Margie 39 – In der Höhle des Löwen

»Meine Freundin war ziemlich anstrengend. Aber ich denk das kommt vor.«

Sicher kommt das vor. Es kommt aber auch vor, dass man während der Herzschmerz – Zeit mit einer Frau feststellt, dass einem hübsche Jungen viel besser gefallen. War das so?

»Und wie hast du Angelo kennen gelernt? Ich mein, du wohnst hier..«

Den Rest sollte er sich selber ausdenken.

»Das war Zufall. Oder eigentlich doch nicht.«

Ja, was denn nun? „Nun wart doch ab.“

Geräusche aus der Wohnung. Mein Herz stolperte gewaltig und ich schnaufte tief durch. Ausgerechnet jetzt, wo ich so nah dran war. Ronald hätte mir alles erzählt, jede Kleinigkeit, die ich wissen wollte. Nun, jetzt konnte ich es unter sehr günstigen Umständen aus aller erster Hand erfahren.
Vielleicht. Ich stand auf und tat es somit Ronald nach, der sich nach drinnen begab.
Stimmen. Ich erkannte beide sofort wieder. Zweifelsfrei Angelo und sein Vater. Dann einige Momente Schweigen im Raum. Angelo dürfte wohl gerade erfahren haben, dass ich hier draußen weilte. War er jetzt geschockt?
Der Überraschungseffekt lag natürlich ganz auf meiner Seite. Wieder Stimmen, diesmal lauter. Um was ging es denn da drin eigentlich? Ich verharrte zunächst auf der Stelle. Wer wusste schon, ob mich das, was da geredet wurde, überhaupt etwas anging?

Dann kam er unter die Balkontür. Wie er leibt und lebt. Etwas geschafft sah er aus, aber das konnte Angelos Aussehen keinen Abbruch tun. Ich war geneigt, ihm um den Hals zu fallen. Einen langen, tiefen Kuss wünschte ich mir und dann Alleinsein mit ihm, den ganzen Abend, die Nacht, bis Donnerstagmorgen.
Ich würde sogar zu spät kommen…
Aber seine Augen sagten dann was anderes, etwas ganz anderes. Sofort spürte ich den Widerstand, als hätte plötzlich jemand eine Mauer zwischen uns gezogen. Der Blick, der mich traf war kalt, eiskalt.
Mir wurde schwummrig und ich fühlte das Unheil aufkommen. Binnen Sekunden war meine anfängliche Euphorie wie weggeblasen. Der Wusch nach einer Tarnkappe kam zurück. Wenigstens so lange unsichtbar sein, bis sich das gelegt hatte.

»Was willst du hier?«

Schon die Stimmlage verhieß nichts Gutes. In der Frage war alles drin, was ich nicht hören wollte.

»Dich besuchen.«

Er grinste hämisch.

»Soso, mich besuchen. Darf ich fragen, wozu?«

Klar, das durfte er. Nun stand ich in der Höhle des Löwen, aber ganz langsam kam das zurück, was ich mir vorgenommen hatte. Ich zog es vor, die Sache kurz zu machen.

»Ja, das darfst du. Erstens steht immer noch eine Antwort von dir aus, zweitens gibt es da ein Foto, von dem ich gerne wüsste.. ob du das bist.«

Frech wie ich in dem Moment war, zog ich das nun etwas zerknitterte Foto aus der Gesäßtasche und hielt es ihm hin.

Er nahm es und ich heftete meine Augen auf seine. Es musste zu einer Reaktion kommen, irgendwie. Aber es gab keine.

»Das bin ich nicht.«

Wütend reichte er mir das Bild zurück.

»Und welche Antwort steht noch aus?«

Ich spürte, wie ihn das hier nervte. Gut, ich hatte unter Umständen einen richtig blöden Zeitpunkt erwischt, aber darauf durfte ich bei ihm nie warten. Ein passender Augenblick käme nämlich nie.

»Ob du etwas für mich empfindest.«

Auf den Rest konnte er selbst kommen.

Er lachte, voller Hohn.

»Weißt du, ich finde es derart dreist.. Du küsst dich mit irgendwelchen Typen auf der Straße, kommst einfach hierher in meine Wohnung und als wäre das nicht schon genug, unterstellst du mir.. zeigst mir schmutzige Fotos, mit denen ich nichts zu tun habe. Du hast es ja noch nicht einmal nötig, einen Gruß von mir zu erwidern. Und dann muss ich mich ausgerechnet von dir fragen lassen, wie ich zu dir stehe?«

Er war explodiert. Nicht erst auf Hundert oder so. Mit jedem seiner Worte wurde ich kleiner, denn er hatte ja Recht. Gut, ich bekam damit auf zwei meiner wichtigsten Fragen Antworten. Erstens, er war eifersüchtig, zweitens glaubte ich ihm das mit dem Foto.
Das änderte aber nichts an dem nun lodernden Flammenmeer um mich herum. Es war, als hätte jemand den Löwenkäfig geöffnet und ich stand mitten in der Manege. Keine Peitsche, keine Waffe, nichts. „Hey, Angelo ist stinksauer. Das ist gut so, weißt du das?
Hast du gemerkt? Er hat den Kuss mit Felix als erstes ins Feld geführt. Nicht das Foto oder dass du hier bist.“ Da war etwas Wahres dran. Angelos ganze Wut lag in seiner Eifersucht begründet. „Nun, jetzt bist du am Zug.“

»Was wirfst du mir vor? Wieso kann ich mich nicht mit einem Jungen küssen, wenn du eine ganze Nacht weg bist.. mit.. wem und wo was weiß ich? Deinen Gruß konnte ich noch gar nicht erwidern. Du ziehst es ja vor, sang- und klanglos hierher zu ziehen ohne ein Wort.«

»Ich wüsste nicht, was dich das angeht.«

Dabei fiel sein Blick auf Ronald, der nun zu uns gekommen war und das Theater mitverfolgte. Angelos Vater war irgendwo unsichtbar in der Wohnung.

»Ach? Aber du regst dich auf, wenn ich einen guten Freund küsse? Ich wüsste nicht, dass das verboten ist.«

Angelo schnaufte, fehlte nur noch dass er hufte wie ein Stier, kurz vor dem Angriff.

»Es kommt wohl darauf an, wie man das macht. Und zudem, ich reg mich auf wann ich will.«

„Ups. Er steht mit dem Rücken zur Wand, merkst du das? Los, hack auf ihm rum, der braucht das jetzt.“

»Wie ich einen guten Freund küsse, musst du schon mir überlassen. Ich jedoch finde es fast schon niederträchtig, dass du eine Nacht lang einfach verschwindest, so dass dich deine Mutter sogar bei mir gesucht hat. Wie findest du zum Beispiel das?«

Angelo zog die Zornesröte ins Gesicht. Er war rasend vor Wut, aber er konnte keine weiteren Argumente hervorbringen.

»Langsam. Wir sind schließlich nicht verheiratet. Ich muss über das was ich tue, niemandem Rechenschaft ablegen,« wehrte er sich.

»So? Du machst es dir ja recht einfach. Weiß dein Freund hier übrigens, dass du es hervorragend verstehst, auf anderer Leute Gemüt herumzutrampeln wie ein Elefant?«

Dabei sah ich bewusst zu Ronald. Vielleicht kam ja gleich etwas aus der Richtung.
Aber der schien nur Bahnhof zu verstehen, den Eindruck hatte ich jedenfalls. Ganz allmählich schlich sich ein gewisses Gefühl bei mir ein.

»Ich denke, es ist genug geredet. Bitte verlass meine Wohnung.«

Ich kreuzte die Arme über der Brust.

„Aha. Diese Worte kenne ich doch. Erinnerst du dich? Immer wenn es dir zu ungemütlich wird, greifst du zum Mittel Rausschmiss. Nun reiß dich mal zusammen und benimm dich nicht wie eine weinerliche Tucke.«

Immer sicherer wurde ich. Auch im Hinblick auf Ronald. Der schluckte und sah abwechselnd zu mir, dann zu Angelo.

»Es geht mich ja nichts an«, mischte der endlich mit, »aber verrät mir mal jemand, was hier eigentlich los ist?«

Angelo schnaubte wieder, diesmal in Richtung Ronald.

»Halt du dich da raus, bitte.«

»Moment, ich kann ja auch gehen, so ist das nicht«, setzte Ronald sofort nach.

Aber der Ton verriet, was er noch sagen wollte: „.. und komm nicht wieder.“

Oh, Ronny wurde mir sympathisch. Der fackelte gar nicht lange.

»Du bleibst. Der einzige der hier geht, ist Ralf.«

„Jetzt hol aus zum Rundumschlag. Er muss dir sagen, dass er dich nie wieder sehen will. Dann ist’s gesagt.“ Also musste ich ihm diese folgenschwere Entscheidung sozusagen herauszwingen. Nur eines wollte ich noch wissen.

»Angelo, liebst du mich oder nicht?«

Er wurde feuerrot, trotz seiner Bräune und Ronald rollte die Augen.

»Moment«, sagte der dann und fuchtelte mit den Händen.

»Was geht hier ab? Angelo, was soll das Gefasel von Liebe.. und Küsse..?«

Peng. Mein Gefühl hatte sich nicht getäuscht. Ronnykind schien nicht zu wissen, dass Angelo schwul ist. Und von mir natürlich auch nicht. Das beruhigte mich sofort, aus dieser Richtung hatte ich zunächst nichts zu befürchten.
Jetzt kam er wirklich in arge Bedrängnis, mein Angelo. Ob es mir wehtat? Schon. Ich spürte wie es in ihm gärte und kochte. Aber ich brauchte diese Hexenküche. All die Nächte, die ich wegen ihm schlaflos hinter mich bringen musste, das Theater in der Firma und zu Hause.
Von der ewigen Übelkeit und anderen körperlichen Bedrängnissen ganz zu schweigen. Am Ende stand sogar die Verführung meines besten Freundes und Zwangsurlaub von der Firma, alles nur wegen ihm.
Trotzdem, während ich ihm diese Vorhaltungen machte, schrie im selben Atemzug mein Herz nach ihm. „Hol ihn dir zurück, notfalls mit Gewalt.“ „Augenblick. Die beiden haben wohl nichts zusammen, du musst dich gar nicht groß anstrengen.“

Angelo stellte sich vor Ronald und nahm ihn an den Armen. »Hör nicht was er sagt, der spinnt.«

Ronald wand sich aus den Griffen.

»Ich will auf der Stelle wissen was hier los ist. Angelo.. sag mal, bist du.. seid ihr schwul?«

Dabei ging sein Blick zwischen uns hin und her.

Gut. Das war keine Kanone auf Spatzen was ich da abgeschossen hatte, eher ein Atomsprengkopf gegen Ameisen. Vielleicht wäre ich anders vorgegangen, wenn ich das alles im Vorfeld gewusst hätte. Aber dem war eben nicht so.

»Ronald, bitte, lass mich erklären..«

Dann wandte sich Angelo zu mir. Er blähte sich auf wie ein Kirmesballon und zeigte mit dem Arm zur Tür.

»Ralf, du verschwindest jetzt. Ich will und kann mir deine Fantasien nicht mehr anhören.«

Okay, er hatte nicht gesagt dass er mich nie wieder sehen will. Ich hatte die Lunte nicht nur angezündet, die Bombe war zudem hochgegangen. Nun lag es an ihm, was er Ronald für Geschichtchen erzählen wollte. Dass er meine Vorwürfe als Fantasien betitelte, fand ich allerdings ziemlich mickrig.
Ich schnappte meinen Rucksack und ging zur Tür, wobei ich Angelos Vater in der kleinen Küche sitzen sah. Er hatte ein Bier vor sich stehen und starrte auf die Flasche. Dann hob er seinen Blick, zu mir.
Er sagte nichts, zog nur die Schultern ganz leicht hoch, fast hätte ich es nicht bemerkt. Mir kam es vor, als wäre ihm dieses Techtelmechtel überhaupt nicht recht, aber er konnte offenbar nichts dagegen tun. Ich weiß gar nicht, warum mir der Mann leid tat. Er konnte mit Sicherheit am wenigsten dafür.
Andreas Kassini stand auf und kam zu mir, dann begleitete er mich zur Tür. Angelo und Ronald schienen zu diskutieren, draußen auf dem Balkon.

»Das legt sich wieder«, sagte Angelos Vater, als wir im Hausflur standen.

»Was legt sich wieder?«

Ich verstand nicht was er meinte.

»Wo gehst du jetzt hin?«, stellte er eine Gegenfrage.

Ich fand es schön, dass er mich duzte.

»Weiß nicht.«

Ich wusste es wirklich nicht. Innerlich war ich unglaublich aufgewühlt. Neben meiner Wut war da natürlich Enttäuschung und so was wie Trauer.

»Heimfahren«, sagte ich dann ziemlich niedergeschlagen.

»Kannst du nicht noch bleiben?«

»Bleiben.. ja..«

Alles Mögliche ging mir durch den Kopf. Ich wusste überhaupt nicht was ich wollte. Aber da war Kassinis Blick in meine Augen. War das sowas wie.. ein Flehen? Sicher täuschte ich mich. Dennoch.. er bat mich, nicht zu gehen.

»Wenn du nicht wegmusst, ich weiß wo du bleiben kannst.«

Aha. Nur war ich in dem Moment eigentlich nicht wirklich Urteilsfähig. Das Wissen, dass mich Angelo gar nicht betrogen hatte.. Wobei das dass falsche Wort war. Wie sagte Angelo? „Wir sind nicht verheiratet.“ Klar, nicht mal sowas wie verlobt. Nichts waren wir eigentlich, was eine Beziehung anbetraf. Trotzdem oder genau deswegen war ich unschlüssig. Was hatte er denn mit diesem Ronald? Warum umgarnte er den so, was mein Eindruck war? Es stand alles offen und völlig undurchsichtig.

»Wer ist denn dieser Ronald überhaupt?«, wollte ich von Angelos Vater wissen.

»Nicht hier und nicht jetzt.«

Er fummelte in seiner Hosentasche und zog ein Stück Papier heraus.

»Da steht eine Adresse drauf. Wenn ich den Leuten dort Bescheid gebe, kannst du bei denen eine Bleibe finden. Für wie lange ist egal. Drei Straßen weiter ist eine Gaststätte, wenn du hier bleiben möchtest können wir uns dort treffen. Zum essen, natürlich.«

Das klang zunächst einfach und auch akzeptabel. Immerhin war ich so gut wie kein Schritt weiter. Mit anderen Worten: Ich konnte überhaupt noch nicht zurückfahren. Und zudem blieben mir zwei Tage Zeit.

»Okay, ich fahr erst Mal nicht«, brachte ich dann heraus.

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