Ein falscher Traum von Liebe

Leicht verärgert machte ich mich daran, dass Wohnzimmer aufzuräumen. Oma hatte angerufen, dass es ihr nicht so gut ginge und schon war Mutti losgefahren, samt Sarah im Gepäck.

Anstatt meiner kleinen Schwester zu sagen, sie solle ihre, in der ganzen Wohnung verteilten Spielsachen aufräumen, wurde dass an den großen Bruder abgeschoben. Na ja, Oma war schon wichtig, das leuchtete mir ein, aber Sarahs Unordentlichkeit wurde was das anging, nach meiner Meinung nach, viel zu sehr vernachlässigt.

Das Nesthäkchen eben. Missgelaunt kniete ich auf dem Boden und sammelte sämtliche Utensilien von Sarahs Barbiewelt ein. Wieso mussten diese blöden Puppen auch so viel zum Anziehen haben.

Und wie die aussahen, alle schön zu Recht gemacht. Halb verdeckt unter dem Kissen lag die männliche Barbieversion. Schöne dunkle Haare, muskulöser Körperbau und ein tatenloses Gesicht.

Ich seufzte. Wenn ich da an mich dachte. Wirres blondes Haar und eher eine Dünnversion dieser Spielfigur. Das regelmäßige Tanzen, das ich mir freiwillig auferlegte, hatte natürlich seine Spuren hinterlassen.

Muskeln waren vorhanden, aber eine ausgeprägte Sportlerfigur war es nicht. Ein etwas zu groß geratener Kleiderständer, wie Mutti immer spaßhaft meinte. Über mein Gesicht konnte man streiten.

Während ich immer behauptete, ich sei hässlich, sagte Paps, mit diesem Gesicht würden mir Tür und Tore aufstehen. Was immer er damit auch meinte, ich hätte da schon Einiges daran auszusetzen, aber mich fragt ja niemand.

Einen Unterschied zu dieser Puppe hatte ich allerdings. Ich musste grinsen. Da wo sich bei mir eine kleine Beule auf der Shorts abzeichnete, da war dieser Aufreisertypen glatt wie eine Flunder.

Doch der Rest…, mein Traummann wäre er alle mal. Aber wo sollte ich Küken so jemanden herbekommen, zudem ja auch niemand wusste, dass mich das männliche Geschlecht mehr interessierte, als die holde Weiblichkeit.

Ich hatte auch die letzen Sachen in die Box geschmissen und trug sie in Sarahs Zimmer, als das Telefon klingelte.

„Beuscher“, meldete ich mich.

„Hallo Marc, hier ist Mutti.“

„Hallo Mutti…, ähm ist etwas passiert?“

„Nein Marc, ich wollte dir nur sagen, dass ich deinen Vater nicht erreicht habe. Könntest du ihm ausrichten, dass es bei mir mit Oma etwas länger geht?“

„Klar Mama.“

„Wenn ihr Hunger habt, im Kühlschrank stehen genug Sachen.“

„Kein Problem.“

„Danke mein Großer…, du hast etwas gut bei mir.“

Freute mich zu hören, darauf würde ich sicher irgendwann zurück kommen.

„Gut bis später Mutti. Gruß an Oma.“

„Tschüss!“

Ich legte auf und wollte Sarahs Kiste endlich in ihr Zimmer bringen, als die Wohnungstür aufgeschlossen wurde.

„Hi Paps.“

„Hallo Marc…“, meinte Paps und schaute mir verwundert nach, als ich in Sarahs Zimmer lief.

„Mama ist mit Sarah bei Oma“, rief ich, …kann später werden.“

„Schon wieder?“, seufzte er.

Ich stellte die Box auf ihren Platz und verließ das Zimmer wieder.

„Ja, Oma geht es nicht so gut.“

Paps hängte seine Jacke an die Garderobe und stellte seine Tasche auf den Boden.

„Kann ich mal mit dir reden?“, fragte mich Paps und ich wunderte mich schon über seinen Tonfall.

Ich nickte.

„Komm, lass uns ins Wohnzimmer sitzen.“

Warum beschlich mich das Gefühl, das jetzt nichts Gutes kam. Ich folgte ihm ins Wohnzimmer und ließ mich in den Sessel fallen. Er atmete tief durch und schaute mich lange an.

Mir wurde immer unwohler. Was war nur los?

„Marc, deine Mutter und ich haben da schon lange darüber geredet, aber bisher war noch nichts sicher. Das es Oma Gretchen immer schlechter geht, hast du ja mitbekommen. Man kann sie fast nicht mehr alleine lassen und für ein Pflegedienst ist recht teuer.“

Wieder atmete er durch. Es schien ihm schwer zu fallen.

„Einen Heimplatz können wir uns finanziell auch nicht leisten und zu dem möchten wir deine Oma nicht in ein Heim stecken. Deshalb haben wir beschlossen zu Oma zu ziehen. Platz genug hat sie und du würdest auch endlich ein größeres Zimmer kriegen.“

Von der Stadt wieder auf das Land. Wieder? Als ich klein war, zogen meine Eltern, mich frisch geboren, hier in die Stadt. Aber jetzt in ein kleines Dorf ziehen, wo jeder jeden kennt? Wie war da die Möglichkeit, jemanden kennen zu lernen? Gleich null.

Gut ich hatte hier nicht wirklich Freunde, außer in der Schule, aber das waren eben keine richtigen Freunde.

„Deinem Gesichtsausdruck zufolge scheinst du nicht begeistert zu sein.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Das ist es nicht, Paps. Mich bindet außer der Schule und der Tanzunterricht hier sowieso nichts.“

„Und trotzdem machst du ein trauriges Gesicht.“

War jetzt der Zeitpunkt gekommen, um mich zu offenbaren?

„Marc, es gab Zeiten, da kamst du immer zu mir, wenn du etwas auf dem Herzen hattest.“

„Stimmt…, aber…, dass ist nicht so leicht.“

„Wir können auch später reden…“

„… nein…, es ist nur…, ich habe Angst wie du reagierst.“

„Du hast Angst vor mir?“, fragte mich Paps mit großen Augen.

Mit traurigen Augen schaffte ich ihn anzuschauen.

„Vielleicht…, vielleicht willst du dann nichts mehr mit mir zu tun haben…“

„Quatsch Junge, du bist mein Sohn! Was sollte so schlimm sein, dass man seinen eigenen Sohn nicht mehr liebt.“

„Ich wüsste… da etwas…“

„Und das wäre?“

Ich atmete tief durch. Der Kloß in meinem Hals wurde immer mächtiger und ich hatte das Gefühl, dass es mir langsam die Kehle zusammen schnürte. Sämtliches Blut sammelte sich in meinem Kopf, die Wangen glühten.

Meine Hände waren eiskalt und feucht. Mein Herzschlag schien sich zu verdoppeln, ich hörte den Herzschlag in den Ohren. Meine Augen wurden feucht.

„Kann es sein, das es damit zu tun hat, dass du noch nie eine Freundin hattest?“, fragte Paps plötzlich leise.

Entsetzt schaute ich ihn an. Woher wusste er das? Wie konnte das sein?

„Jetzt schau nicht so, junger Mann.“

„… aber woher…?“

„Marc, jetzt überleg mal. Du bist siebzehn Jahre alt, hast noch nie jemand mitgebracht, geschweige denn ein Mädchen. Wenn wir weg sind, schaust du nicht einem Mädchen hinter her. Auf alle Fälle habe ich das noch nie mitbekommen.“

Mein Kopf sank wieder auf Ausgangsstellung zurück und ich starrte auf meine zitternden Hände.

„… wäre es…schlimm…“

Ich spürte, wie Paps seinen Arm um mich legte.

„… du mir keine Schwiegertochter anschleppst, ich nur von deiner kleinen Schwester Enkel zu erwarten hätte, wobei ich hoffe sie lässt sich damit sehr viel Zeit.“

„Sarah ist sechs!“, meinte ich.

„Und? Deine Mutter war knapp älter, als du jetzt, als sie dich bekam.“

„Ja, ich weiß, ich war ein Unfall…“

Ich spürte, wie Paps Hand herunter wanderte und Sekunden später, spürte ich seinen Finger in meinen Rippen. Ich quiekte und zuckte zusammen.

„Du warst kein Unfall…“, meinte Paps, sprach aber dann nicht weiter.

Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht und atmete tief durch.

„…ich bin schwul… ja…“

„War das jetzt so schwer?“

Ich nickte und mein Kopf sank an seine Schulter.

„Das schleppst du jetzt schon eine Weile mit dir herum. Deine Mutter fragt sich schon lange, wann du damit heraus rückst.“

Ich fuhr hoch.

„Mutti weiß es auch?“

„Klar, sie wusste dass sofort.“

„Wie… was…?“

„Nenne es einfach mütterliche Intuition.“

Ich schaute Paps an.

„Sie weiß es…? Aber…, warum… hat sie… habt ihr nie etwas gesagt?“

„Marc, wie stellst du dir das vor? Ich komme morgens in dein Zimmer und teile dir mit, ach Marc, ich weiß dass du schwul bist?“

Bei dem Gedanken musste ich jetzt grinsen. Nein, dass war wirklich Blödsinn.

„Deine Mutter und ich dachten nur, dass du dir deine Zeit selber einteilen musst und mit dir erst einmal selbst ins Reine kommen musst.“

Eine kurze Pause entstand.

„Gibt es jemand…?“, fragte Paps plötzlich.

„Nein“, seufzte ich, „ersten weiß niemand von mir und zweitens, wer will mich Bohnenstange schon haben?“

„Na ja, dünn bist du ja schon, da hast du Recht, aber du siehst doch gut aus.“

Ich lächelte verlegen.

„Paps…, das ist nicht so einfach. Woher soll ich wissen, dass ein Junge schwul ist und vielleicht irgendwann einmal dasselbe fühlt wie ich?“

„Ich bin zwar kein Liebesdoktor, aber ich denke, du wirst das spüren.“

„Glaubst du wirklich?“

Paps nickte. Die Wohnungstür wurde aufgeschlossen.

„Maaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaarc, wir sind wieder da…haaaaaaaaaalloo“, hörte ich Sarah brüllen.

„Sarah… leiser! Die Nachbarn!“, folgte sofort von Mutti.

Ein kleiner Wirbelwind kam in Wohnzimmer gerast, sah uns beide auf dem Sofa sitzen und schmiss sich mit voller Wucht auf uns.

„Fräulein Sarah Beuscher, was habe ich dir im Auto gesagt“, hörte ich die strengen Worte meiner Mutter, die nun ebenfalls im Wohnzimmer erschien.

„Och Mami…“

Paps und ich grinsten.

„Sarah, ich sage dass nicht zweimal.“

„Okay…“

Sarah krabbelte von uns herunter und lief in den Flur.

„Und die Schuhe anständig hinstellen, junge Dame!“

„Ja Mamaaaaa“, kam es trotzig vom Flur.

„Na ihr beiden…, ihr sitzt da so bedächtig bei einander…“, meinte Mutti und lies sich in den Sessel fallen.

„Ja, wir haben geredet“, antwortete Paps.

„Etwas Wichtiges nehme ich an, nach Marcs feuchten Augen zu urteilen.“

„Ja…“, meinte Paps und ich nickte.

„… nur der Umzug oder auch etwas anderes?“

Ich spürte, wie mir schon wieder das Blut in den Kopf schoss.

„Ja, wir haben darüber geredet, dass wir zu meiner Mutter ziehen möchten und dann hat unser Junior noch ein bisschen zu erzählen gehabt.“

Muttis Blicke wanderten zwischen uns hin und her und wurde dadurch unterbrochen, dass Sarah wieder auf der Bildfläche erschien.

„Meine Mütze und Handschuhe habe ich auf die Heizung in die Küche gelegt“, verkündigte sie stolz.

„Brav“, meinte Mutti und wandte sich wieder zu uns.

„Geht es vielleicht um das, um was wir uns gestern unterhalten haben?“, fragte sie.

Paps nickte.

„Dazu möchte ich jetzt nichts sagen“, und schaute kurz zu Sarah, „nur soviel, dass du unsere volle Unterstützung hast und wir hinter dir stehen.“

Sie lächelte mich an und schnappte nach Sarah.

„So und du wanderst jetzt in dein Bett!“

Ich sah die beiden gerührt an und wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte.

„Ich will aber noch nicht ins Bett…“, meckerte Sarah, „…noch mit Marc spielen.“

„Keine Widerrede, es ist Zeit für dich“, mischte sich Paps ein.

„Ich bring sie ins Bett“, meinte ich.

Meine Eltern sahen mich an und ich lächelte.

„So mein Hase aufsteigen“, sagte ich und ging in die Knie.

„Au ja… reiten…“

Sarah kletterte auf mein Rücken.

„Hüa Pferdchen!“, rief sie und ich setzte mich in Bewegung.

*-*-*

„Schläft sie?“, fragte mich Mutti, als ich die Küche betrat.

„Ja, weiter als die zweite Seite brauchte ich nicht vorlesen, da ist sie eingeschlafen.“

„Kein Wunder, sie ist im Auto schon fast eingeschlafen.“

„Wie geht es Oma?“

Ihr Blick wurde traurig.

„Ich kann dir die Frage nicht mal richtig beantworten. Einen Tag da denkt man, sie könne noch Bäume ausreisen…, an anderen Tagen, wusste ich nicht, ob ich den Notarzt anrufen soll.“

„So schlimm?“

„Nein, deine Oma ist nicht krank…, ich vermute eher, sie verlässt der Lebensmut. Seit dein Großvater vor fünf Jahren gestorben ist, fühlt sie sich sehr alleine.“

„Aber wir sind doch so oft bei ihr und wenn ich dran denke, wie sie immer so rührend mit Sarah spielt…“

„Dass ist es ja gerade Marc. Ihr geht es gut, wenn wir da sind…, wenn sie jemand um sich hat, gebraucht wird.“

„Ich habe Paps schon gesagt, mir macht es nichts aus, zu Oma zu ziehen. Eine gute Busverbindung zu meiner Schule gibt es auch…, na ja ich muss um einiges früher los…“

„Da kann dich auch Papa mitnehmen“, unterbrach sie mich.

„…, aber sonst ist hier nichts was mich hält.“

„Trotzdem klingst du traurig.“

„Ist es nicht traurig, dass mich hier nichts hält?“

Meine Mutter schaute mich lange an. Sie trocknete ihre Hände ab und kam zu mir an den Tisch.

„Ich kenne das Gefühl, wenn man keine Freunde hat.“

„Du?“

Sie setzte sich neben mich.

„Ja ich! Es mag sein, dass dein Vater und ich jetzt Freunde haben, auf die man sich auch verlassen kann. Aber früher war das nicht so.“

„Seit ihr deswegen in die Stadt gezogen?“

Mum nickte.

„Jemand der mit achtzehn schon schwanger wurde und nicht verheiratet war…“, sie machte eine kleine Pause, „ich wurde schlicht weg gemieden, ich war kein Umgang für die anderen.“

„Also war ich doch ein Unfall!“, meinte ich und spürte plötzlich zwei Finger in meinen Rippen.

Mir entfuhr ein Schrei und ich fuhr nach oben, wodurch ich mit dem Übeltäter, meinem Vater zusammenknallte.

„Man… Marc, hast du einen harten Schädel“, sagte Paps und rieb sie über sein Kinn.

„Das Gleiche könnte ich von deinem Kinn sagen“, erwiderte ich und rieb mir den Kopf.

Mum lachte laut auf.

„Du warst kein Unfall“, meinte Paps und setzte sich zu mir.

„So, ich war also geplant“, meinte ich und grinste die beiden an.

„Wenn man das weitgehend Planung nennen kann… ja!“, sagte Mum.

Sie stellt Paps und sich einen Kaffee hin und mir eine heiße Schokolade.

„Danke“, meinte ich.

„Über was habt ihr geredet?“, wollte Paps wissen und nippte an seinem Kaffee.

„Über den Umzug“, sagte ich, bevor Mum antworten konnte.

Sie lächelte.

*-*-*

Ich ließ mich einfach auf den Boden fallen. Es war die letzte Kiste, die ich von unten herauf tragen musste.

„Na Junior noch fit?“, fragte Paps.

Ich schüttelte den Kopf. Mir tat alles weh.

„Wir haben ja alles geschafft.“

„Ich wusste nicht, wie viel in unserer kleine Wohnung gepasst hat.“

„Wir machen morgen weiter.“

„Okay.“

Er verschwand wieder und ich versuchte mich wieder zu erheben. Als hätte mir jemand die Kraft entzogen, seinen Fuß mit voller Wucht auf meine Brust gedrückt, mühte ich mich langsam auf. Die Haustür unten wurde aufgeschlossen.

„Wir sind wieder daaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa“, hörte ich Sarah schreien.

„Sarah nicht so laut“, hörte ich Omas Stimme.

„Marc…, Marc… wo bist du?“

Ab und zu konnte meine Schwester ganz schön stressen.

„Junge Dame, du ziehst jetzt deine Schuhe aus und auch deine Mantel!“

Die energische Stimme meiner Mutter.

„Ich will doch nur Marc sein Geschenk geben…“, meinte Sarah trotzig und ich musste schmunzeln.

Ein Geschenk. Das hörte bei Sarah sich immer so groß an, aber sie brachte dann ein Überraschungsei oder einen Riegel Schokolade. Aber ich fand es süß, wie sie immer an mich dachte.

„Das kannst du auch ohne nasse Schuhe!“

„Okaaaaayyy.“

„Ich bin hier oben“, meinte ich nur, ans Geländer der Treppe gelehnt.

„Hallo Schatz“, hörte ich Paps, „hallo Mutter.“

„Papa guck mal was ich für Marc mitgebracht habe“, rief Sarah laut.

„Kind, geht das auch etwas leiser“, beschwerte sich Oma.

Es half nichts, bevor mir Sarah nicht ihr Geschenk übergab, würde sie wohl keine Ruhe geben. Scheren Herzens schleppte ich mich die Treppe hinunter, bis ich in das Sichtfeld meiner Leute kam.

„Was hast du denn für mich?“, fragte ich.

Die Kleine hatte gerade ihre Schuhe abgestellt, als sie hektisch in Mums Tüten anfing zu wühlen.

„Ich setz mal einen Kaffee auf“, meinte Oma und verschwand in die Küche.

„Sarah, bitte, du schmeißt ja alles daneben“, kam es von Mum und Sarah hatte bereits Wurst und Brot über den Teppich verteilt hatte.

„Ich will doch nur Marc seinen Adventskalender geben.“

„Moment“, meinte Mum, nahm ihr die Tüte ab und zog aus einer anderen Tüte das besagte Teil.

„Marc…, guck hier für dich“, rief Sarah und rannte zu mir hoch.

Deutlich sah ich, wie Mum und Paps durchatmeten. Ich schnappte mir Sarah und ging mit ihr noch ein Stockwerk höher.

„Komm gehen wir in dein Zimmer“, meinte ich nur.

Dort angekommen ließ ich mich auf ihr Bett fallen Sarahs Zimmer hatten wir als erstes eingeräumt, damit sie aus dem Weg war, wenn wir uns den Rest der Zimmer vornahmen. Ihr Zimmer war um das Doppelte größer als ihr Vorhergehendes.

Ich sah jetzt schon die Unordnung, wenn sie mal ihr ganzes Spielzeug verteilt hatte.

„Guck, hier ist der Weihnachtsmann drauf und hat so einen tollen Schlitten und dass ist Rudolf, das Rentier, auch wenn er keine rote Nase hat… sein Schnupfen ist sicher weg.“

Ich musste lachen und nahm mein Geschenk in Empfang.

„Ich hab das gleiche Bild bekommen“, blabberte Sarah weiter.

Man merkte deutlich, wie ihr Gehirn arbeitete.

„Der ist noch unten“, rief sie.

„Sarah… halt!“

Sie blieb abrupt an der Tür stehen.

„Was denn? Ich will doch nur meinen Kalender holen.“

„Ja, aber komm bitte mal erst zu mir.“

„Was ist denn?“

„Versprichst du mir etwas?“

„Ja.. was denn?“

Was denn – schien zurzeit ihre absolute Lieblingsfrage zu sein.

„Du bei Oma sollten wir etwas leiser sein. Der Umzug für sie ist auch anstrengend… okay?“

„Ja“, lächelte mich meine kleine Schwester mit einem fesselnden Lächeln an.

Ich drückte sie kurz und sie rannte aus dem Zimmer.

„Mammaaaaaaaaaaaaaa, wo ist mein Kalender?“, schrie sie die Treppe hinunter.

Ich atmete aus, senkte den Kopf bevor ich ihn schüttelte. Mühsam stand ich wieder auf, folgte ihr auf den Flur und durchquerte ihn bis zur letzten Tür, wo sich mein Reich befand. Hingegen Sarahs Zimmer, stand lediglich mein Bett.

Hilflos sah ich mich in meinem Zimmer um. Wo sollte ich anfangen. Den Rest der Möbel stand entweder wild im Zimmer verteilt, oder war in Einzelteile zerlegt an die Wand gelehnt.

So beschloss ich mir Werkzeug zu besorgen um zumindest meinen Schrank auf zu bauen.

Eine Stunde und unzählige Störungen von Sarah später hatte ich fast alles aufgebaut und an den neuen Platz gestellt. Ich machte mich an den ersten Karton und räumte meinen Schrank ein. Es klopfte an meiner Tür, also konnte es nicht Sarah sein.

„Hallo mein Junge, ich habe dir eine Tasse Tee gebracht.“

„Danke Oma“, meinte ich freudig und nahm die Tasse in Empfang.

Der Duft von weihnachtlichen Gerüchen füllte mein Zimmer.

„Da hast du ja noch eine Menge Arbeit vor dir“, sprach Oma weiter.

Ich schaute auf die Menge Kartons auf dem Boden und nickte.

„Soll ich dir helfen?“

„Nein danke Oma, ich weiß nicht, ob ich heute noch alles ausräume.“

Sie nickte und schaute etwas betrübt.

„Aber wenn du möchtest, kannst du mir beim Bett beziehen helfen, ich will ja heute Nacht noch darin schlafen.“

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Ich suchte zwischen den Kartons und wurde fündig.

„Mum hat mir extra für das neue Bett Wäsche gekauft“, meinte ich und hob die Tüte hoch.

„Die ist schön“, sagte sie und ich reichte ihr den Packen Wäsche.

Langsam faltete sie die Bettwäsche auseinander, während ich die Kissen vom Bett nahm.

„Ich…, ich wollte mich noch mal bei dir bedanken Junge.“

Verwirrt schaute ich sie an.

„Für was?“

„Dass es dir nichts ausmacht, dass ihr hier her zieht.“

„Nichts zu danken, habe dadurch ja auch ein größeres Zimmer bekommen.“

Sie schwieg und begann das Spannbetttuch aufzuziehen. Ich griff mir die andere Seite und stülpte sie über die Matratze. Schnell waren auch Kopfkissen und die Bettdecke überzogen.

Oma schaute zu den Kartons und dann wieder zu mir.

„Glaubst du, das passt alles in die Regale und Schränke?“, fragte sie.

„Muss es Oma, es war ja vorher auch drin.“

„Aha.“

Sie stand etwas verloren im Zimmer und blickte auf die Kartons. Ich seufzte innerlich. Klar, sie wollte gebraucht werden.

„Die Wäsche kommt ja in meinen Schrank“, meinte ich, öffnete einen weiteren Karton und reichte ihr ein Bündel meiner Klamotten.

Lächelnd nahm sie ihn entgegen und setzte ihn in den Schrank. Wenig später und ein paar Kartons leerer, klopfte es erneut an meiner Tür und Mum schaute herein.

„Wow, ihr seid aber weit gekommen…, ich wollte euch fragen, ob ihr zum Abendessen herunter kommt.“

„Ja gerne“, meinte Oma und lief los.

Als Oma im Flur verschwunden war, wandte sich Mum zu mir.

„Alles klar?“, fragte sie mich.

„Ja…, geht schon.“

„Ähm…, wenn dir das mit Oma zu viel wird, musst du es mir sagen.“

„Nein…, das ist kein Problem… sie will ja nur helfen.“

Mum sah sich im Zimmer um.

„Da fehlen wohl noch ein paar Regale.“

„Ich werde schon alles unterbekommen.“

„Deine Regale waren schon vorher übervoll, dass muss ja jetzt nicht auch so sein. Morgen am Samstag werden wir in den Möbelmarkt fahren und schauen was wir bekommen.“

„Okay…“, meinte ich, auch wenn es so gegangen wäre.

*-*-*

Im Haus war Ruhe eingekehrt. Sarah schlief schon längst und der Rest schien auch schon im Bett zu liegen. Ich schlug die Decke zurück, stand auf und lief zum Fenster. Da Oma am Ortsrand wohnte, konnte ich auf die Wiesen schauen.

Jetzt nicht, es war ja dunkel. Ich öffnete das Fenster und eiskalte Luft kam mir entgegen. Es fröstelte mich etwas, aber die frische Luft tat gut. Meine Augen gewöhnten sich an die Dunkelheit und ich sah, dass es zu schneien begonnen hatte.

Ich beschloss mich wieder in mein Bett zu verziehen, denn da war es wärmer. Ich schloss das Fenster, tapste zum Bett zurück. Schnell war ich in meine Decke gekuschelt. Den ganzen Tag hatte ich keine Zeit über all das hier nach zudenken.

Was mich erwartete? Ob ich hier jemand kennen lernte? Ich schloss die Augen und fiel auch etwas später in einen traumlosen tiefen Schlaf.

*-*-*

Am Morgen wurde ich von dem Getrampel meiner Schwester geweckt, die anscheinend einen Stock tiefer zwischen den Zimmern herumrannte. Ich streckte mich und ließ aber sofort davon ab, als ich jeden einzelnen Muskel am Körper spürte.

Draußen schien die Sonne zu scheinen, durch das kleine Fenster fielen Strahlen. Etwas zögerlich raffte ich mich auf. Gleich an mehreren Stellen machte sich mein Körper bemerkbar.

Da hatte ich mir einen ordentlichen Muskelkater eingefangen. Nun war ich doch froh, dass mir Oma beim Einräumen meiner Sachen geholfen hatte. Bis auf drei Kartons war alles leer. Es klopfte an meiner Tür und Paps streckte den Kopf herein.

„Hallo du Langschläfer… keinen Hunger?“

„Morgen Paps… klar Hunger habe ich immer.“

„Papa darf ich jetzt rein“, hörte ich die drängelnde Stimme meiner Schwester.

Ich musste kichern.

„Was habe ich dir vorhin gesagt?“, sagte Paps, den Kopf zu meiner Schwester gewandt.

„Dass ich heute Morgen meinen Bruder in Ruhe lassen soll…, aber er ist doch wach!“

„Lass sie ruhig rein, Paps“, meinte ich, denn vorher würde sie eh keine Ruhe geben.

„Okay, wir sehen uns dann unten… und denk dran, wir wollen noch in den Möbelmarkt.“

„Okay, ich geh noch durchs Bad und muss mich noch anziehen.“

Die Tür schob sie wie von Geisterhand weiter auf und ein kleines Energiebündel kam ins Zimmer gestürmt.

„Ui, ist dass hier groß“, meinte Sarah, Paps lachte und verschwand.

„Hast du schon das erste Türchen aufgemacht? Bei mir war ein Auto drin… und die Schokolade schmeckt super.“

Ach so, an den Adventskalender hatte ich nicht mehr gedacht.

„Du, ich hab ihn noch nicht einmal aufgehängt, weil ich erst alle Kartons leer räumen muss.“

Etwas enttäuscht schaute sie weiter durchs Zimmer.

„So, ich muss noch kurz ins Bad, dann komme ich hinunter, okay.“

„Das Zimmer ist wirklich groß“, meinte sie.

Ich musste grinsen.

„Deins doch auch!“

„Ja… jaaaa …. Jahaaaaaaaaaaaaaaaa.“

Sie kicherte los.

„Nun aber los, ab ich die Küche!“, meinte ich und gab ihr einen kleinen Klaps auf den Hintern.

Jubelnd verließ sie mein Zimmer und rannte die Treppe hinunter. Bis unten hörte ich sie Frühstück rufen. Wird sich dieses Kind wohl irgendwann ändern, fragte ich mich. Also machte ich mich schnell fertig um wenig später ebenfalls in der Küche zu erscheinen.

*-*-*

Froh aus dem Haus zu kommen, saß ich nun bei meinen Eltern im Wagen. Wie ausgemacht fuhren wir zum Möbelmarkt. Mum hatte mir ein paar kleinere Regale für mein Zimmer versprochen und Paps meinte, es würde dort auch noch Bilder fehlen.

Sarah saß neben mir und spielte mit ihrer Puppe. So ließ sie mich wenigstens zufrieden. Es dauerte auch nicht lange, als die berühmten vier großen und gelben Buchstaben in Sicht kamen.

„Mama, darf ich wieder in die Kinderecke?“, fragte Sarah plötzlich neben mir.

„Ja! Aber nur, wenn du dort auch bleibst. Ich habe keine Lust dich nach einer viertel Stunde wieder abzuholen.“

„Warum?“

„Oh Sarah, weil wir Möbel schauen wollen und nicht hier zum Spielen sind.“

Ich schaute Sarah lächelnd an und als ich merke, dass sie gleich wieder etwas sagen wollte, womöglich ein weiteres nervendes Warum, schüttelte ich nur den Kopf und legte meinen Zeigefinger auf die Lippen.

Sie nickte und widmete sich wieder ihrer Puppe.

„Wenn ihr Lust habt, können wir hier auch zu Mittagessen bleiben“, meinte Mum, während Paps bereits auf den Parkplatz fuhr.

„Ich will Pommes“, rief Sarah laut.

„Sarah, ich will gibt es schon gar nicht, dass heißt ich möchte bitte“, ermahnte sie Paps.

Sarah brummelte irgendetwas Unverständliches zu ihrer Puppe und fing dann an zu lachen. Mein Vater fand recht weit vorne einen Parkplatz und stellte unseren Wagen ab. Ich löste erst Sarahs Sicherheitsgurt, bevor ich meinen öffnete.

Wie immer wollte Sarah sofort aus dem Auto stürmen, doch Paps war schneller und hatte bereits ihre Tür in der Hand.

„Sarah, du musst aufpassen, da steht noch ein anderes Auto.“

Jedes Mal dasselbe dachte ich, warf meine Tür zu und lief auf die Durchfahrtsstraße. Mum hängte sich bei mir ein, während Paps Sarah an die Hand nahm.

„Willst du etwas alleine herum stöbern oder mit uns laufen?“, fragte sie mich.

„Ich weiß es nicht. Was wollt ihr euch den anschauen?“

„Wir brauchen einen neuen Esstisch und wir wollten nach einem Sessel Ausschau halten, dann vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten.“

„Dann komm ich mit.“

Sarah wurde in der Kinderecke abgegeben und somit hatten wir auch Ruhe. Na ja Ruhe, es waren noch genug Familien mit nervenden Kids unterwegs. Aber ich ließ mich nicht beirren und schaute mir brav Möbel an.

Bei einer Wohnzimmereinrichtung sah ich ein CD Regal, dass man senkrecht aber auch waagrecht aufhängen konnte. So war es möglich auch DVD unter zu bringen.

„Gefällt dir das?“, hörte ich Paps hinter mir fragen.

Ich nickte.

Er griff nach dem Preisschild und schaute es sich an.

„Nicht teuer, reicht dir eins, oder sollen wir gleich zwei nehmen?“

„Zwei wären besser“, antwortete ich.

Paps griff nach dem Zettel und einem Bleistift.

„Schreib dir die Nummer auf, damit wir es nachher im Lager schneller finden. Brauchst du sonst noch etwas?“

„Ich wollte eigentlich nach einem Bücherregal schauen.“

„Wie sieht es mit Bildern aus, oder Pflanzen? Dein Zimmer ist jetzt doppelt so groß.“

„Dass weiß ich noch nicht, dazu müsste ich die Bilder hier sehen.“

„Dann geh doch schon mal vor, wir kommen gleich nach.“

*-*-*

Mit vollgepackten Einkaufswagen verließen wir das Möbelhaus.

„Und wie machen wir das jetzt? Wir müssten die Rückbank zum Teil umklappen, aber wo soll dann Sarah oder Marc sitzen?“, fragte Mum.

„Wenn ich Sarah auf den Schoss nehme, dann müsste es doch gehen Paps oder?“

Ich hatte mein Kopf zu ihm gedreht und wartete auf seine Antwort, während ich weiter lief.

„Das müsste gehen… Marc pass … auf!“

Ich drehte meinen Kopf nach vorne, aber da war es schon zu spät. Ein Wagen kam angerauscht und erwischte mich. Ich knallte auf die Motorhaube, dann bekam ich nichts mehr mit.

*-*-*

Ich hörte aufgeregte Stimmen um mich herum, aber richtig verstehen konnte ich nichts. Meine Augen zu öffnen ging auch nicht, geschweige denn etwas sagen. Ich spürte nur, dass ich auf dem kalten Boden lag und mir jemand über das Gesicht streichelte.

„Marc… so sagt doch etwas“, konnte ich nun die Stimme meiner Mutter heraushören.

Aber je mehr ich mich darauf konzentrierte, etwas sagen zu wollen, umso weiter entfernten sich die Stimmen. Plötzlich wurde alles schwarz.

*-*-*

Mein Kopf dröhnte etwas, als ich wach wurde. Verschwommen nahm ich meine Umgebung war. Nur langsam gewöhnten sich meine Augen an die komische Beleuchtung. Auch kam langsam die Erinnerung zurück.

Schlagartig wurde mir bewusst, ich war von einem Auto angefahren worden. Ich wollte meinen Kopf anheben und drehen, um mehr sehen zu können, wurde aber von irgendwas an meinem Hals gebremst.

„He, du bist ja wach“, hörte ich eine sanfte Stimme in meiner Nähe.

In meinem Blickfeld erschien ein junger Mann im grünen Titel. Ich öffnete den Mund, aber meine Stimmbänder schienen nicht so zu wollen, wie ich wollte. Es kam nur ein Krächzen heraus.

„Hallo ich bin der Theo und Pfleger hier.“

Langsam bekam ich ein mulmiges Gefühl in der Magen Gegend. Gut ich wusste dass ich einen Unfall hatte, aber was war danach geschehen? Das ich meinen Kopf nicht bewegen konnte ängstigte mich noch mehr.

„Du schaust ziemlich verstört. Ich glaube, ich hole mal die leitende Ärztin, die wird dir alles erklären.“

Und schon war er aus meinem Blickfeld wieder verschwunden. Es dauerte aber nicht lange bis eine Frau in mein Blickfeld kam.

„Hallo Marc, ich bin Doktor Engel, deine Ärztin hier.“

Das Bild der Ärztin verschwamm. Tränen bahnten ihren Weg über meine Wangen. Ich spürte, wie die Ärztin meine Hand nahm.

„Wir haben deine Eltern verständigt, sie werden bald da sein. Ich denke dir schwirren eine Menge Fragen durch den Kopf und warum du hier auf der Intensivstation liegst.“

„Ja“, krächzte ich.

„Gut, deine Stimme wird auch wieder kommen. Du lagst im künstlichen Koma und deine Stimmbänder müssen sich erst wieder an ihren Betrieb aufnehmen.

„Künstliches… Koma?“

„Ja, ein Wirbel deines Genicks ist Gott sei dank nur sehr leicht angebrochen, deshalb trägst du diese Klammern am Kopf, damit du den Kopf nicht bewegen kannst.“

„An… angebrochen? Gott sei Dank?“

Ich musste husten, aber mein Kopf wurde eisern festgehalten.

„Ja, die Klammern sind nur zur Vorsicht, damit du, so wie eben beim Husten, deinen Nacken nicht unnötig bewegst. Deine Füße und Hände reagieren auf Reize und deswegen bin ich froh, weil du keine Lähmungserscheinungen hast. Theo, könntest du Marc etwas zu trinken geben? Aber bitte vorsichtig.“

„Kommt sofort!“

„Und du versuchst jetzt mal so wenig zu reden, wie es geht, nur wenn es nötig ist. Falls du Schmerzen bekommst, sag es sofort.“

Mein Bein tat weh und sonst spürte ich auch den Rest des Körpers.

„Es… tut alles weh.“

„Das kann ich mir gut vorstellen. Du hast neben deinem Genick noch ein gebrochenes Bein und jede Menge Prellungen. Aber dafür, dass du Bekanntschaft mit einem Kotflügel gemacht hast, ist dein Glückskonto heftig überzogen.“

Die Ärztin war entweder sehr locker drauf, oder hatte sich etwas eingeschmissen. Mein Bein gebrochen, dann konnte ich das Tanzen für eine Weile vergessen.

„So hier kommt etwas zu trinken“, hörte ich Theos Stimme.

*-*-*

„Marc?“

Ich öffnete die Augen und sah Mum ins Gesicht.

„Marc…, mein Schatz hallo…“

„Hallo Mum…“

„Hallo mein Großer.“

Paps kam ins Sichtfeld.

„Hallo Paps… ist Sarah auch da?“

„Nein, das wäre zu anstrengend für dich und sie sollte dich vielleicht nicht so sehen.“

„Wieso… wie sehe ich denn aus?“

Aus dem Blickfeld nach oben der Decke und einige Dinge die Hoch standen oder hingen sah ich nicht.

„Ziemlich viele blaue Flecken einen Gipsfuß und ich weiß nicht, ob es dir recht ist, dass Sarah dich nur in Shorts sieht“, erklärte Paps grinsend.

„In Shorts?“

Meine Augen waren weit aufgerissen.

„Wie geht es dir?“, fragte Mum besorgt.

„Wie soll es mir schon gehen. Das Gipsbein wäre ja nicht so schlimm gewesen, aber dieses Ding am Kopf nervt total.“

Mum schaute mich mitleidig an.

„Mum, das geht schon, da muss ich jetzt halt durch.“

„Deine Mum glaubt, sie sei schuld am Unfall, weil sie dich überredet hat, dass wir zu Oma ziehen.“

„Quatsch…“

Ich versuchte ein ernstes Gesicht zu machen, was mir aber nicht gelang, da Paps mich mit seiner Dauergrinserei ansteckte.

„Du hast mich nicht überredet, sondern lediglich gefragt und der Unfall hätte auch in der Stadt passieren können. Wenn, dann bin ich selbst schuld, weil ich nicht aufgepasst habe.“

„Nein die Fahrerin ist schuld, sie war viel zu schnell“, erzählte Paps.

„Was passiert denn jetzt mit ihr?“

„So einiges… Führerschein los, eine Anzeige wegen Körperverletzung und so weiter…“

„Oh man, die arme Frau.“

„Wieso arme Frau“, meinte Mum empört, „sie hat dich fast auf dem Gewissen.“

„Mum, meinst du, sie ist nicht schon genug gestraft, dass sie mich überfahren hat. Ich denke sie wird die Bilder meines erstes Flugversuches ohne Flügel nicht vergessen.“

„Elisa, was hat man mit unserem Sohn gemacht, dieser junge Mann hier kann es nicht sein.“

Dass es Paps nicht ernst meinte, bewies sein Grinsen, nur Mum schaute noch immer trübe drein.

„Mum, es ist in Ordnung, ich steh das alles durch.“

„Es tut mir so furchtbar Leid Junge. Du hättest bald Ferien und…“

Schulferien, daran hatte ich noch nicht gedacht. Ich hatte an überhaupt nichts gedacht, weder Schule, mein Zimmer, das neue zu Hause.

„Mum hör auf, wenn du jetzt noch anfängst zu weinen, mache ich gleich mit.“

„Mittagessen“, hörte ich Theos Stimme.

Mum und Paps wichen zu Seite und Theo kam mit einem Tablett an. Im Hintergrund war plötzlich ein Piepton zu hören.

„Entschuldigung Frau Beuscher…, könnten sie vielleicht die Fütterung ihres Sohnes übernehmen, ich vermute, ich werde gebraucht.“

„Ja, kann ich… aber was meinten sie mit vermuten?“

„Unser zweiter Neuzugang…, er hat vielleicht nicht soviel Glück wie Marc hier.“

Betroffen schauten meine Eltern Theo an.

*-*-*

„Herr Beuscher?“, hörte ich eine weibliche Stimme sagen.

Mein Vater sah auf.

„Ja?“

„Draußen steht ein Polizeibeamter, der sie gerne sprechen möchte.

„Mich?“

„Ja!“

„Okay ich komme.“

Er wandte sich zu mir.

„Bin gleich wieder da und deine Mutter wird sicher auch gleich von der Toilette zurück sein.“

„Geh ruhig, ich lauf dir schon nicht weg! Versprochen!“

Er grinste und ließ mich alleine.

…auf dem Flur des Krankenhauses

„Hallo Herr Beuscher, mein Name ist Phillip Sörens.“

„Und was kann ich für sie tun?“

„Einiges, aber zu erst, wie geht es ihrem Sohn?“

„Den Umständen entsprechend…“

„Herr Beuscher…, ich weiß es wird sich etwas komisch anhören, wenn gerade ich sie das frage…, könnten sie die Anzeige gegen Frau Hennef zurück ziehen?“

„Wieso sollte ich, sie hat fast meinen Sohn umgebracht…“

„Das verstehe ich Herr Beuscher, aber ich habe schon einen Grund, warum ich sie das frage.“

„Da bin ich ja mal gespannt…“

*-*-*

„Und, was wollte der Bu… ähm Polizist von dir?“, fragte ich, als Paps wieder zu mir und Mum zurück kam.

Er schaute sich erst um, bevor er sich zu uns setzte.

„Ich soll die Anzeige zurück ziehen, gegen die Fahrerin…“

„WAS?“, ertönte es aus dem Mund meiner Mutter und meinem zugleich.

Da Dad nicht grinste, war es ernst gemeint.

„Sind die verrückt?“, regte sich Mum auf, „wieso soll die Frau ungeschoren davon kommen?“

„Sie hat einen Sohn…“

„Was hat der mit uns zu tun?“

„Er liegt auch hier…“

Nun schwieg Mum. Da ich den Kopf nicht zu ihr drehen konnte, sah ich sie nur halb. Paps dagegen, war voll in meinem Blickfeld und seine Augen waren traurig.

„Wenn er auch hier liegt“, begann ich leise zu reden, „dann geht es ihm mindestens genauso gut, wie mir.“

„Schlechter…, er liegt noch immer im Koma und…“

Paps schwieg und senkte den Kopf.

„Die arme Mutter“, meinte Mum.

„Ja…, als sie unseren Marc erwischte, hatte sie gerade die Nachricht bekommen, dass ihr Sohn schwerverletzt ins Krankenhaus eingeliefert wurde.“

„Sie hat mich wahrscheinlich gar nicht gesehen, oder?“

Paps schüttelte den Kopf.

„Weiß man, was passiert ist?“, fragte Mum.

„Er wurde zusammengeschlagen! Wer es war kann man nur vermuten, dieser Sörens hat sich recht zurückhaltend geäußert.“

„Sörens?“

„Ja, der Polizist der mich sprechen wollte und mich bat die Anzeige zurück zu ziehen.“

„Das werden wir natürlich tun…“

Verwundert schaute ich zu Mum, deren Blicke mich gerade trafen.

„He, ich bin Mutter wie sie und ich weiß was sie durch macht.“

„Ich bin aber wach, ihr Sohn nicht.“

Mitleidig sah sie mich an.

„Paps schau doch, ob die Frau da ist und sag es ihr gleich selbst.“

„Was soll ich ihr sagen?“

„Dass wir die Anzeige zurück ziehen.“

„Das habe ich schon…, äh ich habe es dem Polizisten gesagt.“

„Dann hast du es schon entschieden, ohne mich vorher zu fragen?“, fragte Mum.

Ich konnte keinerlei Verbitterung oder Enttäuschung in ihrer Stimme erkennen.

„Weil ich wusste, wie du entscheidest. Schatz.“

Sie küssten sich vor meinen Augen.

„Könntet ihr dass auf zu Hause verlegen…“, fragte ich verlegen.

Paps grinste wieder.

„Ich komme heute Mittag wieder vorbei“, meinte Mum, „brauchst du irgendetwas?“

„Ein verwendbares Bein und jemand der mir diese Halskrause abnimmt.“

„Die muss leider dran bleiben“, hörte ich Theos Stimme, „… Zeit für die Medikamente.“

„Gut, dann werden wir wieder verschwinden“, meinte Paps, „Theo wäre es möglich uns anzurufen, wen unser Sohn etwas möchte?“

„Ist kein Problem Herr Beuscher, aber ich denke, er ist gut aufgehoben.“

Die Zwei verabschiedeten sich von mir und ein paar Minuten später war ich wieder alleine.

*-*-*

Die Decke anzustarren war mit der Zeit zu langweilig geworden. Ohne Unterhaltung fast tödlich. So schloss ich die Augen und lauschte einfach, was in meiner unmittelbaren Umgebung passierte.

Zu Anfang waren es sehr viele Geräusche auf einmal. Doch dann konzentrierte ich mich auf einzelne Geräusche. Zuerst erkannte ich klar die Schritte des Pflegepersonals. Besuch schien keiner da zu sein, denn ich konnte keine Stimme hören.

Vereinzelt nahm ich jetzt ach das Piepen verschiedener Maschinen wahr.

„Alles klar mir dir?“

Mein Körper zuckte zusammen. Theo stand unmittelbar neben mir. Seine Schritte hatte ich nicht kommen hören. Ich riss die Augen auf.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken.“

„Schon okay. Was steht an? Spritzen, Medikamente oder Essen?“

„Nichts von all dem, ich habe nur nach dir geschaut.“

„Danke… machst du das bei jedem?“

„Nicht bei allen, nur die mir zu geteilt wurden und bei denen, wo meine Hilfe dringend gebraucht wird.“

„Auch bei dem Jungen?“

„Welchen Jungen?“

„Der kurz vor mir eingeliefert sein worden muss.“

„Ach so, du meinst Felix?“

„Ich weiß nicht wie er heißt, ich weiß nur, dass seine Mutter mich über den Haufen gefahren hat, als sie erfuhr, dass ihr Sohn ins Krankenhaus eingeliefert wurde.“

„Heftig…, sehr heftig!“

„Das kannst du laut sagen. Und wie geht es Felix.“

Theo seufzte.

„Er liegt immer noch im Koma.“

„Wurde er so wie ich ins künstliche Koma gelegt?“

„Nein…, wurde er nicht.“

„Oh… sind seine Verletzungen so schwer?“

Ich spürte, wie meine Stimme trauriger und belegter wurde.

„Darüber kann ich dir nichts sagen, gegen ihn könntest du einen Preis im Schönheitswettbewerb gewinnen.“

Ich wurde rot und Theo grinste.

„So, ich muss wieder weiter, ich schau nach her noch einmal bei dir vorbei.“

„Okay gut.“

Dann verschwand Theo aus meinem Sichtfeld und ich war wieder alleine. Irgendwann übermannte mich der Schlaf.

*-*-*

Als ich wieder meine Augen öffnete schaute ich ins lächelnde Gesicht meines Vaters.

„Hallo Junior…“

„Hallo Paps.“

„Eigentlich brauch ich dich nicht fragen und sicher nervt die Frage, wie es dir geht, dich sicher schon.“

„Stimmt, aber danke der Nachfrage. Seit ich die Drogen gespritzt bekommen habe, schwebe ich auf Wölkchen fünfzehn.“

„Drogen?“

„Die Schmerzmittel.“

„Ach so. Du hast keine Schmerzen?“

„Ich spüre im Augenblick nichts, nur dieses leidige Metallding an meinem Kopf nervt unwahrscheinlich.“

„Daran kann man vorerst nichts ändern. Bist du bereit Besuch zu empfangen?“

„Wie meinst du Besuch empfangen?“

„Na ja. Du liegst hier halb zugedeckt nur in Shorts, siehst aus, als wärst du in Sarahs Farbkasten gefallen…“

„… ist ja schon gut… ja ich bin bereit, für wen auch immer du mir jetzt anschleppst.“

Paps drehte den Kopf und nickte. In den nächsten Sekunden kam eine Frau in Sicht, die ich nicht kannte. Sie hatte rote Augen vom Weinen und sonst sah sie so aus, als hätte sie nicht viel Schlaf hinter sich.

„Hallo“, sagte sie mit leiser und unsicherer Sprache.

„Hallo.“

„Ich bin Frau Hennef, die…“, sie brach ab und ihre Augen wurden wieder feucht.

So sah jemand also aus, wenn er fast jemand auf den Gewissen hat. Aber gleichzeitig tat mir die Frau auch Leid. Erst dass mit ihrem Sohn und dann der Unfall mit mir.

„Hallo Frau Hennef“, sprach ich leise.

„Ich hole mir etwas zu trinken“, meinte Paps hinter Frau Hennef, „bin gleich wieder da.“

Gab es nicht hier im Flur etwas zu trinken, oder warum verließ Paps mein Zimmer so schnell?

Frau Hennef schaute kurz meinem Vater nach, dann wieder zu mir.

„Es tut mir so Leid…, Marc…, dass wollte ich wirklich nicht.“

Ich atmete tief durch und versuchte gefasst zu wirken.

„Frau Hennef…, bitte mache sie sich keinen Kopf wegen mir, dass wird schon werden… ihr Sohn braucht sie vielleicht jetzt dringender…“

„Mein Sohn?“, sie schaute kurz zur Seite.

Ich hätte ja jetzt gerne genickt, aber das konnte ich vergessen.

„Ja, ihr Sohn liegt doch auch hier?“

Sie nickte.

„Wie geht es ihm…, Theo wollte mir nichts sagen.“

Ihre Tränen rannen über die Wangen.

„Felix liegt immer noch im Koma…“, sie zog ein Taschentuch hervor, wischte ihre Tränen weg und putzte sich die Nase, „ein Arm und ein Bein sind gebrochen, mehrere Rippen. Er hat eine starke Gehirnerschütterung, viele aufgeplatzte Wunden, die genäht wurden…“

Sie ratterte das wie eine Maschine herunter, ohne Betonung und völlig lustlos. Da hätte ich lieber fragen sollen, was an ihm heil war.

„Was ist denn passiert?“

Oh, diese Frage hätte ich lieber nicht stellen sollen. Ihr Gesicht war Schmerz verzehrt und ihre Tränen rangen in Sturzbächen.

Ich sah, wie jemand ein Papiertaschentuch in ihre Richtung hob. Es war Paps, der unbemerkt zurück gekommen war.

„Sie können es Marc ruhig erzählen…“, hörte ich Paps Stimme.

Frau Hennef beruhigte sich etwas, putzte abermals die Nase und sah dann wieder zu mir. Danach wandte sie den Kopf zu Paps der zustimmend nickte. Sie atmete tief durch und schaute dann weder zu mir.

„Es war… an dem Tag, als ich mit dir… den Unfall hatte. Felix und ich… haben uns gestritten. Er hat mir etwas gesagt…, was ich bis… ja bis heute noch nicht richtig verstehe… auch wenn dein Vater und auch der nette Polizist viel mit mir geredet hat.“

Sollte ich jetzt fragen, was Felix ihr gesagt hat, oder einfach nur zu hören.

„Was hat er gefragt?“

Meine Zunge war schneller als mein Hirn, ich hatte ihm keine Erlaubnis zu dieser Frage gegeben. Doch das Zentrum der Neugier hatte mein Hirn einfach umgangen. Wieder schaut Frau Hennef zu Paps.

Doch als sie wieder zu mir sah, schüttelte sie nur den Kopf und sah nach unten.

„Soll ich weiter erzählen?“, hörte ich Paps fragen, der nun auch in mein Blickfeld trat und sich neben mich auf das Bett setzte.

Frau Hennef nickte.

„Felix hatte oder hat das gleiche Problem wie du…“

Meine Augen wurden groß. Was meinte Paps damit?

„Er hat seiner Mutter gestanden, dass er wie du auf Jungs stehst…“

Frau Hennef schaute auf und mich etwas geschockt an. Ich dagegen versuchte mit allen Kräften sämtliches Blut in mein Gesicht zu drücken.

„Du… du bist auch…“

„…Schwul?“, beendete ich Frau Hennefs Satz, „… ja das bin ich!“

Sie schaute mich lange an, schwieg aber.

„Auf alle Fälle ist Felix weggelaufen. Frau Hennef fuhr dann am Mittag zum Baumarkt, wo ihr Sohn sich mit Kaufwagenschieben, etwas Geld verdiente.“

Konnte man davon so viele Muskeln bekommen?

„Dort angekommen war er nicht da. Und dann kam der Anruf aus dem Krankenhaus, den Rest hast du ja dann mitbekommen.“

Wieder wollte ich nickte, doch dieses blöde Eisending hielt mich zurück. Ich seufzte.

„… wer ihn zusammen geschlagen hat…, man weiß nichts?“

„Nein…“, sagten Paps und Frau Hennef fast gleichzeitig.

„Ich… ich weiß jetzt nicht recht, was ich sagen soll. Ich kann mich in Felix hineindenken, aber ich verstehe auch sie Frau Hennef. Was ich zum Beispiel nicht wusste, dass meine Eltern das bereits geahnt haben…“

„… und sie haben nichts zu ihrem Sohn gesagt?“, unterbrach mich Frau Hennef.

„Nein, Frau Hennef. Meine Frau und ich waren der Meinung, dass Marc ganz von alleine zu uns kommen sollte.“

„Ich verstehe das nicht, ich habe nie etwas bemerkt… Felix war ganz normal.“

„Ich bin auch normal“, rutschte es mir heraus, aber auch nur, weil ich auf Frau Hennef jetzt nach diesem Ausspruch etwas säuerlich war.

„Entschuldige Marc, so habe ich es nicht gemeint… ich…“

„Frau Hennef…, kommen sie bitte, ihr Sohn ist aufgewacht“, wurde sie von einer Schwester unterbrochen.

Sie stand ohne ein weiteres Wort zu sagen auf und ließ uns alleine. Mein Blick wanderte zu Paps. Er zuckte mit seinen Schultern.

„Kannst du mal nach Felix schauen?“, fragte ich leise.

„Marc, ich kann doch nicht einfach dazu stehen…“

„Sorry, war eine blöde Idee.“

„Warum das plötzlich gesteigerte Interesse? Nur weil Felix auch schwul ist?“

Die rote Farbe in meinem Gesicht hatte Hochkonjunktur.

„Ich weiß nicht…“

Trotz der Verlegenheit hielt ich dem Blick meines Vaters Stand.

„Junger Mann, habe ich dir eigentlich schon einmal gesagt, wie fies du sein kannst?“

Ich riss meine Augen auf.

„Ich fies?“

Ich verstand jetzt nicht, was er damit meinte.

„Du hast es ja schon als Kind verstanden deine Mutter um den Finger zu wickeln, aber irgendwie beschleicht mich das Gefühl, je älter du bist, um so mehr probierst es bei mir.“

Ich musste lachen. Ich, meinen Vater um den Finger wickeln? So bewusst war mir das gar nicht.

„Es ist schön dich lachen zu sehen…, das erste Mal, seit du hier bist.“

„Sorry, bisher hatte ich auch noch keinen Grund zum Lachen.“

„Ich weiß und das tut mir auch Leid. Aber immer daran denken, es kann nur besser werden.“

Ich seufzte.

„Wie geht es dir da drinnen?“

Ich spürte seinen Finger auf meinem Herz.

„Hm, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Gut, ich gebe zu, seit ihr über mich Bescheid wisst, hilft mir dass schon. Also ich grüble nicht mehr so viel nach, ich kann zu Hause sein, wie ich bin und muss mich nicht verstellen.“

„Das hat dir sehr zu schaffen gemacht, oder?“

„Ja, aber es ist ja nicht vorbei. Außer euch weiß es niemand und ich bin im Augenblick nicht bereit es irgendjemand zu sagen.“

„Das ist deine Entscheidung und entschuldige, wenn ich dir bei Frau Hennef vorgegriffen habe, aber ich dachte, es hilft ihr ein wenig.“

„Ja… etwas Peinlich war das schon, aber es war ja für einen guten Zweck. Könntest du trotzdem?“

„Was?“

„Nach Felix schauen?“

*-*-*

…einen Tag später…

„So und jetzt nehmen wir vorsichtig die Klammern ab“, meinte Frau Engel.

Nach neuen Untersuchungen wurde beschlossen, mich aus diesem metallischen Dauergriff zu befreien und ich konnte dieses Ding endlich loswerden. Theo und ein weitere Schwester lösten Gurte und Klammern. Irgendwie traute ich mich nicht richtig meinen Kopf zu bewegen.

Zaghaft machte ich eine leichte Bewegung nach rechts. Zum ersten Mal sah ich die Seitenwand meines Zimmers, die bis zur Hälfte mit Glas versehen war.

„Schmerzen?“, fragte Dr. Engel.

„Nein, aber ein komisches Gefühl.“

„Da legt sich wieder. Wenn etwas sein sollte… Kopfschmerzen… Übelkeit, Theo, dann rufen sie mich sofort.“

„Geht in Ordnung.“

Theo half mir noch in ein Tshirt, was mich ein paar Mal aufjaulen ließ. Dann räumte er und die Schwester alles zusammen und verschwanden. Das erste Mal, seit ich hier war, konnte ich mich richtig bewegen. Ich nutzte dies natürlich gleich um mich umzuschauen.

Mein erster Blick fiel natürlich auf den Gips, den ich bisher nur mit meinen Händen ertasten konnte. Unten schauten meine Zehen heraus. Dann sah ich mich in meinem Zimmer um. Wenn man es überhaupt Zimmer nennen konnte. Der obere Teil der Wände war aus Glas.

Theo kam zurück. Ich musste feststellen, dass er gar nicht so groß war, wie er mir liegend vorkam. Er trug ein Tablett auf der Hand und bewegte sich in Richtung meines Zimmers.

„So und jetzt gibt es etwas zu essen.“

Er stellte das Tablett ab.

„Das könnte jetzt etwas weh tun, Marc, ich werde die Bett hochstellen.“

Er nahm ein Kästchen mit Kabel daran und drückte einen Knopf. Ein Vibrieren durchfuhr mein Bett und plötzlich hob sich mein Kopfteil an. Es ging langsam von statten, aber zu meinem Glück.

Ich spürte jede Faser meines Körpers, aber es war im ertragbaren Bereich. Als ich fast aufrecht saß, hielt das Oberteil an.

„So ist es besser, oder?“, fragte Theo und zog meinen Nachttisch heran, klappte sein seitliches Brett nach oben, worauf er mein Essen stellte.

Ich nickte vorsichtig. Das ging wieder.

„Normalerweise würdest du in ein normales Zimmer verlegt werden, aber da wir im Augenblick, durch viele Neuzugänge einen Engpass haben, bleibst du erst einmal hier auf der Intensiv.“

„Wieso, so viele Neuzugänge?“

„Draußen ist es spiegel glatt. Weißt du, wie viele Leute im Augenblick stürzten und sich etwas brechen?“

„Nein…“

„Meinst du, du kannst selbst essen, ich weiß dir tut alles weh, aber vielleicht versuchst du es einfach. Ist eine Suppe und leicht zu essen.“

„Ich versuch es einfach, wenn es nicht geht, kann ich dich ja rufen.“

„Ja hier, einfach auf den Knopf drücken, dann kommt jemand von uns.“

So ließ mich Theo wieder alleine. Vor mir standen eine Suppe und ein Brötchen. In der Tasse wird wohl Tee drin sein, dachte ich. Ich hob den Arm und zuckte sofort zusammen. Jede einzelne Rippe glaubte ich zu spüren, von Schulter und Arm ganz zu schweigen.

Mein zweiter Versuch ging also langsamer von statten. Ich griff nach dem Löffel und tunkte ihn in die Suppe. Vorsichtig führte ich ihn zu meinem Mund. Die Suppe war nicht sonderlich heiß, so konnte ich sie ohne Probleme herunter schlucken.

Es hieß immer Krankenhausessen wäre schlimm, aber mir schmeckte die Suppe. Vielleicht auch, weil Hunger verspürte. Ich biss langsam in das Brötchen. Beim Kauen drehte ich meinen Kopf nach links und stellte fest, dass ich nun durch die Fenster in den Wänden in die Nachbarzimmer schauen konnte.

Das Zimmer neben mir war leer, aber eins weiter lag wieder jemand, zumindest vermutete ich dass, weil dort eine Schwester zu Gange war. Langsam aß ich weiter, bis der Teller leer war und das Brötchen weg.

Ein Sättigungsgefühl trat ein und ich legte den Löffel ab. Die Tasse anzuheben, erzeugte schon mehr Schmerz. Ich trank einen Schluck und stellte fest, dass der Zucker fehlte. Ich hörte das Geräusch einer Tür.

Mein Blick folgte dem Geräusch und ich saß, wie Paps die Abteilung betrat. Als er auf mich zukam und bemerkte, dass ich aufrecht saß und ihn sehen konnte, strahlte er mir entgegen.

„He, du hast ja das Ding los und essen tust du auch wieder.“

„Hallo Paps, ja, sie haben es vorhin weggemacht. Aber es geht irgendwie alles recht langsam. Jede Bewegung tut mir weh.“

Paps umrundete das Bett, beugte sich vor und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Ich schaute ihn erstaunt an, denn dass hatte er schon sehr lange nicht mehr getan. Dann zog er sich einen Stuhl heran und setzte sich zu mir ans Bett.

Er bemerkte meinen Blick.

„Was ist?“

„Dass hast du schon lange nicht mehr gemacht…“

Sah ich richtig, mein Vater wurde leicht rot? Er senkte den Kopf.

„Weißt du Marc…, als ich sah… wie dich das Auto erwische… und ich dich dann…“, er schluckte kurz und sah wieder auf, seine Augen waren feucht, „ich dich dann da liegen sah…, dachte ich zuerst, dass ich dich verloren habe.“

Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.

„Als du hier im Koma lagst, da fiel mir so viel wieder ein, was wir zusammen schon erlebt hatten. Mir fiel ein, wie herzlich wir immer miteinander umgegangen waren. Aber seit du etwas älter bist und ich viel mehr arbeite, ist das irgendwie verloren gegangen.“

„Ist dass nicht normal?“

„Schon, aber ich vermisse es. Vermisse es dich in den Arm zu nehmen, mit dir Quatsch zu machen, dir beim Schlafen zuzusehen.“

„Du hast mir beim Schlafen zugesehen?“

„Früher oft.“

Ich musste grinsen. Die Vorstellung, dass Paps abends an meinem Bett saß und mir zusah, wie ich schlief, war irgendwie komisch.

„Wenn es dir wieder so gut geht, dann kommst du ja bald in ein normales Zimmer, dann kann dich auch Oma mit Sarah besuchen.“

„Theo hat gesagt, dass ich erst mal hier bleiben werde, da unten alles überfüllt wäre.“

„Ach so.“

„Aber die beiden können auch hier her kommen, wo ist das Problem?“

„Du kennst deine Schwester und auch ihr Organ.“

Wieder musste ich grinsen.

„Stimmt Paps! Aber ich würde mich trotzdem freuen, wenn ich Sarah sehen kann.“

„Sie fehlt dir?“

„Ja, die Nervensäge fehlt mir.“

„Okay, mal sehen, wie wir das machen.“

Mein Blick wanderte zu der Schwester, die zwei Zimmer weiter am Werken war.

„Da liegt Felix“, hörte ich Paps sagen.

„Das dachte ich mir…, weißt du wie es ihm geht?“

„Nicht mehr wie gestern, er ist wach, redet aber nichts.“

„Ich würde ihn gerne mal sehen.“

Ich drehte meinen Kopf wieder langsam zu Paps.

„Kannst es ja versuchen, wie weit du mit deinem Gips kommst.“

Wieder dieses Grinsen im Gesicht meines Vaters.

„Na ja, ewig werde ich ja wohl nicht in diesem Bett liegen.“

*-*-*

Es war Abend geworden. Mir war langweilig. Hier stand kein Fernseher, Musik hatte ich auch nicht und zu lesen hatte ich nichts. Paps hatte mir versprochen am nächsten Tag etwas mitzubringen.

Mein Kopfteil vom Bett hatte ich wieder aufgerichtet, so konnte ich wenigstens die Umgebung beobachten. Bei Felix war die Nachtschwester zu Gange, ich hörte die auch reden, aber verstehen konnte ich nichts.

Zehn Minuten später war es dann ruhig auf der Station. Niemand war zu sehen, nur das Gepiepe verschiedener Maschinen durchbrach die Stille. Plötzlich verspürte ich einen Druck in der unteren Region.

Ich musste auf die Toilette. Bisher hatte ich ja immer in diese blöde Flasche gepinkelt, weil es nicht anders ging. Das war mir schon peinlich genug. Dieses Blöße wollte ich mir aber nicht mehr geben, So beschloss ich einfach es mit aufstehen zu versuchen.

Mein linkes Bein reagierte sofort. Das Rechte, mit dem Gips war schon schwerer. So nahm ich den Gips in beide Hände und hob ihn zum Bettrand hin. Natürlich war dass alles mit Schmerzen verbunden, aber der Wille, alleine auf Toilette zu gehen, war stärker.

Als ich dann fast aufrecht stand, merkte ich ein leichtes Schwindelgefühl. Da musste ich jetzt durch. Ich drückte mich mit den Händen ab und stand, aber nur kurz. Das Gleichgewicht zu halten, war doch schwieriger als ich dachte.

Zweiter Versuch und diesmal blieb ich stehen. Neben dem Eingang zur Station hatte ich eine Toilette entdeckt, aber das hieß auch, mindesten drei – vier Meter ohne etwas zum Stützen zu laufen.

Mit Gipsfuß zu laufen stellte ich mir auch leichter vor. Aber nach dem dritten Schritt hatte ich fast den Durchgang zum Flur erreicht. Erst mal atmete ich tief und, war aber stolz, dass ich es so weit geschafft hatte.

Im Flur selbst hangelte ich mich an der Wand entlang, bis ich die Höhe der Toilettentür erreichte. Ich drehte meinen Kopf und stellte fest, dass ich direkt vor Felix Zimmer stand. Wenn ich schon da war, konnte ich doch einen Blick riskieren.

Vorsichtig drehte ich mich zum Eingang. Wie bei mir hatte Felix ein Bein gebrochen, bei ihm war es da linke und ebenfalls ein Arm war eingegipst. Seine Augen waren geschlossen, er schien zu schlafen.

Aus dem Verband am Kopf schauten wir ein paar blonde Haare hervor. Die Tür hinter mir ging und ich fuhr vor Schreck zusammen.

„Kannst du mir mal verraten, was du hier machst?“, hörte ich leise die Stimme der Nachtschwester.

Ich spürte ihre Hand an meinem Arm und ich drehte mich vorsichtig.

„Ich…, wollte auf die Toilette…“

„Du sollst doch liegen bleiben!“

Sie sah mich an und schien zu merken, was in meinem Kopf los war. Mein Gesicht färbte sich rot.

„Einen Vorschlag. Du hast ja schon einen ganzen ordentlichen Teil geschafft. Ich bring dich jetzt auf die Toilette und wären du dein Geschäft verrichtest, suche ich nach ein paar Krücken, denn so läufst du mir nicht mehr herum.“

Ich nickte und freute mich.

„Wie war dein Name noch mal?“

„Marc.“

„Okay Marc, jetzt stütz dich auf meine Schulter und dann gehen wir ganz langsam zu der Tür hinüber.“

Ich drehte noch einmal den Kopf und schaute zu Felix. Seine Augen waren nun offen und er scharrte mich an. War das ein Grinsen auf seinen Lippen, oder bildete ich mir das ein. Die Schwester zog mich am Arm und riss mich aus den Gedanken.

*-*-*

Ich war die Nacht noch ein paar Mal aufgewacht. Die ungewohnte Bewegungsfreiheit wurde mir im Schlaf zum Verhängnis. Bei jedem Drehen im Schlaf spürte ich die Schmerzen und wurde wach.

Natürlich hinterließ das beim morgendlichen Wecken seine Spuren.

„Du siehst nicht fit aus“, meinte die Nachtschwester, die gerade meinen Puls maß.

„So fühle ich mich auch. Bin laufend aufgewacht.“

„Hast du solche Schmerzen, warum hast du mich nicht gerufen?“

„Nein, wenn ich mich bewege tut es weh.“

„Ach so. Okay, Frühstück kommt gleich.“

So war ich wieder alleine. Da ich schon mal wach war, fuhr ich das Bettoberteil wieder nach oben. Langsam kam die kleine Station wieder in mein Sichtfeld. Draußen war es natürlich noch dunkel,

Die vier oder fünf Betten die belegt waren, waren schwach beleuchtet, sonst war es dunkel. Mein Blick fiel auf meine neu gewonnene Freiheit, sprich die Krücken. Langsam zog ich meine Decke zurück und erneut begann das Prozedere mit dem Aufstehen.

Gut mindestens zwei gefühlte Minuten später stand ich. Mein erster Weg führte mich zum Fenster. Langsam humpelte ich zu der großen Scheibe. Es musste wieder geschneit haben. Ein kleiner Räumwagen fegte über die Wege, die vom großen Parkplatz zum Krankenhaus führten.

Meine Blase machte sich bemerkbar und so humpelte ich Richtung Toilettentür. Als ich gerade dort ankam, wurde die Tür zur Station aufgeworfen. Vor mir stand Theo.

„He, wer hat dir erlaubt aufzustehen und woher hast du die Krücken?“

„Von der Nachtschwester.“

„Sie hat dir erlaubt aufzustehen?“

„Nein, sie hat mir die Krücken besorgt. Aufgestanden bin ich selbst, mir war so langweilig.“

„Du weißt aber schon, dass du eigentlich noch liegen musst.“

Genervt ließ ich meine Augen rollen.

„Dürfte ich jetzt auf die Toilette, sonst mach ich mir in die Hose.“

Theo machte ein Schritt zur Seite und öffnete die Toilettentür. Grinsend ließ er mich alleine.

*-*-*

„Hi Junior“, begrüßte mich Paps, beladen mit zwei Taschen.

„Hi Paps.“

„Ich dachte ich bring dir deine Musik und ein paar Bücher aus deinem Zimmer noch vor der Arbeit vorbei.“

„Das ist lieb von dir, denn ich langweile mich hier noch zu Tode.“

„He, sag so etwas nicht!“

Er zog ein paar Bücher hervor und verstaute sie im Nachtisch. Einige Titel kannte ich nicht und die Bücher sahen relativ neu aus.

„Dass sind nicht meine Bücher.“

„Jetzt schon“, grinste Paps.

Aus der anderen Tasche zog er einen kleinen Laptop heraus.

„Wow, was ist das?“

„Eigentlich dein Weihnachtsgeschenk, aber deine Mutter und ich dachten, du könntest es jetzt schon gut brauchen. In der Tasche sind noch zwei Spiele, die mir der Verkäufer empfohlen hat.“

„Danke.“

Er beugte sich vor und drückte mich sanft.

„Wir sehen uns heute Abend wieder.“

Ich nickte. Er verabschiedete sich noch schnell und war verschwunden. Mit so vielen Dingen ausgestattet sollte meine Langweiligkeit eigentlich besiegt werden. Die Stationstür wurde erneut geöffnet und ich sah Frau Doktor Engel herein kommen. Sie kam direkt zu mir.

„Morgen Marc und wie fühlst du dich heute?“

„Einigermaßen gut.“

„Die Nachtschwester hat mir von deinem nächtlichen Ausflug erzählt. Du bist ganz schön leichtsinnig!“

Ich wurde verlegen.

„Aber es hat einen anderen Grund, Marc, dass ich zu dir komme.“

Neugierig sah ich sie an.

„Wie ich hörte, weißt du wer zwei Zimmer weiter liegt.“

„Felix.“

„Ja Felix.“

„Wie geht es ihm?“

„Den Umständen entsprechend gut. Er hat wie du einen Schutzengel gehabt.“

„Was ist denn genau passiert?“

„Das weiß niemand so recht, weil Felix immer noch schweigt und kein Wort redet. Nur ein älterer Herr kam durch Zufall dazu und sah wie fünf junge Männer wegrannten, er hat auch die Polizei gerufen.“

Ich schaute sie an und wusste nicht, was ich dazu sagen sollte.

„Mir kam der Gedanke…, jetzt wo du wieder mobil bist…, könntest du ihn nicht besuchen und ihn zum Reden bewegen?“

Klar, ich hob geistig mein Diplom für Psychiatrie hoch.

„Meinen sie, ich könnte das?“

„Marc, ich kenne euer beider Vorgeschichte, ihr seid beide im selben Alter…“

Das war eine interessante Neuigkeit.

„… und wenn kein Erwachsener dabei ist, redet es sich bekanntlich leichter.“

Ich musste grinsen, weil sie Recht hatte.

„Würdest du es versuchen?“

„Wenn ich dazu die offizielle Erlaubnis bekomme aufzustehen…“

„Eine Absprache zwischen uns beide…“, meinte Dr. Engel lächelnd.

„Ich versuche es, aber versprechen kann ich es nicht.“

„Musst du auch nicht Marc. Okay, dann werde ich mal wieder meine Runde aufnehmen. Wenn etwas ist, dann melde dich einfach.“

Ich hob mein Ruftaster hoch und lächelte.

„Ach so, bevor ich es vergesse. Er weiß, dass seine Mutter dich angefahren hat.“

„Okay…, meinen Namen auch?“

„Nicht von uns.“

Schon war Frau Doktor verschwunden. Sollte ich gleich hinüber humpeln, oder ihm noch eine Gnadenfrist gewähren. Ich musste grinsen. Unterwegs in Geheimer Mission für die Ärzteschaft.

„Hier ist dein Frühstück“, riss mich Theo aus den Gedanken.

„…ähm… danke.“

„So ich werde Felix kurz füttern, dann kannst du zu ihm.“

Die geheime Mission war keine mehr.

„Okay…“

*-*-*

Das Frühstück war abgeräumt, die Schwestern waren durch und ich widmete mich dem neuen Laptop. Felix hatte Besuch von seiner Mutter. Sie saß schon eine Weile bei ihrem Sohn, aber gesagt wurde nichts.

Ein fallender Stuhl schreckte mich auf und ich sah wie Frau Hennef recht schnell die Station verließ. Ich klappte den Laptop zu und schaute zu Felix hinüber. In seinem Zimmer konnte ich keinerlei Bewegungen ausmachen.

Ich atmete tief durch und stand auf. Es ging nun schon viel besser, als gestern beim ersten Versuch. Mit den Krücken bewaffnet humpelte ich über den Flur, bis ich Felix Zimmer erreichte.

Seine Augen waren geöffnet und ich konnte einzelne Tränen erkennen die über seine Wange kullerten. Mist, das konnte ja heiter werden.

„Hi“, sagte ich leise und humpelte in das Zimmer.

Ich sah, wir er langsam seinen gesunden Arm hob und versuchte sich die Tränen wegzuwischen. Sein Bett war erreicht, so kam ich in sein Blickfeld. Unsere Blicke trafen sich.

„Hi“, sagte ich noch mal.

Seine Augen wanderten nach rechts. Ich sah den Stuhl neben dem Bett liegen. Mich zu bücken hatte keinen Sinn, ich wusste nicht mal, ob ich dann mit eigener Kraft wieder hoch kam. So humpelte ich etwas an die Seite und ließ mich frech aufs Bett fallen.

„Aua… pass doch auf!“

Aha, das Schweigen hat ein Ende.

„Tut mir Leid, einen anderen Platz zum sitzen gibt es ja nicht.“

„Du hättest ja nicht kommen brauchen.“

„Und du könntest etwas freundlicher sein“, gab ich von mir.

„Hat dich niemand gebeten, hier her zu kommen.“

Schlecht gelaunt der Herr. Aber ich konnte den Spieß auch umdrehen.

„Ich wollte nur sehen, wer für meinen Zustand verantwortlich ist.“

„Wieso soll ich Schuld sein?“

Fragend schaute er mich an.

„Bist du, da gibt es nichts daran zu rütteln. Du lässt dich verkloppen, kommst ins Krankenhaus, deine Mutter erfährt davon und fährt mich dann über den Haufen.“

Er sah mich mit großen Augen an und sagte nichts mehr.

„Deswegen bist du schuld.“

Er drehte seinen Kopf weg. Ich hätte jetzt fies sein können und ihn mit kleine tuckige Zicke zu titulieren, aber da ging ich sicher zu weit. Trotzdem musste ich grinsen. Er schaute wieder zu mir.

„Was“, fuhr er mich an.

Felix gefiel mir. Trotz blauer Flecken und jede Menge Kratzer im Gesicht, hatte er etwas, was anziehend war. Sollte ich gleich mit der Tür ins Haus fallen und sagen hi ich bin auch schwul, magst du mich?

„Nichts“, beantwortete ich seine Frage.

„Und warum grinst du dann so dämlich?“

„Schau dich an, dann müsstest du auch grinsen.“

Sein Blick war tödlich, aber das war mir egal.

„Ich leg mich mal wieder hin…, wenn etwas ist, ich liege zwei Zimmer weiter“, meinte ich, stand mühsam auf und verließ humpelnd sein Zimmer.

Deutlich spürte ich seinem Blick im Nacken. Für das, dass er schwieg, hatte er viel geredet.

*-*-*

„Hallo Maaaarc“, sagte Sarah im Flüsterton.

Ich musste grinsen. Mum hatte ihr wohl eingebläut, dass sie hier ruhig sein musste, sonst nicht mich besuchen durfte.

„Hallo Kleine, hab ich dich vermisst.“

„Wann kommst du wieder nach Hause…?“

„Wenn mir es noch besser geht.“

„Tut das weh?“

Sie klopfte sachte auf meinen Gips. Ich schüttelte den Kopf und grinste Mum und Oma an.

„Hallo mein Junge“, sagte sie und umarmte mich leicht.

Sarah war aufs Bett geklettert und saß nun neben mir.

„Da hast du auch noch einen Kratzer“, flüsterte sie weiter und zeigte auf meinen Arm.

„Ich habe ganz viele Kratzer Sarah.“

„Behandeln sie dich hier auch gut“, fragte Oma.

„Dass frühe geweckt werden, macht mir etwas zu schaffen, aber sonst sind hier alle in Ordnung.“

Nun lächelte Oma auch. Ich folgte Mums Blick, die Richtung Felix Zimmer schaute. Frau Hennef war kurz vor Mum gekommen.

„Ich sehe, dein Vater hat dich mit allem eingedeckt, was du so brauchst“, meinte Mum plötzlich und zeigte auf die Bücher und das kleine Laptop.

„Da wollte ich dir auch noch einmal danke sagen, Mum.“

„Mama, dass ist gemein, warum bekommt Marc seine Weihnachtsgeschenke jetzt schon und ich muss warten.“

Ich fiel Mum ins Wort, die gerade ansetzte, etwas zu sagen.

„Weil ich immer brav bin“, beantwortete ich ihre Frage.

„Ich bin auch immer brav!“

„So?“

„Ich kann nichts dafür. Omas Vase ist einfach vom Tisch gekullert und herunter gefallen.“

Oma und Mum grinsten.

„Wir haben eine Vase mit Füßen?“

„Quatsch, das gibt es doch gar nicht“, kicherte Sarah los.

„Wie konnte sie dann kullern?“

„Weil ich mit meinem Farbkasten dran gestoßen bin.“

„Aha!“

„Komm Kind, Oma will gucken, ob wir hier ein Kaffee bekommen, vielleicht gibt es auch etwas für dich.“

„Au ja!“

„Sarah“, sagten Oma, Mum und ich gleichzeitig. Dies war wieder die alte Sarah und eine Spur zu laut. Selbst Frau Hennef schaute zu uns herüber.

„Was habe ich dir gesagt, junge Dame?“, fragte Mum mahnend.

„Ich soll leise sein!“, sagte Sarah und rutschte vom Bett.

Oma nahm sie an die Hand und gemeinsam verließen sie die Station.

„Hallo mein Schatz. Tut mir Leid, nach dem Dein Vater gesagt hatte, dir geht es soweit gut um Besuch zu empfangen, konnte ich Sarah nicht mehr davon abhalten, dich besuchen zu wollen.“

„Ist doch nicht schlimm, Mum. Ich habe die Kleine auch vermisst, auch wenn sie eine Nervensäge ist.“

Mum lächelte und wuschelte mir über den Kopf. Wieder fiel ihr Blick zu Felix hinüber.

„Hast du schon mit Frau Hennef geredet?“, fragte ich.

„Warum sollte ich?“

„Mum, du sagst selber immer man soll eine Frage nicht mit einer Frage beantworten.“

„Warum soll ich mit der Frau reden?“

„Du bist immer noch sauer auf sie oder?“

Mum atmete tief durch und setzte sich auf den Stuhl neben meinem Bett.

„Sie hat dich fast auf dem Gewissen. Ich bin nicht dein Vater und kann das mal gerade so wegstecken. Ich hätte dich fast verloren.“

„Hätte! Hast du aber nicht, ich bin noch da.“

Ich sah sie aufmunternd an und sie nickte.

„Frau Hennef hat es schwer. Bisher habe ich noch keinen Mann gesehen, der Felix besucht und Felix selbst ist nicht gerade eine Zierde.“

„Wieso sagst du das, du kennst doch den Jungen überhaupt nicht.“

„Ich war bei ihm drüben und er war nicht gerade freundlich und einmal ist seine Mutter auch weinend weggerannt.“

Mum schaute hinüber und dann wieder zu mir.

„Schau mich nicht so an!“, meinte sie.

„Das hatten wir schon einmal.“

„Hä?“

„Hat Paps auch gesagt…, gestern.“

„Und was wolltest du denn von ihm?“

„Warum sollte ich von ihm etwas wollen?“

„Marc Vincent Beuscher, ich kenne dich genau und wenn du so schaust, willst du etwas.“

Autsch! Wenn Mum mich beim ganzen Namen ansprach, hatte ich meist keine guten Karten.

„Gut, ich werde mit der Frau reden, aber verspreche dir nichts davon!“

Danke“, grinste ich.

Gewonnen! Sie stand auf, zog ihren Strickpulli zu Recht und lief hinüber. Ich sah wie sie an dem Eingang zu Felix Zimmer stehen blieb. Frau Hennef stand auf und ging zu Mum. Sie schüttelten die Hände.

Dass sie miteinander redeten war deutlich zu sehen, aber ich verstand leider lein Wort. Dass es aber um Felix gehen musste, sah ich daran, dass beide laufend zu ihm schauten. Die Tür zur Station wurde aufgestoßen und Oma kam mit Sarah zurück.

Sie sah Mum nicht und lief direkt wieder zu mir.

„Wo ist Mami?“, fragte sie an einem Schokoladenlolli leckend.

„Bei der Frau da drüben.“

„Was will sie von der?“

„Mit ihr reden…“

„Dass ist deiner!“, meinte sie dann und drückte mir einen Lutscher aus Schokolade in Weihnachtsmannform in die Hand.

Oma setzte sich auf den Stuhl, wo vorher Mum saß.

„Du hast alles?“, fragte sie.

„Ja Oma…“

Sie schaute etwas traurig.

„Dein Vater meinte, dass du vielleicht an Weihnachten noch nicht zu Hause bist.“

„Ja, dass hat mir die Ärztin auch gesagt.“

„Schade.“

„Ich weiß Oma, dass es schade ist, aber die hier werden schon ihre Gründe haben, mich hier zu behalten.“

„Ich habe mich so sehr auf ein Weihnachten mit euch gefreut.“

„Mum und Paps sind da und Sarah auch…“

Sie nickte. Sarah saß still auf meinem Bett, lutschte an ihrem Schoko und beobachtete Mum.

„Woher kennt Mami die Frau?“

„Die Frau hat auch einen Sohn und der liegt da drüben im Bett.“

„Ist der auch überfahren worden?“

„So ungefähr“, antwortete ich.

Ich wollte ihr nicht erzählen, dass Felix verprügelt worden war. Sarah währenddessen sprang vom Bett und verließ mein Zimmer.

„Sarah…, bleib hier!“, rief ich, doch die junge Dame hatte ihren eigenen Kopf.

Ich sah ihren Blondschopf, der sich langsam Mum näherte. Sie blieb aber nicht bei Mum stehen, sondern ging an ihnen vorbei ins Zimmer von Felix. Mum und Frau Hennef schienen dass nicht zu merken.

Sarah stand eine Weile an Felix Bett. Plötzlich rannte sie aus dem Zimmer und kam wieder zu mir zurück.

„Du Maaarc…, der Junge da drüben hat gar kein Weihnachtsmann…, ich nehm deinen!“

Schneller als ich reagieren konnte, griff sie nach meinem Lutscher und rannte wieder zu Felix zurück.

„Sarah bleib hier!“, rief ich abermals, doch sie hörte nicht.

Am liebsten wäre ich aufgestanden und wäre ihr nachgelaufen, aber mit dem Gipsfuß unmöglich. So blieb mir nur eins, sie zu beobachten. Besser gesagt ihren Blondschopf, der knapp über die Fenster ragte.

Wieder nahmen die zwei Frauen keine große Notiz von Sarah. Nun sah ich, wie Sarah auf Felix Bett krabbelte.

„Oma, tut mir Leid, aber ich muss da Sarah heraus holen“, meinte ich und machte mich ans Aufstehen.

„Du bleibst liegen, ich werde sie holen.“

Ich atmete tief durch und nickte. Oma stand auf und folgte Sarah. Bei den zwei Frauen blieb sie stehen und deren Köpfe drehte sich Richtung Sarah. Aber nichts geschah. Mum, Oma und Frau Hennef blieben stehen und unterhielten sich anscheinend weiter, während Sarah unbehelligt weiterhin auf Felix Bett saß.

Hallo? Was sollte das jetzt? Ich saß alleine hier in meinem Bett und mein Besuch war bei Felix. Theo kam auf die Station. Er schaute sich kurz die Gruppierung an und kam dann zu mir.

„Du fährst wohl gerne volles Geschütz auf“, meinte er und nahm meinen Arm in die Hand.

„Hä?“

Theo zeigte auf meine Mutter.

„Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, oder nicht ganz, ach ist ja auch egal.“

Ich hatte mich etwas im Ton vergriffen.

„Entschuldige…“

„Schon gut, aber was meintest du, mit nicht ganz?“

„Ich wollte bloß, dass Mum mit Frau Hennef spricht und nicht mehr sauer auf sie ist, dass die mich angefahren hat.“

„Und wer ist die blonde Kleine?“

Theo legte mir eine Manschette an und wollte meinen Blutdruck messen.

„Das ist meine kleine Schwester… Sarah.“

„Goldig die Kleine.“

Ich hörte Sarahs Gelächter bis hier her. So langsam war ich sauer, aber eher weil ich nicht an Felix Bett ziehen konnte.

„Blutsruck ist normal, nur dein Puls ist etwas erhöht“, meinte Theo und sah mich an.

„Was?“

„Lass es langsam angehen!“, antwortete er und ließ mich alleine.

Er ging direkt zu Felix und schien auch bei ihm den Blutsdruck zu messen. Sarah blieb die ganze Zeit auf dem Bett sitzen. Ich war wirklich kurz davor, aufzustehen, als Mum die Hand von Frau Hennef schüttelte.

Sie sagte etwas zu Sarah, die aber wild den Kopf schüttelte. Dann kam sie mit Oma zurück. Ich schaute weiterhin zu Sarah hinüber.

„Eine nette Frau“, meinte Mum zu Oma.

„Sie hat es nicht leicht. Den Jungen alleine erziehen, arbeiten gehen, den Haushalt.“

„Da gebe ich dir Recht.“

Ich schaute die beide fragend an. Oma setzte sich wieder auf den Stuhl und Mum lehnte sich an mein Bett.

„Frau Hennef ist alleinerziehend. Ihr Mann hat sie vor ein paar Jahren sitzen lassen…“

„Oh…“

*-*-*

Mum, Oma und Sarah waren schon eine Weile weg. Ich war aufgestanden und mit der Hilfe der Krücken auf dem Weg zu Felix. Am Eingang blieb ich stehen.

„Hi.“

Felix schaute mich kurz an und drehte dann den Kopf weg. Ich humpelte weiter und ließ mich auf den Stuhl neben seinem Bett fallen, was mir meine Rippen gleich lohnten. Ich verzog das Gesicht und hoffte, dass die Schmerzen bald nach ließen.

„Warum tust du das?“, fragte Felix.

Ich schaute auf.

„Was?“

„Du hast Schmerzen wie ich und trotzdem kommst du hier her, anstatt im Bett liegen zu bleiben.“

Mein Blick ruhte auf seinem Gesicht, doch war ich wusste keine Antwort darauf.

„Wenn du dir irgendwie Hoffnung machst…, dass zwischen uns was laufen könnte…, dann bist du schief gewickelt…“

„Hoffnungen hat man, wenn man sich in jemand verliebt hat. Dich kenne ich ja nicht mal richtig.“

„Dann ist das ja geklärt.“

„Das andere nicht…“

„Was?“

„Wer dich so zu gerichtet hat.“

Felix drehte den Kopf weg, schaute auf die andere Seite. Ich lehnte mich etwas vor.

„Ist es dir egal, dass die Typen frei herum laufen und du hier ans Bett gefesselt bist, nimmst du das einfach so hin?“

Felix atmete tief durch, sein Körper zitterte.

„Du… du verstehst das nicht…“, sagte er mit leiser, weinerlicher Stimme.

„Was soll ich verstehen…?“

„Wenn man liebt…“

„Sorry, dass ich da kein Experte bin… ich noch nie einen Freund hatte…“

Ich wurde leicht säuerlich.

„Wenn dir das Scheiß egal ist, wer dich zusammenschlägt, dann werde gesund, wandere aus dem Krankenhaus und warte bis sie wieder kommen…, vielleicht stehst du ja auch darauf geschlagen zu werden…“

Ich wollte aufstehen, aber meine Arme ließen mich im Stich. Meine Krücken flogen zu Boden.

„Scheiße!“, brüllte ich sauer.

Ich beugte mich nach vorne um die Krücken aufzuheben. Die Ungelenkigkeit wegen meines Gipses strafte mich und ich verlor das Gleichgewicht. Mit voller Wucht knallte ich auf den Boden.

„Au… scheiße tut das weh“, fluchte ich.

Ich hörte es aus dem Bett lachen.

„Arsch!“

„Au“, hörte ich Felix.

„Was?“

„Das Lachen tu weh.“

„Geschieht dir Recht!“

Ich fühlte mich wie ein dicker Käfer der auf dem Rücken lag und nicht mehr aufkam. Nur dass ich auf dem Bauch lag.

„Ich… ich liebe ihn…“, gab Felix plötzlich von sich.

„Hä?“

Irgendwie brachte ich es fertig mich aufzusetzen. Keuchend und mit Schmerzen lehnte ich an die Wand.

„Ich kann… nichts für meine Gefühle…“

„Von was redest… du?“

„Andreas…, ich habe mich ihn verliebt. Wir machen oft zusammen Sport… joggen und so.“

„Weiß Andreas dass du ihn liebst?“

Ein kurzes Schweigen von Felix folgte. War die Frage zu direkt?

„Sieht…, sieht man das nicht? Schau mich an…“

„Entschuldige…, ich habe einen schlechten Blickwinkel vom Boden.“

Ich hörte ein trauriges Lachen.

„Warum hat dir Andreas das angetan…“

„Er… er hat nichts getan…, er stand nur dabei…“

„Er hat zugeschaut wie dich andere verprügeln?“

Wieder folgte keine Antwort.

„Dann ist er genauso Scheiße wie die anderen, die dich so zugerichten haben!“

„Ich… ich liebe ihn aber… immer noch.“

„Du bist ganz schön durch geknallt, weißt du das?“

„Scheiße… ich kann nichts dafür.“

Die Tür zur Station ging auf und Theo kam herein. Natürlich sah er mich sofort.

„Mensch Marc, was machst du denn?“, rief er und kam gleich zu mir gerannt.

„Er… er wollte mein Bett von unten sehen“, gab Felix von sich.

Ich konnte nicht anders und fing an zu kichern, was mir die Rippen natürlich gleich übel nahmen. Felix fing auch an zu lachen.

„Ihr seid mir zwei Witzbolde“, meinte Theo und half mir auf.

„Ich sollte dir die Krücken wegnehmen und dich ans Bett fesseln…, du bist ganz schön leichtsinnig junger Mann.“

Theo war leicht angesäuert.

„Ich hätte gute Lust mit deiner Ärztin zu reden, dass sie dir das Laufen wieder verbietet!“

„Theo…, es ist doch nichts passiert…“, meinte ich.

„Es hätte aber etwas passieren können. Ich weiß nicht, wie es mit deinem Halswirbel aussieht, aber du musst es nicht herausfordern, oder willst du gelähmt?“

Theo sprach sich in Rage. Er führte mich ohne meine Krücken zurück zu meinem Bett. Felix beobachtete die Szene wortlos, während mein Krankenpfleger mich vorsichtig auf mein Bett legte.

„So und da bleibst du jetzt liegen, keinen Ausflug heute mehr…“

„Ja Papa…“, konnte ich mir nicht verbeißen und fing wieder an zu kichern.

„Och du…“, weiter sprach er nicht mehr und ließ mich alleine.

„Und du bist nicht besser“, rief er zu Felix und verließ die Station wieder.

*-*-*

Unsanft wurde ich wach gerüttelt. Ich öffnete die Augen und konnte Theo und eine Schwester wahr nehmen.

„Guten Morgen…“, brummte ich und rieb mir die Augen.

„Ob der Morgen gut wird, steht in den Sternen!“

Oh, da war wohl noch einer sauer. Trotzdem verstand ich nicht, was die beiden da machten.

„Was ist los…?“

„Du wirst umquartiert!“, sagte Theo barsch.

Auf einmal war ich hell wach.

„Wieso denn das?“

„Ein Zimmer ist frei geworden und ihr beide kommt da hin.“

„Wir beide?“

„Felix und du! Dann wird es hier wenigstens wieder leiser und ich habe meine Ruhe.“

Die Schwester kicherte leise.

„Jetzt schau mich nicht so an. Ihr zwei seid richtige Nervensägen! Mein guter Anstand verbietet mir Zicken zu euch zu sagen.“

Das war es. Nun fing die Schwester laut an zu lachen.

„Danke aber auch!“, meinte ich eingeschnappt.

„Bitte gern geschehen!“

Sprachlos sah zu, wie meine Sachen aus dem Schrank befördert und auf meinem Bett verteilt wurden. Der Nachtisch wurde zusammengeklappt und an meinem Bett die Bremsen gelöst.

„… ähm… sehe ich dich dann nicht mehr?“, fragte ich Theo leise, der hinter mir das Bett schob.

„Nein, ich bin Pfleger hier auf der Intensiv, mit den normalen Stationen habe ich nichts zu tun.“

„Schade…“

„Mal sehen, wenn du ganz lieb bist, dann besuche ich dich vielleicht.“

Ich drehte meinen Kopf wieder nach vorne und sah zu, wie ich die Intensiv verließ.

Eine Viertelstunde später stand ich in einem anderen Zimmer, meine Sachen wurden verräumt und nun war ich alleine. Der Blick aus dem Fenster war zwar ein anderer, aber auch hier war alles Schneebedeckt.

Es dauerte noch eine Weile, bis die Zimmertür sich wieder öffnete und nun auch Felix herein geschoben wurde. Er hatte nicht so viele Sachen wie ich, lediglich eine Tasche und Waschzeug lagen neben seinem Gipsfuß.

Als alles fertig war, drehte sich Theo zu uns um.

„Ich wünsche den Herren eine baldige Genesung und noch einen schönen Tag!“

Mit diesen Worten verschwand er. Eine Schwester kam dafür herein.

„Hallo ihr zwei, ich bin Schwester Brigitte, wenn etwas ist, dann einfach Knopf drücken.“

Ich nickte und schon waren wir wieder alleine. Mein Blick wanderte zu Felix, dessen Blick an die Decke gerichtet war.

*-*-*

Es klopfte an der Tür und sie wurde aufgezogen. Mum und Paps erschienen im Blickfeld mit Frau Hennef im Gefolge.

„Da seid ihr ja“, kam es von Mum, „wir sind ganz schön erschrocken, als wir eure Betten leer vorfanden.“

Ich schaute kurz zu Felix, dessen Gesicht aber völlig ausdruckslos blieb.

„Hallo Felix“, sagte Paps und kam zu mir.

„Hallo Sohnemann“, begrüßte er mich und umarmte mich.

Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, wie Felix‘ Blick traurig wurde. Frau Hennef begrüßte ihren Sohn mit einem Kuss auf die Wange, aber er schaute dabei angewidert weg.

„Hallo Marc“, meinte Mum und gab mir ebenfalls ein Kuss.

„Da kann ja Sarah ohne Probleme dich besuchen kommen, wenn du nicht mehr auf der intensiv liegst.“

„Ich weiß nicht…“

„Was?“

„Mum ich weiß gar nicht ob sie mich besuchen will, von Felix scheint sie ja mehr angetan zu sein.“

Meine Eltern grinsten und beide schauten Richtung Felix. Ich ebenfalls und sah gerade noch, wie Felix mir die Zunge heraus streckte.

„Oh die Herren verstehen sich ja schon gut“, merkte Paps an, „ach bevor ich es vergesse, deine Mutter hat die Idee gehabt, Judith zu Weihnachten zu uns einzuladen.“

„Wer ist Judith?“

„Ich…“, meldete sich Frau Hennef zu Wort.

„Da ihr beide hier seid und Judith alleine zu Hause sitz, dachte ich, eine Einladung wäre für beide Seiten sehr gut“, erklärte Mum.

Beide Seiten? Das soll jetzt einer Verstehen.

„Was hältst du davon, Felix?“, fragte Judith.

„mmm…“, brummelte er nur.

Dass ihr die Antwort ihres Sohnes peinlich war, konnte man ihr ansehen.

„Wolltet ihr zwei nicht in die Cafeteria?“, fragte Paps.

„Ach ja“, stieg Mum darauf ein, um ebenfalls die Situation zu retten, „komm Judith, der Kaffee soll toll sein, hat mir meine Schwiegermutter gesagt.

Die zwei Frauen standen auf und verließen unser Zimmer.

„So, nun zu dir junger Mann“, begann Paps und wandte sich an Felix.

„Deine Mutter hat es schon schwer genug…“

„Ist das meine Schuld?“, gab Felix patzig von sich.

„Ja!“

Er drehte sein Kopf und schaute meinen Vater direkt in die Augen.

„Warum bin ich schuld, dass zu Hause alles schief läuft. Ich bin nicht abgehauen und habe die Familie sitzen lassen…“

Felix Augen wurden feucht.

„Deine Mutter auch nicht!“

Ich verstand Paps nicht, warum ließ er Felix nicht in Ruhe. Er sah doch sicher auch, dass dies ihm nicht gut tat.

„Ach… was wissen sie schon…, was geht sie das überhaupt an?“

„Da hast du Recht, mich geht das nichts an. Ich mag es nur nicht, wenn andere ungerecht behandelt werden und Fehler anderer ausbaden müssen.“

Mir fiel das erzählte von Felix ein.

„Ich muss auf Toilette“, log ich, griff nach meinen Krücken und verließ ohne weiteren Ton das Zimmer.

Vor dem Zimmer schaute ich nach dem Schwesterzimmer, wo mich mein nächster Weg hinführte.

„Marc…, was kann ich für dich tun, du hättest doch bloß läuten brauchen“, kam es von Schwester Brigitte, die mit zwei anderen Schwestern im Zimmer saß.

„Eben nicht…, ist es möglich Frau Doktor Engel zu sprechen?“

„Wieso…, geht es dir nicht gut, hast du wieder Schmerzen?“

„Nein, ich müsste sie nur dringend alleine sprechen.“

Die Frauen vor mir schauten sich untereinander an. Dann griff Schwester Brigitte und wählte eine Nummer. Sie schien ihr gegenüber zu erreichen und sprach mit demjenigen.

„Okay, mache ich sofort. Bis gleich …“

Sie legte auf und schaute mich an.

„Ab in den Rollstuhl!“

„HÄ?“

„Du setzt dich jetzt in den Rollstuhl und ich bring dich zu Dr. Engel.“

„… öhm okay…“

Also setze ich mich in den Rollstuhl, was sich mit dem Gips nicht so einfach erwies. Nach ein paar kleinen Umbauten seitens Schwester Brigitte am Rollstuhl und die Fahrt konnte losgehen.

Ein viertel Stunde später fuhr sie mich in das Sprechzimmer der Ärztin.

„Ah… hallo Marc, was ist so wichtig, dass ich nicht zu dir kommen sollte?“

Ich schaute zu Schwester Brigitte. Sie verstand meinen Blick.

„Wenn sie mich wieder brauchen einfach rufen, ich muss wieder hinunter.“

Dr. Engel nickte ihr zu und Brigitte verließ das Zimmer.

„So Marc, wir sind alleine, wo drückt der Schuh?“

„Es geht um Felix, sie meinten, wenn ich etwas erfahre, soll ich es ihnen sagen.“

„Du hast etwas aus Felix heraus bekommen? Moment, ich muss kurz telefonieren.“

*-*-*

Ich verstand nicht, warum ich warten sollte, auf alle Fälle wurde der Rollstuhl langsam unbequem. Es klopfte an der Tür, welche auch gleich aufgezogen wurde.

„Hallo Herr Sörens, dass ging aber schnell“, kam es von Dr. Engel.

„Aber auch nur, weil ich zufällig in der Nähe zu tun hatte.“

Die beide begrüßten sich per Handschlag. Woher kannte ich den Namen Sörens.

„Das ist Marc, der mit Felix ein Zimmer teilt“, stellte mich Dr. Engel vor.

Dieser drehte sich zu mir und reichte mir ebenso die Hand.

„Hallo Marc, ich bin Hauptwachtmeister Phillip Sörens und ich ermittle wegen Felix…“

„Dass er zusammengeschlagen wurde…“, unterbracht den Polizisten.

„Frau Dr. Engel meinte, du könntest etwas zur Ermittlung beitragen.“

Ich nickte und atmete tief durch, denn plötzlich war ich über meine Idee, dass mir anvertraute weiter zu erzählen nicht mehr so begeistert. Ich wusste ja nicht, wie die beiden auf Schwulsein reagieren.

„…ähm… haben sie etwas… gegen Schwule?“, fragte ich ganz direkt.

„Nein!“, lächelte mich der Polizist an.

„Aha…“

Der Polizist zog etwas aus seiner Hosentasche und öffnete es. Dies hielt er mir vors Gesicht.

„Dies ist mein Lebenspartner… heißt Fabian…“

Dr. Engel zog die Augenbraun hoch und grinste nun ebenso, wie dieser Sörens, der das Bild wieder wecksteckte. Okay…, ich entschloss mich dann ihnen alles zu erzählen.

„Also…, es geht darum, dass Felix sich verliebt hat… in einen Andreas, mit dem er viel unternimmt…, oder unternahm. Dieser Andreas stand dabei, als die anderen vier ihn zusammen schlugen.“

„Kennst du den Nachnamen?“, fragte Sörens.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Gut, ich denke, dass wir kein Problem sein. Frau Hennef wird den jungen Mann sicherlich kennen.“

„Die ist mit meiner Mutter in der Cafeteria.“

„Das trifft sich gut, dann werde ich mich gleich auf den Weg machen…Dr. Engel… Marc.“

„Es gibt da noch ein Problem…“, warf ich noch ein.

„Ja?“

„Felix liebt Andreas immer noch…“

„Oh…“, kam es fast gleichzeitig aus den Mündern der Erwachsene.

*-*-*

Felix lag weinend auf seinem Bett, als ich das Zimmer kam. Mein Vater hielt seine Hand und drehte den Kopf zu mir.

„Du warst lange weg“, stellte er fest.

Ich nickte und humpelte müde zu meinem Bett. Der Ausflug hatte mich doch sehr angestrengt. Gerade als ich mich in mein Bett fallen ließ, ging die Tür auf und unsere Mütter kamen zurück.

Natürlich fiel denen der Gemütszustand von Felix sofort auf.

„Mum…“, kam es plötzlich von Felix.

Judith ging zu ihrem Sohn und setzte sich auf sein Bett.

„…es tut mir so Leid…, ich wollte dir kein Ärger machen…“, schluchzte Felix.

Judith nahm ihren Sohn vorsichtig in den Arm. Natürlich ließ mich diese Szene nicht kalt. Mir kullerten ebenso die Tränen herunter. Paps wuschelte mir über den Kopf und meine Eltern lächelten mich beide an.

*-*-*

Draußen war schon dunkel geworden. Es brannte nur Felix Lampe. Seit dem Vorfall heute Mittag hatte er kein Wort mehr gesprochen, nur ein leises Schluchzen war zu hören.

„Felix…?“

„Hm…?“

„Geht es wieder…?“

Er drehte den Kopf zu mir. Seine Augen waren rot. Man hatte ihm am späten Nachmittag den Kopfverband abgenommen und nur noch ein großes Pflaster zierte seine Stirn. Seine blonden Haare hingen ihm wirr ins Gesicht.

„Wie würdest du dich fühlen, wenn du brutal nieder geschlagen wurdest?“

„Ungefähr so, wenn man von einem Auto um gemäht wurde.“

Er sah mich lange an. Anscheinend wusste er keine Antwort darauf. Ich versuchte mich, so gut es ging mit dem Gips, in seine Richtung zu drehen.

„Ich weiß…, ich nerve dich vielleicht…, aber wäre es nicht doch besser, der Polizei zusagen, was… Andreas gemacht hat?“

Felix Kopf drehte sich und er schaute wieder zur Decke.

„Tut mir Leid, Felix…“

„… muss es nicht…, irgendwie hast du ja Recht…, aber ich kann es nicht…“

„… und wenn ich es für dich machen würde?“

„Wieso du…? Du hast doch nichts damit zu tun.“

„Das kommt auf die Sichtweise an… oder?“

„Sichtweise?“

„Wenn dieser Typ nicht ausgetickt wäre, wärst du nicht zusammengeschlagen worden, deine Mutter wäre nicht ins Krankenhaus gerast und ich wäre nicht umgenietet worden. Wie eine Kettenreaktion…“

„Da hat einer in der Schule aufgepasst…“

„Also habe ich indirekt etwas damit zu tun… und…“

„Was und?“

Mich wunderte die ganze Zeit, dass Felix überhaupt nicht mehr aufbrausend und abweisend war.

„… naja… du bist…“

„WAS?“

„Du bist mir nicht völlig egal.“

Felix seufzte.

„Marc…, schlag dir das aus dem Kopf. Okay?“

Dieses Mal seufzte ich und drehte mich weg.

„Wusstest du, dass der Bulle, der in deiner Sache ermittelt schwul ist?“

„Echt?“

„Ja, er hat mir sogar ein Bild von seinem Freund gezeigt.“

„Aha… und wann war das?“

„Heute Mittag.“

„Ich habe gar nicht mitbekommen, dass der hier war…“

„Konntest du auch nicht. Ich habe ihn bei Dr. Engel getroffen.“

„Warum warst du bei Dr. Engel?“

„Ich… ich habe ihr von dir erzählt… wegen Andreas.“

„Du hast WAS? Bist du kirre? Was soll der Scheiß – Au!“

Da war wieder dieses Aufbrausen und wurde gleich durch Schmerz bestraft.

„Reg dich ab…!“

Die Tür ging auf und eine Schwester kam herein.

„Was ist denn bei euch los? Könntet ihr etwas leiser sein? Man hört euch auf dem gesamten Flur.“

Schuldbewusst schaute ich zu Felix, obwohl nur er laut geworden war, aber durch meine Schuld. Die Dame ließ uns ohne ein weiteres Wort zu verlieren wieder alleine. Felix schaute mich böse an.

„Komm Felix… bitte… so kann es doch nicht weiter gehen“, sagte ich im Flüsterton.

„Du verstehst mich nicht…“, flüsterte er sauer zurück.

„Wie denn auch…, dass ist doch krank. Wie kann man in jemand verliebt sein, der einen zusammen schlagen lässt?“

„Danke… gut bin ich halt krank.“

Er war wieder lauter geworden.

„Jetzt hör auf! Du weist ganz genau wie ich das meine!“, erwiderte ich ebenso laut.

Wieder wurde die Tür aufgerissen.

„So geht das nicht Jungs, entweder ihr seid jetzt ruhig, oder einer von euch schläft auf dem Flur!“

Dieses Mal schloss die Schwester unsere Tür heftiger und ich fragte mich, ob dass nicht störte. Felix hatte sich weggedreht. Also war Sendepause und ich wollte nicht auf dem Flur schlafen.

So versuchte ich mich bequem hinzulegen und schloss die Augen. Wenig später wurde die Tür abermals geöffnet.

„Ich weiß nicht, ob sie von den zwei Streithähnen eine Information bekommen werden“, hörte ich die Stimme der Schwester.

Ich schaute auf und sah diesen Sörens und einen Mann der so aussah wie der Typ auf der Fotografie, die mir Sörens am Mittag zeigte. Die Schwester ließ uns alleine.

„Hallo Jungs.“

„Hallo Herr Sörens“, sagte ich.

„Ich bin nicht mehr im Dienst… ich heiße Phillip und das ist mein Freund Fabian.“

„Hallo“, meinte Fabian und gab mir und Felix die Hand, der mittlerweile ebenfalls aufmerksam geworden war.

Die zwei zogen sich Stühle heran und setzten sich zu uns.

„Felix, zu allererst… ich finde es toll, dass du, einen Menschen, den du liebst schützen willst.“

Felix wollte etwas sagen, aber Phillip hob die Hand.

„Dass Marc mir alles erzählt hat, darfst du ihm nicht krumm nehmen. Die fünf Jungs haben eine schwere Straftat begangen und es hätte für dich viel schlimmer ausgehen können. Wir können froh sein, wie mir Frau Dr. Engel erklärte, dass du am Leben bist. Willst du, dass die ungeschoren davon kommen?“

„Phillip, das hat keinen Sinn, ich habe es auch versucht“, meinte ich.

Felix schaute mich an. Es war nicht sauer, sondern ich sah Angst in seinen Augen.

„Felix…“

Dieses Mal war es Fabian, der seine Worte an Felix richtete.

„Als ich damals Phillip kennen lernte, war ich in einer ähnlichen Situation, wie du jetzt und ich hatte ebenso Angst. Gut ich wurde nicht verprügelt, aber auf mich wurde geschossen. Aber Phillip schaffte es, dass ich ihm vertraute und der Fall wurde gelöst.“

„Auf dich wurde geschossen?“, fragte Felix entsetzt.

Fabian nickte.

„Aber dass tut jetzt nichts zur Sache, Phillip kann euch ja irgendwann die Geschichte erzählen, was ich nur sagen wollte, vertrau Phillip, mach das, was er dir vorschlägt, damit dir geholfen werden kann.“

Felix schaute mich an. Zu seinem ängstlichen Blick kam Ratlosigkeit dazu.

„Lass dir bitte von Phillip helfen… auch wenn du für Andreas noch etwas empfindest.“

„Marc hat Recht“, kam es von Phillip, „auch wenn du dass jetzt noch nicht siehst, irgendwann kommt einer, der deine Gefühle erwidert…, in dich verliebt ist.“

Ich lächelte verlegen.

„… oder schon tut.“

*-*-*

Phillip und Fabian waren gegangen und seitdem hatten Felix und ich kein Wort gewechselt. Nur der Schein seiner Lampe erhellte das Zimmer und außer einem leisen Wimmern von Felix war es völlig ruhig.

Etwas genervt schlug ich meine Decke zurück, hob meinen Gips an den Rand und rutschte leicht aus dem Bett. Langsam griff ich nach Felix’ Bett und hangelte mich so hinüber. Der Tag war anstrengend für mich und so ließ ich mich matt auf sein Bett gleiten.

Er reagierte nicht, sondern blieb so auf der Seite liegen, wie die ganze Zeit. Sein Arm lag auf der Decke. Zögernd legte ich sanft meine Hand darauf. Er zuckte zusammen und sein Wimmern verstummte.

„Felix…, es tut mir Leid, wenn ich dich verletzt habe oder verärgert. Aber so kann es doch mit dir nicht weiter gehen…“

Er drehte seinen Kopf zu mir und schaute mich mit verweinten Augen an.

„Warum…? Warum darf ich ihn nicht lieben?“

Sein Körper bebte und er schluchzte erneut auf.

„Weil er dir nicht gut tut…, weil er dich hasst.“

„Er hasst mich nicht!“

„Aus Liebe wird er dich sicher nicht zusammen schlagen lassen haben.“

Der Blick von Felix war fast tödlich, aber er wich…, änderte sich. Ich sah wieder die Angst, wie vorhin als Phillip da war.

„Was…, was soll ich jetzt tun?“

„Auf Phillip hören…“

„Das… meine ich nicht.“

„Was sonst?“

„Was wird jetzt werden…, jeder hat mitbekommen, was passiert ist. Jeder weiß dass ich schwul bin.“

Ich nahm seine Hand.

„Felix, ich kann mir nicht vorstellen, dass jeder jetzt weiß, dass du schwul bist. Weder von Andreas, der sicher nicht damit hausieren ging, dass er dich deswegen hat verprügeln lassen, noch dass in der Schule jemand was gesagt hat, dass du wegen deinem Schwul seins im Krankenhaus liegst.“

„Denkst du… wirklich?“

„Bin ich mir fast sicher.“

Felix atmete tief durch.

Vielleicht sollten wir versuchen zu schlafen…“, meinte ich und wollte mich schon erheben, als Felix meine Hand festhielt.

„Kannst…, kannst du noch…“

„Was?“

„… bei mir sitzen bleiben? Ich habe Angst…“

Ich blieb bei ihm sitzen und nickte ein.

*-*-*

„Erst streiten sie sich den ganzen Abend und jetzt liegen sie wie ein Herz und eine Seele beieinander“, hörte ich die Stimme der Nachtschwester.

Erschrocken fuhr ich hoch, was ich natürlich sofort bereute.

„Langsam junger Mann, jetzt ist es eh zu spät.“

„… zu spät…, für was?“, hörte ich Felix neben mir brummen.

„Den Erschrockenen zu tun“, antwortete die Nachtschwester, „ ich bin eh nur gekommen, um nach Felix zu schauen. Aber vielleicht solltet ihr die Bett zusammenschieben, dass wär es bequemer.“

Nachdem die Schwester Felix‘ Puls gemessen hatte, verschwand sie mit einem Lächeln. Sie hatte Recht, bequem hatte ich nicht gelegen und mir tat irgendwie alles weh.

„Tut mir Leid…“

Ich sah zu Felix. Ihm schien es etwas besser zu gehen, zumindest hatte seine Augen wieder normales Aussehen.

„Was tut dir Leid?“

„Dass du jetzt Ärger wegen mir hast und…“

„Halt kein Wort weiter! Es war meine eigene Entscheidung bei dir sitzen zu bleiben und es ist auch meine eigene Schuld, dass ich neben dir eingeschlafen bin. Dir kann Leid tun, dass mir jetzt alles weh tut!“

Sah ich richtig, oder war dass ein kleines Lächeln auf Felix‘ Mund?

„Vielleicht sollten wir die Betten wirklich zusammen schieben“, meinte ich und nun grinste er.

„Ja und jeder denkt, die liegen da wie ein altes Ehepaar“, sagte er und zum ersten Mal sah ich Felix richtig lachen.

Seine Augen funkelten.

„Wie spät haben wir es eigentlich?“, fragte Felix.

Ich sah auf die Uhr auf meinem Nachtisch.

„Du meinst wohl früh…, es ist halbsechs morgens.“

Entgeistert schaute er mich an.

„Du hast die ganze Nacht bei mir verbracht?“

Meinte er die Frage jetzt Ernst?

„Scheint so…“, antwortete ich und hangelte mich in mein Bett zurück, dass jetzt natürlich kalt war.

Felix sah mich an.

„Was ist?“

„Mein Bett ist kalt.“

„Meins schön warm.“

Ich streckte ihm die Zunge heraus.

*-*-*

Mein Paps kam herein und blieb erst einmal kurz stehen.

„… ähm hallo Jungs… Ich habe eigentlich gestern Felix ins Gewissen geredet, damit er wieder klarer sieht…, aber das ihr gleich die Betten zusammenschiebt…, dass erstaunt jetzt sogar mich.“

Er schloss die Tür und kam auf meine Seite. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte und grinste ihn nur an.

„Das ist meine Schuld“, antwortete dafür Felix.

„Stimmt nicht, du hast keine Schuld, es war meine eigene…“

„Fang nicht schon wieder an…!“

„So ihr zwei, könntet ihr mich über dieses Arrangement mal aufklären, ohne irgendwelche Schuldzuweisungen.

Paps hatte ein Machtwort gesprochen und setzt sich auf mein Bett.

„Phillip und Fabian waren gestern Abend hier und…“, sagte plötzlich Felix neben mir.

„Wer ist Phillip und Fabian?“, fiel ihm Paps ins Wort.

„Herr Sörens und sein Freund“, antworte ich.

„Aha… und was wollten die beiden so spät noch von euch?“

„Mir gut zureden…“, kam es von Felix.

„Und was hat das damit zu tun, dass eure Betten zusammenstehen?“

Felix seufzte.

„Ihr Sohn blieb gestern bei mir sitzen, weil ich Angst hatte und ist wohl eingeschlafen…, neben mir. Und heute Morgen kam die Nachschwester herein und fand uns so schlafend.“

„Aha…“

„Der Vorschlag kam übrigens von ihr, Paps, das war nicht unsere Idee.“

Er schaute zwischen uns hin und her.

„Soso… und warum hattest du Angst?“

Warum musste Paps immer so direkt sein? Erneut atmete Felix tief durch.

„Weil ich nicht weiß, wie es jetzt weiter geht… was kommt…“

„Ich denke, es wäre jetzt erst einmal wichtig, dass du, nein dass ihr beide wieder gesund werdet und dann sieht man weiter.“

Paps sagte das, als wäre schon alles in Planung. Er schaute uns beide weiterhin abwechselnd an.

„Warum…“, begann er plötzlich, „werde ich das Gefühl nicht los, dass das nicht der einzige Grund ist, warum ihr so dicht zusammen liegt?“

Ich verzog das Gesicht und bevor ich antworten konnte, macht das Felix schon.

„Herr Beuscher, es ist…“

„Ich heiße Harald und wenn ich mit deiner Mutter per Du bin, brauchst du nicht Sie zu sagen.“

Paps schien ihn jetzt aus dem Konzept gebracht zu haben, denn Felix sprach nicht weiter. Und da war es wieder, dieses Grinsen meines Paps, als wüsste er wieder über alles Bescheid, mehr als ich auf alle Fälle.

„Soll ich deiner Mutter etwas ausrichten? Sie kommt heute Mittag mit Felix‘ Mutter euch besuchen?“, wechselte er das Thema.

„…ähm… nein.“

„Okay…, wunschlos glücklich. Ich wollte eh nur kurz vorbeischauen. Bin dann wieder weg.“

Ich zog die Stirn in Falten und zog eine Grimasse.

Er drückte mir einen Kuss auf die Wange und stand auf.

„Also, brav bleiben, wenn etwas ist, dann anrufen. Schönen Tag noch…“

Und schon war er draußen.

„Was war das jetzt?“, fragte Felix neben mir.

„Ich weiß nicht…“

„Dein Dad ist cool…“

„Ja…, kann man so sagen.“

Ich ließ mich wieder in mein Kissen gleiten und drehte mich zu Felix. Er ebenfalls zu mir.

„Wenn ich es nicht besser wüsste…, will und jemand verkuppeln…“, meinte Felix.

„Mein Vater? Wie kommst du da drauf?“

„Nur so… ich weiß es nicht.“

„Wäre es schlimm?“

Was hatte mich geritten, das zu fragen? Gut, ich gestand mir selbst ein, dass der Gedanke nicht fernlag. Was ich bis jetzt von Felix mitbekam, gefiel mir und sein Aussehen konnte jedem Barbie Ken standhalten.

„Könntest du mich in deine Hirnwindungen einweihen, was du meinst?“

Ich verdrehte die Augen und fühlte mich bei meinen Gedanken ertappt.

„Dass…, dass wir zusammen kommen.“

Felix hob die Augenbraun, was mit dem Pflaster komisch aussah. Ich musste grinsen.

„Uffz, was für eine Frage. Geht ein wenig schnell…, oder? Du vergisst, was ich gerade hinter mir habe.“

Ich schaute ihn lange an.

„Ich weiß was du hinter dir hast. Aber das ist Vergangenheit.“

„Die Vergangenheit ist noch recht frisch und so schnell kann ich keine Gefühle ablegen…“

„Das verlangt auch niemand…, es war nur ein Gedanken, mehr nicht.“

„Bist du immer so Kopflastig?“, fragte Felix.

„Ich? Sicher nicht.“

„Kommt mir aber so vor.“

„Was weißt du von meinem Hirn.“

„Jedenfalls so viel, dass ich weiß, dass darin ein Chaos herrscht!“

„Wie bei vielen tausenden Jugendlichen auch…“

„Punkt für dich.“

Felix schaute mich an und lächelte.

*-*-*

Es klopfte erneut an unserer Tür und gemeinsam riefen wir herein. Die Tür flog auf und Sarah kam herein gestürmt. Der Griff der Tür knallte gegen die Wand.

„Sarah Beuscher, dass war das letzte Mal dass ich dich mitgenommen habe“, kam es streng von Mum, die mit Felix‘ Mutter unser Zimmer betrat.

Sarah krabbelte auf mein Bett und sah meine Mutter mit traurigen großen Augen an.

„Ich freu mich doch nur, dass ich Marc wieder sehe.“

„Deshalb musst du so laut sein?“

Ich nahm Sarah in den Arm.

„Mum lass sie doch…“

„Dass aus deinem Mund“, sagte Mum und schloss die Tür.

„Sie freut sich halt bei ihrem Bruder zu sein.“

Mum lächelte mich an.

„Wie geht es euch zwei, Dein Vater hat mir von eurem Möbeltausch erzählt.“

Ich wusste, sie spielte auf die zwei Betten an, die zusammen standen.

„Das war die Idee der Nachtschwester“, verteidigte uns Felix, der gerade von seiner Mum sanft umarmt wurde.

Sarah krabbelte auf das Bett bis in die Mitte und ließ sich am Fußende nieder.

„Das ist genauso groß wie dein Bett zu Hause“, kam es kichernd von der Kleinen.

Ich sah erst Sarah dann Mum fragend an.

„Sarah, dass sollte doch eine Überraschung sein, musst du alles ausplaudern.“

Sarah zog eine Schnute und ich musste grinsen. Selbst Felix und seine Mutter lächelten.

„Ich habe ein neues Bett?“, fragte ich scheinheilig.

„Ja, dass sollte eigentlich eine Überraschung deiner Großmutter sein“, antworte Mum und schaute Sarah böse an.

„Ich kann ja immer noch den überraschten spielen“, meinte ich.

„Wenn dir da mal nicht Sarah dazwischen funkt.“

Felix hatte sich noch lange mit seiner Mutter unterhalten. Ich hatte mir meine Krücken geschnappt und war mit Mum und Sarah in die Cafeteria gegangen.

„Schade, dass du Weihnachten nicht zu Hause sein kannst“, meinte Mum und rührte in ihrem Kaffee.

„Ja dann kann er nicht…“

„Sarah!“, unterbrach Mum Sarah, „genug verraten.“

„Aber er ist doch Weihnachten nicht zu Hause, da findet ihn der Weihnachtsmann nicht!“

Ich kicherte und wuschelte ihr über ihren Kopf.

„Keine Sorge, der findet jeden.“

„Weißt du denn schon, wann du heraus darfst?“, kam es von Mum,

„Ich glaube vor Silvester schon, aber das kommt auf meinen Nacken an, hat die Ärztin gesagt.“

„Du weißt schon dass du mehr als ein Schutzengel hattest?“

Sarah kicherte.

„Ja ich weiß.“

Mum atmete tief durch.

„Wird das… was zwischen euch beiden… du weißt was ich meine.“

Mein Blick fiel auf Sarah, die mit ihrer Puppe spielte.

„Wenn ich dass wüsste. Er spricht zumindest mit mir und ist nicht mehr so aggressiv…, auch seiner Mutter gegenüber.“

„Das stimmt, das hat mir Judith auch erzählt.“

„Wie kommt es eigentlich, dass ihr euch schon duzt?“

Wieder kam ein Seufzer, aus dem Mund meiner Mutter.

„Als Herr Sörens uns bat…“

„Sörens?“

„Der Polizist.“

„Ja, ich weiß, der hat uns gestern Abend besucht…“

„Da hatten wir mit Felix Mutter ein langes Gespräch, wo wir feststellten, dass wir uns noch von früher kannten, na ja kannten, sie war in der Klasse unter deines Vaters. Natürlich erzählte sie uns auch über das Pech mit ihrem Mann und dass sie mit Felix so viel Schwierigkeit hatte.“

„Denke das bessert sich jetzt, oder?“

„Ja“, lächelte sie, „es hat sich schon einiges geändert, dank dir.“

„Mir?“

„Ja Felix scheint bei seiner Mutter sehr von dir zu schwärmen, auch wenn du ihm die Leviten gelesen hast.“

„Leviten… ich?“

„Ich kann nur sagen, was Judith mir erzählt hat.“

Ich nickte.

*-*-*

Später war es ruhig auf dem Flur, die letzten Besucher waren gegangen, wie auch das Tagespersonal. Nur noch die Nachtschwester schwirrte durch die Zimmer und sah nach dem Rechten.

Felix war etwas eingenickt, während ich damit beschäftigt war, ihn dabei zu beobachten.

„Was ist so… interessant an mir…?“, brummelte Felix plötzlich.

„Och, ich beobachte nur einen verdammt süßen Kerl beim Schlafen.“

Felix öffnete ein Auge.

„Haben wir noch jemand in unser Zimmer bekommen?“

„Nicht das ich wüsste…“

„Dann träumst du?“

Ich kicherte.

„Was kicherst du so blöd.“

„Weil du plötzlich Gedanken lesen kannst.“

Nun öffnete er auch sein zweites Augen undschaute mich fragend an.

„Was kann ich?“

„Gedanken lesen.“

„Wie kommst du darauf?“

„Weil du weißt, dass ich am träumen bin.“

Vorsichtig bewegte sich Felix.

„Soll ich dir helfen?“

„Es geht schon, ich muss nur langsam machen.“

Umständlich richtete er sich etwas auf. Sein Gesicht zeigte mir, dass es schmerzte. Mitfühlend sah ich ihn an.

„Es geht schon…“, meinte Felix, als ob er wirklich meine Gedanken lesen konnte.

Durchdringend schaute er mich an.

„Du meinst das ernst… oder?“, fragte er.

„Was? Dass du Gedanken lesen kannst?“

Sein Blick senkte etwas.

„Quatsch…, dass du es ernst meinst.. mit mir… mehr fühlst.“

Dieses Mal senkte ich den Blick.

„…du sagtest selbst… man kann nichts für seine Gefühle.“

Felix schwieg.

„Ist es schlimm, das ich etwas mehr als normal für dich empfinde?“, sagte ich leise.

Als er nichts sagte, schaute ich auf. Ich sah, wie Tränen über Felix‘ Wangen kullerten.

„Warum…?“, kam es von ihm heißer und zitterder Stimme, „…warum habe ich dich nicht früher kennen gelernt…, dann wäre mir viel erspart geblieben.“

Er hob seinen Arm und wischte sich die Tränen weg.

„Daran… kann man jetzt nichts mehr… ändern.“

Er sah mich weiter ohne Worte an.

„Aber…“, ich musste schlucken und griff nach seiner Hand, „… vielleicht sieht es in der Zukunft besser… aus.“

„Haben wir eine Zukunft?“

Er hatte WIR gesagt und streichelte mit seinem Daumen über meine Handrücken.

„Ja…, denn auch Träume können war werden“, meinte ich und lächelte.

Er lächelte ebenso, obwohl noch immer die Tränen rannen. Er zog die Nase hoch, ließ meine Hand los und wischte sich erneut die Tränen weg.

„Hilfst du mir…?“

„Bei was?“

„Das alles… durch zustehen?“

„Ist dafür ein Freund nicht da?“

„Freund…, wie sich das anhört…“

„Wie denn…?“

„Ungewohnt…, ich habe einen Freund…, mein Freund…“

Grinsend griff ich wieder nach seiner Hand.

„Ja dein Freund, wenn du mich willst.“

Er lachte und hustete gleichzeitig.

„Klar will ich dich“, sagte er mit krächzender Stimme, „wann krieg ich je so wieder eine Chance, so jemanden wie dich zu bekommen.“

„Na ja…, es gibt da sicher noch andere…“

Weiter kam ich nicht. Felix hat seine Hand befreit und hielt seinen Finger auf meinen Mund.

„Du willst doch nicht… diesen Traum zerstören…“

„Nein…, aber ist es ein Traum… du bist wach.“

„Für mich ist es einer…, denn ich habe das gefunden… was ich wollte… na ja zwar mit Umwegen…, schmerzlichen Umwegen, aber der Traum ist da.“

Natürlich hatte ich gemerkt, dass sich Felix langsam zu mir her bewegt hatte, was sichtlich schwer war, bei seinen Verletzungen. So gab ich mir einen Ruck und mein Gesicht wanderte ganz dich an seins.

Ich hob die Hand und umgriff seinen Nacken.

„Dann lass uns den Traum real werden“, hauchte ich leise, beugte mich noch etwas vor und küsste seine Lippen.

Weich und warm fühlten sie sich an. Ich ließ von Felix ab und sah wie sich seine Augen wieder öffneten. Sie funkelten mir entgegen.

„…Danke…“, meinte er.

„Nicht für das…“, erwiderte ich.

Seine Mundwinkel gingen nach oben. Ich wusste nicht, was die Zukunft brachte, ob sich der Traum von Felix verwirklichen lassen würde. Aber ich wusste genau, dass ich meine Zukunft mit Felix verbringen wollte.

 

 

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5 Kommentare

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  1. Hallo Pit,
    ein sehr mitnehmende Geschichte, toll geschrieben.

    Die zwei machen viel durch und finden zueinander…

    grüße Claus

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  2. Juhuuu Pit, ^^

    endlich kam ich auch mal dazu eine Geschichte von dir richtig zu Ende zu lesen und muss dir sagen: Dein Schreibstil ist wirklich einmalig.
    Ich konnte mit den Personen richtig mitfühlen. Es hat mir wirklich viel Spaß gemacht deine Geschichte zu lesen. 🙂

    Ganz liebe Grüße,

    deine Sephi

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  3. Hallo Pit,

    eine wunderbar gefühlvolle Geschichte, man wird in eine andere Welt versetzt und fühlt mit den beiden mit.

    Als Abschluss hätte ich mir noch einen kurzen Vermerk über eine evtl. Verhaftung bzw. Verurteilung des “geliebten” Andreas gewünscht.

    Gruß
    sandro

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  4. Hallo Sandro… vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung 🙂 LG Pit

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    • sandro auf 18. Oktober 2016 bei 20:49
    • Antworten

    Hallo Pit,

    ich hab gerade mal wieder etwas gestöbert und hab mir die Geschichte erneut durchgelesen, tja mein ursprünglicher Kommentar steht ja noch.

    Leider bist Du wohl noch nicht zu einer Fortsetzung gekommen.

    Ich hoffe das es Dir soweit wieder besser geht und Du doch noch ein paar “Kleinigkeiten” :-)))
    in Peto hast an welchen Du uns auch teilhaben lässt.

    Gruß
    Sandro

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