Morgentau

Platsch.

Oh – Rufe, Hundegebell, Aufruhr.

Dennis schüttelte kurz seinen Kopf, der Helm war verrutscht und saß schräg auf dem braun behaarten Schopf. Kläffend turnte Tiffy, die Jack-Russel-Hündin auf ihm herum. Was war grad passiert?, dachte er und sah aus seiner ungewollten Sitzposition ungläubig zu der Zuschauertribüne.
Einige Leute waren aufgestanden und blickten mit halb offenem Mund in seine Richtung. Als Dennis sein Missgeschick klar wurde, ließ er sich einfach in den Matsch fallen. War jetzt eh schon alles egal. In dem Moment spürte er einen stechenden Schmerz in der Schulter. Er schloss die Augen. Wut kam auf, Zorn.
Alles verspielt. Aus und vorbei. Seine letzte Chance vertan. Bevor der Sanitäter bei ihm war zogen schnell die letzten Wochen an seinem geistigen Auge vorbei. Soviel Pech hatte er noch selten in seinen 19 Lebensjahren gehabt. Pech oder Unglück? Schicksal? Er konnte es nicht trennen.

»Alles Ok mit dir?«, fragte einer der Sanitäter und kniete sich neben Dennis auf den vom Regen der letzten Tage aufgeweichten Boden.

»Meine Schulter«, antwortete er leise. Er vermochte nicht zu sagen was mehr weh tat – dieses Turnier verloren zu haben oder der Schmerz.
Kaum berührte der Sani die Stelle schrie Dennis auf.

»Autsch«.

»Kann das Schlüsselbein sein. Sonst noch Schmerzen irgendwo?«

Dennis schüttelte den Kopf und er spürte jetzt Tränen in seinen Augen.

»Kannst du aufstehen?«

Dennis wusste dass es der Sani gut meinte, aber ihm wurde das alles furchtbar peinlich. Noch immer starrte alles zu ihm hin, irgendwer plärrte irgendwas durch die Lautsprecher und Dennis versuchte gar nicht erst die hallenden Worte zu verstehen.
Sein Name fiel, das bekam er noch mit, den Rest wollte er wirklich nicht hören. Dass er ausgeschieden war, dass sein Erzfeind Ralf den ersten Platz des Reitturniers gewonnen hatte. Dabei hatte alles so gut ausgesehen an dem Morgen.
Billy, Dennis’ Kohlfuchs und einziger Freund, war gut gelaunt, zickte nicht herum und war ganz brav auf den Platz getrabt. Alle Disziplinen klappten hervorragend, einige Leute riefen seinen Namen und feuerten ihn damit an.
Doch dann dieser Knall. Irgendwoher kam er, laut und scharf. Billy bäumte sich so schnell auf dass Dennis gar nicht reagieren konnte. Sekunden später fiel er aus dem Sattel und landete auf dem Boden.
Resigniert ließ sich Dennis von dem Sani vom Platz führen. Ausgerechnet die rechte Schulter. Wenn das Schlüsselbein gebrochen war konnte er sich erst mal darauf einstellen nicht schreiben zu können. Und das zu einer Zeit als die Abschlussprüfung seiner Lehre anstand.
Er mochte nicht weiterdenken was das bedeutete. Kann man wirklich so viel Pech haben? Erst war sein Vater samt zugehöriger Sekretärin abgehauen, dann ging sein Auto kaputt und schließlich zog Stefan, sein bester Freund aus Schultagen, weg aus der Stadt.
Und nun dies. Er sah zu Billy hinüber, der von einem Jurymitglied vom Platz geführt wurde. Der stolze Kohlfuchs konnte schließlich nichts dafür, ihm die Schuld zu geben war das Letzte was Dennis in den Sinn kam. Nur, wenn er den erwischen würde der das zu verantworten hatte, dem würde er auch mit nur einer Hand die Gurgel umdrehen.
Aufmunterte Worte raunten ihm entgegen als der Sani mit ihm im Geleit durch die Menschenmenge nach draußen ging. Dennis traute sich nicht ihnen in die Augen zu sehen. Am wenigsten in die seiner Schwester oder gar seiner Mutter, die bestimmt hier in der Nähe waren. Ihnen gleich zu begegnen war eh unsausweichlich, aber er hätte lieber darauf verzichtet.
Den Blick auf den Boden gerichtet stapfte er tapfer hinaus aus der Koppel. Plötzlich blieb der Sani stehen und Dennis sah vor sich. Vor ihnen aufgebaut stand Ralf, sein Rivale. Er mochte Dennis einfach nicht, was sich aber nur dadurch äußerte dass er ihm eigentlich permanent aus dem Weg ging.
Ralf war schon im Verein als Dennis vor drei Jahren hier dazukam. Seine Schwester hatte ihn öfter mitgenommen und irgendwann saß er auf dem Rücken von Billy und unternahm seine ersten Reitversuche.
Er bekam Spaß an der Sache, ging immer öfter hin und es stellte sich heraus dass er für diesen Sport geboren war. Nur war da eben Ralf, der ihm nicht von Anfang an mit Misstrauen begegnete.
Der Junge, der in seinem Alter war, war auf den ersten Blick gar nicht so unbequem. Zu Beginn saßen sie öfter im Reiterstübchen und unterhielten sich, hatten sogar gemeinsame andere Interessen festgestellt.
Im Lauf der Zeit spürte Dennis dann aber Zuneigung zu ihm. Sein Faible für hübsche Jungs war ja nicht neu, aber eines Abends, als sie wieder einmal zusammensaßen, spürte Dennis dass da mehr war als eine beginnende Freundschaft. Er gestand sich ein, dass er sich in Ralf zu verlieben begann. Dass er schwul war verheimlichte er tunlichst und niemand um ihn herum bekam seine heimliche Leidenschaft mit.
Dennis begann immer öfter zu grübeln wenn sie zusammen waren. Ralf hatte keine Freundin so wie er herausbekam und schien auch sonst nur viel Interesse an etlichen Sportarten zu haben.
Dann begannen die ersten Turniere und Dennis wurde immer besser, bis er schließlich ein erster Preis nach dem anderen einheimste. Von da an distanzierte sich Ralf immer mehr von ihm, bis er ihm schließlich ganz aus dem Weg ging.
Dennis war darüber mehr als unglücklich, versuchte Anfangs Ralf klar zu machen dass das alles nichts persönliches wäre, aber er kam kaum noch an ihn heran. Eigentlich hatte er gehofft Ralf würde ihn dadurch mehr beachten, aber das war offenbar ein Trugschluss. Schließlich fand er sich damit ab dass Ralf nicht das war was er sich insgeheim erhofft hatte. Natürlich wäre er ihm nie zu nahe gekommen, aber schon die bloße Anwesenheit oder die Gespräche mit ihm waren eine reine Freude für ihn.
Das war die Zeit als er sich Mirko anschloss. Der war alles andere als sein Typ, aber wenigstens klug, anständig. Fast ein Kopf kleiner als er, rotblonde Haare, Sommersprossen und er kam aus einer reichen Familie. Nicht nur an Geld, sondern auch aus Kindern. Mirko hatte noch vier Geschwister, allesamt Mädchen. Aber die waren jünger als Mirko, er selbst erst 17.

Ihre Augen trafen sich. Schöne, braune Augen hatte Ralf, umrahmt von langen Wimpern. Lächelte er grade? Oder war das Schadenfreude? Wohl eher das. Verständlich, obwohl er doch jetzt als Sieger hervorgegangen war. Gewonnen, das wichtigste Turnier des Jahres.. Dennis schämte sich, auch wegen seinem Aussehen. Total verdreckt vom Matsch überall dürfte er eine richtige Jammergestalt abgegeben haben.

»Na, Pech gehabt, wie?«

Dennis stiegen wieder die Tränen in die Augen. Nicht wegen der Worte, sondern dass er sie sagte, er, seine heimliche Liebe, immer noch.

»Scheint so«, murmelte er fast unhörbar. Hätte er ihm nun doch nicht lieber eine gescheuert? Er wusste nicht was er noch denken oder sagen sollte. Es wurde ihm auch egal, der Schmerz in seiner Schulter begann jetzt Oberhand zu gewinnen.
Ohne noch einmal aufzusehen lief er los, an Ralf vorbei wobei sich ihre Schultern berührten weil Ralf nicht auswich.

»Kind, hast du dich schwer verletzt?«, fragte seine Mutter, die plötzlich bei ihm stand, im Schlepptau Anni, seine Schwester.

»Nein, ich glaub nicht«, antwortete er missmutig und stieg in den Sanitätswagen. Er legte sich ohne Aufforderung auf die Trage und ließ sich von dem Sani anschnallen.

»Wir fahren ins Krankenhaus St. Elisabeth« sagte der nur zu Dennis’ Mutter und schloss die Tür. Dennis hörte noch dass sie draußen diskutieren, vermutlich wollten sie mitfahren. Ihm war recht dass das in der Regel nicht erlaubt war, er wollte alleine sein. Alleine mit sich und seinem Elend. Jetzt lösten sich die Tränen vollends und er begann zu schluchzen, als sich der Unfallwagen in Bewegung setzte und mit gemäßigtem Tempo vom Gelände fuhr.

Das Prozedere im Krankenhaus dauerte und dauerte. Röntgen, alle möglichen Körperteile nach etwaigen Verletzungen absuchen.. Zum Glück war das Schlüsselbein nur angebrochen, trotzdem verpasste man ihm einen Stützverband mit dem er nun einige Wochen herumlaufen musste.
Seine Mutter holte ihm am späten Nachmittag vom Krankenhaus ab und lud ihn – wohl zum aufmuntern – zu einem Eis in der Stadt ein. Dennis war es egal, er sträubte sich nicht, war aber auch nicht begeistert.

»Nun nimm es endlich hin, Dennis. Du kannst an all dem nichts ändern und zudem hat niemand Schuld. Zumindest du und Billy nicht. Sie sagten sie werden schon rauskriegen wer da geknallt hat, denn sie vermuten dass das mit Absicht getan worden ist. Aber selbst wenn man den nicht findet, es war schließlich nicht das Ende aller Tage«, sagte seine Mutter und löffelte in ihrem Eisbecher.

Dennis nickte nur, sie hatte ja recht. Trotzdem ärgerte es ihn und die Sache mit Ralf wurmte noch mehr.
Zu Hause angekommen legte er sich aufs Bett und grübelte. Immer wieder versuchte er sich einzureden dass es wieder besser werden würde, wusste er doch dass er seine Prüfungen nachholen durfte nachdem seine Mutter mit dem Betrieb telefoniert hatte.
Auch reiten konnte er wieder, irgendwann. Aber Ralf wich nicht aus seinem Kopf. Dieser hübsche Kerl, der so eine Ausstrahlung hatte der er sich nicht entziehen konnte. Die blonden, strubbeligen Haare, der schlanke Körper, der, eingehüllt in die Reiterkluft, so unheimlich anziehend für ihn war. Der niedliche Po.. Dennis stöhnte. Er hätte alles dafür gegeben Ralf als richtigen Freund bekommen zu dürfen. Aber irgendwas oder irgendwer waren scheinbar dagegen.

Gerade als er am einschlafen war klopfte es an der Tür.

»Dennis, kann man reinkommen?«

Verschlafen setzte er sich halb auf. Diese Stimme gehörte Sandra, einer guten Freundin aus der Nachbarschaft. Er mochte sie, weil sie so unkompliziert war und leider hatte sie auch schon Andeutungen gemacht dass sie ihn sehr gerne mochte. Er hoffte immer wenn sie zusammen waren dass sie keine Annäherungsversuche starten würde. Aber irgendwann, das ahnte er seit langem, würde es dazu kommen. Dann blieb ihm nichts als Farbe zu bekennen, so sehr er sich auch gegen ein Outing bei irgendwem sträubte.

»Ja, komm rein«, rief er und schon stand sie, in der Hand eine riesige Schachtel Pralinen, bei ihm am Bett.

»Hallo du Unglücksrabe. Wie geht’s dir?«

Er lächelte gequält.

»Frag lieber nicht.«

»Och, nun sei nicht so ein Frosch. Das wird doch wieder und dann kannst du es dem Ralf so richtig zeigen.«

Ralf. Der Name erzeugte einen Stich in seinem Herzen.

»Wenn möglich erwähne ihn in absehbarer Zeit bitte nicht in meiner Gegenwart.«

»Oh, er hat dir doch aber nichts getan.«

„Denkst du“, dachte er bei sich.

Mein Herz hat er gebrochen, das ist schlimmer als jede Verletzung irgendwelcher Körperteile.

»Sag mal, warum vertragt ihr euch eigentlich nicht? Am Anfang…«

»Bitte, Sandra, reden wir von was anderem.«

Ohne zu fragen setzte sie sich auf sein Bett und fuhr ihm durch die dichten, dunkelbraunen Haare.
»Also tut mir Leid, ich möchte schon gern wissen was zwischen euch ist. Man kann das ja nicht mit ansehen. Ich find es ganz toll wenn ihr auf auswärtigen Turnieren die anderen da so richtig abserviert. Das müsste doch…«

Dennis wischte sich über die Augen.

»Hast du große Schmerzen?«, unterbrach sie ihre Ausführungen.

Er sah auf seine Finger und spürte dass der Zeitpunkt gekommen war. Sie musste, sie konnte und sie sollte es wissen, denn irgendwann kam es doch heraus. Und er kannte sie gut genug dass er wusste, sie konnte schweigen. Möglich dass sie dann nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte, aber das musste er nun einfach riskieren.

»Sandra, ich hab ein Problem..«

Sie sah ihn an, aber eher gelassen.

»Komm, raus mit der Sprache.«

»Es ist aber nicht so einfach«, nuschelte er und bohrte seinen Blick in den Teppich.

»Sonst wär’s kein Problem, oder?«

»Ja, schon.. Also die Sache mit Ralf.. «

»Ja? Hat er dir was getan?«

»Im Grunde schon.«

Ihre Augen wurden groß und sie rückte ein Stück von ihm weg um ihn besser betrachten zu können.

»Nun sag schon, was ist da los?«

»Ich hab.. ich hab mich in den verliebt.«

Er wollte mehr sagen, aber jetzt die richtigen Worte zu finden fiel ihm schwer. Im Grunde war ja auch so alles raus. Mehr musste nicht sein. Er sah sie jetzt an und wartete auf ihre Reaktion.

Sandra blies die Luft aus ihren Lungen.

»Ach so. Ich dacht schon er hätte was mit deinem Unfall zu tun.«

Schlagartig sah Dennis hoch, direkt in ihre Augen. Das hatte er noch gar nicht bedacht. Natürlich. Ralf war schon drei Durchläufe vor ihm dran, er hatte Zeit genug das Gelände zu verlassen und den Knall abzugeben.
Genau im richtigen Augenblick. Das konnte nur er gewesen sein. Wut übermannte ihn plötzlich. Er wäre am liebsten zu ihm hin, jetzt, auf der Stelle. Aber Worte drangen in seine Ohren und er beruhigte sich. Zumindest äußerlich.

»Und sonst hast du nichts dazu zu sagen?«

»Dass du schwul bist? Was soll ich dazu sagen. Kannst ja nichts dafür. Ich hätte mir da natürlich was anderes vorstellen können.. aber soviel ich weiß kann man da ja nichts ändern. Dumm nur dass Ralf.. oder ist der auch?«

Dennis blinzelte in die Sonne die in sein Zimmer schien.

»Das weiß ich nicht. Er hat keine Freundin, das weiß ich. Aber mehr auch nicht.«

»Dann sei vorsichtig. Wenn er was merkt und Schwule nicht mag kann das schnell ins Auge gehen. Er kennt viele wichtige Leute im Verein und..«

»Ja, ja«, unterbrach er sie, »ich werd mich ruhig verhalten. Ich wollte.. nein ich musste aber jetzt mit jemandem drüber reden.«

»Und das mit mir. Ehrt mich irgendwie, auch wenn ich jetzt meine Hoffnungen auf dich begraben muss.«

Sie gab ihm einen zarten Kuss auf die Wange.

»So, nun muss ich aber, Stefanie will mit mir ins Kino. Oder kommst du auch mit?«

Er schüttelte lächelnd den Kopf.

»Lieb von dir, aber ich muss nachdenken. Ein andermal gerne. Und – danke dass du mir zugehört hast. Und mich nicht hocken lässt.«

Unter der Tür grinste sie, blinzelte ihm zu und zeigte mit dem Daumen nach oben.

»Wird schon, kein Problem.«

Dennis ließ sich in seine Kissen fallen um kurz darauf den Grund seines Aufenthalts bei dem Wetter in seinem Zimmer zu spüren. Wie ein Dolchstoß durchfuhr in der Schmerz.

»Verd…«, fluchte er und dachte erneut darüber nach, ob Ralf wirklich etwas mit all dem zu tun haben könnte.

Die Tage verstrichen ohne dass etwas aufregendes passiert wäre. Dennis’ Schulter ging es jeden Tag besser, endlich konnte er auch wieder schreiben. Aber das alles befriedigte ihn nicht. Er wollte wieder reiten. Rauf auf sein Pferd, das er jeden Tag besuchte.
Ralf war ihm dabei nur ein paar Mal begegnet, aber sie sahen sich nicht an. So wie zwei Fremde kam es Dennis vor. Menschen, die sich überhaupt nicht kennen. Sein seelischer Schmerz darüber begann abzuklingen, wenigstens war Mirko um so enger um ihn herum. Mirko hatte sich inzwischen Fiola als Freundin auserkoren.
Sie war ebenfalls im Verein und eine ganz annehmbare Person. Allerdings wich sie Mirko nicht von der Seite und Dennis versuchte ab und an ihnen fern zu bleiben.
Sandra kam jeden zweiten Tag bei ihm vorbei oder fuhr ihn zum Reitplatz. Sie war eine Seele von Mensch und wenn er nicht schwul wäre hätte er sie längst eingefangen. Abends in seinem Bett fand er oft keinen Schlaf.
Manchmal träumte er von Ralf, viele Sachen machten sie zusammen. An den schönsten Stellen schreckte er hoch, musste realisieren dass nichts davon der Wahrheit entsprach.

Es war dann nicht unbedingt nur Ralf der ihm nicht aus dem Kopf gehen wollte, es war die Frage wie es weitergehen sollte. Seiner Mutter musste er es irgendwann beichten, obwohl er da kein großes Problem sah.
Sie war tolerant, engagierte sich im Landfrauenverein und war auch sonst weltoffen. Aber sie war ja nicht alles und nicht jeder.
Nach Wochen dann endlich der erste Ausritt. Am frühen Sonntagmorgen, bei schönstem Sommerwetter, sattelte Dennis seinen Kohlfuchs auf. Nicht weit wollte er, nur ein paar Runden in den Rheinauen. Noch spürte er leichtes Ziehen in der Schulter, aber das störte ihn nicht.
Das Aufsteigen machte etwas mehr Probleme, aber als er endlich im Sattel saß waren die Schmerzen wie weggeblasen.
Langsam trabte er zum Gattertor hinaus. Schwalben umkreisten das Reitergespann, Fliegen brummten im warmen, noch milden Sonnenlicht und überall glitzerten die Blüten im Morgentau. Dennis merkte erst jetzt was er so lange vermissen musste.
Plötzlich hörte er Hufe neben sich. Schon aus den Augenwinkeln sah er dass es Ralfs Rappe war. Der hatte ihm jetzt gerade noch gefehlt und er versuchte es einfach zu ignorieren, gab seinem Pferd sanft die Sporen und beschleunigte leicht.
Die Tritte neben ihm blieben, Ralf zog mit. Was hatte er vor? Dennis stoppte abrupt und drehte sein Pferd in Ralfs Richtung.
So standen sie da, die Pferde fast Kopf gegen Kopf.

»Was willst du von mir?«, fragte Dennis forsch.

»Vielleicht – ein Stück mit dir ausreiten?«

Dennis begann leicht zu zittern. Diese Stimme. Nichts Lautes, Aufdringliches oder gar Bedrohliches. Und dann dieses Bild. Nein, so anmutig saß keiner sonst im Sattel. Stolz würde er sagen. Und schön. Ja, schön. Sein Herz klopfte. Es lag an ihm das Angebot anzunehmen. War Ralf wirklich der Übeltäter? Führte er nun schon wieder etwas im Schilde? Dennis wusste keine Antwort auf diese Fragen. Aber er würde schließlich gewarnt sein, genau aufpassen was passiert.

»Wenn du willst«, sagte er wenig höflich. Eigentlich wollte er das so nicht sagen, aber sein Misstrauen überwog.

»Schön. Dann komm«, sagte Ralf und setzte seinen Rappen in Bewegung.

Dennis folgte ihm mit einigem Abstand, auf dem Pfad entlang hinein in den Pappelwald, der sie bis zum Rhein begleitete.
Dennis beobachtete seinen Vormann, wie er das Pferd führte; die schmale Taille, dieses anmutige Fortbewegen das eher einem schweben glich. Ralf ist für die Pferde geboren, dachte er. Sie waren eins da vorne, Reiter und Pferd verschmolzen zu einer grazilen Einheit. Dennis holte tief Luft.
Trotz der ungeplanten Begleitung fühlte er sich wohl, irgendwie. Warum konnte Ralf nicht sein Freund sein? Nur so, ohne das schwule drum herum? Er hätte damit leben können, bestimmt. Er wagte es nicht in die Zukunft und damit die Schwierigkeiten zu sehen, die so eine einseitige Freundschaft mit sich bringen würde.
Wenn das Verlangen immer stärker wird, bis hin zu dem Punkt wo man zusammenbricht. Wo man nicht mehr anders kann als dem anderen seine Liebe zu gestehen.

Sie verließen den Wald, vor ihnen tat sich die weite Rheinaue auf. Viel Platz zum reiten, die meisten Menschen waren noch gar nicht auf den Beinen, es war fast einsam da draußen.
Ralf hielt sein Pferd an und Dennis schloss zu ihm auf.
Unruhig tippelten die Pferde auf der Stelle.

»Wollen wir mal sprinten?«, fragte Ralf plötzlich.

Sofort gingen in Dennis die roten Lampen an. Was sollte das jetzt bedeuten? Was konnte man da anrichten? Er fühlte sich stark genug um einen Sprint hinzulegen, ohne Zweifel.
Er atmete tief durch. Sollte er sich auf dieses Wagnis einlassen? Billy ist topfit, an uns beiden kann’s nicht scheitern, dachte er.

»Ja, von mir aus. Bis wohin?«

Ralf lächelte. Umwerfend, betörend. Dennis begann alle Bedenken und Anschuldigungen über Bord zu werfen. Wenn er es war der an seinem Unfall Schuld hatte, dann war es in diesem Augenblick völlig egal.

»Bis zum Grenzstein«, sagte Ralf und drehte den Kopf in die Richtung in die es ging.

»Schön. Und was ist mit dem Sieger?«, wollte Dennis nun doch wissen.

»Sollte es einen geben?«, stellte Ralf eine Gegenfrage.

Dennis grübelte was er damit gemeint haben könnte, zog dann aber einfach die Schultern hoch.

»Sollte es doch einen Sieger geben – der Preis ist geheim«, sagte Ralf und brachte sein Pferd in die Position.

Ein Kilometer war der Grenzstein entfernt, direkt am Wegrand. Ohne Schiedsrichter machte es eh keinen Sinn, aber Dennis ließ sich einfach darauf ein.
Er stellte sich direkt neben ihm auf und sah nach vorn, dann neben sich zu Ralf. Gleiche Augenhöhe. Diese wunderbaren Augen, die sinnlichen Lippen.

»Achtung, fertig, los!«

Gleichzeitig setzten sich die Pferde in Bewegung, aus dem Stand in rasenden Galopp. Der Weg war breit genug für die beiden und so konnte man sich ganz auf die Strecke konzentrieren. Der Weg war trocken und nur wenige Steine lagen herum, es gab keine Wasserrinnen oder sonstige Hindernisse. Und er war fast kerzengerade.
Zwei Staubfahnen hoben sich hinter ihnen in den blauen Himmel und weit waren die Anfeuerungsrufe der beiden Reiter zu hören. Wie von Furien getrieben rasten sie den Weg entlang, wie getrieben von einer mächtigen, unsichtbaren Kraft.
Kühl war der Wind der ihnen entgegenschlug, die Pferde sperrten die Mäuler auf und Schaumfetzen wurden vom Gegenwind zerrissen.
Dennis beugte sich immer weiter nach vorn, legte sich mit dem Oberkörper an den Hals seines Tieres wie ein Jockey. Ralf tat es ihm nach und allmählich gerieten sie wie in einen Taumel. Immer schneller wurden sie, trieben mit ihren Peitschen das Letzte aus ihren Pferden heraus.
Dann kam er, rasend schnell kam der Grenzstein auf sie zu.

Die Reiter sahen das gleiche, erlebten den selben Moment. Die Vorderbeine ihrer Pferde passierten im gleichen Augenblick den dunklen Schatten, den der Grenzstein durch die noch tiefstehende Sonne über den Weg warf.

Es gab keinen Sieger.

Langsam ließen sie ihre Pferde auslaufen, bremsten nur allmählich die Geschwindigkeit herab bis sie zum stehen kamen.
Die Luft war erfüllt vom Keuchen der Tiere und Reiter, die nur langsam aus dem Rausch zurückkehrten. Schweißnass wurden jetzt ihre Gesichter und Kleider, ohne den kühlenden Gegenwind. Herzen klopften bis zum Anschlag und ihre Münder klebten trocken zusammen.
Ralf rückte seine Jacke zurecht und drehte sein Pferd in Richtung woher sie gekommen waren.

»Toll. Das hat Spaß gemacht«, keuchte er. »Dir auch?«

Dennis nickte, nach Luft jappend und drehte Billy ebenfalls.

»Wir waren gleich schnell«, sagte Dennis nach etlichen, schweigsamen Minuten.

Ralf grinste.

»Ich sagte ja, dass es keinen Sieger geben wird.«

»Und was wäre sein Preis gewesen?«

Ralf sah zu Boden, dann in die Ferne. Er rückte seinen Helm weiter ins Genick und wischte mit einem Tasschentuch über sein Gesicht.

»Was hältst du davon, wenn wir zum Schnakenwirt reiten und etwas trinken?«

Dennis wollte die Antwort gar nicht mehr wissen. Ralf hatte akzeptiert dass sie zumindest heute gleich schnell und stark waren und das war für ihn Preis genug.
»Ja, warum nicht. Wenn der schon so früh aufhat?«

Ralf nickte nur und langsam ritten sie dem Rhein zu, wo eine alte, kleine Hütte stand. Dort konnte man Pause machen; die Ausflügler, Angler, Reiter, wer auch immer. Und weil im Sommer die Schnaken zu einer großen Plage hier werden konnten nannte man die Hütte schlicht „Schnakenwirt“.

Die Sonne begann zu brennen als sie wieder die ersten Bäume am Ufer des Rheins erreichten.
Sie stiegen ab und ließen die Tiere das Wasser des Flusses trinken, während sich Ralf erschöpft unter einen Baum setzte und am Stamm anlehnte.
Dennis tat es ihm nach. Sie sahen hinaus zu den Schiffen, die gleichmäßig dahintuckerten, verfolgten die kleinen weißen Wolken am Himmel.
So hätte er sitzen mögen, neben Ralf, ein Leben lang. Er drehte seinen Kopf zu dem jungen Mann und sah ihn an. Ralf hatte seine Augen kurz geschlossen und saß ganz friedlich da. Nein, das war nicht einmalig. Das will ich oft so haben, flehte Dennis. Ganz oft neben dir sitzen, ganz dicht. Bei Tag oder Nacht, egal. Regen, Schnee, Hitze – was soll es mir antun wenn du bei mir bist? Nichts, gar nichts.

»Woran denkst du?«, unterbrach Ralf plötzlich die Stille, die nur durch das Gurgeln der kleinen Wellen am Ufer untermahlt wurde.

»Woran ich denke? Dass das schön war.«

Ralf rupfte einen Pflanzenstängel aus der Erde, kürzte ihn und begann auf der Rispe herumzukauen. Lustig sah das aus wie sie auf und ab, hin und her wippte.

»So, fandest du.«

Dennis nickte nur, Worte begannen ihn zu stören. Sie konnten soviel zerstören. Dann lieber nichts sagen.

»Warum wolltest du mitkommen?«, fragte er dann doch.

Ralf blinzelte ihn an.

»Hatte eben Bock drauf.«

»Und wenn da ein anderer gewesen wäre? Ich meine..«

»Nein«, unterbrach ihn sein Nebenmann, »mit keinem hätte ich ein Wettrennen wie dieses machen können. Ich hätte immer gesiegt.«

»Und das wolltest du heute nicht?«

»Siegen? Ja, klar. Ich will immer siegen, das weißt du doch.«

Dennis wurde unruhig.

»Und was wäre, wenn ich gewonnen hätte?«

»Dann säßen wir jetzt nicht hier.«

Dennis lehnte sich wieder zurück. Trotz allem was er für Ralf empfand, diese egoistische Art und Weise mochte er nicht. Er stand auf und nahm Billy an der Trense, stieg in den Bügel und setzte sich auf.

»Wo willst du hin?«

»Ich weiß nicht ob mir deine Art gefällt. Im Moment tut sie es nicht.«

»Warte, ich hab’s nicht so gemeint. Lass uns was trinken gehen, wir können ja noch ein bisschen reden.«

Dennis schwankte. Machte es Sinn? Was konnte er verlieren? Nichts mehr. Höchstens gewinnen, denn er würde ihm – sollte Ralf auf dieser Schiene weiterreden – ein für alle mal sagen was er von ihm hält.

Die Hütte machte gerade auf als sie ankamen. Sie banden ihre Pferde an der Rückwand fest und kauften sich bei dem alten Mann eine Flasche Bier. So früh hatte Dennis noch nie Alkohol getrunken, aber irgendwann ist immer ein erstes Mal, dachte er.
Sie setzten sich hinunter ans Ufer auf die großen Quadersteine und prosteten sich zu.

Ralf zog seine Stiefel und Strümpfe aus und ließ seine Füße vom kühlen Wasser umspülen. Dennis schluckte. Schöne Füße, dachte er. So schön wie die Hände..

»Weißt du«, begann Ralf das Gespräch, »ich muss dir vorkommen wie ein Snob. Eingebildet, egoistisch und eitel. Stimmts?«

Dennis hörte gespannt zu, genau das war sein Eindruck geworden.

»Ja, aber du warst nicht immer so. Denk an die erste Zeit..«

Ralf winkte ab.

»Ja, aber hast du inzwischen auch mal auf dich geschaut?«

Dennis schreckte hoch.

»Wie meinst du das?«

»Na, wie kam es denn wohl dazu dass ich dir aus dem Weg ging.«

»Weiß nicht, keine Ahnung. Ich denk aber als ich so langsam alle Preise einheimste.«

»Ja, richtig. Da hattest du nichts anderes mehr im Kopf als reiten, reiten, reiten. Und dann gabst du dich mit diesem Mirko ab. Der ist doch nur reich, sonst nichts.«

Dennis wollte Protest erheben, dachte dann aber genau über diese Worte nach. Konnte da was dran sein?

»Du musst jetzt nichts dazu sagen, aber vielleicht denkst du mal drüber nach wie mir es da ergangen ist. Plötzlich drehte sich alles nur noch um dich. Dennis, der Sieger. Der von den Weibern angeschmachtete Schönling..«

»Du warst eifersüchtig?«

Dennis nahm einen großen Schluck.

»Vielleicht nicht das richtige Wort, aber ich kam mir vor wie ein in die Ecke gestellter, alter Besen.«

»Ralf, das war keine Absicht, bestimmt nicht. Ich hab doch gedacht du neidest mir das alles und…«

»Was und?«

Ralf blinzelte ihn wieder an.

Dennis trank den Rest der Flasche leer. Mut stieg in ihm auf. Unendlicher Mut.

»Ralf, ich hab sehr darunter gelitten dass du mir aus dem Weg gegangen bist. Viel mehr als du glaubst. Mirko hat zu mir gehalten, deswegen war er immer um mich herum. Ich hatte sonst niemand wie du sicher bemerkt hast.«

»Und warum hast du mich nicht mal drauf angesprochen?«

»Du bist mir ständig aus dem Weg gegangen. Wenn, hätte ich das mit dir in aller Ruhe besprechen wollen, nicht umgeben von lauter Menschen oder gar im vorbeigehen.«

Ralf schränkte die Arme hinter dem Kopf und sah aufs Wasser hinaus.

»Und was fangen wir jetzt mit diesen Erkenntnissen an?«

»Ganz einfach, Ralf. Ich möchte dich zum Freund haben. Das hab ich schon immer gewollt. Und ich kann dir meine Freundschaft anbieten. Du musst nur ja sagen.«

Ralf stand unsicher auf, das Bier am Morgen war nicht sein Fall.

»Ich weiß nicht ob ich dich als Freund haben möchte«, sagte er recht laut und rülpste ungehobelt.

Dennis wusste nicht ob das Abstoßend für ihn war oder nicht.

»Was heißt, du weißt es nicht?«

»Na, so wie ich es sage. Ich such mir für gewöhnlich meine Freunde aus und lass sie mir nicht andrehen.«

Nun lief das Fass über. Nachdem er aufgesprungen war begann Dennis zu schreien.

»Hör zu. Ich zwinge dir hier gar nichts auf, überhaupt nichts. Ich hab dir ein Angebot gemacht, wollte dieses ungnädige Kriegsbeil begraben. Mehr nicht. Aber der Herr hat keine Freunde nötig, er braucht keine.«

Er spürte wie ihm die Tränen in die Augen stiegen.

»Du hast keine Freunde, nicht mal ne Freundin, das weiß ich. Und die Frage warum nicht – nun, sieh dich an. Hör dir zu was du sagst. Menschen die dich mögen vor den Kopf stoßen, nicht verlieren können, das ist das was du kannst und willst. Ich weiß überhaupt nicht warum ich mich mit dir überhaupt noch unterhalte.«

Ralf hatte ohne Regung zugehört.

»Bist du jetzt fertig?«

Dennis kochte, noch nie war er so wütend. Er holte aus und schleuderte die leere Flasche hinaus in den Rhein.

»Nein, verdammt noch mal, ich bin noch nicht fertig. Ich Idiot hab dich geliebt. Ja, geliebt. Ich wäre dir nie zu nahe gekommen, aber ich wollte dich in meiner Nähe haben. Bei dir sein, um dich sein ohne dir auf die Nerven zu fallen. Ich war glücklich die erste Zeit neben dir, so wie noch nie. Und dass ich mir Mühe gegeben habe auf den Turnieren, das hab ich wegen dir getan. Damit du mich beachtest, nicht abwendest.«

Seine Stimme wurde heiser und lauter.

»Aber das ist jetzt eh alles egal. Gut, verständlich, denn jetzt hast du ja einen Grund mir aus dem Weg zu gehen. Mit einem Schwulen kann man nicht zusammensein, nicht du, der nicht mal Hetenfreunde hat. Geh hin und verkünde es, dann hast du erreicht was du wolltest. Dann bin ich weg vom Verein und du kannst in Ruhe deine Preise abstauben. Sei es dir gegönnt.«

Damit stapfte er mit der gehörigen Menge Wut im Bauch zu seinem Pferd. Als er in den Steigbügel stieg und aufsitzen wollte legte sich eine Hand um seine Taille.

»Du musst mir nicht aufhelfen. Schwule sind durchaus selbstständig«, fauchte er und versuchte sich nicht umzudrehen, damit Ralf seine Tränen nicht sehen konnte.

Der stand hinter ihm, hielt ihn weiter fest und sagte nichts.

Mit einem Ruck befreite sich Dennis aus der Umklammerung, schwang sich auf Billys Sattel und ritt ohne sich umzusehen sofort los.
Kühl fühlten sich seine feuchten Wangen an, angenehm und doch tat es weh. War es richtig was er getan hatte? Er wusste es nicht. Er versuchte an gar nichts zu denken. Schon morgen würde er seine Sachen aus der Reithalle wegholen, es gab noch andere Vereine in der Gegend. Trotz seiner Wut war er Stolz auf sich.
Er hatte es gesagt, wem auch immer. Sandra und Ralf waren erst der Anfang. Seine Mutter würde es noch heute erfahren und morgen die in der Firma. Er wusste dass er raus musste aus dieser zweiten, falschen Haut. Die, in der man ihn als braven, netten Jungen kannte. Der selbstverständlich Hetero sein musste.

Er hatte Ralf nicht kommen hören, plötzlich ritt er neben ihm.

»Und wie geht’s dir jetzt?«, fragte er.

Dennis zuckte kurz zusammen, dann fuhr er sich mit dem Handrücken über das Gesicht. Allerdings, wozu sollte Ralf die Tränen nicht sehen? Bessere Beweise dass es ihm ernst war gab es nicht.

»Wie es mir geht? Als würde dich das noch interessieren. Mir ist schlecht, es dreht sich alles, ich bin müde und möchte nicht mehr reden.«

»Warum bis du eigentlich so giftig?«

Dennis lachte gequält auf.

»Giftig? Ich und giftig? Entschuldige, ich kann über diesen Witz nicht lachen.«

»Es ist kein Witz.«

»Wieso unterhältst du dich überhaupt mit einer Schwuchtel?«

Ralf schüttelte lächelnd den Kopf, aber Dennis bemerkte es nicht.

»Siehst du, fängst schon wieder an. Dabei wollte ich nur wissen wie es dir geht.«

»Ich hab es dir gesagt. Sonst noch etwas?«

»Ja.«

Ralf trabte schnell ein Stück nach vorne und stellte sich Dennis und Billy in den Weg. Das Pferd wieherte auf und stoppte.

»Hey, was soll das? Geh uns aus dem Weg.«

»Nein. Wenn du mir zugehört hast kannst du weiterreiten.«

»Ich möchte dir aber nicht mehr zuhören, verdammt.«

»Es wird dir nicht viel anderes übrig bleiben.«

Er gab nach. Im Grunde war es egal was Ralf sagte. Er würde es zur Kenntnis nehmen und nach Hause reiten, so einfach war das.

Ralf kreuzte seine Arme vor dem Sattel, lehnte sich vor und begann ruhig zu reden.

»Du hast mich vorhin nicht zu Wort kommen lassen. Ich habe nicht im entferntesten daran gedacht wie du zu mir stehst. Ich glaubte wirklich du wolltest allein da im Rampenlicht stehen und ich war dir ganz egal. Dass ich es falsch ausgefasst habe – das tut mir leid.«

Dennis versuchte nicht zuzuhören, aber er ging nicht. Jedes einzelne Wort drang in seine Ohren, hörte sich an wie das leise klingeln eines Windspiels.

»Dass du mich liebst.. auch das habe ich nicht bemerkt…«

»Ja, klar. Das kann ich ja noch verstehen..«

»Lass mich bitte ausreden. Für mich war es das Schlimmste dass du plötzlich an diesem Mirko gehangen hast.«

»Wieso war das schlimm? Außerdem hab ich nicht an ihm gehangen. Von ihm hab ich ja nie was gewollt.«

Ralfs Augen weiteten sich.

»Nein?«

»Nein, warum ist das so wichtig?«

Die Sonne knallte auf die beiden herab, Schweiß rann ihnen an den Schläfen herunter und die Fliegen begannen lästig zu werden. Ralf stieg von seinem Pferd und stellte sich neben Billy.
»Komm, steig ab.«

»Warum?«

»Warum nicht?«

Wiederwillig schwang sich Dennis aus dem Sattel und kam neben Ralf auf den Boden.

»Nun?«

Ohne ein weiteres Wort packte Ralf Dennis’ Hals und zog ihn zu sich. Seine Augen weiteten sich, er wollte sich wehren, aber er war wie gelähmt. Sekunden dachte er an seine letzte Minute, daran dass gleich alles vorbei war.
Er war es, der den Knall ausgelöst hatte. Wahrscheinlich hatte er auch gehofft dass er bei dem Wettrennen stürzen würde. Aber sein Blick in Ralfs Augen holte ihn aus der Angst zurück. Direkt hinüber auf die andere Seite. Näher und näher kamen sie sich, Dennis’ Verkrampfung löste sich immer mehr und dann ließ er sich gehen. Hineinfallen in eine andere Welt, die sich ihm durch die Wärme und Weichheit zweier Lippen offenbarte.
Er sackte zusammen, ließ sich von Ralf einfach festhalten bevor er seine Arme um dessen Taille legte und die Hände auf dem Rücken schloss.

»Ralf…«, entkam es ihm nach scheinbar ewigen Zeiten, »warum machst du das?«

Noch immer hatten sie sich umarmt, es störte sie nicht dass zwei Radfahrer an ihnen vorüberfuhren und sie so ausgiebig musterten dass sie beinahe gestürzt wären.

»Warum? Ich lieb dich, darum«, antwortete Ralf leise.

»Ja aber…«

»Pscht, nicht reden jetzt. Es sei denn du willst den ersten Preis nicht haben..«

Erneut küssten sie sich.

Sie ritten langsam zurück auf dem Pfad unter den hohen Bäumen hindurch, deren Blätter das Sonnenlicht in tanzenden Punkten auf ihren Gesichtern und Körpern wiederspiegeln ließ.
Dass Ralf vorausritt und nicht neben ihm, dass sie laut reden mussten um sich zu verstehen störte Dennis nicht. Das hätte es selbst dann nicht, wenn sie von hier aus auf dem Reitplatz zu hören gewesen wären.

»Du liebst Menschen, die sich auseinandersetzen und wehren können?«, fragte Dennis, dessen Augen mit der Sonne um die Wette strahlten.

»Ja. Ich wusste nur von dir dass du gebildet bist, leise und angenehm reden kannst, und dass du ziemlich hübsch bist. Mehr nicht. Das war mir zu wenig. Aber dann kam ja all das dazwischen und ich dachte du hättest was mit Mirko angefangen. Darum bin ich dir aus dem Weg. Ich hab längst auch nicht mehr geglaubt dass du noch einmal mit mir reden würdest. Und heute, das mit dem Wettrennen, das war Zufall. Und dann Vorgabe. Ich hätte heute erfahren was mit dir und ihm ist. Mehr wollte ich nicht.«

»Aber wie kamst du denn drauf dass ich schwul bin? Das musst du doch dann gewusst haben?«

»Ich hab das nicht gewusst, ich hab’s gehofft, Nacht für Nacht.«

»Dann warst du das nicht mit dem Knall?«

Ralf lachte laut.
»Nein. Ich hab den gehört und gesehen wie du von Billy gefallen bist. Aber ich hab genau mitbekommen woher das kam und bin losgerannt. Das war der Grügers Kurt in seinem Schrebergarten. Er wollte Amseln verjagen.«

»Hast es ihm verboten?«

Ralf räusperte sich.

»Ähm.. Ja.«

Dennis konnte sich nun dieses „Verbot“ in etwa vorstellen..

»Ach..«

Ralf hielt seinen Rappen an und grinste in sich hinein.

»Was ist, warum reitest du nicht weiter?« rief Dennis nach vorn.

Ralf drehte sich im Sattel um und lachte ihn an.

»Fangen eigentlich alle Schwulenfreundschaften mit einem handfesten Streit an?«

Dennis lachte zurück.

»Du, ich glaub eher nicht. Aber wer weiß, was das für ein Omen ist..«

Dann lag die Reithalle vor ihnen und laut kläffend kam Tiffy den Reitern entgegengerannt. Dennis fürchtete einen Augenblick lang gleich aus einem Traum zu erwachen.

Er wachte nicht auf.

** Ende**

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