Margie 29 – Donnerwetter

Statt einer Antwort brummte Angelos Handy auf dem Tisch. Rasch nahm er den Unruhestifter und klappte ihn auf.

»Hallo Andreas.«

Egal wer das war und was der wollte, ich verfluchte die Person am anderen Ende. Angelo sah mich kurz an und drehte seinen Kopf von mir weg. Ein untrügliches Zeichen, dass er bei diesem Gespräch offenbar nicht gestört werden wollte.
Daraufhin stand ich auf, blieb aber zunächst auf der Stelle stehen. Entweder Angelo verschob das Gespräch auf später oder dieser Anruf war unendlich wichtig oder er kam ihm irgendwie gelegen.
Dann würde er eben nicht auflegen. Und das tat er auch nicht. Kein Wort kam über seine Lippen, er hörte wohl nur zu. In diesem Moment sah ich rüber, zum Schuppen und Werner war verschwunden.
Sicher würde er nicht ohne mich fahren, wobei ich im Augenblick überhaupt nicht wusste was ich machen sollte. Mich aufregen, weil das, was Angelo da tat, in höchstem Maße unhöflich war oder weil ich mit all dem mal wieder nicht wusste umzugehen?

»Ralf?«

Werner war durch die Hecken nicht sicht-, aber hörbar. Ich wusste definitiv nicht was ich nun machen sollte, aber Werner wollte eine Antwort haben.

»Ja?«

»Feierabend. Kommst du?«

Ein Blick zu Angelo, der das scheinbar gar nicht mitbekam. Gut, die Mächte machten mir zwar das Leben zur Hölle, aber Liebe und der dergleichen waren scheinbar nicht leicht zu handhaben. Letztlich hauchte mir meine Stimme die einzige Erklärung für diese Unterbrechung zu: „Wer weiß, wofür das jetzt gut ist.“

Ich schnaufte, laut und deutlich und klopfte Angelo sachte auf die Schulter. Er drehte sich zu mir um und sah mir in die Augen.

»Ich geh dann. Bis Morgen.«

Er nickte, winkte noch kurz und drehte sich dann wieder weg, um seinen Anrufer nicht warten lassen.

»Ich komm vorne raus!«, rief ich hinter die Hecke und kurz darauf hörte ich den Motor unseres Autos.
Ich würde schon sagen dass ich richtig wütend war, als ich dann die Tür hinter mir zuschlug. Schade, dass in dem Haus alles so massiv ist, ein den Zorn erlösendes Knallen gab die Tür leider nicht von sich.

Dafür musste dann die Beifahrertür herhalten. Werner legte zwar einen Gang ein, fuhr aber nicht los.

»Darf man fragen wieso.. «

Dann legte er seine Arme auf das Lenkrad.

»Sieht so aus als ist es nicht gut gelaufen.«

Ich schüttelte den Kopf und niemals hätte ich auch nur annähernd daran geglaubt, eines Tages wegen solcher Dinge auf diesem Sitz den Tränen so nahe zu kommen. Stocksauer, stinkwütend, angepisst.. viel mehr wollte mir dazu nicht einfallen.

»Werner, ist das bei Heteros auch so kompliziert? Ich werd noch närrisch.«

Er lachte.

»Wir haben in der Beziehung beide einen Nachteil: keiner weiß, wie es dem anderen ergeht. Ich mein, die Gefühle sind ja die gleichen, nur, es ist halt alles umgedreht. Aber wenn ich mich an meine Jugend erinnere, Eveline war ja nicht meine erste und einzige.
Ich hab manche Nacht geglaubt ich überlebe es nicht. Liebeskummer – ich würde mal sagen, das ist so oder so ein Kapitel für sich. Aber sag mal, wie geht es da jetzt weiter? Möchtest du auf eine andere Baustelle? Du weißt, das ist kein Problem.«

Wie lieb er war. Ich mochte ihn immer mehr, egal ob mir das, was er sagte, weiterhalf oder nicht. Er tat es nicht als kindischen Teeniekram ab und behandelte mich wie einen richtig Erwachsenen.

»Werner, ich denk drüber nach, okay? Lass uns heimfahren, ich hab hier erst mal die Schnauze voll.«

Jep, ich war richtig böse.

Werner nickte und fuhr dann nicht grade langsam und mit einer riesigen Staubwolke im Schlepptau von dem Gehöft.

Auf der Heimfahrt verdunkelte sich die Sonne, ziemlich plötzlich eigentlich. Zum Glück hatte ich meine Planung mit Felix schon rechtzeitig aufgegeben. Aber erneut nur auf dem Bett liegen und grübeln?
Nicht einschlafen? Nein, das wollte ich mir nicht schon wieder antun.
Mehr im Unterbewusstsein dümpelte da aber auch der Name Andreas herum. Wer war das und warum schien der Angelo wichtiger zu sein als meine Anwesenheit?
„Vielleicht ist dieser Andreas gar nicht wichtig gewesen. Er rief lediglich zu einem für Angelo passenden Zeitpunkt an, mehr nicht.”

Ich grollte wie der Himmel am Horizont. Der erste Regen, das erste Gewitter seit Wochen. Ich verglich die schwarze Wand da hinten im Westen mit meinen Gedanken. Bedrohlich, düster, undurchsichtig. Donnergrollen, ja, das empfand ich auch.
Werners Angebot, die Arbeitsstelle zu wechseln hatte einen entscheidenden Nachteil: Ab da war ich nämlich hin- und hergerissen. Konnte ich Angelo tatsächlich schmoren lassen, in dem ich ihn mit seiner Antwort einfach so sitzen ließ oder war er am Ende gar erleichtert, wenn ich am anderen Tag gar nicht käme?
Ich musste eine Lösung finden, eine, die ihm keine Ruhe ließ. Ich steigerte mich so da rein, dass ich mich ärgerte seine Handynummer gelöscht zu haben. Zu später Stunde ein so gar nicht angekündigter Anruf hätte ja auch zu etwas führen können.
Da es bereits zu tröpfeln anfing, fuhr mich Werner direkt nach Hause. Kurz bevor ich aussteigen wollte sagte er: »Wenn das Wetter nicht besser wird, dann schläfst du Morgen aus, okay?
Bei Gewitter haben wir auf den Dächern nichts zu suchen.«

Er kam zu dieser Möglichkeit, weil der Wetterbericht von einer größeren Sache gesprochen hatte. Sprich, diese Gewitter sollten eine Nacht und einen Tag anhalten.

»Aber es wird durch das Dach regnen..«

Werners Augen wurden riesig.

»Scheiße«, fluchte er, »das hab ich glatt vergessen.. und das ist mir noch nie passiert.«

Nun saßen wir da, vor unserem Haus, im Auto. Der Nachmittag wurde immer mehr zur Nacht, lange konnte das Unwetter nicht mehr auf sich warten lassen. Werner dachte scheinbar sehr angestrengt nach und ich selbst fragte mich, ob mein Theater am Ende Schuld an seiner Vergesslichkeit war.

Staub wirbelte über die Feldwege, der Wind setzte ein. War es für eine Rettungsaktion zu spät? Bis wir draußen auf der Baustelle wären..

»Was kann groß passieren?«, fragte ich ihn.

»Hm, es wird ja nur schlecht wenn Sturm aufkommt. Dann fangen wir von vorn an.«

Das war nicht nur schlecht, das war eine Katastrophe. Chefe würde ganz schön toben wenn die neuen Schindeln, die zum Teil schon eingesetzt waren, Kilometerweit in die Feld flögen. Gut, im Schuppen selbst konnte kaum was passieren, außer diesen Kisten war dort ja eh nichts.
Trotzdem, Werner wollte sich mit diesen Tatsachen scheinbar nicht zufrieden geben.

»Fährst du noch mal mit raus? Wenn wir zu spät kommen haben wir Pech gehabt, aber jetzt so gar nichts zu tun?«

Ich sah sein besorgtes Gesicht, er würde mit jeder Windböe zusammenzucken. Abgesehen davon, ich hatte nichts vor und Werner alleine da rausfahren lassen.. denn das würde er tun, dessen war ich absolut sicher.

»Klar, komm, mach hin, wir sollten jetzt nicht trödeln.«

Ein kurzes Lächeln im ernsten Gesicht. Ich sagte ja, ich würde nachholen was ich an Zeit verplempert hatte. Mit Angelo, der aber in diesen Minuten absolut keine Rolle spielte. Dass wir erneut da rausfuhren hatte mit ihm nicht das Geringste zu tun und ich würde ihn auch nicht aufsuchen.

Wir waren tatsächlich dermaßen schnell.. Gut, Werner fuhr sehr, sehr gewagt und in Sachen Auto und Unfall war ich ja noch reichlich bedient. Aber es herrschte kaum Verkehr da raus und wir mussten keine Minute wegen ängstlichen Schleichern vergeuden.

Für diese Wetter – Fälle hatten wir eine Rolle mit stabilem Kunststoff im Wagen liegen. Ohne Aufheben fuhr Werner den Wagen in den Schuppen, dann hievten wir die Rolle aus dem Wagen. Werner war da der absolute Routinier, jede Anweisung, jede Handbewegung saß.

Mit Augenmaß schnitt er ein paar Bahnen zusammen, ich war mir da auch nicht sicher ob ich da je so hinkriegen würde. Leiter angestellt, er rauf, ich reichte ihm die Bahnen und das Werkzeug. Der Kern des Gewitters schien uns nicht zu treffen, der Wind nahm kaum zu und auch der Regen wusste scheinbar noch nicht so genau, wo er runterkommen wollte.
Dort wo wir waren tröpfelte es nur, aber Werner ließ sich auf gar nichts ein.

»Das sind große, kalte Tropfen. Bete, dass da kein Hagel im Gepäck ist.«

Zum Beten blieb aber keine Zeit. Ich hielt die Bahnen an den Stellen, wo sie Werner an die Balken tackerte. Mann, ging das fix. Und es hatte schon etwas abgekühlt, was die Sache leichter machte. Zugegeben, richtig wohl hab ich mich nicht gefühlt, vor allem wenn der eine oder andere Blitz in die Bäume auf den Feldern einschlug.

Plötzlich sah ich unten im Schuppen eine Bewegung. Näher betrachtet war es nur ein Regenschirm, wer darunter war entzog sich meiner Beobachtung. Nur eines wusste ich gleich – Angelo konnte es nicht sein. Paul? Hatte der nicht frei? Also blieb nur ein Elternteil übrig. Aber das herauszufinden, dazu hatte ich keinen Bock. Jede Sekunde zählte jetzt hier oben.

»Fertig«, rief Werner und schon war er bei der Leiter.

Ich kam ihm entgegen, um den Tacker und die Werkzeugkiste runterzureichen. Der Wind legte nun doch einen Zahn zu, außerdem hatte sich der Regen dann auch für diese Ecke entschieden. Und es wurde richtig Stockfinster.
Bevor ich hinunterstieg, sah ich noch einmal so mehr zufällig auf die Felder. Und so bekam ich mit, dass ein Auto auf der Straße hierher unterwegs war. Ich hätte es vielleicht übersehen, da es ein dunkler Wagen war, aber der fuhr bereits mit Licht, direkt auf das Haus zu.
Da würden wohl die Kassinis aus Mannheim zurückkehren.. Nur, wer zum Teufel war dann die Person da unter uns? Einen Moment verharrte ich dann noch, denn das Fahrzeug war sehr hurtig unterwegs. Und darum bekam ich dann noch mit, dass nur eine Person drinsaß.
Noch einige Augenblicke warten.. ja, diese Person war männlich. Nicht sehr sicher, aber Eins zu Hundert hätte ich schon gewettet. Sofort stieg dieses verfluchte, ungute Gefühl wieder auf. „Ralfi, es gibt Milliarden Menschen auf diesem Planeten..“ „Das ist mir bekannt.
Und wenn nun ausgerechnet einer aus dieser Masse.. nur hierher kommt, weil er Angelo besuchen will?“ „Na und?“
Ich wartete, bis sich der Wagen vorm Haus meinen Blicken entzog und stieg hinunter.

Kaum dass ich unten war, zog Werner die Leiter weg und husch, war er zusammen mit mir in dem Schuppen drin. In letzter Sekunde könnte man sagen, denn dann brach das Inferno herein.
Nicht ganz so wild wie im vorigen Jahr, wo innerhalb von Minuten so gut wie alle Keller im Ort abgesoffen waren. Aber man konnte hier draußen auch nicht wissen was anderswo passierte.

»Uff, das war knapp«, schnaufte Werner.

Er schlug mir auf die Schulter.

»Gut gemacht, Danke.«

»Danke? Wofür? Ist das nicht unsere Arbeit?«

»Na ja, ähm.. aber eigentlich sollte von der Aktion hier besser niemand in der Firma erfahren.«

»Und.. warum nicht?«

Werner überlegte. Als wüsste er nicht, ob er es aussprechen sollte.

»Ich hab dich in Gefahr gebracht, das darf nicht sein.«

Ups. Das leuchtete mir ein. »Also von mir erfährt das keiner. Und Gefahr.. da gibt’s doch Schlimmeres.«

Zum Beispiel, dass da ein Auto angekommen war und ich nicht den leisesten Schimmer hatte, wer da drin saß und was er hier wollte.

Werner lächelte und atmete laut aus.

»Ja, es wär schon besser.«

Es durfte schließlich alles passieren, nur nicht dass Werner seine Funktion als Ausbilder verlieren würde.

»Keine Angst. Ich kann dicht halten.«

Erst jetzt widmete ich mich unserem Umfeld. Tatsächlich stand Paul nicht weit von uns und lugte unter seinem Schirm nach oben. Das sah schon deswegen ulkig aus, weil in den Schuppen kein einziger Tropfen fiel.

»Nanu? Haben Sie nicht frei?«, bemerkte ich dann auch.

Paul drehte sich zu mir um, anscheinend war er mit seinen Gedanken wo ganz anders.

»Ja, im Grunde schon. Aber letztes Jahr hatten wir einen großen Wasserschaden, ich wollte sicher gehen dass alles in Ordnung ist.«

Sollte man das jetzt als Kontrolle unserer Arbeit betrachten? Nun, egal. »Aber hier drin ist es trocken«, bemerkte ich süffisant und deutete auf den aufgespannten Regenschirm.

Es folgte die typische Mimik, wenn jemand etwas völlig aus dem Gedächtnis verloren hat. Paul schüttelte zu sich selbst den Kopf und klappte den Schirm zu. Dummerweise konnte ich ihn nicht auf den Gast ansprechen, der eben angekommen war. Irgendeine dumm gestellte Frage wär mir sicher eingefallen.

Nun standen wir da, das Wetterchen legte noch ein paar Action in Form von Wind, Blitz und Donner und ganz viel Regen nach. Zum Glück blieb der Hagel aus.

»Hm, wir sollten jetzt nicht fahren«, sinnierte Werner mit Blick auf die Regenmengen.

Da das Dach nun gesichert war, legte sich unsere Aufregung allmählich. Paul, der Arme, traute sich wohl nicht zurück. Wahrscheinlich hätte es den alten Schirm dabei ganz einfach zerlegt.

Ich setzte mich auf „meine“ Kiste und zündete mir eine Zigarette an. Nach und nach kehrte dann zurück, was eine Weile keinen Zugang in meinen Kopf hatte: Angelo. Der saß da drüben in seinem Zimmer.. oder sonst wo.

»Ist Familie Kassini schon aus Mannheim zurück?« Das musste Paul allerdings wissen.

»Nein. Ich denke, sie werden das Wetter abwarten.«

Aha. Damit war Angelo mit diesem Besucher allein im Haus. Was machten die bloß? „Ein Vertreter. Will Klobürsten mit eingebautem MP3 – Player verkaufen.“ Selten dämlich. Natürlich konnte es sonst wer sein, aber mir ging in diesem Zusammenhang das Telefonat nicht aus dem Kopf. Eine Verabredung?
Wer bescheinigte mir denn überhaupt, dass Angelo nicht einen Freund hatte? Einen neuen, womöglich. Wenn er keine Trauerarbeit zu leisten hatte, wieso war dieser Gedanke dann so abwegig? „Oh, ist da jemand eifersüchtig?“
Eine ernst zu nehmende Frage. „Angelo gehört dir aber nicht.“ Das hatte ich schon recht früh begriffen, aber trotzdem.. es fuchste mich einfach. Ich mein, ich reiß mir wirklich bald alle Haare einzeln raus vor Frust und dann spaziert da drüben einer so einfach rein.
Diese wirklich abstrusen Gedanken, was die beiden da drüben treiben könnten – so es sich nicht um einen Vertreter handelte.. das war schon ziemlich heftig.
„Hallo da. Denk an Felix am Felle. Was meinst du, was Angelo dazu sagt? Geh mal hin und frag ihn.“
„Ja.. gut. Hast recht. Ich hab keinen Grund zur Eifersucht.“ Ich grummelte in mich hinein. „Man soll aber nicht Gleiches mit Gleichem vergelten.“ „Du bist ein unverbesserlicher Egoist. Du hattest deinen Spaß und Angelo soll keinen haben?“

»Es ist Besuch angekommen«, sagte ich dann zu Paul.

Keine Ahnung ob ich das nur so oder mit dem Hintergedanken verlauten ließ, er könnte damit etwas verhindern oder unterbrechen. Der Diener sah mich an.

»So?«

»Ja, hab’s zufällig vom Dach aus gesehen.«

Jetzt wurde der Mann unruhig, das passte wohl so gar nicht in seine übliche Routine. Dabei musste er sich fragen lassen, warum? Er hatte doch offiziell gar keinen Dienst.

Aber, es geschah nichts. Paul rührte sich nicht von der Stelle und so wie die Dinge in dem Moment aussahen, würden wir noch ne Weile hier bleiben müssen. Petrus’ Unbill schmetterte ungebremst auf die Landschaft nieder.

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