It's what they have inside…

Ich befinde mich in einem warmen licht, ein strahlendes licht.
Ich sehe und sehe doch nicht mit meinen Augen.
Ich fühle, doch fühle nicht mit meinem Körper.
Ich schwebe, doch fühle ich festen Grund unter meinen Füßen.
Ein lächeln ziert meine Lippen und doch bewege ich sie nicht.
Es ist so richtig, mein wesen erfüllt eine tiefe liebe.
Liebe zu mir selbst, liebe zu dem all um mich herum.
Mit Freude schließe ich meine Augen und fühle mein Dasein. Ich werde da sein.
Ja, ich werde da sein.
Da, um zu heilen.
Da, um zu lieben.
Da, um zu helfen.

Mit einem leicht wehmütigen seufzen beginne ich mich selbst zu realisieren, meiner Aufgabe voll bewusst.

Angst spüre ich keine, denn ich weiß, es ist richtig so.

Meine Aufgabe erwartet mich in all ihrem Schmerz und ich werde da sein, um ihn zu heilen.

„Meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer. Folgende Unwetterwarnung haben wir soeben erhalten: das Sturmtief wird noch in den nächsten Stunden über Deutschland einbrechen. Die Feuerwehr und Polizei rüsten sich bereits verstärkt auf eingehende Notfälle. Die Kliniken sind über die Notbesetzung hinaus gerüstet. Die Wetterbehörde empfiehlt: Bleiben Sie zu Hause, schließen Sie alle Fenster und Türen. Wenn Sie noch mit dem Auto unterwegs sind, so suchen Sie einen sicheren Platz auf, bleiben Sie nicht länger als unbedingt nötig auf den Straßen.“

Mit einem Anflug von Vorfreude hörte ich die Unwetterwarnung, meinen Beobachtungsplatz schon fertig gerichtet. Auf dem Boden vor den Terrassentüren hatte ich schon Decken und Kissen verteilt, Getränke standen daneben. Ich hatte meinen Eltern versprechen müssen, nur ja nicht nach draußen zu gehen. Nun, das hatte ich auch nicht vor, aber zugucken würde ich natürlich trotzdem.

Seit Tagen schon gehen vermehrt Unwetterwarnungen durch sämtliche Kanäle und Wetterstationen. Weite Teile in Europa hatte das Sturmtief schon verwüstet und eigentlich sollte es an Deutschland vorbeiziehen. Eine plötzliche Wende hatte nun alle mit Schrecken erfüllt. Hatte man doch miterlebt, was der Sturm bisher in den Nachbarländern schon angerichtet hat: Entfesselte Bäume, eingestürzte Häuser und zertrümmerte Autos waren da nur das Geringste, denn es hatte sogar Todesfälle und unzählbare Verletzte gegeben. Der Sturm im Moment auf die Versicherung ist schier abartig. Was denken sich die Leute eigentlich?

Dass auch nur eine Versicherungsgesellschaft im Auge solch einer Katastrophe noch Zusatzversprechen macht??

Nun, mir war das relativ egal. Ich bewohnte alleine eine kleine Wohnung in einem mehrstöckigen Bereich, nahe dem Boden, sprich im Erdgeschoss. Unwahrscheinlich dass hier etwas passieren würde. Wie dem auch sei, ich war gerüstet. Hatte mir eben noch eine Tüte Popcorn auf meinen Platz gelegt, das Radio lag auf dem Ortssender gestimmt daneben.

Ich machte es mir auf den Decken auf dem Bauch liegend bequem und beobachtete den Himmel. Es war erschreckend, wie sich wohl auch die Natur auf die bevorstehende Katastrophe einstellte. Im sonst von Vogelgezwitscher erfüllten Garten hinter dem Haus regte sich nichts. Absolut gar nichts. Es schien, als würden sich sogar die Bäume rüsten. Nichts bewegte sich. Absolute Stille erfüllte die Umgebung. Fast schon beängstigend um die Uhrzeit. Mein Blick wanderte über die Welt, die sich vor meinem Fenster ausbreitete. Eine unheimliche Atmosphäre hatte sich gebildet. Als würde die Zeit stillstehen. Nur die Stimme aus dem Radio erinnerte mich noch daran, wo ich war: Alleine mitten in Deutschland, fernab von meinen Eltern, fernab von meinen Freunden.

Ich lachte bitter bei dem Gedanken… „Freunde“ wiederholte ich verächtlich in meinen Gedanken. Schöne Freunde waren das. Die wenigen, die mir nach meinem Outing geblieben waren, hatten mich gänzlich im Stich gelassen, als ich sie am dringendsten gebraucht hätte. Viele hatten gar nichts von meinem Schmerz mitbekommen. Wie auch? Ich hatte meine Stimme nie erhoben.

Und doch… hätten meine wahren Freunde nicht bemerken müssen, wie sehr ich leide? Hätten sie denn nicht sehen müssen, wie sehr ich mich veränderte? Wie ich langsam zu einem mir unbekannten Mann wurde?

Nichts hatten sie bemerkt, sie hatten es einfach hingenommen, dass ich mich immer mehr zurückgezogen hatte. Hatten es hingenommen, dass ich immer schweigsamer und ängstlicher wurde. Hatten sich nie gefragt, warum ich bei der kleinsten Berührung zusammenzuckte. Und hatten MICH verdammt noch mal nie darauf angesprochen.

Waren dafür nicht Freunde da? Dass sie nicht locker ließen, selbst wenn ich mich verschloss??

Ich spürte den Schmerz tief in mir, bekam Kopfschmerzen und schmerzhafte Krämpfe durchzogen meinen Magen. Nein, nicht jetzt! Ich will nicht mehr darüber nachdenken müssen. Ich will einfach nur alleine sein und leben. Eine einzelne Träne stahl sich über meine Wange, die ich trotzig wegwischte. Was machte es für einen Sinn, darum zu weinen? Es war passiert und ich musste weiterleben. Mit einem Seufzen öffnete ich eine der Weinflaschen neben mir und füllte ein selbstverständlich schon bereitstehendes Weinglas. Ich würde mir den Abend nicht versauen mit meinen wehleidigen jämmerlichen Gedanken.

Ich nahm einen großen Schluck von dem Rotwein… selbstverständlich war es ein süßer Wein. Mit einem Grinsen bemerkte ich meine gedankliche Wortwahl. „Süß“ .. jeder Weinkenner würde mich mit Verachtung strafen, denn einen süßen Wein gab es natürlich nicht. Der war dann lieblich, aber nicht süß. Gott, sofern es denn in der beschissenen Welt da draußen einen gibt, mit welch lächerlichen Problemen beschäftigen sich die Menschen eigentlich? Es ist doch scheissegal, ob ich den Wein als lieblich oder als süß bezeichne. Er schmeckt einfach süß, Punkt, Basta!

Mit einem Kopfschütteln trank ich mein Glas in einem Zug leer und stellte es neben mir ab. Voller Spannung wandte mich wieder dem Geschehen draußen zu. Der Himmel hatte sich bereits verdunkelt, schwere Wolken waren am Himmel zu sehen. Sie zogen fast unnatürlich schnell dahin und es war klar, dass es nun nicht mehr lange dauern würde. Mittlerweile wurden im außerstündlichen Takt Unwetterwarnungen im Radio durchgegeben. Was ich eben noch draußen beobachtet hatte, war wohl die bekannte Ruhe vor dem Sturm.

Nachdem ich ein weiteres Glas Rotwein in einem Zug geleert hatte, drehte ich meine Position und lag nun auf dem Rücken. Mit gestrecktem Nacken konnte ich nun viel bequemer den Himmel betrachten. Und was ich da sah, verschlug mir beinahe den Atem. Ein phantastisches Schauspiel bot sich mir, Die dunklen fast schwarzen Wolken rasten nur so über den ansonsten hellblauen Himmel dahin. Als würden sie angetrieben, als würden sie flüchten. Ohne Pause, immer nach vorne, immer schneller.

So wie ich damals. Wobei ich aber wohl nicht geflüchtet wäre, wäre ich nicht mitten in der Nacht vor die Tür gesetzt worden. Ich weiß noch, wie er mir damals gegenüber saß. Er meinte nur, er langweile sich in unserer Beziehung und es wäre wohl das Beste, wenn ich jetzt gehen würde. Ich saß da und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich hatte gezittert und ihn sprachlos angestarrt. Er hatte ganz ruhig dagesessen, einen großen Schluck aus seiner Bierflasche genommen und mich dann verständnislos angesehen. Kalt hatte er mich gefragt: „Warum sitzt du noch da? Ich sagte doch, du sollst gehen.“

Ich hatte noch immer keine Worte gefunden, da meinte er: „Was ist?! Soll ich dich auch noch raustragen?!“

Ich blieb sitzen und starrte auf meine Hände. Passierte das wirklich? War ich womöglich in einem Alptraum gefangen?

Plötzlich war er laut geworden und beschimpfte mich als faules Drecksstück, begann zu schreien, dass ich ihm nur nutzlos auf der Tasche liegen würde. „Nicht mal zum ficken bist du gut, so wie du ständig rumjammerst!“

Ich war bei diesen Worten vollends in Tränen ausgebrochen, aber er beschimpfte mich weiterhin. Ich sei eine verdammte verweichlichte Schwuchtel. Ein jämmerliches Stück Dreck.

Ich begann zu schluchzen und zitterte am ganzen Körper, hatte mein Gesicht hinter meinen Händen vergraben. Er stand wortlos auf und ging aus dem Raum, in drohendem Ton meinte er noch: „Du weißt ja, wo die Tür ist.“

Aber ich war unfähig, mich zu bewegen. Ich flehte innerlich, bitte lass das einen Traum sein. Hoffte darauf, jeden Moment aus diesem Schock zu erwachen. Nach einer scheinbaren Ewigkeit kam er wieder ins Wohnzimmer, ich hob bittend meinen tränenverschleierten Blick. Er hob nur beide Augenbrauen und fragte in einem gehässigen Ton: „Was ist jetzt?! Willst etwa noch einen Abschlußfick?“. Er lachte über seine eigenen Worte und kam mit schnellen Schritten auf mich zu. Ich wich ängstlich auf der Couch zurück, doch er zerrte mich hoch und von den Möbeln weg. Ich keuchte erschrocken, ahnte ich doch, was mich erwartete.

„Los! Runter!“, befahl er und als ich ihm nicht sofort gehorcht hatte, verpasste er mir eine schallende Ohrfeige. Ich schluchzte noch mehr auf, ein brennender Schmerz durchzog meine linke Gesichtshälfte. Ohne dass ich damit rechnen konnte, schlug er mit der Faust in meinen Magen und ich krümmte mich unter dem Schmerz zu Boden. „Na endlich!“, war sein einziger Kommentar, während er seine Hose öffnete. Mit beiden Händen packte er meinen Kopf und führte ihn an seine ‚Männlichkeit’ heran. Dass ihn das anmachte, war nicht zu übersehen. Mir wurde schwarz vor Augen und ich wäre gänzlich zu Boden gekippt, hätte er mich nicht eisern festgehalten.

„Ach? Die kleine Schwuchtel will nicht?… Dann eben nicht!“ Ich wagte kaum zu hoffen und so wurde meine Hoffnung, dass er von mir ablassen würde, auch nicht enttäuscht. Während er mich mit einer Hand grob festhielt, begann er unmittelbar vor meinem Gesicht, sich selbst zu befriedigen. Es dauerte nur ein paar Minuten. Mit einem gemeinen Lachen spritzte er seine Ladung in mein Gesicht. Bei dem Versuch mich abzuwenden, zog er schmerzhaft an meinen Haaren und hinderte mich daran. Ich kniff beide Augen zusammen und spürte die warme ekelerregende Flüssigkeit wie sie meine Stirn traf und sich fließend über meine Wangen einen Weg nach unten bahnte.

Beinahe liebevoll tätschelte er mein Gesicht, verrieb seinen Saft über mein ganzes Gesicht. In einem sanften Ton meinte er: „Und jetzt verschwinde! Ich will bis Samstag nichts mehr von dir in meiner Wohnung sehen.“

Eine Hand am Hosenbund haltend, zog er mit der anderen Hand provozierend den Reißverschluss nach oben, bedachte mich noch mit einem mitleidigen Blick und wandte sich zur Tür. An der Wohnungstür angelangt hielt er inne und drohte: „Ich bin in einer Stunde zurück, solltest du dann noch hier sein, erlebst du die Fortsetzung.“ Ohne ein weiteres Wort verschwand er nach draußen und als ich vor dem geöffneten Fenster seinen Wagen wegfahren hörte, brach ich vollends zusammen. Ein Heulkrampf nach dem anderen schüttelte meinen ohnehin schon geschwächten Körper.

Ein klapperndes Rütteln am Fenster ließ mich in die Gegenwart zurückfinden. Erschrocken stellte ich fest, dass ich wohl fast zehn Minuten total in meinen Erinnerungen versunken gewesen war. Der Sturm schien nahe zu sein, denn seine Arme begannen bereits, nach der Umgebung zu greifen. Die Bäume rundherum wiegten sich noch sanft in dem langsam ansteigenden Luftstrom. Das Klappern stammte von der Jalousie, die ich vergessen hatte ganz hochzuziehen. Mit Schwung stand ich auf und musste mich erstmal einem leichten Schwindel erwehren. Es war wohl nicht ganz ohne den Wein so schnell runterzukippen. Nachdem ich die Jalousie nun ganz an ihren Tagesplatz befördert hatte, legte ich mich wieder, diesmal auf dem Bauch, auf meine Beobachtungsstätte.

In einem atemberaubenden Schauspiel begann der Sturm, die Herrschaft über die Natur und über die Menschen an sich zu reißen. Wie passend, dachte ich so für mich, während ich ein weiteres Glas Wein nachschenkte. Der Herr, wie sein Name übersetzt lautet, reißt die Herrschaft an sich. Ich musste kichern bei dem Gedanken. Oh oh… ich vertrage wohl doch weniger Alkohol, als ich angenommen hatte. Aber das macht mir nichts aus, denn es gibt keinen mehr in meinem Leben, der sich darüber lustig machen könnte.

So wie er es immer getan hatte. In meinem Kopf hallten seine Worte: „Du bist ne richtig verweichlichte Schwuchtel.“ Das waren seine Worte. Dabei war es immer Absicht, dass ich mich so betrank. Im Nebel des Alkohols nahm ich seine Demütigungen nicht mehr ganz so sehr wahr. Zumindest auf die körperlichen Erniedrigungen bezogen. Es stimmt schon irgendwie, man muss nur viel genug trinken, dann wird der Körper irgendwann fast wie taub. Alkohol vernebelt die Sinne, das kann ich nur bestätigen.

Aber heute trinke ich nicht, um mir einen anzusaufen. Zumindest hatte ich das nicht geplant. Ich wollte einfach nur meinen Lieblingswein zu diesem großartigen Schauspiel genießen.

Großartig, ja, das war es wirklich. Am Himmel spiegelten sich alle möglichen Farben… orange zu rosa das am Horizont zu einem fast grellen rot wurde. Dahinter .. noch kaum sichtbar .. konnte man eine tiefschwarze Wolkenfront erkennen. Es hat begonnen.

Fasziniert beobachtete ich die Front, die mit unglaublicher Geschwindigkeit näher heranrückte. Aus den Nachrichten wusste ich, dass der Orkan mit mehr als 160km pro Stunde daher raste. So ein Ereignis sah man nicht alle Tage.

Das wussten auch verschiedene Einrichtungen, beispielsweise die Deutsche Bahn, die zum ersten Mal seit ihrem Bestehen sämtlichen Bahnverkehr eingestellt hatte. Verschiedene Brücken wurden bereits vor Stunden präventiv gesperrt.

Obwohl der Orkan noch vermeintlich weit entfernt war, begann sich eine Unruhe in der Umgebung zu entwickeln. Hier flog eine Fontäne an Blättern vorbei, die fast lustig in der Luft tanzte. Dort bogen sich schon die ersten Bäume. Nach nicht einmal zwanzig Minuten tobte der Sturm bereits über ‚meinem’ Ort, es war phantastisch!

Für meine Vorfreude auf den Orkan hatte ich schon einige böse Blicke geerntet. Wusste doch jeder, wie viel Schaden durch ihn schon entstanden war. Ganze Waldabschnitte wurden einfach so nieder gemäht. Die Bäume entwurzelt und kaum mehr als eine öde Landschaft hinterlassend.

Aber was wussten die anderen schon? Die hatte es jahrelang nicht geschert, womit ich mich beschäftigte. Womit ich mich beschäftigen musste.

Ich liebte einfach diese Naturgewalten, die die ‚Windhose’, wie es in Deutschland ganz brav und brav lächerlich genannt wurde, entfesseln konnte. Es war so beruhigend, dass die Welt, unsere Welt, durchaus in der Lage war, sich zu wehren.

Es war überwältigend miterleben zu können, mit welcher Geschwindigkeit, mit welcher Macht ‚Wind’ auftreten konnte.

Nach nunmehr zwei weiteren Gläsern und mittlerweile der ersten leeren Flasche Wein kehrte Ruhe ein. Suchend ließ ich meinen Blick über die weiten des Himmels über mir wandern. Ich wusste, das war noch nicht alles.

Über mir erstreckte sich nun ein klarer Sternenhimmel, doch außenrum war alles schwarz. Kein einziger Lichtpunkt war am Firmament zu erkennen. Die ruhende Kraft, die Mitte des Orkans. Entgegen meines Versprechens gegenüber meinen Eltern wagte ich mich nun doch nach draußen. Mit Mütze und einer warmen Jacke ausgerüstet blieb ich einfach nur am Straßenrand stehen. Genoss die erfrischende Luft, genoss die Stille, die sich über die Welt gelegt hatte. Ich stand einfach nur da, mit leichtem Schwindelgefühl und hatte die Augen geschlossen, das Gesicht gen Himmel gewandt.

Ach wie schön wäre es, würde doch in meinen Gedanken solch eine Ruhe einkehren. Könnte ich doch auch diesen kurzen Frieden genießen.

Doch ich lebte in ständiger Angst. Angst, mein Ex könnte mich aufspüren. Angst davor, was er dann mit mir anstellen würde.

Zwar hatte er mich damals einfach vor die Tür gesetzt, doch dass ich tatsächlich gehen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Ich weiß noch, wie er zwei Wochen nach unserem letzten Treffen bei meinen Eltern angerufen hatte. Vorgeweint hatte er meinem Vater, wie schrecklich leid ihm sein Verhalten tue. Dabei wussten meine Eltern rein gar nichts über sein Verhalten mir gegenüber. Meine Vermutung war von Anfang an, dass er Angst bekommen hatte, ich würde zur Polizei gehen, nun, da ich nicht mehr unter seinem Einfluss stand.

Aber den Gedanken hatte ich ohnehin nie gehabt. Was hätte ich denen denn erzählen sollen? Dass mich mein eigener Freund über Monate hinweg vergewaltigt hatte? Dass ich mich nie gegen ihn gewehrt hatte?? Das stimmte zwar nicht ganz, denn ich hatte mich gewehrt. Aber die Tatsache, dass er um einiges größer und auch stärker als ich war, hatte jedes Erwehren aussichtslos werden lassen. Mit jedem Mal, da ich es versucht hatte, wurde er nur noch brutaler. Ja, was in Gottes Namen hätte ich dem Freund und Helfer erzählen sollen? Ich hatte ja nicht einmal echte Beweise… jede körperliche Wunde, egal wie schlimm, heilt irgendwann.

Gequält seufzend atmete ich die für Januar überraschend warme Luft ein. Es würde bald wieder losgehen, das spürte ich. Die ersten Blattrosen begannen sich in der Luft umher zu wirbeln. Auch spürte ich vermehrt einen kühlen Luftzug. Ja. Es würde weitergehen. Ich blieb dennoch noch eine Weile draußen stehen und genoss es, wie der Wind schon bald durch meine Kleider fuhr. Einmal brach ein so heftiger Windstoss herein, dass der mich fast umgerissen hätte. Ich blickte mich suchend um, kein Mensch war auf der Straße. Keiner außer mir. Die Rollläden waren allesamt verschlossen. Ich überlegte nicht lange, begann einfach drauflos zu marschieren.

Ich wohnte eigentlich in einem sehr ruhigen Wohngebiet. Na ja, was man halt unter ‚ruhig’ versteht. Die gesamte Siedlung war eine verkehrsberuhigte Zone. Die Straße am Haus vorbeiführend stand unter Schrittgeschwindigkeitszwang und die Straße, die danach zur Hauptstraße führte war immerhin an Zone 30 angepasst. Insofern war es eine ruhige Gegend. Jedoch aufgrund anderer Umstände, nämlich derer, dass das gesamte Wohngebiet von Familien besiedelt wurde, sorgte für die ‚notwendige’ Lautstärke. Vielleicht sollte noch hinzugefügt werden, dass es sich überwiegend um junge Familien handelte. Nicht dass die Eltern im größten Anteil sonderlich jung gewesen wären, nein, die Kinder waren jung. Und junge Kinder machen Lärm. Viel Lärm. Aber wie ich schon zu der Zeit mit meinem Ex erkannte: man gewöhnt sich an nahezu alles.

Völlig in meiner Gedankenwelt versunken schlug ich einen mir allzu bekannten Weg ein. Er führte mich über mehrere größere Felder, auf denen zur Saison Zuckerrüben angebaut wurden, jetzt aber natürlich brach lagen. Ich kam an einem kleineren Waldstück vorbei und stand irgendwann auf einer Brücke. Die Brücke, die über die Autobahn in Richtung Norden führte. Dort stand ich eine Weile und hing meinen Gedanken nach. Der Wind zerrte regelrecht an mir und ich musste mich an der Brückenbegrenzung festhalten, damit ich nicht stürzte. Hin und wieder flogen kleine und auch größere Dinge an mir vorbei, Teils Blätter, teils Papier, das der Orkan wohl einigen Papiertonnen entrissen hatte. Einmal flog sogar ein etwas größerer Ast an mir vorbei, den ich aber nur aus den Augenwinkeln vorüberziehen sah.

Ich schwelgte wieder in Erinnerungen, dachte daran, wie einfach mein Leben früher gewesen war. Vor ihm. Wie frei ich damals gewesen war.

Und jetzt? Immer wieder kamen bruchstückhafte Erinnerungen hoch. Erinnerungen, wie ich ihn kennengelernt hatte. Erinnerungen, wie ich mich anfangs heftig gegen ihn gesträubt hatte. Und daran, wie er ein halbes Jahr lang um mich gekämpft hatte. Um mich .. seiner einzig wahren großen Liebe.

Ich hörte ein bitteres Lachen, das aus meinem eigenen Mund erklang.

„Seine einzig wahre große Liebe“ wiederholte ich in Gedanken. Ohne mich wäre sein Leben sinnlos. Er hätte sich in mich verliebt und er hätte noch nie so starke Gefühle gegenüber einem anderen Mann gehabt. Und ich Idiot hatte ein halbes Jahr später nachgegeben. Ich war dem naiven Gedanken erlegen, wenn er so lange um mich kämpft, dann musste doch was dran sein?

Ich hatte mich einfach nach Zweisamkeit gesehnt. Nach einem Mann, der mich abends daheim erwarten würde. Einfach nach einem Menschen, dem ich meine Zuneigung schenken durfte.

Doch schon bald stellte es sich als eine unverzeihliche Fehlentscheidung heraus. Ich konnte mir im Nachhinein nie erklären, wie er es geschafft hatte, mich so in der Hand zu haben. Ich hatte unter der Beziehung grausamst gelitten. Doch anstatt mir selbst zu helfen oder wenigstens Hilfe von außen zu suchen, hatte ich mich zurückgezogen. Hatte mich mehr und mehr in meine eigene Welt abgekapselt. Hatte den Kontakt nach außen vollständig abgebrochen. Ich hatte mich selbst für ihn aufgegeben, hatte nach seiner Pfeife getanzt. War für ihn immer verfügbar gewesen.

Irgendwann kam der Gedanke auf, allem ein Ende zu setzen. Nicht der Beziehung, nein. Denn dazu hätte mir die Kraft gefehlt. Ich wollte allem, meinem Leben ein Ende setzen. Doch selbst dazu war ich zu feige. Das hatte er mir auch immer wieder bestätigt. Ich weiß noch, als er das erste Mal die frischen Wunden an meinem Handgelenk entdeckt hatte. Anstatt mich in den Arm zu nehmen, mich zu trösten, hatte er mich ausgelacht. Ob ich denn zu dumm sei, um einen richtigen Schnitt hinzubekommen. Wobei, nein, das war gar nicht seine erste Reaktion. Er hatte mich zornig gefragt, was dieser Scheiß zu bedeuten hätte. „Wenn du glaubst, dass du mir total vernarbt noch ins Bett kommst, dann kannst dir wirklich gleich jetzt die Pulsadern aufschlitzen!“ Erschrocken über solch eine harte Reaktion brach ich in Tränen aus.

Er hatte mich gepackt und in die Küche gezerrt, dort nahm er eins der größeren Messer aus dem Schubfach heraus. Er hatte getobt und geschrien: „Wenn du zu blöd dafür bist, soll ich das für dich übernehmen?!“ Er hatte an meinem ohnehin verletzten Handgelenk gezerrt und hielt mir das scharfe Messer direkt über die Pulsadern. Ich hatte Todesangst und endlich, als er mit dem Messer auf die dünne Haut über den Adern drückte, fing ich an zu schreien. Ich wollte mich von ihm losreißen, was natürlich aussichtslos war. Er hatte mich sofort wieder gepackt, riss mich grob an den Schultern herum und presste sich an meinen Rücken. Seine eiserne Umarmung machte es mir unmöglich, mich zu bewegen und wieder brach ich in Tränen aus. Von hinten hielt er meinen verletzten Arm und drückte das Messer wieder auf meine Pulsadern.

„Na?! Willst du, dass ich dir ein Ende setze?!“, hatte er geschrien und als ich nicht fähig war, zu sprechen, schüttelte ich nur schluchzend den Kopf. In gefährlich leisem Ton sprach er dann: „Jetzt hör mir mal gut zu, wenn du nicht willst, dass ich deine jämmerlichen Versuche zu Ende führe, dann lass den Scheiß in Zukunft. Ich hab nämlich keinen Bock, einen entstellten Kerl zu ficken. Ist das klar?“

Als ich nicht reagierte, fragte er noch einmal drohend: „Ob die Sache klar ist, hab ich gefragt!“ Ich beeilte mich heftig zu nicken und erst da ließ er mich los, legte betont ruhig das Messer auf die Ablagefläche der Küche und meinte dann: „Vielleicht solltest du dich jetzt endlich ums Essen kümmern. Ich habe Hunger.“ Damit verschwand er aus der Küche und ich hörte, wie im Wohnzimmer der Fernseher anging. Gänzlich unter einem Schockzustand begann ich zu kochen.

Während ich so auf der Brücke stand, schüttelte ich angeekelt den Kopf. Angeekelt von meiner Feigheit. Angeekelt von den dingen, die ich mit mir hab machen lassen. Ich schüttelte den Kopf … angeekelt vor mir selbst.

Der Wind hatte innerhalb der letzten Minuten stark zugenommen und ich hatte mittlerweile Mühe, mich an dem Brückengeländer festzuhalten. Der Schwindel vom Alkohol machte es mir nicht unbedingt leichter.

Auf der Autobahn herrschte trotz des Orkans reger Betrieb, aber von weitem konnte ich bereits die ersten Sirenen hören. Feuerwehr vermutlich.

Ich schloss meine Augen und gab mich gänzlich dem herrlichen Gefühl hin, das mir Stürme schon immer vermittelt hatten. Macht und alles überwindend. Das war es, was mir an Stürmen und sogar an diesem Orkan solche Freude bereitete: Er konnte alles erreichen, kein Winkel auf dieser Welt blieb ihm verborgen. Er konnte Linderung an einem heißen Tag verschaffen, konnte aber auch Zerstörung und Untergang bedeuten.

Ich bekam Sehnsucht. Auch ich wollte einfach nur sein. Einfach nur aus einer Situation heraus handeln.

Tief sog ich die nun doch deutlich kühlere Luft ein und lächelte.

Ach wie schön es doch nur wäre, einfach nur sein zu können. Ohne Rechenschaft sich selbst gegenüber ablegen zu müssen. Ohne an den nächsten Schritt denken zu müssen. Einfach nur zu sein.

In mir keimte ein schier unüberwindbarer Drang. Der Wunsch mit ihm zu gehen. Mich von dem Orkan treiben zu lassen. Mich von ihm aufnehmen zu lassen, in seinem gedankenlosen, ohne von Reue vergiftetem Dasein treiben zu lassen.

Ohne noch einen einzigen Gedanken zu verschwenden kletterte ich über die Brüstung. Schon alleine das bereitete mir eine große Mühe, der ich beinah nicht gewachsen war. Der Wind zerrte an mir, ließ mich immer wieder schwanken.

Doch nicht so. Nein, ICH wollte entscheiden.

Endlich hatte ich es geschafft, auf die andere Seite des Geländers zu gelangen und blieb dort einige Zeit ruhig stehen. Meine Arme hatte ich nach hinten um das Geländer geschlungen, denn ICH wollte es entscheiden.

Ich fühlte mich frei, mächtig … allem widerstehend. Ein letztes Mal schloss ich meine Augen. Mein Griff um das Geländer herum lockerte sich und ich lehnte mich Stück für Stück weiter vor.

In dem Moment, als ich endgültig losließ, schien die Zeit stillzustehen. Selbst der Orkan hatte aufgehört zu wüten. Stille umgab mich, Ruhe erfüllte mich.

Verwirrt öffnete ich meine Augen. Um mich herum war ein Nebel, ich schwebte. Schwebte über dem Geschehen.

Ich sah mich selbst, wie ich auf der Brücke stand, darunter die viel befahrene Autobahn. Verängstigt wollte ich schreien, doch kein Laut entwich meinen Lippen. Panisch begann ich mich im Kreis zu drehen, nach einem Ausweg suchend.

In dem Moment verdichtete sich der Nebel. Mit einem Ruck drehte ich mich zu der Brücke um, doch ich konnte nichts mehr erkennen. Die Farben um mich herum begannen sich zu verändern, erst nur ein leichter Schimmer, doch schon nach wenigen Augenblicken war ich gänzlich von einem purpurnem und goldenem Licht umgeben, zu meinen Füßen färbte sich der Nebel rubinrot. Ich hatte noch immer Angst, wusste nicht, was mit mir geschah. War es das? Ist es so, wenn man stirbt?

Aber das konnte doch nicht sein, ich hatte mich eben noch selbst auf der Brücke stehend gesehen.

Plötzlich hörte ich eine Stimme, die zu mir sprach. Eine Stimme, so sanft wie ich noch nie zuvor eine vernommen hatte. Sie sprach: „Mensch, der du bist, fürchte dich nicht.“

Es waren nur wenige Worte, nur leise gesprochen, doch sie lösten schlagartig eine nie gekannte Wärme in mir aus.

Ich wurde vollkommen ruhig und die Angst in mir schwächte komplett ab. War nicht mehr vorhanden. Einfach nicht mehr vorhanden.

Langsam drehte ich mich um und sah ihn. Er lächelte mich so voller Liebe an. Vor plötzlicher Scham brach ich sofort in Tränen aus. Ich versteckte mein Gesicht hinter meinen Händen, wollte nicht, dass mich dieses wundervolle Wesen so jämmerlich, wie ich war, sah.

Doch kaum hatte ich diesen Gedanken gedacht, fühlte ich eine zarte Berührung an meinen Händen. Sie ließ mich beide Hände herabsenken. Ich nahm wahr, dass ich diese Berührung nicht gespürt hatte, denn das Wesen stand noch immer in einem Abstand zu mir, aus dem es mich nicht hätte berühren können. Ich fühlte nur die zarte Kraft, die mich sacht lenkte.

Das Wesen sah mich lange an und sprach dann leise, aber dennoch so klar: „Weine nicht, mein kleiner Mensch. Du bist nicht anders als ich.“

Ich verstand nicht, was es damit meinte und war verwirrt darüber. Denn trotzdem fühlte ich, dass es die Wahrheit sprach.

Ich besah mir die Gestalt schüchtern näher, sie war von einem unbestimmten Schimmer umgeben. Das Gewand, lang und wallend, erschien in einem rubinroten Licht. Ich konnte keine Einzelheiten erkennen und doch sah ich es ganz klar vor mir. Sein Gesicht war so wunderschön. So unglaublich schön.

Die Haare, deren Farbe ich nicht bestimmen konnte, fielen sanft bis über die Schultern hinab. Und die Augen, sie wirkten so vertraut, so sanft und so voller Liebe.

Das Wesen sprach erneut zu mir: „Bist du dir darüber im Klaren, was du im Begriff bist zu tun?“ Es war kein Vorwurf in dieser Frage und doch brach ich erneut in Tränen aus. Ich schämte mich zutiefst vor dieser so liebevollen Gestalt. Und diesmal spürte ich eine Berührung, ich fühlte sie nicht nur. Das Wesen berührte mich tatsächlich. Sanft hatte es seine Hände auf meine Schultern gelegt, doch ich wagte aus Scham nicht, dieses göttliche Wesen anzublicken. Es streichelte leicht wie mit einer Feder über meine Wange, streichelte meine Tränen hinfort. Wärme breitete sich in mir aus. Tiefe Liebe durchflutete mich. Das Wesen lächelte weise und sprach: „Ich sehe, es beginnt dir bewusst zu werden.“

Und weiter sprach es: „Ich bin nicht zu dir gekommen, um dich davon abzubringen. Aber ich schenke dir die Möglichkeit, deine Entscheidung zu überdenken.“

Lange, eine Ewigkeit, standen wir so da. Das Wesen hatte noch immer eine Hand auf meiner Schulter liegen, mit der anderen streichelte es fortwährend mein Gesicht.

Ich verlor mich gänzlich in diesen wunderbaren, weisen Augen, die mich ohne Vorwurf und ohne ein Urteil über mich fällend sanft anblickten. Tiefer Frieden erreichte mein Innerstes, eine Ruhe, wie ich sie schon lange nicht mehr gespürt hatte.

Das Wesen sprach erneut: „Du hast dich entschieden und ich schenke dir die Weisheit über deine Aufgabe.“

Ich lächelte von Glück erfüllt und nickte leicht.

„Du, mein kleiner Mensch, der du mir ebenbürtig bist, wirst mich nie vergessen.“

Ich stimmte wortlos zu und wieder stahl sich eine Träne auf meine Wange. Doch diesmal weinte ich nicht vor Scham. Nein, ich weinte aus purem Glück. Ich weinte, weil ich es verstanden hatte. Ich weinte, weil ich diese tiefe Liebe, die das Wesen ausstrahlte, in mir selbst fühlen konnte. Ich weinte, weil ich durch und durch inneren Frieden gefunden hatte.

Das Wesen näherte sich meinem Gesicht, es sprach leise: „So sei dir immer meiner Worte bewusst. Sei dir alle Zeit bewusst, wer du bist. Sei dir deiner Aufgabe bewusst.“

Ich lächelte von tiefem Vertrauen erfüllt und nickte.

Das Wesen lächelte nun auch mich an, es senkte seinen Kopf und legte seine Lippen auf die meinen. In tiefer wahrer Liebe schloss ich meine Augen und erwiderte den leichten Kuss. Für einen Moment wurden wir eins. Ich fühlte, wie mich eine grenzenlose Energie durchflutete und ließ mich mitreißen in diesem wundervollen Fluss.

Ein lautes Krachen ließ mich hochschrecken. Verwirrt blickte ich um mich. Ich lag auf meinen Decken, lag zu Hause auf meinem Beobachtungsplatz. Erschrocken suchte ich nach dem Grund für den lauten Knall, der mich geweckt hatte. Draußen, direkt vor mir, konnte ich durch die Glastür einen Ast erkennen. Er musste durch die Wucht des Orkans gegen das Glas geschleudert worden sein. Als ich die kleine Lampe neben mir einschaltete, entdeckte ich auf meinem Kissen eine Feder. Eine Feder von weißer Farbe, die ganz leicht, kaum sichtbar, in ein rubinrot überging.

Ich lächelte. In Gedanken sprach ich: „Ich habe dich nicht vergessen.“

Wie als Antwort hörte ich eine sanfte, engelhafte Stimme in mir, die sprach: „Ich brachte dir Ruhe, Gelassenheit, Liebe und inneren Frieden. Trage dies an andere Menschen weiter.“

Ich lächelte glücklich und nickte: „Ja! ich bin mir meiner Selbst bewusst. Ich bin frei.“

Von Liebe erfüllt erhob ich mich und zog meine noch nassen Schuhe aus, legte mich wieder nieder und nahm die Feder an mich.

„Niemals werde ich es vergessen.“

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