Kochgeschichten – Teil 1

Vorwort

Es war einmal…, und wird immer sein. Es kann aber auch ganz anders sein. Und es ist anders.

Märchen! Ist euch schon mal aufgefallen, wie grausam und brutal Märchen geschrieben sind? Voller Gewalt! Bei einem wird der Bauch aufgeschnitten (Der böse Wolf und die sieben Geißlein)!, bei einem anderen wird die Hexe verbrannt (Hänsel und Gretel)! Aber erst, nachdem Hänsel ausgiebig im Käfig gefoltert wurde!

Dagegen sind meine Geschichten ja direkt harmlos. Es werden keine Geschichten über Romeo und Julia, eher eine über Alexander und Mirko und Meli und… Der Inhalt der Geschichten? Da kann ich euch leider nichts verraten. Die Jungs erleben und erleiden sie ja erst. Deshalb freut es mich ganz besonders, dass ihr sie auf ihrem Weg ein Stück begleitet. Vielleicht werdet ihr mit ihnen leiden, euch aber auch mit ihnen freuen. Das Leben kann sehr schön sein, es kann sich aber auch zu einer Katastrophe entwickeln. Ja, und besonders für Jungen kann es besonders hart und grausam sein, oder werden. Es kann, aber es muss nicht.

Persönlich bevorzuge ich ja beendete Geschichten, süß, mit viel Zucker und einem schönen Happy End. So wie die Pit-Geschichten in etwa. Leider kann ich diese Art Geschichten nicht selber schreiben.

Die Kochgeschichten habe ich ursprünglich als FSK 18 Geschichte geschrieben. Für eine Veröffentlichung muss ich sie jetzt aber auf eine mehr oder weniger jugendfreie Version zurückkastrieren, ähm, zurückschreiben. Der Sinn ist aber, glaube ich, erhalten geblieben!

Euer Kanarenlover

nach dem Vorwort

Erklärungen am Rande:

  • / , was sich die Personen denken (sind auch meist kursiv formatiert)
  • „ und “ , wörtliche Rede
  • – , etwas Pause zwischen den Worten
  • ‚ und ’ , Anführungszeichen, um etwas hervorzuheben
  • = und == , Erklärungen oder, natürlich, megawichtige Meinungen des Autors

Kursiv formatierte Wörter sollen auch erklären, sich aber vom restlichen Text abheben .

Heute schreiben wir den 01. 07. 1991 und es ist für die Menschheit einer der traurigen, ja aber auch der ergreifenden Momente dieses Jahres 1991.

In Malibu, schlägt Michael Landon, der bekannte Schauspieler an diesem Montag die Augen für immer nieder. Welch traurige Trostlosigkeit. Wer soll denn nun „Unsere kleine Farm“ weiter bestellen? „Bonanza“ war für Generationen der Begriff für eine gute Westernserie. Aus dieser Welt ist ein großer Könner der Schauspielkunst geschieden.

***

Für das ergreifende Ereignis müssen wir uns nach Deutschland, (tut mir leid, das Bundesland ist mir leider entfallen, aber könnt gut Bayern sein), begeben.

Denn da liegt eine junge Frau schweißgebadet in ihrem Wochenbett. Die anwesende Hebamme ist, Dankeschön, eine warmherzige, gutmütige kleine Person, die ihr, im wahrsten Sinne des Wortes, Handwerk versteht. Sie steht der werdenden Mutter mit immenser, wissender und ruhiger Sorgfalt und dem nötigen Einfühlungsvermögen zur Seite. Das ist auch gut so, denn wer sich da seinen Weg ins Leben sucht, ist kein Leichtgewicht.

Sie hat es bestimmt schwer. Es ist wahrlich ergreifend, mitanzusehen und zu erleben, wie tapfer sie diese schwere Stunde meistert. Dank ihrer Presswehen rutscht das neue Leben aus ihrem Körper. So wie es sein muss, mit dem Hinterkopf voran, kommt das Kind an diesem sehr warmen, sonnigen Sommertag zur Welt.

Nachdem die Hebamme den Jungen, jawohl, es ist ein Junge, abgenabelt, gewaschen und ihm einen Klaps auf den Hintern gegeben hat, legt sie das kleine Bündel, das in ein paar Monaten auf den wohlklingenden Namen ALEXANDER getauft wird, behutsam in die Arme der jungen Mutter. Mit recht kräftiger Stimme gibt er der Welt seine Existenz kund. Welch ein Prachtkerl ist er heute schon!

***

Und erst 16 Jahre später:

Alexander ist inzwischen Kochlehrling im 1. Lehrjahr.

Seine hellblonden Haare sind hinten kurz, vorn dafür ein bisschen länger damit sie ihm ins Gesicht fallen können. Er ist 178 cm groß und schlank, nicht sonderlich muskulös, was auch gar nicht zu seinem restlichen Körper passen würde. Er ist aber auch kein Spargeltarzan. Über sein tolles Sixpack sei hier mal gar nicht geredet. Seine auffallenden grünen Augen lenken von einem Augenbrauenpiercing in Form eines Blattes völlig ab.

*-*-*-*-*

In New York City, USA, stirbt am Dienstag, 02. 07. 1991 die Schauspielerin Lee Remick. Die Gazetten der ganzen Welt werden von diesem Tod berichten. Für immer unvergessen an der Seite Richard Burtons in „Der Schrecken der Medusa“, oder an der Seite Charles Bronsons in „Telefon“.

***

Dessen ungeachtet versuchen Ärzte ein paar tausend Kilometer entfernt, einer hoch geachteten und geschätzten Frau das Leben zu retten.

Sie gebiert. Nur, – diese kleine, tapfere Frau hat ein schwaches Herz. Das flattert. Das unregelmäßig geht. Und das gelegentlich aussetzt.

Tief in ihrem Inneren weiß sie, sie wird diese Geburt nicht überleben. Sie macht sich ihre Gedanken. Wie soll es denn weitergehen? Es muss doch auch ohne sie weitergehen!

„Mein Leben für das Leben unseres Jungen. Rette den Jungen und liebe ihn, dass er dich lieben und achten kann. Ein Teil meiner wird durch ihn immer bei dir sein. Gib ihm Kraft, und Mut und Stärke. Gerne gebe ich mein Leben für das seine, denn er wird etwas besonderes sein. Ich weiß, er wird in deinem Herzen seinen Platz finden. Ich liebe und segne dich!“

Die Worte einer Sterbenden. An wen?

***

An den Mann, der seine Frau in dieser schweren Stunde nicht alleine lassen wollte, der selbst Arzt ist, der bei der Geburt seines Sohnes mit dabei sein wollte. Ihren Mann. Den Vater ihres Sohnes, der nun den eigenen Sohn in Händen hält. Aber für welchen Preis.

An diesen geliebten Mann, mit dem sie alt werden wollte! Dem sie noch so viele Kinder schenken wollte! Vor zwei Jahren erst haben sie geheiratet. Und jetzt? Jetzt muss sie ihre letzten Worte an den Mann richten, den sie mit jedem Tag mehr zu lieben vermochte.

„Lasse ihn MELI taufen! Gib unserem Sohn deine ganze Liebe. Hasse ihn bitte nicht, er kann doch nichts dafür, dass ich dich jetzt verlasse, sondern gib ihm deine ganze Liebe. So wie du mich und ich dich geliebt habe. Beschütze unseren Sohn.“ Nur mehr ein Hauch.

Er hört diese letzten Worte seiner geliebten Frau. Jeder einzelne Buchstabe brennt sich in seinem Hirn fest.

***

Ihre Augen brechen. Ein Aufschrei. Sein Aufschrei. Der Aufschrei Hiram Kantous.

„NEEEEEIIIIIN.“ Er schreit es heraus. So grausam darf, kann das Schicksal doch nicht sein.

E i n e T r a g ö d i e.

Diese von allen fast vergötterte Frau scheidet. Sie scheidet mit einem seligen Lächeln in eine barmherzigere Welt. In dieser schweren Stunde, mit dem neugeborenen, kleinen Meli auf dem Arm, faßt er einen Entschluß.

Er wird Marokko, das Land, das er trotz allem liebt, den Rücken kehren. Er wird nach Deutschland gehen. Sich, und seinem Sohn eine neue Existenz aufbauen!

Seinen Sohn, diesen kleinen Wurm, den er da in seinen Händen hält, hassen? Nein! Jetzt schon sieht er in seinem Sohn die Gesichtszüge seiner schönen Frau und liebt ihn doch schon jetzt, trotz dieser wirklichen Tragödie, über alles.

***

Etwa 16 Jahre später:

Aus Meli ist ein hübscher Junge mit schwarzem kurzen Haar, schönen vollen roten Lippen, samtiger dunkler weicher Haut und großen, runden, gewinnenden, fast schwarzen Augen geworden.

Er ist 180 cm groß, schlank und dennoch athletisch. Ein kleiner Knopf im rechten Ohr fällt eigentlich keinem auf.

Er besucht die 10. Klasse des Gymnasiums.

*-*-*-*-*

Deutschland trauert, als am Montag, den 18. 07. 1988 Michael Jary, der Komponist vieler weltberühmter Lieder, stirbt. „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ ist nur eines seiner berühmten Kompositionen.

***

Dafür schläft ein Neugeborenes süß in den Armen der Mutter. In ein paar Wochen wird er auf den Namen MIRKO getauft.

Von den Verhältnissen, in denen er aufwachsen wird, kann er noch nichts wissen. Mit sechs Geschwistern in einer Arbeiterfamilie Großwerden, kann ganz schön an die Substanz gehen. Wahrscheinlich wird es das auch.

Seine Mutter versucht, ihre Liebe auf alle Kinder gerecht zu verteilen. Meist gelingt ihr das ja auch. Es allen recht zu machen, gelingt aber auch ihr nicht. Ja, und dann der Vater.

Eine gescheiterte Existenz. Ein Trunkenbold. Ein streitsüchtiger Mensch und, wenn man ihn herausfordert, auch ein Schläger. Ein Schläger sogar in der eigenen Familie, dem die Hand auch aus dem geringsten Anlass ausrutscht. Ein ziemlich unangenehmer Zeitgenosse.

Jedoch bringen die größten Kotzbrocken oft die liebsten und prächtigsten Söhne hervor, nach denen wiederum anderer Leute Söhne suchen und sie gelegentlich auch finden. Mirko ist so ein Prachtbursche. Vielleicht will auch er eines Tages von einem Jungen gefunden werden – vielleicht wird er auch eines Tages gefunden werden!

***

19 Jahre später:

Aus dem Neugeborenen von damals ist ein Kochgeselle geworden der seinen Beruf auch liebt.

Seine braunen Haare hat er sich weißblond färben lassen, mit grünen Spitzen. Dazu passen seine auffallend blauen Augen ganz hervorragend. Mit 190 cm ist er nicht gerade klein und da er etwas stämmig ist, fällt deswegen auch der kleine Bauchansatz nicht auf. Seine Grübchen an den Wangen sind noch erwähnenswert.

*-*-*-*-*

Kochgeschichten TEIL 1

„Ist das heute wieder ein stressiger Tag. Immer diese Sonderwünsche! Samstag abend um 19.46 Uhr. Ein Chateaubriand! Und dazu will dieser Ignorant Seezunge. Zu einem Chateaubriand! Passt doch überhaupt nicht! Ich bin zwar noch nicht mal im zweiten Lehrjahr, aber so was auch. Das ist doch ein Verbrechen! Womöglich auch noch auf der selben Platte angerichtet!“ motzt Alexander leise vor sich hin.

Darum muss Alexander über den Gang. In den Vorratsraum. Und durch diesen in die Tiefkühlung. „Seezunge haben wir natürlich nicht frisch vorrätig. Seezunge! Und dazu dann womöglich noch ordinäre Pommes frites. Perversling! Aber, was reg ich mich eigentlich so auf? Auf der Hotelfachberufsschule haben wir eine Currywurst mit Kartoffelpüree vorgesetzt bekommen. Da muss aber für die Essenszubereitung (für die Kochlehrlinge die im anschließenden Internat untergebracht sind) immer ein Ausbilder dabei sein! Als ich das vor drei Monaten unserem Küchenchef Herrn Obermeier erzählte, fiel dem erstmal der Kinnladen runter. Zu seiner Zeit, meinte er, war so ein Essen noch ein Verbrechen! Aber heute? Chateaubriand mit Seezunge auf einer Platte! Na Mahlzeit!“ Wieder dieses leise Gemotze von Alexander.

Als aufmerksamer Kochlehrling weiß man ja, wo man um die Seezunge hinlangen muss. Zwei Stücke davon gekrallt und dann zurück über den Gang in die Küche. Mittlerweile ist Alexander ja auf 180! In der Tiefkühlung ist es schweinekalt. In etwa zwei Stunden aber ist für heute Schluss und dann würde Mirko auf Alexanders Zimmer kommen um wieder eine Runde mit ihm zu Wichsen! Ist immer megageil! Mirko mit seinem dicken Monsterschwanz!

Ach so. Ja. Alexander ist schwul! Und das auch noch gerne! Bisher hatte er ja noch keine Probleme mit seinem Schwulsein, was ja auch in der Zukunft hoffentlich so bleibt. Auch mit seinen Eltern hat er bisher keine Probleme. Wie denn auch. Sie Wissen es ja auch noch nicht. Und das soll auch in Zukunft ruhig so bleiben, bis sich einmal eine passende Gelegenheit dazu ergibt. Aber jetzt wieder weiter mit der Geschichte.

***

„Das dauert hier ja wieder mal Ewigkeiten. Wenn wir nicht schon die gute französische Zwiebelsuppe mit den überbackenen Croutons gehabt hätten, würde mir der Magen bereits bis in die Kniekehlen hängen.“

Meli, der junge Mann, der gerade diesen Kommentar ablässt, sieht seinen allseits bekannten und beliebten Vater, der Kinderarzt ist – der die Herzen der Kinder auch wirklich erreicht und den sie deswegen auch lieben – mit angesäuertem Gesichtsausdruck an. Er hat ja heute außer der Suppe auch noch nichts zu Essen gehabt. Mittags hatte er keinen Appetit. Außerdem war ihm da leicht schlecht und seine rechte Seite hat etwas gezwickt.

„Nun komm schon Meli. Du weißt doch ganz genau, dass man hier in diesem kleinen Marktflecken keine soooo große Auswahl an Restaurants hat. Dafür isst man aber hier im Hotel König auch wirklich wie ein solcher und wird auch so behandelt! Und außerdem…“ Jetzt lächelt dieser immer noch gutaussehende und attraktiv wirkende Mann. „… wer serviert mir hier schon eine Seezunge zu einem Chateaubriand ohne mit der Wimper zu zucken. Ich esse sie aber nun mal zu gerne.“

== Oh, dann wäre ja dieser Punkt auch geklärt. Wegen pervers und so… == 😉

Ihre Unterhaltung plätschert noch eine ganze Weile vor sich hin, dann meint Meli: „Ich geh dann mal für kleine Jungs.“

„Bist du das denn nicht?“ schmunzelt sein Vater.

Etwas gequält lächelt Meli zurück und macht sich dann auf den Weg. Dazu muss er nur den rustikal mit hellem Holz eingerichteten Gastraum durchqueren. Dabei zieht er mehrere auch weibliche Blicke auf sich. In seiner knackigen weißen Jeans und dem blauen Poloshirt sieht er aber auch verboten gut aus. Die Versuchung in Person, die schon mehrere Sünden wert wäre. Links an der Theke bzw. dem Getränkeausschank vorbei und durch die getönte gläserne Schwingtür noch ein Stückchen den Gang entlang und dann links rein in die Toilette.

Ach ja, der Getränkeausschank:

Er dient zugleich – vor allem abends – als Bar und Theke. Mit reichlich Sitzgelegenheiten. Allerdings keine normalen. Gleichzeitig Sitzgelegenheit und Schaukel! Mehrere etwa 15 cm dicke und drei Meter lange gepolsterte Holzbretter, mit dicken Tauen an der Decke aufgehängt und befestigt, schwingen bei Bedarf vor der Theke herum. Oder man setzt sich nur ruhig drauf und schlürft seinen was-auch-immer an der Bar.

Nachdem Meli aber durch die Glastür ist, bleibt er wieder mal fasziniert stehen.

Das Hotel ist direkt an einen riesigen Felsen gebaut worden. Anstatt diesen Felsen wegzusprengen hatte der Architekt den Einfall, diesen in das Hotel zu integrieren. Unten im Empfangsraum und eben hier im ersten Stock sieht man diesen faszinierenden Naturstein.

Gerade als Meli sich von diesem Anblick wieder losreißen und er weiter will, sieht er aus dem Augenwinkel noch etwas Rotes, dann ist er am Umfallen!

***

Das Rote, das Meli gerade noch wahrnimmt, gehört zu Alexanders Kochkleidung. Es ist seine Krawatte.

Nur zur Erklärung, zu einer Kochgarnitur gehören:

– eine karierte grau-blaue Hose

– eine auf zwei Seiten knöpfbare Jacke mit verschiedenfarbigen Knöpfen

– einem Vorbinder (ein kurzer Schurz – mittlerweile auch in versch. Farben erhältlich) der um den Bauch ge

bunden wird

– eine Krawatte (ein Dreieckstuch, das gefaltet und dann wie eine Krawatte um den Hals gebunden wird – auch

verschiedenfarbig

– eine Kochmütze bzw. ein Schiffchen (beliebt auch bei den Bäckern) aus Stoff od. Papier

– aus festem Schuhwerk, das vorne bei den Zehen geschlossen zu sein hat

– wahlweise auch aus einem Handtuch das zwischen Vorbinder und Bauch geklemmt wird (Um sich jederzeit

die Hände saubermachen zu können). ==

„Ups… Hilfe!… Shit!…“ Seezunge segelt durch die Luft. Zwei Herzen, die wild zu hämmern beginnen. Ein fast zu Tode erschrockener Alexander der jetzt schnell vorspringt um Meli festzuhalten, der schon zu kippen beginnt.

„Tschuldigung. Hast du dir etwas getan?“ fragt Alexander. In diesen samtigen fast schwarzen Augen könnte er sich verlieren. Wahnsinn!

„Nein. Geht schon wieder. Bin nur etwas erschrocken.“ Langsam fängt Meli sich wieder. „Bist du immer so stürmisch? Hast du dir etwas getan? Arbeitest du hier? Wer bist du denn überhaupt? Habe dich hier überhaupt noch nie gesehen! Willst du mich etwa heiraten?“

Immer noch ein bisschen von der Rolle stammelt Meli diese Worte. Es geht ihm aber schon wieder ganz gut so weit, nur seine Seite fängt jetzt wieder zu ziehen an und ihm wehzutun.

„Hi. Ich bin der Alexander. Arbeite hier. Haben heute soviel Stress. Jetzt will auch noch so ein Perversling Seezunge zu Ochsenfilet. Verrückte Welt. Bin aber schon einige Monate hier. Warum – ist so ein Schnuckel wie du überhaupt noch zu haben?“

Alexander muss noch in anderen Sphären schweben, sonst hätte er sich doch sicher den letzten Satz verkniffen. Langsam kommt aber auch er wieder runter. Und begreift, was er da gerade losgelassen hat. Er läuft knallrot an.

***

„Ähm… Was wird das denn hier? Wo bleibst du denn Alexander. Ich brauche endlich die Seezunge. Herr Kantou wartet schon lange genug.“

Kann man Peinlichkeit überhaupt noch steigern? Oh, doch! Alexander scheint dies übergangslos und dauernd zu gelingen. Außerdem hält er Meli immer noch mit beiden Armen umfangen, obwohl dies überhaupt nicht mehr nötig wäre.

Herr Obermeier, der Hotelküchenchef ist wohl der gleichen Meinung. „Jetzt komm endlich Alexander und lass diesen jungen Mann los. Hast du was mit Ihm?“

Wie war das mit Peinlichkeit!?

„Ich komme schon Herr Obermeier. Nein, hab ich leider nicht!“

/Kann mir bitte jemand einen Knoten in die Zunge machen?/

„Ich habe ihn nur aus Versehen fast über den Haufen gerannt. Ist aber auch unheimlich stressig heute.“ Währenddessen sammelt Alexander die Seezunge wieder auf, Entschuldigt sich nochmals bei Meli und flüchtet zurück in die Küche, verfolgt von Herrn Obermeiers Gelächter.

„Nimm’s Alexander nicht übel. Ist sonst ein lieber Junge. Zwar etwas stürmisch, aber lieb. Fehlt dir auch wirklich nichts? Du kommst mir irgendwie so bekannt vor.“

„Dr. Kantou ist mein Vater. Wir sind öfter wegen ihrer guten Küche hier. Danke, mir geht’s gut. Ich muss jetzt aber los, sonst passiert wirklich noch ein Unglück.“ Mit diesen Worten dreht sich Meli um und verschwindet in der Toilette.

***

„Am lange suchen müssen kann es aber nicht liegen, dass du so lange weggewesen bist. Oder ist dir eine junge Dame über den Weg gelaufen?“ zieht Herr Kantou seinen geliebten Sohn auf.

„Und wenn?“ grinst Meli. Seinem Vater entgleisen die Gesichtszüge. Endlich hat er ihn. Meli grinst noch breiter. Normalerweise hasst er ja die Anspielungen seines Vaters wegen seiner nicht vorhandenen Freundin.

Er will keine Freundin. Er ist jetzt 16. Seit zwei Jahren weiß er mit Bestimmtheit dass er schwul ist, die Zeit vorher war es doch noch eher Vermutung. Auch er hat bisher keinerlei Ärger wegen seiner Veranlagung. Wie denn auch?! Es weiß ja keiner, Naja, fast.

Seine Anna. Die weiß es. Die wusste es schon vor ihm. Seine geliebte Anna weiß alles. Dafür vergöttert er sie aber auch. Galt und gilt umgekehrt aber genauso. Ihre Hausdame und Köchin. Zugleich aber auch sein Kindermädchen (dabei war sie damals vor 14 Jahren, als die Kantous von Marokko nach Deutschland kamen schon 45 Jahre alt). Aber eine Seele von Mensch. Ihr hatte es Meli auch zu verdanken, dass er nie in ein Internat musste. Zu seiner Anna hat er eine sogar noch innigere Bindung als zu seinem Vater. Vor ihr läuft er sogar mit 16 Jahren noch nackt herum, ohne sich dabei groß etwas zu denken. Vor ein paar Wochen machte sie ihm sogar wegen seines tollen Körpers ein Kompliment. Und ihm war’s nicht ein bisschen peinlich. Im Gegenteil. Er hat sich darüber gefreut. Ja, sich sogar noch in Positur gestellt bis Anna lachend das Zimmer verlassen hat.

***

„Meli, ich…“ Ausgerechnet jetzt muss natürlich das Essen aufgetragen werden. Wo er doch endlich mit seinem Meli reden will. Einiges klarstellen und klären will. Er hat schon lange einen bestimmten Verdacht. Aber Meli ist sein Sohn und er liebt ihn über alles. Er liebt ihn doch nicht weniger, nur weil er vielleicht… Das Essen heute will er auch nutzen, um sich mit seinem Verdacht sicher sein zu können. Sein Meli soll ihm nicht auch noch entgleiten, wie vor vielen Jahren seine immer noch geliebte Frau. Ausgerechnet jetzt…

Aber was da serviert wird, ist schon etwas. Herrlich angerichtet auf einer großen silbernen Platte.

Ein 6-7 cm dickes Ochsenfiletstück, angerichtet auf frischem grünen Kopfsalatblättern. Das Fleisch allein schon nimmt die viertelte Platte in Beschlag. Linker und rechter Seite der Platte sind zwei große Pyramiden mit Kartoffelwaffeln aufgebaut. Die sehen schon von weitem lecker und knusperig aus. Links vor der Pyramide in saftigem Schinken eingerollter Stangenspargel. Auf der rechten Seite, wieder vor der Pyramide zwei Artischockenherzen. Zwischen den Artischockenherzen junge Möhrchen. In Butter geschwenkt. Vor dem Filetstück links und rechts jeweils in durchwachsenen geräuchertem Bauchspeck gerollte Prinzessbohnen. Gleich daneben die unvermeidlichen Pommes frites. Aber nur zwei ganz kleine Häufchen. Und direkt vor dem Filetstück in der Mitte eine große ausgehöhlte Tomate. Gefüllt mit einer lecker aussehenden Kräutermayonnaise. Darauf ein gegrillter Tomatendeckel.

Dann ist da noch eine kleine Platte mit einer großen gegrillten Folienkartoffel. Auf mehreren rotschaligen Apfelscheiben die leicht karamellisierte Seezunge. Dazu auf einem kleinen hölzernen Rollwägelchen mehrere in Schalen angerichtete Saucen. Die große Platte thront unübersehbar auf einem sicher sehr heißem Rechaud.

Der sichtbar sehr nervöse junge Kellner legt erst die Seezunge vor. „Sie machen das ganz hervorragend. Und wegen mir oder meinem Sohn brauchen Sie wirklich nicht nervös zu sein,“ beruhigt Melis Vater (- von Meli ja eigentlich immer nur Paps genannt -) den Kellner. Der beruhigt sich auch sichtbar und lächelt dankbar.

„Nach dem Essen möchte ich noch gerne etwas mit dir bereden Meli. Aber genießen wir erst unser Essen.“

Ja, genießen tun sie dann reichlich und ausgiebig. Bei diesen Köstlichkeiten ja auch kein Wunder. Meli zuckt zwischendurch einmal zusammen. Von seiner rechten Seite hat er jetzt einen richtigen wehtuenden Stich bekommen. „Aua!“

***

„Habe ich einen Fehler in deiner Erziehung gemacht Meli? Oder was habe ich in den 16 Jahren falsch gemacht, Meli, dass du kein Vertrauen in mich hast? War ich ein so schlechter Vater? Es tut weh, mein kleiner Herzstein! Es tut weh, dass du so wenig Zutrauen zu mir hast. Nicht einmal die Anspielungen wegen einer Freundin haben dich aus deiner Reserve locken können. Ich weiß bei dir einfach nicht mehr weiter, mein kleiner Herzstein! Ich will dich doch nicht auch noch verlieren.“ Die Stimme Hiram Kantous bricht. Er sieht jetzt auch sehr traurig aus.

Meli erschrickt als er sieht wie sein geliebter Paps vor ihm fast grau wird im Gesicht. Etwas muss ihm sehr stark zusetzen.

/Er weiß dass ich…, die ständigen Fragen nach Freundinnen…, Aua, was ist denn das? Wie kann ich…, Aber…, Er ist traurig, aber nicht wütend auf mich…, Heißt das, dass…, Auuuaa/

„Paps, ich…, weißt du…, ich bin…, kann doch nichts dafür…, du nicht…, lieb dich doch…“ Auuuaa… das tut so weh! Paps, hilf mir doch! Auuuaaaaa… so wehhh!“

Mit einem herzerweichendem Schluchzen rutscht Meli ohnmächtig? Oder gar bewusstlos? oder…??? von seinem Stuhl!

Hat er etwa doch das schwache Herz seiner Mutter geerbt?!?

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