Refreshed – (2004) – Sommernachtstraum – Teil 1

Ich weiß nicht wie sie es fertig gebracht hatte, aber nun saß ich hier im Freien in den Rängen und hoffte, das sich bald etwas tat auf der Bühne.

Sie? Ich rede von meiner Lieblingstante Sabine, die mich auf ein Freilichtkonzert mitgeschleift hatte. Mit meine achtzehn Jahren, nicht gerade mein Musikgeschmack. Eingezwängt in ein altes Jackett, fühlte ich mich doch sehr beengt.

„Kevin, willst du das Programm haben?“, fragte mich Sabine.

„Eine Tüte Popkorn, wäre mir jetzt lieber“, gab ich zur Antwort und nahm das Heft grinsend entgegen.

Ich schlug es auf und begann zu lesen, da auf der Bühne, sich eh noch nichts tat. Klavierstücke von Brahms und Tschaikowsky. Sehr interessant, wollte ich schon immer hören. Benjamin Kohler am Klavier. Bestimmt irgendein so altes, kleines, graues Männlein, das gleich in die Tasten haut.

Die Leute um mich herum begannen zu klatschen ich sah auf. Und was soll ich sagen… es verschlug mir die Sprache, es nahm mir regelrecht die Luft. Von wegen altes Männlein. Der war etwa so alt wie ich und… boah sah der gut aus.

Eigentlich stehe ich ja nicht auf lange Haare, aber sein schwarzgelocktes Haar hob sich sanft bei jedem Schritt und fiel genauso seidenweich zurück. Meine Tante stieß mir in die Seite.

„Wenn du Hunger hast, können wir etwas in der Pause essen“, kam es von ihr.

„Wie…was?“

„Hör auf so zu starren, man könnte meinen du willst ihn essen.“

Ich wurde rot, musste aber gleichzeitig lächeln.

„So auffällig?“

„Ja“, meinte Sabine und fing an zu kichern.

Dass liebte ich so an Sabine, sie war zwar die jünger Schwester meiner Mutter, aber für mich ist sie eher eine gute Freundin. Sie war die erste, wo ich mein sogenanntes Outing, als erstes ausprobierte. Sie sagte einfach gerade heraus >Na und, wen stört es?<.

Diese Direktheit ist ihr bis heute geblieben und wenn ich Kummer hatte war sie für mich immer da. Und heute hatte sie mich eben auf dieses Konzert geschleift.

„Wusste doch, dass dir Benjamin gut gefällt“, meinte sie leise weiter.

„Du kennst ihn?“, fragte ich wohl etwas zu laut.

Neben uns fuhren die Köpfe herum und ich erntete böse Blicke. Was die nur wollen, der hat doch noch gar nicht anfangen zuspielen.

„Erzähl ich dir nachher, genieß einfach jetzt mal die Musik“, flüsterte Sabine mir zu und schaute wieder nach vorne.

Nachdem sich der Applaus gelegt hatte setzte sich Benjamin vor das Klavier. Ich schlug wieder das Programmheftchen auf und schaute, was er spielen würde,

>Nocturne Nr. 2 Es-dur opus 9 Nr. 2<

Aha, dachte ich, wie soll man wissen, was er da spielt. Es wurde ruhig auf den Rängen, nur noch das Rauschen des nahen Waldes war zu hören. Leise fing Benjamin an zu spielen. Sanft schlug er die Töne an und ich dachte noch, das kenne ich irgendwo her.

Verträumt lauschte ich der Musik und konnte nicht davon ablassen ihn zu beobachten. Er hatte seine Augen geschlossen. Sein Haar wiegte leicht in der frischen Brise, die ich jetzt auch merkte. Ich schaute auf seine Finger, die mit einer Leichtigkeit, wie mir schien, über die Tasten schwebten.

Hin und weg. Ich saß nur noch da und verfiel dem Klavierspiel. Als er die hohen Töne anschlug, zog sich alles in mir zusammen. Und bevor ich es mitbekam, war das erste Stück fertig und alles um mich herum fing an zu applaudieren.

Benjamin drehte kurz den Kopf nickte lächelnd und wandte sich wieder seinem Klavier zu. Wieder ein langsames Stück und wieder kam es mir bekannt vor. Ich sah ins Heftchen, da stand nur etwas von einer Etüde in E-Dur.

Wie soll sich das einer merken. Ich legte das Heft zur Seite und beschloss einfach die Musik zu genießen. Erst als die Pause begann, merkte ich wie die Zeit vergangen war. Unter lautem Applaus, verließ Benjamin die Bühne.

„Und wie hat es dir bisher gefallen?“, fragte Sabine und weckte mich aus meinem Tagtraum.

„Nicht schlecht“, sagte ich.

„Nicht schlecht? Ist das alles, was du dazu zusagen hast?“

„Ja, ist ja schon gut. Es gefällt mir, danke, dass du mich hierher mitgenommen hast.“

„So ist es recht, hast du Lust etwas zu trinken?“

„Durst habe ich immer“, meinte ich.

Sabine zog mich zum Ausgang, wo mehrere Tische standen. Sie zückte ihren Geldbeutel und bezahlte etwas. Zurück kam sie mit zwei Sektgläsern. Sie reichte mir eins und stieß mit an. Ich nippte daran und verzog gleich das Gesicht.

„He, das ist kein Prosecco, das ist Champagner“, meinte sie und nahm einen leichten Schluck.

„Da bleib ich lieber beim Prosecco, der ist wenigstens nicht so trocken wie dieses Zeugs hier.“

„Dieses Zeugs ist aber dreimal so teuer, wie dein Gesöff“, meinte sie und begann wieder zu grinsen.

„Du wolltest mir noch meine Frage beantworten“, sagte ich um das Thema zu wechseln.

„Ach so, du wolltest wissen, ob ich Benjamin kenne.“

„Ja.“

„Das kann ich bejahen, Benjamin ist der Sohn einer Studienkollegin von mir“, sagte sie und nippte wieder an ihrem Glas.

„Dann könnte ja ein Autogramm für mich heraus springen.“

„Nicht die Adresse?“, fragte sie.

„Sabine!“

„Ich dachte ja nur“, und ich sah, wie sie sich das Lachen verkniff.

„Denk nicht, sondern trink lieber aus, ich fühl mich unwohl, zwischen so vielen Pinguinen.

Außerdem scheint es weiter zugehen, die Leute laufen schon zurück.“

„Es geht weiter, wenn ein Gong ertönt“, meinte Sabine.

Kaum hatte sie das ausgesprochen, ertönte dieser auch über die Lautsprecher, die hier aufgestellt waren. Also gaben wir unsere Gläser zurück, der Mann hinter dem Tisch schaute mich komisch an, weil mein Glas noch recht voll war. Danach folgte ich Sabine, wieder zu unserem Plätzen.

Vorne saß nun ein Orchester und ich dachte schon Benjamin würde nicht mehr kommen. Aber das Klavier stand ja noch. Die Musiker erhoben sich und Benjamin betrat die Bühne hinter einem Mann.

Schien wohl der Dirigent zu sein. Wieder wurde laut applaudiert und nach dem Ruhe eingekehrt war, wartete ich darauf, dass gespielt wurde. Ich fuhr zusammen, als das Orchester laut anfing zu spielen.

Und dann setzte Benjamin ein, zusammen mit dem Orchester.

„Das ist Tschaikowsky“, meinte Sabine flüsternd in mein Ohr.

„Wer, der Mann der da dirigiert?“, fragte ich leise zurück.

Sabine hielt sich die Hand vor den Mund und versuchte nicht laut loszulachen.

„Nein, das Stück.. ist von Tschaikowsky“, flüsterte sie mir wieder zu.

„Aha“, meinte ich nur und versank wieder im Klavierspiel von Benjamin. Und wie am Anfang, zuckte ich zusammen, als das Orchester laut einsetzte.

Und ich kriege Ärger, wenn mal meine Musik zu Hause zu laut aufdrehe, und hier bekommt man fast einen Hörsturz. Benjamin fegte über die Tasten. Wild zuckte sein Kopf, zu dem was er spielte und seine Haare flogen hin und her.

Er schien richtig aufzugehen in seiner Musik, so wie ich gerade auch. Langsam entrückte ich der Welt und war nur noch auf Benjamin fixiert. Mich rissen die Klänge seinens Klavierspiels mit, und so langsam entstanden Bilder in meinem Kopf, die zur Musik passten.

*-*-*

„Hier bring ich deinen Sohn zurück“, meinte Sabine, als sie bei mir zu Hause, meine Mum in der Küche antraf.

„Und wie oft musstest du ihn wecken?“, fragte meine Mum.

 „Überhaupt nicht“, kam es von Sabine.

Meine Mutter sah mich merkwürdig an. Sie ging auf mich zu und fühlte an meiner Stirn.

„Aber lange bist du noch nicht krank, Kevin, oder?“

„Mum! Was soll das?“

„Wenn ich dein Gedudel von oben immer höre, kann ich mir nicht vorstellen, dass du den heutigen Abend irgendwie genossen hast.“

Sabine begann zu grinsen.

„Es hat mir sehr gut gefallen und ich bin am überlegen, ob ich da mit Sabine, nicht des Öfteren hingehen werde.“

Sabine fing schallend laut an zu lachen, meine Mutter sah fragend zwischen uns her.

„Ich geh hoch in meine Bleibe. Sabine noch mal Danke für den tollen Abend“, verabschiedete ich mich von den Beiden.

Oben angekommen schloss ich meine kleine Dachwohnung auf. Wenigstens ein bisschen Privatsfähre dachte ich. Im Schlafzimmer entledigte ich mich gleich meiner Klamotten und stand unschlüssig vor meinem Schrank, als ich das Jackett wieder auf den Bügel hängte.

Ich musste mir wirklich ein paar Sachen mehr zulegen, wenn ich mit Sabine auf Konzerte gehen wollte. Natürlich nur welche, wo auch Benjamin mit dabei war. Ich zog aus der Innentasche des Jacketts eine Autogrammkarte, die mir Sabine besorgt hatte.

Verträumt ließ ich mich aufs Bett fallen, und verschlang mit den Augen, das Gesicht von Benjamin. Ich fing an zu Grinsen. Wie alt bin ich denn? Liege hier und schwärme für Jemand, als wäre ich ein Vierzehnjähriger.

Kurz noch ins Bad, um danach doch irgendwie müde, wieder ins Bett zu fallen. Eng eingekuschelt in meine Decke schlief ich mit einem Grinsen auf den Lippen ein.

*-*-*

„Morgen“, sagte ich, als ich die Küche meiner Mutter betrat.

„Bist du aus dem Bett gefallen, oder was tust du schon so früh hier unten“, fragte meine Mum entgeistert.

„Nein ich möchte noch in die Stadt Shoppen gehen und heut am Samstag ist es besser ich geh etwas früher.“, antwortete ich.

„Frühstück?“

„Nein, danke Mum, hab ich schon oben. Will nur geschwind Sabine anrufen, ob sie Zeit hat und mitkommt.“

„Du und Sabine, die Unzertrennbaren.“

„Sei doch froh, dass ich so auf Familie mache“, gab ich grinsend zurück.

„Morgen.“

Mein Dad stand im Türrahmen.

„Morgen“, kam es von uns Zwei im Chor zurück.

„Nanu schon wach?“, fragte mein Dad ebenfalls.

„Ja und schon gefrühstückt“, ließ ich verlauten und verschwand im Wohnzimmer.

Ich nahm das Telefon und wählte Sabines Nummer.

„Ziegler.“

„Morgen Sabine, hier ist Kevin, hast du heute Morgen schon etwas vor?“

„Morgen Kevin, nein ich hab noch nichts geplant.“

„Hättest du Lust, ein bisschen mit mir Shoppen zu gehen?“

„Brauchst du den sachkundigen Rat einer Frau?“, kam es lachend von Sabine.

„Natürlich, du meintest ja gestern selbst, ich sollt mir mal was Anständiges zulegen.“

„Okay, wann treffen wir uns denn und vor allem wo?“

„Um zehn, vorm Karstadt?“

„Ja das bekomme ich hin, also dann bis nachher“, verabschiedete sich Sabine.

„Bis nachher, Tschüß.“

*-*-*

Später in der Stadt

„Was ist mit deinen Haaren?“

„Was soll mit meinen Haaren sein, fängst du schon wieder an“, sagte ich genervt zu Sabine.

„Ja, weil ich deine Frisur absolut langweilig finde.“

„Und was soll ich deiner Meinung nach ändern?“

„Vertraust du mir?“, fragte Sabine lächelnd.

„Wäre ich sonst mir dir hier?“, fragte ich gegen.

„Dann komm mal mit“, meinte sie und zog mich am Ärmel meines Pullovers mit sich.

Über eine Stunde saß ich jetzt beim Friseur. Total genervt war ich gespannt, welche Anweisungen Sabine gegeben hatte. Ich saß absichtlich nicht vor einem Spiegel, weil Sabine mich ja überraschen wollte.

Ich musste ans Fernseh denken, wo man immer diese Vorher – Nachher Sendungen sah. Unruhig schaute ich umher, ob nicht doch irgendwo eine Kamera stand. Der nette Friseur, der mir die ganze Zeit zulächelte, war bei seiner letzten Aktivität, dem Fönen.

Dann kam der große Augenblick, der nette Mann schob mich zum großen Spiegel. Mir blieb die Spucke weg. Wo waren meine braunen Haare geblieben. Strohblond, total wirr standen meine Haare in alle Richtungen.

„Na, wie gefällt es dir?“, kam es von Sabine, die jetzt hinter mir stand.

„Gewöhnungsbedürftig“, brachte ich gerade so heraus.

„Also ich finde, deine braunen Augen kommen jetzt voll zur Geltung“, meinte sie.

Ich schaute mich noch mal näher an. Irgendwie sah ich schon anders aus. Wilder und frecher, wären die Ausdrücke meiner Mum gewesen.

„So und nun lass uns Shoppen gehen“, sagte Sabine und bezahlte das Ganze.

„Wie komme ich zu der Ehre?“, fragte ich erstaunt.

„Frag nicht und nutze es, solange ich in guter Stimmung bin.

Wieder draußen auf der Fußgängerpassage, blieb sie längere Zeit vor einem Schmuckgeschäft stehen.

„Wie wäre es eigentlich mit einem neuen Ohrring?“, fragte sie plötzlich.

„Was hast du gegen den Stecker?“, fragte ich.

„Den hast du jetzt schon zwei Jahre, wär mal etwas Neues fällig“, grinste Sabine.

„Und was hat sich die Dame so vorgestellt?“, fragte ich jetzt ein wenig genervt.

„Dieses Teil da, rechts neben der goldenen Uhr.“

„Das sieht mir eher wie Kinderschmuck aus, so kunterbunt das ist.“

„Kunterbunt? Junger Mann, das sind Regenbogenfarben.“

„Die haben Ohrringe für Schwule?“, fragte ich und sah jetzt doch genauer hin.

„Scheint so. Würde der dir gefallen?“

„Hast du noch immer deine Spendierhosen an?“, meinte ich und fing an zu lachen.

Sie verzog das Gesicht, aber fing dann auch an zu lachen.

„Komm mit hinein, der ist nicht teuer, ich finde der würde dir gut stehen.“

Ich ging mit ihr in das Schmuckgeschäft und schon hatte ich einen neuen Ohrring. Warum sagt man eigentlich auch zum dem Stecker Ring, fragte ich mich, als ich den Ring ans Ohr pfrimmelte. Sabine ließ mir keine Verschnaufpause und zog mich weiter.

*-*-*

„Wolltest du dich nicht mit Kevin treffen?“, fragte meine Mum, Sabine.

„Hab ich doch, er steht am Auto und lädt seine Neuanschaffungen aus. Monika, zieh deine Brille bitte an, das ist Kevin.“

Meine Mum verschwand kurz ins Haus, um mit der Brille auf der Nase zurück zukommen.

„Oh mein Gott, was ist denn mit Kevin passiert.“

„Nur ein neues Outfit“, meinte ich, der mit Tüten beladen vom Auto kam.

„Blonde Haare?“

Meine Mutter schüttelte den Kopf.

„Ach Monika, hab dich nicht so, ich finde, du hast einen sehr hübschen Sohn“, meinte Sabine und ich begann rot zu werden, als ich mich an den Zweien vorbei drückte.

„Und was hat er in den Tüten alles?“, fragte meine Mum die mit Sabine hinter mir herlief.

„Neue Klamotten, was sonst Mum, ich war Shoppen!“

„Dann lass mal sehen“, meinte meine Mum und ließ sich auf die Couch fallen.

Nachdem die Modenschau fertig war, verstaute ich alles wieder in den Taschen.

„Ich muss sagen, ich hab einen richtig feschen Sohnemann.“

„Gell, hab ich auch gemerkt, der kann wirklich alles anziehen“, erwiderte Sabine.

Genervt rollte ich mit den Augen.

„Ich geh jetzt mal hoch und verräum die Klamotten“, sagte ich und machte mich auf den Weg nach oben.

Im Vorbeigehen wuschelte Sabine in meinen Haaren.

„Ich finde es cool“, meinte sie und grinste mir hinter her.

Oben angekommen ließ ich alles auf mein Bett fallen. Mein Blick fiel auf Benjamins Autogrammkarte, die aufrecht auf meinem Nachttisch stand. Es klopfte an meiner Wohnungstür. Ich verließ das Schlafzimmer, schloss meine Tür um dann die Wohnungstür zu öffnen.

„Hallo Sohnemann, warum gackern die zwei Hühner so in der Küche?“, fragte mein Dad, der an der Tür stand.

Ich grinste ihn an.

„Du brauchst nichts mehr sagen, ich sehe es selber. Meinst du, mir würde so ein Tapetenwechsel auch gut tun?“, meinte er.

„Wieso, willst du auf die Pirsch und inne Disse gehen?“, kam es von mir, als ich in meine Küche lief.

„Willst du denn?“

„Was meinst du?“

„Ja, oder warum diese komplette Gestaltwechslung, was dir übrigens gut steht.“

„Danke Dad. Das war Sabines Idee, ich würde immer so langweilig herum laufen.“

„Meine Schwägerin typisch.“

„Was ist mit mir?“

Ich fuhr herum Sabine war ebenfalls hochgekommen.

„Ich habe gerade deinen guten Geschmack beglückwünscht“, meinte mein Dad frech grinsend.

Auf meinem Gesicht formte sich ebenso ein Lächeln, als Sabine mich fragend anschaute.

„Ach so, warum ich überhaupt hochkomme, Kevin, hättest du Lust mich heute Abend zu begleiten und eine alten Studienkollegin zu besuchen?“, fragte Sabine.

„Ich weiß nicht… ach so… meinst du die Studienkollegin?“, fragte ich.

„Genau die“, grinste Sabine.

Mein Vater schaute fragend zwischen uns hin und her.

„Dad, guck nicht so, wenn die Mädels hier Geheimnisse vor dir haben“, meinte ich zu ihm und klopfte ihm tröstend auf die Schulter.

Sabine bog sich vor Lachen.

*-*-*

Unruhig stand ich vor dem Spiegel und versuchte mein Haar so wild hinzubekommen, wie der Friseur. Sabine wollte mich um sieben abholen. Sollte ich nicht doch das gelbe Hemd anziehen. Oh Mann, ich entwickle mich wirklich bald zur Tucke.

Ich beschloss, so zu bleiben wie ich war. Ich lief hinunter zu meinen Eltern und traf Sabine an, die wohl auch gerade gekommen war.

„Wo wollt ihr denn hin?“, meinte meine Mum, als sie mich im neuem Outfit sah.

„Männer aufreisen“, sagte ich trocken und kurz.

Sabine fing wieder laut an zu lachen und konnte sich fast nicht auf den Füssen halten, als sie den Gesichtsausdruck meiner Mum sah.

„Ganz ruhig Mum, Sabine will mir heute Abend eine Studienkollegin vorstellen.“

„Dann komm mal nicht zu spät nach Hause, morgen ist wieder Arbeit angesagt“, meinte mein Dad, der ebenfalls die Küche betrat.

„Musst du mich ans Büro erinnern, sind eh im Rückstand, seit zwei Kollegen durch Krankheit ausgefallen sind“, meinte ich.

„Dann mal ab mit euch und noch einen schönen Abend“, meinte Mum.

„Euch auch“, sagten ich und Sabine fast im Chor.

Im Auto wurde ich dann doch wieder nervös. Würde Benjamin auch da sein? Meine Hände waren feucht und ich hatte Angst, meine Deo würde auch versagen. Irgendwann wurde der Verkehr ruhiger und wir kamen in eine vornehme Gegend.

„Hast du irgendwelche Fortbildungskurse verpasst, oder warum wohnst du nicht in so einer Gegend“, fragte ich Sabine.

„Nein, Lore hat nur den richtigen Mann gefunden“, meinte sie und fuhr eine kleine Auffahrt hinauf.

„Bin ich falsch angezogen, ich meine so ein Haus, gibt es da nicht Kleiderordnungen?“, fragte ich, als das Haus zum Vorschein kam.

„Keine Sorge Kevin, Lore ist das gleiche Kaliber wie ich“, meinte Sabine.

„Oje, bin ich froh, dass diese Lore heute morgen nicht beim Shoppen dabei war“, meinte ich und grinste.

„Wieso?“

„Ich will nicht wissen, wie ich jetzt aussehen würde.“

Sabine grinste vor sich hin, als sie ihren Golf, neben einen Jaguar einparkte. Wir stiegen aus und ich folgte ihr unsicher zum Eingang. Anscheinend wurden wir schon erwartet, denn kaum hatten wir die ersten Stufen der Treppe erklommen, tat sich wie von Geisterhand die große, schwere Haustür auf.

Ein junger Mann kam herausgetreten.

„Guten Abend Frau Ziegler, die gnädige Frau erwartet sie bereits“, kam es von ihm.

Ich schaute Sabine an und zog die Augebenbrauen hoch.

„Wir müssen jetzt aber nicht die Schuhe ausziehen?“ flüsterte ich Sabine ins Ohr, als wir diesem Herrn folgten.

Sie warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu und rollte die Augen, begann aber zu grinsen. Der  Mann blieb vor einer Tür, in diesem überdimensionalen Flur stehen und klopfte. Einige Sekunden später trat er ein und ich hörte ihn leise etwas sagen.

Dann kam er wieder heraus und wies uns mit der Hand einzutreten. Etwas unruhig folgte ich Sabine. Das mir nicht ein lautes Wow herausrutschte, war gerade alles. Ich befand mich wohl in einer Art Bibliothek.

Zwei Wände waren bis zur Decke hin voll mit Büchern gestellt. Eine elegant, gekleidete Dame kam auf uns zu.

„Meinst du Phillip taut irgendwann noch auf und wird lockerer…. Hallo Lore“, sagte Sabine und umarmte diese Frau.

„Ich bin mir da nicht sicher, er nimmt seine Job sehr ernst“, entgegnete sie.

„Das ist mein Neffe Kevin, von dem ich dir schon viel erzählt habe“, kam es von Sabine und zeigte auf mich.

Gibt es etwas Peinlicheres, sich wie ein Ausstellungsstück zu füllen, was hatte sie nur wieder von mir erzählt. Mein Blut schoss mir unwillkürlich in den Kopf.

„Hallo Kevin.“

„Hallo Frau Kohler“, sagte ich und gab artig Patschhand.

Den Diener verkniff ich mir jetzt doch.

„Setzt euch, kann ich euch was zu trinken anbieten?“, fragte uns Frau Kohler und wies auf die großen Ohrensessel, die vor einem Kamin standen.

Unscheinbar drückte sie einen kleinen Knopf an der Wand, es verging keine Minute und dieser Phillip betrat wieder das Zimmer.

„Sie wünschen, gnädige Frau?“

„Einen Kaffee?“, fragte Frau Kohler, Sabine.

„Gerne“, antworte diese.

„Kevin?“

„Ich schließe mich gerne an“, sagte ich leise.

„Phillip, bringen sie uns doch bitte drei Kaffee, und von dem Gebäck, welches ich so gerne esse.“

Phillip nickte und verließ wieder das Zimmer. Dabei trafen sich kurz unsere Blicke und ich wusste nicht, wie ich diesen zu deuten hatte.

„So nun erzähl mal, du warst mit Kevin heute Shoppen?“

Wieder schenkte ich beiden Frauen meine volle Aufmerksamkeit, als mein Name fiel.

„Ja, das Ergebnis siehst du ja, beim Friseur waren wir auch.“

„Steht ihm gut, finde ich.“

Etwas verärgert, nun ein Gesprächsobjekt zu sein, atmete ich tief auf.

„Könntet ihr beiden mal aufhören über mich zu reden und dafür mit mir zu reden?“, fragte ich genervt.

Beide Frauen lachten kurz auf.

„Du musst entschuldigen, Kevin, wenn Sabine und ich zusammen sind, ist das immer so“, meinte Frau Kohler, „ach so und ich heiße Lore und du …bitte.“

Ich nickte und erschrak, als die Tür aufflog. Und da stand er in Leibesgröße vor mir. Benjamin war ins Zimmer gestürmt.

„Mum, weißt du, wo ich meine Noten abgelegt habe?“, kam es von ihm und durchstöberte einen Papierstoß auf dem Tisch.

Er hatte keine Schuhe an, lief barfuss herum. Eine verwaschene Jeans, und was mir zu Gute kam, er hatte ein Hemd an, das aufgeknöpft war. Ich schmolz bald dahin, als ich sein Sixpack sah. Bekam man von den Klavierspielen solche Muskeln?

„Nein Schatz, aber drüben im Wohnzimmer lag was auf dem Schreibtisch“, kam es von Lore.

Benjamin schaute kurz hoch und bemerkte uns.

„Oh, hallo Sabine nett dich zu sehn“, sagte er noch bevor er wieder genauso schnell, das Zimmer verließ.

„Auch nett, dich zu sehn“, rief Sabine hinter her.

Aber das hörte er sicher nicht mehr. Boah, er hatte mich nicht mal angesehen, geschweige denn, begrüßt. Wird wohl so ein eingebildetes, verwöhntes Jüngelchen sein, Beruf Sohn. Meine Laune sank, absolut auf den Nullpunkt. Sabine schien das zu merken.

„Das ist doch sonst nicht Benjamins Art, was hat er denn?“, fragte Sabine.

„Ach er muss bei einer neuen Schule vorspielen, er spielt schon die ganze Zeit verrückt. Er redet fast nicht mehr mit uns, hängt bloß in seinem Zimmer herum, geht auch nicht weg.“

Lore schaute ein wenig betrübt.

„Och, so war Kevin auch eine ganze Weile, mittlerweile aber, ist er wieder ganz normal“, sagte Sabine und schenkte mir ein Lächeln.

„Und aus welchem Grund?“, fragte Lore.

Die Frage war jetzt wohl eher an mich gerichtet. Hilflos schaute ich Sabine an.

„Keine Sorge Kevin. Lore weiß über dich Bescheid.“, meinte Sabine.

Ich wusste jetzt nicht, ob ich empört sein sollte, was wohl Sabine denn noch alles dieser Frau erzählt hatte. Lore schaute mich immer noch fragend an, sie erwartete eine Antwort von mir.

„Na ja, … als ich merkte, ich steh nur auf Jungs… brach irgendwie eine Welt zusammen. Ich zog mich immer mehr aus allen Geschehnissen zurück… wollte einfach alleine sein“, gab ich zögernd von mir.

„Meinst du, Benjamin ist auch …?“, fragte Lore.

Das hatte Sabine mal wieder geschickt eingefädelt, sie wusste dass ich schwul bin und meinte ich könnte hier jetzt helfen.

„Schwul?“, fragte ich.

Sie nickte.

„Ich weiß es nicht, ich kenne da nicht viele…“

„Irgendwie muss man doch an den Jungen rankommen”, sagte Lore, „willst du es nicht vielleicht mal probieren?“

„Ich weiß nicht Lore…“

Na super, das ist alles geplant, für wie naiv halten die zwei mich eigentlich.

„Würdest du Lore den Gefallen tun?“, fragte mich Sabine.

„Und wie soll ich dass bitte schön anstellen?“, fragte ich Sabine.

*-*-*

Irgendwie war ich jetzt schon stinksauer auf Sabine. Lore hatte mir vorgeschlagen, mich ein wenig umzusehen. So war ich in dieser Villa unterwegs, sah mir ein Zimmer nach dem Anderen an. Sabine hätte mich wenigstens in ihren Plan, Benjamin zu helfen vorher Bescheid geben können.

Jetzt wo ich wusste, was Sache war, hatte ich irgendwie keine Lust mehr hier zubleiben. Irgendwo her drang Klavier spiel an mein Ohr, doch es hatte den Zauber verloren, den ich beim Konzert noch verspürte.

Ich fand eine Tür nach draußen, in den Garten. Ich stand auf einer breiten Terrasse. Was sollte ich noch hier? Diesem eingebildeten Heini helfen…, null Bock! Irgendwo fand ich meine Schachtel Zigaretten in der Tasche. Ich zog eine Zigarette heraus und suchte weiter nach einem Feuerzeug.

„Feuer?“

Ich fuhr zusammen, hinter mir stand Phillip der Butler und hielt mir eine Feuerzeug entgegen.

„Danke“, sagte ich kurz.

Er nickte.

„Junger Herr, es steht mir nicht zu, mich einzumischen, aber in Benjamins Fall breche ich meine Berufsprinzipien. Bitte helfen sie ihm“, sagte Phillip leise.

„Woher wissen Sie?“, fragte ich verwundert.

„Als ich den Kaffee servierte, haben sich die Damen darüber unterhalten, soll ich ihren Kaffee hier draußen servieren?“

„Ich kann auch wieder hineingehen und ihn dort trinken, danke Phillip“, meinte ich.

„Es ist kein Problem, bleiben sie ruhig hier, ich werden ihn, ihnen bringen“, sagte Phillip stellte einen Aschenbecher ab und verschwand im Innern des Hauses.

Dieser Mann war mir irgendwie unheimlich, aber mir war ja auch bekannt, dass solche Leute, die Seele des Hauses sein sollen und über alle Geschehnisse gut informiert waren. Aber, dass er um Hilfe für Benjamin bittet, war schon außergewöhnlich.

Es dauerte nicht lange und Phillip erschien wieder, mit einem Silbertablett, auf dem sich eine Tasse  befand.

„Milch und Zucker?“

„Danke Phillip, ich trinke ihn schwarz.“

Phillip stellte die Tasse auf dem Gartentisch ab und verschwand leise wieder. Ich nahm einen Schluck und stellte die Tasse wieder ab. Interessiert wollte ich mehr von dem Garten sehen. Er war genug ausgeleuchtet und somit in der Abenddämmerung noch gut einsehbar.

Ich lief eine geschwungene Treppe in den Garten herunter, vorbei an einem kleinen Wasserfall, der unten in einen Teich mündete. Überall standen Büsche mit prachtvollen Blumen, die Kohlers schienen einen guten Gärtner zu haben.

„Könntest du die Güte haben, mir zu sagen, was du hier verloren hast?“

Wieder fuhr ich zusammen und drehte mich herum. Benjamin stand vor mir. Ich suchte nach Worten, aber irgendwie blieb mir alles im Hals stecken, sah nur zwei sehr traurige Augen vor mir, in denen ich regelrecht versank.

„Hallo“, kam es von Benjamin.

„Sorry, ich bin mit meiner Tante hier, Frau Ziegler“, sagte ich, als meine Stimme wieder betriebsbereit war.

„Sabines Neffe, also Kevin“, sagte er mehr zu sich, als zu mir.

Ich musste mit Sabine mal ein ernstes Wort reden, wenn sie überall über mich redet. Aber da ich nun mal schon mit Benjamin alleine hier draußen war, konnte ich ja mal einen Angriff auf den Guten starten.

„Dann weißt du auch sicherlich, warum ich hier bin“, sagte ich leise und sachlichen Ton.

„Hä?“, kam es von Benjamin, den ich anscheinend gerade aus dem Gedanken gerissen hatte.

„Du weiß auch sicherlich, warum ich hier bin, fragte ich.“

„Nein, wie kommst du darauf.“

„Weil jeder in diesem Haus, so gut über mich Bescheid weiß“, gab ich zur Antwort und dachte dabei an Phillip.

Das erste Mal wanderte mein Blick über Benjamin, dessen Kleidung sich zu vorhin nicht geändert hatte. An seiner leicht behaarten und muskulösen Brust blieb mein Blick hängen. Ein kleiner Goldanhänger funkelte an einer Kette.

„Nein weiß ich nicht, mir sagt in diesem Haus nie jemand etwas.“

Ein gewissen zickiger Unterton war heraus zuhören.

„Warum bist du hier?“, fragte er.

„Weil ich mich um dich kümmern soll.“

„Du? Aus dem Alter, für eine Gouvernante, bin ich schon draußen“, meinte er und fing hysterisch laut an zu Lachen.

„Das denke ich auch, und ich wüsste nicht, was ich hier überhaupt verloren hätte.“

„Oh, Entschuldigung, so war das nicht gemeint.“

„Aber ich habe es so gemeint“, sagte ich leicht genervt.

Dieses von oben herab Geschwafel, fing mich an anzukotzen, lief wieder Richtung Terrasse und ließ ihn stehen.

„Kevin bitte, so war es wirklich nicht gemeint“, sagte Benjamin und lief hinter mir her.

Ich drehte mich um.

„Und warum denk jeder, du hättest Hilfe nötig?“, fragte ich ihn.

Abrupt blieb er stehen und wieder diese traurigen Augen.

„Ach was weiß ich“, meinte er und rannte wieder ins Haus.

Ich folgte ihm, aber außer Phillip, war niemand im Raum, als ich wieder das Haus betrat.

„Oben rechts, letztes Zimmer“, sagte er nur und öffnete die Tür zum Flur.

Ohne ein Wort zusagen, betrat ich wieder den Flur, lieb die große Steintreppe hinauf und befand mich dann in einem langen Flur.

Rechts, letztes Zimmer, dachte ich. So folgte ich Phillips Worten. Ich stand vor der Tür und konnte von drinnen vereinzelt Töne vom Klavier hören. Ich klopfte leise, aber kein Ton kam von drinnen. Leise öffnete ich die Tür und fand Benjamin, an einen Klavierflügel sitzen.

Das war auch das einzigste Noble, was hier im Zimmer stand, sonst erinnerte dieses Zimmer eher an ein unaufgeräumtes, normales Jugendzimmer. Benjamin sah nicht auf und ließ weiterhin einzelne Töne am Klavier erklingen.

„Seit wann spielst du Klavier?“, fragte ich einfach und schloss die Tür hinter mir.

„Habe mit sechs Jahren damit angefangen“, kam es leise von ihm, ohne mich anzuschauen.

„Und wie alt bist du jetzt?“

„Wurde letzte Woche achtzehn…und du?

„Ebenfalls achtzehn.“

„Und was machst du?“

„Arbeite in einer Spedition, als Einzelhandelskaufmann.“

„Einzelhandelskaufmann?“

„Ja Einzelhandelskaufmann, irgendwie muss ich ja zu Geld kommen“, meinte ich und sah mich weiter in seinem Zimmer um.

„Kann es sein, dass du eine schlechte Meinung von mir hast?“, fragte er.

„Ja, kann sein.“

Er verzog sein Gesicht und sah wieder auf seine Tasten.

„Als Millionärssohn sitzt man in einem goldenen Käfig“, sagte er leise.

„Wieso denn? Das Jetsetleben soll doch so Klasse sein… man kann sich alles Kaufen… jede Menge hübscher Mädels…“, gab ich zurück und wartete auf eine Reaktion, die ausblieb.

„Was bringt mir das?“

„Was willst du denn?“, fragte ich leise.

Ich setzte mich auf die kleine Banknische vor dem Fenster.

„Ich will Freunde, ich will so normal leben wie andere in meinem Alter.“

„Du spielst herrlich Klavier, ist das nichts?“

„Es ist das Einzige, was mir überhaupt Freude bereitet. Mit meinen Händen, Fingern Töne ins Leben zu rufen, die Leute in anderen Jahrhunderten geschrieben haben. Ihnen Gestalt zu geben, Gefühle einzuhauchen, sie klingen zu lassen, sie leben zu lassen……“

Ich war ein wenig sprachlos, über das was Benjamin eben von sich gegeben hatte. Die ganze Zeit schaute er auf sein Klavier.. auf seine Hände. Und nun sah er mich an. Seine Augen waren tränengefüllt.

„Kevin es ist das Einzige was ich habe, die einzigste Welt in die ich fliehen kann, vergessen kann…“

Tränen liefen ihm an den Wangen herunter und tropften zu Boden. Ich hatte das starke Bedürfnis, ihn in den Arm zunehmen, aber irgendetwas hielt mich zurück.

„Was möchtest du vergessen?“, fragte ich wieder sehr leise.

Er wischte sich die Tränen weg und stand auf.

„Das alles hier“, wütend schlug er gegen einen Stoß Papier, das auf dem Flügel aufgestapelt war

„Ich will endlich leben und nicht immer eingesperrt sein, mich an die Regeln halten müssen“, schrie er, trat gegen eine Stehlampe, deren Birne mit einem Knall ausging.

„Was für Regeln?“

Die Tür ging auf und Lore und Sabine steckten den Kopf herein. Ich hob die Hand und gab Zeichen, dass sie verschwinden sollten. Ich stand auf und ging zu Benjamin.

„Wer stellt die Regeln auf?“, fragte ich und suchte seinen Blickkontakt.

Er dagegen hielt mit beiden Händen den Kopf fest und schaute zur Decke.

„Einfach jeder. Jeder denkt er muss sich in mein Leben einmischen, mir Vorschriften machen, wie ich zu leben habe.“

„Warum lässt du dir das gefallen?“

„Was bleibt mir den anderes übrig…“, er nahm ein Buch vom Klavier und schmiss es mit voller Wucht auf ein Regal, wo schön aufgereiht mehrere Pokale standen, die nun mit lauten Scheppern zu Boden fielen.

„Es ist dein Leben und nur du kannst etwas daraus machen Benjamin“, sagte ich jetzt etwas lauter.

„Ich?“

Und wieder fing er laut und hysterisch an zu lachen. Plötzlich verstummte er und sah mich an. Er wurde weiß im Gesicht, stürmte durch eine kleine Seitentür. Wenig später hörte ich, wie er sich übergab.

Ich lief schnell zur Zimmertür und fand wie erwartet, die beiden Damen davor.

„Tut mir leid, dass ihr das jetzt so miterleben müsst, aber ich denke der Ausbruch, war mal Zeit, aber bitte kommt nicht herein bevor ich euch rufe und haltet mir um Gottes Willen Phillip vom Hals“, meinte ich zu den beiden, die auf mein Gesagtes nur nickten.

Ich schloss leise die Tür und lief Benjamin nach, wohin er verschwunden war. Ich fand ihn an der Toiletteschüssel vor, immer noch würgend. Auch wenn es mir jetzt fast selber speiübel wurde, half ich Benjamin auf. Ich hob ihn hoch und auf den Armen trug ich ihn zurück in sein Zimmer und legte ihn aufs Bett.

Zurück im Bad griff ich irgendein Tuch das ich fand und hielt es unter das kalte Wasser. Zurück bei Benjamin wischte ich über sein Gesicht, fuhr behutsam die Konturen seines Gesichtes nach.

„Warum bist du hier?“, fragte er mit weinerlicher Stimme.

„Weil ich dir helfen möchte“, antwortete ich.

„Mir kann man nicht helfen“, kam es von ihm.

„Das hatten wir schon, überleg dir mal etwas Neues“, sagte ich und stand auf und ging ins Zimmer zurück.

Ich lief zu dem Regal und hob die Pokale wieder auf…, setzte sie so wieder hin, wie sie vielleicht gestanden hatten, was mir aber auch egal war. Ging zu der Stehlampe und versuchte den Schirm der Lampe gerade zu biegen.

Auf dem Boden sah ich ein Meer von Notenblättern.

„Die Noten wirst du selbst wieder aufheben müssen, ich kenne mich mit dem Sortieren nicht so aus“, meinte ich und setzte mich wieder zu ihm ans Bett.

Mittlerweile schien er sich ein wenig beruhigt zu haben, er weinte nicht mehr.

„Geht es dir jetzt wenigstens ein bisschen besser“, fragte ich und schaute mich noch mal im Zimmer um.

„Ja geht“, meinte er und hatte seinen Unterarm auf den Augen liegen.

„Soll ich deine Mum holen?“

„Nein, ich will jetzt niemand sehen…“

„Und mich?“

„Bitte bleib…“

„Warum?“

„Weil ich mich bei dir wohl fühle.“

Ich sah eine Kerze, stellte sie auf den Flügel, zündete sie an. Ich löschte das Licht und setzte mich wieder zu Benjamin ans Bett.

„Brichst du jetzt die Regeln?“, fragte ich, alles auf eine Karte setzend.

Er nahm den Arm runter und ich konnte seine Augen funkeln sehn.

„Ja.“

„Sorry ich kann keine Verstoß bemerken“, meinte ich.

„Ich… du…“

„Das sind deine Gefühle, und dafür gibt es keine Regeln auf dieser Welt“, sagte ich ruhig.

„Aber ich bin mit diesen Gefühlen alleine.“

„Bist du dir ganz sicher?“

Er schwieg.

„Ich muss jetzt nach Hause, Sabine wird schon auf mich warten… wenn du willst komme ich wieder…“, meinte ich leise.

„Du würdest wieder kommen?“

„Wenn ich darf und es willst gerne…“

„Ja, ich möchte es…“

„Gut ich melde mich bei dir.“

„Danke.“

„Für was?“

„Dass du zugehört hast.“

„Dafür war ich auch da.“

*-*-*

Natürlich wurde ich am nächsten Morgen, wegen meinen neuen Outfits von den Kollegen aufgezogen, aber es war mir auch egal. Ich ging mit Spass an meine Arbeit, meine Kollegen killten mich fast deswegen.

Ich dachte viel an Benjamin, und ab und zu beschlich mich der Gedanke gestern doch zu weit gegangen zu sein. Aber dann dachte ich an sein Lächeln beim Abschied und alles Negative war verflogen.

Hatte ich mich vielleicht doch in ihn verliebt, in den reichen, verwöhnten Snobsohn. Er hatte mich gestern sehr tief in sich einblicken lassen, ich fühlte mich geehrt über dieses Vertrauen. Aber das er das Gleiche für mich empfand, wie ich für ihn, wäre einem Wunder gleich.

Der Arbeitstag ging recht schnell vorbei und so stand ich am Abend wieder in der Küche meiner Mum.

„Dein Telefon ging den ganzen Tag“, meinte sie, als ich ihr half das Abendbrot zu richten.

„Wird wieder anrufen, wenn es wichtig war“, sagte ich.

Ich beschloss aber meinen Anrufbeantworter kurz abzuhören und rannte schnell rauf in meine Wohnung. Es wurde lediglich immer wieder dieselbe Nummer angesagt, drauf gesprochen hatte niemand.

Ich schrieb sie auf und lief wieder hinunter.

„Und etwas Wichtiges?“, fragte Mum.

„Weiß ich nicht, war nichts drauf gesprochen, lediglich die Nummer wurde angesagt.“

„Komisch…“, meinte sie.

Nach dem Essen verzog ich mich wieder in meine Wohnung und ließ mich auf meine Couch fallen. Ich nahm mein Telefon und wählte die Nummer, die ich aufgeschrieben hatte. Es tutete.

„Kohler.“

„Hallo Benjamin hier ist Kevin.“

„Wie kommst du an diese Privatnummer?“

„Och, Wunder der Technik“, sagte ich und fing an zu grinsen.

„Dein Anrufbeantworter?“

„Genau dieser.“

„Bin ich also auf frischer Tat erwischt worden.“

„Genau, aber was ich nicht verstehe, warum hast du so oft angerufen, du wusstest doch, das ich arbeiten bin.“

Die andere Seite schwieg.

„Benjamin?“

„Ja?“

„Was ist?“

„Das ist mir so peinlich…“

„Was denn?“

„Ich habe deswegen so oft angerufen, weil ich so deine Stimme hören konnte.“

„Süß.“

„Hä? Wie bitte?“

„Ich finde das Süß.“

„Aha.“

Eine kurze Pause entstand.

„Soll ich noch vorbei kommen?“

„Würdest du das tun?“

Das hatten wir gestern schon mal.

„Natürlich, gerne.“

„Soll ich dir den Wagen schicken?“

„Du lässt mich abholen?“

„Ja, warum nicht…“

„Och, ich wurde in diesem Zusammenhang noch nie abgeholt“, meinte ich.

„Welcher Zusammenhang denn?“, fragte er.

„Das erklär ich dir später, wenn ich bei dir bin.“

„Okay, ich schicke dann den Wagen los, wir sehen uns gleich.“

„Gut bis gleich.“

*-*-*

War schon ein komisches Gefühl, von einem Wagen abgeholt zu werden. Die Nachbarn, die sich vor ihren Häusern aufhielten, schauten schon etwas komisch, als ich hinten in den Jaguar einstieg, vor allem, weil der Fahrer mir solange die Tür aufhielt.

Meine Eltern standen grinsend an der Haustür, aber verschwanden gleich, bevor eine Flut der Fragen der Nachbarn, auf sie einstürmte. Seit Freitag hatte sich meine Leben irgendwie verändert. Es war interessanter geworden.

Mir ging viel durch den Kopf, bis der Wagen endlich die kleine Auffahrt von Kohlers hinauf fuhr. Der Jaguar hielt direkt vor der Treppe und schon stand Phillip bereit und öffnete die Wagentür.

„Guten Abend, Herr Bachheim“, sagte Phillip mit einem Lächeln.

„Guten Abend, Phillip, aber sie können mich ruhig beim Vornamen nennen.“

„Danke Kevin, Benjamin wartet schon in seinem Zimmer auf sie.“

„Ebenso Danke Phillip, ich finde den Weg alleine.“

So langsam gewöhnte ich mich an Phillip und es machte mir auch nichts mehr aus, von ihm bedient zu werden. Mir gefiel irgendwie seine steife Art, aber auch das Funkeln seiner Augen, wenn er mich ansah.

Ich nahm jeweils zwei Stufen auf einmal die Marmortreppe hinauf, rechts den Flur runter, bis ich vor Benjamins Tür stand. Ich wollte gerade anklopfen, als die Tür aufgerissen wurde.

„Und bring morgen, diese kindische Prüfung hinter dich, die wirst du ja noch schaffen, mit deinem Spatzenhirn.“

Ein Mann mittleren Alters, rannte mich fast über den Haufen. Er musterte mich genau von oben bis unten.

„Entschuldigung“, sagte ich automatisch, obwohl er mich ja angerempelt hat.

Ein scharfer Blick folgte von ihm, ich fühlte mich unbehaglich in meiner Haut.

„Die Wahl deiner Freunde lässt ja auch zu wünschen übrig“, meinte er noch zu Benjamin und er verschwand in einem anderen Zimmer.

Ich stand da wie ein begossener Pudel, und wusste jetzt nicht wie ich darauf reagieren sollte. Dem Herrn war ich wohl nicht fein genug. Ich war drauf und dran, ihm zu folgen, um ihm die Meinung zu geigen.

„Kevin, komm rein, es bringt nichts“, hörte ich Benjamin sagen, der wohl meine Gedanken lesen konnte.

Ich betrat sein Zimmer und schloss die Tür hinter mir.

„Dein Vater?“, fragte ich.

„Ja.“

„Ist er als Erwachsener und so reich auf die Welt gekommen?“

„Seinem Verhalten dir gegenüber wahrscheinlich, es tut mir leid.“

„Es braucht dir nicht Leid zu tun, Benjamin. Du kannst nichts für ihn.“

Benjamin stand aus seinem Korbsessel auf und kam auf mich zu. Er stand einfach nur da und sah mich an.

„Was ist?“, fragte ich.

Er lächelte nur und sah mich weiterhin an. Meine Knie wurden weich. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, jetzt oder nie, dachte ich noch.

„Willst du mich küssen?“, fragte ich leise.

Benjamins Gesicht wurde ernst.

„Küssen? Bist du verrückt“, kam es ärgerlich von ihm.

„Ich dachte… du…“, ich konnte nicht weiter reden.

Ich griff nach meiner Jacke, rannte aus dem Zimmer und die Treppe hinunter, direkt in Lores Arme.

„Hallo Kevin, was ist denn mit dir passiert?“, fragte sie.

„Tut mir leid Lore jetzt nicht…“, antwortete ich.

Ein kurzer Blick zurück und ich sah dass Benjamin oben an der Treppe stand.

„Es geht nicht“, meinte ich noch kurz zu Lore und verschwand durch die schwere Holztür nach draußen.

Ich rannte los, ohne eigentlich zu wissen, wohin. Hatte ich Benjamins Zeichen, so falsch gedeutet? Hatten wir gestern von zwei verschiedenen Sachen geredet? In mir brach eine Welt zusammen, ich hatte mich voll zum Otto gemacht, und dann auch noch vor einem dieser reichen Heinis.

Mir liefen die Tränen herunter. Ich rannte die Straße hinunter und stieß an der Ecke mit einem älteren Herrn zusammen. Um ihn nicht vollends umzureisen, verlagerte ich mein Gewicht zur Seite, was zur Folge hatte, dass ich rückwärts nach hinten fiel.

Ich fühlte einen ordentlichen Schlag an meinem Hinterkopf und alles wurde schwarz um mich herum.

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