach die Tür zu.“

„So geheimnisvoll? Hat es mit Vaters Verhalten zu tun?“

„Auch, ja. Ich weiß nur nicht, wie ich es dir am besten erklären soll.

Also, es ist so… ich bin… Mensch, ist das schwer, wie soll ich es…?“

„Wenn du mir sagen willst, dass du schwul bist, dann ist das aber absolut keine Neuigkeit für mich. Also, was ist da so schwer zu sagen?“

Nun war ich aber am Schlucken, mit allem hatte ich gerechnet, mit dem aber nicht.

„Mund zu Dimi, ich weiß es schon eine ganze Zeit. Na ja, erstens hast du nie ein Mädchen angeschleppt und dann, na ja, war vielleicht nicht die feine Art, hab ich dich durchs Schlüsselloch beobachtet, wie du, na ja, du weißt schon…“

„Was soll ich wissen?“

„Na ja, du hattest eine Zeitschrift neben dir im Bett liegen, die du mit einer Hand umgeblättert hast, mit der anderen hast du dein Ding gerieben.“

„Na das ist wirklich keine feine Art, Yuri, anderen beim Wichsen zuzusehen, das habe ich bei dir noch nie gemacht. Aber nur, weil ich gewichst habe, wie kommst du dann darauf, dass ich schwul bin, Yuri?“

Ich merkte wie er rot anlief, es war ihm sichtlich peinlich weiterzureden.

„Also, ich hab in deinem Zimmer gesucht, als du in der Arbeit warst, bis ich deine Lektüre gefunden hab. Und ich wurde sehr rasch fündig, weil du nämlich das gleiche Versteck hast wie ich. Klar, dass ich da zuerst nachsah, nämlich im Kleiderschrank unter deinen Winterpullovern!“

„Also eigentlich sollte ich dir jetzt eine schmieren, du schnüffelst in meinem Zimmer rum. Aber gut, ist jetzt eh wurscht. Ach übrigens, was hast du denn in deinem Versteck unter deinen Pullovern?“

„Das ist jetzt nicht so wichtig, ich wollte nur sagen…“

„Nein Yuri, das will ich jetzt wissen!“

Schon stand ich auf und ehe Yuri wusste, wie ihm geschah, stand ich in seinem Zimmer und vor seinem Kleiderschrank.

„Na mal sehen, womit sich der Herr so verlustiert. Ach, da haben wir ja die Pulloverchen, mal schauen…“

Ich hob die Pullover und richtig, darunter lagen zwei Hochglanzmagazine. Yuri stand mit hochrotem Kopf neben mir und schaute verschämt auf den Boden. Ich holte die Heftchen runter und war verblüfft, wieder mal, denn es waren Homomagazine, die mein kleiner Bruder dort verstaut hatte.

Erstmals sagte keiner was, aber dann stotterte ich „Ja sag mal, bist du etwa auch…?“

„Ach Dimi, so genau weiß ich es doch auch nicht. Ja sicher, mir gefallen die Sachen in diesen Heften, ich sehe hübsche Kerle hinterher. Aber ich könnte mir schon auch vorstellen, eine von meinen Mitschülerinnen flachzulegen und dann so richtig…

Bin ich bi, Dimi?!?“

„Ich nehme es an Yuri, vielleicht aber doch mehr in Richtung schwul? Genau weiß ich es natürlich auch nicht. Hast du schon mal mit einem Jungen…? Oder mit einem Mädchen?!“

„Weder noch Dimi, darum weiß ich auch nicht, wo ich eigentlich stehe. Es ist so kompliziert.“

„Übereile nichts Yuri, lasse es einfach auf dich zukommen. Irgendwann kommt sicher der oder die Richtige. Wirst sehen!“

„Danke Dimi, ich bin froh, dass ich mit dir über alles reden konnte. Aber es bleibt unter uns, ja?“

„Na klar doch Yuri.“

„Aber was anderes, was ist nun mit Vater und dir, es ist doch nicht wegen deinem Schwulsein?“

„Leider doch Yuri, es ist deshalb. Vater sagt, ich bin Russe und ein Russe kann nicht schwul sein!“

„Blödsinn, erstens sind wir keine Russen mehr, und außerdem… oh je, wenn der das von mir auch noch wüsste…“

„Muss er vorerst ja auch nicht wissen, vor allem, lass keine Schwanzlektüre offen liegen, nicht dass es dir so ergeht wie mir.“

Und ich erzählte ihm mein so folgenreiches Versehen.

„Da war aber selten dämlich, mein großer Bruder, passiert mir bestimmt nicht.“

„Na dann ist es ja gut.“

Ich war froh, dass das Gespräch, vor dem ich solchen Bammel hatte, so gut verlaufen ist. Er wusste es bereits, dieser Schuft, aber ein ganz lieber Schuft!

Und Yuri war es auch, der mir half, mit den häuslichen Schwierigkeiten, zurecht zukommen.

***

Eines Tages hat mich Vater dann gesehen, als ich aus Yuris Zimmer kam. Und wieder gab es einen Mordskrach, ob ich nun auch noch meinen kleinen unschuldigen Bruder zu Abartigkeiten verführen will und lauter solchen Schmarrn.

Von wegen kleiner unschuldiger Bruder!

Aber ich sagte gar nichts darauf und hörte nur noch, als ich in mein Zimmer ging, meinen Vater schimpfen.

„Yuri in Ruhe lassen, sonst du fliegen aus Haus, Verstehst?!“

 

Ich hab einfach meine Türe zugemacht und die lauten Beschimpfungen meines Vaters auf dem Flur, die versuchte ich einfach zu ignorieren. Ich drehte meinen CD-Player auf und legte mich aufs Bett.

Zum ersten Mal machte ich mir Gedanken, ob es nicht doch das Beste wäre, eine eigene Wohnung zu suchen!

****

~ Rückblick ENDE ~

Während ich nun an diesem Freitagnachmittag in meinem kleinen, aber saniertem Bad stehe und mir unter der Dusche den Schmutz und Schweiß des harten Arbeitstages herunter wasche, muss ich daran denken, wie hart mir der Auszug aus der Familienwohnung gefallen ist. Und das vor allem natürlich wegen Yuri und Mutter!

Die beiden haben mir auch wunderbar geholfen beim Einrichten der neuen Wohnung. Vor allem Yuri hat jede freie Minute hier verbracht. Auch Thomas, mein Arbeitskollege, half mir vor allem beim Tapezieren der Wände.

Ja, Thomas ist schon ein feiner Kerl, ich mag ihn sehr.  Er ist nicht so vorlaut und eingebildet wie die meisten anderen Kollegen. Ob er schon eine feste Freundin hat?

Er hat da mal was angedeutet von einer gewissen Silvia, mit der er in Urlaub war. Mehr habe ich aber auch nicht erfahren.  Während ich meinen Body einseife, vor allem dann die unteren Regionen, kommt mir wieder das Bild von vorhin im Umkleideraum des Autohauses in Erinnerung!

Der nackte Thomas mit seinem übernatürlich großen…  und ich sehe noch deutlich vor mir, wie er die Sachen so geil knetet und ‚es ist alles da’ dabei sagt. Ja, nun ist bei mir auch ‚alles da’, in voller Länge ausgefahren!

Ich glaube schon, dass ich in der Beziehung mit ihm mithalten kann.

Wie gerne würde ich mal eine fremde Hand da unten spüren, nicht immer nur die eigene. Es ist wirklich wahr, aber trotz meiner immerhin schon 19 Jahre, hat noch kein anderer und keine andere bei mir Hand angelegt!

Ach ja, mit Thomas, da könnte ich mir so allerhand vorstellen, was man zu zweit viel besser machen kann als immer nur alleine! Mit Thomas, ja das wäre was! Aber er ist doch nicht schwul, der würde doch nie mit mir…

So bleibt also weiter nichts als die schon gewohnte übliche Beschäftigung als Solist beim Flötenspielen!

Und wie es halt kommen muss, gerade als ich zum Fortissimo ansetzen will, da läutet es an meiner Wohnungstür. Zuerst setze ich einfach mein Spiel fort, was kümmert mich die Klingel. Aber wenn es doch etwas Wichtiges ist?

Es hilft alles nichts, ich schnappe mir das Badetuch, wickle es um meine Hüften und gehe, nasse Fußabdrücke hinterlassend, an die Tür. Ich öffne sie vorsichtig einen Spalt und werde mit einem fröhlichen: „Hey Dimi, warum lässt du mich so lange warten?!“ begrüßt.

Yuri ist es, der mir das Finale im Bad verpatzt hat. Aber wer könnte dem brüderlichen Wirbelwind deshalb böse sein! Natürlich lasse ich ihn herein. Er sieht mich groß an, sieht auf meinen nassen Körper und das Handtuch, das sich vorne etwas ausbeult und meint ganz frech:

„Ach das tut mir jetzt aber Leid, habe ich dich bei deiner Lieblingsbeschäftigung gestört, ach wie mir das Leid tut!“

Er grinst dabei wie ein Honigkuchenpferd. Ich wuschle ihm durch seine blonde Lockenpracht und ziehe etwas daran.

„Aua das tut doch weh, Dimi, na warte du!“

Und ehe ich mich versehe, reißt mir der Frechdachs das Handtuch vom Leib. Ich stehe jetzt splitternackt vor ihm!

Mit beiden Händen versuche ich meine Kostbarkeiten zu verbergen, was gar nicht so leicht ist bei der fast immer noch voll einsatzbereiten Flöte.

Yuri kugelt sich fast vor lauter Lachen.

„Aber Dimi, warum so schüchtern, ich hab doch eh schon alles gesehen.“

Ach ja, was solls, ich nehme meine Hände weg und merke gleich, wie Yuri starrt. Rasch eile ich ins Bad, trockne mich fertig ab und schlüpfe in den Bademantel. Enttäuscht sieht Yuri mich an, als ich aus dem Bad komme.

„Ach schade, an den Anblick hätte ich mich gewöhnen können, Dimi. Aber was anderes, ich hab dir von Mutter einen Korb voller Essensachen mitgebracht. Sie lässt dich auch schön grüßen.“

Erst jetzt bemerke ich den Korb, den Yuri abgestellt hat. Es ist nicht das erste Mal, dass Mutter mir was zukommen lässt, freilich, sie kann es nur tun, wenn Vater nicht zu Hause ist.

„Ach übrigens Dimi, Vater hat gestern Abend zum ersten mal gefragt, ob es richtig war, dich weggehen zu lassen. Mit Mutter hat er geredet, ich habe es heimlich gehört. Ich glaube, es tut ihm leid, wie er dich behandelt hat. Ich würde mich nicht wundern, wenn er eines Tages bei dir auftaucht.“

„Ich weiß nicht Yuri, ich bin im Moment froh, meine eigene Wohnung zu haben und Vater nicht sehen zu müssen. Ach übrigens Yuri, was hast du morgen Nachmittag vor? Thomas will kommen, er hilft die Schränke herauf tragen. Es ginge einfacher, wenn du auch hilfst!“

„Natürlich helfe ich dir, ist doch klar, außerdem freue ich mich Thomas wieder zu sehen. Ich finde ihn nämlich sehr sympathisch. Und Aussehen tut er ja unheimlich gut. Du magst ihn doch auch. Warum seid ihr eigentlich noch nicht beisammen, ich meine so als richtige Freunde?“

Wir sitzen inzwischen am kleinen Tischchen in der Küche und ich probiere schon mal den delikaten Nudelsalat von meiner Mutter.

„Natürlich mag ich den Thomas. Dass er ein Adonis ist, weiß ich auch. Was ich aber bis heute nicht weiß, ist, ob er überhaupt schwul ist. Ich glaube es gar nicht. Er hat doch mal was von einer Freundin erzählt. Aber was ist jetzt eigentlich mit dir, da du ja so von Thomas schwärmst.

Willst du es nun doch mal mit einem Freund versuchen? Beißen sich die Girls nun doch die Zähne bei dir aus?“

„Ja Dimi, ich bin mir nun ziemlich sicher, dass ich unseren Eltern keine Enkelkinder präsentieren kann. Ich habe es versucht. Du weißt doch von Tatjana, mit der ich befreundet bin. Ich mag sie als Freundin, gute Freundin. Aber im Bett da ging einfach nichts. Es reizt mich einfach nicht, auch nicht mit einer anderen. Dagegen mit Thomas…“

„Na dann, willkommen im Club, Yuri!“

„Na ja, warten wir es ab. Aber was anderes, Dimi. Wenn ich morgen schon hier bin, dann könnten wir doch auch wieder mal wohin fahren, bitte Dimi!

***

Seit ein paar Wochen habe ich einen fahrbaren Untersatz, einen Ford Ka, klein, aber ganz mein. Natürlich habe ich ihn günstig als Gebrauchtwagen von der Firma bekommen. Es war einiges zu reparieren. Aber als gelernter Mechaniker und mit der Automarke vertraut, war es mehr oder weniger ein Kinderspiel, das Fahrzeug in einen Tüv-tauglichen Zustand zu versetzen.

Mit Yuri habe ich schon die eine oder andere Fahrt unternommen.

„Na gut, wo willst du hin, Yuri?“

„Ich wüsste da schon was, ist gar nicht weit zu fahren, der Ilzstausee an der Oberilzmühle.“

„Und was ist da so besonders?“

„Dimi! Hast du noch nie davon gehört! Dass ist doch der einzige FKK-Platz in der ganzen Gegend. Außerdem treffen sich dort die Schwulen. Ach bitte Dimi, lass uns doch morgen dorthin fahren. Es soll auch ein heißer Tag werden.“

„Also ich habe nichts dagegen. Ich weiß nur nicht, ob Thomas so lange Zeit hat, um auch mitzukommen.“

„Au ja, Dimi, der muss einfach mitkommen, dann werden wir ja sehen, dann muss er die Hosen runterlassen, in zweierlei Hinsicht. Dann sehen wir ja, was wirklich an der Freundin-Geschichte dran ist. Und wir sehen auch, was an ihm dran ist!“

„Yuri Yuri, du bist unverbesserlich. Aber gut, fragen wir ihn morgen!“

„Jawohl, schau ma mal, dann seng mas scho, gell Dimi.“

Yuri verabschiedet sich bald, denn er will ja noch ins Kino. Und ich richte mich auf einen gemütlichen, aber einsamen Fernsehabend ein.

***

Es ist Samstagnachmittag und wie vorhergesagt, es ist ein heißer Augusttag. Yuri ist bereits bei mir und wir warten auf Thomas. Er hat gegen Mittag angerufen und sich für 2 Uhr angesagt. Ich gehe mit Yuri schon mal runter. Gerade, als wir aus der Haustüre treten, fährt Thomas mit seinem Rad in unseren Hof. Mit einem Lächeln springt er vom Rad, stellt dieses an der Garage ab und begrüßt uns beide.

Er trägt Jeans und ein gelbes, ärmelloses Shirt. Seine Haare sind vom Wind arg zerzaust und Schweißperlen stehen auf seiner Stirn. Trotzdem sieht er wieder blendend aus.

„Hallo ihr beiden, bin ich nicht pünktlich?“ meint er und ordnet etwas seine schwarzen Locken.

„Haben wir von dir gar nicht anders erwartet“ erwidere ich, „na dann lass uns mal gleich mit der Arbeit beginnen.“

Die beiden Schränke, die wir von der Garage hinauftragen, sind zwar nicht sehr schwer, wir kommen aber doch ganz schön ins Schwitzen, bei den Temperaturen an diesem 11. August kein Wunder.

Ich trage mit Thomas die Schränke, während Yuri uns die Türen aufmacht und aufpasst, dass wir, vor allem im Stiegenhaus, nirgends anstoßen.

Endlich ist es geschafft und wir sitzen alle 3 auf meiner Wohnzimmercouch und löschen mit Cola und Saft unseren Durst.

Yuri rempelt mich mit dem Fuß an und räuspert sich kurz. Ich weiß schon, was er will.

„Ach Thomas, hättest Du nicht Lust, mit uns an den Ilzstausee zu fahren?“

„Das ist doch dieser FKK-Platz, oder? Natürlich will ich, wenn ihr mich mitnehmt. Aber ich habe keine Badehose dabei.“

„Macht nix, dafür ist es ja FKK,“ kann sich Yuri nicht zurückhalten.

„Na ich weiß nicht, so vor allen Leuten…“

„Kein Problem Thomas, du kriegst von mir eine Hose, sie passt dir sicher auch!“ überzeuge ich Thomas.

„Prima, dann würde ich sagen, pack mas,“ das kommt von Yuri.

Und so machen wir uns mit meinem Auto auf den Weg von Passau Richtung Freyung zum Ilzstausee!

***

Nico

 

Das war’s dann ja wohl! Ich hatte so viel Hoffnung in diesen Tag gesetzt. An meinem Geburtstag wollte ich klaren Tisch machen. Endlich ehrlich sein! Auch zu mir selber! Und dann habe ich es Ihnen gesagt!

***

Bei der Geburtstagstorte, die ich mit meinen Eltern und meinen drei besten Freunden gerade genoss. Ja, Torten machen kann meine Mutter wie keine andere! Schmeckt immer lecker! Und man isst meist auch mehr als man eigentlich will!

Es schmeckte auch allen, bis ich dann loslegte: „Weil wir gerade so schön friedlich zusammensitzen, möchte ich euch endlich die Wahrheit sagen und das Versteckspiel endlich beenden!

Ich weiß seit vier Jahren, dass mich Frauen nicht interessieren. Ich bin schwul!“

Bummmmsss!!!!

Schlägt ein wie eine Bombe! Allerdings mit verheerender Wirkung!

***

Hätte ich doch nur meinen Mund gehalten! Meine drei Freunde lassen die Kuchengabel fallen und sehen mich wie ein Mondkalb an. Heinz lässt noch „Verfluchte scheiß Schwuchtel“ ab und verlässt dann mit den beiden anderen vermeintlichen Freunden das Haus!

Und meine Eltern? Für meinen Vater ist das aber gar kein Thema. Er bleibt ganz cool! Er wendet sich an meine Mutter. „Ach weißt du Erika, du gehst übermorgen mit Nico zu Dr. Jobst! Du kennst ihn und weißt ja, dass das einer der fähigsten Ärzte überhaupt ist. Und der richtet unseren Sohn wieder!

Nico, du bist nicht schwul! Du bist mein Sohn! Deshalb kannst du gar nicht schwul sein! Verstehst du das? Ich habe ganz einfach keinen schwulen Sohn! Deine Mutter geht mit dir Montag zum Arzt. Der heilt das wieder! Wahrscheinlich nur ein ganz kleiner Eingriff! Keine große Sache!

Und ich fahre jetzt doch noch mal im Büro vorbei. Feiert noch schön! Keine Angst Nico, Dr. Jobst heilt dich wieder! Und dann bist du wieder mein lieber Junge!“

Mit diesen Worten verlässt mein Vater, Franz Weiss, das Haus.

***

Bei meiner Mutter beginnen jetzt die Tränen zu laufen!

„Ach Nico, dein Vater verliert immer mehr den Boden unter den Füßen. Lange geht das nicht mehr gut! Aber ich warte eigentlich schon seit drei Jahren, dass du es mir endlich sagst, dass du schwul bist! Schade dass es so lange gedauert hat, du nicht mehr Vertrauen zu deiner Mutter hast! Darf ich dich drücken und umarmen Niki? Oder bist du dir da schon zu alt dafür?

Aber für mich wirst du immer mein kleiner Niki bleiben! Und dann bekomm ich eben einen Schwiegersohn und keine Schwiegertochter!“

Jetzt sind es Freudentränen, die der Mutter runterlaufen!

***

Mir beginnen die Tränen jetzt aber auch zu laufen. Über meine Freunde bin ich zutiefst enttäuscht. Mein Vater, na ja, der ist eigentlich kein Thema! Und über ihn aufregen lohnt gar nicht. Aber meine Freunde! Speziell Josef! Tja, so kann man sich in einem Menschen täuschen!

Aber bei meiner Mutter war ich mir eigentlich immer sicher! Und zu recht! Eben eine wirkliche Mutter! Ich gehe in die Knie vor ihr und dann heulen wir beide gemeinsam eine Weile.

„Den Arzt Niki. Den lassen wir, oder? Du bist nicht krank! Du bist mein kleiner Niki! Ich liebe dich! Immer! Heute! Morgen! Übermorgen! Bis zu den Sternen und zurück! Solange, bis ich nicht mehr da bin! Gibt es da eigentlich schon einen…?“

Ja, das ist meine Mutter. Die Schärfe aus der ganzen Angelegenheit nehmen und dann natürlich noch ein bisschen Neugierde! Mein Coming Out habe ich mir schon etwas anders vorgestellt! Drei vermeintliche Freunde verloren, meinem Vater, dem der Verkehrsunfall vor ein paar Jahren wohl doch etwas mehr zugesetzt hat. Ein Vater war er die letzten Jahre schon nicht mehr. Eher jemand, der auch hier in diesem Haus lebt und wohnt!

Aber wie gesagt, auf meine Mam ist hundertprozentig Verlass. Auf sie habe ich mich immer verlassen können. Sie hat mir auch immer die Stange gehalten. Ich frage meine Mam jetzt aber trotzdem, wie Vater das mit dem Arzt gemeint hat.

Denn, den Dr. Jobst, den ich kenne, ist so ein Braunenfreundlicher alter Knacker.

***

„Weißt du Niki, dein Vater hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Vor zwei Jahren ist er in eine neue Partei eingetreten. Und die ist so ziemlich gegen alles! Gegen Ausländer! Gegen Asylanten! Gegen Zuwanderer! Und eben auch gegen Schwule!

Weißt du, die haben so eine braune Gesinnung. Das hatten wir vor 70 Jahren schon einmal in Deutschland! Dieser Dr. Jobst ist einer seiner Parteifreunde. Ich habe ihn mal auf einem Empfang kennen lernen müssen. Dein Vater hat mich ihm einfach vorgestellt!

Wenn wir zu diesem Könner nicht hingehen, wird dein Vater wohl ein paar böse Bemerkungen fallen lassen und versuchen, uns mit Worten, vor allem dir, wehzutun!

Aber…“ und jetzt beginnt Mam zu lächeln.

„… der weiß auch, dass die Firma, in der er arbeitet, immer noch meinem Vater gehört. Und die nächsten 20 Jahre wird der sie sich auch nicht aus den Händen nehmen lassen! Von einem Franz Weiss schon gleich gar nicht.

Außerdem habe ich vor deinem Opa schon mal geäußert, dass du evtl. Schwul bist. Ja, ähm und dann hat mir Vater was aus seiner Jugend, vor seiner Hochzeit erzählt! Bevor er Mutter kennen lernte und dann heiratete, war er über ein halbes Jahr mit einem Mann zusammen!

Deiner Großmutter hat er das dann aber gesagt. Und die hat dann einfach gemeint, was vor ihrer Ehe war, interessiert sie nicht. Nur jetzt sollte er ihr aber schon treu sein. Und das war Vater dann auch. Bis heute. Und du weißt ja, wie gut die beiden bis heute noch können!

Jetzt hätte ich doch bald den Faden verloren. Ja, und dein Großvater kennt mittlerweile auch die Gesinnung deines Vaters. Und von daher wird es noch hochinteressant! Er wird sich nämlich mit deinem Vater anlegen! Ich werde meinen Vater jetzt anrufen und ihn auf Franz vorbereiten.

Um dich tut es mir am meisten leid. Meine Ehe mit deinem Vater ist schon lange so gut wie zu Ende. Seit er bei dieser Partei ist, hat er sich noch mehr verändert! Nur wegen dir habe ich die Ehe aufrechterhalten. Und das alles musst du ausgerechnet an deinem 19. Geburtstag erfahren! Bitte verzeih mir Niki!

Aber Opa und ich haben für dich heute Abend noch eine Überraschung. Die tröstet dich vielleicht ein bisschen!

Niki??? Ich habe dich unheimlich lieb!!! Lässt du dich von deiner alten Mam noch einmal richtig abknutschen?“

„Ach Mam, solange ich dich habe, was soll ich da mit einem Freund? Ja bitte knutsch mich ab! Das brauch ich jetzt!“

***

Ich beginne jetzt auch zu lächeln. Mit Vater habe ich im Grunde schon vor Jahren abgeschlossen. Verschiedene Äußerungen und Meinungen meines Vaters haben mich stutzig werden lassen! Was mich ja am meisten wundert, ist, dass es bis heute keine Eskalation gegeben hat.

Auf Seiten Vaters habe ich mir eigentlich doch ein paar böse, bissige, verletzende Bemerkungen erwartet! Na ja, wahrscheinlich muss er sich erst mit seinen Parteifreunden absprechen, was nun zu tun sei!

Wegen Josef bin ich aber wirklich traurig. Die anderen beiden kann ich ja verschmerzen. Aber Josef, da habe ich wirklich gemeint, einen Freund zu haben, dem man alles anvertrauen kann! In Zukunft werde ich noch viel vorsichtiger sein!

***

„Hast du noch etwas Mam, oder kann ich zum Ilzstausee fahren? Du weißt, da kann ich immer so gut abschalten! Und fürs Auge gibt’s da für mich auch was zu sehen! Am frühen Abend bin dann wieder da. Die Überraschung von Opa und dir lasse ich mir doch nicht entgehen! Bis dann!“

***

Erika Weiss verabschiedet Nico noch, räumt dann den Tisch ab und ruft dann in aller Ruhe ihren eigenen Vater an. Sie bedankt sich noch einmal bei ihm und teilt ihm natürlich auch mit, dass er mal wieder den richtigen Riecher gehabt hat. Es ist wirklich so gekommen, dass bei der Geburtstagsfeier Nico sein Coming Out hatte, das in die Hose ging!

Außerdem bittet sie ihn dann noch, den Familienanwalt die Scheidung einleiten zu lassen. Sie hätten sich ja darüber auch schon ausgiebig unterhalten. Und wegen Nico braucht sie jetzt keine Rücksicht mehr zu nehmen!

***

Ich setze mich unterdessen in meinen Mini und fahre zum Stausee. Ich höre unterwegs Musik. Und zwar Rosenstolz.

Zucker/Roter Mond

Zucker schmeckt nach deiner Haut

und wild dein tiefer Blick

bring mich fast zum roten Mond

dort süßer scheint das Licht.

Ich will dich trinken

will dich atmen

mit dir mein Leid zerstörn.

Roter Mond

süße Nacht

bin verlorn

doch stehts bewacht

roter Mond

und du scheinst

weil uns die Verzweiflung eint.

Zucker schmeckt nach Grausamkeit

im kalten Morgenrausch

bin verlorn im Tageslicht

weil ich den Mondschein brauch

ich kann nur warten

kann nur hoffen

dass du mein Leid zerstörst!

© by Rosenstolz – Zucker / Roter Mond

Ja, jetzt geht es mir wieder richtig gut! Ist ein richtiges Heilmittel diese Musik!

***

Dimitri

Es ist, wie vorhergesagt, ein heißer Tag. Die Parkplätze am Stausee sind ziemlich belegt, kein Wunder an diesem heißen Samstagnachmittag, dem 11. August, Hundstage eben.

Wir haben Glück und finden noch ein Plätzchen für unser Auto. Mit Decken und unseren Badesachen machen wir uns auf den Weg zum See. Dieser liegt doch ein Stück weit vom Parkplatz entfernt.

Yuri geht mit Thomas ein paar Schritte vor mir her und sie sind in einem intensiven Gespräch verwickelt. Verstehen kann ich nichts. Und so begnüge ich mich damit, die interessanten Rückfronten der Beiden zu betrachten. Beide tragen enge Jeans, die ihre interessanten Po-Wölbungen hervorragend zur Geltung bringen. Während Thomas außerdem ein gelbes Shirt trägt, hat Yuri ein weißes angezogen. Natürlich, weiß ist ja seine Lieblingsfarbe.

***

 Wir sind am See angekommen und treffen auf die ersten Nackten, beiderlei Geschlechts.

Da ich hinter Thomas gehe, kann ich sehr gut erkennen, wohin er schaut. Sieht er eher zu den nackten Männlein oder doch zu den Weiblein? Vorerst kann ich nichts unterscheiden, da ja hier die Geschlechter ziemlich vermischt sind.

Wir marschieren weiter am See entlang und erreichen schließlich eine kleine Lichtung, wo es etwas ruhiger zu sein scheint. Hier finden wir auch ein ideales Liege-Plätzchen für uns drei. Die kleine Wiese fällt zum See hin etwas ab, die obere Seite wird von einem kleinen Mischwäldchen eingegrenzt.

Wir sind natürlich nicht ganz allein auf dieser Wiese: Rechts unter uns, etwa so 15 Meter entfernt, da liegen zwei Männer, beide wohl jenseits von Gut und Böse. Links von uns, etwa auf unserer Höhe, da hat sich ein echter Nudisten-Freak niedergelassen, dunkelbraun gebrannt, besser gesagt verbrannt, vom Scheitel bis zu Sohle.. Etwas weiter weg sitzen oder liegen noch weitere Einzelpersonen oder auch Pärchen, meist männlichen Geschlechts.

Wir breiten unsere Decken aus, ziehen uns im Sitzen, mehr oder weniger verschämt, aus. Keiner von uns trägt ja schon die Badeshorts, so dass wir für einen kurzen Moment nackt dasitzen. Natürlich geht das Umziehen im Sitzen nicht so leicht. Aber wir sind ja alle zum ersten Mal an so einem öffentlichen Nacktstrand, klar dass man sich da etwas geniert. Deshalb bleiben wir auch nicht nackt.

Yuri trägt, wie könnte es auch anders sein, weiße Badeshorts, Thomas hat die von mir geliehene gelbe Badehose an, ich selbst trage meine hellblaue Badehose. Ja, ich weiß, völlig out, wer von den Jungen trägt heute noch Badehosen. Fast alle haben sie doch diese Ungetüme von Shorts an, womöglich noch mit einer Badehose darunter, dass man ja nichts zu sehen kriegt.

Da bin ich lieber unmodern und bleibe bei meiner knappen Badehose. Sehr genau habe ich Yuri beobachtet, wie er heimlich zu Thomas geschielt hat, in dem Augenblick, als dieser völlig nackt war. Ein leichtes Schmunzeln von ihm war nicht zu übersehen. Ist da was im Busch?

Wir liegen erstmal schweigend nebeneinander auf den Decken, Thomas in der Mitte. Ich kann nicht anders, ich muss ihn ansehen, diesen athletischen Körper und das große Paket in der Mitte. War gar nicht verkehrt, ihm diese enge Hose zu leihen.

Plötzlich tut sich was, rechts unten bei den vorhin schon erwähnten älteren Herren. Ein Junge ist aufgetaucht, etwa in Yuris Alter. Er ist sehr hübsch, hat einen wohlgestalteten Körper und ist nackt. Er kniet jetzt vor den Beiden und sie unterhalten sich sehr angeregt. Sie müssen sich gut kennen, sie lachen und scherzen miteinander. Nach einer Weile steht der Bursche auf, geht an uns vorbei und verschwindet in dem ein Stück hinter uns beginnenden Wald.

Ich habe Thomas die ganze Zeit aus den Augenwinkeln heraus beobachtet. Er hat mit seinen Blicken den Jungen sehr genau verfolgt, von Anfang an bis zum Verschwinden im Wald. Das war kein Zufall! Ihm hat der Junge genauso gefallen wie mir oder Yuri. Also ist er doch …?

Wie es fast zu erwarten war, verschwindet nun einer der beiden Älteren ebenso in dem Wäldchen wie schon zuvor der junge Typ.

„Was hat das wohl zu bedeuten …?“ rätselt Yuri und grinst sich eins.

„Du Thomas, was ich schon lange mal fragen wollte, wie geht es eigentlich deiner Freundin, Silvia, glaube ich heißt sie?“ stelle ich die Frage an Thomas.

Dieser räuspert sich und meint dann: „Na ja, was soll ich sagen, es war schon bald nach dem gemeinsamen Urlaub aus. Sie hat inzwischen schon einen anderen. Es klappte einfach nicht so recht mit uns. Ach was soll`s! Bin eigentlich ganz froh, wieder frei zu sein. Könnte ich sonst mit euch zwei heute hier liegen?“

Ich sehe wie Yuri strahlt. Steht es jetzt 1:0 oder schon 2:0 für ihn und seine Chancen auf einen Freund Thomas?

„Ich will jetzt ins Wasser, mir wird es langsam zu heiß hier.“

Diese doppeldeutige Bemerkung von Yuri nehmen wir zum Anlass, aufzustehen und zum See hinunter zu laufen. Da Thomas voraus läuft, hört und sieht er nicht, wie Yuri sich die Hände reibt und mir mit einem mehr als zufriedenen Lächeln zuflüstert: „Und er ist schwul, das sag ich dir!“

Ich kann nur mit der Achsel zucken und meine: „Abwarten Bruderherz!“

***

Da wir ja in der prallen Sonne gelegen haben, tut das kühle Nass im See unheimlich gut. Wir schwimmen um die Wette hinaus auf den doch ziemlich dunklen See. Wir kehren wieder um, spritzen uns gegenseitig ab, kichern und lärmen und sind übermütig wie kleine Jungs.

Aber sind wir das denn nicht? Ich sehe, wie sich Yuri immer wieder an Thomas heranmacht, ihn abspritzt. Doch dieser schwimmt ihm immer wieder davon.

„Du kriegst mich ja doch nicht!“ ruft er Yuri zu.

„Und ob ich dich kriege, warts nur mal ab!“

Thomas kann wahrscheinlich nicht ahnen, wie doppeldeutig Yuris Antwort ist. Plötzlich ist Yuri verschwunden, einfach abgetaucht. Auch Thomas reibt sich die Augen, sieht verwundert umher.

„Wo ist er denn?“

Da taucht Yuri urplötzlich unmittelbar vor Thomas auf und wirft sich auf ihn. Er zieht ihn mit unter die Oberfläche.

Nun sind sie also beide verschwunden und ich blicke hilflos auf das Wasser. Ich erschrecke nicht schlecht, als Thomas direkt neben mir aus dem Nass schießt, Wasser prustend und spuckend, mit den Armen fuchtelnd. Dahinter taucht Yuri auf, ebenso außer Atem und sich schüttelnd wie ein nasser Pudel.

„Der hat mich am Sack gepackt, diese geile Sau, dein Herr Bruder“ spuckt Thomas lachend aus und deutet auf den ganz unschuldig drein blickenden Yuri.

„Na warte, wenn ich dich erwische, dann kannst du was erleben! Dann weißt du nimmer, ob du ein Männlein oder Weiblein bist!“

So ruft Thomas dem kichernden Yuri zu, der schon mal etwas Abstand zu Thomas nimmt. Aber natürlich ist das alles eine Gaudi, beide lachen übermütig. Auch ich kann nicht anders, als mit den beiden „Bubis“ mitzutun.

Nun beginnt wieder eine wilde Wasserschlacht, wir spritzen uns ab, tauchen uns gegenseitig unter Wasser. Und immer wieder spüre ich Hände an meiner Badehose, die grapschen und greifen und fest zupacken.

Was die können, kann ich schon lange. Ich lasse mich von den wild gewordenen Jungs anstecken und tauche nun meinerseits unter Wasser. Ich ergreife die nächst beste Gelegenheit, sprich Badehose, um zu grapschen. Das Spiel heißt und geht ganz einfach, nämlich: „Packst du meine Eier, packe ich deine Eier!“

Ja, ja, ich weiß, eigentlich sind wir schon zu alt für dieses Spiel. Aber an diesem wunderschönen Sommertag mit diesen beiden liebenswerten Menschen, wer möchte da nicht gerne etwas übermütig, einfach nochmals Kind sein?

Etwas erschöpft von unseren „Kämpfen“ machen wir uns dann auf den Weg zurück zu unserem Platz. „Mensch, das war vielleicht ein Spaß, dein Sack muss ja direkt glühen, so wie ich zugelangt habe, nicht wahr Thomas?“ meint Yuri.

„Ja, das hast du geiler Yuri, aber dafür hatte ich auch meinen Spaß. Hast du denn nicht bemerkt, dass ich dir die Shorts runter gezogen habe und deine …ähm… leichte Versteifung in der Hand gehalten habe?“ entgegnet voller Stolz Thomas.

„Hab ich natürlich bemerkt und das war voll geil!“

Jetzt sieht Thomas doch etwas verwundert von Yuri zu mir und dann wieder zu Yuri. „Kann es sein… nein, das gibt es doch gar nicht… ihr seid beide…?“

Fragend sieht uns Thomas an.

„Ja gut, von dir Dimitri, da hab ich es schon lange vermutet, dass du schwul bist, aber von Yuri… da hatte ich wirklich keine Ahnung.“

„Nun ja, Thomas, jetzt weißt du es, wir sind es beide, nicht mehr zu ändern“, mische ich mich ein.

„Ich hoffe nur, du kündigst uns jetzt nicht die Freundschaft, täte mir und sicher auch Yuri sehr leid!“

„Ach Quatsch, warum sollte ich“ sagt Thomas etwas leiser und er wirkt doch etwas nachdenklich.

Wir liegen auf unseren Decken, immer noch mit der nassen Badebekleidung und es herrscht das große Schweigen. Nach einer schier endlosen Zeit wage ich einen Versuch, remple Thomas leicht an und meine: „Und wo stehst eigentlich du Thomas? Du musst aber nicht antworten, wenn du nicht willst.“

Wieder sagt keiner was. Aber dann bricht Thomas das Schweigen: „Doch, ich will und ich möchte, dass ihr die ersten seid, die es erfahren. Ja, ich bin es auch, nämlich schwul, wahrscheinlich immer schon. Das mit Silvia war wohl nur ein Versuch, ob es nicht doch anders geht. Aber es ging absolut nicht. Der gemeinsame Urlaub war der Reinfall des Jahrhunderts. Ich will gar nicht mehr daran denken.

Ihr seid also die ersten, die es erfahren, nicht mal zu Hause wissen sie davon. Und …..bleiben wir Freunde, jetzt wo ihr das wisst?“

Klingt schon sehr ängstlich diese Frage von Thomas. „Nein, bleiben wir nicht, du Schafskopf! Was soll diese Frage, selbstverständlich mögen wir dich weiterhin und jetzt erst recht!“ ist meine Antwort, die Thomas mit einem erleichterten Seufzer quittiert.

Ich sehe zu Yuri hinüber, der still vor sich hin schmunzelt. 3:0 für ihn? Yuri ist es auch, der uns auf einen neuen „Einwohner“ der Liegewiese hinweist. Etwas oberhalb unseres Platzes liegt ein Junge. Er muss während unserer Wasserspiele gekommen sein.

Alle drei sehen wir zu ihm. Jetzt hat er uns wohl auch bemerkt und sieht her. Aber während Yuri und Thomas wie ertappte Sünder ihre Blicke wieder nach vorne richten, muss ich ihn weiter ansehen, egal, was er sich dabei denkt.

Ja, das ist schon ein selten hübscher Kerl, muss so etwa in meinem Alter sein. Er hat braune, kurze Haare und, das ist selbst auf die Entfernung zu sehen, er hat wunderschöne große Augen. Auf so etwas stehe ich ja unheimlich!

„Jetzt zieht er sich aus“ sage ich leise vor mich hin.

Und wie auf Kommando drehen sich die beiden neben mir wieder um und gaffen den Jungen an.

„Nicht so auffällig“ tadle ich sie.

„Ach dem macht das doch nichts aus, seht nur wie provozierend er seine Jeans auszieht“, meint Thomas.

„Wahnsinn Mann, seht euch mal die langen Haxen an, die der hat, die hören ja gar nimmer auf. Ich tippe mal auf Hochspringer oder so was“, mutmaßt Yuri mit Kennerblick.

Er hat aber auch Recht, dieser hübsche Junge hat außergewöhnlich lange Beine.

Ich kann meinen Blick nicht von ihm wenden, der Boy fasziniert mich. Weiße Sprinter-Shorts trägt er mit roten Streifen an der Seite. Diese Shorts passen hervorragend zu seinem gebräunten Körper.

Während sich Yuri immer noch nicht beruhigt hat, ob der langen Haxen unseres Nachbarn, sehe ich, wie dieser die Lage seiner Strohmatte und des Badetuches verändert, so dass ich nun einen besseren Blick direkt zwischen seine langen Beine bekomme.

Das macht der doch absichtlich! Natürlich, jetzt greift er sich genau zwischen seine Beine, tut es so auffallend unauffällig, so als würde ihn der Sack jucken. Von wegen Sack jucken! Der Kerl ist raffiniert! Er weiß genau, dass zumindest ich ihn beobachte. Der will mich anmachen!

Nein, das kann doch nicht…..er wird doch nicht… aber er tut es, dieses geile Stück! Er langt in seine Shorts und richtet seinen Schwanz, damit er nach oben zu liegen kommt. Ich werde verrückt! Er weiß, dass ich ihn sehe, ja er will, dass ich ihn sehe! Immer wieder wirft er mir verstohlene Blicke zu.

Ich werde sehr nervös, mir wird sehr heiß. Ich muss jetzt unbedingt wo anders hinsehen. In meiner Hose, die eh so knapp geschnitten ist, herrscht große Unruhe.

Yuri grinst mich frech an und meint: „Dimi, Dimi, ich glaube dich hat es ganz schön erwischt.“

„Das sagt gerade der Richtige“ entgegne ich.

Thomas kommt wohl nicht so ganz mit und sieht uns fragend an. Ich will gerade etwas sagen, da stolziert unser Sprinter-Shorts-Träger an uns vorbei Richtung See.

„Ich hab’s mir doch gedacht, ich hab’s mir doch gedacht, die Sau hat darunter nichts an,“ triumphiert Yuri ganz frech.

Da unser Boy direkt neben Yuri vorbeigeht, hat dieser natürlich den besten Einblick auf die weiße Shorts.

„Na und, lass ihn doch, ist doch geil“, verteidige ich meinen neuen Schwarm.

„Wenn der nachher aus dem Wasser kommt, dann kriegen wir was zu sehen, wetten dass!“ meint Yuri.

„Na soviel hat der doch gar nicht“ ist Thomas Meinung.

„Also ich glaube, wer so lange Beine hat, der hat auch noch andere langen Sachen, aber warten wir, bis er vom See zurückkommt.“

Verteidige ich ihn etwa schon wieder?

***

Nach ungefähr 10 Minuten taucht unser nasser Sprinter-Shorts-Boy wieder auf. Erhobenen Hauptes marschiert er an uns vorbei. Natürlich verfolgen wir ihn mit unseren lüsternen Blicken. Und man sieht wirklich einiges. Die nasse Polyester-Shorts zeigt überdeutlich, wie toll der Junge bestückt ist.

Der muss doch wissen, dass seine nasse Hose alles zeigt. Aber das ist wohl Absicht, ganz klar! Es sind nicht nur wir drei, die ihm hinterher sehen, es gibt mehre verrenkte Hälse. Sogar eine Lady, nicht mehr die Jüngste, hat ihm beim Vorbeigehen lüsterne Blicke zugeworfen. Aber all das scheint ihn nicht zu interessieren.

Jetzt zieht er doch tatsächlich die nasse Hose aus. Und das im Stehen, uns zugewandt. Der Junge ist der reinste Provokateur, keine Frage! Und wie der bestückt ist!

„Hab ich es nicht gesagt, bei dem ist wirklich alles in reichem Maße da. Schaut ihn euch nur an, eine Augenweide! Diese Figur, diese langen Beine, dieser dicke Sack, der lange Schwanz, Mensch, der Kerl ist eine Wucht“, schwärme ich den Beiden vor.

Diese sehen sich an und lachen lauthals.

„Eindeutig, den hat es erwischt!“ meint nun auch Thomas.

„Ja, lacht nur. Aber, was meint ihr, soll ich es wagen, soll ich zu ihm hingehen und ihn ansprechen? Ich glaube, ich kann das nicht, was würde er von mir denken?“

Ich liege inzwischen, wie auch Yuri und Thomas auf dem Bauch, so haben wir freie Sicht auf unseren, besser gesagt, meinen Traumboy und brauchen uns nicht zu verrenken. Wir diskutieren noch eine Weile über die männlichen Körper mit all ihren Vorzügen und Attributen.

Während Yuri dicke große Säcke „einfach geil“ findet, mag Thomas besonders gerne lange dünne Schwänze. Wenn ich an die Ausstattung meiner Badekollegen denke, dann würde es mit den beiden doch wunderbar passen, auch in der Beziehung. Ich kann mir ob dieser Erkenntnis ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen.

Mit einem Male bemerken wir, dass unser Anschauungsobjekt eingeschlafen ist. Na gut, so setzen wir uns wieder richtig hin, zu sehen gibt es hinter uns im Moment eh nichts.

Auch ziehen wir nun endlich unsere nassen Badeklamotten aus, schließlich ist hier doch FKK. Na ja, so ganz wohl ist uns nicht dabei, keiner von uns hat bisher in der Öffentlichkeit nackt gebadet. So ziehen wir die Beine an und verstecken mehr oder weniger unsere Köstlichkeiten.

Natürlich entgeht mir nicht Yuris diesmal gar nicht mehr geheimer Blick zu Thomas und dessen unteren Regionen. Und ich sehe sein erfreutes Lächeln, was auch mich zum Lachen bringt. Wir beobachten nun eine ganze Weile die unter uns auf dem kleinen Weg vorbei marschierenden Leute, sowohl Männlein als auch Weiblein. Und da gibt es einiges zu beobachten.

Manche kriegen förmlich Stielaugen, andere tun ganz unschuldig, so als wollen sie nur die Natur genießen, dabei haben sie es nur auf die nackte Natur abgesehen. Einer läuft doch tatsächlich mit einem Halbständer vorbei, was uns zum Schmunzeln bringt.

Einer stolpert vor lauter Schauen über eine Wurzel und kann sich nur im letzten Moment noch fangen.

Wir amüsieren uns königlich! Durch dieses Beobachten der Leute vor uns, haben wir gar nicht bemerkt, dass unser hübscher Bengel hinter uns gar nicht mehr da ist.

„Schade, jetzt ist er weg, kann man nichts machen“, erkläre ich etwas enttäuscht.

Aber auch für uns wird es nun Zeit, die Zelte abzubrechen und zum Auto zu laufen. Es war ein herrlicher Samstagnachmittag, nicht nur wegen des heißen Sommertages. Mit meinem Bruder und meinem Kollegen einen Nachmittag zu verbringen, mit diesen beiden super sympathischen Jungs, da muss der Tag wunderschön werden!

Und dann natürlich das Erlebnis mit diesem hübschen Jungen, dem Sprinter-Shorts-Boy! Er geht mir nicht mehr aus dem Kopf!

***

Nico

 

Da vorne kommt auch endlich der kleine Parkplatz. Ziemlich voll. Aber ein paar Plätze sind noch frei und ich ergattere auch einen. Ich nehme meine Strohmatte und ein großes Badetuch und mache mich auf den Weg um einen schönen Liegeplatz zu finden. Wird aber heute wahrscheinlich nicht leicht werden, samstags ist hier eben immer viel los!

Ja, dieser Platz ist richtig. Es rückt mir keiner zu nahe auf die Pelle, aber trotzdem habe ich alles super im Blick. Meine langen Beine scheinen ja mal wieder voll aufzufallen. Zumindest, so wie die drei da vorn gucken.

Aber jetzt lass ich erst mal meine Jeans und mein T-Shirt runter.

Auf die Blicke, wenn sie mich in meiner knappen, weißen Sprinter-Shorts sehen, bin ich ja schon mal gespannt.

Diese Polyester Shorts liebe ich nun mal. Vor allem die, die mit den drei farbigen Streifen an der Seite den richtigen Kontrast setzen. Dieses Mal sind es rote Streifen, passend zum T-Shirt.

Oh ja, dem einen von den dreien, dem dunkelblonden, fallen gleich die Augen aus dem Kopf. Der wird fast mit gucken nicht mehr fertig. Die Strohmatte mit dem Badetuch noch in dem seine Richtung gezogen, an mein Schwanzpaket langen, so als würden mich die Eier jucken, dann noch in die Shorts greifen und den Schwanz Richtung Bauch hochlegen!

Scheint genug Provokation gewesen zu sein. Dem fallen wirklich gleich die Augen raus. Jetzt muss ich mich allerdings auch hinlegen, weil in meiner Hose auch langsam Aufruhr herrscht! Und da ich bei diesen Shorts immer ganz bewusst auf einen Innenslip verzichte, zeigt der dünne Stoff natürlich alles!

***

Wenn ich mit der Hose später ins Wasser gehe und mit der nass wieder rauskomme, spätestens dann muss der Dunkelblonde anfangen zu sabbern. Der Stoff wird dann ja so schön durchsichtig! Die Sonne meint es heute noch einmal besonders gut. Langsam wird es mir zu heiß und ich gehe im See eine Runde schwimmen.

Das Wasser ist schön warm, hat sich ja den ganzen Sommer aufheizen können. Wirklich angenehm. Ich schwimme weiter raus und tauche auch mal kurz ab. Jetzt wieder raus aus dem See und Sonne tanken und genießen.

Meine Sprinter-Shorts zeigen jetzt allerdings alles! Und die Blicke der etwa fünfzig Jährigen, die mich so anstarrt, gefallen mir auch nicht! Wirklich wirft sie mir doch einladende Blicke zu und verschwindet dann in Richtung Wald!

Dort gibt es immer wieder Plätze dazwischen, wo man Pärchen antreffen kann. Es führt mittlerweile sogar ein kleiner Trampelpfad zwischen den gewissen Stellen hindurch. Ein eindeutiges Stöhnen ist gelegentlich auch zu hören!

Vor sechs Wochen etwa legten es zwei ca. dreißig Jährige geradezu an, dass man ihnen bei ihrer Nummer zusah! Hab ich dann auch gemacht. Wie der passive von beiden die harten Stöße überhaupt aushielt, weiß ich bis heute nicht. Aber so wie der gestöhnt hat und noch während der Nummer kam, hat er das wohl auch gebraucht!

Ich bin ja wirklich kein Spanner, die beiden legten es wie gesagt direkt darauf an und sie waren es auch wert! Hat mir damals übrigens auch sehr gut getan! Und der Boden dort verträgt ja einiges an Flüssigkeit!

Die fünfzig Jährige hat ja vielleicht sogar Glück und sie bekommt heute noch einen ab. Auf mich muss sie allerdings verzichten. Aber da hier immer mehr Heteros herkommen, wer weiß.

Inzwischen bin ich wieder bei meiner Strohmatte angekommen. Die drei sind auch noch da. Zwei von denen müssten allerdings Brüder sein, zumindest dem Aussehen nach. Ich drehe mich natürlich so, dass ihnen ja auch nichts auskommt, während ich meine Sprinter-Shorts fallen lasse!

Bin ja doch recht nett bestückt und wenn ich eine Reaktion provozieren kann, soll mir das nur recht sein! Vielleicht ergibt sich ja was, ich hätte wirklich nichts dagegen! Die legen sich jetzt aber alle auf den Bauch und diskutieren heftig miteinander.

Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn mich einer von den dreien angesprochen hätte! So lasse ich meine Blicke eben auch wieder schweifen. Einige Pärchen verschwinden auch jenseits des Trampelpfades. Die fünfzig Jährige kommt zurück und wirft mir einen bösen Blick zu. Au weh, hat sie doch keinen abbekommen. Welches Glück für denjenigen.

***

Muss dann wohl doch etwas eingeschlafen sein. Von der Zeit her muss ich jetzt langsam aber zurückfahren.

Meine Sprinter ist zwar längst wieder trocken, trotzdem schlüpfe ich aber ohne in die Jeans. Fühlt sich ja auch saugut an!

***

Dimitri

Auch dieser Sonntag scheint ein heißer Augusttag zu werden. Wenn ich auf mein Thermometer am Fenster sehe, hat es jetzt zu Mittag bereits 28 Grad. Da gibt es sicher wieder ganz schön was zu Schwitzen. Ja, ich bin gestern Abend schon zeitig ins Bett gegangen. Yuri und Thomas sind, als wir vom See zurückkamen, gleich heim gefahren, Thomas mit dem Rad und Yuri mit dem Stadtbus.

Im Fernsehen gab es auch nichts Besonderes und da ich ohnehin schon recht müde war von unseren Wasserkämpfen, da verkroch ich mich rasch in meine Falle. Wir haben gestern noch ausgemacht, dass wir heute Nachmittag zum Eisessen gehen. Ich weiß da eine nette Eisdiele in Bahnhofsnähe, wo es, wie ich finde, das beste Eis der Stadt gibt.

Na gut, jeder schwärmt für seine Eisdiele, ist eh klar. Zu Mittag gibt es bei mir lediglich einen Wurstsalat. Bei den Temperaturen wäre auch eine warme Mahlzeit kaum angebracht. Vor allem den Wurstsalat von meiner Mutter, den liebe ich besonders. Er war auch in dem Korb, den Yuri am Freitag gebracht hat.

***

Am Nachmittag tauchen dann nacheinander Thomas und Yuri auf. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Und da es doch ein ganz schön weiter Weg ist, noch dazu bei dieser Hitze, wird uns sehr heiß.

So ist uns das erfrischende Eis im Café sehr willkommen.

Wir genießen das köstliche Eis, da fragt Yuri: „Ach übrigens Dimi, denkst du immer noch an den Shortsboy von gestern? Du warst ja ganz hingerissen von diesem Schnuckel!“

„Also ehrlich, er geht mir tatsächlich nicht mehr aus dem Kopf, muss immer an ihn denken. Dieser wunderschöne Körper, vor allem aber seine herrlich großen Augen! Irgendwie sah er trotz seines eindeutig provokanten Verhaltens so… so… ach ich weiß auch nicht, so hilfebedürftig aus. Irgendwas muss ihm zu schaffen machen, er wirkte irgendwie traurig. Ich könnte mich ohrfeigen, dass ich ihn nicht angesprochen habe. Na ja, was soll’s, jetzt ist es eh zu spät!“

„Vielleicht solltest du einfach nächstes Wochenende wieder zum Stausee fahren. Ich glaube nämlich, dass er dort öfter ist. Wer weiß, vielleicht hast du ja Glück“, versucht mir Thomas Mut zu machen.

„Nein, Thomas, das geht leider nicht. Ich hab euch ja noch gar nicht erzählt, dass ich nur noch bis Mittwoch hier bin. Tut mir leid, aber ich weiß es ja auch erst seit Freitag. Ich hatte doch da noch eine Besprechung mit unserem Chef.

Wie ihr wisst, hat unsere Firma in der Tschechei ein neues Autohaus errichtet. Und da soll ich nun zusammen mit einem unserer Meister, nämlich Herrn Berger, ab Mittwoch hin. So für etwa drei Wochen. Wir sollen das tschechische Personal dort einarbeiten.

Die Sache wird recht gut bezahlt, deshalb habe ich ja auch zugesagt. Kann mir dann endlich ein eigener Computer leisten. Freilich wird es kein Honigschlecken, das ist klar, es wird viel Arbeit und noch mehr Stress geben.

Vor allem aber, muss ich ohne euch beiden auskommen, das trifft mich echt hart.“

„Ja aber du kannst doch am Wochenende…“

„Nein Yuri, das rentiert sich nicht, das wären zu viele Kilometer. Jetzt schaut nicht so belämmert, sind doch nur drei Wochen.“

So recht glücklich schauen die Zwei nicht gerade aus. Aber ich kann ihnen auch nicht helfen. Schweigend löffeln wir unser Eis zu Ende.

„Aber wie wäre es anschließend noch mit einem Spaziergang an der Innpromenade, dort bist du doch auch immer gerne spazieren gegangen, Dimi, bitte, lass uns zusammen dorthin gehen“, bettelt Yuri.

„Geht leider nicht, tut mir ja selber leid, aber ich muss jetzt dann noch in unseren Betrieb zu einer Besprechung wegen der Tschechen-Fahrt“, erkläre ich ihnen.

„Ach schade, na ja, kann man halt nichts machen“, meint ein trauriger Yuri.

„Aber ihr beiden, ihr könnt doch noch spazieren gehen!“, versuche ich ihn aufzuheitern.

„Von mir aus gerne, willst du Yuri?“ fragt Thomas

„Aber klar will ich, mit dir immer!“

„Übrigens hab ich doch ab dieser Woche Urlaub, dann könnten wir doch öfter mal was zusammen machen, vor allem solange das Wetter mitspielt“, erklärt Thomas.

„Prima, da freue ich mich darauf.“

Lächelnd sieht Yuri auf Thomas und der lächelt zurück. Na ich glaube wirklich, mit den beiden könnte es was werden, so wie die sich schon gegenseitig anhimmeln! Könnte man direkt neidisch werden. Aber ich gönne es ihnen!

Wir verabschieden uns herzlich voneinander. Sie wünschen mir viel Glück im Nachbarland. Und ich, ich wünsche ihnen… na einfach, dass alles so kommt, wie sie es sich vorstellen, dass sie zueinander finden.

***

Die Besprechung im Autohaus dauert dann doch bis in den Abend hinein. Ich bin froh, nun endlich wieder in meiner Wohnung zu sein.

***

Die restlichen Arbeitstage vor unserer Reise verlaufen wie üblich bei uns mit viel Arbeit, nervenden Kunden und angeberischen Kollegen. Am Mittwochmorgen bin ich nun mit Herrn Berger in einem Firmenwagen unterwegs Richtung Grenze zur CSR.

***

Nico

Zuhause dusche ich mich noch ausgiebig und ziehe mir dann schöne Klamotten für heute Abend an. Ich hab ja keine Ahnung, was sie noch geplant haben. Als ich mir gerade das Hemd zuknöpfe, höre ich auch Opa schon. „Na Erika, wo ist denn das Geburtstagskind? Du hast ihm doch noch nichts verraten oder? Na Nico, wie geht es denn meinem Lieblingsenkel? Ich wünsche dir alles, was für einen neunzehn Jährigen wichtig ist. Meinen Beitrag dazu leiste ich heute Abend zusammen mit Oma! Und Nico! Wegen deines Vaters mache dir bloß keinen Kopf, ja?“

Mit diesen Worten nimmt mich Opa in den Arm, drückt mich fest und sieht mir prüfend in die Augen. Hab ich schon erwähnt, dass mein Opa einer diesen jungen Alten ist? Wenn ich in dem Alter auch noch so bin, dann will ich auch Johannes Heesters Konkurrenz machen. Einfach klasse, mein Opa!

„Hey Opa! Danke! Klasse, dass du vorbeikommst. Wo hast du denn Oma versteckt? Und was ist da mit Überraschung? Habe mich sogar extra für euch in Schale geworfen! Und wegen Vater! Weißt du Opa, irgendwie kommt er mir direkt fremd vor. Wie jemand, der eben auch hier wohnt und lebt. In den letzten Jahren hat er sich zu sehr verändert. Mit ihm habe ich schon lange abgeschlossen! Aber wenn Mam, du oder Oma mich fallen lassen würdet, ja, das würde mich wirklich hart treffen. So lange ihr aber zu mir haltet, steh ich alles durch! Auch die gelegentlich gehässigen Worte Vaters. Aber mit seinen heutigen Äußerungen hat er für mich den Schlusspunkt gesetzt! Auch wenn ihr mich jetzt deswegen verachtet, aber ab heute ist das für mich ein Fremder! Nicht mehr mein Vater, zu dem man ja aufschauen soll, sondern Franz Weiss, der mich gezeugt hat und sogar wegen seiner Karriere Mams Namen angenommen hat! Bitte verachtet mich deswegen nicht!“

***

Und – beide nehmen mich in den Arm! Opa gibt mir sogar einen Kuss auf die Stirn!

„Dich verachten Nico? Nein! Ich freue mich, so einen Enkel zu haben! Die letzten Jahre habe ich dich beobachtet, ohne dass du es bemerkt hast. Ich habe gesehen, wie du gekämpft hast. Auch um deinen Vater gekämpft hast. Nur hattest du die letzten Jahre nie eine Chance! Zuerst der Unfall und dann diese Partei! Du konntest nichts tun Nico! Aber wenn du eines Tages in meine Firma einsteigst, auf diesen Tag freue ich mich!

Du hast einen glasklaren Verstand Nico! Du wirst die Firma im Guten weiterführen können, wenn du das willst.

Nein Nico, ich bin froh und stolz darauf, dich als Enkel zu haben! Und deiner Mutter und Oma geht es genauso!

Was du heute als Überraschung bekommst, hast du dir auch wirklich verdient! Und jetzt fahren wir, weil nämlich Oma dort schon wartet!“

***

Am Arbeitsamt vorbei und dann rechts eine kleine Seitenstraße rein. Die ganze Zeit bin ich schon am überlegen, wo es wohl hingehen wird. Essen gehen, wie ich zuerst dachte, kann nicht sein. Das Hotel König mit dem bekannten Küchenchef Obermeier liegt entgegengesetzt. Genauso wie der wilde Mann, mit dem integrierten Passauer Glasmuseum!

Das war sowieso wieder ein Geniestreich von Georg Höltl. Hotel und Glasmuseum miteinander verbinden! Das Museum ist allerdings wirklich sehenswert. Sogar das Schlafzimmer, in dem Sissi, die österreichische Kaiserin, mal genächtigt hat, ist original aufgebaut und ins Museum integriert worden!

Aber wohin geht es denn eigentlich? Außer der Universität kommt doch hier gar nichts mehr! Jetzt stellt Opa den Wagen auf einem kleinen Parkplatz ab!

„Na Nico? Überrascht? Die Überraschung ist uns doch gelungen, oder?“

Gemeinerweise beginnen die beiden jetzt auch noch zu lachen. Und ich – ich bin ratlos wie noch nie zuvor in meinem Leben!

Dann klopft es an der Seitenscheibe vom Auto auf meiner Seite.

Oma!

Mit einem Satz bin ich aus dem Auto.

„Hallo Oma! Bitte erlöse mich von diesen beiden. Wo kommst du übrigens her? Und warum lachen die beiden so? Bitte Oma!“

Oma – und mich erlösen? Sie denkt ja gar nicht daran! Nein, sie knutscht mich erst ausführlich ab, wünscht mir alles Gute zum Geburtstag und meint, dass ich mir das Geschenk auch wirklich verdient hätte! Ja, aber welches Geschenk denn?

Und dann drückt sie mir ein Kuvert und einen Schlüsselbund in die Hand! So, wie jetzt alle drei zu Lachen beginnen, muss ich ja wirklich blöd aus der Wäsche schauen! Aber mir reicht es jetzt! Ich öffne das Kuvert! Übrigens ein ziemlich großes Kuvert!

Kaufvertrag! Oh toll, ein Kaufvertrag. Für Nico Weiss! Noch toller. Ein Kaufvertrag für mich! Die Penthauswohnung bla, bla, bla… Ich sehe mir den Schlüsselbund an! Dann sehe ich mir den Kaufvertrag an! Und dann höre ich ein prustendes, schadenfrohes Gelächter aus drei Kehlen! Oh ja, toll.

„Langsam glaub ich, sickert es durch! Seht ihn euch an! Schaut mal wie weiß der werden kann! Glaubt ihr, das war zuviel? Schlucken kann er aber noch! Hast du gewusst, dass seine Augen sooo groß werden können, Erika?

Ist ja schließlich dein Sohn! Du musst das wissen! Freut er sich jetzt oder sollen wir doch den Notarzt holen?

Oder vielleicht doch besser ins Haus gehen?“

Ja danke! Macht euch nur lustig über mich.

„Ist… ist das… ich mein… der Kaufvertrag… der… der ist echt… wirklich echt… wirklich echt oder? Das… das Penthaus…“

Weiter komme ich nicht! Ich bekomme einen Weinkrampf! So einen richtigen! Mit Schütteln und so! Und dann knutschen und herzen mich wieder alle drei! Langsam komme ich auch wieder zu mir. Ein Penthaus! An der Innpromenade! In Uninähe! Da, wo ich bald ein paar Jahre lang hingehen werde! Ja hingehen. Zu Fuß. Denn bis dahin sind es nur ein paar hundert Meter!

Jetzt gehen wir rauf ins Penthaus und sehen uns alles an! Wow! Wahnsinn! Über hundert qm. Komplett eingerichtet! Vier Stühle und ein Tisch!

Es klingelt an der Tür. Oma geht öffnen. Ich höre, dass ein paar Worte fallen. Dann schieben zwei Kellner vom Hotel König je einen großen Servierwagen herein und beginnen, den Tisch einzudecken. Dann wird uns ein drei Gänge Menü serviert! Wow! Alle Achtung! Der Küchenchef versteht sein Handwerk wirklich!

Nach dem Essen, eher ein Diner, höre ich dann auch, wieso und warum ich die Eigentumswohnung bekomme.

Eben, weil ich Omas und Opas ein und alles bin! Mam wird die nächsten Tage mit mir noch Einrichtungshäuser abklappern. Ist ja doch noch etwas leer die Wohnung!

Ich kann mein Glück immer noch nicht ganz fassen! Aber langsam bekomme ich es doch wieder auf die Reihe und der Abend klingt noch angenehm aus!

***

Mein Erzeuger, Franz Weiss, probt dann am Sonntag noch den Aufstand. Als er allerdings zum dritten Satz anfangen will, fahre diesmal ich ihm über das Maul. Und zwar dermaßen, dass es ihm die Sprache verschlägt! Und bevor er sich wieder gefangen hat, setzt Mam nach.

Die Scheidung ist bereits eingereicht und am laufen! Sie will bis morgen abends nicht mal mehr eine Socke von ihm hier im Hause sehen! Und falls er meine, hier auch noch frech werden zu können, solle er sich doch auch gleich um eine neue Arbeitsstelle umsehen. Das war’s mit meinem Erzeuger!

Rückgrat ist da keins mehr da! Er geht!

***

Er geht! Ja! Aber trotzdem ist es noch nicht ganz ausgestanden! Denn mein Erzeuger begreift die Situation, in der er sich befindet, nicht! Am Montag kommt nämlich ein Drohanruf! Mam ist am Telefon. Eine Weile hört sie zu. Dann legt sie auf!

Und beginnt, eine Nummer zu wählen! Opa! Mam erzählt ihm von dem Drohanruf und auch, wer ihrer Meinung nach hinter diesem Anruf steckt! Opa ist der gleichen Meinung. Er beruhigt Mam. Sie soll sich bloß keine Sorgen machen!

Es mache ihm Spaß und bereite ihm Freude, sich selbst um diese Sache zu kümmern. Das tut er dann auch!

***

In Opas Firma, ein großes Unternehmen, das für andere Firmen Maschinen und Elektrogeräte entwickelt und auch selbst herstellt, beginnt die interne Lautsprecheranlage zu summen! Ein Zeichen für die Mitarbeiter, dass eine wirklich wichtige Mitteilung kommen muss. Denn diese Lautsprecheranlage wird sonst nie genutzt!

„Achtung bitte! Eine wichtige Durchsage von der Firmenleitung an alle Mitarbeiter! Achtung bitte! In unserem Unternehmen arbeitet in der Rechnungsprüfung Franz Weiss als Abteilungsleiter! Der Geschäftsleitung ist zu Ohren gekommen, dass Franz Weiss versucht, unser Unternehmen in Misskredit zu bringen.

Wir sind dieser Sache natürlich sofort nachgegangen, und haben auch unumstößliche Beweise für die Richtigkeit dieser seiner mehrmaligen Versuche gefunden! Dieser Mann müsste eigentlich unser Unternehmen sofort verlassen. Die Ungeheuerlichkeit dieser Tat würde eine außerordentliche Kündigung auch rechtfertigen!

Wir sind jedoch ein sehr soziales Unternehmen, das auf Menschlichkeit basiert. Deshalb wird Franz Weiss mit sofortiger Wirkung zum einfachen Angestellten zurückgestuft! Selbstverständlich auch mit den finanziellen Einbußen, die damit verbunden sind!

Herr Gerhard Müller wird, auch mit sofortiger Wirkung, und auch, weil es sowieso anstand, zum Abteilungsleiter befördert! Allerdings wird Herr Müller die zusätzliche unangenehme Aufgabe haben, die Arbeit Franz Weiss’s zu kontrollieren und zu überprüfen! Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“

Damit ist die Durchsage beendet! Und ebenso Franz Weiss’s Karriere! Ein anderes Unternehmen wollte, und stellte ihn nicht ein, also blieb Franz Weiss nichts anderes übrig, als einfacher Angestellter weiterzuarbeiten! Mit dem zusätzlichen Spott der anderen Mitarbeiter der Abteilung!

Von der Partei wurde er jetzt auch ausgeschlossen, da seine bisherige finanzielle Unterstützung ja wegfiel, da er die sich einfach nicht mehr leisten konnte! Denn das Konto seiner Frau war für ihn plötzlich auch gesperrt, wie er schreckhaft feststellen musste!

Das war’s dann wirklich mit Franz Weiss!  Bei der späteren Scheidung blieb ihm als schuldigem Part jegliche finanzielle Unterstützung seiner Frau versagt!

***

Die nächsten Tage und Wochen werden zum Teil sehr stressig, zum anderen aber auch wieder sehr schön! Ich darf meine Wohnung einrichten wie ich es will. Tue ich auch. Vor allen Dingen will ich viel mit Holz. Ich liebe Holz, weil Holz lebt!

Wegen meines Esszimmers beneidet mich dann sogar Mam! Dafür kann sie aber über meine Schlafzimmereinrichtung nur den Kopf schütteln und schmunzeln.

Vor allem – als ich in einem runden Bett Probe liege!

***

Dimitri

Nach drei Wochen Tschechien – endlich wieder Deutschland – endlich wieder Passau – endlich wieder in meiner Wohnung! Ja, es waren harte Wochen, voller Stress und Ärger. Aber das ist ja jetzt Gott sei Dank Vergangenheit.

Ich räume gerade meinen Koffer aus, sortiere die Wäsche, da läutet es an der Wohnungstür. Ich kann mir gar nicht denken, wer das jetzt sein könnte, bin doch eben erst angekommen. Ich öffne die Tür und werde fast über den Haufen gerannt. Yuri stürmt in meine Wohnung und fällt mir um den Hals.

„Ich freue mich ja so, dass du wieder da bist, Dimi! Na wie wars denn? Wie sind denn die tschechischen Jungs? Hast du dort einen Freund gefunden? Seit wann bist du wieder im Lande? Funktioniert jetzt alles dort im Autohaus? Bist du ….“

„Langsam Yuri, ich erzähle dir schon alles, schön der Reihe nach. Ich bin auch froh, wieder hier zu sein. Aber sag mal, wie geht es Thomas?“

Yuri kichert und sieht zur Wohnungstür, wo Thomas scheinbar schon die ganze Zeit steht und Yuris stürmische Begrüßung mitverfolgt hat. Und ich habe ihn gar nicht bemerkt. Yuri geht zu Thomas, nimmt ihn bei der Hand und zieht ihn herein.

„Dimi, darf ich dir Thomas vorstellen, meinen Freund, mit dem ich noch viele gemeinsame Jahre verleben möchte!“

Dabei kichert er wieder und sieht seinen Freund verliebt an. Also jetzt bin ich wirklich platt und gleichzeitig gerührt. Haben die beiden es also doch geschafft! Ich nehme zuerst Yuri und dann Thomas in den Arm und gratuliere ihnen ganz herzlich.

„He, Dimitri, darf ich dich jetzt auch Dimi nennen, wie dein Bruder, wo ich ja jetzt quasi zur Familie gehöre?“

„Ja Thomas, das würde mich sogar sehr freuen! Aber jetzt setzt euch mal und erzählt, ich glaube, da gibt es einiges zu berichten.“

Und sie erzählen, mal Thomas, mal Yuri, mal beide zusammen. Sie haben viel unternommen, waren in der ganzen Stadt unterwegs, haben wunderschöne Plätze entdeckt, die keiner vorher kannte, waren im Kino, waren Eisessen. Sie waren auch schon ein paar Mal bei Thomas zu Hause, der ja noch bei den Eltern wohnt.

Thomas Eltern wissen nun über ihren Sohn Bescheid und es gab keine Komplikationen bei seinem Coming out.

Thomas hat den Eltern Yuri vorgestellt. Na ja, Yuris Liebreiz, sein offenes Wesen, seine Freundlichkeit, wer würde ihn da nicht lieb gewinnen! Sie haben ihn als zweiten Sohn aufgenommen, denn Geschwister hat Thomas keine.

Auch unserer Mutter hat Yuri alles erzählt und ihr dann auch Thomas vorgestellt. Natürlich war sie anfangs etwas überrascht, dass neben mir nun auch Yuri sich zu Männern hingezogen fühlt. Aber eine Vermutung hatte sie schon länger. Mütter eben!

Nein, unserem Vater, dem sagen sie vorerst nichts. Obwohl, wie Yuri berichtet, er in letzter Zeit sich immer wieder nach mir erkundigt.

„Er fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, merkt, dass er Fehler gemacht hat,“ erzählt Yuri.

„Ja und, Dimi, hast du nun in Tschechien einen lieben Jungen kennen gelernt?“

„Ach Thomas, soviel freie Zeit hatte ich dort nicht. Außerdem die paar Brocken Tschechisch, die ich kann, die reichen gerade mal, um in der Autowerkstatt den tschechischen Kollegen die eine oder andere Anweisung zu geben.

Ich weiß nicht einmal, wie die berühmten drei Worte auf Tschechisch heißen!“

„Was für drei Worte?“ sieht mich Yuri ganz entgeistert an.

„Yuri, ich liebe dich, auch wenn du wieder mal auf der Leitung sitzt“, erklärt lächelnd Thomas und haucht Yuri einen zarten Kuss auf die Lippen.

Mann o Mann, muss Liebe schön sein!

„Das waren jetzt aber mehr als drei Worte“, meint lachend Yuri und wir lachen mit.

„Denkst du eigentlich noch an diesen Schnuckel vom Stausee, du weißt doch noch…?“ stellt Thomas die Frage.

Ich antworte nicht gleich, sehe auf das vor mir sitzende Liebespärchen, sehe die Harmonie, das Glück, das ihnen aus den Augen spricht.

Thomas hat seinen Arm um die Schulter von Yuri gelegt. Immer wieder sehen sie sich an und schenken einander ein Lächeln, wie es eben nur Verliebte können. Man könnte direkt neidisch werden. Aber ich mag die beiden so sehr, dass ich ihnen ihr Glück von Herzen gönne, auch, wenn mir damit mein Alleinsein, meine Einsamkeit, meine Sehnsucht nach einem Freund noch bewusster wird.

Mit einem Seufzer antworte ich schließlich auf die Frage von Thomas: „Ach ja, natürlich denke ich oft an ihn, hab sogar schon geträumt von ihm. Aber, sind wir ehrlich, es wäre der reinste Zufall, ihn nochmals zu treffen. So was kommt doch nur im Film oder den erfundenen Geschichten vor.“

„Ach geh, so groß ist Passau auch wieder nicht, du darfst nur die Hoffnung nicht aufgeben. So wie es dich erwischt hat…!“ ermuntert mich Yuri.

„Yuri hat Recht. Fürs Wochenende ist nochmals wunderschönes Spätsommerwetter angesagt. Ich glaube, Altweibersommer heißt das. Probiere es nochmals mit dem Ilzsstausee. Ich habe so dass Gefühl, dass er dort öfter ist, versuche es einfach!“ macht mir Thomas Mut.

„Und bei dem `Sommer der alten Weiber` glaubst du, finde ich ausgerechnet diesen jungen Schnuckel, ja?“

Nun müssen wir doch alle drei lachen.

„Aber ihr habt ja Recht, ich sollte es wirklich nochmals versuchen. Vielleicht gleich am Samstag?

Und wenn er nicht da ist, womit ich rechne, ein bisschen abschalten in dieser schönen Gegend tut mir sicher gut. Aber wollt ihr nicht mitkommen?“

„Geht leider nicht, am Samstag sind wir bei den Eltern von Thomas eingeladen, schon zum Mittagessen. Und hernach wollen wir zusammen in den Bayerischen Wald fahren, zum Dreiburgensee und ins Museumsdorf.

Aber fahre du nur, vielleicht ist es sogar besser, wenn du alleine bist, vielleicht traut sich er eher dich anzusprechen als umgekehrt“, meint Yuri.

Die beiden verabschieden sich bald, ist ja klar, frisch Verliebte wollen die Zweisamkeit genießen. Außerdem haben sie eh bald nicht mehr so viel Zeit füreinander. Yuri muss wieder in die Schule, die Sommerferien gehen zu Ende, ebenso der Urlaub von Thomas.

***

Es ist Samstagnachmittag und ich bin wieder, wie vor genau vier Wochen, am Ilzstausee. Ich habe mir extra den Samstag ausgesucht und auch in etwa dieselbe Uhrzeit wie im August. Vielleicht ist mir ja doch das Glück hold und  E R  kommt wieder.

Gleich zu Beginn des FKK-Bereiches am See treffe ich hintereinander auf ältere Damen. So hat das Thomas wohl nicht gemeint mit dem Altweibersommer, hoffe ich. Nein, er dachte da eher an das Wetter, das heute ja wirklich mehr an den Sommer als an den bevorstehenden Herbst erinnert.

Ich suche mir das Plätzchen, wo wir auch im August waren. Ich ziehe mich bis auf die gelbe Badehose aus und lege mich in die Sonne. Ja, diesmal hab ich die gelbe Hose an, die vor vier Wochen Thomas leihweise trug. Ich hab sie mit Absicht nicht gewaschen. Auch wenn mich manche für ein Ferkel halten, aber es ist einfach ein geiles Gefühl, dieselbe Hose zu tragen, die Thomas direkt auf der Haut trug.

Genau wo jetzt meine Sachen liegen, da waren auch seine Kostbarkeiten. Dieses geile Gefühl verstärkt sich noch, wenn ich an die entdeckten kristallweißen Flecken vorne an der Hose denke – von Thomas! Es ist wieder wunderschön hier. Und vor allem, wir haben nicht mehr die pralle Sommerhitze wie im Hochsommer. Es ist auch nicht mehr soviel Betrieb wie im August.

Ich lasse ein wenig meine Blicke schweifen: Rechts vor mir liegen ein paar Männer, weiter unten noch einige. Ich sehe nach hinten und für einen Moment setzt mein Herzschlag aus:

ER IST DA!

Muss eben erst gekommen sein. Heute trägt er eine gelbe Trainingshose und ein schwarzes T-Shirt. Er sieht umwerfend aus! Ich muss ihn einfach ansehen. Jetzt hat er mich scheinbar auch entdeckt. Sehe ich da ein gewisses Lächeln in seinem hübschen Gesicht? Hat er mich erkannt?

Und diese himmlisch schönen großen Augen, die er mir immer wieder ganz kurz zuwendet. Heute muss ich ihn ansprechen! Diese Chance lass ich mir nicht entgehen! Ah, jetzt zieht er wieder seine Show ab, darin ist er ja Spitze und ich werde spitz!

Er steht immer noch an seinem Platz und… ja was macht er denn da… er hat eine Hand in der Hose… er streicht über sein Paket… er knetet es. Es ist zum verrückt werden! Seine Show ist perfekt! Nun zieht er sein T-Shirt aus, lässt seinen muskulösen, haarlosen Oberkörper sehen. Ich sehe die kleinen Monde um seine Brustwarzen, über die er auch mal kurz streicht.

Ich sehe sein Näbelchen, sehe von dort einen kleinen Haarflaum, der hinunter wandert und im Bund seiner Trainingshose verschwindet. Diese zieht er nun herunter, langsam, er will mir ja was bieten, das ist sonnenklar!

Eine blaue Sporthose trägt der Herr heute, mit gelben Seitenstreifen, das gleiche gelb wie die Trainingshose.

Der Kerl hat Geschmack und er muss Geld haben! Da komme ich mir mit meiner billigen Badehose direkt schäbig vor. Aber na ja, Geld ist ja nicht alles. Ich würde den Schnuckel auch nehmen, wenn er arm wie die sprichwörtliche Kirchenmaus wäre.

Und ich sehe wieder die langen Haxen, wie Yuri sie nannte. Nervös warte ich auf die Fortsetzung der Ein-Mann-Show. Wie geht es weiter? Kommen nun wieder die bekannten Grapschereien, diesmal an der Sporthose, unter der er sicher nichts mehr an hat. Zieht er diese auch aus, zeigt er…?

Ich stoppe meinen lüsternen Gedankengang. Ein junger Mann taucht auf. Gleich neben meinem Showboy bleibt er stehen und redet mit diesem. Ist schon sehr eigenartig, der sieht ihn gar nicht an, obwohl der Fremde in anspricht. Der muss einen schlimmen Unfall gehabt haben, denn er stützt sich auf zwei Krücken.

Aus einem Bein ragen so Metallteile raus. Sieht wirklich schlimm aus! Wie hat der nur mit den Krücken den langen, unebenen Weg hier nach hinten geschafft? Ach ja, etwas weiter weg steht eine Frau und wartet, sie wird ihm geholfen haben. Scheinbar die Mutter.

Jetzt hat sich mein Traummann doch bequemt sich umzudrehen und sieht sein Gegenüber an. Was geht da vor sich? Sie reden und reden. Und dann – sie halten sich fest, d.h. mein Schnuckel hält den anderen fest, dessen Kopf lehnt an der Schulter meines…

Ja. ist er überhaupt noch mein…? Die stehen immer noch beisammen und – sehe ich recht – sie weinen beide. Was verbindet sie? Ist hier eine kaputte Freundschaft wieder am Auferstehen?  Sah der Junge deshalb so traurig aus, so hilfebedürftig, so allein, trotz seiner Provokationen?

Waren diese nur ein Ausdruck seiner momentanen Hilflosigkeit, seiner Einsamkeit? Nun kommt auch die Frau hinzu. Sie setzen sich alle drei. Mein Prinz hat seinen Arm um die Schultern des anderen gelegt und streichelt seine Wangen.

Ja, so muss es wohl sein! Ich, ausgerechnet ich, der ich mit dem festen Willen hergekommen bin, eine Freundschaft mit dem Kerl anzufangen, ausgerechnet ich werde Zeuge, wie eben dieser Junge seine alte Liebe wieder findet!

Nein, ich habe hier nichts mehr verloren! Es ist vorbei! Ich hasse den Stausee! Ich werde nie mehr hierher kommen. Ich fahre jetzt zurück in meine Wohnung, dort fühle ich mich immer noch am wohlsten und kann mich in meiner Einsamkeit in Selbstmitleid suhlen.

***

Nico

Der September verwöhnt uns mit Sonne und Wärme. Die Gelegenheit, noch einmal sonnenzubaden und den Tag auch sonst zu genießen, lasse ich mir nicht entgehen. Ich fahre wieder zum Ilzstausee. Auch heute sind wieder einige Leute da.

Nein! Bitte nicht! Die fünfzig Jährige ist auch wieder da! Und natürlich ist sie schon wieder am suchen! Als sie mich fixiert, schüttele ich aber demonstrativ den Kopf. Jetzt wird ihr Blick wütend! Nur – mit ihrem Rubenskörper muss sie mit Ablehnungen rechnen. Solche Massen kann und will eben nicht jeder vertragen!

Gerade will ich mir meine gelbe Trainingshose ausziehen, als ich einen anderen Blick zu spüren meine. Jetzt beginne ich zu suchen! Tatsächlich! Dieser dunkelblonde Schnuckel! Aber Moment Mal! Den kenne ich doch! Der war doch auch schon da!

Mein Gehirn hat jetzt Schwerstarbeit zu leisten. Aber es lohnt! Ja, der war schon mal da. Mit seinem Bruder. Und noch einem anderen. Der hat mich doch schon vor ein paar Wochen so interessiert beobachtet! Dem muss ich doch eine Show bieten!

Meine Hand wandert an mein Schwanzpaket und beginnt, drüber zustreichen und es zu kneten! Dann ziehe ich mir mein schwarzes T-Shirt aus. Die Spannung will ich für diesen Jungen doch noch etwas hochhalten, weshalb ich mit dem Hosenausziehen etwas warte.

Erst jetzt beginne ich damit, langsam meine Trainingshose auszuziehen.  Die blaue Sporthose mit den gelben Seitenstreifen, die ich darunter anhabe, harmoniert natürlich mit dem gelb der Hose. Man will ja schließlich mit der Mode gehen und nach Möglichkeit auch noch etwas geil aussehen dabei.

Und ja, dieser Junge dort ist durchaus interessiert an mir! Nur – weiter kann ich den Jungen leider nicht mehr aufheizen, weil mich plötzlich eine Stimme von hinten anspricht!

***

„Kann ich mit dir reden?“

Beim Klang dieser Stimme versteife ich mich! Mein Körper versteift sich, nicht mein Schwanz. Eher das Gegenteil. Josef! Das gibt sicher Ärger! An meinem Geburtstag hat er seine Meinung mir gegenüber ja deutlich genug gezeigt. Ist einfach vom Stuhl aufgestanden und gegangen! Hat er seine Meinung plötzlich geändert?

Freunde stelle ich mir anders vor! Ich drehe mich noch nicht einmal zu ihm um!

„Deine Meinung mir gegenüber hast du an meinem Geburtstag ja deutlich gezeigt.  Eine über fünfzehn jährige Freundschaft einfach in den Schmutz getreten! Nein Josef, du kannst nicht mit mir reden! Nicht mehr! Dazu hättest du die letzten Wochen genug Zeit gehabt! Als Heinz seinen Spruch losließ, da habe ich auf deine Hilfe gewartet und gehofft! Aber du bist lieber aufgestanden und bist gegangen! Das hat sehr wehgetan Josef! Du kannst mir auch glauben, dass ich wirklich lange wegen unserer zerbrochenen Freundschaft geheult habe! Nein Josef, bitte gehe! Lass deine Verachtung jemand anderem angedeihen. Du brauchst mich nicht noch mehr verletzen! Es tut immer noch weh! Und jetzt geh! Tschüß!“

„Schade! Da kann ich wohl wirklich nichts mehr wieder gutmachen! Bei der Verbitterung in deinen Worten!

Ich wünsche dir Glück in deinem Leben, Nico! Es ist oft nicht so, wie es scheint! Trotz allem liebe ich dich doch immer noch! Leb wohl, Nico!“

Ich höre, wie Josef zu schluchzen beginnt! Auch ein metallisches Geräusch, das ich nicht einordnen kann, dringt langsam in mein Gehör! Deshalb drehe ich mich jetzt doch langsam zu Josef um! Und erschrecke! Das ist doch nicht Josef! Nicht der Josef, den ich bisher kannte!

Aus diesem lebenslustigen, immer freundlichen, hilfsbereiten Josef ist innerhalb ein paar Wochen ein Wrack geworden! Um die Hälfte abgemagert! Aus seiner knöpfbaren, kurzen Shorts ragen zwei spindeldürre Beine hervor. Trotzdem jetzt Josef mit dem Rücken zu mir steht, sehe ich die Metallstreben deutlich, die aus seinem rechten Bein ragen!

Josef stützt sich auf zwei Krücken. Und mit denen muss er wohl beim Umdrehen an diese Metallstreben geschlagen haben. Das also war dieses Geräusch!

„Mein Gott Josef! Was ist mit dir passiert?“

Dieser Anblick tut mir weh! Fünfzehn Jahre lassen sich wohl doch nicht so einfach auslöschen! Josef ist jetzt stehen geblieben. In einiger Entfernung steht auch seine Mutter. Ja klar, in seinem Zustand wäre er wohl kaum in der Lage, eine längere Strecke zu bewältigen!

„Ich darf es dir also doch erklären? Danke Nico! Das hier alles…“, mit diesen Worten schlägt Josef mit den Krücken gegen das Metall, „… ist ein Andenken an Heinz! Seit zwei Jahren hatte ich schon den Verdacht, dass du schwul bist, Nico. Aber du hast nie etwas gesagt. Und ich wurde immer enttäuschter von dir, weil sich mein Verdacht immer mehr bestätigte, und du es nicht einmal deinem besten Freund, für den ich mich immer hielt, erzählt hast.

An deinem Geburtstag hast du es dann gesagt. Ja. Vor allen anderen. Nicht zuerst deinem besten Freund. Nicht zuerst mir alleine! Ja Nico, auch ich war zutiefst enttäuscht, es auf diese Art und Weise zu erfahren. Und ich habe vor Enttäuschung einen folgeschweren Fehler gemacht. Ich bin einfach gegangen! Ja, auch ich habe Heinz Bemerkung gehört. Und unterwegs wollte ich meinen Fehler dann wieder gut machen! Es hat mich fast das Leben gekostet! Ich habe Heinz gesagt, dass ich seinen Spruch mehr als Sch… wach fand! Aber auch, was mir an ihm sonst nicht passt. Das Resultat siehst du vor dir! Er hat mich mit seinen Springerstiefeln fast zu Tode gestiefelt! Volker haute fast sofort ab! Wenigstens hat der die Polizei sofort angerufen! Die haben mich dann mehr tot als lebendig gefunden! Die inneren Verletzungen waren ziemlich schlimm. Eine Niere mussten sie mir leider entfernen! Ich bin gestern aus dem Krankenhaus entlassen worden. Die Brüche werden schon wieder heilen. Aber du Nico! Du gingst mir nicht aus dem Kopf! Im Krankenhaus hatte ich ja viel Zeit. Zeit, um nachzudenken. Zeit zu weinen! Ja Nico, auch ich habe um unsere Freundschaft und um mein Versagen geweint! Ich hatte einen Fehler gemacht! An deinem Geburtstag hättest du mich gebraucht und da hätte ich zu dir halten müssen!

Meine Entschuldigung ist, ich habe für meinen Fehler bereits gebüßt! Aber trotzdem! Bitte verzeih mir meinen Fehler Nico! Bitte lass die letzten fünfzehn Jahre nicht umsonst gewesen sein! Bitte wirf mich nicht aus deinem Leben Nico! Ich bin zwar nicht schwul, aber bitte lass mich nicht allein Nico! Ich brauche dich doch! Bitte Nico!“

Josef beginnt jetzt zu weinen. Und zwar so, dass ich meine, er fällt gleich um. Ich stelle mich vor ihn, und bekomme den nächsten Schock! Oh du mein Gott! Was hat Heinz, dieses Monster, nur aus Josef gemacht! Das Gesicht ist voller Narben!

Später erfahre ich dann von seiner Mutter, dass da auch eine Rasierklinge im Spiel war. Aber das Gesicht lässt sich dank plastischer Chirurgie vollständig wieder herstellen! Und auch, dass Heinz noch am selben Abend, als er diese ruhmreiche Tat vollbracht hatte, verhaftet wurde. Er hat noch nicht mal geleugnet! Da dieser Heinz bis dahin schon einiges mehr auf dem Kerbholz hatte, sitzt er mittlerweile in der JVA-Straubing. Und in diesem Gefängnis sitzen keine leichten Fälle ein!

Ich halte Josef! Nehme ihn fest in den Arm!

Seinen Kopf lehne ich an meine Schulter. Und auch er hält mich jetzt fest. Beide flennen wir wie zwei kleine Kinder. Minutenlang! Und an all dem bin ich mitschuldig! Ich nehme mir schon mal vor, in den nächsten Tagen mit Opa zu reden. Josef soll und wird die beste Reha und die besten plastischen Chirurgen bekommen, die es für Geld zu kaufen gibt. Dieses Versprechen gebe ich mir innerlich selbst.

Zumindest äußerlich soll Josef wieder der alte werden! Auch Josefs Mutter kommt dann zu uns. Wir setzen uns hin. Für Josef würde das Stehen auch zu anstrengend auf Dauer! Wir reden uns aus! Über alles! Ich entschuldige mich bei Josef auch noch. Wie es weitergehen soll und wird, reden wir, aber auch, dass für Josef dieses Jahr bereits gelaufen ist. Er wird die nächsten Monate in Murnau in der dortigen Reha-Klinik verbringen!

Weihnachten hoffen alle, dass er wenigstens kurz nach Hause darf! So reden wir die nächsten zwei- bis drei Stunden. Bis es Josef dann doch zuviel wird. Es strengt ihn doch noch alles zu sehr an.

Wir werden uns in nächster Zeit zwar nicht oft sehen, aber ich werde doch so oft es geht nach Murnau fahren und ihn besuchen. Meinen wieder besten Freund! Dann verabschieden wir uns herzlich voneinander!

***

Der Schnuckel ist jetzt auch nicht mehr da! Nach flirten ist mir aber im Moment sowieso nicht. Ich möchte aber doch gerne wissen, wer er überhaupt ist. Und die fünfzig Jährige sieht jetzt direkt befriedigt aus! Hat sich da tatsächlich doch noch einer erbarmt!

***

Dimitri

Während der Sommer nur an wenigen Tagen ein solcher war, zeigt sich der Herbst von seiner schönsten Seite. Schon der September mit seinem Altweibersommer lud an vielen Tagen zum Draussensein ein. Auch der Oktober, den wir nun haben, ist zum sprichwörtlichen „Goldenen Oktober“ geworden. Ein Tag schöner wie der andere.

Es ist Sonntag und ich bin in der Stadt unterwegs. Mein Auto habe ich unter der Schanzlbrücke abgestellt. Zu Fuß kommt man in der Passauer Innenstadt ohnehin besser voran. Zudem ist der größte Teil der Altstadt Fußgängerzone oder zumindest „verkehrsberuhigt“.

Ich gehe an der Donau entlang, die hier nicht unbedingt, wie im Lied besungen, schön blau ist. Ich marschiere durch die Fußgängerzone, wo die Eisdielen heute nochmals dicht umlagert sind. Vielleicht zum letzten mal in diesem Jahr.

Es sind viele Leute unterwegs, Kunststück bei dem tollen Wetter. Solche Menschenmassen wie hier sind zwar so gar nicht mein Fall. Aber heute muss ich einfach mal was anderes sehen, als meine vier Wände zu Hause.

Ich musste raus, glaubte, dass mir sonst die Decke auf den Kopf fällt.

Seit meinem enttäuschenden Ausflug im September an den Ilzsstausee war ich nur zu Hause und an meiner Arbeitsstelle. Ich wollte einfach nirgends hin. Wie oft hätten mich Yuri und Thomas eingeladen, mit ihnen was zu unternehmen. Ich habe immer abgesagt.

Mir war klar, so konnte es nicht weitergehen. Ich kann mich doch nicht immer verkriechen. Ich muss wieder unter Leute. Vor allem darf ich die Hoffnung nicht aufgeben, doch noch einen Freund zu finden. Und immer wieder kommt mir der Kerl vom Stausee in den Sinn.

Ich nehme mir zwar dauernd vor, nicht mehr an ihn zu denken. Es geht eine Weile und dann sehe ich seine großen Augen wieder vor mir. Ich sehe sein hübsches Gesicht, seine langen Beine, seine provozierenden Berührungen an sich selber. Aber dann sehe ich auch seinen scheinbar wieder gewonnen Freund und ihre Umarmungen.

Nein, schlag dir den aus dem Kopf, sagt meine innere Stimme. Ja, wenn das so leicht wäre! Andererseits, ich bin doch erst neunzehn, hab doch noch alle Zeit der Welt, um mein Herzblatt zu finden. Freilich, wenn ich so die vielen Pärchen sehe, die Händchen haltend oder eng umschlungen durch die Passauer Altstadt flanieren, da kommt schon große Sehnsucht auf. Ich möchte doch auch so gerne Händchen halten und jemanden umarmen.

Ich bin inzwischen quer durch die Altstadt gelaufen, durch enge Gässchen, die ja für Passau so typisch sind, bin am Dom vorbeigekommen und bin nun an der Innbrücke angelangt.

Passau hat ja nicht nur die Donau, sondern auch noch den Inn und die Ilz, daher ja der Name Dreiflüssestadt. Ich steige die steinerne Treppe hinunter zum Innkai. Ich habe vor, am Inn entlang bis zum Dreiflüsseeck zu spazieren.

Der grüne Inn, an dessen Ufer ich jetzt gehe, macht schon was her, diese Wassermassen, die da der Donau zufließen! Ab und zu begegnen mir wieder Leute, meist Pärchen. Aber allzu viel Betrieb ist heute eigentlich nicht.

Vielleicht sollte ich mich auf eine der Bänke setzen, die in Abständen aufgestellt sind.

Ja, genau, da kommt eine. Aber leider sitzt da schon wer. Ich komme näher und mir stockt der Atem. Unwillkürlich bleibe ich stehen. Es ist kein anderer als mein Schwarm vom Stausee, der da auf der von mir anvisierten Bank sitzt.

Er sieht stur gerade aus auf den Inn, so kann er mich also noch gar nicht gesehen haben!

Noch hätte ich die Chance, einfach umzukehren.

Aber wenn ich ihn so ansehe, wie traurig und verloren er so dasitzt…! Sollte ich da nicht doch….?

Ich geh weiter, trete an seine Bank und frage ganz förmlich:

„Entschuldige, ist hier noch ein Platz frei?“

Er sieht immer noch geradeaus und meint:

„Siehst du vielleicht noch jemanden außer mir hier sitzen?“

Oh, oh, hat der einen barschen Ton drauf!

„Na gut, ich kann mir auch eine andere Bank…“

Verärgert will ich weitergehen.

„Nein, nein, war nicht so…“

Jetzt erst sieht er mich an und stockt.

Ich setze mich zu ihm.

„Aber wir kennen uns doch… natürlich…“ meint er.

„Ilzsstausee“ wie auf Kommando sagen wir es beide gleichzeitig.

Zum ersten Mal zaubert sich ein kleines Lächeln auf sein Gesicht. Dann sagen wir eine Weile gar nichts, sehen nur auf den Inn und ein Fahrgastschiff, das eben vor der Innbrücke wendet und zurück fährt. Heimlich sehe ich zu ihm hinüber, sehe zu seinem lieben Gesicht, bis er zurückschaut. Sofort wende ich meinen Blick wieder wie ein ertappter Sünder.

Nach einer Weile spüre ich seinen Blick zu mir. Sofort sehe ich woanders hin. Dieses Spielchen wiederholt sich ein paar Mal, bis wir schließlich beide anfangen zu schmunzeln und dann hellauf lachen müssen. Ist ja auch zu komisch.

Dieses Lachen wirkt irgendwie befreiend auf uns beide. Schließlich meint er dann: „Jetzt schauen wir uns gegenseitig an und keiner schaut weg, einverstanden?“

Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen und nicke ihm zu.

„Wie geht es deinem Freund?“ versuche ich ein Gespräch in Gang zu bringen, weil mir die gegenseitige Anstarrerei doch peinlich wird.

„Wen meinst du denn?“ fragt er zurück.

„Hast du denn so viele? Ich meine den mit den Krücken. Hatte er einen schlimmen Unfall?“

„Ach ja, du hast ihn am Stausee gesehen. Das war Josef, ja, er ist mein bester Freund. Und Unfall?

Na ja, so könnte man es auch nennen, ist aber komplizierter.“

Also doch sein bester Freund, wie ich es mir gedacht habe! „Er ist jetzt auf Reha in Murnau. Hab ihn erst gestern besucht dort. Ja, es geht langsam aufwärts, aber es wird noch lange dauern, bis er wieder einigermaßen gesund ist. Freilich, so wie vor dem… Unfall wird es wohl nie mehr werden!“

Täusche ich mich, oder sehe ich tatsächlich Tränen in seinem Gesicht?

„Das tut mir aber leid. Dann hat er ja noch einiges vor sich und du natürlich auch, wenn ich nur an den weiten Weg bis Murnau denke! Und du willst ihn doch sicher regelmäßig besuchen, oder?“

„Natürlich werde ich so oft es geht hinfahren. Aber ich bin ja auch froh, dass er in Murnau netten Anschluss gefunden hat. Er hat Erika kennen gelernt, die auch zur Reha dort ist und die sich rührend um Josef kümmert. Ich glaube, aus den beiden wird was, würde mich freuen!“

„Du freust dich, wenn dein Freund mit einer Frau…..?“ fragend sehe ich ihn an.

Er schaut mich erst mal mit seinen großen Augen an, überlegt ein bisschen und erklärt dann lachend: „Ach jetzt verstehe ich erst, was du meinst, nein, Josef ist zwar mein bester Freund, aber er ist nicht schwul!“

Ist mir die Erleichterung anzusehen?

„Entschuldige, dass ich mich bisher nicht vorgestellt habe, ich heiße Dimitri, meine besten Freunde sagen Dimi zur mir.“ Ich werde etwas rot bei der Aussage.

„Und, sagen viele Dimi?“

„Na ja, eigentlich nur mein Bruder und dessen Freund.“

„Sind die beiden beisammen, ich meine im Sinn von…?“

„Ja, seit August sind sie ein Paar.“

„Oh, dann ist dein Bruder also schwul?“

„Ja, hast du damit ein Problem?“

„Nein, nein, hab ich nicht.“

Wir schweigen eine Weile, dann meine ich: „Darf ich deinen Namen auch erfahren?“

„Natürlich, tut mir leid, ich bin Nico“, dabei reicht er mir die Hand.

Ich nehme seine Hand, drücke sie und mir wird ganz heiß, was aber nicht am Wetter liegt.

„Nico von Nikolaus?“ frage ich.

„Ich nehme es an. Meine Mutter jedenfalls sagt Niki zur mir.“

Wieder sehen wir uns an. Nach einer Weile räuspert er sich und meint dann: „Du Dimitri, macht es dir was aus, wenn ich meine Hand wieder bekomme?“

Er grinst dabei ganz schelmisch. Hab ich doch tatsächlich immer noch seine Hand gehalten, ich Idiot!

„Ähm… selbstverständlich… tut mir leid… ich hab nur… ich bin…“

Was stottere ich bloß für ein Zeug zusammen!?! Aber der Kerl verwirrt mich dermaßen, dann eben der erste Körperkontakt, da muss einem doch ganz anders werden! Ungern lass ich seine Hand los und lächle ihn an, sicher ein gequält aussehendes Lächeln.

„Wie wär’s, gehen wir ein wenig an der Promenade entlang, vor bis zum Dreiflüsseeck?“ fragt Nico.

„Ja gerne. Ich war erst einmal dort mit meiner Familie. Weißt du, wir sind noch nicht so lange in Passau.“

„Dimitri – ist das nicht ein russischer Name?“

„Richtig, Nico, wir kommen aus der ehemaligen Sowjetunion, sind aber jetzt schon mehr als zwölf Jahre in Deutschland.“

„Darum sprichst du auch so perfekt Deutsch! Und, kannst auch a bißl Boarisch?“

„Ja freile kann i des! Macht sicher auch der Umgang mit den Arbeitskollegen und meinen Bruder Yuri, der spricht Bayrisch wia a echter Bayer.“

Nico lacht. Wir wandern am Inn entlang, vorbei am Schaiblingsturm und weiter bis zum Dreiflüsseeck. Die Donau, der Inn und die Ilz treffen hier zusammen.

„Schau nur, wie man die verschiedenen Farben der drei Flüsse erkennt, das Blau, na ja, fast Blau der Donau, das Grün des Inns und das Schwarz der Ilz,“ erklärt mir Nico.

Mit Ilz fällt mir der Stausee wieder ein.

„Ach übrigens Nico, ich muss mich noch entschuldigen, dass ich dich am Stausee so… na  ja, so angestarrt habe, ist sonst nicht meine Art, aber du…“

„Da gibt es nichts zu entschuldigen, ich habe es ja auch… na ja… mir hat das doch gefallen, dass du so interessiert an mir warst“, erklärt ein rotköpfiger Nico.

„Nein ehrlich gesagt, es ist sonst auch nicht meine Art, mich so zu produzieren. Aber irgendwie hat mich euer, vor allem dein, Spannen erst recht angestachelt. Ach, jetzt weiß ich, dann waren die beiden anderen dein Bruder und sein Freund, von denen du erzählt hast. Darum die Ähnlichkeit von dir und deinem Bruder.“

 

Wir haben inzwischen das Dreiflüsseeck hinter uns und gehen nun an der Donau entlang. Hier haben auch zwei Kreuzfahrtschiffe angelegt, die Station auf ihrem Weg über Wien und Budapest zum Schwarzen Meer machen.

„War immer mein Traumberuf, auf einem Schiff anzuheuern und eines Tages als Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes durch die Weltmeere zu kreuzen,“ erzähle ich Nico.

Der lacht nur.

„Ja, würde mir auch gefallen.“

„Aber ich wäre schon glücklich, einmal so eine Kreuzfahrt als Gast mitmachen zu können. Davon träume ich, seit ich denken kann. Aber wahrscheinlich werde ich immer davon träumen, leisten kann ich es mir sicher nie.“ Seufzend sehe ich auf das Schiff und dann zu Nico.

Dieser bleibt stehen, sieht mich lange an und meint dann:

„Und wenn ich dir eine Kreuzfahrt schenke? Jawohl, ich lade dich ein, komm mit!“

Will er mich jetzt verarschen, oder was soll das? Mir eine Kreuzfahrt schenken!

„Sag mal, hast du einen Geldscheißer oder Millionäre als Eltern?“

Er lacht nur. „Nein, habe ich nicht!“

„Aber….?“

Er sagt nichts, packt mich einfach am Arm und zerrt mich mit. Ich will protestieren. Aber andererseits, von Nico am Arm gehalten zu werden, das hat doch auch was für sich. So lass ich es mir gefallen! Zwar schauen ein paar Leute uns komisch an, aber die können ja nicht wissen, dass mein Schnuckel

soeben verrückt geworden ist und mir, so mir nichts dir nichts, eine Kreuzfahrt spendieren will. War etwa die Sonne heute doch zu viel für ihn? Wir kommen zum Rathausplatz, wo gerade das Glockenspiel vom Turm erklingt.

Nico erklärt mir, dass ich hier kurz warten soll. Er wäre gleich wieder bei mir.

„Nicht weglaufen, ja!“ Mit dieser Aufforderung verschwindet er Richtung Donau.

Also ich kann mir keinen Reim auf die ganze Sache machen. Der heckt doch irgendwas aus! Ich sehe mich um, ja, es sind noch jede Menge Touristen unterwegs, Kunststück bei dem Wetter! Plötzlich steht Nico wieder neben mir, habe ihn gar nicht kommen sehen.

Wieder packt er mich am Arm und zerrt mich über die Straße zur Donau hin. Wohin gehen wir nur?“

„Bitte der Herr, ihre Kreuzfahrt!“

Nico verbeugt sich vor mir und seine ausgestreckte Hand deutet auf das am Ufer angelegte Ausflugsschiff. ‚Dreiflüsserundfahrt’ lese ich auf dem Schild über dem Landungssteg. Dieser Schelm, dieser Schuft! Und wie er sich köstlich amüsiert, lacht übers ganze Gesicht.

Ist das noch der gleiche Nico, den ich vorhin auf der Bank am Inn angetroffen habe? Er reicht mir die kurz zuvor gekaufte Schiffskarte und wir begeben uns an Bord. Natürlich nehmen wir am Oberdeck Platz, wo man die beste Sicht hat.

„Nun, ist mir die Überraschung gelungen, Dimitri?“

„Ja, du Schuft, die ist dir voll und ganz gelungen. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was du vor hast. Ich hab tatsächlich schon an deinem Verstand gezweifelt. Aber ich danke dir natürlich ganz herzlich für diese Kreuzfahrt. Ist wirklich sehr lieb von dir, Nico!“

Unser Schiff, die ‚MS Ilz’, hat längst abgelegt und wir genießen diese ‚Stadtführung vom Wasser aus’. Ja, es sind wirklich einmalige Ausblicke auf Passau: Den italienischen Flair ihrer bunten Fassaden, wir sehen den Dom ‚St. Stephan’, die Dreiflüssemündung, das Ober- und das Niederhaus, das Kloster Mariahilf mit der berühmten Wallfahrtsstiege.

Über Bordlautsprecher werden uns die Sehenswürdigkeiten alle erklärt. Wir schippern auf der Donau, dann auf dem Inn, kehren um, dann wieder Donau, also doch eine ‚Kreuzfahrt’. Auf der Ilz ist leider keine Schifffahrt möglich, diesen dritten kleinsten Fluss sehen wir nur im Vorbeifahren.

Ja, es sind wirklich wunderbare Sehenswürdigkeiten, die die Stadt Passau bietet und die wir vom Schiff aus erleben. Aber, bitte verzeih mir, liebe Stadt! Die Sehenswürdigkeit Nummer 1 für mich an diesem Tag ist natürlich Nico. Und er ist lebendig vor mir. Immer wieder muss ich ihn ansehen. Ich kann mich nicht satt sehen, an diesen großen, wie ich jetzt weiß, grau grüne Augen. In die könnte ich mich verlieben! Was heißt könnte… ich hab mich… und nicht nur in seine Augen!

Aber ich merke, dass auch er mich immer wieder ansieht und hin und wieder anlächelt.

Da fällt mir wieder Yuris Bemerkung von den langen Haxen ein und ich muss lachen.

„Warum lachst du? Lass mich mitlachen!“

Und ich erzähle ihm den Grund meiner Heiterkeit

„Dann sag deinem Bruder einen schönen Gruß von mir und sag ihm, lieber lange Haxen als eine lange Leitung. Und außerdem, wer lange Beine hat, bei dem sind auch andere Sachen lang!“

Warum werde ich jetzt rot, er hat es doch gesagt, also!

Wir haben inzwischen wieder festen Boden unter den Füßen, nach etwa 45 Minuten ist die Kreuzfahrt zu Ende. Wir sind wieder an Land.

„Wollen wir noch ein Eis essen gehen?“ fragt Nico.

„Gerne, aber diesmal lade ich dich ein, einverstanden?“

„Gerne, ich weiß ein Café in der Nähe mit sehr gutem Eis, das Beste der Stadt, wie ich finde.“

„Genau, das sag ich von meiner Lieblingseisdiele auch immer“, erwidere ich.

***

Nun sitzen wir also im Residenz-Café, in unmittelbarer Nähe des großen Doms und löffeln unsere Eisbecher.

Nebenbei erzählt er mir von seinem Studium, das vor kurzem begonnen hat, von seiner Wohnung in Uni-Nähe, von seiner Mutter, die er sehr lieb hat, von seinen Großeltern, die ihn vergöttern. Komisch, von einem Vater sagt er nichts.

Nun erzähle auch ich so einiges von mir, von meiner Arbeit, meiner bescheidenen Wohnung, von meiner Mutter. Auch ich erwähne nichts von Vater.

„Und Nico, glaubst du… na ja, ich meine… können wir…“ so stammle ich ihm was vor.

Er lacht nur und meint: „Du willst wissen, ob wir uns wieder sehen werden?“

Erleichtert nicke ich.

„Also an mir soll’s nicht liegen, aber zum Wiedersehen gehören zwei!“

Mir fällt ein Zentnerstein vom Herzen. Ja, er will, dass wir uns wiedersehen! Am liebsten hätte ich ihn vor all den Leuten hier umarmt. So aber lächle ich ihn an und meine:

„Ja, Nico, ich würde dich sehr gerne wieder treffen!“

„Na dann ist ja alles klar. Wie wär’s mit nächsten Samstag, passt es dir da?“

„Ja, geht in Ordnung, wieder am Inn so wie heute und um die gleiche Zeit?“

„Von mir aus gerne“ meint er.

Wir sind mit dem Eisessen fertig. Ich bezahle, Nico bedankt sich für das Eis.

Er begleitet mich noch bis zu Donau, hier müssen wir uns verabschieden, denn wir müssen in entgegengesetzte Richtungen.

„Danke, es war ein wunderschöner Nachmittag mit dir, danke für alles“, sage ich zu ihm und gebe ihm die Hand.

„Danke gleichfalls, auch mir hat es sehr gefallen und freue mich aufs Wiedersehen!“

„Na denn, Servus, machs gut!“

„Natürlich, du auch!“

Ich drehe mich um, gehe zwei Schritte, bleibe stehen und schau zurück. Auch er ist stehen geblieben und dreht sich wieder zu mir um.

Er kommt auf mich zu, bleibt direkt vor mir stehen, haucht mir einen zarten Kuss auf den Mund und flüstert ganz zärtlich „Dimi!“

Er will sich gleich darauf umdrehen, doch ich halte ihn auf, nehme nochmals seine Hand, gebe ihm den Kuss zurück, natürlich so wie er auf den Mund und flüstere ebenso zärtlich wie er „Niki!“

Als ich dann im Auto sitze und heimfahre, mich in den siebten Himmel empor gehoben fühle, da schwöre ich mir, diesen Niki, diesen lieben, hübschen Bengel, den lass ich nicht mehr aus!

***

Nico

Die Kreuzfahrt mit Dimitri war einfach klasse. So richtig schön. So wohl habe ich mich lange nicht mehr gefühlt. Und sein Gesicht! Einfach köstlich, als er mitbekommen hat, woraus seine Kreuzfahrt bestehen wird. Mit diesem Jungen würde ich jeden Tag eine echte Kreuzfahrt antreten!

Ich freue mich schon auf Samstag! Das Museumsdorf Bayerischer Wald. Dahin werde ich mit Dimitri fahren.

Dimitri. Klingt schön dieser Name. Überhaupt schön! Er gefällt mir, dieser Dimitri. Jetzt sogar noch besser als am See. Da ist er mir ja vorwiegend durch sein Starren aufgefallen!

Für Dimitri, Dimi, wie ich ihn sogar nennen darf, würde ich auch eine Solo-Stripshow abziehen. Ja, dieser Junge wäre es mir wirklich wert! Ich habe mich in Dimi verliebt!

Nicht nur so ein bisschen! Das wenn was würde! Dimitri möchte ich gerne als meinen Freund! Langsam eine Freundschaft aufbauen und dann immer mehr festigen! Das wenn ich dürfte! Finanziell scheint es ihm nicht so besonders gut zu gehen. Mal sehen, ob ich da irgendetwas ändern kann. Vielleicht einmal mit Opa reden!

***

„Hey Opa! – Ja, mir geht es gut. Danke. – Oma doch hoffentlich auch. – Oh, super! Ist die Modenschau dann teuer für dich geworden? – Wie? – Nicht? – Oma hat gar nichts…? – Ach so, ja klar! – Weil sie ein ähnliches eh schon hat! – Habe mich nur gewundert, weil Oma da nicht zugegriffen hat. – Ich weiß nur nicht, ob wir das am Telefon bere… – Wenn du meinst, dann probiere ich es eben. – Kennst du das große Autohaus an der Ausfallstraße Richtung Vilshofen? – Ah so, du bist da sogar Kunde. – Nein, meinem Flitzer geht es gut. – Aber da arbeitet Dimitri. – Ja Dimitri. – Sind vor 12 Jahren von Russland hergezogen. – Nein, kein Verkäufer. Er arbeitet in der Werkstatt als Mechaniker! – Ist bestimmt einer ihrer besten Gesellen Opa. – Hält wahrscheinlich den Laden am Laufen. – Dimitri war sogar schon in ihrer Niederlassung in Tschechien. – Ist ganz bestimmt einer ihrer besten Mechaniker, die sie überhaupt haben, wahrscheinlich auch sehr sorgfältig. – Das glaub ich auch Opa! – Bestimmt hätte er schon längst eine Beförderung verdient! – Und etwas mehr Geld würde ihm zweifellos bekommen.  -Wie man das aber machen könnte weiß ich leider auch nicht, Opa. – Nein, gewiss nicht! – Neunzehn ist er Opa, dunkelblond, schlank, so 180 cm in etwa groß, ein liebes Jungengesicht und schöne blau-grüne Augen! – Woher ich seine Augenfarbe kenne? – Ja, das ist so…, weißt du…, äh ja…, hast du von Mam schon gehört? – Nein, Opa, mach ich doch nicht. Ich lenke doch nicht ab. Was denkst du denn? – Meinst du? Zufällig sehe ich ihn am Samstag wieder! –  Er heißt Dimitri Frelich. – Danke Opa! – Kann ich dich und Oma am Donnerstag besuchen? Da könnten wir alle Fragen klären. – Natürlich komme ich zum Essen. Wieder vom Obermeier. Toll. Mam kommt auch? Ich komme sogar ganz bestimmt. Und Hunger bringe ich auch mit. – Sagst du Oma noch einen schönen Gruß von mir? Danke Opa! Bis Donnerstag. Tschüß!“

***

Endlich Samstag! Am Vormittag habe ich Dimitri schon angerufen. Dass wir uns bereits zu Mittag treffen. Aber diesmal am Bahnhof. Hinten, beim großen Parkhaus. Diese blöden Ampeln haben mich mal wieder aufgehalten. Bin schon 3 Minuten zu spät dran. Natürlich wartet Dimitri bereits!

Wow! Sieht der wieder gut aus! Eine anthrazitfarbene verwaschene Jeans und ein weinrotes Sweatshirt. Ist ja heute auch noch warm genug dafür. Spätestens jetzt, bei diesem Anblick müsste ich mich in diesen Jungen verlieben, aber ich habe es ja schon längst getan!

„Hey Dimi! Entschuldige meine Verspätung. Die Ampeln waren wieder mal falsch geschaltet. Siehst du wieder gut aus! Richtig zum Anbeißen! Aber einen Begrüßungskuss bekomme ich, oder?“

Ja, den bekomme ich! Und was für einen! Wow! Da hörst du die Glocken klingen, Junge!

„Grüß dich Niki! Bist doch zeitig genug da. Ich bin ja auch gerade erst gekommen. Bald hätte ich dich aber trotzdem übersehen. Ich habe nach einem älteren Auto Ausschau gehalten. Nicht nach einem neuen aufgemotzten Mini. Der hat ne Stange Geld gekostet! Soviel hat ein Student eigentlich nicht. Ich glaube, wir müssen uns einmal genauer unterhalten. Mir kommt da nämlich ein Verdacht! Hast du übrigens heute was Besonderes vor, weil wir uns schon mittags treffen?“

Dimi hält wieder die ganze Zeit meine Hand. Aber ich entziehe sie ihm nicht. Im Gegenteil, ich finde es schön und hauche ihm sogar mehrere Küsse auf seinen Handrücken. Das scheint ihm aber zu gefallen.

„Ja habe ich, mein kleiner Engel! Ich will dich ins Museumsdorf entführen. Und dann einen Spaziergang am Rothauer-See mit dir machen. Während der Fahrt können wir reden, wenn es denn sein muss! Aber vorher will ich dich noch richtig in den Arm nehmen dürfen!“

Während ich Dimi halte, fahre ich ihm mit der Hand über seinen Hintern! Dann muss ich aber die Verbindung zu ihm schnell lösen! Ich spüre, wie etwas in mir hochsteigt! Wir nehmen im Mini Platz und fahren los, Richtung Vilshofen und weiter bis Tittling.

Von da ab ist es dann nur noch ein kurzer Weg ins Museumsdorf Bayerischer Wald des Georg Höltl. Aber ich habe Angst! Angst vor dem Gespräch mit Dimitri! Wir kommen außerdem in Sichtweite von Dimitris Arbeitsstätte vorbei. In einiger Entfernung davon zeigt mir Dimitri einen großen Wohnblock, in dem seine Wohnung liegt.

Habe ich einen Fehler gemacht? Hätte ich lieber Opa nichts sagen sollen? Am Donnerstag nach dem Abendessen waren doch alle dafür, dass Dimi geholfen wird. Opa muss aber dann gestern noch bei Dimis Arbeitgebern angerufen haben!

Gott, mir wird fast schlecht! Ich wollte doch nur helfen! Habe ich jetzt da Gegenteil dadurch erreicht? Langsam werden meine Augen feucht! An meinem rechten Oberschenkel spüre ich jetzt eine Hand. Dimi hat natürlich längst gemerkt, was mit mir los ist. Deshalb beginnt er auch zu reden!

Sein Lächeln dabei beruhigt mich wieder!

„Gestern hat mich unser Geschäftsführer kurz nach Mittag in sein Büro kommen lassen. Ich wusste freilich nicht, was er wollte. Er erzählte mir, dass er am Vormittag einen Anruf bekommen hätte. Von einem ziemlich bekannten, größerem Unternehmen. Sogar Kunde von uns!

Und dieser Kunde wollte und will mich für seinen Fuhrpark als persönlichen Mechaniker haben. Ich soll bei den Firmen-Pkws die Pflege und Wartung übernehmen. Später soll ich mich sogar noch um ihre Lkws kümmern dürfen.

Dafür muss ich aber erst noch einige Kurse belegen und mich weiterbilden und zusätzlich für Lkws ausbilden lassen! Außerdem soll ich für die Niederlassung in Tschechien Ansprechpartner werden. Für das alles soll ich dann auch noch 700 € mehr im Monat bekommen!

Kannst du dir vorstellen, was das für mich bedeutet, Nico? Kannst du dir vorstellen, wer hinter all dem steckt, Nico? Bis Mittwoch muss ich Bescheid geben, weil am Donnerstag schon der 01. November und Allerheiligen ist. Unser Betrieb hat an dem Tag geschlossen.

Und ab 01. November soll ja alles gelten. Sie wollen mir da dann schon einen neuen Vertrag anbieten! Mit deinem 30 000 € Flitzer hast du dich verraten, Nico. Den kann sich kein normaler Student leisten, Nico! Außerdem warum gerade zu diesem Zeitpunkt? Kaum lerne ich dich näher kennen, mache ich einen Sprung die Karriereleiter hinauf! Wer bist du Nico? Was bist du, Nico? Brauchst du nur ein neues Spielzeug; Nico? Nein, so bist du nicht! Entschuldige, das war unfair! Aber warum, Nico? Bitte erkläre es mir!“

„Es tut… tut mir leid Di… Dimitri! Ich… ich wollte…“

„Nein, Nico! Es braucht dir nicht Leid tun. Nur – so etwas hat noch nie jemand für mich gemacht! Ich freue mich so sehr darüber. Aber was ist, wenn ich die Erwartungen nicht erfülle? Du wirst enttäuscht sein, Nico! Was ist, wenn ich versage, Nico? Wer war denn der Anrufer überhaupt? Dein Vater? Du hast mir über ihn noch gar nichts erzählt. Wenn ich den Vertrag annehme, dann darf ich dich nur noch am Wochenende sehen, Nico! Die erste Zeit bin ich dann doch in Tschechien. Was soll ich denn tun, Nico? Bitte hilf mir!“

Jetzt erst verstehe ich Dimi. Er ist nicht sauer auf mich weil ich das getan habe. Er hat stattdessen Angst zu versagen. Angst, die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllen zu können! Angst, dass wir uns nicht mehr sehen.

In der Zwischenzeit sind wir auf dem Parkplatz eines großen Betonherstellers gelandet, wo ich jetzt bei meinem Flitzer den Motor abstelle.

Augenblicklich wende ich mich Dimi zu und kümmere mich um ihn. Streichle ihm mit meiner Hand über die Wange und flüstere ihm zu, dass ich gleich wieder bei ihm bin.

Ich steige schnell aus dem Auto und helfe alsdann auch Dimi beim Aussteigen. In die Arme nehmen und ihn intensiv küssen sind fast eins.

Obendrein flüstere ich Dimi einige nette Worte ins Ohr, die ihn rot werden lassen. Wirklich kehrt seine Heiterkeit wieder. Und die passt eben viel besser zu meinem Dimi! Innerhalb kürzester Zeit habe ich meinen glücklichen, lustigen, netten und freundlichen Dimi zurück.

Ich schaffe es, im Kraft zu geben. Lange Zeit halten wir uns nur in den Armen. Das genügt uns dennoch und wir sind glücklich dabei. Wir reden außerdem darüber, dass wir unseren Weg gemeinsam gehen wollen.

Wenn wir uns die Woche über nicht sehen können, die Wochenenden gehören aber auf alle Fälle uns.

Endlich kommen wir beim Museumsdorf an. Ich habe ein dringendes Bedürfnis. Das stille ich in einem Raum, auf dem groß WC steht.

Für einen Besuch im Museumsdorf ist es auch die letzte Gelegenheit. Nach dem ersten Novemberwochenende wird das Museumsdorf kategorisch gesperrt! Dann haben nur noch die Arbeiter Zugang, um alles wieder instand zu setzen oder auch, um neue alte Häuser wieder aufzubauen. Natürlich alles im Originalzustand.

Vor dem Abbau der alten Häuser werden extra Skizzen, Pläne, Zeichnungen und Fotografien gemacht. Beim Wiederaufbau im Museumsdorf wird eben nach diesen Plänen usw. gearbeitet. Im Museumsdorf stehen weit über zweihundert Jahre alte Häuser!

Es soll sogar das angeblich älteste Schulhaus Deutschlands hier stehen! Gleich beim Eingang steht auf der rechten Seite das Gasthaus Mühlhiasl. Dimitri und ich wenden uns allerdings erst einmal nach links. Ich löse zwei Eintrittskarten und schon stehen wir im Dorf.

Die nächsten Stunden sehen wir uns die alten Häuser an. Bestaunen auch alte Dreschflegel, Mistgabeln, Rechen und Leiterwagen. Auch eine alte Schmiede ist aufgebaut. Mit der Esse, den Hämmern und Zangen. Alte Schürhacken und allerlei sonstiges Werkzeug kann man bestaunen. Mit Werkzeugen und Gerätschaften, Töpfen und Geschirr werden die Häuser in den letzten Jahren immer mehr aufgefüllt. Eingerichtete Häuser machen eben doch mehr her, als leer stehende kahle Zimmer und Räume.

Man kann aber hier auch feststellen, dass die Menschen früher viel kleiner waren, als wir es heute sind! Im hinteren Bereich des Dorfes wird für die Zuschauer gerade eine Vorführung gegeben. Ein alter Bauer mäht mit einer uralten Sense gerade eine Wiese.

Ja, dieser Mann kann noch mähen! Gleichmäßig zieht er seine Sense durch das Gras. Zwischendurch wetzt der Mann seine Schneide immer wieder mit dem Wetzstein. An der Seite des Bauern hängt ein altes Rinderhorn. In dieses Horn lässt der Bauer nun seinen Wetzstein gleiten. Auf diese Weise hat er den Wetzstein immer bei sich und sofort griffbereit zur Hand!

Unsere Wanderung geht weiter durch das Dorf. Abwechselnd machen Dimi oder ich eine ganze Anzahl Fotos. Frauen, die uns vertrauenswürdig erscheinen, aber auch, weil die eher dazu bereit sind, bitten wir öfter, von uns beiden gemeinsam ein Foto zu schießen. Mit meiner Digitalkamera kann auch jede sofort umgehen. So bekommen wir sogar Fotos, wo wir gemeinsam drauf sind!

Jetzt kommen wir zu einer alten Mühle. Sogar das Mühlrad dreht sich noch. Man kann auch noch die Technik bestaunen, wie sich durch das Wasser das Mühlrad bewegt und das wiederum einen großen runden Mühlstein dreht.

Durch solche Mühlsteine wurde eben früher das Getreide gemahlen! Ansonsten ist in einem Raum noch zu sehen, wie der Müller früher gewohnt hat.  In den restlichen Zimmern der Mühle wurde vor Jahren schon die Ausstellung ‚Volksfrömmigkeit’ integriert.

Alte Rosenkränze, Gobelins, Ikonen, Gebetbücher, die verschiedensten Kreuze und Messbecher sind da zu bestaunen. Von Wachsstöckerl über Heiligenbilder und Medaillons bis hin zu Priestergewändern kann man viel über die Volksfrömmigkeit früherer Zeit erfahren!

***

Es ist inzwischen schon Nachmittag geworden. Dimi und ich marschieren rüber ins Hotel Dreiburgensee. Dort lassen wir uns Kaffee und Kuchen schmecken. Zum See sind es jetzt nur noch wenige Minuten. Während wir so am Gehweg entlang schlendern, erzählen wir offenherzig auch von uns selbst.

So erfahre ich viel über Dimi und Yuri, eben über Dimitris Familie. Ebenso von dem Knatsch mit seinem Vater! Im Gegenzug erfährt Dimi auch viel über mich. Die Wahrheit über meinen Vater. Dass der inzwischen fast zu einem Fremden für mich geworden ist. Genauso von Mam. Dass ich sie sehr liebe und an ihr hänge. Oma und Opa lasse ich natürlich auch nicht aus.

Es ist schon Abend geworden durch unser Reden. Und dunkel. Darum kann ich Dimi sooft küssen wie ich will, ohne dass es jemanden stören könnte. Tu ich ja auch. Der arme Junge muss eigentlich schon geschwollene Lippen haben. Weil, in dieser Beziehung bin ich gnadenlos. Und küssen tu ich nun mal gerne und oft.

Wir sind auf dem Weg zum Gasthof Mühlhiasl, wo wir noch einen deftigen Schweinebraten mit Sauerkraut und Semmelnknödeln essen. In dem Andenkenladen, der in den Gasthof integriert ist, finden wir allerdings nichts, was sich unserer Meinung nach, zu kaufen lohnen würde.

So fahren wir ohne Andenken nach Passau zurück. Dafür haben wir aber massig Fotos gemacht. Es war ein schöner, ereignisreicher Tag. Und diesen möchte ich auch nicht für viel Geld missen! Dimi ist den ganzen Tag schon wieder super drauf und wie er mir jetzt verrät, auch bereit, die Herausforderung einer Beförderung anzunehmen.

Dimi lotst mich zu seiner Wohnung. Sogar einen freien Parkplatz finden wir noch vor dem Wohnblock. Ein kleines, gemütliches Nest, das sich Dimi da geschaffen hat. Einfach, aber sehr geschmackvoll eingerichtet und überaus gemütlich!

„Schön ist es bei dir Dimi. Ich fühle mich sogar schon ein wenig heimisch. Viel gemütlicher als bei mir. Deine Wohnung hat richtig Seele!“

Ich schau mir Dimis Lippen einmal genau an. Ja, absolut, die sind geschwollen. Ein schlechtes Gewissen bekomme ich dadurch allerdings nicht! Schon hänge ich nämlich wieder dran!

„Tut mir ja leid Dimi, aber du schmeckst einfach zu gut. Wie machst du das nur? Am liebsten würde ich dich am ganzen Körper ablecken. Vor allem aber an einer ganz bestimmten Stelle! Das werde ich irgendwann noch!“

Jetzt beginnt Dimitri vor Freude zu lachen.

„Oh, du bist ja ein richtiger Schmusekater. Ich würde auch am liebsten an dir herumknabbern. Vor allem an der Stelle, wo ich jetzt so viel Leben spüre! Auf das irgendwann freue ich mich schon! Wir wollen aber nichts überstürzen. Wir haben noch so viel Zeit. Lassen wir es langsam angehen Nico, auch wenn ich dich jetzt schon begehre!“

„Das spüre ich, mein kleiner Dimi. Du hast aber recht. Seien wir vernünftig. Aber schmusen werden wir noch, ja?

Wollen wir morgen gemeinsam Mittagessen? Treffen wir uns um halb 12 am Fünferlsteg? Und gehen dann zum Hotel König? Bitte sag ja, kleiner Dimi!“

Um Dimitri die Entscheidung leichter zu machen bzw. um schnell ein Ja von ihm zu bekommen, fange ich an, an seinem Ohr herumzuknabbern. Als ich mit meiner Zungenspitze in seinen Gehörgang komme, fängt er an zu kichern. Es kitzelt ihn wohl.

Aber dadurch bekomme ich tatsächlich schnell meine erwünschte Zusage! Der Früchtepunsch, den ich von Dimi bekomme, ist einfach klasse. Über mein Kompliment freut er sich auch sichtbar. Nach nochmaligem ausgiebigen Küssens mache ich mich dann aber doch auf den Weg nach Hause.

***

Heute bin ich bereits ein paar Minuten vor halb 12 am Fünferlsteg. Von weitem sehe ich Dimitri schon aus Richtung Nikolastraße auf mich zukommen. Schnell gehe ich ihm entgegen. Ich nehme ihn in den Arm und raube mir auch schon einen Kuss.

„Hast du gut geschlafen mein kleines Herz? Und vielleicht von mir geträumt? Du jedenfalls hast mir einen wunderbaren feuchten Traum beschert!

Bitte sag mir Nico, dass ich das hier nicht nur alles träume!“

„Nein, Dimi, denn das wäre wirklich zu grausam! Wer wäre denn dann der liebe dunkelblonde Junge von dem ich diese Nacht geträumt habe? Hey, mein kleiner Liebling. Du hast mir gefehlt. Brauchst du denn eine neue Schlafanzughose?“

Dimitri hat ja schon eine schöne Farbe, aber jetzt wird er noch röter!

„Äh, weißt du Nico, ich hab ja nie eine an. Ich brauche ein neues Leintuch. War ja diesmal auch so viel!“

Verschämt macht mir Dimitri mit leisen Worten dieses Geständnis. Ich gebe Dimi dann den Tipp sich immer ein Handtuch mit ins Bett zu nehmen. Und ich erzähle ihm, dass mir wohl das gleiche passiert wäre, wenn ich nicht vorgebaut hätte!

Jetzt wird Dimitri seltsamerweise noch tomatiger!

So leise, dass ich ihn kaum verstehe, meint er:  „Ich habe ja auch vorgebaut. Sogar gleich zweimal. Trotzdem, während ich von dir träumte, ist es passiert. Du hast mich eben total ver- und bezaubert Nico!“

Nun bin ich auch sprachlos! Na gut, nicht allzu lange.

„Ich möchte dich so gerne näher kennen lernen Dimi! Alles an dir! Alles von dir! Aber wenn ich dich die ganze Woche nicht sehen kann, nur mit dir telefonieren, würde es so noch schwerer für mich werden, dich nicht sehen zu können. Bitte Dimi, lass uns mit dem körperlich näher kennen lernen noch warten, bis du wieder von der Tschechei zurück bist. Bis ich dich auch unter der Woche sehen darf. Bitte Dimi!“

Ich sehe Dimitri so treuherzig an, dass der zu lachen anfängt.

„Du hast Recht Nico! Ja, warten wir. Mir fällt es so schon schwer genug. Die paar Wochen überstehen wie so auch noch. Dafür wird es dann umso schöner. Du wirst sehen Nico! Und jetzt gehen wir Essen, oder?“

Das machen wir dann auch. Durch kleine Gässchen in der Altstadt machen wir uns auf den Weg zum Hotel König. Gestern Abend noch habe ich einen Tisch reserviert. Sonst könnte es passieren, dass wir entweder wieder gehen oder warten müssten, bis ein Tisch frei würde.

Unser Essen lassen wir uns dann auch schmecken. Die Nachspeise lasse ich von der Küche auswählen. Dimi und ich werden auch nicht enttäuscht. Crepes mit Eis und einer Likörsoße, dass man ins Schwärmen geraten könnte. Nach dem Essen verlassen wir das Hotel und machen am Dom vorbei einen langen Spaziergang!

***

Mam, Oma und Opa sind am Nachmittag ganz begeistert von Dimitri. Ja, etwas gemein und hinterhältig, was ich da getan habe. Es hat sich aber gelohnt! Nur gut, dass Dimitri und ich noch nicht im Bett gelandet sind – sogar das hätten meine Leute aus uns- bzw. Dimitri herausgeholt.

Bis dahin wusste ich noch gar nicht, was man alles fragen kann und was man alles wissen will. Sie löchern meinen Dimi, dass es schon beinahe peinlich ist. Irgendwann ist das jedoch auch überstanden, wir essen alle gemeinsam zu Abend.

Mam ist dermaßen von Dimitri begeistert. Ich sehe mich direkt zu einer Äußerung genötigt! „M-a-a-m, Dimi gehört zu mir! Das ist meiner! Den gebe ich auch nicht wieder her! Such dir selber so einen lieben Schnuckel!“

Die Lacher sind freilich auf meiner Seite!

Aber jetzt endlich küsse ich Dimi! Und wie! Oma meint mit verzückten Augen dazu: „Ach ja, junge Liebe!“

Dimitri bedankt sich noch bei Opa für die Chance, die er ja jetzt erhält. Er werde versuchen, niemanden zu enttäuschen.

„Da mache dir mal keine Gedanken mein Junge. Ich habe ein gutes Gespür für richtige Entscheidungen. Unser Gespräch heute festigt nur mein Urteilsvermögen.  Du bist der Richtige für unseren Fuhrpark. Ich bin sogar fest davon überzeugt!

Für Nico bist du sowieso der Richtige! Du hast sein Herz erobert. Das ist bisher noch niemandem gelungen!

Oh Junge, du bist in jeder Hinsicht der Richtige. Glaube mir das! Ich bin nämlich bereits alt genug, das zu wissen.

Unser aller Herz hast du schon erobert. Besonders das meiner Tochter! Aber bei mir gelingt das nur sehr wenigen! Auf Nicos Mutter wirst du immer zählen können. Die ist dir schon verfallen! Pass aber gut auf meinen Enkel auf, Dimitri!“

Wir verabschieden uns von meiner Familie. Jedoch entschuldige ich mich wenig später noch bei Dimitri für meine Hinterhältigkeit. Er ist aber auch meiner Meinung, dass es das heute auf alle Fälle wert gewesen ist. Und ich eine sehr nette Familie habe.

Dann muss ich mich von diesem lieben Jungen verabschieden. Er muss ja morgen wieder arbeiten und ich zur Uni. Ein paar Küsse hole ich mir aber noch als Wegzehrung. Am Wochenende sehen wir uns erst wieder!

***

So vergehen dann die Wochen. Dimitri hat der Quasi-Beförderung selbstverständlich zugestimmt. Er ist fast den ganzen November in Tschechien. Opa hat sich mittlerweile sogar in das Autohaus eingekauft und hält mich so auch auf dem laufenden. Und mein Opa ist schlicht begeistert davon, was Dimitri mit seinen neunzehn Jahren in Tschechien alles leistet!

Deshalb steht jetzt schon fest, dass Dimitri ab Mitte Dezember drei Wochen Sonderurlaub erhält. Außerdem wird er eine Sonderzahlung erhalten. Dass Opa diese Sonderzahlung unter der Hand verdoppelt, weiß allerdings nicht einmal ich!

***

Mit Josef ist auch alles bestens. Sein Bein heilt sehr gut. Sein Gesicht haben die Ärzte wieder hinbekommen. Ich will ja nicht behaupten, dass Josef jetzt besser aussieht als vorher, aber selbst von der eigenen Mutter hat er ein Kompliment wegen seines guten Aussehens bekommen.

Mit seiner Erika ist Josef nach wie vor glücklich! Aber Josef erzählt mir bei meinen Besuchen auch weniger schönes. Dieser Franz, wegen dem er jetzt in Murnau ist, ist aus der JVA-Straubing ausgebrochen! Bei diesem Gefängnis sowieso eine Seltenheit. Alleine aber auf gar keinen Fall zu schaffen! Also muss noch irgendwo ein Komplize stecken!

Und ich dachte bis zu meinem Coming Out sogar, dieser Mensch sei mein Freund. Mir läuft es halt den Rücken herunter, wenn ich genauer darüber nachdenke! Über Weihnachten darf Josef jetzt nach Hause! Und Ende Januar ist er auch mit seiner Reha fertig!

***

Dimitri

Ich bin sehr froh, dass ich die Tage meines Tschechienaufenthaltes hinter mir habe. Es war nicht leicht, vor allem auch die Trennung von Nico.

Nur an den Wochenenden haben wir uns gesehen. Ein paar Ausflüge haben wir gemacht, waren unter anderem nochmals im Bayerischen Wald, wo Mitte November bereits alles zugeschneit war, eine wunderbare Winterlandschaft, wie im Bilderbuch!

Auch in Passau selbst sind wir viel herummarschiert. An einem Sonntag sind wir über die dreihundert Stufen der Mariahilf Wallfartsstiege hinaufgegangen. Gemeinsam haben wir vor der Marienstatue in der Kirche zwei Kerzen angezündet.

Hinter der Kirche hat man einen einmaligen Ausblick auf die ganze Stadt. Wir haben uns fest vorgenommen, im Frühjahr wieder hierher zu kommen. Ja, und Fotos haben wir auch jede Menge gemacht.

Am selben Sonntag hat mich Nico in seine Penthauswohnung entführt. Es war ein Erlebnis. Bisher habe ich noch keine solche Wohnung gesehen! Yuri und Thomas wären begeistert. Ich hoffe, ich darf noch öfter hierher kommen.

Die Tatsache, dass wir uns die letzten Wochen so wenig sehen konnten, hat uns eigentlich noch besser zusammengeschweißt. Es ist bereits so, dass ich mir ein Leben ohne Nico nicht mehr vorstellen kann. Und ich glaube, ihm geht es nicht anders!

***

Es ist kurz vor Feierabend am 5. Dezember, Vorabend des Nikolaustages. Ich habe gerade zusammen mit einem Lehrbuben eine neue Auspuffanlage am Auto eines Kunden montiert, da steht doch plötzlich ein leibhaftiger Nikolaus mitten in unserer Werkstatt.

Keiner hat bemerkt, wie er herein gekommen ist. Wirkt schon etwas verloren, der heilige Mann, inmitten von kaputten oder teilweise reparierten Autos, von Öllachen und verschmutzten Mechanikern. Es ist kein Weihnachtsmann mit Zipfelmütze, wie er oft anzutreffen ist. Nein, bei uns hier in Bayern kommt, und das schon am Vorabend zum sechsten Dezember, der heilige Nikolaus, verkleidet als Bischof, den das war er ja.

Es sieht schon sehr festlich aus, wie er so da steht mit seinem weiten roten Umhang und der Bischofsmütze. Vom Gesicht ist nicht viel zu sehen bei der immensen Barttracht. Einen großen braunen Sack, prall gefüllt, hat er bei sich stehen. Wir alle schauen etwas verwundert drein. Ein Nikolaus hat sich hier noch nie eingefunden. Ob er sich verirrt hat?

Da flüstert mir der daneben stehende Lehrling ins Ohr:

„Schau dir den Ring an, das kann nur der Chef sein und die Schuhe kenne ich auch von ihm.“

Ja, er hat Recht, das ist er, jetzt erkenne ich ihn auch.

„Grüß Gott meine Lieben!“ das ist alles was er mit ernster und tiefer Stimme sagt.

Dann öffnet er den Sack, langt hinein und holt ein kleineres, ebenso prall gefülltes Säckchen heraus. Er reicht es dem ersten von uns. So nach und nach geht er zu jedem hin, nickt ihm freundlich zu und überreicht ihm das Geschenk.

Schließlich winkt er noch kurz und sagt: „Auf Wiedersehen meine Kinder!“ Schon ist er wieder verschwunden.

Zuerst ist es ganz still in der Werkstatt, alle starren entweder auf die Tür, hinter der er verschwunden ist oder auf das in der Hand haltende Säckchen. Wir sind alle etwas verdattert, ob der ungewöhnlichen Nikolaus Bescherung.

Erst allmählich finden alle ihre Sprache wieder und ein wildes Geschnatter geht los. Ich öffne mein Säckchen, sehe hinein. Es ist voll gefüllt mit Lebkuchen, Mandarinen, Nüssen und einem Schoko-Nikolaus. Ist nichts Weltbewegendes, klar!

Aber ich finde, es ist eine äußerst noble Geste unseres Chefs, so ganz unerwartet den Nikolaus zu spielen, noch dazu mit Geschenken. Also mir gefällt das. Aber es passt auch zu unserem immer freundlichen und sozial eingestellten Chef.

Freilich gibt es immer welche, die unzufrieden sind. So meint einer der Azubis mit Blick auf sein Säckchen: „So ein Zeug kann er Kindern schenken, mir wäre Geld lieber gewesen!“

Aber nachdem ihm keiner zustimmt, einige den Kopf schütteln, ein Meister ihn mit „unzufriedener Lackl“ betitelt, da zieht er den Schwanz ein und sagt nichts mehr.

Thomas kommt her zu mir und meint in seiner bekannt frivolen Art: „Ist schon ein pralles Säckchen!“ Er wiegt das Säckchen von unten und lacht dazu.

„Thomas, du mit deiner schmutzigen Phantasie! Aber was anderes, geht doch klar für heute Abend, oder?“

Ich hab Thomas und Yuri für heute Abend zu einer kleinen Nikolausfeier zu mir eingeladen. Nico wird natürlich auch da sein.

Wir vier haben uns schon ein paar Mal bei mir getroffen. Da hab ich den beiden auch meinen Nico vorgestellt. Sie waren von Anfang an angetan von ihm. Yuri kann es nicht lassen, ihn immer wieder wegen seiner „langen Haxn“ aufzuziehen. Aber es ist ja immer im Spaß gemeint und Nico lacht am meisten darüber. Außerdem weiß er sich schon zu revanchieren und nennt Yuri des öfteren ‚Zappel-Yuri’, weil er sich einfach nicht stillhalten kann.

„Alles klar, Dimi“ reißt mich Thomas aus meinen Gedanken, „nur Yuri wird etwas später kommen. Hat was gesagt von Bücherei, wo er unbedingt noch hin muss.“

„Komisch, auch Nico kann erst später kommen. Muss noch zu seinen Großeltern, glaube ich. Na ja, macht ja nichts. Aber du kommst doch wie ausgemacht, Thomas?

„Natürlich Dimi!“

***

Nun sitzen Thomas und ich auf meiner Wohnzimmercouch und probieren schon mal den Glühwein und unsere ersten Plätzchen. Ja, es waren die ersten Backversuche von Nico und mir. Er war es, der vor ein paar Tagen mit der Idee kam, selber Plätzchen zu backen.

„Bitte Dimi, lass es uns probieren, glaub mir, das wird toll!“ bettelte er und sah mich mit seinen großen Augen an.

Na ja, so toll wurde es dann doch nicht! Was reimt sich so schön im Zuchowski-Lied auf Weihnachtsbäckerei? Eben, große Kleckerei! Mehr brauche ich dazu nicht zu sagen. Aber die Plätzchen sind ganz gut gelungen. Zwar haben die auf dem ersten Backblech eine etwas ungesunde Bräune angenommen. Das glichen aber die vom zweiten Blech wieder aus, die hatten dafür eine gesunde Blässe!

Nein, so schlimm war es nicht, essen kann man alle und sie schmecken auch. Kokos-Makronen, Walnuss-Bällchen, Zimtsterne und Spitzbuben, das ist unsere Plätzchen Ausbeute. Ich sehe noch deutlich vor mir, wie Nico beinahe Bauchweh bekam vor lauter Lachen, weil er das Wort ‚Spitzbuben’ im Zusammenhang mit Gebäck noch nie gehört hat.

„Jetzt könnten sie aber wirklich schon mal auftauchen!“

Thomas reißt mich aus meinen Plätzchen-Gedanken.

„Ja, ich verstehe auch nicht, wo sie bleiben. Wenigstens einer von ihnen müsste doch mal kommen!“

Kaum sage ich das, läutet es an meiner Wohnungstür.

„Na endlich, bin mal gespannt, ob meiner oder deiner zuerst kommt“ grinst sich Thomas wieder eins.

Ich öffne die Tür und erschrecke nicht schlecht. Steht doch ein Nikolaus vor der Tür! Nein, nicht der von heute Nachmittag im Autohaus, das erkenne ich gleich. Er trägt ein dickes Buch und einen Bischofsstab bei sich. Ansonsten hat er auch einen roten Umhang, darunter eine langes weißes Gewand und eine Mitra auf dem Kopf. Vom Gesicht sieht man rein gar nichts, da er eine Nikolaus-Maske trägt, von der ein langer weißer Vollbart herunter hängt. Außerdem trägt er weiße Handschuhe.

„Guten Abend“ sagt er mit einer verstellten, tiefen Bassstimme, „sünd wür hür rüchtüg bei Dümütrü?“

Wieso wür, äh wir?

Ach ja, hinter dem heiligen Mann, da steht ja noch einer. Er hat sich hinter Sankt Nikolaus versteckt. Ui, der sieht vielleicht zum Fürchten aus! Er trägt einen dunkelbraunen Pelzumhang, das Gesicht ist hinter einer schwarzen Strumpfmaske versteckt.

Auf dem Kopf hat er eine schwarze Pelzmütze, tief ins Gesicht gezogen. Ob der überhaupt was sieht? Schwarze Handschuhe trägt er außerdem. In der Hand hält er zusammengebundene Zweige, mit denen er wild umher fuchtelt. In der anderen Hand hält er eine kleine Eisenkette, die er ohrenbetäubend klirren lässt. In der gleichen Hand hält er auch eine kleine Pelztasche.

Ja, das muss wohl der Knecht des Nikolauses sein, Knecht Ruprecht oder auch Krampus genannt. Als guter Gastgeber lass ich die beiden späten Gäste natürlich ins Wohnzimmer. Thomas staunt nicht schlecht, wie er sie reinkommen sieht. Er sieht mich fragend an. Aber ich kann auch nur mit der Achsel zucken.

Sankt Nikolaus aber hat sich breitbeinig im Wohnzimmer aufgebaut, öffnet sein dickes, samt bezogenes Buch und beginnt seinen Vortrag mit einer tiefen feierlich klingenden Stimme, wie es sich eben für diesen Mann geziemt:

„Jedes Jahr um diese Zeit,

wenn es auf Weihnacht nicht mehr weit…

komm ich in jedes Haus,

heut auch zu euch, Sankt Nikolaus!

In meinem Buch steht an erster Stelle,

der Thomas, das ist vielleicht ein Geselle!

Seinen Liebsten er droht mit Liebesentzug,

wenn der nicht gleich spurt, das ist nicht gut!“

Und so geht es noch eine ganze Weile weiter, alle Schandtaten oder vermeintlichen Untaten und Unterlassungen von Thomas werden aufgelistet.

Ja und dann bin ich dran: „Dümütrü du böser Bube, spürst vom Krampus gleich die Rute!“

Thomas kichert und meint: „Ja bitte, ich auch!“

Schon ist der wilde Geselle bei ihm mit seiner Rute. Aber nicht mit der von Thomas gewünschten und erhofften, sondern mit seinem Reisig schlägt er zu. Und nun kommen meine vermeintlichen Untugenden zur Sprache. Der Krampus unterstreicht mit seiner Rute die Worte des Nikolaus.

Spätestens beim Aufzählen unserer Schandtaten wird mir klar, dass es sich bei den beiden abendlichen Gästen um keine anderen als Nico und Yuri handeln muss! Wer wüsste sonst solche privaten Dinge!?! Ein Blick zu Thomas beweist mir, dass auch er inzwischen begriffen hat, wen wir da vor uns haben.

Er grinst übers ganze Gesicht, sieht von einem zum anderen, dann wieder zu mir. Ich nicke ihm unauffällig zu und deute mit einem Finger auf meinen Mund, will sagen, dass wir uns vorerst unwissend geben. Hätten wir bis jetzt die Identität der beiden Gäste noch nicht geklärt, spätestens bei den Belehrungen des Nikolaus wäre es uns unbedingt aufgefallen. So dick wie das aufgetragen ist!

Ganz lieb sollen wir immer zu unseren Schnuckels sein, ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen, ihnen immer wieder sagen, wie lieb wir sie haben, ihnen Geschenke machen, ihnen… es geht noch eine ganze Zeit so weiter.

Das Grinsen in Thomas Gesicht wird immer breiter und auch ich kann mich nur schwer beherrschen, um nicht laut loszulachen. Aber auch der Stimme des Heiligen ist deutlich anzumerken, dass er sich selber schwer tut, der Würde und des Ernstes seines Amtes gerecht zu werden.

Wahrscheinlich auch deshalb beendet er seinen Monolog kurz und schmerzlos mit einem „Auf Wüdersöhen im nächsten Jahr!“

Er will sich zum Gehen umdrehen, da stößt ihn Herr Krampus von der Seite an und deutet auf seine Pelztasche, die er bei sich trägt. Er öffnet sie und entnimmt ihr vier Schoko-Nikoläuse, die er vor uns auf den Tisch legt.

Bevor er sich umdreht, fuchtelt er noch mit seiner Gerte über unsere Köpfe hinweg und rasselt mit seiner Kette. Schließlich verschwinden die beiden Vorweihnachtsboten durch die Tür, die ich ihnen mit einer Verbeugung und einem „Danke, lieber Nikolaus“ offen halte.

Nun kann ich mich aber nicht mehr beherrschen. Laut lachend lasse ich mich neben Thomas auf die Couch fallen. Es dauert eine ganze Weile, bis wir uns wieder einigermaßen gefangen haben.

„Also dass es die beiden waren, das ist klar. Aber wer war wer? Mit der Gesichtsmaske und dem Bart, bzw. dem schwarzen Strumpf und der tiefen Mütze habe ich es nicht erkannt“ meint Thomas.

„Ja und beide hatten Handschuhe an. Ich hab auch auf die Schuhe geschaut, waren mir beide unbekannt“ entgegne ich.

„Aber eigentlich ist es doch eh klar, meiner kann nur der nette, liebe Heilige gewesen sein und deiner der wilde, zum Fürchten aussehende Kerl“, lästert Thomas.

„Pah, eher umgekehrt, ja! Aber was machen wir, wenn sie dann kommen, tun wir so, als hätten wir sie nicht erkannt?“

„Natürlich Dimi, lassen wir sie in dem Glauben, lassen wir ihnen die Freude. So wie ich meinen Yuri kenne, zappelt der sowieso wieder herum und platzt gleich, wenn er es nicht sagen kann.“

Es dauert nicht lange und es läutet wieder. Ja, jetzt sind es unsere Zwei, diesmal in Zivil.

„Hallo ihr beiden, ich habe zufällig Nico getroffen, deshalb kommen wir zusammen.“, erklärt Yuri.

Es folgen die üblichen Umarmungen und Küsschen zur Begrüßung. Ich gieße den Neuankömmlingen heißen Glühwein ein.

„Ja, der ist jetzt genau richtig, bin ziemlich durchgefroren“, meint Nico.

„Jetzt hat er eh so lange Haxn und braucht trotzdem so lange unterwegs, kein Wunder, dass dich friert.“ Yuri natürlich wieder, er kann’s nicht lassen.

„Ja, ja, ich wieder und wer zappelt vor jedem Schaufenster rum und bleibt immer wieder stehen?“

„Der Zappel-Yuri!“ sagen wir Übrigen im Chor.

Aber alle wissen wir, dass diese Kabbeleien nicht ernst gemeint sind.

Ich merke, wie Thomas zu Yuri hin schnüffelt, die Nase hochzieht und schließlich unverblümt sagt:

„Yuri, du stinkst!“

Also das so direkt zu sagen, das ist schon stark, aber Thomas hat ja recht, irgendwas riecht hier unangenehm.

Yuri schnüffelt jetzt selber an sich und meint, dass er absolut nichts rieche.  Um die peinliche Situation etwas zu entschärfen, erzähle ich von unserem zurückliegenden Besuch mit allen Einzelheiten. Thomas ergänzt mich und meint mit gespieltem Ernst:

„Wir rätseln seither, wer das war. Na ja, sicher welche von der Arbeit!“

Ich muss mich wundern, wie Thomas das sagen kann, ohne auch nur den Anflug eines Grinsens erkennen zu lassen. Nico schmunzelt etwas. Yuri hingegen zappelt wie ein kleines Kind.

Ich bestätige die Aussage von Thomas und meine: „Ja, das glaub ich auch, ich meine ich habe Ernst und Willi, unsere Gesellen, erkannt.“

Nun zerreißt es Yuri beinahe, genau wie Thomas vorhergesagt hat. Er rutscht unruhig auf seinem Platz hin und her und schließlich sprudelt es aus ihm heraus:

„Ha, das waren nicht Ernst und Willi, ha, wie mich das freut, ha, wir waren das, Nico und ich, haha, ihr Deppen habt uns nicht erkannt, haha!“

Thomas und ich sehen uns an und prusten beide gleichzeitig los. Nico lächelt nur, er hat offensichtlich unser Spiel längst durchschaut.

Nun ist Yuri etwas ratlos, sieht uns an, sieht fragend zu Nico, der nur mit der Schulter zuckt und sagt schmollend:

„Das ist gemein, ihr habt uns doch erkannt und nichts gesagt. Und ich hab mich so gefreut! Richtig fies ist das!“

Und Yuri zieht eine Schnute, verschränkt die Arme und spielt den Beleidigten.

Thomas nimmt ihn in den Arm und meint:

„Ach Yuri, du Dummerle, es war doch wirklich eine Riesenüberraschung, sie ist euch super gelungen! Komm her, mein Yuri, ich liebe dich doch!… Aber trotzdem – du stinkst!“

Nun schnüffelt auch Yuri nochmals und meint, dass er nach wie vor nichts rieche.

Nico schaltet sich ein:

„Ich hab’s dir doch gleich gesagt, Yuri, dass deine Pelzjacke fürchterlich stinkt. Aber du mit deiner Rumzappelei hast ja nichts mitbekommen. Und nun riecht der ganze Kerl danach!“

„Ja, ja, Rumzappelei, und wie lange haben wir gebraucht, bis wir ein passendes Gewand für dich fanden, das deine langen Haxn verdeckt, hm?“

Wieder diese Zwei! Aber, wie heißt es so schön: Was sich liebt, das neckt sich! Na so gesehen muss ich mir vielleicht Gedanken machen, wie die sich necken!

„Wo habt ihr die Jacke denn her und all das Zeug und wie seid ihr auf die Idee gekommen?“ frage ich die beiden.

Nun erzählen sie, wie sie auf die Idee kamen, eben weil ich sie für diesen Abend eingeladen habe. Nico hat sich die Sachen vom Studentendienst ausgeliehen. Da besuchen ja mehrere Studenten auf Bestellung Familien mit Kindern. Nur die anrüchige Pelzjacke, die hat Yuri von einem Nachbarn bekommen. Der hatte die Jacke seit Jahren in einer alten Truhe zusammen mit anderen Kleidungsstücken aufbewahrt.

„Darum der Schimmel- und Modergeruch, jetzt ist alles klar! Aber ich mag dich doch auch so, mein wilder Krampus! Und erst deine Rute, die lieb ich direkt. Hab mir übrigens gleich gedacht, dass du der Krampus bist!“ erklärt Thomas in seiner eindeutig zweideutigen Art. Na ja, vorhin hat sich das noch anders angehört, aber was soll’s!

Die beiden schmusen und busseln sich ab, dass ich gar nicht anders kann und näher an Nico heran rücke, ihn umarme und küsse.

„Ach übrigens, Nico-Nikolaus, ich wünsche dir alles Gute zum Namenstag, auch wenn erst morgen Nikolaus ist!“ gratuliere ich ihm, auch Yuri und Thomas schließen sich an.

Wir trinken, jeder seinen Liebsten im Arm, unseren Glühwein oder Früchtepunsch und essen die Plätzchen.

Plötzlich schreit Yuri auf: „Au, au, au, das Plätzchen ist ja steinhart! Jetzt habe ich mir einen Zahn ausgebissen, Mann o Mann, ihr mit eurem Selbstgebackenem!“

Dabei hält er sich die linke Backe und schaut wirklich zahnleidend aus.

„Aber ich hab doch auch von dem gleichen Gebäck gegessen, das ist doch alles butterweich…“meint Thomas und ist um Yuri besorgt.

„Komm, zeig mal, wo hast du…“

Aber Yuri fängt an zu lachen und wir merken, wie er uns angeschmiert hat. Seine Retourkutsche!

„Sag mal, Dimi, was hast du denn da in der Vase für ein Gestrüpp stehen“, fragt Yuri und deutet auf die Vase, die oben auf meinem Schrank steht.

„Das lieber Yuri sind Barbarazweige, nie davon gehört?“ frage ich zurück.

Auf Yuris fragenden Blick, erklärt Nico: „Diese kahlen Zweige habe ich für Dimi im Garten meiner Großeltern abgeschnitten, vom großen Kirschbaum, der dort steht. Am Barbaratag, das war gestern, also am vierten. Dezember, da steckt man eben Zweige vom Kirschbaum oder anderen im Frühjahr schön blühenden Sträuchern im warmen Zimmer in die Vase. Wenn alles gut geht, dann blühen diese Zweige zu Weihnachten auf. Du holst dir also ein Stück vom kommenden Frühling ins Haus. Hat meine Mutter schon immer gemacht und ich habe die Kirschblüten zu Weihnachten immer bewundert.“

„Hab ich noch nie gehört“, erklärt ein nachdenklicher Yuri.

Es wird noch ein wunderschöner Abend, wir lachen viel. Vor allem unser Yuri bringt uns immer wieder dazu. Er ist nun mal der geborene Spaßvogel.

***

Yuri und Thomas verabschieden sich dann, so bleibe ich mit Nico allein.

Wir sitzen eng beieinander auf der Couch. Er hat seinen Kopf an meine Schulter gelehnt. Ich beuge mich zu ihm hinunter und wir küssen uns. Ich muss immer wieder in seine Augen schauen. Ich habe sie ja schon am Stausee bewundert. In diese Augen habe ich mich verliebt. Von diesen Augen habe ich geträumt in der Nacht. Und wenn ich tagsüber an Nico denke, da sehe ich zuerst diese himmlischen Augen vor mir.

„Hab ich dir schon mal gesagt, Niki, wie sehr ich deine wunderbaren Augen liebe? Ich könnte dir stundenlang nur in die Augen schauen!“

„Ach geh, das wird aber dann langweilig, Dimi. Außerdem habe ich noch so viele andere Sachen, die sehenswert sind“, erklärt ein lächelnder Nico und sieht mich an.

„Ach ja, was zum Beispiel?“

„Na, da musst du schon selber drauf kommen!“ verrät ein rot werdender Nico.

„Ach übrigens, wird dir der dicke Winterpullover nicht zu warm?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, ziehe ich ihm den Pullover über den Kopf, das T-Shirt geht gleich mit.

„Na und – ist dir denn nicht heiß?“ fragt er etwas zynisch in meine Betrachtung seiner unbehaarten Brust hinein.

Na ja, ein paar Sekunden später liegen wir mit nacktem Oberkörper eng aneinander gekuschelt auf dem Sofa.

„Also Dimi, ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich finde die Hosen etwas unbequem, müssen wir sie unbedingt anhaben?“

Ja, ja, ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt! Wir stehen auf und ziehen die Hosen aus. Ich geniere mich etwas, weil die Beule an meiner weißen Unterhose mehr als deutlich zeigt, wie sehr mich Nico anmacht. Ich sehe kurz zu ihm und traue kaum meinen Augen. Kommt doch unter Nicos Thermojeans, die er auszieht, eine weiße lange Thermo-Unterhose zum Vorschein. Ich kann mir ein lächeln nicht verkneifen.

Er bemerkt es und meint: „Ja was glaubst du denn wie kalt es draußen ist! Lauf du mal mit dem dünnen Nikolaus Gewand durch die Gegend, dann friert dir alles ein. Aber gut, ich ziehe diesen Liebestöter eh schon aus.“

Schon schlüpft er heraus. Einen roten CK Slip trägt darunter. Seine Beule steht der meinen in nichts nach.

Er sieht mich an und meint: „Also Dimi, irgendwann in den nächsten Tagen sortieren wir mal dein Wäschefach aus und kaufen ein paar neue, modernere Unterhosen für dich. Diese Versandhaus Unterhosen für 3 Euro das Dutzend sind wirklich nicht das Wahre, die verschandeln deinen schmucken Körper!“

„Na ja, du vergisst, dass ich mit meinem Geld etwas haushalten musste, mir ging es nicht so gut wie…..“

Er merkt, dass ich ein wenig verärgert bin. Er kommt auf mich zu, nimmt mich in den Arm und meint: „Pst, Dimi, war doch nicht böse gemeint. Und übrigens, du gefällst mir in jeder Kleidung! Ich mag dich doch, ob in billigen oder in Designer Klamotten! Aber am liebsten… warte mal….“

Nico löst sich von mir, knipst das Licht aus, so dass nur mehr die flackernden Flammen von ein paar Kerzen den Raum in ein romantisches Licht tauchen. Was hat er vor? Wieder tritt Nico vor mich hin und zieht mit einem raschen Ruck seinen Slip herunter.

Ich sehe auf seinen nun völlig nackten Körper, sehe im Schein der Kerzen, die ein flackerndes Licht auf diesen makellosen Body werfen, seine langen Beine und seine wohl proportionierte Männlichkeit. Zwar ist mir das alles nicht neu, schließlich habe ich ja am Stausee schon alles sehen dürfen. Aber hier in meinem Wohnzimmer, da ist das doch viel intimer. Nico hat sich nur für mich ausgezogen. Und ich liebe diesen Kerl!

Nun zieht er auch meine Hose runter und so stehen wir beide im Freien. Wir betrachten uns gegenseitig, dann umarmen und küssen wir uns.

Als wir endlich wieder zu Atem kommen, flüstere ich ihm zu: „Du, ich muss dir was ganz Wichtiges sagen.“

„Nein, ich muss dir was Wichtiges sagen“, entgegnet Nico.

„Nein ich muss…“

„Nein ich…“

„Na gut, dann sag es einfach!“

„Dimi, ich liebe dich! Ich bin dir mit Haut und Haar verfallen. Ich kann an nichts anderes mehr denken! Ich möchte mit dir alt werden!“

Ich weiß im Moment gar nichts darauf zu sagen. Diese Liebeserklärung wirft mich um.

„Ja und…?“ meint Nico.

„Was und?“ Ich bin immer noch ganz weggetreten.

„Na du wolltest doch auch was Wichtiges sagen!“

„Ach so, ja. Niki, ich liebe dich auch und ich kann mir ein Leben ohne dich gar nicht mehr vorstellen! Ja, das wollte ich sagen!“

Wir sehen uns an. Ich sehe in seinen großen Augen den Schein der Kerzen widerspiegeln. Und ich sehe ein paar Tränen, die ihm über die Wangen kullern.

„Du weinst?“

„Freudentränen, Dimi, Freudentränen!“ Aber dir geht es ja nicht anders!“

Nico wischt mir die Tränen aus dem Gesicht.

„Niki, mein Nikolaus, und jetzt verspeise ich dich mit Haut und Haar!“

Er sieht mich fragend an, während ich zum Tisch gehe und zwei Schoko-Nikoläuse hole, entblättere und in einen hinein beiße, den anderen aber Nico hinhalte.

„Da, iss, wann hat man schon die Möglichkeit, sich selber zu verspeisen, lieber Nikolaus.“

„Schade, dass es keinen Dimilaus gibt, wie gerne würde ich an dem knabbern!“

„Dafür bin doch ich da, als Lebendiger, keine Schokomasse!“

„Hast ´Recht, Dimi, und süß bist du ohnehin, wer braucht da Schokolade!“

„Fast so süß wie du, mein Niki!“

Ein süßer Nikolausabend also, der noch lange nicht zu Ende ist.

´***

Ich bin aufgeregt wie ein kleiner Bub zur Bescherung an Weihnachten. Meine ‚Bescherung’ heißt Nico. Ich werde ihn in ein paar Minuten wieder sehen. Ich freue mich unheimlich darauf! Wir wollen zusammen auf den Passauer Christkindlmarkt gehen. Ich bin tatsächlich in einer euphorischen Stimmung und nicht nur wegen des bevorstehenden Treffens.

Yuri und Thomas waren zuvor da. Es ist nun im Betrieb allgemein bekannt, dass ich eine Stufe hinaufgestiegen bin. Alle, so meint Thomas, gönnen es mir. Und er am meisten. Er hat mir auch ganz herzlich gratuliert. Na ja, von Thomas habe ich eigentlich nichts anderes erwartet.

Ich selbst habe heute erfahren, dass ich Sonderurlaub von Mitte Dezember bis zum 7. Januar bekommen habe, vor allem auch wegen meines erfolgreichen Engagements in Tschechien. Und da ja Nico auch Semesterferien hat, werden wir viel gemeinsam unternehmen. Wenn da keine Freude aufkommt!

Yuri hat mir extra Grüße von unserem Vater ausgerichtet. Wegen ihm habe ich mir ja die eigene Wohnung genommen, da er mein Schwulsein nicht akzeptierte. Und ich habe ihn seither nicht mehr gesehen. Mutter besucht mich ab und zu und bringt gelegentlich auch Essbares mit.

Wie Yuri erzählte, weiß Vater inzwischen, dass auch Yuri nicht auf Frauen steht und er einen Freund hat. Als Yuri das erfuhr, da hat er einen Rauswurf aus der elterlichen Wohnung erwartet. Aber was geschah? Vater hat ihn gefragt, ob er seinen Freund nicht mal vorstellen will. Und er hat Yuri in den Arm genommen.

Als ich das hörte, da konnte ich es kaum glauben. Seit wir hier in Deutschland sind, hat unser Vater keinen von uns je mehr in den Arm genommen. Aber Yuri versicherte mir glaubhaft, dass es so gewesen ist. Er hat ihm zugesagt, mit Thomas vorbeizukommen. Dieser hat zwar großen Bammel davor, wird aber sicher mitkommen.

Und Vater will mich auch wieder sehen. Er weiß inzwischen von Nico und trotzdem möchte er mich sehen. Er weiß auch um meine Erfolge in der Firma und ist stolz auf mich, wie Yuri erzählt.

Vater sei nicht mehr derselbe wie vor ein paar Monaten, meint Yuri.

„Er will die Familie wieder beisammen sehen. Du weißt doch – Russen und ihr Familiensinn!“

Ich habe Yuri gesagt, dass ich es mir überlege und ihm aber aufgetragen, von mir Grüße daheim auszurichten. Aber nun warte ich auf meinen Schatz, auf Nico, der mich mit seinem Wagen abholen will. Ich warte schon mal unten auf ihn. Tatsächlich, da biegt er gerade um die Ecke. Er springt aus dem Auto. Ehe ich mich versehe, ist er bei mir und drückt mich ganz fest.

„Hab dich vermisst, ganz toll vermisst, mein kleiner Dimi!“

„Ha, Kleiner! Die 2 cm, die du vielleicht größer bist, die hab ich dafür an anderer Stelle!“ erwidere ich lachend und drücke ihn ganz fest.

Und wie ich das mag, seinen Körper fest an meinen gepresst! Wieder, wie schon mehrere Male, streicht er mit seinen Händen über meinen Hintern. Da soll einem nicht anders werden!

„Du Niki, wollten wir nicht eigentlich…“

Nur widerstrebend löst er sich von mir.

„Hast ja Recht, steig ein, wir fahren. Der Abend ist ja noch lang.“

***

Das Auto abgestellt, schlendern wir durch die Gässchen der Altstadt, bis wir zum Domplatz kommen. Dort, vor dem großen Stephansdom sind die Buden und Stände des Christkindlmarktes aufgebaut und festlich geschmückt.

Es ist eine einmalige Atmosphäre hier in dieser malerischen Kulisse vor dem Dom. Es ist ja bereits Abend und somit sind die Buden hell erleuchtet und glänzen und strahlen um die Wette.

Leise weihnachtliche Musik erklingt aus den Lautsprechern. In der Luft liegt der heimelige Duft von Glühwein und Lebkuchen.

Und jetzt fängt es auch noch leicht zu schneien an.  Klingt alles sehr kitschig – Weihnachtskarten Idylle! Aber ich mag das unheimlich gerne, bin nun mal ein romantischer Typ. Und Nico? Ja, ich sehe es meinem Liebsten an, wie er sich wohl fühlt und strahlt, seine großen Augen glitzern von den vielen Lichtern des Marktes.

Immer wieder sucht er meine Hand und drückt sie. Freilich die ganze Zeit gehen wir nicht Händchen haltend. Nico hat da sicher keine Bedenken. Aber es können uns ja Kollegen oder Kunden der Firma begegnen. Das muss nicht unbedingt sein, dass die uns so sehen. Jetzt noch nicht!

Wir schlendern durch den Markt, erfreuen uns an den vielen hübschen Sachen, die angeboten werden. Vor allem haben es uns die Schnitzereien angetan. Wir betrachten die Figuren und Gegenstände, die ausgestellt sind, auch Weihnachtskrippen sind zu sehen.

„Sag mal Dimi, du stellst doch sicher einen Baum auf zu Weihnachten. Dann brauchst du noch eine Weihnachtskrippe dazu, oder?“

„Hab ich noch gar nicht daran gedacht, Niki. Aber du hast recht, hier in Bayern gehört einfach eine Krippe unter dem Baum. Sieh mal die da, ist die nicht wunderschön? Die Figuren wirken alle so echt. Und schau die Hirten und die kleinen Schafe und das Lagerfeuer und…“

Ich gerate ins Schwärmen und Nico lacht, geht zur Verkäuferin und redet mit ihr. Der wird doch nicht…! Ich sehe kein Preisschild, aber so klein sie auch ist, die kostet schon eine Kleinigkeit, da bin ich mir sicher. Ist ja alles Handarbeit.

Ich verstehe nicht, was Nico mit der Verkäuferin bespricht. Er kommt nun wieder zu mir, der ich immer noch die Krippe bestaune, und meint: „Lass uns einen Früchtepunsch trinken und Lebkuchen essen“ und schon zerrt er mich zum entsprechenden Stand.

„Was hast du mit der Frau vom Krippenstand besprochen?“ frage ich.

„Ach nichts Besonderes, ich kenne sie nur von früher, war mal eine Nachbarin.“

Und schon hält er mir den duftenden und heißen Punsch vor die Nase und einen riesengroßen Lebkuchen dazu. Und ich denke nicht mehr an die Frau von vorhin. Wir lassen uns vom Zauber des Christkindlmarktes gefangen nehmen. Und gerade der hier in Passau vor der Kulisse des Domes und der zum Teil historischen Gebäude drum herum ist wirklich sehens- und erlebenswert.

Auf dem Rückweg zum Auto erzähle ich Nico vom Besuch Yuris und von Thomas und dem Wunsch meines Vaters, mich wieder zu sehen. Ich erzähle ihm auch, dass ich noch Zweifel hege.

„Ich kann dich gut verstehen, Dimi, aber wenn er dir die Hand zur Versöhnung reicht, darfst du sie dann ausschlagen? Überlege es dir Dimi, gerade jetzt so kurz vor Weihnachten! Und Dimi, ich bin immer für dich da. Wenn du willst, begleite ich dich auch nach Hause. Gemeinsam stehen wir es durch!“

Ich muss stehen bleiben, drücke Nico ganz fest an mich und flüstere:

„Danke Niki, aber lass mir etwas Zeit. Aber wenn ich mich entscheide, meinem Vater die Hand zu reichen, hätte ich dich gerne bei mir!“

„Mach das so, Dimi!“

Nico fährt mich nach Hause, kommt dann aber noch mit in die Wohnung, wo wir es uns bei romantischem Kerzenschein und leiser Musik auf dem Sofa gemütlich machen und einfach nur kuscheln.

***

Am nächsten Tag kommt Yuri vorbei und erzählt vom gestrigen Abend, wo er erstmals mit Thomas zu Hause war. Beide waren sehr nervös, was sich aber schnell legte. Mutter hatte extra einen Kuchen gebacken und zwar einen Nusskranz. Sie wusste von Yuri, das dies Thomas Lieblingskuchen ist. Vater hat Thomas freundlich begrüßt, ihm die Hand gedrückt, sich sonst aber an dem Gespräch nur sporadisch beteiligt.

Nach einer guten Stunde hat sich Thomas wieder verabschiedet. Vater hat zu ihm noch gesagt, dass er gerne wieder kommen könne. Mutter hat ihn dann für den 1. Weihnachtsfeiertag zum Essen eingeladen. Vater nickte lächelnd dazu.

Später hat Vater dann noch zu Yuri gesagt, dass er auf ein Weihnachtswunder hoffe, dass nämlich auch Dimitri mit seinem Freund komme. Wie ich nun erfuhr, soll Vater sogar schon einmal vor meiner Haustüre gestanden haben, sich aber dann doch nicht zu läuten traute.

Seit diesem Gespräch mit Yuri steht mein Entschluss fest, dass ich die ausgestreckte Hand meines Vaters nicht zurückweisen kann und darf. So hab ich mit Nico bereits ausgemacht, dass wir morgen, am zweiten Adventssonntag, zu meinen Eltern gehen. Ich hab auch Mutter bereits telefonisch verständigt. Sie hat mich nach Nicos Lieblingskuchen gefragt. Ich kannte ihr aber nur sagen, dass er im Grunde alles Süße mag. Hätte er sonst mich genommen!!!

Mutter kennt Nico bereits, sie hat ihn hier bei mir schon ein paar Mal getroffen und gleich ins Herz geschlossen. Auch gratuliert hat sie mir zu dieser Wahl.

***

Aufgeregt sind wir beide, als wir nun an diesem Sonntagnachmittag vor meinen Eltern stehen. Mutter begrüßt uns sehr herzlich, was nicht anders zu erwarten war. Und dann steh ich vor Vater, Nico hält sich im Hintergrund. Erstmals stehen wir uns schweigend gegenüber, ein paar Sekunden lang. Doch dann tritt Vater auf mich zu und mit einem leisen „Dimitri“ reicht er mir die Hand. Ich schlage ein und nun fällt mir Vater um den Hals, er drückt mich ganz fest und weint. Auch ich kann die Tränen nicht verhindern.

„Ich so froh, Dimitri, du endlich wieder zu Hause! Bitte, verzeih mir, ich war böse zur dir.“

Eine ganze Weile stehen wir so da, bis Mutter sich räuspert und auf den verschüchtert in der Ecke stehen Nico hinweist. Ich gehe zu ihm, sehe noch, wie er sich gerade Tränen aus den Augen wischt, nehme ihn bei der Hand und stelle ihn Vater vor.

„Vater, das ist Nico, mein Freund!“

Vater mustert ihn, dann erscheint ein Lächeln auf seinem Gesicht und er gibt Nico die Hand und sagt:

„Willkommen Nico, ich freue mich!“

Ja, eindeutig, Vater hat sich im Deutschen verbessert. Yuri hat recht, er ist nicht mehr der Gleiche wie heuer im Sommer. Ich sehe, wie er immer wieder zu Nico sieht und ihn mustert. Diesem schmeckt jedenfalls Mutters russischer Zupfkuchen sehr gut und sie freut sich über sein Lob.

Zum Abschied lädt uns Vater zum Essen am 1. Feiertag ein und wir sagen zu. Wir hatten beide Angst vor diesem Besuch und sind nun froh, dass wir es getan haben. Gut, Vater hat Nico „nur“ die Hand gegeben. Aber ist das nicht mehr, als man vor ein paar Wochen noch erwarten durfte?

Glücklich über den so gut verlaufenen Nachmittag kommen wir in meiner Wohnung an. Wir zünden zwei Kerzen am Adventskranz an und machen es uns auf der Wohnzimmercouch gemütlich. Dazu schmieden wir Pläne für die kommenden Urlaubs- und Festtage.

Auch über die Geschenke habe ich mir schon Gedanken gemacht. Ich verdiene jetzt zwar gut, aber der neue Computer und verschiedene Einrichtungs- und Haushaltsgegenstände haben meinem Geldbeutel ganz schön zugesetzt. Es werden Kleinigkeiten sein, die ich schenken werde. Aber sie kommen von Herzen und das ist doch beim Schenken das Wichtigste.

Nur für meinen Prinzen, da muss es schon was Besonderes sein. Ich habe in einem Schaufenster eines Juweliers in der Stadt eine wunderschöne Silberkette mit einem Sternzeichen gesehen. Nico ist Löwe, also werde ich morgen gleich dorthin gehen und nachfragen. Auch einen selbst gebastelten Monatskalender wird er bekommen, mit den schönsten Bildern, die wir von unseren Ausflügen gemacht haben.

Soweit ist alles geklärt. Morgen noch einen Tag arbeiten und dann – Urlaub bis ins neue Jahr! Weihnachten kann kommen!

***

Nico

Tatjana ist ja eine sehr warmherzige Frau. Sie meint es mit ihren beiden Söhnen wirklich gut. Am meisten ist Dimitri über das Verhalten seines Vaters erstaunt. Sogar mit einer Umarmung wird er begrüßt! Dimitri ist so gerührt, dass ihm gar die Tränen in die Augen schießen. Ich freue mich für beide, dass sie den Weg zueinander wieder gefunden haben.

Zurückhaltend, aber doch freundlich werde ich von Dimis Vater begrüßt. Am ersten Feiertag werden wir sogar zum Essen eingeladen. Wir nehmen das auch dankend an. Und backen kann Tatjana! Ein Traum! Russischer Zupfkuchen. Hatte ich vorher noch nie. Schmeckt aber himmlisch!

An der Schanzlbrücke warte ich jetzt auf Dimitri. Und das freut mich ungemein. Bis 20. Dezember hat es gedauert. Aber endlich ist auch Dimitri mal über die Zeit und verspätet sich.

Seit Montag hat mein Kleiner nun Sonderurlaub. Und ich habe ja auch Semesterferien. Klar, dass wir viel gemeinsam unternehmen. Da kommt ja Dimitris Ka angerauscht. Schnell steige ich ins Auto und weiter geht es bis zur Nikolastraße wo die Zentralgarage liegt (Parkhaus). Dort stellt Dimi den Motor des Wagens ab.

Endlich können wir uns mit einem Kuss begrüßen. Einen kräftigen Vorschuss hole ich mir selbstverständlich auch gleich noch. Die nächsten 2-3 Stunden kommen wir höchstwahrscheinlich ja nicht dazu!

Ich habe vor, mit Dimitri einkaufen zu gehen. Zum Ludwigsplatz. Und da speziell in einen kleinen Klamottenladen in einer Seitengasse. Vor längerer Zeit habe ich da für Dimitri schon einiges vorbestellt. Dimitri muss dafür die Sachen alle anprobieren! Seine teuere Unterwäsche werde ich heute Abend nämlich entsorgen!

Darauf bereite ich Dimitri jetzt vor. Bis jetzt weiß er ja noch nichts von seinem Glück!

„Sei mir bitte nicht böse mein kleiner Schatz. Aber ich will mir selber eine Freude machen und dir einige neue Klamotten schenken. Unterhosen habe ich dir aber schon am Nikolaustag versprochen. Die nächsten Tage will ich mit ihm ein wenig was unternehmen. Dazu brauchst du etwas Neues. Warme Thermo-Jeans und so.

Oh, sei nicht sauer auf mich kleine Maus. Nein, du bist ja mein lieber Mäuserich! Der so gerne knabbert. Ich habe dich doch so lieb, kleiner Dimi. Und will dich eben auch in schönen Sachen sehen!“

Schon hänge ich an Dimis Hals. Ist aber nur ein winzig kleiner Knutschfleck, dem ich meinem Liebling verpasse. Bevor er das richtig registriert, bin ich schon bei seinem Ohr.

Knabbere daran herum und schiebe meine Zunge langsam in seinen Gehörgang. Jetzt habe ich auch schon gewonnen. Dimi ist am Ohr wahnsinnig empfindlich und kitzelig. Er fängt auch schon zu kichern und zu lachen an.

„Du bist… hihi gemein… hihi richtig fies bist du zu mir… hihi bitte Nico… hihi höre auf… hihi ich halte das nicht… hihi mehr aus… hihi. Gewonnen… Du hast gewonnen!“

***

Natürlich höre ich auch sofort auf mit meinen Bohren.

„Du schaffst es doch immer wieder, mich um den kleinen Finger zu wickeln. Aber auch deswegen liebe ich dich Nico. Weil du eben so lieb bist und es immer so gut meinst.

Mit den neuen Klamotten hast du ja Recht. Thermo-Wäsche ist schon gut. Aber die ist auch so teuer. Danke mein lieber Niki!“

Jetzt verpasst mir Dimi einen Kuss! Da hörst du die Englein Kanon singen! Wo der Junge das bloß her hat? Wahnsinn!

***

„Hallo Friedhelm!“

Nachdem ich Dimi in den kleinen Laden geschoben habe, schließe ich die Tür hinter mir wieder.  Außer uns ist auch kein weiterer Kunde mehr im Laden. Sehr gut!

„Hast du die Sachen alle bekommen, um die ich gebeten habe? Können wir auch alles anprobieren?“

„Grüß dich Nico! Und du bist Dimitri nicht?

Ich habe alles bekommen für dich. Jeweils Größe 5-6. Bzw. Größe 48-52.

Selbstverständlich könnt ihr gleich probieren. Ich hole die Kollektionen gleich mal rein.

Und ihr wisst ja, nur das nehmen, das auch wirklich ganz genau passt. Das andere geht wieder zurück!“

Die nächste Stunde muss Dimitri probieren, probieren und noch mal probieren. Deshalb fällt es auch nicht auf, dass ich für einige Zeit gar nicht da bin. Friedhelm hält Dimi in der Zeit allerdings auch besonders auf Trab. Denn der weiß ja, dass ich noch wo anders hin muss!

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Und zwar muss ich noch zum Juwelier gleich zwei Häuser weiter. Der hat nämlich auch einen Auftrag von mir bekommen. Zwei Ringe. In Gelb- und Weißgold. Ganz raffiniert in- und miteinander verschlungen. Wirklich eine Extraanfertigung. Aber es sieht auch super aus! Perfekt gearbeitet!

Meine Augen beginnen zu glänzen. Ich nehme beide nacheinander in die Hand und sehe mir die Gravur an. Genau nach Wunsch! In meinen Ring ist: Dimitri – 24.12.07 graviert, in Dimitris Ring ist: Nico – 24.12.07 graviert!

Das wird der Tag unserer Quasi-Verlobung werden. Für diesen besonderen Tag habe ich auch schon meine Vorstellungen! Dem Juwelier mache ich für seine wirklich hervorragende Arbeit ein entsprechendes Kompliment. Und der freut sich sichtbar auch darüber.

Dann mache ich mich wieder auf den Weg zurück zu dem kleinen Laden, zurück zu Dimitri!

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Vor Dimitris Kabine türmt sich schon ein ganz schöner Stapel Kleidung. Ich gebe Friedhelm ein Zeichen und dieser kommt mit zwei Stapeln mintfarbener Wäsche daher! Einen Stapel für Dimi, einen für mich. Und beide von den Socken über die Unterwäsche bis zum Sweatshirt gleich!

„Dimi? Behältst du von dem Stapel, den ich dir gleich gebe, bitte das, was dir am besten passt gleich an? Bitte tu mir den Gefallen!“

Dimitri verspricht es mir, ich schiebe den Vorhag seiner Kabine zur Seite und hole mir erst mal einen Kuss. Genüsslich lasse ich meine Augen erst mal über seinen Body gleiten. Wieder eine weiße Unterhose aus dem Kaufhaus, die er da anhat. Aber sogar durch dessen unvorteilhaften Schnitt ist die große Beule von Dimi zu sehen!

Meinem Schatz flüstere ich leise ins Ohr, dass ich mich schon auf heute Abend freue. Da jetzt auch Kunden in den Laden kommen, verzeihe ich mich in die zweite Kabine. Dimis alte Sachen lasse ich von Friedhelm gleich entsorgen. Seine 15 Euro Jeans hat ihm zwar gepasst, aber…

Auch ich probiere die neuen Sachen an. Die am besten passendsten behalte ich ebenfalls gleich an. Dann treten sowohl Dimitri als auch ich fast gleichzeitig aus den Kabinen.

„Wow! Mensch Dimi! Wahhhnsinn! Siehst du klasse aus! Wenn ich’s nicht schon längst getan hätte, heute würde ich mich spätestens in dich verlieben! Vielleicht ziehst du doch lieber wieder deine alten Sachen an. So komme ich mit dir ja nicht einmal bis zum Auto. Diese Farbe steht dir einfach ausgezeichnet! Männlein und Weiblein werden über dich herfallen! Du bist der reine Wahnsinn, Dimi!“

Meine Begeisterung ist berechtigt! Die Klamotten, die wir beide anhaben, sind sämtlich von HIS. Dieses Label betont mit ihrem Wäscheschnitt die Figur des Trägers! Sie hebt die Figur des Trägers hervor und verdeckt sie nicht, wie es so viele andere Labels tun!

Und Dimitri hat ja auch eine Figur zum Träumen! Schuhe, Socken, Shorts, T-Shirt, Sweatshirt und Thermo-Jeans, alles in einer Farbe! Alles zweimal. Wie Zwillinge!

„Bitte Dimi! Ich will dich heute Abend ausziehen dürfen. Bitte Dimi lasse mich dich heute Abend auspacken! Dafür bin ich in Zukunft auch immer brav und artig!“

Die Gesichtsfarbe, die Dimi jetzt bekommt, passt ausgezeichnet zu seiner neuen Kleidung.

„Es ist alles so angenehm zu tragen, Nico! So bequeme Sachen hatte ich bisher noch nie. Fast, wie für mich gemacht. Die Farbe steht mir auch, oder? Danke Nico! Ja, packe mich heute Abend aus. Lange ist es eh nicht mehr bis dahin. Ich freue mich schon darauf!“

Dimitri haucht mir einen Kuss auf die Lippen. Die Kundin, die vorher in den Laden gekommen ist, will gerade den Aufstand proben, als mich Dimi küsst. Als sie ihren Mund bereits öffnet, sehe ich sie mir aber genauer an.

„Das gibt es doch gar nicht! Die Alte vom Ilzsstausee! Wieder auf Männerfang oder wie? Aber heute nicht! Dimitri gehört zu mir! Keine Chance!“

„Was ist denn Ilse-Schatz? Belästigt dich dieser junge Mann etwa?“

Aha, wahrscheinlich der Göttergatte und Geldgeber! Auch Dimitri hat sich inzwischen von seiner Verwunderung erholt. Jetzt schaltet er sich ein, bevor die Situation eskalieren kann!

„Wir die Dame belästigen? Ganz bestimmt nicht! Erkundigen Sie sich bei der Dame einmal über den Ilzstausee. Und da vor allem über den Cruisingbereich! Vielleicht sehen Sie dann etwas klarer!“

„Herrmann, wir werden diesen Laden sofort verlassen, komm.“

Die ‚Dame’ schnappt sich ihren Mann und rauscht ab!

***

Friedhelm hängt über seinem Verkaufstresen und krümmt sich vor lauter Lachen.

„War das köstlich. Die ‚Dame’ war vor ein paar Wochen schon mal hier. Wollte Kleidung für eine maximal zwanzig Jährige. Sie hat sich aber nichts gefunden, bzw. es hat ihr nichts gepasst! Aber ihr beiden seht einfach gut aus in diesen Sachen. Kompliment Nico! Du weißt wirklich, was deinem Dimitri steht! Ich fürchte auch, du musst gut auf ihn Acht geben! Wir haben ja gerade mit eigenen Augen gesehen, was alles passieren kann! Kann ich mit dem Einpacken schon anfangen oder braucht ihr noch etwas?“

„Nein, danke Friedhelm! Kannst ruhig schon anfangen!“

Es wird zum Schluss doch eine schöne fünfstellige Summe, die ich bezahle. Dafür legt Friedhelm ganz zum Schluss noch einige Packungen Markensocken dazu. Die hätten wir natürlich wieder vergessen!  Mit sechs großen Tüten, und einer kleineren, mit meinen eigenen Sachen, machen wir uns auf den Weg zu Dimitris Auto.

Er bekommt natürlich massenhaft bewundernde Blicke zugeworfen!

***

„Oh Zappel-Yuri! Hey Thomas! Was macht ihr beiden denn hier?“

Dimis geilen Hintern im Blick, stapfe ich die Treppe hoch. Beim zweiten Treppenabsatz treffen wir auf die beiden, die sich gerade wieder auf den Rückweg machen wollen.

„Hast du gewusst Yuri, dass in diesem Haus so schnuckelige Zwillinge wohnen? Davon hat Dimi noch gar nichts erzählt! Welchen von den beiden willst du denn, Yuri?“

„Den mit den langen Haxn! Angeblich ist da dann auch was anderes so lang! Aber den Beweis hat bis jetzt noch keiner angetreten.“

„Davon kannst du Träumen, kleines Brüderchen! Mehr als im August am Ilzstausee wirst du von Nico auch nie sehen. Das war eh schon genug! Was macht ihr beiden denn hier?“ wiederholt Dimitri meine Frage.

„Ihr seht Klasse aus. Habt ihr das heute gekauft, oder? Eine interessante Farbzusammenstellung. Wir wollen später noch ins Kino. Kommt ihr beiden mit? Oder habt ihr etwa was anderes vor?“

„Haben wir wirklich Thomas. Wir wünschen euch aber viel Vergnügen. Ja, die Klamotten sind neu. Und super warm und bequem! Kommt doch noch rein.“

Gemeinsam trinken wir noch einen Früchtepunsch, bis sich Yuri und Thomas auf den Weg machen. Dann darf ich meinen Dimi endlich auspacken! Der Junge ist einfach ein Traum! Die folgende Nacht wird eine der schönsten und aufregendsten meines Lebens!

***

„Guten Morgen, mein kleiner Schatz! Hat dir Morpheus einen schönen Traum beschert, so wie du dir einen verdient hast? Es ist so schön, neben dir erwachen zu dürfen und dich einfach zu spüren.“

Mit einem zärtlichen Kuss küsse ich Dimi vollends wach!

„Guten Morgen mein lieber Niki! Es ist wunderschön in deinen Armen aufzuwachen. Das möchte ich noch öfter erleben dürfen. Danke für letzte Nacht. Es was einfach himmlisch! Hast du heute etwas Besonderes vor? Oder darf ich noch ein wenig kuscheln?“

„Ich habe zwar noch etwas vor, aber kuscheln mit dir stellt das alles in den Schatten.  Ich liebe dich mein kleiner Dimi!  Und jetzt hole ich mir einen richtigen Guten-Morgen-Kuss!“

„Ja, mach das mein Schmusekater! Ich liebe dich auch Niki! Außerdem will ich dich nie wieder hergeben müssen.“

Dann küssen wir uns, dass selbst Casanova blass dabei würde! Nach dem gemeinsamen Frühstück sieht die Welt noch gleich viel friedlicher aus. Jetzt erkläre ich Dimitri auch, was ich heute mit ihm noch vorhabe.

Weiteres gebe ich allerdings nicht preis. Nur – dass es sich sicher auch für ihn lohnen würde.

***

Dimitri genießt dann die Fahrt in meinem Flitzer auch. Die Straßen sind frei von Schnee und sogar trocken.

Es geht von Passau über Wegscheid zur Grenze nach Österreich. Dann weiter bis Aigen-Schlägl im Mühlviertl. Das Auto stelle ich direkt am Parkplatz im Stift Schlägl ab.

Von der Zeit her, hätten wir es gar nicht besser erwischen können. Mittagszeit! Während der Fahrt habe ich Dimitri schon vom Stiftskeller vorgeschwärmt! Am Anfang, als wir in den Stiftskeller reinkommen, sehe ich Dimitri die Enttäuschung an. Da hat er sich wohl mehr erwartet.

Ich werde ihn aber nicht enttäuschen und gehe links durch bis in die Fassl-Stub’n. Aber jetzt entgleisen Dimitri alle Gesichtszüge! Das hat er doch nicht erwartet! Mehrere über zwei Meter große Fässer mit Tisch und Bänken innen drinnen erwarten uns!

Wir haben sogar das Glück, dass gerade wieder ein Fass frei wird! Das grob gemauerte Gewölbe mit den sichtbaren roten Ziegeln ist schon ein Erlebnis.  Doch die in den Nischen eingelassenen Fässer sind der absolute Wahnsinn; ein Erlebnis sondergleichen!

Wer diese Atmosphäre einmal geschnuppert hat, kommt immer wieder hierher. Der Kalbsbraten hier spielt sowieso in einer anderen Liga! Ein Gedicht! Für jeden Österreichbesucher ein wirklich lohnender Besuch. Jedoch wirklich durchgehen bis in die Fassl-Stub’n!

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Nach dem reichlichen und vor allem schmackhaften Mahl machen wir uns auf in die ca. 50 m entfernt liegende Kerzenfabrik! Mit handgearbeiteten Zierkerzen. Man findet hier wirklich für jeden Geschmack etwas. Hat man Lust und Laune kann und darf man sogar bei der Kerzenzieherei zusehen!

Das besondere in der Kerzenfabrik vor Weihnachten. Sie haben extra einen Raum mit Weihnachtskrippen aufgebaut und hergerichtet. Und natürlich die Krippenfiguren selber gezogen!  Wahnsinn! Diese Ausstellung verbreitet eine eigene, sonderbare stimmungsvolle Atmosphäre!

Unbedingt sehens- und erlebenswert! Das Stift Schlägl wurde im Jahre 1218 gegründet. Von der Anfangszeit des Klosters zeugen die romanische und die gotische Krypta. Bemerkenswert sind die Barockkirche, eine 60.000 Bände umfassende Bibliothek und eine wertvolle Gemäldesammlung.

Nach dem obligatorischen Besuch in der Stiftskirche machen wir uns wieder auf den Weg nach Passau. Ich lasse es mir aber gut gehen und bitte Dimitri den kleinen Flitzer zu kutschieren. Davon ist Dimi aber auch ganz begeistert!

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Dimitri ist heute noch bei seinen Eltern eingeladen, so nutze ich den Rest des Tages und die Gelegenheit ein paar Sachen zu erledigen, wo ich Dimitri auch nicht gebrauchen könnte! So hole ich später das Kripperl vom Christkindlmarkt ab, das ich mir von der ehemaligen Nachbarin zurücklegen habe lassen!

Irgendwann muss ich das aber Heilig Abend in Dimis Wohnung schmuggeln und unter dem Christbaum aufstellen. Aber das bekomme ich schon hin!

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Für Sonntagmorgen habe ich mit Dimi ein Treffen bei seiner Wohnung ausgemacht. Als die Sprache darauf kam, dass wir für Dimi und mich einen echten frischen Tannenbaum organisieren wollen, bat uns Tatjana, auch für sie noch einen mitzunehmen.

Dazu braucht man aber eine größeres Auto. Ein Mini oder ein Ka ist da doch etwas zu klein dazu. Also bat ich Opa für diesen Tag um seine Mercedes M-Klasse. Da können sogar noch Thomas und Zappel-Yuri beruhigt mitfahren und für die drei Weihnachtsbäume ist auch noch genug Platz da!

Allen dreien entgleisen die Gesichtszüge, als ich die M-Klasse vor ihnen zum halten bringe.

„Bitte einsteigen, für jeden ist ein Plätzchen reserviert! Die kleinen Dimi-Schnuckelchen bitte nach vorne auf den Beifahrersitz. Bitte anschnallen und dann geht’s schon los!“

„Woher hast du die Nobelkarosse denn geklaut?“

Natürlich Zappel-Yuri.

„Ach weißt du Yurilein, der stand da so alleine am Straßenrand. Und so ein Wägelchen kann man doch nicht sich selbst überlassen! Den Wagen hab ich mir heute von Opa ausgeliehen! Müssen ja auch drei Bäume rein. Ihr beiden wollt doch auch euren eigenen, oder?“

Thomas und Yuri nicken.

Dann nehmen alle Platz im Wagen. Allerdings fahre ich nicht eher los, bis ich von Dimi einen ordentlichen Kuss bekommen habe!

„Ahhh, war der gut! Ja, jetzt lebe ich wieder!!!“

Auf dem Parkplatz vor dem Ilzstausee stehen schon einige Wagen. Gut gelaunt steigen auch wir vier aus. Ich hole mir noch die Decke und die Säge aus dem Kofferraum. Die Bäume, die man umschneiden kann, sind mit Preisschild und einem roten Band gekennzeichnet.

Vom Forstamt ist für diese Tage eigens ein Mitarbeiter hier abgestellt worden, um den Weihnachtsbaumkäufern zu helfen und sie evtl. auch zu beraten. Wir vier sehen uns allerdings erst eine Weile ruhig um. Dann hat aber auch jeder den Baum, den er auch haben will!

Und wir wollen unsere Bäume auch selber umschneiden. Denn das ist der halbe Spaß an der ganzen Sache! Zappel-Yuri kann es schon fast nicht mehr erwarten. Deshalb lassen wir Thomas und ihm auch den Vortritt. Und sehen ihnen genüsslich zu, wie sie sich abmühen!

Da sie gerade so schön dabei sind, lassen wir den für die Frelichs gedachten Baum auch gleich noch von den beiden umschneiden.

Unseren eigenen schneiden Dimi und ich aber gemeinsam um. Dieser Baum ist von allen drei natürlich auch der schönste! Nachdem wir bei dem Mitarbeiter vom Forstamt die Bäume bezahlt haben, verladen wir sie und machen uns auf den Rückweg!

Thomas und Yuri laden wir zuerst bei Thomas Wohnung ab. Wir wünschen ihnen aber noch viel Spaß beim Baumschmücken.

Die nächste Adresse ist die von Dimitris Eltern. Den Baum, den wir hier ausladen, ist aber auch der größte von den dreien. Dort trinken wir noch einen extra angesetzten Früchtetee. Dann verabschieden wir uns von den Frelichs. Am ersten Feiertag sehen wir uns eh wieder!

***

Unseren Baum fahren wir zu Dimis Wohnung, bringen Opa den Wagen zurück, nicht ohne uns überschwänglich dafür zu bedanken und machen uns dann auf den Weg zum Christkindlmarkt. Da ich ja nicht weiß, ob Dimi lieber einen Baum mit Christbaumkugeln oder einen mit Strohsternen will, habe ich für den Baum eben noch nichts gekauft. Das holen wir aber jetzt nach!

Dimi will einen mit Kugeln. Und er schlägt fürchterlich zu! Auch Lametta kauft er reichlich! Und passende echte Kerzen! Ich darf beim Schmücken des Baumes nicht einmal dabei sein! Das kommt mich schon etwas hart an! Die folgende Nacht mit Dimitri wird aber wieder besonders schön!

Im Grunde wünsche ich mir für Weihnachten nichts, als dass Dimitri für immer bei mir bleibt!

***

Dimitri

Nun ist er also da – Heiliger Abend – der für viele schönste Abend des Jahres! Seit wir in Bayern wohnen, hat unsere Familie besonderen Wert auf einen festlichen Heiligen Abend gelegt, mit Christbaum und Weihnachtskrippe, mit Bescherung, Weihnachtsliedern, mit gutem Essen, mit Glühwein und Weihnachtsplätzchen und dem gemeinsamen Gang zur Christmette in die Kirche.

Heuer kommt für mich nun dazu, dass ich Weihnachten zum ersten male nicht nur mit der Familie feiere. Ich werde zum ersten mal meinen Liebsten unterm Weihnachtsbaum in den Armen halten.

Weihnachten, das Fest der Liebe, hat so für mich eine besondere Bedeutung in diesem Jahr!

Ich höre Nico bereits in meiner Küche werkeln, er bereitet das Frühstück vor. Ja, er war über Nacht hier bei mir. Ein Abend und eine Nacht voller Zärtlichkeiten liegt hinter uns. Hab ich diesen lieben Kerl überhaupt verdient? Gibt es denn noch ein größeres Geschenk als ihn?

Ich ziehe mir rasch etwas an und gehe zu Nico in die Küche, wo schon alles für ein reichliches Frühstück vorbereitet ist.

„Guten Morgen, mein Liebling, na endlich wach?“

Mit diesen Worten und einem Kuss begrüßt mich Nico. Er drückt mich, dass mir beinahe die Luft wegbleibt. Mit einer Hand fährt er mir wieder wie so oft über den Hintern.

„Ich möchte jeden Morgen so empfangen werden, lieber Niki“, flüstere ich ihm zu.

„Ja, ja, ich spüre es, wie gerne du das hast. Aber lass uns erst frühstücken, du hast doch sicher auch Hunger!“

Nico hat alles liebevoll vorbereitet und auf den Tisch gestellt, was der Kühlschrank zu bieten hat.

Da es noch früh am Morgen ist, lassen wir uns ausgiebig Zeit zum Frühstücken. Es dauert auch schon deshalb länger, weil wir nebenbei viel über die kommenden Tage reden. Auch dauert es, weil wir uns gegenseitig mit Marmelade- und Honigbrötchen füttern, was natürlich nicht ohne Kleckerei abgeht.

„An deinem rechten Mundwinkel klebt noch Honig“, deutet Nico auf meinen Mund.

Da ich so doof bin und links und rechts verwechsle, finde ich selbstverständlich keine Honigreste.

Aber schon ist Nico zu mir herübergekommen und leckt an meiner Lippe.

„Ah, schmeckst du süß!“

Kein Wunder, dass wir lange brauchen. Jetzt müssen wir uns gegenseitig die Honig- und Marmeladereste weglecken. Aber Reinlichkeit muss nun mal sein! Und wie reinlich wir sind! Aber auch das ausgiebigste Frühstück nimmt mal ein Ende.

Nico zieht sich fertig an und mosert noch ein bisschen, weil er beim Baum schmücken nicht dabei sein darf. Aber ich will ihn ja abends dann mit dem geschmückten Baum überraschen. Er verabschiedet sich, wir werden uns, wie ausgemacht, erst am Abend wieder sehen.

Nico muss jetzt zu seiner Mutter, dort den Baum schmücken helfen und dann zu den Großeltern, wo sie gemeinsam essen und feiern werden. Mir ist es ganz recht, dass ich nun in Ruhe den Kalender für Nico fertig machen kann.

Ebenso lege ich ein Fotoalbum mit all unseren Aufnahmen an und schreibe zu jedem Bild einen kleinen Kommentar. Natürlich kommen zu jedem der Bilder die Erinnerungen wieder an diese gemeinsamen Ausflüge.

Es ist bereits Mittag, als ich diese Arbeiten beendet habe. In der Küche mache ich mir lediglich eine Fertigsuppe. Das reicht vorerst und geht schnell. Das richtige Essen gibt es dann bei meinen Eltern. Nun stehe ich im Wohnzimmer vor dem noch grünen Baum und überlege, wie ich am besten mit dem Schmücken vorgehe.

Es ist ja mein erster eigener Christbaum. Den Baum zu Hause zu schmücken, das hat sich Vater nie nehmen lassen. Yuri und ich durften ihm lediglich die „Zutaten“ reichen. Ich stehe vor dem Baum und weiß nicht recht weiter. Jede Menge Schachteln mit den gekauften Kugeln, Kerzen und Lametta stehen rum.

„Da reparierst du die teuersten Autos, bringst so ziemlich jeden liegen gebliebenen Wagen wieder zum Gehen und stehst nun wie ein Ochs vorm Berg vor dem ungeschmückten Baum. Das kann doch nicht so schwer sein, also auf geht´s!“ So mach ich mir selber Mut.

Na gut, mit was fange ich an? Zuerst die Kugeln, dann die Kerzen, dann….oder doch umgekehrt? Jetzt hätte ich Nico doch gerne hier, er wüsste sicher, wie vorzugehen ist. Oder soll ich zu Hause anrufen? Nein, das wäre doch peinlich, Yuri würde sich Kugeln vor Schadenfreude. Wie hat es doch Vater immer gemacht?

Ich fange jetzt einfach mal an, zuerst das Lametta, dann die Kugeln, alle in leuchtendem Rot, dann die roten, echten Kerzen, keine elektrischen. Und es ist mir tatsächlich gelungen! Also mir gefällt der Baum sehr gut! Ich hoffe, dass auch Nico meine schweißtreibende Schmückerei zu würdigen weiß. Schließlich ist es ja unser gemeinsamer Christbaum.

Nun aber schnell alles wegräumen, die Wohnung ein bisschen sauber machen und dann mich selbst säubern, das heißt duschen und anziehen.

***

Es ist bereits später Nachmittag, als ich festlich gekleidet, die Geschenke im Arm, bei meinen Eltern auftauche.

Vater umarmt mich stürmisch und ist sichtlich froh, mich wieder zu sehen.

„Ich bin so froh, Dimitri, dass du heute gekommen, Weihnachtswunder, Weihnachtswunder…“ murmelt er vor sich hin.

Mutter hat Tränen in den Augen und Yuri schnäuzt sich laut vernehmlich.

Es wird Zeit für das Essen, höchste Zeit, das bisschen Suppe zu Mittag füllt halt keinen Magen auf Dauer. Mutter stellt einen dampfenden großen Topf auf den Tisch. Das traditionelle Heilig Abend Essen, wie bei den meisten in der Gegend hier: Sauerkraut und dazu mehrere Sorten von Würstl, wie Schweinswürstl und Geschwollene, Pfälzer und Wiener.

Freilich mochte Vater das bayerische Essen anfangs gar nicht, Mutter musste lange Zeit traditionell russisch kochen, auch zu Weihnachten. Aber allmählich ließ sich Vater von der guten bayerischen Küche und speziell von den Wurstwaren überzeugen. Heute ist es eine Selbstverständlichkeit.

Zu Beginn des Essens habe ich mit Blick auf den reichlich gefüllten Topf Mutter gefragt, ob sie noch weitere Gäste erwartet. Sie hat nur gelächelt. Jetzt, nach dem wir alle gesättigt sind und ich in den fast leeren Topf schaue, da verstehe ich ihr voraus ahnendes Lächeln nur zu gut.

Aber es hat auch hervorragend geschmeckt! Mutter versteht es einfach, ein wirklich delikates Sauerkraut zuzubereiten. Sie hat da ein Geheimrezept. Das nützen die besten Würste, wenn das Kraut fade schmeckt.

***

Ich gehe mit Yuri noch ein wenig nach draußen, während unsere Eltern die letzten Vorbereitungen zur Bescherung treffen. In einer Stunde sollen wir wieder da sein. Das Gehen wird uns gut tun nach dem reichlichen Essen.

Es ist sehr kalt, ein eisiger Wind pfeift und lässt uns die Kragen unserer Jacken hoch schlagen. Yuri erzählt mir, dass er mit Thomas abends auch zusammen sein wird. So gegen Acht wird Yuri bei Thomas sein, mit ihm feiern und später dann in der Nacht mit ihm zur Christmette laufen.

„Und wie geht es so mit Thomas, seid ihr immer noch so verliebt wie am ersten Tag?“

Ich merke, wie Yuri etwas unruhig wird und herum zappelt.

„Na ja, vorgestern hatten wir unseren ersten größeren Streit. Hat sich der Gauner doch in der Fußgängerzone nach einem hübschen Kerl umgedreht. Und als ich ihm das vorwerfe, da meint er doch nur, da wäre doch nichts dabei. Appetit könne man sich bei anderen holen, gegessen werde ohnehin zu Hause! So gab das eine Wort das andere, ich war richtig sauer und hab zu ihm gesagt, zu diesem Schuft, wieso er sich auswärts Appetit holen muss, wenn das Essen zu Hause gut ist!“

Yuri ereifert sich.

„Und du warst wirklich beleidigt, hast nichts mehr mit ihm geredet?“

„Natürlich, er sollte doch büßen, dieser gemeine Kerl!“

„Ja und wie lange hast du denn das ausgehalten?“

„Na ja, schon eine ganze Weile, wir sind schon ein paar Meter gegangen, wortlos.“

„Ein paar Meter, ja?“ Ich grinse ihn an.

„Aber dann hat er mich in das nächste Seitengässchen gezerrt, hat mich dann die Wand eines Hauseinganges gedrückt und mir einen Kuss aufgedrückt, dass mir Hören und Sehen verging. Na ja und dann hat er noch so Sachen gemacht. Ist halt doch ein ganz Lieber! Wer könnte ihm da schon böse sein!“

„Ach Yuri, wenn es mit dem Versöhnen immer so rasch ginge, aber meistens dauert das schon länger, glaub mir.“

„Hat es denn mit Nico was gegeben?“

Yuri bleibt vor mir stehen und zappelt wieder mal rum

„Nein, nichts Größeres, aber kleine Meinungsverschiedenheiten bleiben in einer Beziehung nicht aus, das ist nun mal so. Wir haben uns aber vorgenommen, nie ins Bett zu gehen, so lange etwas zwischen uns ist, so lange das nicht ausgeräumt ist!“

„Na ja, kann ich Thomas ja mal vorschlagen. Vielleicht kommen wir dann die eine oder andere Nacht gar nicht ins Bett, weil jeder stur bleibt.“

Erschrocken sehe ich Yuri an, aber er lacht nur, hat es also nicht ernst gemeint.

„Sieh mal hinauf Yuri, als wir weggegangen sind, da waren noch vereinzelt Sterne zu sehen. Jetzt hat sich der Himmel ganz zugezogen. Es ist ein Schneewind, der so eisig bläst. Glaub mir, heute Nacht schneit es noch!“

***

Wir sind wieder zu Hause angekommen, genau nach einer Stunde Spaziergang. Zunächst wärmen wir uns in der Küche auf. Dann ist es soweit, wir gehen ins Wohnzimmer. Vater hat die Kerzen am Christbaum angezündet, alles funkelt und glitzert. Im Hintergrund hören wir leise vom Radio Weihnachtslieder.

Wir umarmen uns alle und wünschen einander ‚Frohe Weihnachten’. Weihnachten – das Fest der Familie! Und die Familie hat sich wieder gefunden!

Wir bestaunen den von Vater wunderschön geschmückten Christbaum, der ganz in Silber gehalten ist. Wie uns Mutter versichert, hat er ein paar Stunden mit dem Schmücken des Baumes verbracht. Es ist Tradition bei uns, dass der jüngste der Familie die Geschenke, die alle unterm Baum liegen, verteilen darf. Yuri fällt also diese Aufgabe zu.

Von den Eltern bekomme ich warme Bettwäsche, Handtücher und allerlei Nützliches, das ich für meine Wohnung brauchen kann. Vor allem über die neue Bettwäsche dürfte sich Nico freuen, den bisher hatte ich, mangels Masse, nur leichte Sommerbetttücher aufgezogen. Und dabei friert doch mein Lieber so leicht.

Mutter bekommt von mir eine Küchenmaschine, von der sie schon lange redet, Vater eine neue Tasche, in der er seine Brotzeit zur Arbeit mit nimmt. Die alte war schon arg zerschlissen.

Yuri kriegt von mir ein Computerspiel, das er sich schon lange wünscht. Den Tipp habe ich von Nico, weil er sich schon öfter mit Yuri über diese Sachen unterhalten hat. Ich selbst verstehe da zu wenig. Ja und Yuri schenkt mir zwei DVD-Filme, von denen er weiß, dass sie mir mit Sicherheit gefallen werden. Ich stehe nun mal auf alte deutsche Filme aus den Vierziger- und Fünfziger Jahren mit den Stars von damals, wie Rühmann, Moser, Hörbiger, Lingen und wie sie sonst noch alle heißen.

Wir sitzen noch eine Weile gemütlich im Wohnzimmer beisammen, probieren Mutters Plätzchen und trinken Glühwein oder Früchtepunsch. Ich bedanke mich für all die schönen Geschenke und für den festlichen und gemütlichen Abend. Wir vereinbaren, dass wir uns vor der Christmette am Domplatz treffen.

Ich verabschiede mich schließlich. Es wird Zeit in meine Wohnung zu kommen, Nico wird ja bald erscheinen.

Ich sehe zum Himmel empor, nein, keine Sterne zu sehen, dafür dunkle Wolken. Werden sie uns doch noch den heiß ersehnten Schnee zum Fest bescheren?

Ich bin kaum in meiner Wohnung, verstaue gerade meine Geschenke, da läutet es. Nico steht vor der Tür, strahlend wie das Christkind selbst und mit leuchtend roten Backen. Eine große Tasche trägt er bei sich.

„Hallo Dimi, mein Liebling!“

Mit diesen Worten umarmt er mich, ehe ich auch nur einen Piepser sagen kann und drückt mich an sich. Ich bemerke eine leichte Alkoholfahne bei ihm.

„Hallo Niki, sag mal, hast du getrunken und bist Auto gefahren? Aber jetzt komm erst mal rein!“

„Nein, ich habe nicht gefahren, nein, ich meine, ich bin nicht getrunken, nein ich…“

„Jetzt setze dich erst mal hin und sortiere in Ruhe, was du mir sagen willst.“

„Also es ist so, …dass es auch ganz anders sein kann! Nein im Ernst, ich bin nicht gefahren, Mam hat mich her gefahren und einfach so vor deiner Tür ausgesetzt, äh… abgesetzt. Was heißt getrunken… so schlimm ist es nicht, nur ein klitzekleines Gläschen Punsch mit Mam, ein noch kleineres mit Oma und ein etwas größeres mit Opa und dann noch …Mensch wer war da noch…?“

Wieder fällt er mir um den Hals.

„Ach Dimilein, ich hab dich doch sooo vermisst! Und aus lauter Frust habe ich wohl ein Glas zu viel getrunken. Obwohl, ich glaube fast, das letzte Gläschen Punsch muss verdorben gewesen sein, weil mir ist fast ein bieserl schlecht. Apropos bieserl, ich müsste mal dringend müssen dürfen.“

Und schon eilt er auf die Toilette. Ich kann nur lachend den Kopf schütteln. Einen angeheiterten Nico habe ich auch noch nicht erlebt.

Er kommt mit offenem Hosentürl zurück, will mir wieder um den Hals fallen.

„Jetzt setze dich erst mal hin, ich mache dir gleich einen Kaffee, dass du wieder nüchtern wirst.“

„Aber erst ein Bussi, lieber Dimi, Bussi, Bussi, Bussi, bitte!“

Ich bin aber schon auf dem Weg in die Küche, setze dort die Kaffeemaschine in Gang.

Plötzlich steht Nico hinter mir, umarmt mich, erschreckt mich dabei natürlich fürchterlich.

„Dimi, du bist mein Augenstern, Dimi, hab dich zum Fressen gern, Dimi….weißt du überhaupt wie lieb ich dich hab, so lieb wie….ja, genau, so lieb hab ich dich!“

„Ich weiß es doch Niki, aber setze dich wieder hin, ich bring dir gleich den Kaffee ins Wohnzimmer.“

Diesmal gehorcht er gleich. Es dauert etwas, bis ich wieder ins Wohnzimmer komme und zu meinem Erstaunen, einen schlafenden Nico vorfinde. Zusammengerollt wie ein Baby liegt er da, fehlt nur noch der Schnuller. Aber süß wie ein Baby ist er allemal.

Ich bringe den Kaffee vorerst wieder in die Küche, setze mich zu Nico und betrachte mein süßes, schlafendes, so unschuldig wirkendes Schnuckelchen. Freilich, ich habe mir den Abend mit ihm auch ein wenig anders vorgestellt. Ich werde ihn aber erst mal schlafen lassen. Es ist ja noch viel Zeit.

Ich gehe wieder in die Küche, um mir selbst was zum Trinken zu holen. Komisch, was sind das für Geräusche, die ich vom Wohnzimmer höre? Ist er aufgewacht? Oder- er wird doch nicht…?

Ich trete an die Zimmertür und richtig, wie vermutet – Nico schläft den Schlaf des etwas angeheiterten Gerechten und sägt und sägt wie der beste Waldarbeiter. Nico schnarcht!

Ich muss mich wirklich beherrschen, um nicht laut loszulachen. Gut, ich habe ihn ja schon öfter nachts neben mir gehabt, aber geschnarcht hat er noch nie. Muss wohl der Alkoholkonsum bewirken. Wenn ich jetzt eine Videokamera hätte, ich würde ihn sofort aufnehmen, ein Bild für Götter: Der selig schlummernde, schnarchende Nico!

Ich bin wieder bei meinem Getränk in der Küche, da läutet draußen im Flur mein Telefon. Leider habe ich mir ja bisher kein Handy geleistet, werde ich wohl im neuen Jahr dann machen. Dann sind diese Sachen ja auch wieder billiger zu bekommen, als jetzt vor Weihnachten. Ich werde ja wohl noch öfter für ein paar Tage in Tschechien sein. Wäre schon vorteilhaft, wenn mich Nico dann immer erreichen kann.

Nicos Mutter ist am Telefon und erkundigt sich, ob es ihrem Sohn wieder besser geht. Ich erzähle ihr, dass er auf der Couch schlummert.

„Sei ihm bitte nicht böse, dass er ein Glas zu viel getrunken hat, er macht das doch sonst nie. Verträgt ja auch nichts. Aber heute – du hast ihm einfach gefehlt und dann haben wir ein bisschen vor gefeiert.“

„Vor gefeiert?“

„Hab ich das gesagt, ja? Naja, wir haben halt, naja du weißt schon, es ist ja so, naja Weihnachten eben!“

Was stammelt die denn für einen Quatsch zusammen? Hat sie auch etwas zu viel erwischt? Aber was haben die nun gefeiert? Werde wohl Nico hernach fragen müssen.

„Natürlich bin ich ihm nicht böse, habe mir nur diesen Abend etwas anders vorgestellt.“

„Lass ihn ein Stündchen oder so schlafen, dann ist er wieder auf dem Damm, glaub mir! Übrigens wir sehen uns doch noch heute Nacht?“

Ich erzähle ihr, was ich mit meiner Familie ausgemacht habe, dass wir uns vor dem Dom treffen wollen.

„Also noch einen schönen Abend ihr zwei Hübschen!“ Schon hat sie aufgelegt.

Was heißt „zwei“, es wird wohl ein Soloabend, wenn der zweite Hübsche noch länger seinen Schwips ausschläft.

Ich will mich gerade umdrehen, da erschreckt mich der Kerl nun schon wieder. Steht er doch erneut hinter mir, muss wohl vom Telefon geweckt worden sein.

„War das Mam?“

Ich bestätige und frage auch gleich, was sie denn vor gefeiert haben.

„Hat sie das gesagt, na ja, hat wohl auch ein Gläschen zu viel intus, die Gute! Aber hattest du mir nicht irgendwann mal einen Kaffee versprochen?“

Er bekommt seinen Kaffee in der Küche. Da fällt mir die Sägerei von ihm von vorhin wieder ein und ich erzähle es. Er leugnet es natürlich ab, kann einfach nicht sein, meint er. Na gut, irgendwann nehme ich es auf, wenn es mal wieder soweit ist, dann wird er es schon hören und glauben müssen.

Während er nun in der Küche hörbar seinen Kaffee schlürft, bin ich ins Wohnzimmer, um die Kerzen unseres Baumes anzuzünden. Schnell lege ich auch noch meine Geschenke schön verpackt unter den Baum. Jetzt dürfte der Bescherung nichts mehr im Wege stehen.

Ich gehe in die Küche zurück und staune nicht schlecht. Hat sich doch der müde Kerl auf der Eckbank ausgestreckt und schläft. Nein, jetzt ist es zu viel. Ich ziehe ihn hoch.

„Hör mal Niki, du kannst von mir aus die kommenden Tage durchgehend schlafen, aber jetzt stehst du auf, gehst ins Bad, machst dich frisch und wir kommen endlich zur Bescherung, wie es sich für diesen Abend gehört!“

So schnell war er wohl noch nie auf den Beinen, hat er wohl doch bemerkt, dass ich langsam sauer werde. Blitzschnell kommt er auch schon aus dem Bad und bittet mich, noch nicht ins Wohnzimmer zu gehen, er hätte da noch was zu erledigen.

Na gut, warte ich halt nochmals. Wenn sich der müde Zecher jetzt wieder hingelegt hat, diesmal im Wohnzimmer, dann kündige ich ab sofort unsere Freundschaft!

Nach fünf quälenden Minuten öffnet ein strahlender Nico die Tür und ich darf ins Zimmer.

Mein Blick fällt sofort auf die unter dem Baum stehende Krippe. Jawohl, es ist die wunderschöne Krippe, die mir am Christkindlmarkt so gut gefallen hat. Also hat er sie doch gekauft!

Ich knie mich vor der Krippe hin und kann mich kaum satt sehen, an diesen wunderbar geschnitzten Figuren. Sogar ein kleines Lichtlein brennt im Stall und gibt den Blick frei auf das Geschehen dort.

Etwas weg davon sind die Hirten mit ihren Schafen aufgebaut. Ein rot flackerndes Hirtenfeuer lässt die Figuren fast lebendig erscheinen.

Ich stehe wieder auf und kann nur „danke Niki“ sagen, gleichzeitig bekommt er einen dicken Kuss.

„Es ist so schön zu sehen, wie du dich an diesen kleinen Dingen erfreuen kannst. Du sollst dich selber sehen, wie deine Augen vor Begeisterung leuchten. Das allein war der Kauf wert!“

Wir halten uns eine Zeit lang in den Armen.  Schließlich gebe ich ihm den selbst gebastelten Kalender, jeder Monat mit einem Bild von uns beiden bei unseren Ausflügen. Auch das Fotoalbum bekommt er. Dann aber lege ich ihm die gekaufte Kette mit dem Löwen-Sternzeichen um den Hals. Ja, die Kette überrascht und freut ihn sehr.

Nun bin ich dran. Die herrliche Krippe habe ich ja schon bewundern dürfen. Nun reicht er mir sein Handy. Was soll ich jetzt damit, wen soll ich anrufen?

„Das ist jetzt deines, lieber Dimi, purer Selbstzweck, damit ich dich immer erreichen kann und umgekehrt.“

„Ja und du, was machst du ohne Handy?“

„Hab ich vom Christkind doch ein Neues bekommen, das neueste, das auf dem Markt ist, Kann damit Fotos schießen, Video aufnehmen, im Internet surfen…“

„Aber telefonieren geht schon auch noch, oder?“

Er lacht.

„Natürlich kann ich dich anrufen und du mich! Übrigens der Name des Christkindes ist in dem Falle Oma und Opa, die haben es mir geschenkt.

Von Mam habe ich eine neue warme Winterjacke bekommen und den neuesten I-Pod. Ich habe ihr eine echte Perlenkette überreicht, was sie überraschte und sehr freute.“

Na ja, denke ich mir, das sind schon andere Geschenk-Dimensionen als in meiner Familie. Aber dafür kann ja Nico nichts.

„Und Dimi, bist du zufrieden mit deinen Geschenken?“

Ich nehme ihn in den Arm.

„Natürlich Niki, diese hübsche, wertvolle Krippe und noch das Handy, ich bin sehr glücklich! Das wertvollste Geschenk aber, das halte ich hier in meinen Händen, das bist du, mein Liebling, du bist das Beste, das Wertvollste, das Schönste, was mir je passieren konnte!“

„Danke Dimi, das hast du lieb gesagt. So nett und wertvoll all meine Geschenke sind, die ich von Mam oder den Großeltern bekommen habe, es ist doch alles nichts im Vergleich zu dem Geschenk, das hier vor mir steht und das ich um nichts in der Welt mehr her geben möchte!“

Mit einem innigen Kuss bestätigen wir gegenseitig unsere Aussagen.

„Und Niki, was sagst du eigentlich zu unserem Baum, hab ich den nicht schön hin gekriegt?“

„Ganz nett, Dimi, aber im nächsten Jahr will ich dabei sein!“

„Nur ganz nett? Also ich hab geschwitzt bis es soweit war. Und da sagt er ganz nett!“

„Also Dimi, du bist ein hervorragender Autobastler, aber, sei mir nicht böse, vom Christbaum schmücken, da hast du nicht so viel Ahnung, wie man sieht.“

„Aber warum denn, ich finde ihn hübsch!“

„Dimi, erstens gehören die kleinen Kugeln ganz nach oben, die großen nach unten, du hast sie gerade umgekehrt aufgehängt. Außerdem hast du die Kerzen nicht gerade in die Kerzenhalter gesteckt. Sieh mal, das Wachs tropft auf den Boden. Ja und dann das Lametta, das hängt doch ziemlich wirr umeinander. Aber macht ja alles nichts, beim nächsten Mal bin ich dabei, abgemacht?“

„Na ja, wenn du es so sagst, vielleicht hast du ja recht. Gut, nächstes Jahr machen wir es zusammen, vorausgesetzt, du magst diesen Christbaumverschandler dann noch!“

Wir sitzen auf dem Sofa, eng aneinander, trinken Früchtepunsch, nein nichts Alkoholisches mehr für heute, und knappern an den Weihnachtsplätzchen.

Ich merke, wie Nico immer unruhiger wird. Er räuspert sich dann, wie wenn er zu einer großen Rede ansetzen würde und beginnt auch.

„Ich hoffe, ich überfalle dich jetzt nicht. Sei mir nicht böse, wenn ich dir vorher nichts gesagt habe, aber ich…“

Mein Gott, was wird denn das jetzt! Nico greift in seine Hosentasche und holt eine kleine Schatulle heraus. Ein Ring, bekomme ich noch einen Ring von ihm? Er öffnet das Schächtelchen und tatsächlich steckt ein Ring darin, wunderhübsch anzusehen.

Er reicht mir den Ring, ich sehe mir die Gravur im Innern an:

„Nico 24.12.07“ so lese ich laut vor.

Er nimmt den Ring wieder und fragt mich:

„Lieber Dimi, ich möchte dich… also ich will dich…“

„Ja, Niki, ich will dich doch auch…“

„Jetzt bringst du mich ganz aus dem Konzept… also Dimi, willst du… mein Mann werden? Hört sich das blöd an, nein ich will sagen… Mann o Mann, jetzt habe ich den ganzen Tag geübt und nun stammle ich so ein Zeug zusammen… Also Dimi, willst du mich verloben… nein, willst du dich…“

„Ja, Niki, ich will mich mit dir verloben, das ist es doch, was du wissen willst!“ versuche ich seiner Verwirrtheit ein Ende zu setzen.

„Ich liebe dich, Niki und ich bin zu tiefst gerührt ob deines Angebotes und des Ringes. Das habe ich nicht erwartet. Umso mehr freut es mich!“

Nico steckt mir den Ring an und der passt auch. Woher hat er nur die Größe gewusst? Als ahnt er meine Gedanken, meint er:

„Ich habe doch oft deine Hände gehalten und dabei unsere Finger verglichen. Vor allem unsere Ringfinger sind mir absolut gleich dick vorgekommen. Und wie wir sehen, liege ich damit nicht falsch.“

Nun folgt der Verlobungskuss und mir treibt es nicht zum ersten Male an diesem Abend die Tränen in die Augen.

Ich sehe auf meinen hübschen Ring, drehe die Hand hin und her. Da fällt mir ein, dass da doch noch was fehlt. Natürlich, zur Verlobung gehören zwei Ringe. Ich sehe etwas verdattert zu Nico. Der aber lächelt verschmitzt, greift wieder in seine Hosentasche und zaubert den gleichen Ring zu Tage.

Ich sehe ihn an:   „Dimitri      24.12.07“.

„Jetzt muss ich dich wohl auch fragen, Niki, willst du…“

„Bitte Dimi, mach es bloß kürzer als ich… ja, ja, ja, tausendmal ja, ich will und bin der glücklichste Mensch hier in diesem Zimmer!“

Nun muss ich doch etwas stutzen: „Der glücklichste Mensch in diesem Zimmer?“

Er lacht lauthals.

„Dimi, du Dummi, natürlich der glücklichste Mensch im Universum!“

Na ja, so lass ich mir das schon eher gefallen.

Ich stecke ihm den Ring an und nun folgt Verlobungskuss Nummer zwei.

Als wir endlich mit den Verlobungsküssen, -umarmungen und -schmusereien fertig sind, hole ich das bereits bereit gelegte Buch mit Weihnachtsgeschichten aus Russland hervor.

Ich sitze auf dem Sofa, Nico liegt längs gestreckt darauf, den Kopf in meinem Schoß gebettet.

Ich beginne mit einer Geschichte aus dem Buch und Nico hört aufmerksam zu.

Es sind wunderbare Weihnachts-Kurzgeschichten aus Russlands ruhmreicher Vergangenheit, denn die hat es auch einmal gegeben.

Im Hintergrund läuft der CD-Player mit stimmungsvollen Weihnachtsliedern. Nach der vierten Geschichte will ich Nico gerade fragen, wie sie ihm gefallen hat. Ich sehe zu ihm hinunter, kann es nicht glauben, er ist schon wieder eingenickt. Wenigstens schnarcht er diesmal nicht. Aber als Gute-Nacht-Geschichten waren meine Erzählungen nicht gedacht.

Ich betrachte den schlafenden Engel eine Zeit lang, dann aber rüttle ich ihn wach, weil mir meine Beine eingeschlafen sind.

„Was ist mit dem Engel passiert, du liest ja gar nicht weiter“, meint ein noch schlaftrunkener Nico.

Ich muss lachen.

„Na du bist mir so ein müder Engel, schläft einfach ein. Aber langsam müssen wir uns anziehen. Du weißt doch, wir haben ausgemacht, uns vor der Christmette zu treffen.“

„Och, es ist doch so gemütlich hier, müssen wir unbedingt…“

„Nein Nico, müssen tun wir nicht. Aber jetzt haben wir es schon ausgemacht mit meinen Eltern, mit Yuri und Thomas, mit deiner Mutter und deinen Großeltern. Die wären sehr enttäuscht, wenn wir nicht da sind. Und glaube mir, die Christmette im Dom, ja gut, sie dauert schon lange, aber es ist auch ein festliches, ergreifendes Erlebnis, du wirst sehen. Ich war jedes Jahr mit meinen Eltern und Yuri dort und habe es nie bereut.“

Endlich ist er auch überzeugt:

„Wie könnte ich meinem Verlobten etwas abschlagen, gut, gehen wir.“

Als wir dann dick vermummt aus der Wohnung kommen, staunen wir nicht schlecht. Meine Vorhersage ist eingetroffen: Es schneit! Dicke Flocken fallen vom Himmel und schon ist alles ringsum weiß.

Alles hüllt der Schnee ein, allen Schmutz und Dreck, alles Unansehnliche. Auch allen Streit und Unfrieden, den es auch und gerade zu Weihnachten gibt?

Wir fahren ein Stück mit dem Auto, ganz vorsichtig, denn die Straßen sind glatt. Zuletzt marschieren wir Richtung Domplatz. Von allen Seiten sieht man Menschen daher kommen, die alle ein Ziel haben, den Dom.

Am Domplatz angekommen, schütteln wir erst den Schnee von uns ab und schauen nach unseren Leuten aus. Aber noch ist keiner zu sehen.

Plötzlich trifft mich ein Schneeball von hinten auf meiner Pudelmütze. Wer ist denn hier so frech?

Ich drehe mich um und kann gerade noch einem zweiten Geschoss ausweichen. Dafür trifft es Nico an einer sehr empfindlichen Stelle, was ich wiederum lachend mit „Volltreffer“ quittiere.

In einiger Entfernung können wir die Übeltäter ausmachen. Mit einem weiteren Schneeball in der Hand hüpft einer herum wie weiland Rumpelstilzchen in seinem Versteck. Wer kann das wohl sein?

„Zappel-Yuri!“ sagen Nico und ich gemeinsam.

Lachend kommt er jetzt zu uns, Thomas im Schlepptau.

„Na warte Yuri, Rache ist Blutwurst, das zahlen wir dir nachher zurück! Meine wertvollsten Körperteile hast du erwischt, das gibt eine Einreibung, die sich gewaschen hat!“ droht Nico.

Dieser aber hüpft von einem Bein auf das andere und freut sich diebisch über seine erfolgreichen Treffer. Nun erreichen uns auch meine Eltern. Mutter begrüßt uns alle mit Umarmung, auch ihre beiden ‚Schwiegersöhne’ Thomas und Nico. Vater steht noch etwas abseits, dann tritt er heran, umarmt mich und wünscht nochmals ‚Frohe Weihnachten’.

Er geht dann zu Nico, sieht ihn an, reicht ihm die Hand und dann – wir trauen unseren Augen kaum- nimmt er Nico in den Arm, drückt ihn fest und sagt:

„Frohe Weihnachten Nico, mache Dimitri glücklich!“

Dasselbe passiert nun auch mit Thomas, auch er wird von Vater umarmt. Vater umarmt Nico und Thomas und nimmt sie so in die Familie auf! Ist es ein Wunder, dass sich die meisten von uns, verstohlen die Augen auswischen?

Nun tauchen auch Nicos Großeltern und seine Mutter auf und wir alle begrüßen uns herzlich. Nicos Mutter rempelt Nico und mich an:

„Na, jetzt zeigt doch mal!“

Ich verstehe nicht gleich, deshalb nimmt Nico meine Hand mit dem Ring und hält seine und meine Hand in die Höhe. Alle sind erstaunt und freuen sich und gratulieren uns.

„Deshalb haben wir vor gefeiert, eure Verlobung!“ erklärt Nicos Mam.

„Und deshalb hat er zu tief ins Glas geschaut, mein müder Engel“, kann ich mir nicht verkneifen.

„Also Thomas, nimm dir mal ein Beispiel an den beiden“, meint ein zappelnder Yuri, „ich möchte aber nicht bis nächstes Weihnachten warten, das sag ich dir!“

Nun hat Yuri die Lacher auf seiner Seite. Nicos Mutter lädt dann noch alle für den zweiten Feiertag zum Essen ein, auch meine Eltern. Nun wird es Zeit, in die Kirche zu kommen, die schweren Domglocken beginnen gerade zu läuten. Es ist auch höchste Zeit, wir bekommen gerade noch Sitzplätze.

Ich bewundere diesen herrlichen Barockstuck und die gemalten Fresken im Innern des Domes Da setzt die Orgel ein. Ich erinnere mich, gehört zu haben, dass hier im Passauer Dom die größte Kirchenorgel der Welt erklingt. Und es ist in der Tat ein unvergleichlich akustisches Erlebnis.

„Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind!“ ´

Das ist das Thema der Predigt von Bischof Schraml. Und er meint eben, dass der Friede im Kleinen beginnt, in der Familie, im Freundeskreis, unter Kollegen. Dort kann jeder was dazu beitragen, damit Frieden herrsche.

Bei diesen Worten sieht Vater zu uns zurück, da er eine Bank vor uns sitzt. Er sieht uns und nickt uns zu und lächelt. Ich sehe voller Stolz auf Nico.

Die Christmette geht zu Ende, die Lichter im Dom verlöschen. Nur noch die tausend Kerzen am großen Christbaum und die Kerzen am Altar erhellen den Dom. Nun hebt wieder die Orgel an und leitet das abschließende ‚Stille Nacht, heilige Nacht’ ein.

Nun ist auch Nico hell wach, er steht neben mir. Wir reichen uns die Hand, sehen uns an und sind beide überglücklich. Froh stimmen wir in das schönste aller Weihnachtslieder mit ein. Unter dem gewaltigen Brausen der Domorgel, die zum Finale ansetzt, verlassen wir die Kirche.

Draußen treffen sich unsere Familien nochmals. Vater wiederholt den Satz vom Gloria und der Predigt und sieht uns still lächelnd an:

„Und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind!“

~ENDE~

 

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