Traumschiff – Teil 7

Nach seinem ersten Date mit Sergej wartet Jerome jetzt mit Ungeduld auf das Wochenende während Ole dringend auf ein Gespräch und mehr mit Frank hofft. Torsten findet mittlerweile Schwule nicht mehr schlimm und gefährlich.

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Noch Mittwoch

Ole

Zu Mittag gab es heute Königsberger Klopse, die waren zwar nicht schlecht, aber die von meiner Mutsch sind zehnmal besser. Torsten hat sich um halb elf von Frank baden lassen und er liegt jetzt mit vollem Bauch und sauberem Hintern im Bett und strahlt wie ein Honigkuchenpferd. „So ein geiles Gefühl, wenn der Scheißgips ab ist, das ist einfach toll“, sagt er und dreht sich auf die Seite, mit dem Gesicht zu mir.

„Ole, sag mal ehrlich, bist du in Frank verknallt?“, fragt er plötzlich, allerdings mit ernstem Gesicht. „Na ja, Torsten, ich mag ihn schon ganz gern und könnte mir vorstellen, ihn zum Freund zu haben“, sag ich daraufhin und  schau Torsten in die Augen. Ich kann keine negative Reaktion erkennen.

„Na, dann hoff ich ja für dich, das das was wird, ich denke, ihr passt ganz gut zusammen“, kommt es zu meinem Erstaunen von Torsten.

„Offensichtlich hast du deine Vorurteile gegenüber Schwulen abgelegt, oder wie anders ist das jetzt zu verstehen?“, frag ich, „das von dir zu hören, ist schon eine Überraschung, das klang ja letzte Woche noch ganz anders“.

 „Ich hab halt mal darüber nach gedacht, ohne die Meinung meines Vaters dabei zu berücksichtigen. Du, Frank und auch Heiner, ihr passt nicht in das Klischee der Tucken, die mein Vater immer so gerne mit derben Sprüchen  niedermacht. Ich finde euch Ok und das ihr halt auf Jungs steht, na ja, das konnte ich mir nie so vorstellen, wie das ist. Wenn ich aber sehe, wie normal ihr miteinander umgeht und auch wie ihr euch mir gegenüber verhaltet, dann kann ich meinem Vater sein Geschwätz nicht mehr gut finden. Der hat wohl eher keinen Schimmer von dem, was er da labert“, erklärt er.

„Das freut mich, Torsten, du steigst in meiner Achtung erheblich an“, sag ich, „dafür gibt es heute Nachmittag auch zwei Stückchen Schwarzwälder. Jetzt lass uns mal ein bisschen dösen, dann geht auch die Zeit bis zum Kuchen schneller rum“. Ich dreh mich auf meine Schokoladenseite und schließe die Augen und sehe natürlich gleich wieder Franks trauriges Gesicht.

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Jerome

Seit neun Uhr pauke ich jetzt schon für mein Abi und nach dem Essen, der Lehrer war bis zwölf Uhr da, habe ich mir den Stoff von heute Morgen noch mal vorgenommen. Zwischendurch habe ich immer wieder  über das heute Abend statt findende  Gespräch mit Papa und Martin nach gedacht. Das lenkt mich natürlich ab, aber ich kann nicht anders, je näher die Zeit kommt, umso mehr muss ich dran denken.

Ich weiß auch einfach nicht, wie ich da anfangen soll und ich möchte  nicht bei Martin den Eindruck erwecken, dass ich ihn loswerden will. Das wird ein Spagat werden und ich hoffe, dass es mir gelingt, eine für alle gute Lösung zu finden.

Um fünfzehn Uhr packe ich meine Schulsachen ein, ich werde mal noch Oma und Frieda besuchen, die können mir ja mal etwas mehr von früher erzählen, wie das mit Martin angefangen hat. Martin ist ja doch schon über 20 Jahre bei uns, den hat glaub ich Opa noch eingestellt als Fahrer damals und der ist ja  leider schongestorben, als ich 3 Jahre alt war. Ich habe nur ganz wenige Erinnerungen an ihn.

Da ich heute noch nicht trainiert habe, lass ich Martin kommen und gemeinsam ziehen wir Max und Moritz an. Ich werde  allein zur Oma gehen und anschließend noch eine Runde durch den Park laufen. Dann dürfte es auch Siebzehn Uhr sein und Papa wird dann da sein. Martin hat etwas erstaunt geguckt, als ich ihm von dem geplanten Gespräch erzählt habe. Er hat aber nicht gefragt, um was es geht.

Zehn Minuten später stehe ich vor Omas Türe und Frau Jensen macht mir auf. Sie ist offensichtlich gerade im Aufbruch, sie hat eine Kuchentransportbox in der Hand und ihre Tasche über der Schulter hängen.

„Hallo Jerome, das ist aber schön, dass du deine Oma besuchen kommst. Wenn ich das früher gewusst hätte, dass du kommst, dann hätte ich noch Kakao gemacht. Jetzt muss ich aber los, ins Krankenhaus, Ole wartet und ich habe ihm Kuchen versprochen. In der Küche steht ein halber Schwarzwälder, für Oma, aber sie wird dir bestimmt ein Stück abgeben“, sagt sie.

„Das ist jetzt ein Spontanbesuch, aber den Kuchen werde ich bestimmt probieren. Frieda kann mir ja auch mal einen Kakao machen, ich denke, das kriegen wir schon hin. Sagen sie ihrem Ole mal unbekannter Weise einen Gruß und gute Besserung. Er hat es ja bestimmt bald überstanden, das Krankenhaus, oder?“, sag ich zu Frau Jensen.

„Danke,  ja am Sonntag darf er nach Hause“, sagt sie, „ich wundere mich, das ihr euch da noch nicht begegnet seid, Martin war ja schon zwei Mal bei Ole.“ „Der musste für Oma spionieren, die wollte immer wissen, wie es ihrem Sohn so geht“, antworte ich grinsend. „Na ja“, meint sie, „vielleicht trefft ihr euch ja doch noch mal in der Klinik. Ich muss jetzt los. Tschüss dann, Jerome.“ „Tschüss, Frau Jensen“, sag ich.

Ich geh rein und begrüße die beiden älteren Damen und werde natürlich gleich mal umarmt und geknuddelt. „Schön das du kommst, mein Junge“, freut sich Oma und auch Frieda freut sich und sagt: „Schön, das du ein bisschen Zeit hast für uns.“

„Wie war denn euer Tag?“ frag ich die Beiden und Oma berichtet, dass sie heute Morgen mit Kai in der Stadt waren zum Shoppen. „Wir brauchten dringend ein paar schöne Sommersachen, wir wollen doch im Juli auf Borkum vier Wochen kuren“, erzählt sie, „da müssen wir doch einiges mitnehmen, vier Wochen sind lang.“

„Wir haben so richtig zugeschlagen“, schmunzelt Frieda, „Kai sah aus wie ein Packesel. Als Dank haben wir ihn dann zum Eis essen eingeladen. Der Kellner hat geguckt, wie wir zwei alte Schachteln mit  dem großen, hübschen Kai am Tisch gesessen und uns über unseren Kaufrausch amüsiert haben.“

„Der war neidisch auf uns, ich hatte den Eindruck, dass er auch gern mal mit Kai geflirtet hätte“, fügt Oma lachend hinzu.

„Wie war denn dein Tag Jerome, macht die Lauferei Fortschritte, klappt  es gut?“, fragt Oma. Ich erzähle, das ich den ganzen Tag gelernt habe und auch, dass es mit dem Laufen schon ganz gut klappt.

Als ich dann von dem bevorstehenden Gespräch erzähle, hören beide ganz aufmerksam zu und auf meine Bitte, mir mal was vom Martin und von früher zu erzählen, fängt Oma an zu sprechen.

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Ole.

Zehn vor Vier kommt Mutsch und mit ihr der Antifrustkuchen, mein oder besser, Torsten und mein Lieblingskuchen, der zumindest in der Zeit, in der er gegessen wird, alle Sorgenvergessen lässt.

Für jeden zwei Stück, da kommt Freude auf und nach einem Begrüßungskuss meinerseits machen Torsten und ich zunächst einmal nix anderes, als zu genießen. Stückchen für Stückchen wird der Kuchen auf der Zunge zergehen lassen und kein einziges Wort verlässt in dieser Zeit unseren Mund.

Mutsch erzählt unterdessen von ihrer Arbeit und auch, das Jerome heute seine Oma und die Tante besucht hat. Sie erzählt auch, dass er mit den Prothesen schon ganz gut laufen gelernt hat und heute auch ohne den Rollstuhl gekommen ist.

Als der Kuchen dann verspeist ist, erzählt zunächst Torsten unter Zurückschlagen der Bettdecke, das er endlich von seinem Liegegips befreit ist und jetzt auch ganz schnell wieder richtig laufen üben will.

Mutsch freut sich für ihn und ermuntert ihn, auch ohne Anleitung, immer wieder zu üben und die Muskulatur auf zu bauen. „Solange, wie es noch nicht richtig klappt, kann Ole mich ja mit dem Rollstuhl überall dort hin fahren, wo ich hin muss“, sagt er zu Mutsch und ich muss lachen.

„ Bin ich jetzt dein Chauffeur, der dich den ganzen Tag durch die Gegend schaukelt?“, frag ich und grinsend nickt der Bengel und meint: „Ich wollt immer schon ml einen Fahrer haben“. „Na warte, wenn wir dann an der Treppe vorbei kommen, schubs ich dich samt Rolli da runter“, erwidere ich und muss jetzt richtig lachen. Auch Mutsch lacht mit und sagt: „Euch scheint es ja wirklich wieder ganz gut zu gehen, warum also musste ich heute den Kuchen bringen“?

Treffer!!! Sofort gefror mein Lachen und Franks Gesicht tauchte vor meinen Augen auf und ich sage leise, damit Torsten nicht alles mitkriegt, zu Mutsch „Ich habe dir ja schon von Frank erzählt und er ist ja am Wochenende nach München gefahren. Da hat er wohl herausgefunden, dass sein Freund Paul ihn betrügt, einen anderen Freund hat. Das hat ihn schwer getroffen und er tut mir sehr leid.“

„Ich möchte ihn gern trösten“, fahre ich fort, „ allerdings weiß ich nicht, ob er das möchte oder nicht. Ich habe Angst, was falsch zu machen, weil ich ja auch keine Ahnung habe, wie man mit einer solchen Situation umgeht. Ich mag ihn halt sehr und hätte ihn gern zum Freund, will aber auch nicht, dass er den Eindruck hat, ich wollte die Situation jetzt für mich aus nutzen.“

Mutsch schaut mich an und meint: „Wenn er es will, wird er sich von dir trösten lassen. Lass ihm Zeit, er muss das jetzt erst mal verarbeiten und er wird schon kommen, wenn er dich braucht“.

„Du hast gut reden, Mama, ich kann ihn halt nicht gut leiden sehen und hoffe, das er sich von mir trösten lässt. Ich wäre gern mit ihm zusammen, ich glaube, das ich mich ein bisschen in ihn verliebt habe“, sag ich, natürlich mit einem leichten Rotton im Gesicht. Torsten hat wieder mal Elefantenohren, so angestrengt hört er mit.

„Heiner und Marie wollen morgen noch mal zu Besuch kommen“, sagt Mutsch, „sie unternehmen fast alles zusammen, die Beiden. Meine Kinder sind alle verliebt im Moment.“  „Ja, Mama, das kommt jetzt alles auf einmal“, sag ich, „da muss du wohl jetzt durch.

„Ich soll dir schöne Grüße sagen von den Remmers Damen, auch Jerome wünscht dir unbekannter Weise eine gute Besserung. Er war heute bei seiner Oma, als ich mit dem Kuchen los bin. Als ich ihm sagte, das ich mit dem Kuchen zu dir in die Klinik will, hat er gesagt, das ich dir gute Besserung wünschen soll“,  berichtet Mama.

„Danke, wenn du ihn nochmals siehst und auch den alten Damen ein Danke und einen Gruß“, sag ich.

Mutsch packt alles wieder zusammen und meint: „Ich muss jetzt los, Marie hat bestimmt noch nichts gegessen heute Mittag, sie wartet bestimmt darauf, dass ich was koche und wie ich Heiner mittlerweile kenne, isst  der auch gerne mit. Ich mach heut Kassler mit Sauerkraut, das mag Marie so gern.“ 10 Minuten später ist sie wieder auf dem Weg nach Hause.

Torsten kriegt eigentlich nur selten Besuch, aber er trägt das erstaunlicherweise mit Fassung. Es ist ja auch weit bis zu ihm nach Hause, knapp 40 Kilometer und weil er noch einige jüngere Geschwister hat, kann seine Mutter kaum weg zu Hause. Sein Vater ist die ganze Woche auf Montage, deshalb kommt meistens nur am Wochenende jemand zu ihm.

Sie sind erst vor ein paar Jahren von Mecklenburg-Vorpommern in den Raum Bremen gezogen, so dass auch keinerlei Verwandtschaft hier wohnt, die ihn besuchen könnte.  „Torsten, sollen wir mal in die Cafeteria fahren mit dem Rolli, oder willst du lieber Kartenspielen“? frag ich ihn. „Cafeteria hört sich gut an, da war ich ja noch nie, und mit Fahrer, das kommt gut“, meint der Kleine und grinst. „Denk an die Treppe, wird nicht frech“, kommt meine Antwort.

Ich geh ins Stationszimmer und leih uns einen Rolli aus. Zurück auf dem Zimmer, helf ich Torsten dabei, in den Rolli zu steigen. Dann roll ich ihn mit dem Ding zur Tür uns in den Gang. Nach dem ich uns auf dem Stationszimmer in die Cafeteria abgemeldet habe, fahr ich mit Torsten zum Aufzug. 5 Minuten später habe ich ihn an einem Tisch geparkt und setze mich ebenfalls hin.

Der Junge von heute Morgen, Sergej, hat offensichtlich keinen Dienst mehr und es kommt eine junge, hübsche Blondine und fragt nach unseren Wünschen. Torsten und ich bestellen jeder einen Latte Machiato, den wir dann auch kurze Zeit später bekommen.

Torsten genießt den ersten Ausflug aus dem Zimmer sichtlich und als ich frage: „Sollen wir gleich noch eine Runde durch den Park drehen“? ist er voll begeistert. „Au Ja, cool, das find ich toll, dass du das mit mir machst, endlich mal wieder an die frische Luft“, freut er sich.

Nachdem wir bezahlt haben, schiebe ich den Rolli auf den Weg durch den Park. Als wir nach einer halben Stunde wieder im Aufzug sind, sagt Torsten: „Danke Ole, für die Tour und wenn du immer noch Lust hast, können wir ja nach dem Abendessen, das wohl gleich kommt, noch ein paar Runden Rommé spielen.“ „OK“, sag ich, „pro verlorenes Spiel ein Euro, damit du dich auch anstrengst“, antworte ich.

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Jerome

Oma hat Kakao gemacht und Frieda hat den Kuchen geschnitten und den Tisch gedeckt. Der Kuchen sieht sehr gut aus und duftet fein. „Schwarzwälder Kirsch“, sagt Oma,  „Frau Jensen macht den so gut, so habe ich vorher noch nie einen gegessen“.  „Selbst im Schwarzwald, in der Kur, war der nicht so fein, wie der hier“, lobt nun auch Frieda den Kuchen von Frau Jensen. Ich bin gespannt, ob der wirklich so gut ist.

Nun sitzen wir Kuchen essend am Tisch und ich muss zugeben, dass Oma und Frieda nicht übertrieben haben. Der Kuchen ist wirklich Topp. Oma fragt mich: „Was wollt ihr denn heute Abend da überhaupt besprechen, Du, dein Papa und Martin, was ist der Grund und um was geht es? Ist irgendwas vorgefallen?“

„Oma“, sag ich, „ich bin jetzt erwachsen, und ich will und kann nicht verlangen, das Martin ständig jeden Tag, oft mehr als zwölf Stunden, nur dazu da ist, mir das Leben leicht zu machen. Das ist zwar sehr schön, wenn man sich um nichts kümmern muss, aber das ist natürlich auch nicht fördernd, was Selbstständigkeit und Erwachsenwerden angeht.“

„Darum geht es also“, sagt Oma, „Martin wurde von Opa damals eingestellt, als deine Eltern geheiratet haben. Er sollte deinen Vater und deine Mutter fahren, wann immer es nötig oder gewollt war. Natürlich hat er auch schon mal Opa oder mich gefahren, aber das war die Ausnahme. Wir hatten ja selber einen Fahrer, den Gustav, der war schon Bursche bei deinem Opa, als dieser als Offizier im Krieg war.“

„Als Opa starb“, fährt sie fort, „ist Gustav noch bis zur Pensionierung bei mir als Fahrer und Mädchen für alles geblieben. Dann ist er zu seiner Tochter nach Augsburg gezogen und dort ist er auch vor ungefähr drei Jahren verstorben.  Martin hat dann deine Mutter, als sie mit dir in Umständen war, überall hingefahren und hat ihr alles so leicht wie möglich gemacht.“

„Aber er ist doch heute fast ausschließlich für mich da oder zu mindestens überwiegend in Sachen Jerome unterwegs. Den Rest der Familie wird fast immer von Kai gefahren, Papa täglich und beide abends und auch mein Schwesterchen, von Ausnahmen abgesehen, fährt fast immer mit Kai“, sag ich.

„Kai fährt deinen Vater nur zur Arbeit“, fährt Oma fort,  „dort hat er ja dann einen Firmenfahrer, der ihn fährt, also kommt Kai zurück und ist für deine Mama und deine Schwester zuständig. Das ist halt so gewachsen im Laufe der Zeit und Martin war eben immer für dich in erster Linie zuständig. Das macht er auch mit viel Freude und manchmal hab ich das Gefühl, das er dich wie einen Sohn lieb hat.

Seit er dann auch noch mit Kai zusammen ist, hat er hier alles, was er sich im Leben gewünscht hat und deshalb geht er auch selten in Urlaub oder ist sonst wo unterwegs. Im Grunde genommen sind wir hier sowas wie seine Familie, sein zu Hause und ich möchte nicht, das du ihm das Gefühl gibst, er würde hier nicht mehr gebraucht. Ich glaube nicht, das du das möchtest, oder?“

„Natürlich nicht, Oma, aber ich möchte doch einige Dinge in Zukunft selber erledigen, die Martin so selbstverständlich macht, als  wenn er das für sich machen würde. Ich möchte ihn und Papa ja mit einbeziehen, wenn es darum geht, wer in Zukunft welche Dinge macht. Ich will halt nicht mehr alles einfach Martin überlassen, sondern selber für mich verantwortlich handeln, wenn es um Dinge geht, die mich betreffen. Er soll mich gern weiter beraten, fahren und mir, wenn nötig auch helfen, aber er soll sich nicht weiterhin einfach alles regeln, so wie er das jetzt tut, sondern soll mir einen Ermessensspielraum lassen, zu entscheiden was ich wann und wie möchte. Plastisch gesehen möchte ich die Nabelschnur, die uns seit 18 Jahren verbindet durchtrennen.“

„Das kann ich gut verstehen“, sagt Oma, „aber du musst das diplomatisch machen, musst ihm trotzdem das Gefühl geben, das du ihn brauchst. Du bist viel mehr für ihn, als nur seine Arbeit. Seit deinem Unfall hat er auch noch das Gefühl, mit schuld zu sein, weil er an diesem Tag nicht da war. Das ist natürlich nicht richtig, aber er denkt halt so. Nun will er durch noch mehr Präsenz und Fürsorge dafür büßen, das er nicht verhindert hat, dass der Unfall geschehen ist.“

„Das ist natürlich total falsch, sich die Schuld oder Mitschuld an meinem Unfall zu geben. Ich wäre an dem Tag und mit meiner damaligen Stimmung am besten zu Hause geblieben. Stattdessen habe ich versucht, meinen Frust durch aggressives Autofahren abzubauen und bin dann als Opfer meiner Selbstüberschätzung und auch meines damaligen Gemütszustandes  in diese Baustelle gefahren. Ich hätte Martin damals eh nicht auf diese Fahrt mitgenommen“, erkläre ich den beiden.

„Es geht auch nicht um den Unfall oder um das Fahren, es geht mehr um die alltäglichen Dinge, den normalen Tagesablauf, das Leben allgemein“, sag ich, „Martin macht viele Dinge für mich, das war in der Vergangenheit auch immer so. Ich habe zum Beispiel noch nie selber Unterwäsche für mich gekauft. Das macht Martin, ohne was zu sagen oder zu fragen. Die liegt halt einfach immer im Schrank.

Nicht, das die nicht passt oder das dass irgend was billiges wäre, im Gegenteil, die ist teuer, chic und modern. Aber es hat mich keiner gefragt, ob sie mir gefällt oder ob mir Farbe und Muster oder Logo zusagen. Versteh, was ich sagen will. Unterwäsche, das ist ja doch recht intim und die würde ich doch ganz gern dann in Zukunft selber kaufen, und das ist halt auch nur ein Beispiel von den Dingen, die ich selber für mich regeln will.“

„Ich verstehe schon, Jerome, was du sagen willst und ich geb dir auch recht. Deine persönlichen Dinge solltest du in Zukunft schon selber regeln, das musst du auch sagen“, pflichtet mir Oma bei und auch Frieda meint: „All die Dinge, die du problemlos machen kannst, sollte Martin dir auch dann überlassen, wenn es Probleme gibt, kannst du ihn ja immer noch zu Rate ziehen. Ich denke mal, dass er dafür wohl auch Verständnis hat.“

„Das Verhältnis, das Martin zu dir hat“, redet jetzt Oma weiter“, ist schon was besonderes und mich hat immer gewundert, das deine Eltern das so zugelassen haben, das Martin viele Dinge, die eigentlich deine Mama und dein Papa hätten machen sollen, wie selbstverständlich von ihm  erledigt wurden. Der war immer für dich da, hat dich unterhalten, mit dir gespielt, Ausflüge mit dir gemacht und einfach alles gezeigt, was du sehen und wissen wolltest.

Als deine Mutter mit deiner Schwester schwanger war, ging es ihr nicht gut und sie war sogar 3 Monate in einer Kurklinik bis kurz vor der Entbindung. In der ganzen Zeit war Martin nur für dich da und hat sich um dich gekümmert und von der Zeit an war das hier für jeden selbstverständlich, dass das so war und ist.

Er hatte das volle Vertrauen der ganzen Familie, vor allem aber deins und deine Liebe, denn du hast ihn geliebt und du liebst ihn immer noch so, wie man einen großen Bruder liebt. Als Kai dann kam und die Beiden sich näher kamen, warst du anfangs eifersüchtig auf Kai, beanspruchte der doch auch was von Martins Zeit für sich. Aber irgendwann hast du begriffen, dass er ihn dir nicht wegnehmen will und von da an hast du dich auch mit Kai gut verstanden.

Jedes Jahr an Heiligabend bist du zu den Beiden in die Wohnung und hast dort für jeden ein Geschenk abgegeben, ein großes für Martin und ein kleineres für Kai und von Martin hast du immer irgendwas bekommen, über das du dich ganz besonders gefreut hast. Er wusste von allen am besten, was du dir ganz besonders gewünscht hast.“

„Du hast recht, Oma, ich hab ihn lieb, wie man einen großen Bruder lieb hat, aber ich möchte halt, das er nicht dauernd irgendwelche Dinge für mich tun muss oder will, die ich selber für mich übernehmen möchte“, sag ich und leg mir gleichzeitig noch ein Stück von dem superguten Kuchen auf den Teller.

„Er soll sich ja auch weiter für mich engagieren, aber er soll sich auch mal mehr Zeit für sich und Kai nehmen, Zeit, die dadurch frei wird, das er mir nicht dauernd mit Sachen und Dingen hinterher laufen muss, die ich selber erledigen kann“, erkläre ich weiter, „er muss nicht dauernd einen zehn bis zwölf Stundentag haben, nur um Dinge zu erledigen, die ich selber machen kann.“

„Darüber hinaus“, fahre ich fort, „ wird er in naher Zukunft wohl des Öfteren auch mal abends und bis in die Nacht mit mir unterwegs sein müssen, wie ja bereits am Mittwoch, als wir bei Sergej in Bremen waren und erst um halb Zwölf wieder zu Hause gewesen sind.“

„Oh, das hatte ich ja fast verschwitzt“, ruft Oma aus, „ du hattest ja eine Verabredung, Date sagt ihr ja heute dazu. Wie war es denn, gibt es was, was wir wissen dürfen. Deine Schwester hat uns davon erzählt und hat gemeint, unser Junge wär verliebt. Nun erzähl mal zwei neugierigen alten Damen, was denn da so gelaufen ist oder ist das geheim?“

„Och Oma, das war eine ganz harmlose Verabredung, halt so was zum Kennenlernen, weißt du. Ich mag den Sergej ganz gerne und das ist ja auch mal ein anderes, mir relativ unbekanntes Umfeld da draußen.

 Natascha und ich sind doch regelrecht weltfremd erzogen, kennen da draußen fast niemanden, nur die Schikimikki , die sich bei festlichen Anlässen in teuren Nobelschuppen trifft und Champagner säuft oder sich zu exklusiven Premieren unter den Augen von Presse und Fernsehen im Blickpunkt des öffentlichen Interesse ahlen.

Sergej bedient in der Krankenhauscafeteria und macht im Hotel in Bremen eine Ausbildung. Er wohnt in einer Wohngemeinschaft, wir sagen WG, mit zwei Studenten und will nach Abschluss der Ausbildung auf einem Kreuzfahrtschiff anheuern. Er ist nett, aufgeschlossen und hat von Anfang an kein Problem mit meiner Behinderung gehabt.

Ob er auch schwul ist, wie ich, das weiß er selber noch nicht so genau und so wollen wir zunächst einmal eine gute Freundschaft, wobei es meinerseits auch sehr gern mehr werden soll. Ich mag ihn sehr gern und könnte mir durchaus  vorstellen, dass er mein richtiger Freund wird. Am Freitag holen wir ihn ab und dann wollen wir mal ins Kino. Er übernachtet bei uns und Samstag kommt er mit zu Werder gegen den HSV. Und wenn er dann will, bleibt er bis Sontag Abend bei mir, mal sehen.“

„Uih“, sagt Oma, „dann wäre es aber schön, wenn du ihn uns am Sonntag mal vorstellen könntest, oder meinst du, er will das nicht?“, fragt Oma. „Warum sollte er das nicht wollen, ich denke, das wird schon gehen. Mal sehen, vielleicht will er ja auch am Samstag nach Hause. Das ist alles noch ziemlich ungewiss und ich bin auch etwas aufgeregt“, antworte ich.

„Lass einfach alles auf dich zu kommen, Jerome, du kannst nichts erzwingen, was Gefühle angeht“, meint Frieda, „wenn er dich mag, dann klappt das bestimmt mit euch. Ich drück dir mal alle Daumen und wünsch dir Glück, aber wenn es nicht klappt, wenn er nicht auf Jungs steht, dann kannst du es nicht ändern und dann hast du trotzdem bestimmt einen guten Freund gewonnen.“

Der Kakao ist alle und der Kuchen auch. Drei Stücke habe ich gefuttert, soviel Kuchen, wie schon lange nicht mehr. Ob Frau Jensen mir so einen macht, wenn ich Geburtstag habe? Ich werde sie bei Gelegenheit mal  darum bitten und hoffe, dass sie ja sagt. Sie sagt bestimmt ja, denke ich, sie mag mich doch offensichtlich gut leiden und warum sollte sie es nicht tun?

„So, ihr beiden“, sag ich zu Oma und Frieda, „ich geh dann mal wieder rüber in mein Reich und  vorher mach ich mal noch ein oder zwei Runden durch den Park, ein wenig laufen üben. Vielleicht sehen wir uns ja beim Abendessen, ihr kommt doch sicher rüber, oder?“

„Ja, wir kommen später rüber“, sagt Oma und meint dann noch, „denk dran, sei nett zu Martin, er hat es verdient und lass ihn weiterhin in einem bestimmten Rahmen an deinem Leben teilhaben.“ „Ok, Oma ich werde ihn schon nicht kränken und ganz auf ihn und seine Fürsorge will und kann ich auch nicht verzichten. Bis später dann“, und ich gehe mit ruhigen, sicheren Schritten zur Tür und mache mich auf den Weg nach draußen.

Ruhigen Schrittes drehe ich zwei Runden durch den Park, es klappt gut und ich bin zufrieden. Als ich am Haus vorbei gehe, sehe ich Mama, die am Fenster steht und mir beim Laufen zusieht. Sie winkt mir kurz zu und hält den rechten Daumen  hoch, es scheint so, als würde ihr mein Gehen sehr gefallen. Mal sehen, was sie nach her dazu sagt. Nach dem ich die zweite Runde beendet habe, geh ich ins Haus und fahre hoch zu meinen Räumen.

Martin kommt und hilft mir, Max und Moritz auszuziehen. Er hat die Salbe dabei und reibt meine Beine kräftig ein. Ich werde den Rolli nehmen und die Prothesen auslassen. Ich hatte sie heute lang genug an und hier im Haus ist ja eh nur Familie, die haben sich an den Anblick gewöhnt und starren nicht auf meine Beine

Ich werde mich jetzt mal noch schnell umziehen und etwas Bequemes anziehen. Ich habe da so ein paar leichte Hausanzüge, die gleichen so ein bisschen einem Jogginganzug, sind aber etwas modischer geschnitten und sehen nicht so nach Sport aus, einfach bequem und doch ein wenig elegant.

Ich wähle einen mittelgrauen und ziehe ein weißes enges T-Shirt  drunter. Dann wird es auch langsam Zeit, nach unten zu fahren, Papa mag es nicht, wenn man unpünktlich zu einer Verabredung  kommt und die anderen warten müssen. Martin will natürlich noch schnell die getragenen Kleider wegräumen „Lass  liegen“, sag ich, „Papa wartet nicht gern, das weißt du doch“. Er folgt mir sofort Richtung Lift.

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Ole

Sieben Spiele haben wir gemacht und ich habe fünf davon gewonnen, was drei Euro Gewinn bedeutet. „Du musst bis zum Freitag warten“, sagt Torsten, „ dann kommt meine Mutter her und die bringt mir mal neues Geld mit, ich habe nur noch siebzig Cent im Geldbeutel. Das meiste ist für die Fernsehkarte drauf gegangen“.

„Ok“, sag ich, „ich borge dir das solange. Vielleicht kannst du es ja morgen auch zurück gewinnen.“ Draußen wird es dunkel, der Tag ist einfach schnell rum gegangen. Morgen ist schon Donnerstag und morgen früh wird der Arm noch mal durchleuchtet, ob alles richtig zusammen wächst. Wenn ja, kann ich Sonntagmorgen nach Hause und Montag an den letzten Klausuren teil nehmen.

Torsten sieht mich an und fragt: „Ole, wenn du am Sonntag gehst, gibst du mir deine Handynummer, ich würde schon gerne weiterhin Kontakt mit dir haben, wenn du das auch möchtest?“. „Ja klar, ich möchte auch nach Sonntag Kontakt zu dir halten. Ich muss  doch eh noch ein paar Mal hierher kommen in die Ambulanz und solange du noch hier bist, werde ich dich selbstverständlich besuchen. Und an deinem vorletzten Tag hier kann Mama noch mal Schwarzwälder backen. “

„Das ist echt lieb von dir und auf den Kuchen, aber noch mehr auf deine Besuche, freu ich mich jetzt schon“, erwidert er, „Ich kann dich echt gut leiden und von dir und Frank habe ich gelernt, Menschen nicht vorschnell in eine Schublade zu stecken. Mein Vater wird sich daran gewöhnen müssen, das ich nicht mehr kommentarlos seine Lästerei über Schwule hin nehme sondern ihm meine Meinung  dazu sagen werde.“

„Ich kann dich mittlerweile auch sehr gut leiden, Torsten, und wenn du willst, können wir auch in der Zukunft Kontakt halten und du kannst mich ja auch über das Internet erreichen.  Wir können über MSN miteinander schreiben und auch ein gelegentlicher Besuch wäre durchaus möglich, oder meinst du nicht?“, sage ich zu ihm.

„Das wäre toll“, sagt er, „ ich wäre ganz gern dauerhaft mit dir befreundet und einen Computer habe ich natürlich auch. Wir können ja jeder auf einen Zettel  die Handynummern, Festnetz und E-Mail und die Anschrift  aufschreiben und dann können wir uns immer gegenseitig erreichen. Ich werde ja wohl noch mindestens drei Wochen in eine Rehaklinik kommen und dann wär ich froh, ab und zu etwas von dir zu hören.“

„Ok, das machen wir so und dann schauen wir mal, wie sich das entwickelt“, antworte ich ihm.

„Du könntest mal den Fernseher anmachen, dass wir mal die Nachrichten und die Regionalumschau sehen können. Wir wissen ja gar nicht mehr, was außerhalb der Klinik passiert“, sag ich zu Torsten, worauf der die  Glotze auch gleich  in Betrieb nimmt. So schauen wir uns denn gemeinsam an, was in der Welt und rund um Bremen so alles geschehen ist.

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Jerome

Als wir runter kommen, gehen wir mit Papa in sein Arbeitszimmer. Papa fordert uns auf, Platz zu nehmen.  Im Zimmer steht außer dem großen Schreibtisch  auch noch eine große, bequeme Ledergarnitur mit einem schweren Eichentisch. Dort setzen wir uns nun hin und Papa stellt drei Whiskygläser und eine Flasche auf den Tisch.

„So“, sagt er, „auf Jeromes Wunsch hin haben wir uns jetzt hier getroffen und ich bin gespannt, um was es heute Abend geht. Bevor wir aber anfangen, möchte ich jedem einen Whisky einschenken, wenn ihr damit einverstanden seid. Wenn ihr aber lieber etwas anderes trinken wollt, lasse ich das gerne kommen“.

„Ich nehme einen Whisky, wenn ich heute Abend nicht mehr als Fahrer gebraucht werde“, sagt Martin, „so etwas Gutes wie den da auf dem Tisch, bekommt man nicht alle Tage angeboten“.

„Ich nehme dann auch einen“, sag ich und denke, dass der Alkohol auch ein bisschen von meiner Nervosität weg nimmt. Papa nimmt die Flasche und gießt in jedes Glas etwa eineinhalb Finger breit ein. Goldgelb  schimmert der Whisky in den Gläsern. „Das ist ein dreißig Jahre im Fass gereifter Single-Malt, genießt ihn, das ist echt was Besonderes. Zum Wohl.“

 Ich trinke vorsichtig einen kleinen Schluck und lasse das Getränk zunächst im Mund. Es umspült meine Zunge und entfaltet seinen ganzen, sehr intensiven Geschmack. Das ist echt gut und brennt auch kein bisschen, einfach ein großes Geschmackserlebnis, das sich noch fortsetzt, nach dem man den Whisky bereits herunter geschluckt hat. Also echt, das hat was für sich. Auch Martin und Papa scheinen das sehr zu genießen.

„So“, sagt Papa, „nach dem wir uns nun auf das Gespräch eingestimmt haben, würde ich ganz gern den Anlass für unsere Zusammenkunft erfahren. Jerome, du bist dran.“

Lieber Papa, lieber Martin“, fange ich an, „ich habe um das Gespräch gebeten, weil ich bedingt durch andere Umstände  in meinem Leben die derzeitige Situation, in der ich mich befinde, etwas verändern möchte. Das betrifft aber nicht nur mich, sondern auch Martin und in einigen Dingen wohl auch den Rest der Familie.

Zunächst einmal bin ich wegen meiner Behinderung zu Zeit noch in vieler Hinsicht auf Hilfe angewiesen. Diese Hilfe, die in erster Linie von Martin geleistet wird, auf die kann und will ich auch jetzt nicht verzichten, obwohl auch hier davon ausgegangen werden kann, das es ständig weniger  wird. Allerdings gibt es auch einige Dinge, die ich in Zukunft lieber selbstständig und eigenverantwortlich machen möchte.

Angefangen beim Duschen, übers Anziehen und auch das Verräumen von Kleidern und Gegenständen bis hin zur Auswahl meiner Kleider zum Anziehen, sowohl auch der zu kaufenden Kleider möchte ich, auch im Hinblick auf die Zukunft, selbstständig sein, selbst entscheiden und wenn immer es geht, auch selber machen.

Das ist einfach wichtig für mich, da ich als nun mehr erwachsener Mensch mit Sicherheit , spätestens aber dann, wenn ich mein Studium aufnehme, diese alltäglichen Dinge können und beherrschen muss. Bisher war Martin mein zweites ich, immer da, immer präsent, immer irgendwo im Hintergrund. Das war auch gut so und das soll auch in einigen Bereichen so bleiben. Allerdings verschieben sich auf Grund veränderter Aktivitäten  meinerseits nun auch manche Unternehmungen in die Nacht hinein.

Das würde, wenn alles so bliebe, wie es derzeit ist, eine zusätzliche und nicht unerhebliche Belastung für Martin und damit auch indirekt für Kai bedeuten. Das möchte ich auf keinen Fall und deswegen muss an anderer Stelle Freiraum geschaffen werden, um Martin Gelegenheit zu geben, auch ein Mindestmaß an Privatleben mit Kai zusammen genießen zu können.

Mir ist erst kürzlich deutlich geworden, wie viel Zeit  Martin täglich damit verbringt, Dinge zu tun, die ich gewiss auch selber machen könnte oder die von anderen Angestellten im Haus übernommen werden könnten. Mir ist bewusst geworden, was er in all den Jahren für mich getan hat, aber auch, auf was er all die Jahre mir zu Liebe verzichtet hat. Dafür schulde ich dir, Martin großen Dank und ich weiß auch, dass du das alles tust, weil du mich liebst, wie einen eigenen Sohn.

Ich möchte dir heute sagen, dass ich dich auch liebe, nämlich so wie man seinen großen Bruder liebt und ich möchte keine Minute in all den Jahren mit dir missen. Du warst und bist einer der Pole, um die sich mein Leben dreht.

Du weißt alles über mich,  warst immer für mich da und hast dein Leben meinem Leben und Wohlergehen untergeordnet. Das alles ist mir seit meinem Unfall erst so richtig klar geworden und nun möchte ich erreichen, das du auch mal mehr an dein Leben und an dein Wohlergehen denkst und mehr Zeit zur Verfügung hast für Kai, für euch beide.“

Ich mache eine Pause und trinke einen weiteren Schluck des köstlichen Whiskys, der jetzt bereits ein warmes Gefühl in meinem Bauch aufkommen lässt.

Papa, der mir aufmerksam gelauscht hat, sagt: „ Wenn ich alles richtig verstanden habe, dann willst du, das Martin dir all die Dinge, die du selber machen kannst, auch in Zukunft überlässt. Das dürfte kein Problem sein, allerdings wird es, denk ich, sowas wie eine Übergangsphase geben, damit auch sicher gestellt ist, da du all das auch alleine bewältigen kannst.

Ich möchte aber zurzeit nicht, das du ohne Martin an deiner Seite irgendwo hinfährst, zum Beispiel mit Taxi oder öffentlichen Verkehrsmitteln, auch dann nicht, wenn du wieder normal laufen kannst. Das bedeutet nicht, dass du dich nicht frei bewegen kannst, dort, wo Martin dich hingebracht hat. Aber der Transport ist zurzeit absolut noch Martins Sache. Das schließt auch die Freunde, mit denen du dich triffst mit ein. Martin fährt Euch, immer, wenn es was zu fahren gibt.

Alles Andere regelt ihr beide untereinander und ich glaube, bei dem guten Verhältnis, das ihr beide miteinander habt,  dürfte das keine Unstimmigkeiten geben. Wenn in naher Zukunft das Gehen mit den Prothesen zur Normalität geworden ist, dann können wir auch darüber nachdenken, ob wir für dich einen eigenen Wagen anschaffen werden und wie der ausgestattet sein muss.“

„Wenn ich mein Abitur gemacht habe, möchte ich gern in Bremen studieren, möchte dann aber auch für die Zeit des Studiums dort wohnen, wenn das von dir und Mama erlaubt wird. Allerdings wird das wohl erst im nächsten Jahr der Fall sein, wenn ich mit den Prothesen wirklich ohne fremde Hilfe zurechtkomme.

Dr. Schmelzer hat beim letzten Mal darauf hingewiesen, dass es wohl bald ein Nachfolgemodell mit deutlich besseren Eigenschafte, was die Steuerung über die Nerven und die Muskulatur angeht, auf den Markt kommt. Das wäre für mich sehr interessant und er wird uns rechtzeitig unterrichten, wenn es soweit ist.“

Martin hat mehr oder weniger die ganze Zeit nur zugehört und fängt nun, nach dem ich geendet habe, an zu sprechen: „Lieber Chef, lieber Jerome. Ich möchte zunächst mal danken für das mir in all den Jahren entgegengebrachte Vertrauen, für diesen für meine Verhältnisse idealen Arbeitsplatz und dir Jerome besonders dafür, dass du mich wie einen großen Bruder siehst, der ich dir eigentlich auch immer sein wollte.

Als ich hier anfing, damals als Fahrer für deine noch nicht verheirateten Eltern, hätte ich mir nie träumen lassen, einmal so in einer Familie integriert zu sein als Angestellter. Ich habe mich hier immer sehr wohl gefühlt und als ich die Verantwortung über weite Bereiche deines Lebens übernehmen durfte, war eigentlich alles perfekt für mich.

Dass ich wohl nie eigene Kinder haben würde, ließ mich das Schicksal mit der Verantwortung für dich trotzdem für ein Kind sorgen und so habe ich wohl denn auch die Rolle wie ein großer Bruder angenommen und mit viel Liebe und sorgfältig ausgeübt.

Vielleicht habe ich nicht früh genug bemerkt, das du nicht mehr der kleine Jerome bist, der ständiger Fürsorge bedarf, vielleicht ist mir das aber alles einfach nur in Fleisch und Blut übergegangen,  Dinge zu tun, die du problemlos und oft auch besser selber übernehmen könntest. Das ist mir während deiner Ausführungen letztendlich klar geworden.

Ich möchte dich bitten, mir in Zukunft immer im Voraus zu sagen, wann du meine Dienste benötigst und wann nicht. Gut wäre es auch, wenn wir immer am Tag zuvor kurz besprechen können, wann und wo du mich brauchst. Dann kann ich mich darauf einstellen. Das heißt aber nicht, das ich nicht auch außerhalb dieser Absprachen da bin, wenn es die Situation erfordert.“

Er trinkt von seinem Whisky, Papa und ich tun es ihm gleich. Dass Schnaps so gut schmecken kann,  hätte ich nicht gedacht. Na ja, ich kann mir denken, das der schon ganz schön was kostet bei dem Geschmack. Nicht, das ich jetzt zum Säufer werde, aber so ab und zu mal ein Gläschen davon werde ich meinem Vater bestimmt in Zukunft abschwätzen.

„Ich hoffe sehr, dass ich noch ein paar Jahre zumindest die Fahraufträge für dich erledigen darf und wenn es was zu besorgen gibt, dann weiß du ja, was der Martin alles leisten kann auf diesem Gebiet“, sagt er mit einem leichten Grinsen.

„Das du an Kai und mich gedacht hast, ermuntert mich dazu, noch ein paar Sätze an deinen Vater und dich zu richten. Als es damals, der alte Herr Remmers lebte noch, heraus kam, dass ich schwul bin, habe ich hier in diesem Haus ein hohes Maß an Toleranz erfahren, die nicht selbstverständlich, sondern für die Zeit vor 20 Jahren eher außergewöhnlich war.

Als dann hier ein weiterer Fahrer gesucht wurde, ich kannte Kai da schon, habe ich sie, Herr Remmers, gebeten, Kai einzustellen. Ich habe damals nicht verschwiegen, dass wir ein Paar sind und somit auch beide in der Fahrerwohnung wohnen könnten. Auch das ist nicht selbstverständlich und ich denke, dass wir durch unsere Art zu arbeiten, diese Entscheidung als eine Richtige bestätigt haben.

Wir sind beide sehr zufrieden hier für sie und ihre Familie arbeiten zu können. Dir Jerome, der sich ja nun auch geoutet hat, kann ich sagen, das wir, Kai und ich sehr wohl wissen, was es bedeutet, wenn man als junger Mensch entdeckt, das man nicht an Frauen interessiert ist. Wir beide haben erfahren, dass es nicht immer einfach ist, Schwul zu sein und ich habe auf Grund früherer Richtlinien meine Job  bei der Spezialeinheit des BGS verloren, als offenbar wurde, dass ich schwul bin.

Kai wurde von seiner Familie verstoßen und war kurz davor, sich um zubringen. Eine entfernte Verwandte hat ihn damals aufgenommen und ihn dazu gebracht, zu sich selbst zu stehen und diese Lebenskrise zu bewältigen. Seit wir jetzt zusammen sind, geht es uns beiden gut und wir fühlen uns hier unter diesem Dach zu Hause.“

„Lieber Martin, ich möchte nicht, das du das Gefühl hast, zwischen uns würde sich was ändern“, sag ich, nicht ohne ein Grinsen, „ich mag dich sehr und das wird auch immer so bleiben, auch dann, wenn ich meine Unterhosen in Zukunft selber kaufen gehe. Deinen Rat und deine Hilfe werde ich auch in Zukunft oft genug in Anspruch nehmen, aber ich muss nun auch langsam mal ohne ständige Unterstützung mein Leben meistern dürfen, ohne dass du oder sonst wer sich zurück gesetzt fühlen.“

„Dann haben wir ja alles geklärt und können ja dann noch kurz den Stadionbesuch besprechen. Kai und Martin, ihr müsst euch einigen, wer von euch fährt. Ihr wisst, das in der VIP-Lounge immer was getrunken wird, also muss einer nüchtern bleiben. Wir nehmen den A8, da haben wir alle genug Platz, vorausgesetzt, Sergej ist dann noch dabei. „

Ich gucke dumm, was geht denn jetzt?  „Es kann ja sein“, fährt er grinsend fort, „dass mein Sohn ihn bis dahin schon vergrault hat“. Trotz Prothesen lieg ich 3 Sekunden später auf meinem Vater und drücke ihn in den Sessel. Zielsicher finden meine Finger seine kitzligen Stellen und ich gebe mir echt Mühe, ihn ordentlich durch zu kitzeln.

Ich bin ihm körperlich durchaus ebenbürtig.  Mit einem Meter neunundachtzig  Größe und 78 Kilogramm  Gewicht bin ich sogar noch etwas größer und schwerer wie mein Papa, der sich jetzt kichernd unter mir windet. Nach etwa 30 Sekunden werde ich von Martins Riesenhänden gepackt und einfach mal so hochgehoben und wieder in meinen Sessel verfrachtet.

Papa lacht immer noch und Martin grinst mich an und meint: „Siehst du, das funktioniert auch noch obwohl du schon erwachsen bist. Gegen meine Hände bist du einfach machtlos und ich kann doch nicht  mit ansehen, wie du meinen Seniorchef  tot kitzelst“.

„Wir waren noch nicht fertig mit dem Werderbesuch“, sagt Papa, der sich jetzt wieder beruhigt hat. „Die Jungs sind ja bereits am Freitagabend hier verabredet und wollen ins Kino. Die Fahrt hin und zurück  nehmt ihr den SUV, Martin, du kannst fahren und wenn Kai nicht gebraucht wird, davon geh ich aus, dann kann er mit und ihr könnt auch ins Kino oder sonst wo hingehen, bis der Film aus ist.“

Ok, Chef, das wird Kai bestimmt freuen“, sag Martin.

„Wenn die beiden jungen Männer anschließend noch eine Lokalität aufsuchen wollen, in der auch Männer mit einander tanzen, dann sollten Kai und du sie besser begleiten und aus dem Hintergrund dafür sorgen, dass sie auf dem ungewohnten Terrain nicht unter die Räder kommen“, sagt er jetzt so, als würde er von einem Marktbesuch reden.

„Der Besuch eines dort eventuell vorhandenen sogenannten „Darkroom“ wäre dabei aber absolut nicht in meinem Sinn, weil das in meinen Augen kein Ort für erste sexuelle Erfahrungen sein kann“, fügt er in einem fast gelangweilt klingenden Tonfall noch hinzu.

„Papa, es reicht“, schnaufe ich aufgebracht, „was soll das denn. Für wen hältst du denn deinen Sohn? Und meinst du im Ernst, ich würde Sergej einer solchen Situation aussetzen. Noch etwas scheinst du zu vergessen, wild tanzen ist wohl noch nicht drin mit Max und Moritz. „

„Beruhige dich, mein Junge“, sagt Papa, „ich habe nur meine Gedanken über einen eventuellen Ablauf eures gemeinsamen Abends deutlich gemacht. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass ihr Sachen macht, die ihr am nächsten Tag bereuen würdet.

Macht euch einen schönen Abend zu zweit oder auch zu Viert und wenn ihr keine Lust mehr habt, fahrt ihr mit Martin wieder nach Hause. Ins Stadion fahren wir dann so gegen Vierzehn Uhr, dann kannst du Sergej noch ein bisschen im Vip-Bereich rumführen und ihm alles zeigen. Jetzt gehen wir zum Abendessen, Martin, du bist eingeladen und du kannst auch Kai bitten, hochzukommen, wir essen heute mal alle zusammen.

Zehn Minuten später sind alle am großen Esstisch versammelt und auch Frieda und Oma sind mit dabei.

Nach dem Essen verabschiede ich mich nach oben. Martin kommt noch kurz mit, um die Salbe in meine Beine einzumassieren. Danach geh ich an meinen Computer und suche ein paar Lokalitäten heraus, in die man nach dem Kino noch gehen könnte.

Sergej ist jetzt noch auf der Arbeit, deswegen ruf ich ihn auch nicht an. Ich werde ihm morgen früh am Telefon  sagen, was wir alles noch unternehmen könnten, wenn er Lust dazu hat. Später, gegen neun Uhr mach ich mich fertig fürs Bett.

In einer Stunde hat Sergej Feierabend für Heute. Martin und ich können ja vielleicht morgen Früh mal noch ins Klinikcafe fahren und bei Sergej eine Kakao trinken. Heute Abend muss ich ständig an ihn denken und an natürlich auch an das kommende Wochenende. Wie es wohl laufen wird?

Ich leg mich hin und mach das Licht aus. Ich bin müde und obwohl  ich Sergejs Gesicht vor mir sehe, fallen mir die  Augen zu und ich bin ruck zuck eingeschlafen.

*-*-*

Donnerstag

Ole

Jemand streicht sanft durch meine Haare, krault zart meinen Nacken. „Ole, aufstehen“, sagt jemand mit leiser Stimme. Ich öffne zuerst ein Auge, dann das andere.  Oh, doch kein Traum! Franks Hand ist das, die mir den Kopf krault und seine Stimme, gerade so laut, dass Torsten nicht wach wird. „Aufstehen, Süßer, ich will dein Bett machen“, kommt es jetzt wieder aus Franks Mund. Ich fange an, zu grinsen, überrascht, und froh.

Das Erste, was ich vom neuen Tag gesehen habe ist Frank. Ob das ein gutes Omen ist. Ich greife nach seiner Hand, die immer noch in meinem Nacken krault und streichele über den Handrücken. „Guten Morgen, Frank“, nuschel ich noch etwas verschlafen, „so geweckt zu werden, daran könnte ich mich gewöhnen.“

„Trotzdem muss du jetzt aufstehen, Hugo naht, wir wollen Betten machen“, sagt Frank jetzt in normaler Lautstärke und zieht gleichzeitig meine Decke weg. Torstens Decke folgt sogleich und der ist richtig erschrocken.

Als er dann noch seine steil in der Hose aufragende Morgenlatte sieht, wird er rot und schimpft; „Nicht mal ausschlafen kann man hier und dann wird man auch noch bespannt von seinen Mitmenschen. Ihr beiden dürftet euch ja wohl auch mit sowas auskennen, also braucht ihr nicht bei mir zu spannen“. Er setzt sich auf und dreht uns den Rücken zu, so dass keiner mehr in seinen Schritt gucken kann.

Frank und ich müssen richtig lachen und wir hören erst auf, als Hugo ins Zimmer gestürmt kommt. „Hopp, hopp jetzt mal, Frank, ich dachte, die  Betten hier wären schon gemacht, muss ich denn alles selber machen“, bollert  er los.

Das Grinsen auf seinem Gesicht sagt aber deutlich, dass das kein ernst zu nehmender Anschiss für Frank gewesen ist. Ich wälz mich aus dem Bett, froh, dass wieder eine Nacht in der Klinik vorbei ist, wobei das Wecken mich heute für vieles entschädigt hat.

Noch müden Schrittes mache ich mich auf den Weg ins Bad, während Hugo und Frank Torsten auf einen Stuhl verfrachten um endlich auch sein Bett machen zu können. Das Bein knickt immer noch ein wenig ein und so geht es auch schneller. Zurück ins Bett schafft er es anschließend allein. Er wird bestimmt später noch von Frank gebadet.

*-*-*

Jerome

Als ich gegen halb acht aufwache, ist meine Shorts nass. Mir wird bewusst, dass ich wohl sehr intensiv von Sergej geträumt habe. Das ist ja was, bin ich denn noch Dreizehn? Ich werde jetzt mal schnellstens alle Spuren beseitigen müssen, bevor Martin wieder auf der Matte steht. Also stemm ich mich in den immer bereiten Rollstuhl und schaffe mich und die versaute Hose ins Bad.

Bald läuft das Wasser an meinem Körper herunter und lässt die Spuren meines Traumes schnell verschwinden. Man, das hatte ich ja doch schon längere Zeit nicht mehr, aber da hatte ich auch keine Ambitionen auf Sergej. Mir wird immer klarer, dass ich mir sehr viel von dieser Freundschaft verspreche. Ich hoffe nur inständig, dass es kein einseitiges Verlangen bleibt, das wäre sehr hart für mich.

So, fertig geduscht und abgetrocknet, mit dem Rolli in den großen, begehbaren Kleiderschrank und mal alles rausgesucht, was ich brauche. Zurück und dann aufs Bett. Die Unterhose über die Stümpfe nach oben, hinlegen, Arsch hoch und drüber ziehen.

Na geht doch einwandfrei auch ohne fremde Hilfe. Weiter, Unterhemd an und in die Shorts gesteckt. Jogginghose über die Stümpfe,  wieder hinlegen, wieder Arsch hoch und hochziehen. T-Shirt an, fertig. Oh, halt, stopp, die Prothesen, Max und Moritz und die Salbe.

Zum ersten Mal heute Morgen brauche ich Martin und ich drücke den Knopf, um ihn zu rufen. Er hat die Salbe und auch die Prothesen, also muss er kommen und mir helfen. Ob ich das alleine hinkriege, werde ich dann im Anschluss an sein Kommen ausprobieren.

Es dauert keine fünf Minuten, da steht er bereits an meinem Bett. Ich bin fertig angezogen und sitze immer noch mit den ausgestreckten Beinen auf der Liegefläche. „Guten Morgen, Jerome“, begrüßt mich Martin zunächst und fragt dann; „Was liegt an? Wollen wir zusammen Max und Moritz anlegen oder willst du es mal allein probieren.“

 „ Guten Morgen,  Martin erwidere ich seinen Gruß, „ ich möchte die Zwei einmal selbst an meine Beine  ziehen und auch mal versuchen, die Salbe richtig ein zu massieren. Da du die Sachen bei dir aufbewahrt hast, habe ich dich gerufen. Hast du alles mitgebracht?“ „Ja Jerome, hier sind die Prothesen und die Salbe ist in meiner Hosentasche, warte, hier hast du sie.“ E reicht mir die Tube.

„ Soll ich gehen oder soll ich bleiben?“,  fragt er und sieht mich an. „Bitte bleib noch da, ich weiß ja nicht, ob es funktioniert, wenn nicht, musst du mir doch eh helfen“, sag ich und fang an, meine Hosenbeine hoch zu krempeln. Als die Hose auf beiden Seiten über die Knie hinauf gerollt ist, öffne ich die Tube.

„Leg bitte dein gebrauchtes Handtuch unter“, meint Martin, „sonst kommt noch Salbe an dein Bettzeug“.  Ich schiebe das Handtuch zunächst mal unter das rechte Bein, zieh dann das Knie an und stelle das Bein mit dem Stumpf auf dem Handtuch ab. Bis hier her ist alles gut gelaufen.

Jetzt drück ich die Salbe aus der Tube direkt aufs Bein und fange an, nach dem ich die Tube zur Seite gelegt habe, die Salbe in die Haut des Stumpfes ein zu massieren. Zunächst klappt alles prima, nur ganz unten an der Unterseite des Beines ist es schon etwas anstrengend, da ich ja das Bein dabei vom Handtuch hoch heben muss.

Ich verliere das Gleichgewicht und kippe nach rechts um. Martin grinst und auch ich kann nicht ernst bleiben. Dann merke ich an meinem rechten Arm, dass ich auf der Tube gelandet bin. Die liegt natürlich ohne Deckel da und der größte Teil der Salbe ist durch mein Gewicht heraus aufs Bett gedrückt worden.

„So viel zum Bettzeug“,  sage ich und zeige Martin das Malheur, das ich angerichtet habe. Wir müssen beide jetzt doch herzhaft lachen, so dusselig, wie ich mich angestellt habe. „In Zukunft muss ich die Tube zwischendurch immer zudrehen, sonst habe ich mehr Salbe im Bett als an meinen Beinen. Die Tube ist jetzt fast leer, Martin, wir müssen dringend heute noch zu Schmelzer fahren und neue Salbe holen“.

„Gib es  zu Jerome, das hast du mit Absicht gemacht, du wolltest nur einen Grund, um heute noch mal in die Klinik zu fahren und Sergej in der Cafeteria auf zu suchen“, sagt Martin und lacht dabei, „ich kann ja nach her, wenn du lernst, schnell dorthin fahren und neue Salbe besorgen.“

„ Von wegen, allein fahren“, sag ich, „ Sergej hat bis 13:00 Uhr Dienst und der Lehrer bleibt nur bis elf Uhr, also fahren wir um fünf nach elf in die Klinik. Ich will auch noch mit Dr. Schmelzer sprechen, ob es was Neues über dir Prothesen gibt, die da bald kommen sollen. Ich komme auf jeden Fall mit:“

Nun mache ich mich an das nächste Bein und nehme dazu die Salbe, die jetzt auf der Bettwäsche hängt. Das ist mehr als ausreichend und da noch übrig ist auf dem Laken, mach ich auch noch was auf  das rechte Bein und reibe dort noch mal nach. Nachdem nun die Stümpfe gut eingeschmiert sind, versuche ich, die Prothesen allein an zu ziehen.

Auf Grund der guten Schmierung durch den reichlichen Salbenauftrag geht es relativ gut und nach dem Max und Moritz fest sitzen, schwinge ich die Beine über den Bettrand und stelle sie auf den Boden. Martin reicht mir die Hand und zieht mich auf die Füße.

Ich finde, es hat ganz gut geklappt, wenn man von der versauten Bettwäsche  absieht. Also werde ich das in Zukunft allein bewältigen können.  Auf geht’s, zum Frühstück, ich habe jetzt Hunger und bis neun Uhr muss ich fertig sein, dann kommt der Lehrer.

*-*-*

Ole

Nach dem üblichen Krankenhausfrühstück lass ich mir von Frank den Arm mit Folie verkleben, damit ich duschen gehen kann. Danach wollen sie meinen Arm zunächst mal durchleuchten und dann erst neu verbinden, allerdings erst nach der Visite, dort soll der Arm nämlich begutachtet werden. Dann erfahre ich endgültig, ob ich am Sonntag nach Hause kann und wie es dann mit mir weitergeht. Ich hoffe, das alles klappt, muss ich doch Montag in der Schule sein.

Torsten hat mal wieder den Fernseher an und es läuft irgendein RTL-Mist. Wie man so was nur gucken kann. Das ist der letzte Mist und ich kann das gar nicht ab. Im Stationsbad  sind zwei Duschkabinen und zwei Wannenbäder. Als ich reinkomme ist alles frei und ich wähle die linke Duschkabine, Türen sind hier allerdings keine, sondern Vorhänge die den jeweiligen Dusch und Umkleidebereich gegen Sicht von außen schützen.

Ich ziehe mein Shirt und die Shorts aus, das erste Mal seit 8 Tagen wieder nackt unter der Dusche zu stehen, das hat schon was. Das Wasser prasselt auf mich herunter und der Gedanke, dass Frank nicht weit weg ist ebenso wie die acht Tage , ohne auch mal nur annähernd an Sex mit mir gedacht zu haben, lassen Klein-Ole sein Haupt erheben.

Oh man, denk ich jetzt krieg ich noch eine Latte in dieser überhaupt nicht erotischen Umgebung. Mit geschlossenen Augen und mit dem Bild von Frank im Kopf gebe ich meinem Verlangen nach, und es dauert nicht lang bis das Ergebnis  meiner Entspannungsübung im Abfluss verschwindet. Es geht mir danach schon etwas besser als vorher und ich trockne mich ab.

Gut, dass ich eine frische Unterhose mitgenommen habe, ohne die wäre wohl später ein feuchter Fleck auf meiner Shorts sichtbar geworden und das kann ja wohl echt peinlich sein, wenn das einer sieht. Der Druck war doch schon ziemlich groß, dass es in dieser tristen Umgebung überhaupt so weit gekommen ist

Als ich aus der Dusche raus gehe zurück ins Zimmer, kommt Torsten an Franks Arm über den Flur. Die gehen jetzt ins Bad, Torsten wird in die Wanne gesetzt, anschließend muss er runter zur Krankengymnastik, wo das Bein langsam wieder aufgebaut wird. Wieder im Bett, schnappe ich mir meinen Lesestoff für die Prüfung und lerne noch solange, wie Torsten nicht da ist.

Halb Elf, Torsten ist immer noch nicht zurück, kommt Hugo und macht den Verband und die Schiene ab. „Gleich ist Visite und der Chef will den Arm und die Hand sehen“, sagt er, „nach her komme ich dann und mache alles neu.“ Der Arm ist fast nicht mehr blau und die Schwellungen sind zurück gegangen. Ich bin gespannt, was der Chefarzt sagt. Zehn Minuten später wird Torsten mit dem Rolli von Frank ins Zimmer geschoben. Kaum, das er wieder in seinem Bett liegt, kommt die Chefvisite.

„Guten Morgen, die  jungen Herrn“, sagt der Chef und auch die anderen murmeln einen Gruß. Torsten und auch ich sagen ebenfalls brav „Guten Morgen“.   Zuerst gehen sie zu Torstens Bett und der Stationsarzt berichtet kurz  über den letzten Stand.

 „Nun, wir machen jetzt intensiv Krankengymnastik, zusätzlich Unterwassermassage und ab Montag ein leichtes Krafttraining  zum gezielten Muskelaufbau“, erteilt der Chef seine Anweisungen, die von Hugo eilends aufgeschrieben werden. „Kontrollröntgen am nächsten Mittwoch, die Bilder dann Donnerstag zur Chefvisite“, fügt er dann noch hinzu. Dann wendet er sich zu mir.

„So, der Herr Jensen möchte am Sonntag nach Hause“, fragt er mich, „warum so eilig bei dem komplizierten Bruch?“  „ Ich schreibe am Montag den letzten Teil der Abiklausuren. Wenn ich da nicht teilnehmen kann, muss ich die in der letzten Woche vor den großen Ferien alleine nachschreiben“, antworte ich.

 „Ich würde sie aber gerne noch ein paar Tage hier behalten und nächste Woche am Freitag die beiden Drähte aus der Hand entfernen. Ich mache ihnen einen Vorschlag.  Am Montagmorgen bringen wir sie mit einem Taxi in die Schule, sie machen ihr Abitur fertig  und  dann holen wir sie dort zum festgelegten Zeitpunkt auch wieder ab, „sagt der Chef und schaut mich erwartungsvoll an.

Zuerst will ich ja was dagegen sagen, aber dann sehe ich Frank im Hintergrund strahlen und auch ein wenig nicken, und nach ein paar Mal schlucken, stimme ich dann dem Vorschlag zu; „OK, wenn sie mir versprechen, das ich dann auch nach der Drahtentfernung nach Hause darf, dann soll es so sein.

„Gut“, sagt der Chef, „dann beginnen wir am Montag nach der Schule mit leichten Kräftigung und Greifübungen in der Physiotherapie und am Donnerstag ebenfalls nochmal Kontrollröntgen, die Bilder am Freitag mit zur Drahtentfernung. Bitte immer noch sehr aufpassen mit dem Arm und“, fügt er mit süffisantem Grinsen hinzu, „an den Kreuzungen und Abzweigung der Gänge besonders auf entgegen kommende Rollstühle achten“.

Allgemeines Gelächter, außer bei mir natürlich und, ja, und auch Frank lacht nicht mit.  Das nehme ich, rot werdend, trotz allem zur Kenntnis und das macht den Frust über den blöden Witz gleich um vieles leichter. Er hat mich nicht ausgelacht, Er nicht! Oh Frank, ich glaube, ich habe mich verknallt in dich, das wird mir in diesem Moment glasklar.

Alle sind weg, ich betrachte meinen Arm eingehend und da keine Schiene dran ist, versuche ich mal vorsichtig, das Gelenk und die einzelnen Finger zu bewegen. „Hör auf mit dem Scheiß“, kommt es von Torsten, „du machst vielleicht gerade noch mal was kaputt durch deine Experimente. Dann kannst du noch länger hier bleiben, du Clown“.

„Du hast eben auch gelacht, du Schnarchsack, der nächste Schwarzwälder ist gestrichen“, sag ich, höre aber auf damit, die Finger und den Arm zu bewegen. Die Tür geht auf und Hugo kommt, gefolgt von Frank, der den Verband und Medikamentenwagen ins Zimmer schiebt. „So, Herr Jensen, jetzt werden wir das ganze mal wieder verpacken, damit das in Ruhe ausheilen kann“.

„Er  hat schon angefangen, alles zu bewegen, jetzt wo die Schiene ab ist“, petzt Torsten. „Da kann nicht viel passieren“, sagt Hugo, „ erst wenn es weh tut, wird es gefährlich und da hört er schon von selber auf. Jetzt kommt die Schiene wieder dran und dann ist bis Montagnachmittag Ruhe im Arm.“

Er legt eine Unterlage aufs Bett und darauf die Schiene. Nun wird die Schiene gepolstert und der Arm von oben hinein platziert, so dass nur die ersten Fingerglieder über die Schiene hinaus gucken. Jetzt wickelt Hugo schnell und gekonnt den Arm und die Hand mit der Schien zusammen ein. „Wenn es zu fest ist, Ole, muss du Bescheid sagen, dann müssen wir es nochmal neu einbinden“, sagt er.

Frank steht die ganze Zeit neben mir auf der anderen Seite des Bettes. Ich habe, durch die Bettdecke versteckt, meine Hand  an sein Bein geschoben und streiche ganz zart daran hin und her. Da er das Bein nicht wegzieht, nehme ich an, das im das gefällt und höre erst auf, als er  mit Hugo das Zimmer nochmal verlassen muss. „Ich komme nach der Schicht und dann gehen wir in die Cafeteria“, sagt er beim Hinausgehen“, „Ich freu mich drauf“, ruf ich ihm nach.

„Oh, ein Date“, kommt es von Torsten. „Mit Petzen rede ich nicht, das ist ja wohl der Hammer, mich bei Hugo an zu schwärzen. Das war nicht nett von dir, wenn du so weiter machst, wirst du keinen Kuchen mehr bekommen, solange ich hier bin“, sage ich zu ihm, „und bis zum Mittagessen geh ich jetzt noch eine Runde durch den Park, aber ohne dich.“

Ohne ihn und seinen Protest zu beachten, verlasse ich das Zimmer und gehe nach unten in den Park.

*-*-*

Jerome

Kaum ist der Lehrer um elf Uhr weg, erscheint Martin wie abgesprochen und wir machen uns direkt auf den Weg in die Klinik. Er hat nach unserem Gespräch heute Morgen schon einen Termin bei Schmelzer gemacht und da ich ja Privat versichert bin, auch direkt einen bekommen.

Salbe haben wir schnell und auch das Gespräch mit dem Doktor über die neue Prothesengeneration ist aufschlussreich, soll doch bereits Anfang Juli eine erste Prothese für mich zur Verfügung stehen. Vorab muss Papa aber den stolzen Betrag von siebenundzwanzig Tausend Euro überweisen, wovon natürlich einen großen Teil die Krankenkasse übernimmt.

Nachdem wir bei Doktor Schmelzer fertig sind, geht es natürlich direkt mal in die Cafeteria. Dort ist allerdings gerade Hochbetrieb und Sergej sagt mir im Vorbei Gehen, das er frühestens in einer viertel Stunde etwas Zeit für mich hat.

 „Komm, wir gehen mal nach dem Sohn von Frau Jensen gucken, dann lernst du den mal kennen. Der ist ganz nett und sieht auch sehr gut aus und dann geht auch die Viertelstunde ganz schnell rum und wir können wieder runter fahren zu deinem Sergej“, sagt Martin, und ja, warum nicht mal den Jungen, Ole heißt der, glaub ich, mal kennen lernen. Also auf zum Aufzug.

„Es ist leider noch nicht mein Sergej, Martin“, sage ich beim hoch fahren, „ich wäre froh, das wäre schon so“. „Das wird schon, Jerome, und wenn es nicht klappt, ich mein, wenn er nicht schwul ist, dann kannst du es auch nicht ändern. Du wirst schon irgendwann den Richtigen finden“, kommt Martins Antwort,  „mit achtzehn Jahren war ich auch noch Jungfrau, wie man so schön sagt, und meine erste richtige Beziehung war und ist die mit Kai“.

Oben angekommen, gehe ich hinter Martin her, der ja weiß, wo dieser Ole liegt. Am Zimmer angekommen, klopft er und öffnet die Tür, als er das „Herein“ vernommen hat. Ich betrete hinter ihm das Zimmer und sehe ein leeres Bett und einen um zwei bis drei Jahre jüngeren Jungen in einem zweiten Bett liegen. Das kann wohl kaum der Sohn von Frau Jensen sein, denke ich.

„Hallo, guten Morgen“, sagt Martin, „wir wollten zu Ole Jensen“. Der Junge im anderen Bett sagt: Ah, sie sind doch der Chauffeur von diesem Jerome, ist er das?“ Er schaut dabei in meine Richtung. „Ja“, sagt Martin,  „das ist Jerome. Wo ist denn Ole Jensen?“ „Wir hatten ein bisschen Zoff und da ist er ohne mich in den Park runter und wird auch vor dem Essen nicht wieder rauf kommen“.

„Oh „, sagt Martin, hoffentlich nichts Ernstes. Weißt du, wann er nach Hause darf?“ „ Er wird am Montag von hier in die Schule gebracht und kommt Mittag wieder hierher. Er muss dann aber noch mindestens bis zum Freitag leiben, bevor er endgültig nach Hause darf“, erzählt uns der Junge, als ob wir zur Familie gehören.

„Dann komm, Martin dann gehen wir wieder runter „, sag ich und drehe mich um. „Tschüss“, sag ich noch über die Schulter zu dem Jungen und gehe aus dem Zimmer. Martin folgt mir, nachdem er sich auch von dem Kleinen verabschiedet hat. „ War wohl nix, mit kennenlernen“, sagt er im Aufzug und ich meine: „Vielleicht ein anderes Mal. Sergej ist mir wichtiger als andere Jungs.“

 

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