Driving Home for Christmas

Ich lief durch den verschneiten Wald. An der einen Hand hielt ich Stephan, die andere steckte tief verborgen in meinem schwarzen Mantel. Das Thermometer hatte -5°C angezeigt, bevor wir vor einer Stunde zu unserem Spaziergang aufgebrochen waren. Die Kiefern waren von einer feinen Schneeschicht bedeckt und der Weg lag gefroren zu unseren Füßen. Von weitem konnte man die Lichter unserer Kleinstadt herüber scheinen sehen und sich ganz dicht aneinander kuscheln. Ich atmete die Kalte Luft tief ein und genoss ihr pieksen in meinen Lungen. Weihnachten stand vor der Tür und besinnliche Tage bevor. Von weitem hörte man die Glocken schlagen.

Doch was sollte das denn? Sie wurden immer lauter und schriller. Das Bild löste sich auf und nur noch der Lärm meines Weckers war zu hören.

Grummelnd drehte ich mich um und verpasste ihm einen Schlag, so dass er verstummte, kuschelte mich wieder in meine Decke und schloss die Augen erneut.

Zehn Minuten später, das gleiche Spiel noch einmal. Jetzt sah ich auch genauer hin und stand sofort im Bett. Mist! Ich musste unbedingt aufstehen! In einer halben Stunde würde das Praktikum in der Uni losgehen und ich lag hier immer noch rum.

Aber der Traum war toll. Nur Wirklichkeit würde das sicher nie werden, denn mein bester Freund Stephan, von dem ich geträumt hatte tickte nicht so wie ich. Leider.

Ich stand also auf und verkürzte meine allmorgendliche halbe Stunde im Bad auf das Nötigste. Gerade so konnte ich der Versuchung widerstehen, die Pflicht sausen zu lassen. Schließlich war heute der letzte Tag vor den Weihnachtsferien und nach dem Botanik Praktikum würde ich mich in mein Auto setzen und endlich nach Hause fahren.

Ich sollte mich vielleicht vorstellen. Ich bin der Patrick Neumann, 20 Jahre jung und studiere jetzt seit fast drei Monaten schon Biotechnologie in Frankfurt / Main. Knapp 600 km entfernt von meinem kleinen Heimatstädtchen im Brandenburgischen. Endlich würde ich meine Eltern und Geschwister wiedersehen. Auch meine Freunde durften da nicht fehlen, denn obwohl wir jetzt in alle Winde verstreut waren, kamen zu Weihnachten alle nach Hause.

So, jetzt aber schnell. Ich wuchtete meinen Koffer aus der Wohnung, die ich mir mit zwei weiteren Studenten im Wohnheim teilte, polterte mit dem Ungetüm die Treppe nach unten und hievte es in mein Auto. Hoffentlich war die Innenstadt nicht verstopft, so dass ich die paar Kilometer bis zur Uni gut durch kam.

Alles lief glatt und so stand ich 10 Minuten später vor dem Labor. Jetzt nur noch schnell das Mikroskop aufbauen und dann kann´s los gehen.

Kaum war ich fertig, erhob sich auch schon der Dozent und begann mit dem Unterricht.

Das Blatt… wie langweilig. Querschnitt, Flächenschnitt, bla, bla, bla. Das hatte ich alles in der Schule schon und so gingen die zweieinhalb Stunden nur sehr schleppend dahin.

Plötzlich vibrierte mein Handy in der Hosentasche. Zum Glück hatte ich es auf „Lautlos“ gestellt, denn ansonsten hätte das wieder Stress mit der Assistentin gegeben, die auf solche Sachen regelrecht allergisch reagierte.

Ich holte es unauffällig hervor und las. Die SMS war von Stephan.

„Hey Patti,“ Das war ich. Eigentlich ja Patrick und auch nur er darf mich so nennen. Für alle Anderen bin ich Pat.

„Du kommst doch heut auch hoch oder? Weißt du schon, wann du da bist? Lass uns doch dann auf nen Bier bei mir treffen. LG Steph“

Cool, da war der Abend dann wohl gerettet. Ich dachte schon, die ganze Familie würde gleich auf mich einstürmen und ich müsste mich allem stellen, aber wenn ich noch zu meinem besten Freund Stephan konnte, hatte ich eine gute Chance, mich abzuseilen, wenn es mir zu viel wurde. Schnell schrieb ich ihm zurück, dass ich wohl erst gegen späteren Abend ankommen würde, wir uns aber gern noch treffen könnten.

Der Rest des Unterrichts verging nun wie im Fluge. Was Vorfreude doch alles möglich machen kann.

Als der Dozent seine Ausführungen beendete, ging sofort das große Kramen los. Die Ersten waren schon vor fünf Minuten gegangen um ihren Zug in Richtung Heimat zu erreichen. Einige Koffer standen noch im hinteren Teil des Labors rum. Fast jeder wollte nach Hause. Überall wurden schöne Festtage gewünscht und der obligatorische Gute Rutsch war auch oft zu hören. Ein paar andere Studenten, mit denen ich mich in den letzten Wochen ein wenig angefreundet hatte, überschütteten auch mich mit guten Wünschen, die ich brav zurück gab.

Als ich meine Zeugs zusammengepackt und das Mikroskop wieder in den dazugehörigen Schrank geräumt hatte, machte ich mich mit guter Laune auf, zu meinem kleinen Autochen, das draußen auf dem Parkplatz auf mich wartete.

Ich stieg also ein, warf noch meine Weihnachts CD ins Radio und fuhr los. Tanken musste ich noch, bevor ich auf die Autobahn einbog und dann ging´s endlich auch für mich Richtung Heimat. Die Weihnachtsgeschenke für meine Eltern und meine Schwester hatte ich zum Glück schon gestern Abend mit in den Koffer geworfen und hätte sie also gar nicht vergessen können.

Als ich auf die A7 fuhr sang Cris Rea gerade „Driving Home for Christmas“. Das passte wie die Faust auf´s Auge und ließ mich jetzt erst richtig in Weihnachtsvorfreude verfallen. Die Kilometer flogen nur so dahin, während ich immer auf der Mittelspur dahin rollte. Mein Tempo hielt ich ungefähr bei 120 km/h, ließ die LKWs rechts von mir gemächlich dahin tuckern und die, die schneller als ich fahren mussten, konnten ungehindert an mir vorbeiziehen.

Als ich dann endlich am Berliner Ring angekommen war, konnte ich mein zu Hause fast schon riechen. Noch ein paar Kilometer Landstraße, dann war ich da.

Meine Eltern begrüßten mich stürmisch, als ich mein Auto vor unserem Haus parkte. Ich war noch nicht einmal ausgestiegen, da kamen sie schon aus der Tür.

„Junge, da bist du ja endlich!“ Meine Mutter lief mit ausgestreckten Armen auf mich zu und umarmte mich. Mein Vater klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter und meine kleine Schwester Juliane umarmte mich ebenfalls herzlich. Sie war vier Jahre jünger als ich und ging noch auf das ortsansässige Gymnasium. Nachdem ich die ersten Erzählungen hinter mich gebracht hatte, meine Sachen ausgeladen und in meinem Zimmer verstaut hatte, rief ich kurz bei Steph an, dass ich in fünf Minuten bei ihm wäre, packte mich dick ein und lief die 200 Meter, die er von mir entfernt wohnte, hinüber.

Ich klingelte und schon öffnete er mir freudestrahlend.

„Hey, da bist du ja! Komm rein. Wie geht es dir, siehst gut aus.“

Er war gar nicht mehr zu bremsen, aber nach seinem letzten Satz brach er ab und wurde ein bisschen verlegen.

Ich hingegen begrüßte ihn ebenso freudig und musterte ihn erst einmal ausgiebig, während er meinen Mantel aufhing. Gut sah auch er aus. Mir war gar nicht mehr bewusst gewesen wie gut, aber seine Ausbildung bei der Polizei trug sicherlich ihr Übriges dazu bei. Seine Muskeln hatten sich eindeutig vermehrt, denn vor ein paar Monaten saß sein Lieblingspullover, den er an hatte, noch nicht so straff an den Armen.

Ich ohrfeigte mich innerlich und wand meine Aufmerksamkeit wieder meinen Schuhen zu, die ich gerade versuchte aus zu bekommen.

Nachdem ich auch seine Eltern kurz begrüßt hatte, verschwanden wir nach oben in sein Zimmer. Viel hatte sich hier nicht verändert. Er holte noch das versprochene Bier und wir machten es uns gemütlich auf seiner Couch. Wir quatschten über dies und das, seine Ausbildung, mein Studium, was die anderen aus unserer Clique trieben und hörten uralte Weihnachtslieder.

Sein lächeln war immer noch so entwaffnend wie eh und je. Aber genau das war das Problem. Er war nicht schwul wie ich und als Freund wollte ich ihn auf keinen Fall verlieren. Als ich mich vor 5 Jahren bei ihm geoutet hatte, nahm er das ganz locker auf, meinte aber auch, dass er nicht damit umgehen könnte, wenn ich mich in ihn verlieben würde. An besagtem Tag brachte ich mein Vorhaben, ihm meine Liebe zu gestehen dann nicht mehr fertig und es war dabei geblieben.

Immer wieder, wenn meine Gefühle für ihn zu stark wurden, erinnerte ich mich an diesen einen Tag vor fünf Jahren und riss mich zusammen, sie unter Kontrolle zu bringen.

Einige Stunden und einen halben Kasten Bier später saßen wir immer noch da und lachten über Anekdoten aus der Schule, über Partys, lästerten über Leute, die wir beide nicht mochten und Stephan war immer näher zu mir gerutscht. Da wir beide schon nicht mehr so ganz klar waren genoss ich das und begann ihn immer häufiger, wie aus versehen, zu berühren.

Auf einmal sah er mir direkt in die Augen. Sie fesselten mich total. Ich konnte meinen Blick einfach nicht abwenden und dann tat er das, was ich nie zu träumen gewagt hatte: sein Gesicht näherte sich dem Meinen und damit auch seine Lippen. Ich spürte seinen süßen Atem auf meiner Haut. Nebenbei wanderten seine weichen Hände über meine Arme auf die Schultern, schlängelten sich meinen Hals hinauf und streichelten mich im Nacken. Dann trafen seine Lippen auf meine und ein wahnsinniges Kribbeln durchfuhr mich. Erst sanft und vorsichtig, dann immer stürmischer küsste er mich, bis wir uns nach einer halben Ewigkeit wieder trennten.

Völlig perplex muss ich ihn angesehen haben, doch er lächelte nur.

„Was… was war das denn?“, stammelte ich und sah ihn immer noch total entgeistert an.

„Ein Kuss.“, grinste er verschmitzt.

Ich war schon drauf und dran ihm dafür eine zu scheuern, denn verarschen konnte ich mich selbst.

„Haha. Als wenn ich das nicht selbst wüsste.“, schleuderte ich ihm verständnislos entgegen.

Wäre er nüchtern, hätte er das sicher nicht getan, da war ich mir so was von sicher!

Auf einmal bekam er ganz traurige Augen.

„Ich dachte du magst mich?“, fragte er kleinlaut und sah dabei schon wieder so süß aus, dass ich mir selbst schon wieder den Riegel vor schieben musste.

„Ich mag dich auch, sehr sogar, aber das ist ja gerade das Problem. Du bist nicht schwul und morgen wirst du das hier schon wieder bereuen.“ Mit einem schweren Seufzer ließ ich mich wieder zurück an die Sofalehne fallen.

Man war das verzwickt. Auf der einen Seite würde ich jetzt zu gern seine Nähe genießen, aber auf der anderen Seite gäbe das spätestens, wenn wir wieder nüchtern wären, den schlimmsten moralischen Kater, den es geben konnte.

„Warum sollte ich das morgen bereuen? Und woher willst du wissen, dass ich dich nicht genauso mag wie du mich?“ Er blickte mich schon wieder mit seinen sagenhaft grünen Augen an.

„Ganz einfach, du stehst nicht auf Typen. Darum kann ich mir da ziemlich sicher sein.“, gab ich zur Antwort.

Wusste der Junge eigentlich, wie wuschig er mich mit diesem Blick machte?

„Ganz sicher?“ Man, musste er es denn unbedingt darauf anlegen? Wollte er mich testen?

„Ja!“, antwortete ich schnippisch. „Spiel nicht mit mir!“, setzte ich noch etwas nachdrücklicher hinzu.

„Patti, wie lange kennen wir uns jetzt schon? Hm?“ Er überlegte kurz. „Ziemlich genau 15 Jahre müsste es her sein, das du mich auf dem Rodelberg vom Schlitten geschubbst hast.“, er lachte kurz auf. „Seit dem sind wir unzertrennlich oder? Bis auf dein blödes Studium in Mainhattan.“

„Ich weiß. Und wir haben uns immer alles erzählt. Daher bin ich mir ja auch sicher, dass du mich nur testen willst.“

Traurig blickte er zu Boden. „Vielleicht hast du mir immer alles erzählt.“ Wieder Pause.

Was hatte er da gerade gesagt? Er hätte mir NICHT immer alles erzählt?

„Ich hab dir was verschwiegen, weil ich dachte, du würdest mir nicht glauben, oder dich verarscht fühlen.“ Er sank noch ein wenig mehr in sich zusammen, als es das in den letzten Minuten schon geschehen war.

Außerdem verstand ich gar nichts mehr. Ich würde ihn niemals für irgendetwas auslachen oder ihn nicht ernst nehmen. Schließlich waren wir die allerbesten Freunde.

„Nun spuks schon aus.“

In dem Moment, als er dem Mund aufmachte um mir zu antworten, durchzuckte mich die Erkenntnis.

Da sprach er es auch schon aus.

„Patti, ich liebe dich.“

Unfähig irgendetwas zu sagen, umarmte ich ihn nur. Auf diesen Satz von ihm hatte ich so lange gewartet, hatte so lange davon geträumt, diese vier Worte aus seinem Mund zu hören und hatte die Hoffnung schon so lange aufgegeben.

„Ich dich doch auch“, flüsterte ich in sein Ohr.

Morgen werden wir wie immer am Tag vor Heilig Abend im Wald spazieren gehen und in diesem Jahr werde ich endlich seine Hand halten dürfen. Genauso, wie ich es heute Morgen noch erträumt hatte.

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