Kochgeschichten – Teil 3

/Oder haben das die Chefs so an sich, dass sie immer mehr als andere wissen? Unserer wohl ja. Der weiß immer mehr!/ geht Alexander noch so durch den Kopf, als er schon im Bett in seinem Zimmer liegt. Es ist ein hektischer Samstag gewesen heute, aus diesem Grund ist er schon früher als gewöhnlich zu Bett gegangen.

Heute hat er zum Schlafen eine schwarze Satinshorts angezogen. Solche Satinshorts hat er nur beim Schlafen an. Er liebt es wie sich der flauschige Stoff an seine Haut schmiegt und sie somit streichelt. Sogar spezielle Weihnachtsshorts in unterschiedlichen Farben hat er. In seine grünen mit den Weihnachtsmännern darauf ist er besonders verschossen. Da stellt er sich in seiner Fantasie immer die geilsten Sachen vor, was die Weihnachtsmänner alles mit ihm anstellen würden.

Mirko ist dann ja heute auch nicht mehr gekommen. Obwohl sie sich beide schon auf den Abend gefreut hatten. Aber die Ereignisse sind gegen sie gewesen. Zuerst dieser schnuckelige Junge! Oh, wie gerne würde er Meli näher kennenlernen. Irgendetwas ist bei dem Zusammenstoß mit Alexander passiert. So ein Gefühl!

== Nein, nicht ‚dieses Gefühl’ ==

Als wie…, ja wirklich, als wie wenn ihm ohne Meli plötzlich etwas fehlen würde, er einen Verlust zu beklagen hätte!

Langsam umschließen Morpheus Arme Alexander und er fängt friedlich an zu schlafen und zu träumen.

Er weiß ja auch nicht, was sich noch alles im Hotel abspielen wird!

***

Und dann erst diese Alte! Ja, genau die aus der Garderobe. Diese eiserne Jungfrau. Ist ja nicht so, als wie wenn man sich großartig mit Jungfrauen auskennen würde. Aber wenn eine dem gängigen Klischee genügt, dann diese Alte. Schrullig, äußert neugierig und mit einer dermaßen schrillen Stimme gesegnet, dass sie in den Ohren wehtut. Ohne jetzt gehässig zu werden, kann man ruhig behaupten, dass Sie wahrscheinlich auf der Welt ist um ihren Mitmenschen diese zur Hölle zu machen.

Bei Herrn Obermeier kommt sie aber damit an den Falschen. Was die Angestellten des Hotels lange Zeit nicht wussten, Herrn Obermeier gehört das Hotel fast vollständig. Irgendwie soll aber noch ein kleiner Anteil am Hotel seiner geschiedenen Frau gehören. Dann soll es sogar noch einen Sprössling von den beiden geben. Dazu ist aber nur wenig bekannt.

Selbstverständlich bekam er mit, wie die Alte in die Garderobe segelte und auch kurz darauf das Geklatsche der anderen Gäste losbrach. Auch dass die Alte sich dann nicht mehr groß rührte bis die Sanis und die Ärzte abgezogen waren.

Als der Zinnober im Restaurant jetzt von neuem beginnt, macht sich Herr Obermeier auf den Weg dorthin. Langsam reicht es ihm nämlich! Den meisten Gästen schmeckt sein Essen so gut, dass sie wöchentlich bei ihm im Hotelrestaurant einkehren. Deswegen kennt auch er die meisten seiner Gäste persönlich und weiß sie auch mit Namen anzureden.

Herr Obermeier ist meistens ein netter und äußerst besonnener Mensch. Daher entschuldigt er sich auch bei den Gästen für den heutigen Abend und die Unannehmlichkeiten die für sie dadurch entstanden sind.

Des weiteren erlässt er ihnen für den heutigen Abend die Kosten für das Abendessen, was von allen dankbar angenommen wird.

Es verlassen daher alle Gäste, bis auf einige wirkliche Freunde, das Restaurant bereits.

Der größte Teil der Gäste hat ja auch wirklich Verständnis für die Situation. Sie bekamen ja mit, dass ein durchbrochener Blinddarm die Ursache allen Übels war. Allen Übels? Nein, bei weitem nicht! Da ist ja noch diese Alte!

Eine gewisse Frau Fröhlich. Auch die ist Herrn Obermeier bestens bekannt. Und wie! Ist ja auch nicht das erste mal, dass sie versucht Ärger zu machen.

Allerdings beißt sie bei dem höflichen und aufmerksamen Personal meist auf Granit. Auch viele vorher anwesenden Gäste kennen die Alte, diese Frau Fröhlich! Denn nicht nur bei einem der Gäste ist sie plötzlich am Tisch gestanden und hat mit Händen und Fingern gefragt, was denn da auf dem Teller sei und wie es schmecke. Es konnten aber die hervorragenden Kellner und Bedienungen die Wogen meistens wieder glätten. Aber heute hat sie den Bogen überspannt. Bei weitem überspannt!

***

„Frau Fröhlich!“ donnert eine Stimme durch das Restaurant. Sogar die Kellner zucken bei diesem Ton zusammen und denken ob nicht der Racheengel der Geknechteten persönlich hierher gekommen ist.

Die eiserne Lady – nein, nicht Margret Thatcher auf Queen Elisabeths Inselchen – sondern eigentlich die alte Jungfer Frau Fröhlich. Denn auch diese zuckt beim Klang dieser Stimme sichtbar zusammen.

„Was fällt Ihnen überhaupt ein? Wissen Sie eigentlich, was Sie mit Ihrer vermaledeiten Neugier hätten anrichten können? Mir reicht es jetzt mit Ihnen! Es ist nicht das erste Mal, dass sie hier für Wirbel sorgen, aber bestimmt das letzte Mal! Wäre es Ihnen lieber gewesen, der Junge stirbt durch Ihre Schuld, weil Sie neugierige Person die Rettungsmaßnahmen behinderten?“

Mit jedem Satz schrumpft die Alte besser in sich zusammen. Vielleicht kommt sie ja nach diesem Donnerwetter wieder zur Besinnung und beginnt, mal zu denken. Bis jetzt schnappt sie aber nur wie ein Fisch auf dem Trocknen nach Luft!

„Was…“ Ah…, die Fröhlich scheint sich wieder zu fangen. Jetzt wird sie sich bestimmt gleich bei Herrn Obermeier und den wenigen anderen Anwesenden für ihr Verhalten entschuldigen.

„Was fällt Ihnen denn überhaupt ein! Wie können Sie es wagen, in diesem Ton mit mir zu reden. Ich bin schließlich Frau Eulalia Fröhlich! Mein Gatte war Oberamtsrat bei der Post. Wir sind angesehene Persönlichkeiten! Was also erlauben Sie sich, Sie kleiner Bourgeois!“

Bei dieser Alten muss jetzt auch noch die letzte Sicherung den Geist aufgegeben haben. Wäre das hier ein Theaterstück, man könnte sogar darüber lachen.

Es ist aber traurige Wirklichkeit. Auch Herrn Obermeier wird langsam klar, dass hier wohl ein Krankentransport besonderer Art organisiert werden muss. Gerade als er sich umwenden will, um einen seiner Kellner zu bitten vom 17 Kilometer entfernten Nervenklinikum einen Wagen anzufordern tippt ihn ein etwa 35 jähriger Mann an die Schulter.

„Entschuldigen Sie bitte. Ich fürchte, meine Tante ist jetzt ganz in ihrer Traumwelt versunken. Ich habe heute beim Essen mit ihr schon einen bestimmten Verdacht bekommen. Sie hat so komisch dahergeredet. Leider habe ich mit meinem Verdacht recht. Nach einem Transportfahrzeug habe ich bereits vorher telefoniert, als das mit den Sanitätern war. Irgendwie war mir da schon klar, dass sie Hilfe braucht. Oh, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Michael Berg.“

Mit diesen Worten streckt der Mann Herrn Obermeier die Hand entgegen, die dieser auch ergreift.

„Stefan Obermeier.“

„Der Küchenchef und Besitzer dieses angesehenen Hotels, ich weiß.“ Der Mann spricht mit einer klaren angenehmen Stimme. Sie klingt nur etwas traurig. „Für den entstandenen Schaden werde ich selbstverständlich aufkommen. Oh, ich glaube die Krankentransporteure sind bereits da. Entschuldigen Sie mich bitte.“

== Krankentransporteure – eine nette Umschreibung ==

Auf eben jene Transporteure geht Michael Berg jetzt zu. Denn bei ihnen steht noch ein weiterer Mann in weißer Kleidung mit einer Arzttasche in der Hand. Diesem erklärt Berg die Situation und zeigt ihm zugleich seine zukünftige Patientin.

„Freiwillig wird sie wohl kaum mitkommen.“ Der Nervenarzt wendet sich den beiden Pflegern zu. „Ihr werdet sie links und rechts festhalten müssen. Pascal du wirst ihr dann den Ärmel hochschieben, damit ich ihr die Spritze geben kann.“

Im Notfallkoffer liegen bereits vorbereitete Spritzen. Er sucht sich eine, mit schnell wirkendem Mittel, präparierte Spritze heraus.

„Tante Eulalie! Dieser Mann ist Arzt. Er wird dir jetzt eine Vitaminspritze geben. Dann wirst du dich ein paar Tage ausruhen. Die letzten Wochen waren recht anstrengend für dich. Der Tod Onkel Gustavs hat dich zu stark mitgenommen!“

Frau Eulalia Fröhlich ist, wie sich jetzt herausstellt, doch keine Jungfrau mehr. Sie beginnt jetzt schrill zu lachen.

„Du kleiner homosexueller Bastard! Was hat mein armer Bruder nur angestellt um so eine perverse Missgeburt wie dich zu bekommen. Du wärst so ein hübscher, lieber, gutaussehender Mann, wenn du dich endlich von deiner Krankheit heilen lassen würdest. Ja, mein lieber Michael, dann wäre sogar ich bereit, dich richtig in die Liebe einzuführen. Na, ist das kein Anreiz für dich, dich jetzt doch endlich heilen zu lassen? Sogar ‚mich’ könntest du bekommen, Michael!“

Als seine Tante anfängt zu reden, wird Michael Berg traurig. Er weiß ja, dass sie es nie akzeptiert hat, dass er Männer lieber mag als Frauen. Bei den weiteren Worten seiner Tante wandelt sich sein Gesichtsausdruck von traurig in angewidert. Es läuft ihm inzwischen eiskalt den Rücken runter! Was ist nur mit seiner Tante passiert? Ist das überhaupt noch seine Tante? Oder ist sie nicht schon ein Monster?

Er hat jetzt den Verdacht, dass sie ihn heute nur zum Essen eingeladen hat, um ihm ein Angebot zu machen. Das Angebot, mit ihr zu schlafen! Ihm wird schlecht! Michael Berg dreht sich um und geht schnellen Schrittes in Richtung Toilette davon. Er wird immer schneller. Zum Schluss rennt er.

Gerade noch rechtzeitig! Kaum hängt er über der Schüssel, kommt auch sein Mageninhalt bereits hoch. Minutenlang geht das so. Sein Magen ist bereits leer. Es kann also gar nichts mehr hochkommen. Langsam kommt er wieder zur Ruhe.

Dafür beginnt er jetzt hemmungslos zu weinen!

***

Ersparen wir uns die unrühmliche Szene als die Fröhlich ‚behandelt’ und dann abtransportiert wird. Widmen wir uns lieber Michael Berg, der es nötiger braucht und es sich auch verdient hat!

„Kommen Sie bitte mit Michael. Wir trinken jetzt noch einen Cognac miteinander. Sie werden sehen, das hilft Ihnen. Bitte kommen Sie, Michael.“

Herr Obermeier. Aber er spricht jetzt mit einer so sanften und gefühlvollen Stimme. Wer ihn vorhin miterbebt hat, kann kaum glauben, es immer noch mit dem selben Menschen zu tun zu haben.

Das ist auch eine, außer der Kochkunst, weitere Stärke von Herrn Obermeier. Er kann sich auf die jeweilige Situation und auf die jeweiligen Menschen einstellen. Und – es zeigt seine Wirkung. Michael erhebt sich vom Boden und drückt dabei gleichzeitig ein weiteres Mal die Toilettenspülung. Auch tritt er noch an das Waschbecken, um sich die Hände zu waschen und den Mund auszuspülen.

Zaghaft lächelt er jetzt Herrn Obermeier zu.

„Danke! Sie sind sehr nett zu mir. Ich weiß gar nicht, ob ich das verdiene. Soviel Scherereien, die Sie durch mich haben! Ich glaube, es ist besser, ich gebe Ihnen nur meine Adresse wegen des angerichteten Schadens. Und dann gehe ich besser.“

Herr Obermeier lächelt jetzt auch. Aber schalkhaft.

„Nein, Sie können noch nicht gehen! Vorhin habe ich Sie auf einen Cognac eingeladen. Den können Sie nicht ablehnen. Sie wollen mich doch nicht beleidigen. Und mich außerdem um das Vergnügen Ihrer Gesellschaft bringen.“

„Bitte verspotten Sie mich doch nicht Herr Obermeier. Es ist schon schlimm genug. Sie haben doch vorhin diese Frau….., Gott…., diese Frau ist meine Tante, gehört. Sie haben es mit einem Perversen, mit einem Homosexuellen zu tun. Meine Gesellschaft ist also bestimmt kein Vergnügen.“

„Lassen Sie uns endlich unseren Cognac trinken!“ So bestimmend und befehlend jetzt Herrn Obermeiers Stimme klingt, traut sich Michael nicht mehr, zu widersprechen. Er folgt dem anderen, der sich bereits in Bewegung gesetzt hat, einfach.

***

Bis auf zwei Kellner, die noch aufräumen und für den kommenden Tag alles vorbereiten, ist das Restaurant leer. Herr Obermeier zieht Michael mit zum Getränkeausschank bittet ihn dort, auf einer Schaukel Platz zu nehmen. Er selbst geht in den Ausschank, öffnet ein an der Seite angebrachtes kleines Türchen und zieht eine Flasche heraus. Von der Ablage über seinem Kopf holt er zwei große Cognacschwenker heraus und stellt sie auf die Theke. Einen der Schwenker füllt er halb, den anderen zu einem viertel voll. Die Flasche stellt er zur Seite.

Als Michael das Etikett der Flasche sieht, erschrickt er doch etwas. Er hat wohl von dieser Edelmarke gehört, sie sich aber noch nie geleistet. Gekonnt schwenkt Herr Obermeier die Cognacs nochmals durch, bevor er seinen auf die Theke stellt und den halbvollen an Michael weiterreicht. Herr Obermeier setzt sich neben Michael auf die Schaukel und prostet ihm zu.

„Ich bin übrigens der Stefan, wenn Sie mögen, können Sie ruhig Stefan und du zu mir sagen. Lassen Sie sich den Cognac munden, er ist wirklich ausgezeichnet.“

Herr Obermeier trinkt genießerisch einen Schluck. Michael macht es ihm gleich. Der Cognac ist wirklich ein Genuss. So sanft ist ihm noch keiner die Kehle hinuntergelaufen. Obwohl man ja da von Laufen schon gar nicht mehr reden kann.

„Danke. Ich bin der Michael und das Du gilt dann auch bei mir. Wäre mir schon auch lieber. So redet es sich viel leichter.“

„Ja, das ist auch meine Meinung Michael. Übrigens ein sehr schöner Name. Gefällt mir. Auch will ich noch gleich ein paar Sachen klarstellen.“

Michael sieht ihn schon voller Erwartung und Spannung an. Denn wer einem eigentlich Fremden einen so teuren, hervorragend schmeckenden und auch wertvollen Cognac vorsetzt, kann doch nichts böses im Schilde führen. Oder?!?

***

„Dass Frau Fröhlich deine Tante ist, Michael, dafür kannst du nichts. Und Scherereien machst du mit Sicherheit nicht! Und dass du schwul bist, finde ich mehr als angenehm! Ich bin es ja schließlich auch!

Sei mir jetzt bitte nicht böse, aber deine Tante hat recht!“

Michaels Herz macht einen erschrockenen Hüpfer! Herr Obermeier redet aber schon weiter:

„Du bist nicht nur nett und hübsch, nein Michael, du bist wirklich schön! Und ich erkenne Schönheit, wenn ich sie sehe! Obendrein reagiere ich auf dich. Und das ist mir schon einige Jahre nicht mehr passiert, dass ich auf einen Mann reagiere. Ich empfinde deine Gesellschaft wirklich als Ver…, nein, das ist nicht richtig, es ist schon viel mehr als Vergnügen. Verrückt! Da muss man erst die vierzig überschreiten, um die Liebe seines Lebens… . Entschuldige Michael! Das ist nicht fair! Ich will dich nicht überrennen. Lass es uns langsam angehen.“

Michaels Herz entspannt sich. Auch kommt wieder Wärme rein. Jetzt macht es sogar einen freudigen Hüpfer! Denn auch Stefan ist ihm nicht mehr ganz gleichgültig. Er sagt das Stefan auch. Herr Obermeier bzw. Stefan beginnt zu lächeln.

„Dann darf ich wieder hoffen! Ich muss dir vorher aber noch etwas über mich sagen: Vor über 20 Jahren war ich mal verheiratet. Meine damalige Freundin wurde schwanger und erzwang dadurch die Heirat. Die Ehe ging aber nur etwa 7 Jahre mehr oder weniger gut. Sie war zum Schluss keine Frau mehr zum gernhaben. Dann ließen wir uns scheiden. Der Junge wurde damals meiner Frau zugesprochen. Ich habe ihn nur noch gelegentlich sehen dürfen. Und heute hat er nicht mehr viel für mich übrig.

Ja, Michael du sollst wissen, dass ich einen 20 jährigen Sohn habe der mich verachtet, weil ich schwul bin. Willst du mich jetzt immer noch näher kennenlernen?“ fragt Stefan jetzt fast ängstlich.

„Ja, sogar mehr als vorher. Denn du bist ehrlich! Außerdem schleichst du dich schon die ganze Zeit in mein Herz.“

Stefan lächelt.

„Oh, ich werde versuchen, weiter zu schleichen. Aber jetzt lass uns Schlafengehen. Es war ein verdammt langer Tag. Ich bringe dich noch ins Gästezimmer. Ich freue mich auf die nächsten Tage!“

„Ja, ich mich auch. Gute Nacht Stefan!“

„Gute Nacht Michael!“

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