Eine andere Liebe – Teil 2

„Was weißt du?“

„Finde du das mal selber raus lieber Markus.“

Meine Mutter wieder. Immer sprach sie in Rätseln.

„Wenn du mich suchst ich bin in meinem Zimmer. Will noch etwas am PC machen.“

„Okay Markus, vergiss das Mittag essen aber nicht. Wir brauchen deine Hilfe. Heute Mittag hat sich ein Bus zusätzlich angemeldet. Und dann könntest du mir noch einen kleinen Gefallen tun. Dein Vater und ich haben uns schon längst für die Drei entschieden.“

„Ach?“

„Wärst du so nett, und würdest du es Ihnen sagen? Ich finde du kannst ruhig auch mal eine gute Nachricht verbreiten. Und wir haben entschieden, dass du für unsere neuen Azubis zuständig bist. Sie sollen zu dir kommen wenn sie Probleme haben.“

„Wow Mum, das ehrt mich, wo finde ich sie denn?“

„Ich denke, sie sitzen alle drei auf der Terrasse. Die werden vor Ungeduld bald platzen.“

„Okay Mami, wird erledigt.“

Ich durchquerte das Restaurant und sah die drei wirklich auf der Terrasse sitzen.

„Hallo ihr drei, wollte ihr etwas trinken?“

Sie hatten mich nicht kommen sehen und zuckten alle zusammen. Ein Nicken geht durch die Runde. Ihre Nervosität konnte ich bis hierher spüren.

Ich drehte mich zur Theke.

„Resi wärst du so freundlich und schenkst mir bitte vier Cola ein?“

„In Ordnung Markus.“

„Ich hole sie dann gleich selber.“

Ich ging zurück an den Tisch, wo die drei immer noch ungeduldig saßen.

„So ihr drei, ich will euch nicht länger auf die Folter spannen, ihr drei habt eure Lehrstelle.“

Sichtliche Erleichterung über kam die drei. Ich lief zurück zu Resi und holte die bestellten Getränke. Gekonnt servierte ich jedem einzelnen sein Glas.

„Hast du auch eine Ausbildung zum Hotelfachmann?“ wollte Marlene wissen.

„Nein, aber wer in so einem Betrieb aufwächst lernt automatisch alles, was hier so alles an Arbeit anfällt.“

*-*-*

Auf einem Balkon über der Terrasse…

„Wie immer hattest du Recht was unseren Sohn angeht. Man könnte meinen, er strotzt vor Selbstsicherheit. Mit der neuen Aufgabe für ihn, wird er sich schon wieder fangen. Ich bin richtig stolz auf ihn, er meistert das perfekt da unten.“

*-*-*

Terrasse

„Ich bin zurzeit noch auf dem Gymnasium, und nach dem Abitur, würde ich gerne Betriebswirtschaft studieren.“

„Gymnasium, dann wirst du uns ja auch bei schulischen Problemen helfen können?“

„Aber sicher Marlene. Kein Problem. Wenn ihr irgendein Problem habt kommt einfach zu mir.“

„Auch ohne Probleme?“

Die Frage kam von Lukas. Er grinste mich frech an. Ich trank von meiner Cola und lehnte mich zurück.

„Wie gesagt ich bin immer für euch da. So bevor ich noch kurz eure Einsatzgebiete zeige, noch etwas zu meiner Person. Bevor ihr es von irgendwelchen zukünftigen Arbeitskollegen hört, der Sohn des Hauses ist schwul.“

Ging ja ganz einfach, dachte ich verwundert.

„Das ist heftig, so direkt hab ich das noch niemand sagen hören“, kam es von Heinrich.

„Schon einen Freund?“, fragte Lukas.

Ich spürte, wie mir kalt wurde und begann zu zittern.

„Ich glaube Lukas, da bist du eben voll in ein Fettnäpfchen getreten“, sagte Marlene leise.

„Sorry Markus, ich wollte dir nicht so Nahe treten.“

„Schon gut Lukas, du kannst es nicht wissen, aber den Jungen mit dem ich fast zusammen gekommen wäre ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. So jetzt aber genug von mir kommt jetzt mit.“

Ich trank meine Cola leer und stand auf.

*-*-*

Balkon

„Ich bin stolz auf unseren Sohn er wirkt so erwachsen.“

„Er ist erwachsen, Gisela!“

*-*-*

Küche

„Morgen Theo, ich bring dir hier deinen neuen Lehrbuben, den Heinrich.“

„Morgen Heinrich, du willst also Koch werden?“

„Ja schon.“

„Dann schnapp dir mal da drüben eine Schürze und schau zu wie es hier läuft.“

Somit war Heinrich versorgt und ich schob die beiden übrig gebliebenen vor mir her.

„Gut Heinrich, bleib ruhig ein wenig hier. Ich hole dich dann nachher wieder ab hier. So ihr beiden jetzt zeige ich noch euren Tätigkeitsbereich.“

Ich lief mit den zweien zur Rezeption.

„Weil ihr im Hotelfach alles durchlauft, habt ihr natürlich auch verschiedene Einsatzbereiche. Einer davon ist die Rezeption. Morgen Gunnar. Hier das sind Marlene und Lukas. Sie fangen in zwei Wochen hier ihre Lehre an. Gunnar ist für unsere Rezeption verantwortlich.”

Gunnar nickte den beiden zu.

„Natürlich steht dann auch noch Büroarbeit an, ganz wichtig Zimmer reinigen und, weil wir hier alles machen, kommt ihr auch im Restaurant zum Zuge.“

„Wir sollen auch bedienen?“, fragte Marlene leicht verängstigt.

„Ja, warum denn nicht. Es macht Spaß, das könnte ihr mir glauben.“

Gunnar unterbrach mich.

„Markus könntest du bitte deiner Mutter sagen, ob sie vielleicht nachher vorbei kommen könnte. Ich habe da Probleme mit der Weihnachtsbelegung.“

„Ihr plant schon für Weihnachten?“, fragte Lukas verwundert.

„Ja, im Hotelgewerbe ist das so. Ebenso mit den Buchungen und Bestellungen. So jetzt aber weiter.“

Ich zeigte den beiden noch die anderen Gebiete.

„Was befindet sich in dem oberen Stockwerk?“, fragte Lukas neugierig.

„Zu einem unsere Privatwohnung, zum anderen der Personaltrakt.“

„Wir haben hier unsere eigenen Zimmer?“

„Ja natürlich. Wenn ihr zum Beispiel im Winter hier oben fest steckt. Dafür habt ihr dann ein eigenes Zimmer, oder wenn ihr nicht laufend ins Tal fahren wollt. Übrigens wenn ihr hier angestellt seid, sind die Fahrten mit der Seilbahn für euch frei.“

„Darf ich mal mein Zimmer sehen?“, wollte Lukas wissen.

Ich wusste, dass im Track die Zimmer, die vor mir lagen, immer von Azubis belegt waren. Nun standen drei leer.

„Ja Moment, wir holen vorher noch Heinrich. Gunnar, kannst du mir bitte den Generalschlüssel geben?“

Gunnar reichte mir den Schlüssel und wir liefen zurück um Heinrich aus der Küche abzuholen. Danach führte ich dir Drei in das obere Stockwerk. Heinrichs Zimmer war das erste.

Heinrich war begeistert von seinem Zimmer.

„Das ist ja größer als mein Zimmer zu Hause und dann noch ein eigenes Bad.“

So bekamen alle ihre Zimmer zu sehen und waren angenehm überrascht. An einer Tür mit Privat drauf blieb Lukas stehen.

„Eure Wohnung ist direkt neben meinem Zimmer?“

„Nein Lukas, unsere Wohnung befindet sich auf der andere Seite. Das ist die Tür zu meinem Reich.“

„Und darf man da auch mal reinschauen?“

„Mal sehen vielleicht irgendwann.”

Ich schaute für einen winzigen Augenblick intensiv in Lukas’ Augen. Dieser wich nicht aus.

„So jetzt aber schnell, sonst verpasst ihr noch die Bahn ins Tal und ich muss jetzt unten aushelfen, wir bekommen volles Haus.“

Ich brachte sie noch zum Eingang und verabschiedete sich von ihnen. Ich stellte fest, dasd ich die letzten zwei Stunden nicht einmal an Tommy dachte.

Wieder zurück im Hotel kam mir Mum auf der Treppe entgegen.

„Danke Mum!“

„Für was mein Junge?“

„Für die neue Aufgabe die du mir gegeben hast.“

„Und gefällt sie dir?“

„Ja tut es.“

„Deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, aber nicht.“

„Doch schon Mum.

„Nur… ich habe festgestellt, dassich die letzten zwei Stunden nicht an Tommy gedacht habe. Beginne ich jetzt ihn zu vergessen?“

„Nein mein Junge, nur lassen langsam die Schmerzen nach, die der Vorfall hervorgebracht haben.“

„Noch mal danke Mum.“

„So jetzt aber los, die Kundschaft wartet nicht.

Die Sommerferien begannen und die zwei Wochen waren schnell vorbei.

„Heut fangen unsere Neuen an, bist du bereit für die Einführung, Markus?“ wollte sein Vater von ihm wissen.

“Wieso Einführung ich habe ihnen doch das letzte mal alles gezeigt.“

„Lass es dir erklären. Theo hat Heinrich unter seinen Fittichen, Marlene ist bei Gunnar und du wirst dich dem Lukas annehmen.“

„Ich? Wie soll ich das anstellen?“

„Komm Markus, du kennst dich so gut in unserem Büro aus. Und am Computer bist du ja eh unschlagbar, da blicken ich und deine Mutter eh nur wenig durch.“

„Du meinst ich soll mit Lukas ins Büro gehen und ihn dort einweisen.“

„Ja Markus, versuche es einfach.“

„Okay, ich werde ja sehen, was dabei raus kommt, ich gehe dann schon mal runter.“

“In Ordnung mein Junge ich werde dir Lukas dann vorbeibringen.“

Ich trat ins Büro ein. Meine Mutter saß über einen Berg von Papieren.

„Gut Markus das du kommst. Hier herrscht mal wieder das Chaos, könntest du dich bitte drum kümmern. Ich muss mich noch um den Einkauf kümmern.”

“Ja Mum geh schon ich werde hier schon wieder Ordnung rein bekommen. Ich bekomme ja noch heute Hilfe.”

“Hilfe?”

“Ja Papa sagte ich solle Lukas hier im Büro einwenig einweisen.”

“Stimmt ja, hatte ich ganz vergessen, aber ich muss los, bis später.” Und schon war sie weg.

Ich sah den Stapel Papiere an, meine Mutter hatte wieder alles durcheinander gebracht. Ich begann alles zu sortieren, nahm Ordner aus dem Regal und heftete verschiedenes ab. Es klopfte an der Tür.

“Herein.”

Die Tür öffnete sich und Lukas kam herein.

“Guten Morgen Lukas. Und bereit?”

Lukas versuchte ein Gähnen zu vermeiden.

“Guten Morgen Markus, es geht, aber an das frühe Aufstehen muss ich mich noch erst gewöhnen.”

“Mensch Lukas, dann schlaf in Zukunft hier, wenn du Dienst hast, dann fällt das morgendliche herauf Fahren weg und du kannst länger liegen bleiben.”

“Werd ich wohl machen müssen, wenn ich hier bei der Arbeit nicht einschlafen möchte.”

“Schlafen, daran werde ich dich schon hindern.”

“Und wie, das wirst du dann schon sehen,” lächelte ich.

“Das kapiere ich nicht Markus, wie soll das gehen?”

“Ganz ruhig Lukas ich erkläre es dir noch mal ganz langsam.”

Ich beugte mich von hinten halb über Lukas, und nahm die Maus und klickte verschieden Sachen an.

„So wenn du die Daten hier einzeln einträgst, sie hier zum Beispiel Strasse – Wohnort, dann bekommst du am Schluss eine komplette Gastdatei, die du dann hier im Ordner ablegen kannst. Und wenn du dann hier drauf klickst, bekommst du die komplette Gästedatei, sie so. Verstanden?”

„Ja also ich muss…“, Lukas griff nach der Maus, auf der immer noch meine Hand lag.

Erschrocken zog ich meine Hand zurück. Ich merkte selber, dass ich eine Spur zu heftig reagiert hatte.

Ich klopfte Lukas auf die Schulter, “schon gut. Du packst das schon, musst ja nicht alles am ersten Tag können.”

*-*-*

Lukas

Wie komme ich nur an in ran. Er ist so verschlossen. Meine Blicke bleiben unerwidert. Er tut mir so Leid und ich würde ihm so gerne helfen. Ich kann doch nicht einfach zu ihm hingehen und sagen *Hallo Markus ich bin schwul und habe mich in dich verliebt*.

Was mache ich bloß und jetzt kommt auch noch Markus’ Mutter herein, was möchte jetzt die denn?

„Hallo Lukas und macht es Spaß, oder ist dein Lehrer hier zu streng mit dir?”

„Mum, was soll das?”, meckerte Markus verständlicherweise.

Er wurde dabei rot. Ich bekam weiche Knie, er sah dabei so süß aus.

„Schon gut Frau Scheffler, er macht das ganz super, er erklärt mir alles prima”, erwiderte ich.

Wow, so ein tiefrot habe ich jetzt aber auch noch nicht gesehen. Und trotzdem ich gehe bald kaputt an diesem traurigen Blick von Markus. Ich muss ihm irgendwie helfen.

Markus

„Markus hier sind noch die Buchungsunterlagen Unterlagen vom 23/24. Dezember, Gunnar sagt wir sind voll belegt.”

„Gib sie bitte Lukas Mum, er verwaltet jetzt die Gästedatei, ich kümmere mich nachher darum, es zu kontrollieren.”

„Gut wenn du meinst Markus. Hier Lukas die Buchungen.”

„Danke Frau Scheffler.“

Meine Mutter blinzelte Lukas zu. Er lächelte.

“Bist du schon zum Personalchef aufgestiegen?”

“Was?”

Jetzt erst merkte ich, dass meine Mutter mich auf den Arm nehmen wollte.

„Harharhar, sehr witzig.”

„Was ist denn dir über die Leber gelaufen, Junge?  Du bist doch sonst nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen?“

„Ach ich Blicke hier nicht richtig durch. Hier ist eine Abbuchung, die sonst nirgends vermerkt ist. Ich finde keine Unterlagen, und wie ich es aus den Kontoauszügen ersehen kann ist wird dieser Betrag monatlich abgebucht. Er ist recht hoch, Aber ich kann nichts finden, wo ich nachschauen könnte, worum es sich handelt.”

„Zeig mal her“, sagte Mum und nahm sich die Unterlagen. Plötzlich verlor sie sämtliche Farbe im Gesicht, wurde richtig bleich.

„Was ist dir, Mum?”

„Ach nichts, ich rede mal mit deinem Vater.“

Sie drehte sich gedankenverloren um und verließ eilig das Zimmer.

„Habe ich jetzt was Falsches gesagt?”

„Nicht das ich wüsste, Markus“, erwiderte Lukas.

„Was schon so spät, komm Lukas wir müssen zum Essen sonst gibt es nichts mehr.

Speiseraum

„Gegen meine Gewohnheit setzte ich mich, zu den Azubis und nicht zu meinen Eltern. Die hatten sowieso eine heiße Diskussion über irgendetwas, was aber ich nicht verstehen konnte, weil sie sich doch recht leise unterhielten. Ich wandte mich meinen Zöglingen zu.

„Wie waren eure ersten Stunden?”

Heinrich stöhnte.

Ich habe ausversehen vorhin eine Suppe anbrennen lassen, man war Theo sauer.”

„Das wird dir noch öfter passieren Heinrich, also gewöhne dich an die Kommentare von Theo. Aber nachdem er dich angebrüllt hat, ist auch schon wieder alles vergessen! Und wie lief es bei dir, Marlene?”

„Ich habe den Vormittag damit verbracht, dass Resi mir die Theke erklärt hat. Man muss man da viel wissen. Alleine schon die verschieden Sorten Weißwein.”

„Aber es kann auch interessant sein, sich mit Weinen auszukennen“, sagte ich.

„Und du Lukas?“, wollte Heinrich wissen.

„Bei mir war es besonders langweilig, ich saß den ganzen Morgen nur vor dem Computer“, sagte Lukas und schielte grinsend zu mir.

„So Lukas, ich denke mal du gehst jetzt in deine Mittagsruhe bis drei Uhr und dann…“, ich legte eine kleine Kunstpause ein, „und dann verspreche ich dir, dass es noch langweiliger im Büro wird.”

Marlene und Heinrich fingen laut an zu lachen. Ich konnte nicht länger und begann ebenfalls lachen. Lukas spielte den Beleidigten.

*-*-*

Lukas

Das erste Mail das ich Markus richtig herzhaft hatte lachen sehen, da war es mir egal, dass es auf meine Kosten ging.

„Markus kommst du bitte mal an unseren Tisch, wir möchten mit dir was besprechen“, rief sein Vater.

„Oh das hört sich nicht gut an“, kam von Heinrich.

„Keine Sorge Heinrich, das kenne ich schon und bis jetzt lebe ich ja noch. Ihr bekommt sicher mit, dass sie mich nicht schlachten werden.“

Er stand auf und setzte sich zu seinen Eltern. Rosi war auch gerade eben gekommen. Meine Ohren lauschten angestrengt, den Worten von Markus’ Vater.

„Kinder wir müssen mit euch etwas bereden“, fing sein Vater an.

Beider Kinder schauten auf ihren Vater, wie wir jetzt auch.

„Ich weiß gar nicht wie ich beginnen soll. Es geht um die Überweisungen die du vorhin gefunden hast Markus.”

„Überweisungen?”, fragte Rosi.

„Rosi unterbrich mich bitte nicht!“

Markus’ Mutter schien es nicht gut zu gehen, ich sah, dass ihr Tränen über die Wangen liefen.

„Sollen wir nicht lieber gehen?“, flüsterte plötzlich Heinrich.

„Jetzt wo es interessant wird?“, flüsterte ich zurück.

Marlene und Heinrich standen auf und verließen den Speiseraum, während ich beschloss zu bleiben.

„Das Geld“, redete Markus’ Vater weiter, „wird zu einem Heim überwiesen, einem Heim für Schwerbehinderte. Dort liegt euer… Bruder.”

Was hat denn dass zu bedeuten? Keiner sagte mehr etwas, die totale Stille war eingedrehten. Jetzt bereute ich nicht auch gegangen zu sein.

„Wie Bruder…, was soll das jetzt“, unterbrach Rosi die Stille und ich zuckte ein wenig zusammen.

„Rosi bitte, ich bin noch nicht ganz fertig, mir fällt das hier eh schon schwer genug… und ja! Ihr habt Bruder er ist ein Jahr älter als Rosi.”

Sein Vater hatte die ganze Zeit seinen Kopf gesenkt und schaute auf die Tischdecke. Seine Hand hatte er dabei die ganze Zeit um die Hände seiner Frau gehüllt. Seine Mutter redete weiter.

„Bei seiner Geburt sagten die Ärzte, Kim wird nicht lange überleben. Aber euer Bruder ist ein Kämpfer. Er ist jetzt fünfundzwanzig und bei, na ja soweit wie man das sagen kann, bei bester Gesundheit.”

„Na sauber!“, war das Einzige, was Rosi herausbrachte.

„… wie lange wolltet ihr dass verheimlichen?“, brach es aus Markus hervor.

Ruckartig stand er auf.

„Herzliches Dank für euer Vertrauen, … oh ist das mies!”

Er rannte an mir vorbei, ohne mich anzuschauen. Auch Rosi stand auf und verließ den Raum, während ihre Eltern immer noch am Tisch saßen. Es tat weh. Eben hatte Markus noch lachen können und jetzt… Ich stand ebenfalls auf und verließ den Raum.

Ich lief die Treppe hinauf, weil den einzigen Ort, wo ich jetzt Markus vermutete, war in seinem Zimmer. Etwas außer Atem erreichte ich die Tür neben meinem Zimmer, auf der Privat stand.

Ich klopfte, aber es gab keine Reaktion. Ich klopfte wieder.

„Lasst mich in Ruhe!“, hörte ich ihn erstickender Stimme rufen.

„Ich bin es Lukas“, rief ich zurück.

Ich hörte drinnen Geräusche und wie sich plötzlich der Schüssel in der Tür drehte. Diese öffnete sich nur einen Spalt. Ich atmete durch und drückte die Tür auf.

Zum ersten Mal konnte ich Markus’ Zimmer sehen. Es unterschied sich nicht von der Einrichtung, die wir im Zimmer hatten. Aber man merkte hier die persönliche Note von Markus.

Mit Bildern, Pflanzen und andere Dekorationen hatte sich hier Markus sein Reich geschaffen. Ich trat weiter ein und schloss hinter mir die Tür. Markus lag auf seinem Bett, dass Gesicht im Kissen vergraben.

Ich lief zu ihm und setzte mich einfach neben ihn auf die Bettkante. Nachdem er aber immer noch nicht auf mich reagierte, nahm ich all meinen Mut zusammen.

„Hey, mein großes Vorbild, du kannst doch nicht einfach weinen!“

Er gab keine Antwort.

Über dem Bett hing ein großes Bild mit vielen Fotografien eines Jungen und am Rahmen war eine kleine schwarze Schleife angebunden.

„Ist das der Junge gewesen, von dem du uns erzählt hast“, fragte ich leise.

„Ja… das ist… Tommy…”, kam es wimmernd von Markus.

Ich sah zur Decke und kämpfte selbst mit den Tränen. Markus tat mir so Leid und ich hätte ihn am liebsten in den Arm genommen. Zögerlich und mit zitternder Hand näherte ich mich seinem Kopf und begann sein Haar zu streicheln.

Er zuckte zusammen, sagte aber nichts. So machte ich weiter und kraulte durch sein Haar. Irgendwann wurde das Wimmern leiser und etwas später bestätigte mir Markus’ ruhiger Atem, dass er eingeschlafen war.

Ich versuchte so leise wie möglich aufzustehen und verließ das Zimmer. Dort angekommen, lehnte ich mich erst einmal gegen die Tür und atmete durch. Ich versuchte nicht zu weinen, ich wollte nicht, dass mich jemand so sah.

Aber nahe ging mir das schon! Ich lief die Treppe wieder hinunter, wo mir Frau Scheffler begegnete.

„Ist er in seinem Zimmer?“, fragte sie mich, als wüsste sie, dass ich gerade bei ihm war.

Ich nickte.

„Aber er schläft… hat sich in den Schlaf geweint“, meinte ich und lehnte mich verlegen an die Wand.

Frau Schäffler atmete tief durch und ihr Blick wanderte auf die Treppenstufen.

„Frau Schäffler…, finden sie ihre Idee immer noch so gut…, dass ich mich mit Markus anfreunden soll?“

Büro

„Setz dich Lukas“, meinte Markus’ Mutter und schloss hinter sich die Tür.

Sie umrundete den Schreibtisch und setzte sich dort hin, wo Markus den ganzen Morgen gesessen hatte.

„Ich kenne deine Mutter jetzt schon, …lass mal überlegen… dreiundzwanzig Jahre. Es ist die beste Freundin, die ich habe. Ich habe dich groß werden sehen, ich kenne dich von deiner Geburt an. Ich habe auch mitbekommen wie es für dich war, in der Schule, als heraus kam, dass du nur auf Jungs stehst. Du wurdest verprügelt und gemieden wie ein Aussätziger.“

Ich senkte den Kopf. Irgendwie schämte ich mich und wollte auch nicht, dass Frau Schäffler meine Tränen sah.

„Ich habe auch mitbekommen, dass dein angeblicher schlechter Ruf dir vorausgeeilt ist und niemand dich in einer Lehre haben wollte. Du bist so alt wie unser Markus, und ihr zwei seid euch sehr ähnlich. Denke nicht von mir ich wollte irgendwen verkuppeln. Ihr beide seid alt genug euch jemanden selbst zu suchen. Aber Markus braucht jetzt jemanden, der ihm hilft alles zu verarbeiten zu verkraften. Mein Mann und ich kommen nicht an ihn heran, aber wir können uns beide deswegen niemanden besseres vorstellen, als dich Lukas.”

Ich hob den Kopf.

„Das ist auch nett von ihnen Frau Scheffler, auch das sie mir die Möglichkeit geben hier einen Beruf zu lernen…“

„Lukas“, unterbrach sie mich, „jeder hat eine Chance verdient, auch du! Und außerdem sag endlich Gisela zu mir, wir kennen uns jetzt ja auch schließlich siebzehn Jahre, früher hast du es auch getan.“

„Okay …Gisela”, meinte ich lächelnd.

„So gefällst du mir schon viel besser. Dein Dienst ist heute nicht hier sondern ausnahmsweise auf dem Zimmer meines Sohnes. Hilf ihm bitte Lukas.”

*-*-*

Ich rannte so schnell wie möglich hoch in Markus’ Zimmer, öffnete vorsichtig die Tür und fand ihn immer noch schlafend vor. Nur dieses Mal setzte ich mich nicht an sein Bett, sondern ließ mich auf dem Stuhl neben dem Fenster nieder.

Ich zog mir irgendeine Zeitschrift aus dem Stapel neben dem Tisch und begann darin zu blättern. Es dauerte eine ganze Weile, bis Markus sich zu bewegen begann. Er öffnete die Augen und sah mich entsetzt an.

Markus

Vor mir saß Lukas und blätterte in eine Zeitschrift.

„Wer hat dich hereingelassen?”, wollte ich wissen.

„Du selbst“, gab er zur Antwort.

Ich kramte in meinen Gehirnzellen, was sich als schwierig erwies. Ich gähnte.

„Wie viel Uhr haben wir denn?”

Lukas schaute auf seine Uhr.

„Kurz nach halb fünf.”

„Scheiße warum hast du mich nicht geweckt, wir müssen runter.”

„Müssen wir nicht, deine Mutter hat uns heute Mittag frei gegeben.”

„Sie hat was?”

„Uns frei gegeben.”

Ich kratzte mich am Kopf. So langsam kamen die Erinnerungen an das Geschehene wieder. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich.

„Lukas?“

„Ja?”

„Warst du die ganze Zeit da?”

„Ja, war ich.“

„Warum das denn?”

“Ich lasse einen Freund ungern im Stich, der heulend da sitzt und Hilfe braucht.”

Ich setzte mich auf und fuhr mir durchs Haar.

„Ich brauche keine Hilfe!“

„Wirklich?“

Lukas schaute mir lange in die Augen und hielt diesen Blick auch Stand.

„Wenn du meinst…“, sagte ich.

Lukas stand auf und kam zu mir.

„Mensch Markus, du hast zu mir gesagt ich kann jederzeit zu dir kommen, mit Problemen oder ohne. Für mich gilt dieses Angebot natürlich auch für dich. Meinst du ich überlasse dich einfach dich selbst und sehe zu wie du vor die Hunde gehst.”

„Halt langsam! So schlimm ist es auch nicht.”

„Nicht schlimm? Mir hat es fast das Herz zerrissen, als ich sah wie du so zusammengekauert auf deinem Bett lagst und weintest.”

Ich saß nur sprachlos da und schaute Lukas an. Diesmal konnte er nicht standhalten und drehte sich weg. Ich stand auf und zog ihn in meine Richtung zurück und erschrak, als ich Lukas’ Tränen im Gesicht sah. Er holte tief Luft.

“Eigentlich solltest du es ja besser wissen, wie es ist, einen Menschen zu verlieren, den man liebt“, schrie Lukas mir ins Gesicht.

Er riss sich los und rannte aus meinem Zimmer, hinter sich die Tür knallend.

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