Space – Teil 1

Die Liebe eines Piloten

Now I left you all alone
Million miles away from home
only stars in front of me
Million Miles From Home

Dune

Ich war so müde, daß ich kaum meine Augen offen halten konnte. Meine angeschwollenen Augäpfel brannten unter den Lidern, ständig mußte ich auf die leuchtenden Instrumente meines Cockpits starren, die LED-Lichter brannten in meinen Augen.

Ich war mir sicher, daß es Troy nicht anders gehen würde, er war jetzt genau so lange unterwegs wie ich, aber vielleicht hatte er wenigstens etwas mehr Ruhe vor unserem Einsatz schöpfen können. Wir waren jetzt 23 Stunden unterwegs.

Der Medikamentenkonvoi, den wir in den Toyala-4 Quadranten hatten begleiten sollen, war wohl inzwischen längst angedockt und entladen. Die Gegenwehr war erschreckend hoch gewesen. Keiner von uns hatte es unbeschadet bis zur Station geschafft, unsere Batoons waren von Dellen und Einbrennungen nur so übersäht. Jetzt befanden wir uns auf dem Rückflug, Troy und ich.

Mein Magengeschwür meldete sich durch meinen Dämmerzustand hindurch zu Wort. Die Säure in meinem Magen schwappte auf und ab, hielt mich bei Bewusstsein. Vielleicht rettete uns das. Ich sah den kleinen roten Punkt auf meinem Radarschirm in der Sekunde, in der er entstand.

* *

Ich riss sofort mein Steuer herum, peilte den Punkt an, schaltete auf Boost. Der Rückstoß trieb mich tief in meinen Sessel, die grellweiße Flamme, die hinten aus meinem Triebwerk schoss, blendete mich, nahm mir die Sicht auf Troys Jäger.

Ich schaltete das Funkgerät nicht ein, warnte ihn nicht, machte ihn nicht auf den Feind aufmerksam. Vielleicht…, dachte ich und hielt weiterhin auf die feindlichen Jäger zu.

Meine Hoffnung bestätigte sich. Die volle Beschleunigung meiner Triebwerke brachte sie in meine Schussweite, noch bevor sie auf mich aufmerksam geworden waren. Zu spät um Ausweichmanöver und Verteidigungsstrategien entwickeln zu können.

Es waren vier Drakars. Leichte wendige Jäger. Dafür kaum gepanzert. Geringe Schildstärke. Ich presste den Trigger an meinem Flugknüppel hart durch. Die Kanonen an meinen Flügeln heulten laut auf, violette Ionisationsstreifen zogen sich durch die Finsternis des Alls, folgten meinen Schüssen wie Boten des Todes.

Noch immer hielt ich direkten Kurs auf die feindlichen Schiffe. Die Schilder des ersten Drakar leuchteten erbost auf, als meine erste Salve ihre Wirkung zeigte. Ich ließ mich nicht beirren, feuerte gnadenlos weiter, während ich in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit weiter direkt auf den Jäger zusteuerte.

Nur wenige Sekunden, bevor ich mit dem Feind kollidiert wäre, flackerten seine Schilder endlich ein letztes Mal auf, meine Geschosse drangen in den stählernen Rumpf der feindlichen Maschine ein und verwandelten sie in einen einzigen Feuerball.

Ich hörte keinen Knall, spürte die Detonation kaum. Ich hatte keine Zeit dafür, durfte nicht einen Sekundenbruchteil aus meiner Konzentration gerissen werden. Sofort nach der Explosion der ersten Maschine hatte ich den Knüppel herumgerissen, sofort meine Bahn auf ein nächstes der Schiffe geschwenkt.

Der Jäger befand sich direkt vor mir, ich konnte sogar das erschreckte Gesicht des anderen Piloten erkennen, der hoffnungslos seiner kommenden Vernichtung entgegensah. Wir waren zu nah aneinander, als daß die Kanonen noch eine Wirkung auf den Drakar hätte haben können, aber ich hatte auch gar nicht vor zu schießen.

Direkt vor dem unvermeidlich scheinenden Aufprall unserer beiden Maschinen, drückte ich den anderen Knopf an meinem Flugknüppel. Ein blinder Dummy löste sich aus meinen Raketenrohren. Diese Rakete besitzt keinen eigenen Antrieb, keine Steuerung.

Nur 600 Gigatonnen Sprengkraft. Ich drückte meinen Steuerknüppel mit aller Kraft nach rechts, die Maschinen heulten Gnade erflehend auf. Mein Jäger entging der Kollision. Der blinde Dummy nicht. Der leuchtende Feuerball hüllte mich ein, brachte meine eigenen Schilde zum Aufleuchten.

Dann war die Explosion so plötzlich vorüber, wie sie eingesetzt hatte. Blieben noch zwei! Die Feinde waren inzwischen aufgeschreckt, es würde nicht mehr so einfach sein. Einer der Drakar drehte herum, versuchte, sich an mein Heck zu setzen. Um ihn machte ich mir keine Sorgen.

Aber der andere schoss vorbei, nahm Position auf Troy, meinen unerfahrenen, blutjungen Kadetten. Ich vollführte eine 180° Wendung. Der erste Drakar richtete sein Feuer auf mich, ich ließ mich nicht beirren, meine Schilder waren noch fast voll aufgeladen.

Jetzt befanden sich beide vor mir, Troy, ein schimmernder Punkt noch in schusssicheren Abstand, und der feindliche Drakar, der zügig auf sein Ziel zuschoss. Ein zweites Mal zündete ich den Boost. Wieder wurde ich in den Sessel gepresst.

Aber es blieb keine Zeit, der andere Jäger hatte Troy fast erreicht. Schweren Herzens aktivierte ich die Zielautomatik, wartete die endlos scheinenden 3 Sekunden ab, bis mir meine Statusanzeige grünes Licht gab, und schickte meinen letzten Jav-Spear ab.

Der Jav-Spear. Eine der modernsten, teuersten Raketen unserer Seite. Sie hat ein Bilderfassungssystem, bleibt dem angegebenen Ziel auf der Fährte, folgt jeder Bewegung, so lange, bis es zerstört ist. Der Drakar bemerkte sofort, was ich da auf ihn angesetzt hatte.

Er verlor die Nerven, wich von Troy ab, vollführte hektische Dreh- und Wendemanöver, um die Zielerfassungsrakete von seiner Spur abzubringen. Vergebens. Eine dritte Explosion erschütterte den schweigenden Weltraum.

Der vierte Flieger nahm bei Verlust seiner drei Kollegen sofort Reißaus. Wir kannten keine Gnade. Zu zweit war es kein Problem, ihn zur Strecke zu bringen.

* *

Zwei Stunden später erreichten wir unseren Träger, die ‘Armageddon’. Das Flaggschiff unserer Flotte nahm uns an Bord. In den riesigen Hangaren rissen wir uns die Schutzhelme von den schweißnassen Köpfen, ich schaute Troy in sein blasses, ausgemergeltes Gesicht.

Wir schleppten uns mehr tot als bei Bewusstsein in meine Kabine. Die Tür hatte sich kaum geschlossen, als wir auch schon die Reißverschlüsse unserer Overalls aufrissen, uns auf mein Bett fallen ließen. Troy konnte seine Augen nicht mehr öffnen, seine Hände fuhren über meinen Körper, sein Mund küsste mich hastig dreimal an verschiedenen Stellen meiner Brust, dann ließ er sich auf mich fallen, schmiegte seinen nackten Körper an meinen.

„Zu müde!“, hörte ich seinen erschöpften Atem entschuldigend an meinen Ohren klingen, dann schlief er ein.

Ich bedauerte noch, keine Energie mehr für weitere Zärtlichkeiten in mir zu haben, dann presste ich meinen Körper noch stärker an ihn, bis wir einem umschlungenen Knäuel, wie zwei Zwillingsföten im Mutterleib, ähnelten und folgte ihm binnen Sekunden in den Schlaf.

* *

Ich spürte ihn am frühen Morgen erwachen. Unsere Körper waren immer noch aneinandergepresst, ich fühlte, wie sich seine Umklammerung verstärkte, wie er langsam begann, seine Brust an meinen Schulterblättern zu reiben, mich mit seinen Beinen umschlang.

Ich hatte schon eine Stunde wachgelegen, auf die karge Einrichtung meiner Kabine gestarrt. Es tropfte Wasser von der Decke, das Plätschern der einzelnen Tropfen hatte mich geweckt. Mit meiner freien Hand hatte ich das Geländer meines eisernen Bettgestells umfasst, hatte den Stellen nachgespürt, wo sich der Lack an den Roststellen losblätterte.

Wir gingen vor die Hunde. Wenigstens war meine Kabine noch um Klassen besser als die Mannschaftsquartiere der Kadetten. Wir hatten so wenigstens ein bisschen Intimsphäre.

„Guten Morgen!“, flüsterte Troy in mein linkes Ohr.

Ein leichtes Lächeln huschte über meine Lippen, verdrängte die Bitterkeit in meinem Magen.

Ich erinnerte mich, wie ich Troys Stimme zum ersten Mal in meinem Leben gehört hatte. Sie war aus der Einstiegsluke der Kommandozentrale zum Flughangar gedrungen.

„Verfluchte Schweinerei!“, hatte er geschrien, „das war eine Ratte, eine Ratte auf unserem Flaggschiff?“

Dann hatte er sein empörtes Gesicht durch die Luke geschoben, und seine tiefen braunen Augen hatten sich auf mich gerichtet, verschlangen sich mit meinen Blicken.

Seine Augen. In ihnen brannte ein Feuer, eine Jugend, eine Kraft, wie ich es schon lange nicht mehr in den Augen der anderen Piloten hatte wahrnehmen können.

„Sie gewöhnen sich an die Ratten“, sagte ich und half ihm aus der Luke hinaus.

Er bedankte sich mit einem strahlenden Lächeln.

„Neuankömmling?“, fragte ich ihn.

Er nickte.

„Ullus Major Akademie“, grinste er mich an.

„Bereit, meinen Dienst auf der Armageddon aufzunehmen!“

Etwas in meinem Magen zog sich zusammen. Er war alleine. Nur ein einziger Kadett von Ullus Major? Verdammt, wir hatten elf Piloten diesen Monat verloren.

„Troy“, stellte er sich vor, warf seine ersten schwärmerischen Blicke über das Verbindungsdeck des Trägers. Obwohl ihm die nur notdürftig durchgeführten Ausbesserungsarbeiten und die mangelnde Besetzung auffallen mussten, begann er wie von innen heraus zu leuchten.

„Nicht übel“, log er, „auch wenn ich etwas anderes erwartet habe.“

Ich lachte.

„Warten Sie ab, bis sie die Mannschaftsquartiere gesehen haben“, versuchte ich ihn lächelnd auf seine düstere Zukunft vorzubereiten.

„Ich bin keinen großen Luxus gewohnt“, grinste er, und wieder striffen sich unsere Blicke, wieder verloren wir uns für einen Moment ineinander.

Etwas in meinem Herz begann sich zu regen, eine Art Schmerz, so als würde plötzlich durch eine uralte, verstopfte Leitung wieder klare, reine Flüssigkeit fließen, ein Knoten, der sich löste.

„Und?“, flüsterte er, seine Lippen bewegten sich langsam, gleichmäßig, ich bemerkte, wie schön sie waren, wie anmutig in ihrer Bewegung,

„Was kann man hier so unternehmen, wenn wir nicht gerade unser Leben für die Menschheit riskieren.“

Sein Blick war hart und fest, so als wüsste er genau, was er wollte, so als wüsste er genau, daß ich dasselbe wollte.

„Ich befürchte nicht viel“, sagte ich mit zusammengepressten Lippen, „es wird nicht gerne gesehen, daß sich die Offiziere in der Öffentlichkeit unter die Kadetten gesellen.“

Seine Augen wurden groß.

„Offizier?“, sagte er, seine Augen fuhren hastig über meine Uniform, suchten nach Zeichen, die er missinterpretiert haben könnte.

Erst jetzt wurde mir bewusst, daß ich nur meinen Mechaniker-Overall trug, von dem ich aus Bequemlichkeit alle Klappen entfernt hatte. Zum Glück, dachte ich geheim.

„Major!“, grinste ich ihn freundlich an, schüttelte endlich seine Hand, „Major Spato!“

Sein bleiches Gesicht wurde noch blasser.

„Spato?“, fragte er nach.

Ich ärgerte mich sofort wahnsinnig darüber, ihm meinen Namen verraten zu haben.

„Glauben Sie nicht alles, was sie gehört haben“, beschwichtigte ich ihn, „das meiste sind Ammenmärchen. Gut, ich bin der jüngste Offizier der Flotte und habe den höchsten Wert in der Abschussliste, aber das ist auch schon alles. Ich bin nicht besser als die anderen Piloten hier, Sie werden sie mögen, ich hatte nur ein paar Mal Glück!“

Er schüttelte den Kopf.

„Sie sind eine Legende!“, sagte er ehrfurchtsvoll, starr vor Bewunderung.

Verdammt, fluchte ich innerlich, muß es denn so schnell wieder aus sein?

„Mann“, seufzte er auf, „Es war schon immer mal ein Traum von mir, einmal mit Ihnen zu fliegen. Glauben Sie, daß das möglich wäre?“

Ich sah wieder Licht am Horizont, mein Lächeln kämpfte sich zurück auf meine Gesichtszüge.

Ich ließ ihn nie wieder alleine fliegen.

* *

Troys fordernde, rhythmische Bewegungen rissen mich aus meinen Erinnerungen. Ich drehte mich zu ihm herum, umklammerte ihn, küsste ihn, lange und ausgiebig. Unsere Körper schmiegten sich aneinander, bezeugten ihre Lust aufeinander. Wir liebten uns, aber er merkte bald, daß ich nur halb bei der Sache war.

„Was ist los?“, fragte er.

Ich drehte mich herum, wand ihm den Rücken zu, damit er nicht in meine Augen sehen konnte. Ich starrte wieder auf den Stahlfußboden meiner Kabine, auf den Kleiderhaufen unserer Uniformen.

Ich liebte ihn für seine Naivität. Er hatte die ganze Zeit nichts bemerkt, nicht begriffen, was um ihn herum ablief. Die Flotte rückte ins Hailespon System vor. Ich wusste, was das bedeutete. Hailespon besaß eine einzigartige taktische Bedeutung.

Wer Hailespon besaß, gewann den Krieg. Im Moment war das System in der Hand unserer Feinde. Und viel zu gut verteidigt, um es einnehmen zu können. Ich begriff, was hinter unseren Ordern stand. Es war nichts als eine einzige Verzweiflungstat.

Die ganze Flotte zog sich um uns herum, wir gaben unserer Verteidigung auf, wir ließen die Erde unbewacht, setzten alle unsere Kraft in den letzten Sturm. Unsere letzte Chance. Wir gingen vor die Hunde.

Troys Hände legten sich auf meine Schenkel, sie zitterten.

„Was, verdammt noch mal ist los?“, keifte er.

Ich schwieg noch immer. Wie viel Zeit hatte wir noch? Welches würde unser letzter gemeinsamer Einsatz sein? Wann würde ich alleine zurückkehren? Eine Träne bildete sich in meinem Auge.

„Rob!“, flüsterte er verzweifelt, „wenn du dich mir nicht bald öffnest, verlierst du mich!“

Die Träne rollte über meine Wange. Seine Worte froren sie ein.

* *

„Schicken sie ihn rein!“, bellte der Admiral.

Die schwere Tür öffnete sich, ein uniformierter Soldat trat zur Seite, um mir Einlass zu gewähren. Ich bemerkte den Laser an seinem Gürtel. Eine Standart-Sicherheitsmaßnahme? Verdammt, wie tief waren wir gefallen?

Ich betrat den flauschigen Teppich vor dem Schreibtisch des Admirals. Mein Blicke wanderten über das polierte Holz, bis ich den zornigen Augen des Admirals nicht mehr ausweichen konnte.

„Spato“, sagte Tomarin ruhig, „ich habe gerade den Bericht der letzten Mission vorgesetzt bekommen. Sie haben wie immer gute Arbeit geleistet. Aber Spato…sechs Jav-Spears? Sechs? Spato, ich muß ihnen nicht erzählen, wie teuer diese Raketen sind.“

„Nein, Sir!“, antwortete ich trocken, „das müssen sie nicht. Ich möchte ihnen aber zu bedenken geben, wie immens dagegen der Verlust eines Jägers oder eines Piloten…“

„Spato“, unterbrach mich der Admiral, die Wut in seiner Stimme nicht verbergend, „ich kenne die Zahlen! Und ich weiß, wie man die Flugschreiber liest. Machen sie sich nicht lächerlich. Der Jav-Spear ist eine Rakete, die nur im äußersten Notfall benutzt werden sollte.“

„Es lag ein…“

Die Blicke des Admirals ließen meine Worte verstummen. Der Mann fuchtelte mit seiner Hand herum, schickte die Wache heraus. Wir waren unter uns.

„Spato, wir alle sind nicht blind. Wenn sie von dem Leben eines Piloten sprechen, meinen sie das Leben eines bestimmten Piloten. Sie schützen ihren Kadetten unter Anwendung aller zur Verfügung stehenden Mittel. Spato, ich kann sie nicht verstehen. Sie haben die steilste, glänzendste Karriere gemacht, die ich je in meiner Laufbahn als Admiral habe beobachten können. Aber jetzt tuschelt man bereits hinter ihrem Rücken. Wollen sie sich alles kaputtmachen?“

„Admiral“, wollte ich einwenden, „Troy ist nur ein Kadett. Er hat das Kämpfen noch nicht gelernt. Er ist noch nicht bereit für den Krieg, ihm fehlen noch Erfahrungen.. .“

„Erfahrungen, die zu machen Sie ihm verhindern, Spato!“, bellte der Admiral, „sie lassen ihn ja nicht kämpfen. Sie verhätscheln ihn wie eine…“

Tomarin schluckte das letzte Wort herunter, rollte mit den Augen. Seine Worte machten mich aggressiv, aber ich hatte immer gewusst, daß diese Unterredung eines Tages kommen würde, konnte den vor Wut rasenden Dämon in mir zügeln.

„Auf jeden Fall ist jetzt Schluss damit. Ich kann diese Vorfälle nicht mehr dulden. Sie und Troy werden nicht mehr miteinander fliegen. Und ich rate ihnen dringendst, jeden privaten Kontakt zu dem Kadetten abzubrechen, sie beide unterwandern die Moral unserer gesamten Mannschaft.“

Ich schüttelte den Kopf, lächelte kalt

„Spato, machen Sie mir keinen Ärger. Ich verstehe Sie nicht, warum setzen Sie das alles aufs Spiel? Sie sind einer unserer besten Piloten!“

Ich schluckte, sendete einen weiteren Ballen Schleim in die brennende Hölle meines Magens.

„Nein!“, sagte ich. „Troy wird nicht ohne mich fliegen!“

Der Admiral erblasste. Ich setzte all meinen Willen, all meine Entschlußkraft in meinen Blick, bohrte ihn fest in die Augen des Admirals.

„Sie haben völlig recht, Admiral. Ich bin ihr bester Pilot!“

* *

Major Spato hatte fertiggegessen. Er stellte das Alu-Tablett mit den Überresten seiner Ration zurück auf das Förderband des Kantinenschacht, setzte sich dann wieder an den Tisch. Es dauerte nicht lange, bis Troy vorbeikam und sich zu ihm setzte.

Der Admiral beobachtete, wie Spato mit Troy redete, wie Troy nach seinen Händen griff, sie ängstlich umklammerte. Dann standen die beiden auf, warfen noch einen ängstlichen Blick zurück in den Raum, gingen dann zur Tür hinaus, wobei sich ihre Hände immer wieder wie zufällig striffen.

„Da gehen sie, unsere beiden Püppchen!“, sagte Guszmann.

Der Admiral warf einen beunruhigten Blick zu dem Tisch, an dem die vier anderen Piloten saßen und Poker spielten. Guszmann, Karkas, Dekker und Iceman. Iceman!

Iceman war neben Spato der beste Pilot der Staffel. Seine Abschussliste zeigte nur ein paar vernichtete Feinde weniger als die des Majors an. Iceman hatte Nerven aus Stahl, eine Tatsache, deren er seinen Spitznamen verdankte.

Dazu einen tadellosen Flugstil, den Instinkt eines Jägers und die coole, nüchterne Art eines Hollywood-Idols. Während sich Spato seinen Kameraden gegenüber als verschlossen und unberührbar zeigte, hatte es Icemann verstanden, sich zur Ikone der Menge zu machen, er war das Vorbild der gesamten Mannschaft.

„Erbärmliche Schwuchteln…“, sagte Iceman nachdenklich und knabberte an seiner Zigarette.

Karkas kicherte dümmlich. Der Admiral zuckte zusammen. Iceman nickte seinen eigenen Worten düster hinterher.

„Noch vor wenigen Monaten hätte ich sie so genannt, erbärmliche Schwuchteln.“, vervollständigte Iceman seinen Satz.

„Ich hätte ihnen Grimassen geschnitten, Witze über sie gemacht, ihnen ans Bein gepinkelt, wann immer ich die Gelegenheit dazu gehabt hätte.“

Karkas kicherte noch immer. Guszmann hatte seine Stirn in Sorgenfalten gelegt. Auch der Admiral wurde unruhig. Etwas stimmte nicht mit Iceman. Etwas in seiner Stimme. Sie schwankte bedrohlich.

„Tatsache ist“, sagte Iceman, „inzwischen beneide ich die beiden!“

Der Admiral zuckte zusammen. Guszmann verschluckte sich an seinem Bier. Karkas hörte auf zu kichern.

Iceman stieß eine Rauchwolke aus, betrachte sie nüchtern, während sie an die Decke stieg. Als würde er nur zu sich selber reden, sprach er weiter.

„Dieser Spato! Er weiß wenigstens, wofür er kämpft. Schaut ihn euch an. Er hat Angst. Er hat wenigstens noch Angst!“

Der Admiral merkte, dass er Iceman inzwischen entsetzt anstarrte. Er zwang sich schnell wieder unter Kontrolle, versuchte, beiläufig auszusehen, während er Icemans Reaktion zu ergründen versuchte.

„Und wir?“, predigte Iceman, „Asche!“

Er klopfte an seiner Zigarette.

„Wofür kämpfen wir denn noch? Für unsere Vorgesetzen? Für unser Überleben? Für die Menschheit? Dekker, wann hast du zuletzt gelacht? Wann habt ihr zuletzt geträumt? Verdammt, Karkas, damit auch du mich verstehst, wann hast du zuletzt gefickt?“

Der Admiral sah in Icemans Augen. Was er sah, erschreckte ihn. Da war eine Leere hinter Icemans Pupillen, eine verschluckende Leere, so als würde der ganze Mann nichts als hohl sein. Total ausgebrannt. Wie lange schon hatte der Admiral, hatte der Rest der Mannschaft diese Hohlheit übersehen?

Wie hatte er dieses Nichts übersehen können?

Weil man es inzwischen in fast allen Gesichtern erkennen kann, beantwortete sich der Admiral die eigene Frage, weil ich dieses Nichts sogar jeden Morgen in meinen Augen sehen kann.

„Wofür kämpfen wir noch!“, wiederholte sich Iceman.

„Was ist denn diese gottverfluchte Menschheit, diese Menschlichkeit, für die wir uns in den Krieg geworfen haben, für die wir alle abkratzen werden? Sind wir das? Karkas, bist du das, bist du elender, blöder Hund das, wofür ich kämpfe? Guszmann, kämpfe ich für deine Alpträume, deine angstschweißgetränkten Hemden? Wer ist denn da sonst noch, wer ist denn sonst noch übrig?“

Iceman schüttelte den Kopf, ließ seine Stirn auf die Tischplatte sinken, sackte zusammen wie ein Wrack.

„Rob Spato“, nuschelte Iceman, seine Lippen dicht über der Kunststoffplatte, „ich kämpfe für dich!“

Die anderen ließen ihn allein.

* *

Der Admiral hatte seine Augen geschlossen. Er wollte nicht, daß man ihn so sah. Es war vorbei, das wusste auch er. Die Verzweiflung hatte das gesamte Schiff übermannt, umhüllte es wie einen schwarzen Mantel, und nun überwältigte sie auch ihn.

Du darfst dich nicht fallen lassen, sagte er sich selbst, so darf es nicht weitergehen. Es kann so nicht weitergehen, beschloss er und fällte eine Entscheidung. Spato und Troy durften nicht so weitermachen.

* *

Der Alarm riss uns beiden aus unserer Geborgenheit.

Nein, schrie ich lautlos, entsetzt auf, nein, das darf nicht wahr sein.

Troy lag in meinen Armen, ich sog den Geruch seiner Haare, des Schweißes auf seiner Stirn in mich ein. Er fühlte sich so gut an, seine Wärme umhüllte mich wie ein Mantel, als hätten wir uns beide in einen Kokon unserer gegenseitigen Zuneigung eingesponnen.

Das orangen, flackernde Licht schmerzte in meinen Augen, der grellende Signalton dröhnte in meinen Trommelfellen, nein, dachte ich entsetzt, ich möchte hier nicht heraus, bitte Gott, ich möchte ihn nicht loslassen, ich möchte ihn niemals mehr loslassen.

„Wir werden angegriffen!“, flüsterte Troy entsetzt. Er schälte sich aus meiner Umarmung. Unsere gegenseitige Innigkeit riss wie ein schmelzendes Gummiband. Nein, schrie ich ein letztes Mal in meine innere Leere hinein. Ich sah die Angst auf seinen Augen, das grelle Licht warf merkwürdige, dunkle Schatten auf sein blasses Gesicht.

Wir sprangen auf, hasteten uns in unsere Uniformen, ich kämpfte mit mir selbst, verhedderte mich mit Armen und Beinen in dem weiten Stoffoverall. Dann endlich waren wir beide bereit, starrten uns überrascht in die Augen, so als hätte niemand je den anderen in Kampfmontur gesehen.

Wir fielen uns ein letztes Mal in die Arme, küssten uns, pressten unsere Lippen aufeinander, stellten unsere Atmung ein, lauschten unseren Herzschlägen, während uns durch den Sauerstoffmangel schwarz vor den Augen wurde.

* *

Die Hölle brach über uns herein.

Die Explosionen waren überall. Befehle, Warnungen, Entsetzensschreie krakeelten über mein Hörfunkgerät auf mich ein. Alle Jäger waren ausgeschleust, der schwarze Himmel war von Hunderten stählerner Nadeln durchsetzt.

Die feindlichen Flieger fielen wie Hornissen über uns her. Ich beachtete nicht, wie die Jäger um mich herum zu grellen Gaswolken vaporisierten, kümmerte mich nicht um die Detonationen, die unser Flaggschiff erschütterten. Ich schnappte mir nur das Hörfunkgerät, wählte unsere gemeinsame Frequenz und rief nach Troy.

Nachdem ich mich durch ein halbes Geschwader Drakars durchgekämpft hatte, sah ich ihn. Seine Maschine schien wie durch ein Wunder unversehrt, er flog gerade einen weiten Bogen um eine noch brennende, feindliche Maschine herum, ein ungeheurer Schwall aus Erleichterung und Stolz überflutete mein Herz.

Das Gefecht hatte sich auf den Bereich direkt um unseren Träger konzentriert, die Bordkanonen der ‘Armageddon’ machten kurzen Prozess mit den Angreifern, auch wenn hier und dort bereits Feuer durch die schwarzen Planken des riesigen Stahlkolosses aufflackerten.

Ich wollte Troy gerade den Befehl zum Rückzug geben, als die beiden Raumschiffe aus den Tiefen des Alls auf mich zustürzten. Es waren Chalkelis. Mittlere Jäger. Verdammt gute Schilde, schwer zu knacken. Dazu schnell, wendig, aggressiv.

Meine Schilde heulten erbost auf, als ihre ersten Salven auf mein Raumschiff stießen. Ich riss meinen Flugknüppel hin und her, versuchte Finten, schlug Kapriolen, um mich aus dem Feuer ihrer Geschütze zu bringen.

Tatsächlich schaffte ich es, mit einem der beiden Angreifer die Positionen zu wechseln, nun befand er sich vor mir im Zielkreuz, allerdings hatte ich den anderen dabei aus den Augen verloren. Meine erstes Kanonenfeuer hagelte auf den Chalkeli ein, seine Schilde fingen die Energieentladungen mühelos auf.

Mir blieben keine selbstlenkenden Raketen mehr, ich hatte alle Jav-Spears und Heatseekers bei dem Versuch verloren, eine Bresche zu Troys Position zu schlagen.

Dann begann mein Schiff zu vibrieren, ich wurde hin und hergeschüttelt, der zweite Chalkeli hatte sich direkt hinter mich gesetzt, bombardierte mich mit seinen Geschützen. Meine Heckschilde lösten sich langsam auf, ich warf einen verzweifelten Blick in den Raum hinaus, wo verdammt war Troy, ich brauchte hier Hilfe.

Was ich sah, ließ mein Herz zu einem kleinen, schwarzen Stück Schlacke zusammenschrumpfen. Direkt aus der Schwärze des Alls materialisierte sich ein Pankraal. Ein schwerer Zerstörer. Seine Bordkanonen boten ihm ausreichend Schutz gegen angreifende Kleinstflieger, seine Raketenschächte fassten genug Torpedos, um unser Flaggschiff innerhalb von Sekunden in Staubpartikel zu zerblasen.

Troy griff das sich noch im Enttarnungszustand befindende Schiff sofort an. Er feuerte zwei blinde Dummys auf das schwer manövrierfähige Schiff ab. Aber viel zu früh. Die Lasergeschütze des Zerstörers erfassten die beiden Raketen und vernichteten sie, noch ehe sie den Hauch einer Chance hatten, den Stahl des feindlichen Zerstörers zu erreichen.

Verzweifelt sah ich mit an, wie die schweren Bordkanonen die Schilde meines Geliebten wie Blätter im Sturm davonbliesen. Während meiner Beobachtungen hatte ich nicht davon abgelassen, das Feuer weiterhin auf meinen ersten Angreifer zu richten. Meine Bemühungen zeigten langsam Wirkung, die Schilder meines Gegensachers flackerten endlich erschöpft auf.

Aber gleichzeitig hatte der Flieger in meinem Genick es geschafft, die letzten Energiereserven aus meinen Heckschilden zu vernichten. Ich hatte keine Wahl, ich mußte meinen Vogel abdrehen, meinem Angreifer die Stirn bieten, ihn von meinem Hintern fernhalten.

Ein paar Saltos später hatte ich ihn vor dem Visier. Die erste Salve fuhr dem anderen Chalkeli in die Frontschilde. Er drehte ab. Meine Kapriolen hatten meinen Heckschilden genügend Zeit verschafft, sich bis zu einem Viertel ihres Maximalwertes wieder aufzuladen.

Aber das war kein Grund zur Freude. Noch während ich die Energieanzeige beobachtete, hagelten die Schüsse auf mich ein, ließen den Energielevel wieder in den roten Bereich fallen. Mein erster Gegner, der, dessen Schilde ich schon beinahe heruntergeputzt hatte, hatte sich hinter mich gesetzt, dasselbe Spiel begann von vorne, ich schwenkte herum, griff ihn erneut an. Nicht viel später prasselte wieder das Feuer des zweiten Chalkelis auf mich ein.

Ich hatte keine Chance. Zu zweit waren die beiden mir hoffnungslos überlegen. Ich durfte jetzt nicht mehr von meinem ersten Ziel abweichen, wenn es mir nicht bald gelang, den ersten Vogel zu zerstören, würde ich meinem Schöpfer entgegentreten.

Aber da brachen auch schon die Schilde meines Opfers zusammen. Mein Feuer fraß sich in den stählernen Rumpf meines Widersachers, hobelte die Stahlplatten von seiner Panzerung. Gleichzeitig verabschiedete sich mein letzter Heckschild.

Die roten Alarmlichter glühten überall in meinem Raumschiff auf. Nichts trennte mich jetzt mehr von den Geschützen meines Verfolgers als drei Zentimeter bester Tungsten-Stahl. Wir waren beide gleichzeitig erledigt. In dem Moment, als der erste Chalkeli in einem glühenden Feuerball verschmolz, prasselten die Funken von hinten auf meinen Helm ein, die Luft in meinem Flieger begann, nach verschmorten Plastik zu stinken, meine Kommunikation und mein Radar fiel zeitgleich aus.

Aber ich lebte noch. Ich rollte zu Seite, versuchte aus dem Feuerhagel meines Verfolgers herauszukommen. Ich drehte mich, bis ich einen letzten Blick auf Troy erhaschen konnte.

Seine Maschine war ein Trümmerhaufen. Überall aus der Oberfläche seines Jägers brachen Funken hervor. Sein Kampf gegen den Pankraal war erfolglos verlaufen, der feindliche Zerstörer zeigte nicht einmal Spuren einer Verwundung. Plötzlich spürte ich, daß auch er jetzt auf mich aufmerksam geworden war, ich konnte ihn in mir spüren, vernahm sein Entsetzen, seine Verzweiflung, seine Panik. Seine Wut!

Er warf seinen Flieger herum, raste mir entgegen, während der Pankraal seine Bordkanonen auf sein Heck richtete.

Ich begann zu lächeln. Wie sehr ich ihn liebte. Ich spürte, wie sich der letzte Chalkeli wie ein Schatten hinter mich setzte. Adieu, dachte ich, kippte den Schalter meiner Energiekonfiguration um, so daß all meine Geschützenergie zu Verstärkung der Heckschilde floss, und aktivierte den Boost.

Die zusätzliche Hilfsenergie, schaffte es, meine Schilder fast genau so schnell wieder aufzubauen, wie mein Verfolger sie durch sein Laserfeuer wieder herunterriss. Trotzdem wusste ich, daß die Zeit genügte, Troy zu erreichen.

Auch Troy hatte seinen Boost eingeschaltet. Die Laserkanonen des Pankraal zerstoben bereits Teile seines Triebwerkes, Schilde hatte er schon lange nicht mehr. Wir schossen mit einer wahnwitzigen Geschwindigkeit aufeinander zu, lächelten uns entgegen.

Troy schoss nur wenige Meter über mich hinweg.

Die Geschütze des Pankraal ließen von ihm ab, richteten sich auf mich, ihren neuen Angreifer. Mit einer irrsinnigen Wucht detonierten die Geschosse in meinen noch voll intakten Frontschild, brachten die sich entfesselnde Energie zum Aufleuchten. Hinter mir erhellte eine grelle Explosion den Weltraum, zog meine verzweifelt grinsenden Mundwinkel noch ein Stückchen höher.

Nichts riss mich jetzt mehr aus meiner Konzentration. In mir schwelte unbändige Wut. Ich schoss auf den Pankraal zu, ließ mich von den Einschlägen in meinen Schirm nicht beirren, sah die Masse des riesigen Schiffes auf mich zukommen. Kurz vor dem Zusammenstoß schickte ich meine beiden blinden Dummys auf die Reise.

Ich nahm von der Explosion nichts wahr, ich erinnere mich nicht daran, wie ich mein Raumschiff herumdrehte, wieder heraus ins All jagte. Wo Troy auf mich wartete. Sein defekter Gleiter dümpelte in den Wrackteilen des zweiten Chalkelis umher. Er flog nur noch langsam, war aber immer noch manövrierfähig.

Ich konnte es kaum glauben. Der ganze Kampf hatte vielleicht zwei Minuten gedauert. Ich war viel zu erschöpft, um noch Triumph, Stolz, oder einfach nur Erleichterung, daß wir beide noch lebten, zu empfinden. Ich warf einen Blick herum, begutachtete den Schaden, den meine Dummys in den feindlichen Zerstörer gesprengt hatten. Ein Teil seines Rumpfes war aufgebrochen. Aber das wichtigste, zwei seiner Bordkanonen waren völlig vernichtet worden, die fehlenden Geschütze bildeten einen feuerfreien Kanal, durch den ich mit meinem ungeschützten Heck hatte entfliehen können.

Derselbe Kanal erlaubte uns, ungefährdet auf den Zerstörer zuzustoßen und ihn zu vernichten, bevor er in Torpedoreichweite unseres Trägers gelangen konnte.

* *

Mit geschlossenen Augen lag ich auf meiner Koje und lauschte den Wassertropfen, die von der Decke auf den Fußboden tropften.

Es hatte keine Heldenfeier gegeben. Die wenigen, die den Angriff überlebt hatten, waren nicht in der Verfassung zu feiern, zu viele Kameraden und Freunde hatte es heute Nacht erwischt.

Durch das ganze Schiff hallte das Gedröhne von sich ausbeulenden Stahls. Der Träger war stark beschädigt worden, keinesfalls kritisch, aber doch genug, um die Reparaturmannschaft des Schiffes auf Trab zu halten. Es gab kein Licht, dafür reichte die Energieversorgung nicht mehr aus.

Troy lebt, dachte ich nüchtern. Aber was hat das überhaupt für eine Bedeutung?

Er war nicht mit in mein Quartier gekommen. Als wir im Hangar aus unseren um uns herum verkohlten Wracks geschält wurden, hatte er ein merkwürdiges, entschlossenes Leuchten in den Augen, das mich zutiefst verängstigt hatte. Ich wusste, ich würde nie wieder mit ihm fliegen. Es war einfach zu knapp gewesen.

Ich hatte ihn verloren.

* *

Bereits jetzt vermisste ich ihn wie noch nie. Was hatte das alles noch für einen Sinn? Wofür kämpfte ich noch gegen meine immerwährende Ermüdung, gegen den Schmerz in meinem Magen an? Ich schloß meine geschwollenen Augen, hielt die Luft an, versuchte in Schlaf zu verfallen.

Ein leises Zischen. Meine Kabinentür. Blitzartig riss ich die Augen auf. ER! Ich erkannte seine nackte Silhouette vor der absoluten Schwärze der Tür.

Ich sprang auf, wollte ihn umarmen. Er wies mich zurück.

„Später!“, flüsterte er geheimnisvoll, „jetzt ist keine Zeit!“

Keinen Widerspruch duldend nahm er meine Hand, führte mich weg von meinem Bett. Er öffnete meinen Spind, warf einen forschenden Blick durch das Halbdunkel, schüttelte dann den Kopf.

„Das brauchst du alles nicht mehr!“

Noch immer fassungslos, ließ ich mich von ihm hinaus auf den Flur führen. Wie Kinder tapsten wir beide barfüßig über den kalten Stahlfußboden.

„Was hast du vor, Troy?“, flüsterte ich ihm zu.

Wie konnten wir hier zu zweit nackt über den Korridor laufen? Wenn uns jemand sah? Der Admiral würde mich in der Luft zerreißen.

Troy verhielt einen Moment. Statt mir eine Antwort zu geben, lächelte er mich an.

Ich zerschmolz in seinem Lächeln. Es zeugte von einer Jugend, einer Unschuld, einer Hoffnung, wie ich sie erst einmal zuvor in meinem Leben gesehen habe, damals, als ich ihn aus dieser Hangarluke hatte steigen sehen.

Er hielt meine Hand immer noch, fest, dann zog er mich weiter.

Blaue Schatten wanderten durch den Korridor, das Wummern der Stahlnieter hallte durch den Raum. Langsam begriff ich, wohin uns unsere nackten Füße führten.

Entsetzen übermannte mich.

„Nein, Troy“, flüsterte ich, „das können wir nicht tun!“

Er beachtete mich nicht, riss mich im Schlepptau mit. Aber da war etwas. Ich spürte eine dunkle Präsenz in meinem Rücken. Wir wurden verfolgt.

Wir kamen durch die Kommandozentrale, wo nur ein paar Techniker in den Anblick ihrer Monitore vertieft waren, die Kommunikationsmuscheln fest auf ihre Ohren gepresst. Wir durchwanderten den nur von ein paar flackernden LEDs beleuchteten Raum, ich konnte es kaum fassen, wie durch ein Wunder achtete niemand auf die beiden nackten Gespenster, die durch den Raum huschten.

Wir betraten den Korridor Richtung Hangar. Nun war kein Zweifel mehr möglich.

„Nein, Troy!“, flehte ich meinen Geliebten an.

Er nahm keine Notiz von mir. Plötzlich mußte ich einfach stehen bleiben. Ich spürte diesen unbekannten Menschen in meinem Nacken. Ich erstarrte, hielt Troy fest, drehte mich um.

Da war er.

Der einzige Mann, der mich aufzuhalten vermochte.

Plötzlich überkam mich eine innere, unzerstörbare Ruhe. Dort, an der Wand, stand Rob Spato. Ein Gespenst…mein eigener Schatten. Major Rob Spato.

Im Gegensatz zu mir trug der Geist seine graue, mit Abzeichen und Orden übersäte Uniform. Er sah mich an. Ein fordernder, ernster Blick. Der Mann, der ich einst gewesen bin, öffnete seinen Mund. Ich wusste, was er sagen wollte. Er würde über Verantwortung reden. Über Menschen, die von mir abhingen. Über die mögliche Vernichtung der Menschheit.

Ich legte meine Stirn in Falten.

Er würde über Schuld reden. Über Pflicht. Über Verdammung. Ich durfte ihnen allen nicht den Rücken zukehren. Mein schlechtes Gewissen, die Augen der toten Piloten würden mich mein Leben lang verfolgen.

Ich mußte schlucken. Troy las die Zweifel in meinem Gesicht ab. Er umarmte mich, hielt mich fest, verdrängte den grauen Mann aus meinem Blickfeld. Ich schaute ihm in die Augen, lange, rang mit einer Entscheidung.

Mein Herz pochte wie wild. Ich wollte ein Held sein, mein Leben lang, war tatsächlich so etwas ähnliches geworden. Ich hatte mich für die Menschheit aufgerieben. Warum eigentlich? Was hatte ich zu erreichen gesucht? In Troys Augen las ich die Antwort.

Ich nahm erneut seine Hand, führte ihn fort. In meinem Rücken, in meinem Hinterkopf starb Rob Spato, Spato, der Held, Spato, die Legende. Mit jedem Schritt verebbte die Angst, bekräftigte sich die Gewissheit, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Mein Herz begann zu singen, meine Füße schwebten wie auf Luft, zum ersten Mal seit langer Zeit verstummte das Grummeln in meinem Magen.

Der Hangar war leer.

„Warum ist niemand hier?“, fragte ich.

Troy lächelte nur. Gemeinsam betraten wir das Shuttle. Troy hatte die Startcodes.

„Die Sicherheitsprozeduren sind durch den Angriff deaktiviert worden. Die Überwachungsmonitore sind tot, ebenso die Schleusenalarme. Nichts hält uns auf!“

Ich schüttelte den Kopf. Das war alles zu einfach. Wir nahmen am Steuer Platz. Ich warf einen Blick auf den hinteren Shuttlebereich. Es war alles da. Zivile Kleidung. Überlebensrationen.

Troy aktivierte die Triebwerke, wir hoben ab. Langsam glitten wir durch die Hangarschleusen.

„Wohin fliegen wir?“, fragte ich Troy.

„Irgendwohin!“

„Sie werden uns jagen. Auf Desertation steht die Todesstrafe!“

„Sie werden keine Zeit haben, uns zu verfolgen. Außerdem ist die Todesstrafe doch sowieso schon lange über uns verhängt, oder?“

Und ich hatte ihn für naiv gehalten. Meinen Troy.

Unser Shuttle glitt aus der ‘Armageddon’ hinaus. Ich warf einen Blick zurück auf das sich langsam entfernende Schiff, mein ehemaliges Zuhause für einen so langen Zeitraum, daß ich es mir gar nicht mehr vorstellen konnte, woanders zu leben.

Der Träger lag im völligen Dunkel. Nur aus einem Fenster, aus einer Luke drang ein schwacher Lichtschein. Ich wusste, welche Quartiere zu diesem Fenster gehörten, welcher Mann dort hinter der Kunststoffscheibe stand. Eine tiefe Dankbarkeit für den Admiral strömte zu der neu erwachenden Lebensfreude in meinem Herzen hinzu. Ich war sicher, er beobachtete uns mit einem ähnlich zuversichtlichen Gefühl, solange, bis sich unsere Triebwerke mit dem hellen Funkeln der Sterne vermischen würden.

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