Der Junge aus der Anstalt – Teil 1

NICO

Es war im August vergangenes Jahr, als in allen Zeitungen stand, was sich Schreckliches zugetragen hatte. Jeder las darüber und alle fragten sich, was den Jungen dazu veranlasst haben könnte, so etwas zu tun. Auch hier in der Psychiatrie in München machte man sich Gedanken darüber. Allerdings war der Vorfall schon nach einigen Wochen wieder vergessen. Eines Tages hielt meine Mutter, die die Abteilung Jugendpsychiatrie für Jungen leitete, dann ein Schreiben in Händen, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass jener Junge, der seinen damaligen Lehrer und drei seiner Klassenkameraden aus nächster Nähe im Klassenzimmer erschossen hatte, zu ihnen in die Anstalt kommen sollte, da Hamburg überbelegt war.

»Natürlich schicken sie dann den, der ihnen am meisten Schwierigkeiten bereitet«, sagte meine Mutter beim Abendessen zu meinen Vater gewandt.

»Wer ist denn dieser Junge eigentlich und was hat er gemacht?« Es interessierte mich ja nun doch, warum meine Mutter sich so aufregte.

»Er heißt Sven, ist mittlerweile 18 Jahre alt und hat vier Menschen umgebracht. Von einem Psychiater wurde er als unzurechnungsfähig erklärt. Und morgen kommt er bei uns an.«

»Aha! Ach, da fällt mir gerade was ein, wo wir schon mal beim Thema sind: Wir reden doch in der Schule gerade in der AG über die Psychiatrie und ich soll dich von meiner Lehrerin fragen, ob die Möglichkeit besteht, dass wir uns deinen Arbeitsplatz ansehen und dass du uns etwas über Deine Arbeit erzählst.«

»Wenn eure Lehrerin sich beim Klinikleiter die Erlaubnis dafür holt, sehe ich da keinerlei Problem. Aber es geht erst, wenn der Stress mit dem Neuzugang vorbei ist.«

»Cool.«

»Was ist das für eine AG bei euch?«

»Ähnlich wie ‘Werte und Normen’. Wir sprechen über so genannte soziale Randgruppen, wie z.B. Obdachlose, Häftlinge oder eben psychisch Kranke.«

»Hört sich sehr interessant an.«

»Ja, ist es auch.« Damit war das Thema erst mal vom Tisch.

NICO

Drei Wochen später war es endlich soweit: meine Klasse und ich konnten meine Mutter auf der Arbeit besuchen, ihr Fragen stellen und uns das Gebäude ansehen. Die letzten drei Wochen hatte sie es nicht gerade einfach, da Sven ganz schön Stress gemacht hat, was sie meinem Vater und mir dann abends, als sie heim kam, erzählte. Er soll sich wohl mit allem und jedem anlegen. Ich war ehrlich gesagt ziemlich gespannt, ob er uns hier gleich über den Weg laufen würde.

Natürlich wurde uns nicht erlaubt, durch die Gucklöcher der Türen zu sehen, obwohl ich da schon ganz gerne den einen oder anderen Blick auf einen der Patienten geworfen hätte. Ich wusste, dass sie normalerweise auch draußen auf den Gängen umherliefen, allerdings zogen es die meisten wohl vor, in ihrem Zimmer (ich nenn es jetzt einfach mal so) zu bleiben, während wir da waren. Unser Besuch war ja auch vorher angekündigt worden. Die anderen fanden wohl alles, was meine Mutter erzählte, ziemlich spannend. Ich ja auch, nur dass ich es schon zum x-ten Mal hörte und alles schon wusste. Außerdem musste ich dringend mal auf die Toilette.

Ich machte mich einfach unbemerkt davon, um das nächste Klo zu suchen…

*

Während dessen hatte Frau Grogers Kollegin Maike einen Patienten für ein Gespräch aus seiner »Zelle« geholt und war mit ihm in einen Raum gegangen, der sich von innen nicht öffnen lies. Man konnte hinein sehen und als Nico dort vorbei kam, war Maike zu einem Notfall gerufen worden. Sie hatte den Jungen unbeaufsichtigt gelassen, was sie normalerweise nicht durfte.

NICO

…Das mit der Toilette finden gestaltete sich echt nicht so einfach. Nirgends ein Schild oder irgendwer, den man mal danach fragen konnte. -GRR- Ich bog um die nächste Ecke und sah mich weiterhin um. Direkt in der Mitte des doch sehr breiten Ganges befand sich ein freistehender, kleiner Raum, den man von allen Seiten her einsehen konnte. In dem Raum saß ein Junge auf einem Tisch und schaute zu Boden.

Man sah der gut aus! Ich meine, ich weiß ja nun schon länger, dass ich auf Jungs stehe. Allerdings hatte sich in der Beziehung für mich bisher leider absolut nichts ergeben, da ich ja nun auch nicht zu jedem, der halbwegs gut aussah, hinrannte und sagte: hey, ich bin schwul und ich suche noch nen festen Freund!

Ich guckte oder besser starrte also wie gebannt auf den Jungen, bis dieser hoch schaute und meinen Blick erwiderte.

Irgendwie sah er traurig aus, aber eigentlich ganz normal – im Gegensatz zu manchen Patienten hier, also wird er wohl kein psychisch Kranker sein. Ich ging auf den Raum zu und geradewegs durch die Tür.

»Hi, ich bin Nico. Was machst du denn hier so ganz alleine?«

»Ich warte, bis mich wer hier raus lässt, beziehungsweise bis einer kommt wie du und mich erlöst. Lass die Tür besser offen, sonst kommst du nicht mehr raus und es ist bestimmt nicht gut, wenn deine Mutter oder jemand von den anderen dich hier bei mir sieht.«

»Woher weißt du, dass meine Mutter hier arbeitet?« fragte Nico.

»Ich habe euch vom Fenster aus kommen sehen und deine Mutter und du, naja man sieht, dass ihr verwandt seid. Außerdem hat sie neulich erwähnt, das ihr Sohn mit der Klasse kommt.«

»Aha! Oh Scheiße!« Ich schlug mir die Hand vor die Stirn.

»Na, so schlimm ist es nun auch nicht, dass ihr euch ähnlich seht.«

»Wie? Ach so nee das meine ich nicht. Mir fiel gerade ein, dass ich meine Mathehausaufgabe nicht gemacht hab. Ist einfach zu schwer für mich. Wollte sie eigentlich noch abschreiben bevor wir hier her sind. Jetzt gibt’s wieder Ärger mit der alten Raul.«

Ich seufzte.

»Kannst du mir sagen, wo das Klo ist?«

»Treppe runter und links.«

»Danke. Meine Sachen lasse ich solange hier ja?«

»Geht klar…«

Ich ging auf die Toilette und ärgerte mich über mich selber, weil ich der Raul wieder mal Grund genug gab. mich vor der ganzen Klasse bloßzustellen. Nach zehn Minuten war ich dann wieder oben in dem »Fensterraum«. Der Junge saß immer noch auf dem Tisch.

»Ich hatte eigentlich gehofft, den Jungen zu sehn, der die vier Menschen umgebracht hat. Kennst du den?

»Klar, wenn man hier täglich vierundzwanzig Stunden ist, lässt sich das nicht vermeiden. Aber er ist nett, ich glaub du würdest ihm gefallen.«

»Was denn, du bist nicht wie ich zu Besuch hier?« Seinen letzten Satz bekam ich gar nicht so bewusst mit.

»Nein, ich darf hier noch einige Zeit absitzen. Aber es ist besser als Knast.«

»Heißt das, du tust nur so als wärst du psychisch labil…? Oh, ich glaube die anderen kommen, ich muss jetzt gehen. Vielleicht sieht man sich mal wieder.«

»Ciao Nico.«

Ich ging zurück zu den anderen, die mein Fehlen wohl gar nicht bemerkt hatten. Jetzt fiel mir ein, dass ich vergessen hatte den Jungen nach seinem Namen zu fragen.

Als wir (diesmal alle zusammen) um die Ecke bogen und auf den »Fensterraum« zugingen, wurde der Junge gerade wieder von Maike (ich kannte sie, da sie schon öfter zum Essen bei uns war) in sein »Zimmer« gebracht. Er schaute in unsere Richtung, lächelte und zwinkerte mir zu. Ich bekam fast weiche Knie bei dem Lächeln, einfach nur wow! Irgendwie hab ich es aber trotzdem geschafft, zurückzulächeln, und es hat noch nicht mal wer gemerkt.

NICO

Nach ca. 10 Minuten Busfahrt kamen wir in unserer Schule an. Da die nächste Stunde schon begonnen hatte, gingen wir gleich in die Klasse, wo unsere suuuuuuuper Mathelehrerin Frau Raul schon auf uns wartete. Frau Raul hasst mich, glaube ich, weil ich in Mathe nicht so die Leuchte bin und mich nicht regelmäßig am Unterricht beteilige und so.

»Guten Morgen Kinder. Holt bitte eure Bücher und die Hausaufgaben von gestern heraus.«

»Na, das fängt ja gut an. Die schnallt bestimmt nie, dass wir immerhin schon 15 und keine Kinder mehr sind.«

Das sagte ich zu meinem Banknachbarn und besten Freund Andy. Hätte ich wohl besser nicht tun sollen, denn die alte Raul kam gleich rüber und meinte, wenn ich so eifrig am reden sei und nicht aufpassen würde, könnte ich sicher die Lösung der Formeln nennen, die sie uns aufgegeben hatte. –ARG-

»Äh…«

Ich blätterte in meinem Heft herum, um Zeit zu schinden und mir eine passende Ausrede einfallen zu lassen. Schon war ich auf der letzten beschriebenen Seite angekommen und stutze. War das gar nicht mein Heft? Doch! Zu Anfang war es eindeutig meine Schrift, sofern man das Gekritzel als Schrift bezeichnen konnte. Die letzte Seite allerdings sah überhaupt nicht nach mir aus. Aber es waren eindeutig die Lösungen der Formeln, auch wenn ich keinen blassen Dunst hatte, wo die her kamen…

»Nun, mein Herr, was ist. Hast Du die Aufgaben etwa nicht gelöst?«

»Doch.«

Ich nannte die Ergebnisse. Frau Raul brachte vor Staunen die nächsten zehn Sekunden kein Wort über die Lippen. Dann fing sie mit einem neuen Thema an und fragte glücklicherweise nicht, ob ich die Lösungen an der Tafel verdeutlichen könnte.

»Woher habe ich die Ergebnisse und wer kommt an mein Heft ran?« murmelte ich zu mir selbst.

Und dann sah ich es; auf einem Blatt Papier, das lose zwischen den Seiten lag, stand:

~Hey Nico, hoffe ich konnte dir mit der Lösung der Aufgaben helfen. Leider hatte ich zu wenig Zeit, um ausführlich aufzuschreiben, wie du das rechnest. Halt die Ohren steif. Sven.~

Ich grübelte: Der Junge aus der Anstalt, er war’s. Sven! Sven? Hieß so nicht…? Ich war ganz aufgeregt bei dem Gedanken, aber ja, es musste so sein. Er war es! Er hatte die vier Menschen umgebracht, denn er hieß Sven und er sagte, es wäre nicht gut, wenn man uns zusammen sehen würde und dass er Sven kennen würde, und der ganz nett sei… Warum hatte er sie umgebracht? Er war doch so nett und machte einen guten Eindruck, war gut in Mathe und so…einfach… wow! Ich verstand das nicht.

SVEN

Da saß ich nun in meinem Zimmer, falls man das überhaupt so nennen konnte. Aber Zelle traf es auch nicht richtig, auch wenn die Türen von außen abschließbar waren, wenn man sich nicht benahm und drin bleiben sollte. Insgesamt jedenfalls war es um vieles einfacher, als im Knast zu sitzen. So stellte ich es mir zumindest vor. Ich war nicht sicher, ob ich im Knast nicht untergegangen wäre. Man hörte ja allerhand, was da drinnen abging, wenn die Türen zu waren… Da ließe es sich hier wohl doch besser aushalten. Ich war jetzt ca. drei Wochen hier in München und besser als in Hamburg war es auch nicht – zumindest bis heute. Dieser Junge vorhin, Nico, war einfach der Wahnsinn. Er sah so verdammt gut aus: blonde, kurze Haare, die versuchten wie eine Frisur auszusehen, blaue Augen, etwa in meiner Größe, also um 1,75 m und eine süße Stupsnase. War ich vor ein paar Tagen noch der Meinung, dass es Liebe auf den ersten Blick definitiv nicht gibt, so musste ich mir heute doch eingestehen, dass es immerhin möglich sein könnte, dass sie doch existiert.

Unglücklicherweise waren die Umstände, unter denen wir uns nun zufällig über den Weg liefen, ja doch nicht so berauschend, als dass ich mir in der Hinsicht großartige Hoffnungen hätte machen können. Erstens würde er wohl kaum noch mal hier auftauchen, auch wenn er Frau Grogers Sohn war. Zweitens war ich in seinen Augen ein psychisch Labiler, der wild in der Gegend rumgeballert und dabei Menschen getötet hatte, und drittens und letztens war er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht schwul.

Was den zweiten Punkt anging, wusste ich selber nicht genau, für was ich mich halten sollte. Fakt war, dass meine Erinnerung an diesen bestimmten Tag morgens nach dem Aufstehen endete und erst wieder im Krankenhaus einsetzte. Ich wusste nicht, was passiert war, wer geschossen hatte (wahrscheinlich ja wohl ich), wie lange alles gedauert hatte, wie ich aus der Schule raus und ins Krankenhaus kam. Ich hatte, was das angeht, einen totalen Blackout. Das machte die ganze Sache für mich auch so schwierig. Ich wusste, dass ich meiner Meinung nach allen Grund dazu gehabt hätte, Amok zu laufen, das heißt ein Motiv gab es. Ich wusste auch, dass ich ziemlich leicht ausrastete, wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte, und dass ich einen Tag vorher in die Klasse geschrien hatte, dass ich sie alle fertig machen würde. Und zu guter Letzt wusste ich, dass an der Waffe meine Fingerabdrücke waren und ich von Mike, einem Klassenkameraden, beschuldigt wurde, geschossen zu haben.

Was ich nicht wusste war, wo ich um Himmels willen das Teil her haben sollte und wie ich so was hätte tun können. Sicher hatte ich meine Klasse einschließlich meines Klassenlehrers gehasst, aber ich würde niemals jemanden umbringen! Doch genau deswegen saß ich hier in der Psychiatrie. Mein Anwalt meinte, ich sollte die Tat zugeben und somit eine mildere Strafe rausschlagen. Er hatte mir keine Hoffnungen gemacht, dass der Staatsanwalt, der Richter oder irgendjemand glauben würde, dass ich unschuldig war und da er mir ja geraten hatte, mich schuldig zu bekennen, wisst ihr ja, was seine Meinung dazu war. Ich hatte zu der Zeit nicht die Kraft gehabt, mich auch nur in irgendeiner Form gegen die Anschuldigungen zu wehren oder jemanden zu beauftragen, der Licht in das Dunkel bringt. Ich saß einfach immer nur da und hab den Prozess nicht mal mitgekriegt. Mir gingen immer nur die letzten Monate durch den Kopf und was das Schlimmste war, ich war mir selber nicht sicher, ob ich tatsächlich der Täter war oder nicht.

Jedenfalls hatte ich keine Aussage gemacht, weil mir zu dem Zeitpunkt egal gewesen ist, was mit mir passierte. Genau genommen hatte ich mich gefragt, warum ich mich nicht gleich mit getötet hatte, falls ich es war. Immerhin eine Kugel hatte ich ja abbekommen (laut Polizeibericht ein Querschläger) und die Verletzungen waren schwer, aber nicht tödlich. Ich lag wohl zwei Tage im künstlichen Koma. Ein anderer Junge hatte nicht soviel Glück, er war wie ich angeschossen worden und lag, während der Prozess schon lief, immer noch im Koma. Ich wusste nicht, wie es ihm zur Zeit ging. Ob er aufgewacht war, oder noch im Koma lag, oder gar gestorben war, was ich nicht hoffte.

Das Ende vom Lied war jedenfalls, dass ich zehn Jahre bekam und diese nicht im Knast, sondern in einer geschlossenen Psychiatrie absitzen musste, da ein Psychiater mich als nicht ganz dicht eingestuft hat. Gott sei Dank konnte ich da wohl nur sagen.

NICO

Wie sollte es anders sein, brachte mich meine Grübelei über Sven auch nicht weiter, außer dass ich noch einen Anschiss von Frau Raul kassierte, weil ich mal wieder sonst wo war, nur nicht in ihrem Matheunterricht. So war ich froh, als die Stunde um war. In der nächsten hatten wir Deutsch bei unserer Klassenlehrerin. Eigentlich auch nicht besonders interessant, aber da sie auch die „AG Randgruppen“ leitete, sprach sie mit uns nochmal über den Besuch bei meiner Mutter.

„Habt ihr den geilen Typen gesehen, der gerade über den Flur kam, als wir gegangen sind? Mann sah der gut aus!“

Das konnte natürlich nur von Sabine kommen, aber sie hatte ja weiss Gott nicht unrecht! Ich beteiligte mich nicht sonderlich an dem Gespräch und träumte wieder vor mich hin. Wovon könnt ihr euch sicher denken… Geistig anwesend war ich erst wieder, als unsere Lehrerin sagte, dass diejenigen, die noch keinen Praktikumplatz hätten, sich langsam kümmern sollten. Daran hatte ich schon gar nicht mehr gedacht. Nun hatte ich also nur noch knappe vier Wochen, um etwas zu finden. Ich hatte ursprünglich vorgehabt ein Praktikum im Kindergarten zu machen, allerdings erschien es mir jetzt doch bei weitem praktischer, meine Mutter zu fragen, ob ich nicht in ihrer Abteilung für drei Wochen arbeiten könnte. Natürlich ganz ohne Hintergedanken! 😉

NICO

Vier Wochen später fing ich tatsächlich mein Praktikum auf Mutters Station an. Es war sehr interessant aber auch ziemlich anstrengend. Am ersten Tag hatte ich lauter Befehle von einem „Pfleger“ entgegengenommen, bis ich mitbekam, dass er Patient war. Das war schon ziemlich schräg, aber auch der einzige Zwischenfall bis dato. Die Patienten gewöhnten sich so langsam an mich, und meine Kolleginnen und Kollegen waren auch alle sehr nett. Die meisten kannte ich ja eh schon. Sie brachten mir viel bei und wir hatten trotz der vielen Arbeit eine Menge Spaß.

Sven hatte ich in den 4 Tagen, die ich nun schon hier war, überhaupt nicht zu Gesicht bekommen, da er angeblich wieder irgendeinen Ausraster hatte und somit in seinem Zimmer bleiben musste. Und da durfte ich noch nicht rein. Sie mussten ihn wohl wirklich alle für einen äußerst schwierigen Fall halten. Die einzige, die halbwegs mit ihm klar kam, war meine Mutter, und ich war überzeugt davon, dass ich es auch schaffen würde. Immerhin hatte ich mich schon mal ganz normal mit ihm unterhalten. Obwohl… wenn ich so an den Pfleger vom ersten Tag hier dachte, der schien auch ganz normal zu sein!

NICO

Zwei Tage später war es dann soweit. Ich sah Sven wieder! Wir saßen gerade beim Essen im Gruppenraum, so eine Art kleine Mensa, wo wiederum an Gruppentischen gegessen, gespielt und sich die Zeit vertrieben wurde. An jedem Gruppentisch saß ein Pfleger (bzw. Praktikant), um den Kontakt zwischen Patienten und Personal ein wenig lockerer zu gestalten und Zugang zu den Patienten zu bekommen, die sonstwo mit ihren Gedanken waren, nur nicht hier.

Sven sah äußerst schlecht aus. Irgendwie total abgekämpft, aber er hatte ja auch einiges an Beruhigungsspritzen bekommen in der letzten Woche. Wer weiß, wie lange die Nachwirkungen von den Dingern anhielten. Er guckte kurz in die Runde, erkannte mich, stutzte, kam dann an unseren Tisch und setzte sich neben mich.

„Was machst du denn hier?“

„Praktikum seit einer knappen Woche.“

„Gab es nichts Besseres?“

„Bestimmt. Aber ich wollte gerne hierher und es hat geklappt.“

Sven nickte und schwieg. Er tat sich seine Suppe auf und lächelte vor sich hin. Während des Essens musste ich irgendwie immer wieder mal einen Blick auf ihn werfen. Ich konnte einfach nicht anders, weil er echt zu süß aussah. Ich hoffte, dass er nichts davon mitbekam.

„Nun, mittlerweile dürftest du ja wissen wer ich bin. Hast ja bei unserem ersten Treffen keinen Hehl daraus gemacht, dass du mich gerne mal in Augenschein genommen hättest.“

Ich hustete. „Versteh das jetzt bloß nicht falsch. Ich wollte nicht, also ich meine ich…“

„Schon gut, krieg dich wieder ein!“ Er lachte. Wahnsinn! was für ein Lachen! „Ist doch kein Problem. Konnte ich dir mit Mathe helfen?“

„Was wie? Ach so äh ja. Das war echt nett von dir. Bin tatsächlich dran gekommen. Die war vielleicht baff, dass ich die Ergebnisse hatte und noch dazu die richtigen!“

„Schön, das war meine Absicht. Jaja es ist schon nicht so einfach mit den Lehrern…!“

Nach dieser Konversation schwiegen wir und löffelten weiter unsere Suppe. Dass die anderen Mitarbeiter Sven und mich die ganze Zeit mit offenen Mündern beobachtet hatten, bekam ich erst mit, als Maike mich später darauf ansprach. Ich war wohl der Erste, mit dem Sven richtig vernünftig und in ruhigem Ton geredet hatte. Selbst bei meiner Mutter würde er nur das Nötigste sprechen, erzählte sie.

SVEN

Nach dem Mittagessen war ich wieder auf mein Zimmer gegangen. Ich wollte ein bisschen meine Ruhe haben und nachdenken. Dieser Nico gefiel mir echt gut. OK er war, wie es schien, ziemlich neugierig, wer konnte es ihm verübeln, aber er schien auch vorurteilsfrei zu sein und das war echt selten. Diese Augen waren der Wahnsinn! Beim Mittag musste ich die ganze Zeit vor mich hin grinsen. Hauptsache er dachte jetzt nicht, dass ich echt einen an der Waffel hatte. Ich seufzte und im selben Moment klopfte es an die Tür. Man muss dazu sagen, dass normalerweise nie jemand anklopft.

„Ja bitte!?“

Nico streckte den Kopf durch die Tür.

„Hallo, kann ich rein kommen?“

„Tust du doch schon.“ Oh Mann, ich grinste schon wieder.

„Ich soll dir die Tablette hier bringen.“

„Was denn, und da schicken sie dich?“ Jetzt war ich aber wirklich äußerst platt.

„Naja, ich hab halt gefragt, ob ich’s machen darf. So überzeugt war Maike davon wohl nicht.“

„Kann ich mir denken.“ Ich nahm die Tablette und schluckte sie ausnahmsweise ohne Protest.

„Widerliches Zeug!“ Ich schüttelte mich.

„Du Sven, äh…“

„Sprich dich aus.“

„…darf ich dich mal was fragen. Also was Persönliches?“ Wie süß, Nico wurde tatsächlich rot!

„Du willst wissen, wieso ich das gemacht habe, weswegen ich hier bin!?“

„Ja.“ Er sah echt niedlich aus, wie er so verlegen auf seine Schuhspitzen starrte.

Ich überlegte kurz und erzählte ihm dann genau das, worüber ich mir an dem Tag, als ich Nico kennen gelernt hatte, Gedanken gemacht hatte. Als ich geendet hatte, fragte er, warum ich meinte, einen Grund dafür gehabt zu haben.

„Ich wurde von allen Seiten nur noch niedergemacht. Ich habe in kürzester Zeit all die Leute verloren, die mir am Meisten bedeuteten, und das nur, weil ich schwul bin.“

„Wie jetzt?“ Er war sichtlich verunsichert, als er da so vor mir stand.

„Setz dich erst mal hin ich erklär es dir.“ Er setzte sich mir gegenüber auf meinen Suhl. Ich saß auf dem Bett und schaute ihm direkt in die Augen, um seine Reaktion zu sehen.

„Also, meine alte Schule ist nur für Katholiken und eine sehr strenge noch dazu. Ich habe eigentlich recht viele Freunde gehabt, dachte ich zumindest, und war beliebt. Irgendwann habe ich meinem besten Freund erzählt, dass ich schwul bin und mich in ihn verliebt hab, weil ich es anders nicht mehr ausgehalten habe. Naja er ging einfach weg, ohne einen Ton zu sagen. Als ich am nächsten Tag in die Schule kam, hatte er einen Zettel ans schwarze Brett gehängt und erzählte dazu noch überall rum, ich wäre ihm an die Wäsche gegangen. Niemand hat mir geglaubt. Selbst die Lehrer haben mich seit dem wie ein Stück Mist behandelt. Zu allem Überfluss hat mein ehemals bester Freund es auch noch meinen Eltern gesteckt, und die waren nicht sehr begeistert, kann ich dir sagen. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Es verging nicht ein Tag, an dem ich nicht verprügelt oder beschimpft oder angespuckt wurde.“

Nico starrte mich nur entsetzt an, also redete ich weiter.

„Ich bin nach ein paar Wochen in so ein Jugendzentrum für junge Homosexuelle gegangen, um Gleichgesinnte kennen zu lernen und mir Rat zu holen, aber als ich dann dort war, hat mich der Mut verlassen und ich habe nichts von meinen Problemen erzählt, weil mir alle so glücklich schienen. Dort war ich ein paar Mal und das letzte Mal, als ich dort war, hatte ich auch einen echt netten Jungen kennen gelernt, aber zu einem weiteren Treffen kam es nicht. Eine Woche später passierte das in der Schule.“

„Wie können die so was machen, nur weil du schwul bist?“ Nico starrte mich immer noch entsetzt an.

„Ach Nico, ich weiß es doch auch nicht.“

„Und du glaubst, dass du deswegen vielleicht in der Klasse…“

„Nico, ich weiß es nicht! Ich kann mich nicht erinnern. Ich weiß, dass es der Grund dafür war, falls ich es getan habe, aber dass es die Tat keinesfalls rechtfertigt.“

„Das denke ich auch.“ Nico flüsterte schon fast. „Weißt du, ich werde nicht so reagieren wie die anderen. Ich find nicht schlimm, dass du schwul bist. Im Gegenteil, und ich danke dir, dass du mir das erzählt hast.“

Er stand auf, kam zu mir und nahm mich tatsächlich in den Arm. Ich wusste gar nicht, was ich machen sollte. Ich grub meinen Kopf in seine Schulter, legte die Arme um seinen Hals und fing an zu weinen. Schon lange hatte mich niemand mehr so in den Arm genommen – eigentlich noch nie! Nach ein paar unendlich schönen Sekunden gab Nico mir einen Kuss auf die Wange, ließ mich los und ging.

NICO

Ich musste unbedingt aus diesem Zimmer raus, und kaum war ich draußen, wollte ich auch schon wieder rein. Mir schlackerten ganz schön die Beine. Ich war vollkommen durch den Wind und das alles, weil Sven tatsächlich schwul war, und wegen der Umarmung gerade eben. Ich wunderte mich über mich selbst. Normalerweise hätte ich nie den Mut aufgebracht, einfach so jemanden zu umarmen und dann auch noch einen Jungen. Als ich Sven allerdings da so sitzen sah, konnte ich einfach nicht anders.

Jedenfalls war ich spätestens jetzt bis aufs Äußerste verliebt. Ich wusste zwar nach wie vor nicht, ob Sven wirklich die Tat begangen hatte, für die er hier war, aber ich war mir zumindest sicher, dass er sie sehr bereute, falls er es war.

»Was mir wirklich Sorgen macht ist, dass meine Mutter wohl kaum begeistert wäre, wenn sie mitkriegt, dass ich mich in Sven verknallt hab.«

»Wie bitte?«

»Oh… ähm nichts, ich hab nur mit mir selbst gesprochen.«

Hatte ich doch tatsächlich Maike übersehen.

»Hat mit Sven alles geklappt?«

»Klar.«

»Wie klar? Er hat die Tablette genommen, ohne zu murren?«

Ich nickte.

»Da bin ich aber platt! Eigentlich macht er jedes Mal einen riesen Aufstand. Ich würde sagen, dann darfst du ab heute den Part übernehmen.«

Ich nickte noch einmal und grinste bis über beide Ohren.

SVEN

Er hatte mich tatsächlich auf die Wange geküsst! Ich stand immer noch so da, wie Nico mich zurück gelassen hatte und konnte es einfach nicht glauben. War er jetzt auch schwul, oder war es nur eine nette Geste? Nein. Jungen, die auf Mädchen standen, würden kaum einen Schwulen in den Arm nehmen und dann auch noch auf die Wange küssen, oder doch? Ich setzte mich zurück auf mein Bett und beschloss, mich, zumindest für die Zeit, in der Nico sein Praktikum hier machte, besser zu benehmen und nicht bei jeder Kleinigkeit auszurasten. Immerhin war so die Chance größer, ihn öfter zu sehen und das wollte ich definitiv.

Nach einer weiteren halben Stunde Grübelei über Nico ging ich in den Gruppenraum, um mich ein bisschen abzulenken. Das klappte jedoch nicht ganz so gut, weil Nico zu meiner Überraschung auch dort war und mit einem Patienten »Mensch ärgere dich nicht« spielte. Ich setzte mich dazu.

»Also so ein Praktikum will ich auch mal haben. Einfach in der Gegend rumhängen und spielen. Hast du nichts zu tun?«

Ich grinste ihn an und er zurück.

»Maike meint, ich habe mir eine kreative Pause verdient und wenn du nicht brav bist, lass ich dich zur Strafe nicht mitspielen, also überleg dir genau, was du jetzt noch sagst.«

»Ich bin schon ruhig.«

Nachdem unser Spielgefährte zum dritten Mal hintereinander verloren hatte, fegte er das Brett vom Tisch. Somit war das Spiel beendet.

»OK. Ich hatte eh keine Lust mehr«, sagte Nico und lachte.

»Och, ich hätte noch Stunden weiterspielen können.«

Ich sah mich im Gruppenraum um, damit ich Nico nicht wieder anstarren musste. Das hatte ich nämlich beim Spiel zu Genüge getan. Er stand auf und bückte sich, um das Spiel einzusammeln. Ich ging ebenfalls vor dem Tisch auf die Knie, um ihm zu helfen, und gerade als ich nach einem Männchen des Spiels greifen wollte, tat er das gleiche und unsere Hände berührten sich. Ich sah ihn an, Nico schaute zurück und lächelte. Er musste einfach auch schwul sein!

»Nico kannst du bitte mal kommen und mir hier helfen?«

Super! Manche Pfleger hatten es echt drauf, in den unglücklichsten Momenten dazwischen zu funken.

»Geh nur, ich mach das schon«, sagte ich zu Nico und schon war er verschwunden. Ich sammelte das Spiel zu Ende auf, stellte es wieder in den Schrank und ging zurück auf mein Zimmer.

NICO

Die nächsten paar Tage habe ich immer mal wieder mit Sven gesprochen und ihm auch seine Medikamente gegeben, sofern er welche benötigte. Laut meiner Mutter war er »seltsamerweise« viel ausgeglichener als sonst und erlaubte sich keine Ausraster mehr. Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass das mit mir zusammenhängen könnte, ohne eingebildet klingen zu wollen. Ich fuhr sogar am Wochenende mit auf die Arbeit, sofern meine Mutter Dienst hatte. Die Arbeit machte mir wirklich großen Spaß und außerdem war mit mir nichts anzufangen, wenn ich Sven mal einen Tag nicht gesehen hatte.

Als die letzte Praktikumswoche angebrochen war, ging ich wieder zu Sven ins Zimmer und guckte, wie es ihm ging. Er stand am Fenster und starrte hinaus.

»Hey, alles ok?”

»Schon, aber ich würde dich gerne mal was fragen. Ich weiß nur nicht wie.«

»Versuch es doch einfach gerade heraus.«

Ich lehnte mich an die Wand und sah Sven an, der etwas mit sich zu kämpfen schien.

»Gut, also ich möchte wissen ob… naja… also ob du schwul bist? Weißt du, ich mag dich sehr. Vielleicht sogar zu sehr.«

Wenn ich mit allem gerechnet hätte, aber damit definitiv nicht!

»Ja.«

»Wie ja?«

Sven drehte sich um und sah mich an.

»Ja, ich bin schwul… und mittlerweile wahrscheinlich knallrot im Gesicht.«

»Steht dir aber gut.«

Sven lächelte mich an, kam auf mich zu und stand dann genau vor mir, keine 20 cm entfernt.

»Und… magst du mich?«, flüsterte er und kam meinem Gesicht dabei mit seinem immer näher.

»Nein, ich… ich liebe dich!«

»Ich liebe dich auch!«

Er küsste mich. Ganz vorsichtig und langsam. Er hatte wahnsinnig weiche Lippen, und als er sie öffnete und mit seiner Zunge meine berührte, glaubte ich fast zu explodieren. Ich war mein ganzes Leben lang noch nie so erregt gewesen. Sven nahm mich in den Arm und drückte mich an sich. Ich spürte, dass auch er ziemlich erregt war.

SVEN

Seit ich Nico das erste Mal geküsst hatte, schwebte ich eigentlich nur noch durch die Gegend. Ich erkannte mich fast selbst nicht wieder. Er war einfach wunderbar und versuchte so viel Zeit wie möglich mit mir zu verbringen, ohne dass es großartig auffiel. Wir trafen uns im Gruppenraum, wo wir redeten oder mit anderen Spiele spielten, oder er kam in mein Zimmer, wo wir dann wenigstens ein paar Minuten ungestört waren.

Wir trauten uns jedoch nicht mehr, als uns zu küssen. Ab und zu schob ich meine Hände unter Nicos T-Shirt und streichelte seine Brust, den Rücken oder seinen Bauch. Allein das brachte mich schon jedes Mal fast um den Verstand. Nico schien es aber ähnlich zu gehen. Als ich ihm einmal an einer bestimmten Stelle über die Hose streichelte und leicht zudrückte, hatte er gestöhnt und schnell meine Hand weg geschoben, damit es kein Missgeschick gab. Seitdem durfte ich nur noch seinen Hintern durch die Hose streicheln, wobei ich das nicht weniger geil fand. Zumal ich mich, da ich ja vorne nicht mehr ran durfte, immer ziemlich an ihn presste, so dass er mich auf jeden Fall spüren musste.

Das Schlimme an der ganzen Sache war, dass die Zeit so schell rum ging. Nicos Praktikum neigte sich langsam dem Ende und seine Mutter wollte nicht, dass er neben der Schule noch weiter hier arbeitete. Sie hatte Angst, dass seine Noten darunter leiden würden.

»Nur noch heute und morgen…«

»Sven, wenn du hier sitzt und Trübsal bläst, hilft uns das auch nicht weiter. Freu dich doch, dass wir die 2 Tage noch haben.«

»Es sind nicht mehr ganz zwei Tage!«

»Ja, ist richtig, aber ich werde dich besuchen kommen. Ich verspreche es dir.«

»Bist du sicher, dass deine Mutter das erlaubt?«

»Bestimmt. Sie muss es einfach erlauben, und wenn nicht, werde ich ja auf jeden Fall wieder in den Ferien hier arbeiten. Das steht schon fest.«

»Die Ferien sind noch voll lange hin. Bis dahin hast du mich bestimmt längst vergessen.«

»Sven, jetzt hör auf so einen Blödsinn zu reden. Küss mich lieber.«

Natürlich tat ich es und wie! Ein Wunder, dass er überhaupt noch Luft bekam. Gerade in diesem Moment flog die Tür auf und Nicos Mutter kam herein.

NICO

»Mama ich…«

»Darüber reden wir später Nico. Keine Zeit jetzt. Sven rück deine Klamotten zurecht und dann komm mit. Da möchte dich jemand sprechen.«

»Wer denn?«

Er steckte sich das Hemd in die Hose und sah ziemlich verwirrt aus.

»Das wirst du gleich sehen, also los.«

»Kann Nico bitte mitkommen?«

»Von mir aus.«

Meine Mutter führte uns in ihr Büro, wo zwei Männer bereits an ihrem Besprechungstisch Platz genommen hatten.

»So die Herren. Dieser junge Mann hier ist Sven und der andere Herr ist Pfleger bei uns auf Station. Sven hat ihn gebeten, bei dem Gespräch dabei zu sein«, sagte meine Mutter.

Sie und Sven nahmen am Tisch platz und auch ich setzte mich neben meinen Freund.

»Nun gut. Sven, mein Name ist Kommissar Ansbach und das ist mein Kollege, Herr Mattes. Sie kennen einen Benjamin Degenhard?«

»Ja, natürlich! Er ging in meine frühere Klasse. Wieso?«

Ich merkte, dass Sven ziemlich unsicher war. Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut und es sah aus, als hätte er Angst.

»Er wurde damals bei der Schießerei in der Schule schwer verletzt und ist vor drei Tagen aus dem Koma erwacht. Er hat Angaben zum Tathergang gemacht, die eindeutig belegen, dass Sie nicht der Täter sind.«

Sven starrte ihn an und war kreidebleich. Ich hatte echt Angst, dass er mir jeden Moment umkippte.

»Können Sie das bitte genauer erklären, Herr Ansbach«, mischte ich mich in das Gespräch ein.

»Natürlich. Benjamin hat ausgesagt, dass nicht Sven geschossen hat, sondern ein Junge mit dem Namen Mike Peters. Da Benjamin bis vor Kurzem im Koma lag und Sie, Sven, sich nicht an den Tathergang erinnern konnten, mussten wir davon ausgehen, dass Mike Peters Aussage korrekt war und Sie der Täter waren. Es gab keine weiteren Zeugen, da die Meisten das Klassenzimmer schon verlassen hatten und alle, die noch dort waren, sind leider an den Schussverletzungen gestorben. Wie auch immer. Wir haben Herrn Peters bereits festgenommen und er hat gestanden, die Tat begangen zu haben.«

»Es waren meine Fingerabdrücke auf der Waffe… «, flüsterte Sven.

»Das ist richtig. Der Täter hat die Waffe abgewischt und Ihnen in die Hand gelegt.«

Sven fing an zu weinen und ich nahm ihn in den Arm.

»Das heißt, er kann jetzt sofort hier raus?«

Ich sah Herrn Ansbach an.

»Ja, die entsprechende Verfügung habe ich bereits mitgebracht. Sobald Frau Groger den Papierkram erledigt hat, kann er gehen.«

»Ich weiß doch gar nicht, wo ich hin soll«, schluchzte Sven, »ich habe kein Zuhause mehr.«

»Du kommst erst mal mit zu uns und dann sehen wir weiter«, sagte meine Mutter. »Ich werde die Papiere für die Entlassung bis morgen fertig machen.«

SVEN

Nach diesem Gespräch ging ich wieder auf mein Zimmer und setzte mich aufs Bett. Mir war ziemlich elend zumute. Sicher war ich froh, dass ich die Tat nicht begangen hatte und auch, dass ich aus der Psychiatrie rauskam. Allerdings hatte ich auch das erste Mal, seit ich weggesperrt wurde, eine richtige scheiß Angst.

»Hey, ist doch Spitze. Du bist unschuldig und kommst hier raus. Dann können wir uns immer sehen.«

Ich reagierte nicht. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich gar nicht realisiert, dass Nico mir gefolgt war.

»Sven? Was ist denn, alles in Ordnung?«

»Ja, ich muss das nur erst mal auf die Reihe kriegen. Ich wusste bis jetzt überhaupt nicht, was da passiert ist, und jetzt… das ist einfach alles ein bisschen viel gerade. Ich habe doch niemanden mehr außer dir und es ist eine fremde Stadt. Ich kenne mich hier gar nicht aus und… ich hab Angst, dass ich das nicht schaffe.«

»Sven, ich verstehe, dass du Angst hast, aber du schaffst das schon und ich helfe dir dabei. Du hast meine Mutter doch gehört. Du kannst erst einmal mit zu uns kommen und dann finden wir schon eine Lösung für alle Probleme.«

Er nahm mich in den Arm und flüsterte mir beruhigende Worte zu. Ich war sehr froh, ihn jetzt bei mir zu haben und das nicht alleine durchstehen zu müssen.

Irgendwann muss ich vor Erschöpfung eingeschlafen sein. Als ich wieder aufwachte und aus dem Fenster sah, war es Nacht und nur die Lichter der Laternen schienen in der Dunkelheit. Nico war nicht mehr da. Ich knipste meine Nachttischlampe an. Die Zeiger meiner Uhr standen auf 4 Uhr. Ich blieb noch eine Stunde liegen und ließ den vergangenen Tag revue passieren.

Als ich sicher war, nicht mehr schlafen zu können, stand ich auf und zog mich an. Danach fing ich an, meine wenigen Habseligkeiten, die ich damals von zu Hause mitgenommen hatte, zusammen zu packen. Anschließend zog ich das Bettzeug ab und legte das benutzte Laken sowie den Bettbezug an der Tür bereit zur Wäsche. So hätten die Pfleger weniger Arbeit. Inzwischen war es 6:00 Uhr und ich hörte das Pflegepersonal draußen auf dem Gang. Ich beschloss, in den Gruppenraum zu gehen und auf das Frühstück zu warten.

SVEN

Ich war gerade fertig damit, wenigstens ein bisschen Frühstück runter zu würgen, als Nico auf mich zugestürmt kam.

»Morgen mein Schatz. Weißt du was? Deine Papiere sind schon fertig. Sowie du fertig gefrühstückt und deine Sachen gepackt hast, können wir eigentlich los.«

»Wie, los?«

»Na, du wirst doch heute entlassen und wenn du fertig bist, können wir gleich los.«

»Ja ich hab dich schon verstanden, aber du musst doch noch arbeiten bis heute Nachmittag?«

»Nö. Ich habe frei bekommen. Also los, lass uns Sachen packen.«

»Hab ich schon.«

»Umso besser.«

Wir gingen zusammen in mein Zimmer, holten meine Sachen und betraten kurze Zeit später Frau Grogers Büro.

»Da seid ihr ja schon. Wir können gleich los. Unterschreib hier bitte einmal Sven, dann könnt ihr schon mal zum Wagen vorgehen.«

Ich unterschrieb und Nicos Mutter schloss uns die Tür auf, die von der geschlossenen zur offenen Psychiatrie führte. Wir gingen die langen Gänge entlang auf den Ausgang zu und ich wurde immer nervöser.

»Schatz, es ist alles in Ordnung. Ich bin bei dir. Es kann nichts passieren.«

Nico nahm meine Hand, drückte sie und zog mich hinter sich her, geradewegs durch die Tür hinaus ins Freie. Das erste Mal seit Langem konnte ich die Natur ohne Gitterstäbe vor mir sehen und mich frei in ihr bewegen. Ich hatte nie bemerkt, wie schön die Anlage der Klinik eigentlich war. Es gab einen großen Park mit vielen Bänken und einem See in der Mitte.

»Nico es ist… fantastisch!«

»Das ist es!«

Er nahm mich in den Arm und küsste mich. Hinter uns räusperte sich jemand: Nicos Mutter.

»Weit seid ihr ja noch nicht gekommen. Das Auto steht da vorne.«

Sie ging voran in Richtung Wagen und wir folgten ihr, beide knallrot im Gesicht. Wir verstauten meine Sachen im Kofferraum und dann ging es los.

Die Fahrt durch die Stadt dauerte keine 10 Minuten und doch war sie ungeheuer spannend und aufregend für mich. Ich genoss es zu sehen, wie sie langsam zum Leben erwachte.

NICO

Sven war doch ziemlich nervös, als wir in unsere Auffahrt einbogen und aus dem Auto stiegen. Ich nahm ihn wieder bei der Hand, aber Sven liess sie los.

»Es ist in Ordnung Sven. Sie wissen beide Bescheid. Sie haben kein Problem damit.«

Das stimmte wirklich. Meine Mutter hatte mir am vorherigen Abend gesagt, dass sie und mein Vater schon seit Längerem angenommen hatten, dass ich schwul bin. Wir hatten ein langes Gespräch, auch was die Sache mit Sven betraf. Er würde erst einmal bleiben können, damit er Hilfe hatte und sich an alles wieder in Ruhe gewöhnen konnte. Anschließend wollten wir weiter sehen.

»Hallo, du musst Sven sein. Habe schon ´ne Menge Gutes und Schlechtes von dir gehört.«

»Mann Papa! Er macht gerne Witze, weißt du.«

Sven sah mich kläglich lächelnd an.

»Sorry, sollte wirklich nur ein Scherz sein. Tja, dann willkommen im Hause Groger, Sven.«

»Vielen Dank. Es ist wirklich sehr nett, dass ich zu Ihnen kommen darf.«

»Ist doch selbstverständlich. Andernfalls hätte Nico wohl auch nie wieder in Wort mit uns gesprochen… kleiner Scherz. Also komm rein, Nico kann dir gleich sein Zimmer zeigen.«

Das tat ich dann auch und Sven sah sich sehr gründlich um.

»Schön hast du´s hier.«

»Du meinst schön haben wir es hier.«

Ich zog Sven an mich und wir versanken in einem langen Kuss.

»Bist du glücklich Sven?«

»Oh ja Nico, das bin ich wirklich.«

Ich küsste Sven auf die Stirn, leckte ihm über die Lippen und knabberte an seinem Ohrläppchen. Wir zogen uns langsam gegenseitig aus, meine Hände bahnten sich einen Weg über seinen nackten Körper und ich wusste jetzt sollte es passieren. Ich wollte und konnte nicht mehr länger warten und ich wusste, dass es Sven genauso ging…

Ende

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