Space – Teil 3

Zurück nach Eden

Rob Spato – Kambotscha, 5.Mai 2088

Es kam nicht oft vor, dass man im Gefangenenlager der ESS in Pnom Penh einen Menschen in einem eleganten, massgeschneiderten Business-Anzug sah.
Chris O’Connor senkte seinen Blick auf den dreckigen, verwaschenen Betonboden, achtete nicht auf das Gejohle aus den Zellen rechts und links neben ihm, versuchte seinen Schritt nicht übermässig zu beschleunigen, während er dem Wachmann hinterherlief. Seine Mundwinkel zuckten, immer wieder driftete er in Gedanken ab, begann zu lächeln, dann riss ihn ein weiterer Schrei aus der Welt seiner Konzentration.

„Dieser Mann, dieser…“, er schaute schnell auf sein Palm-Implant in seiner linken Handfläche, „… Mark Demerris, er wurde verhaftet wegen Schmuggelei?“

„Er war nur der Mechaniker“, antwortete der Wachmann lustlos. „Sie haben ihn mit der ganzen asiatischen Mannschaft festgenommen und eingelocht. Biogene Präparate, Kampfstoffe, Drogen von harmlosen Halluzinogenen bis zu Brainkillern, alles war auf diesem Schiff versteckt. Und Waffen. Es gab ein hässliches Feuergefecht mit der ESS-Garde, dieser Demerris hat wohl einen Schutzengel, dass er nix abgekriegt hat, die meisten der anderen Crew hat es zerfetzt.“

O’Connor nickte langsam, vermied es immer noch, seinen Blick seitwärts streifen zu lassen.

„Was machen Sie hier?“, fragte der Wachmann. „Hatte das Gesindel die Kampfstoffe von MedCorp geklaut?“

O’Connor hob überrascht den Blick.

„Sie sind ein cleveres Kerlchen“, sagte er zu dem Wachmann, ohne die eigentliche Frage zu beantworten.

Fuck, dachte er. MedCorp hatte mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun. Die Earth Space Security hatte dieses Schmugglerschiff aufgebracht, die Waren konfisziert und diesen Weltraumabschaum eingelocht. Nach Vorschrift wurden die genetischen Fingerabdrücke der Verbrecher genommen und mit den ESS-Aufzeichnungen verglichen. Nichts wäre gefunden worden, wenn nicht…

„Wir sind da!“, sagte der Wachmann und blieb vor einer massiven Metalltür stehen. Es gab ein kleines, vergittertes Fenster, O’Connor drängte sich heran, warf einen neugierigen Blick in das dunkle Zelleninnere.

Der Mann dort drinnen saß zusammengesackt auf seiner Pritsche. Sein Blick war starr auf den Boden gerichtet. Sein Gesicht war schmutzig, ein ungepflegter zerzauster Bart machte es beinahe unmöglich, ihn zu identifizieren. Und doch verdoppelte sich O’Connors Herzschlag sofort.

„Er sitzt den ganzen Tag nur apathisch herum“, meinte der Wachmann. „Sie haben ihn schon so aus dem Schmugglerschiff gezogen.“

„Machen Sie die Tür auf!“, befahl O’Connor harsch.

„Sir, das tut mir leid, aber ich darf wirklich nicht…“

„Machen Sie endlich die Tür auf. Ich habe Ihren Justizminister nicht zum Spaß bestochen. Er hat mir vollkommene Kooperation versprochen. Und jetzt bewegen Sie Ihren Arsch und tun, was ich verlange.“

Ein verfluchter Zufall, dachte O’Connor. Nur weil das Antriebsaggregat des Schmugglerschiffes eine SFF-Plakette trug. Wahrscheinlich ein Schwarzmarkt-Ersatzteil von einem zerstörten StarFleet-Frachter. Aber darum waren die Fingerabdrücke auch durch das SFF-Register gejagt worden. Und ein kleines Ping hatte auf irgendeinem Schreibtisch einen Treffer angezeigt. Und irgendein Bearbeiter hatte den roten Vermerk in der Datei bemerkt, eine unklassifizierte Nummer angepiept und damit Chris O’Connor, Vorsitzender von COC, Ex-Präsident der SFF und alleinigen Besitzer von MedCorp aus dem Bett geklingelt.

Und hier stehe ich jetzt nur fünf Stunden später, dachte O’Connor. Wegen einer kleinen Plaketteauf einem Antriebsaggregat. Und werfe einen Blick auf den Mann, der ohne diesen Zufall die nächsten 10 Jahre in dieser Zelle verrottet wäre.

Er trat durch die inzwischen geöffnete Zellentür.

Der Gefangene blickte immer noch nicht auf. Seine Kleidung war verdreckt und blutbeschmiert. Seine Haut leichenblass, die Augenhöhlen eingefallen, die Gestalt ausgemergelt.

Chris trat näher, musterte ihn genau.

„Oh mein Gott!“, zischte er, „Du bist es wirklich!“

Ein breites Grinsen eroberte sein Gesicht.

„Willkommen zurück! Willkommen auf der Erde, Rob!“

Rob Spato schaute nicht auf.

„Lassen Sie mich in Ruhe“, knurrte er leise, „Mein Name ist Mark Demerris“

Für einen Moment herrschte wieder Schweigen in der Zelle und er hoffte schon, er hätte es geschafft. Aber der Eindringling sprach grinsend weiter.

„Was ist los mit dir, Rob? Ich bin es, Chris. Zieh hier nicht so eine Show ab. Ich bin mitten in der Nacht von N.Y. herübergedüst, und jetzt krieg ich nicht mal nen Willkommenskuss?“

Während er anfangs noch zugehört hatte, verloren sich die restlichen Worte in der großen Leere in seinem Kopf. Es wird vorübergehen, sagte er sich. Er wird verschwinden. Irgendwann. Geduld war nie seine Stärke.

Der Mann im Business-Anzug redete weiter auf ihn ein. Jedenfalls öffnete sich sein Mund immer wieder… bla, bla, bla. Es sah beinahe lustig aus, wie ein Goldfisch, der aus dem Wasser gefallen war.

Er hörte nicht mehr zu, selbst als der Mann ihn schüttelte, sein Gesicht in die Hand nahm, ihn dazu zwang die Augen mit den seinen zu kreuzen.

„Sprich mit mir!“, schrie sein Gegenüber. Jegliches Grinsen war aus seinem Gesicht verschwunden. „Hey, vergessen wir das alles für einen Moment. Vergessen wir, dass du ein Deserteur bist, vor der wichtigsten Schlacht in der Menschengeschichte getürmt bist. Vergessen wir, dass der Menschheit richtig gründlich in den Arsch gefickt worden ist. Niemand gibt dir Schuld dafür, dass alles den Bach runtergegangen ist, dass wir unsere Kolonien und die Warp-Punkte verloren haben. Den wichtigsten Schritt der Menschheit aus unserem Sonnensystem heraus wieder zurücknehmen mussten, vergessen wir, dass wir eingekeilt, abgeschnitten und vom Aussterben bedroht sind … sprich mit mir, Rob! Was ist mit dir geschehen?“

Rob sprang mit der Geschwindigkeit eines Luchses auf, schnappte sich den schreienden Kerl, drückte ihn an die Wand.

„Halt dein Maul, Chris!“, quetschte er aus zusammengebissenen Zähnen hervor, „Verpiss dich! Verpiss dich aus meinem Leben, lass mich einfach in Ruhe!“

Er hörte die Bewegung aus dem Dunkel, dann knallte der Knüppel auf seinen Hinterkopf, seine Beine brachen kraftlos ein. Einen Sternenhimmel vor den Augen ging er zu Boden.

„Hey!“, hörte er noch Chris’ Stimme, „Hören Sie sofort auf, stecken Sie den Knüppel weg. Niemand schlägt ihn mehr hier, niemand schlägt meinen kleinen Bruder!“

Kaum hatte O’Connor das Gebäude der Strafanstalt verlassen, fummelte er in seinem Anzug herum.

Fuck, dachte er, Fuck, Fuck Fuck.

Diese Gestalt in der Zelle dort unten war nicht mehr sein kleiner Bruder. Er konnte ihn kaum wiedererkennen. Rob war immer leicht zu kontrollieren gewesen, er hatte es geliebt, sich von Chris herumschubsen und ausnutzen zu lassen. Ich will ihn zurück, dachte er, ich will ihn zurück, wie er war.

Endlich fand er das Päckchen angereicherte Nikotin-Zigaretten in seiner Innentasche. Er zog es heraus, steckte sich eine an. Er verlangsamte seine Schritte, hielt dann ganz an, genoss den Rauch in seiner Lunge, den er tief einzog.

Er schaute sich um. Er war auf einem kleinen Platz zum Stehen gekommen, genoß das Sonnenlicht auf seiner Haut. Schön hier, dachte er kurz, in New York kriegen wir keine Sonne mehr zu Gesicht. Einige Passanten drehten sich nach ihm um, alles Kambotschaner, sie begafften den Mann in dem eleganten Anzug mit der Zigarette.

Eigentlich hatte er sich das Rauchen längst abgewöhnen wollen. Es ging ihm nicht um die Gesundheit, er würde einfach Montag einmal wieder zum Ventrilogen gehen und sich die Lunge freiblasen und ausschlemmen lassen. Auch das eine Zigarette inzwischen soviel kostete, wie eine Nacht im exklusivsten Hotel New Yorks, störte ihn nicht, im Gegenteil, er liebte es dafür bewundert zu werden, diesen Zehntausend-Credit-Artikel einfach zu Asche vergehen zu lassen. Aber er mochte es nicht, süchtig zu sein. Chris O’Connor wollte nur einem einzigen Mammon fröhnen, und das war sein eigener Erfolg.

Ich werde Rob helfen, beschloss er, während sein innerer Zorn langsam verflog. Ich stelle ihn wieder auf die Beine, koste es, was es wolle. Er blies den Rauch genüsslich aus, lächelte endlich wieder. Er mochte schwierige Aufgaben.

Was war nur geschehen, fragte er sich. Gut, Rob hatte die SFF mit einem gestohlenen Shuttle verlassen, die Schmuggler mussten ihn erwischt und gefangengenommen haben. Was hatten sie mit ihm angestellt? Hatte er sich als Mechaniker verdingen müssen, damit sie ihn nicht umbrachten? Hatte ihn dieser Weltraumabschaum gebrochen?

Er konnte es sich nicht richtig vorstellen. Als Kind hatte Rob alles über sich ergehen lassen, jede Demütigung stumm ertragen. Ohne auch nur einen Funken Energie zu verlieren.

Denk nach, Chris, denk nach. Was waren ihre letzten Trans-Space-Übertragungen gewesen? Er hatte sich für medizinische Datenbanken interessiert. Gen-Informationen. Dann war doch noch etwas anderes gewesen, etwas persönliches, ein Flirt oder eine Liebesaffäre oder so…

Er legte seine Stirn in Falten.

Es hatte so etwas wie einen inoffiziellen SFF-Report gegeben, den er natürlich auch auf den Schreibtisch gelegt bekomme hatte. So etwas entging ihm normalerweise nicht? Ach ja, Rob war nicht alleine von der Armageddon getürmt. Er hatte einen anderen Piloten dabei. Und dieser Mensch…

„Verflucht!“, schrie er auf einmal auf. „Du verdammtes Arschloch“

Er hielt inne und schaute sich erschreckt um, aber außer ein paar verwunderten Blicken erregte er keine große Aufmerksamkeit. Typisch, in New York wäre er sofort angezeigt und zu einer Geldstrafe wegen Fluchen in der Öffentlichkeit verurteilt worden.

„Motherfucker! Arroganter, hartherziger, engstirniger Holzkopf!, beschimpfte er sich selber.

Was ist mit dir geschehen, hatte er Rob gefragt. Eine falsche, entsetzlich dumme Frage.

Die richtige Frage wäre gewesen:

Was ist mit Troy geschehen?

Frachter Fulcrum, Hailespond-System, 28. November 2084, vier Jahre zuvor

Unerwartet klappte ein Teil der Decke weg. Aus der freiwerdenden Luke schob sich eine Laserimpulskanone, richtete sich aus und zielte direkt auf ihn.

„Scheisse!“, fluchte Rob Spato, drehte sich blitzschnell herum und hechtete wieder in Richtung Korridor. Er hörte das Fauchen des Schusses, merkte wie etwas an seinem Hinterkopf vorbeiflog und roch wie sich seine Haare von der Hitze halb verbrannt wellten. Gerade noch rechtzeitig warf er sich um die Ecke des Korridors.

„Troy“, schrie er, „Nicht hier lang! Interne Verteidigungssysteme!“

Sein Freund hatte gerade die Shuttle-Luke verlassen.

„Is nicht wahr?“, fragte er ungläubig, „Da erwischen wir mal ein Schiff mit noch halbwegs kontakter Notenergieversorgung , und die haben sogar KKs in der Kantine? Welches StarFleet-Arschloch hat sich das ausgedacht?“

Rob zuckte mit den Schultern. Er wedelte mit der Hand vor der Abzweigung herum, schon hörte er ein erneutes Fauchen, auf die Wand ihm gegenüber prallten die Energiemassen gleißend auf.

Troy hatte sein Pad rausgeholt, stöpselte es in die Konsole an der Schleusentür hinein.

„Was kriegst du?“, fragte Rob während sich Troy in die Schiffskontrollen einhackte.

„Ich hab Lebenserhaltung, Umweltkontrolle, Inventar und Besatzung“, antwortete er, „Nicht die Waffen- und Schildsysteme. Sorry, aber das Schiffs-Ice ist zu clever für mein kleines Pad.“

„Umweltkontrollen klingt gut“, meinte Spato, „Gib mir Zero wenn ich schreie!“

Mit den Worten rollte er an der Korridoröffnung vorbei, kaum hatte sich ein weiterer Laserimpuls gelöst und ihn verfehlt, warf er sich herum, rannte direkt auf die von der Decke hängende Kanone zu. Er hörte das feine melodische Sirren, als sich die Impulsenergie der Kanone verdammt schnell wieder auflud. Wieviel hatte er, eine Sekunde, vielleicht zwei? In dem Moment, als er den Auflade-Summton verstummen hörte, warf er sich schreiend in einem Hechtsprung nach vorne.

Troy schaltete die künstliche Schwerkraft ab.

In der Kanone steckte ein optisches Erfassungssystem und ein Chip, der die Trajektorien beweglicher Ziele vorausberechnetet. Spatos Körper war erfasst und gerastert, die Beschleunigung, mit der er sich vom Boden abgestossen hatte auf ein Zehntel m/s² bestimmt worden. Sie schoß auf die Stelle, auf die der Pilot wieder auf dem Boden hätte aufkommen müssen.

Rob spürte, wie der Laserimpuls an der Unterseite seines Körpers, empfindlich nahe zwischen seinen beiden Beinen hindurchraste. Bevor er noch einen Stoßseufzer der Erleichterung ausstoßen konnte, prallte er schon auf die Kanone. Geschickt wand er sich um sie, schlang seine Beine um die Haltevorrichtung, brachte seinen Körper seitlich des Mündungsrohres in Sicherheit. Die Kanone begann sich zu drehen und zu schütteln, er fühlte sich wie ein Rodeoreiter, aber zielsicher griff er nach den Energiezuführungskabeln, riss einen Stecker nach dem nächsten heraus, bis er endlich die Steuerungsbefehlleitung erwischte und die Kanone abrupt zum Stillstand kam.

„Okay“, rief er, „Schwerkraft wäre wieder nett!“

Wenn seine Beine nich immer noch so fest um die Kanone herumgeschlungen gewesen wären, wäre er zu Boden gefallen. So gelang es ihm mehr oder weniger elegant zu Boden zu gleiten.

Der blasse Troy hatte inzwischen den Korridor betreten.

„Tu das nie wieder!“, fluchte er, „Das hätte fast gebratene Eier gegeben. Das nächste Mal wenn du so etwas versuchst, kille ich dich hinterher!“

Spato grinste.

„Das ist nicht gerade ein Anreiz so eine Situation zu überleben, meinst du nicht? Ausserdem weißt du doch, ich bin gut im Kaputtmachen“

Troy warf ihm einen bösen Blick zu, betrat die Kantine, machte sich an den Schränken zu schaffen. Die Schrank-Inventare blendeten sich in leuchtendem Hellgrün in die Glastüren ein.

„Was haben wir?“, fragte Rob.

„400 Pizza Margerita…“, zählte Troy auf, „…600 Pizza Salami, 400 Pizza Hawaii, 10 Bleche Lasagne al Forno, 3 Beutel schockgefrostetes Obst, das Doppelte an Gemüse, 40 kg gefrorenes Hackfleisch in Bulettenform, 15 Liter Hühnerfrikassee, 1200 Schokoriegel…“

„Snickers dabei?“

„Lass dich überraschen, Darling. 30 Packungen Königsberger Klopse…wow…drei eingefrorene Enten á L’Orange? Wie sind die denn hier gelandet?“

„Ich hoffe es ist nicht nur dieser Mars-Scheiß. Eklig dieses Toffee.“

„Ich glaub wir haben einen guten Fang gemacht!“, vollendete Troy die Liste. „Wir bekommen noch nicht einmal alles in das Shuttle hinein. Die Zeit der Rationierung ist beendet, Küchenfee!“

Zu zweit begannen sie das Shuttle zu beladen. Spato war zufrieden.

Nur noch selten verspürte er den hektischen Drang, sich umzuschauen. Manchmal hatte er Angst, die Trümmer der alten irdischen Frachter zu betreten. Als ob Geister auf ihnen lauerten. Aber mit Troy fiel ihm alles leicht. Als wäre er ein ewig helles Licht an seiner Seite.

„Das war die letzte Kiste“, meinte er nach einiger Zeit. „Lass uns zurück nach Eden aufbrechen!“

„Warte!“, rief Troy. Erneut stöpselte er sein Pad in die Computerkonsole des Frachters ein. Dann grinste er.

„Hab ich mir doch gedacht, so etwas hier gesehen haben!“

Er lachte laut.

„Du glaubst es nicht, Rob! Ich bin in die Crew-Entertainment-Sektion reingekommen. 400 digitale Hollywood-Classics. Ich brauch ein paar Minuten, um sie ins Pad runterzuladen.“

Spato zog eine Grimasse.

„Ich hoffe von diesem Titanic-Schmalz gibt es keine Fortsetzung? Noch einmal kriegst du mich nicht dazu rum!“

„Hey, du hast selbst zugegeben, der Typ ist süß!“

„Ich stand unter Drogen…zwei Liter Sangria und eine deiner berüchtigten Nackenmassagen.“

„Aber du hast geheult, als sie untergingen!“

„Nun ja, es war ein schönes Schiff!“

Troy lachte.

„Romantik Muffel!“, flüsterte er zärtlich.

Spato trat näher, reckte seinen Hals über Troys Schulter, versuchte einen Blick auf das Display zu erhaschen.

„Gibt es dort auch Literatur?“, fragte er neugierig.

„Keine Angst“, antwortete Troy. „Ich hab schon 4 Gigabyte Kriminalgeschichten heruntergeladen. Du wirst keinen Mangel an Spade und Marlowe haben.“

„Scheint so, als wäre heute unser Glückstag“, meinte Rob.

Troy drehte sich herum, lächelte ihn mit einem verführerischen Glitzern in den Augen an.

„ Noch nicht, aber er könnte es ja noch werden!“, flüsterte er ihm ins Ohr.

Die Datenübertragung war beendet, endlich betraten sie die Shuttle-Kabine. Mit schnellen, gezielten Bewegungen bediente Spato die Kontrollen, die Andockklammern lösten sich, das Shuttle stieß sich von dem Frachter ab. Er warf einen letzten Blick auf das Wrack, auf den verschmorten Metallklotz, der einmal die Brücke des Schiffes gewesen war. Kaum zu glauben, dass es dort drin noch funktionierende Systeme gab.

Troy erhob sich grinsend von seinem Sessel, setzte sich rittlings auf Spatos Schoß, fuhr ihm mit der Hand durch die Haare.

„Was machen wir nur die fünfeinhalb Flugstunden bis Eden?“, fragte er unschuldig.

Spato versuchte an ihm vorbeischauend den Kurs zu setzen, indem er unbeholfen Koordinaten eintippte.

„Weißt du, gegen wieviele SFF-Vorschriften du gerade verstößt? Der Pilot ist während des Flugs nicht zu belästigen!“

„Hast du vergessen, dass wir nicht mehr zur SFF gehören?“, fragte er und öffnete seinem Geliebten den Piloten-Overall. Mit einer einzigen geschickten Bewegung zog er ihm das darunterliegende weiße T-Shirt von der Brust.

„Glaubst du im Ernst, so machst du mich geil?“, fragte Rob, dann drückte er endlich den letzten Button, der Autopilot schaltete sich ein, das Shuttle ging auf Kurs.

Ohne eine Antwort zog sich Troy das eigene T-Shirt aus. Rob zischte, als er den perfekten muskulösen Oberkörper direkt vor seinen Augen sah, seine Finger glitten reflexartig über ihn.

„Okay, gewonnen, so machst du mich geil“, antwortete er, dann sagte er nichts mehr, benutzte seinen Mund nur noch, seinen Geliebten zu küssen, auf die Brust, auf den Nacken, überall wo er nackte Haut erspähen konnte.

„Wann hab ich dir zuletzt gesagt, dass ich dich liebe?“, fragte Troy zärtlich.

„Hm, das müsste so an die drei Jahre her sein“, antwortete er. Troy blickte ihn schockiert an.

„Was? Das kann doch nicht sein?“

„Doch doch. Du sagst nie, dass du mich liebst. Du fragst nur immer, wann du es mir zuletzt gesagt hast. Ich antworte nur meistens nie!“

„Seltsam“, meinte sein Liebhaber, dann drückte er seinen Oberkörper nach vorne, Haut rieb über Haut, und er küsste ihn lang und ausdauernd.

„Drei Jahre“, meinte Troy. „Unglaublich. Wie kommt es, dass ich nach drei Jahren immer noch so geil auf dich bin?“

„Weil ich den größten Schwanz im ganzen Sonnensystem habe“, grinste Spato.

Troy lachte.

„Aufschneider! Du hast auch gleichzeitig den kleinsten Schwanz im ganzen Sonnensystem.“

„Hm, wenn ich den, den ich gerade an meinem Bauch fühle nicht mitzähle, hast du sogar recht.“

Danach stellten sie ihre Neckereien ein, begannen mit dem ernsthaften Liebesspiel.

Erst nach mehreren erschöpfenden Orgasmen fiel Spato etwas auf. Und wieder ist es passiert, dachte er innerlich grinsend, wieder hat er es nicht gesagt…dass er mich liebt!

Schweiz, Leuwenstein, 8. Mai 2088, vier Jahre später

Dr. Berg-Mossbauer rückte ihre Brille zurecht und ließ die Finger über die Tasten flitzen. Emsig arbeitete sie an ihrem Gutachten, aber gelegentlich schweiften ihre Gedanken ab. Als sie den Lieferwagen auf den Parkplatz fahren hörte, genoss sie die Ablenkung, schaute aus dem Fenster heraus.

Der Neuankömmling, dachte sie. Eine interessante Herausforderung. Sie freute sich auf die Arbeit mit ihm.

Sie sah, wie der Mann aus der Hintertür ausstieg. Auf den ersten Blick diagnostizierte sie ihn, seinen Gang, seinen Gesichtsausdruck. Er ist sexuell belästigt oder vergewaltigt worden, schloß sie sofort, hängende Schultern, starrer ausweichender Blick. Gebrochen. Alles in seinen Bewegungen wies darauf hin.

Sie vollendete ihre Beobachtungen ohne jegliche Gefühlsregung, keinerlei Mitleid. Solche Patienten waren Routine für sie. Ganz Leuwenstein steckte voll mit misshandelten Personen. Sie hatte gelernt, diese Dinge sachlich zu sehen, ihre eigenen Gefühle dabei heraus zu halten.

Der graue Mann aus dem Lieferwagen stoppte, wich vom Weg zum Eingangsflügel ab. Die Wächter beobachteten ihn genau, griffen aber nicht ein.

Interessant, dachte sie, das muss ich sehen.

Sie sprang auf und durchquerte den Flur zur Aussenanlage. Als sie die Eingangstür durchquerte, sah sie den Fremden mit einem Bein auf dem Rasen knien. Die rechte Hand hatte er seltsam ausgestreckt, die Finger gespreizt.

„Guten Morgen, Mr. Spato“, sagte sie freundlich. „Ich bin Doktor Berg-Mossbauer, ihre Therapeutin. Ist bei ihnen alles in Ordnung?“

Ohne aufzuschauen fuhr der Mann mit den Finger über die Rasenspitzen.

„Es gab keine Pflanzen auf der Armageddon“, sagte er. Seine Stimme war ruhig und angenehm. „Auch im Habitat hatten wir keine. Ich habe 16 Jahre lang kein Gras gerochen.“

Sie erlaubte sich ein Lächeln.

„Nehmen Sie sich Zeit“, sagte sie mild. „Wir haben einen Park auf der anderen Seite des Gebäudes. Jede Menge Pflanzen.“

„Danke“, sagte er.

Beinahe zärtlich ließ er seine Hände über die Halme wandern. Dann entdeckte er einen gelb blühenden Löwenzahn. Seine Finger umgriffen den Stengel. Es sah aus, als wolle er ihn herausrupfen, aber dann lenkte er die Bewegung um, strich mit der Fingerkuppe über die Blüte, so dass gelber Samen an ihr kleben blieb.

„Ich…ich bin froh, dass sie mitteilsam sind. Man hatte mir gesagt, sie würden nur selten sprechen!“

Der Mann schaute endlich auf, schenkte ihr ein Lächeln. Seine blauen Augen drangen zu ihr durch. Er ist verdammt attraktiv, stellte sie überrascht fest, auch wenn seine Haut noch sehr blass und sein Hals blutig aufgeraut war. Das hatte sie nach dem Bericht nicht erwartet. Sie hatte ein anderes Bild in einem Kopf, von einem rauhen, misantropischen Sträfling.

„Nein!“, widersprach er ihr lächelnd. „Ich bin nicht mitteilsam. Das hier war eine Ausnahme. Ein Gefühlsausbruch. Ein Dankeschön. Für das Gras.“

Und mit einem Mal wurde sein Blick trüb, seine Mundwinkel fielen herab. Er redete kein Wort mehr mit ihr.

Eden, Hailespond-System, 31. November 2084, vier Jahre zuvor

„Nachtschwärmer?“, fragte Troy leise?

Rob zuckte vor dem Eisschrank, vor dem er eine Ewigkeit gekauert hatte zusammen. „Tut mir leid“, sagte er, „Ich wollte dich nicht wecken!“

Beherzt nahm er einen Apfel heraus, blies die wenigen Eiskristalle von ihm ab, steckte ihn in den Defroster. Troy umarmte ihn von hinten, presste ihn eng an sich. Spato musste lächeln.

„Du stehst in letzter Zeit öfters nachts auf“, meinte sein Geliebter.

Spato seufzte.

„Mir geht vieles im Kopf herum“, gab er zu.

„Erzähl! Was ist los?“

Rob drehte sich in Troys Armen herum, lächelte ihn an.

„Es beginnt mit einem Hungergefühl. Irgendetwas, was wir hier nicht kriegen. Heute war es Rührei. Du weißt, was ich meine?“

„Rührei mit Toast“, stöhnte Troy. „Überhaupt Brot. Man, das wäre etwas, was gäb ich für einen frischen, warm duftenden Laib. Und dazu ein Glas frische Milch.“

„Genau!“, ereiferte sich Rob weiter. „Und dann denke ich an diesen Küchenbullen. Rötliche Haare, Sommersprossen, Manieren wie ein Akademie-Schleifer. Aber sein Rührei…umwerfend. Was mich dann verwirrt….mir fällt einfach sein Name nicht mehr ein!“

„Ach das ist es“, meine Troy. „Ich kann mich an seinen Namen auch nicht mehr erinnern. Wir haben ihn nur den Bullen genannt!“

Spato nickte.

„Und dann muss ich plötzlich an die Abende im Kasino denken. An Lisa und IceMan. An die Musik, das Lachen, diese besondere Stimmung. Bevor das alles den Bach runterging.“

Er schluckte.

„Und dann…obwohl ich außer Minnesang und Calimero kaum einen von ihnen genauer kannte…vermisse ich das alles. Keine Person im einzelnen. Aber…dieses Flair…diese Möglichkeiten.“

Er merkte, wie sich Troy bei diesen Worten verspannte. Er wollte gerade etwas sagen, als ein Summton erklang und sich der Defroster öffnete.

„Rob? Willst du mir damit etwas andeuten? Muss ich mir…um irgendwas Sorgen machen?“

Spatos Lachen klang hell und erleichtert auf.

„Nein Darling!“, meinte er, bewegte seinen Kopf nach vorne, küsste seinen Liebsten auf die Oberlippe. „So habe ich das nicht gemeint. Du brauchst dir keine Sorgen machen. Niemals. Wenn ich mir jemals einer Sache sicher war…“

Er küsste Troy noch einmal, diesmal länger, intensiver.

„Darauf werde ich dich eines Tages festnageln müssen“, grinste Troy.

„Mmmhhh…fest nageln!“

„Idiot!“, lachte er.

Rob nahm sich den Apfel aus dem Defroster, biss herzhaft hinein. Er war perfekt. Komplett aufgetaut, trotzdem homogen auf Zimmertemperatur, frisch, saftig und süß.

„Mmph…“, stotterte er, schlang dann eifrig die Stücken in seinem Mund herunter, sprach weiter mit gering düsteren Tonklang.

„Ich fühle mich halt nur manchmal ein wenig eingeengt. Wie in einem Experiment. Steck zwei homosexuelle Menschen in ein isoliertes Habitat und schau, was dabei rauskommt. Wir haben unsere Liebe und ich bin dankbar dafür. Aber das ist alles. Keine Einmischung von außen. Keine Konflikte außer denen, die wir uns selber machen.“

Er seufzte.

„Manchmal kommt mir alles so schal und irreal vor.“

Troy nahm seine Hand mit dem Apfel, führte sie an seine Lippen, biss davon ab. Seine Augen waren tief leuchtend, aber er konnte auch den Schimmer eines Vorwurfs in ihnen entdecken.

„Ich weiß, was du sagen willst“, meinte Spato etwas aufgeheitert, „Ich denke zuviel nach. Ich mache mir meine eigenen Probleme.“

„Und weil du so bist, wie du bist…“, flüsterte Troy zärtlich, „…liebe ich dich!“

„Holla!“, lachte Spato auf, „Habe ich das eben wirklich gehört?“

Troy grinste zurück.

„Ein Ausrutscher!“

Er beugte sich wieder nach vorne um ihn zu küssen. Spato hörte den Apfel auf den Boden fallen. Erst dachte er, Troy habe ihn absichtlich losgelassen, aber dann sah er das Zittern in seinem rechten Arm. Er unterbrach sein Vorhaben.

„Was ist das?“, fragte er.

Beide schauten auf Troys rechte Hand. Sie vibrierte, der ganze Arm zuckte spasmisch.

„Muss ein Krampf sein“, meinte Troy unbesorgt, „Vielleicht bin ich ja ein wenig nervös und verspannt.“

„Hm, du hast Glück das gerade ein Weltklasse-Anti-Verspannungsexperte im Raum ist“, brummte Rob.

„Ja, da habe ich wohl wirklich Glück!“, grinste Troy und zog ihn Richtung Schlafzimmer.

Schweiz, Leuwenstein, 11. Mai 2088, vier Jahre zuvor

„Was ist dann passiert?“, fragte Chris, „Ist er gestorben? Bist du deswegen so apathisch?“

Spato saß auf seinem Bett in seinem Zimmer. Es machte nicht den Anschein, als würde er O’Connor zuhören. Anfangs hatte Chris gedacht, er würde aus dem Fenster sehen, aber beim genauen Hinblicken wurde klar, dass sein Bruder nur auf den Heizungskörper starrte.

„Hey, wo immer du da bist, komm mal raus“, meinte er ärgerlich. Er winkte mit seiner Hand vor Robs Gesichtsfeld herum. „Erde an Spato! Erde an Spato!“, rief er.

Er zuckte überrascht auf, als sein Bruder zu reden begann.

„Zuerst hatten wir keinen Namen für sie. Wir hatten Angst vor ihnen, darum nannten wir sie die Schrecken. Und ihre Schiffe waren Ghosts. Nichts ergab einen Sinn, wir schossen sie ab und sie verpufften zu reiner Energie. Die ersten Jahre des Krieges gab es wirklich einige Narren, die behaupteten, wir würden nur gegen Illusionen kämpfen!“

Seine Augen bohrten sich in die seines Bruders.

„Was soll das?“, fragte Chris erstaunt, „Willst du mir jetzt einen Vortrag in Kriegsgeschichte halten? Es ist nicht mehr nötig, wir haben diesen gottverfluchten Krieg verloren.“

„Es war der Name, vor dem wir am meisten Angst hatten. Darum hat das Militärkommando sie Tronars genannt. Und aus den Ghosts wurden Dralthi und Pankraals. Damit die Piloten glaubten, wir wüssten, gegen was wir kämpfen. Aber im Grunde genommen…haben wir diese Spezies bis heute nicht verstanden! Und in unserem Herzen blieben sie immer Ghosts.“

Chris Pupillen verengten sich unmerklich.

„Was willst du mir sagen?“, flüsterte er. „Was hat das ganze mit Troy zu tun?“

Spato setzte sich auf und lächelte. Er schien auf einmal ein anderer Mensch zu sein, mehr im Frieden mit sich selbst.

„Warum bist du hier, Chris?“, fragte er. „Woher dein plötzliches Interesse? Warum kümmerst du dich um mich? Brauchst du mich? Welchen Teil von mir? Den Adoptivsohn deines Vaters? Oder einen guten Piloten? Oder einen Deserteur, einen bereitwilligen Sündenbock?“

O’Connor zuckte zusammen. Volltreffer, dachte er. Du kannst, so tun, als ob du nichts mehr mitkriegst, aber dein Verstand ist immer noch messerscharf.

„Vater ist vor zwei Monaten gestorben.“, sagte er. „COC und MedCorp gehören jetzt mir, aber das ist ja nichts Neues, er hat mir die Befugnisse ja schon vor Jahren übertragen. Ich…wir hätten dich gerne bei er Beerdigung gesehen, aber du warst ja verschollen…“

Spatos drehte seinen Kopf wieder herum, starrte auf die Heizung.

„Bist du nicht einmal traurig?“, fragte Chris streng. „Du warst alles für ihn. Gut, er hat mir die Firma übertragen, er hat mir die beste Ausbildung zukommen lassen, aber…er hat dich immer mehr geliebt als mich! Warum? Ich war der perfekte Sohn. Du warst nur…ein Abenteurer. Und genau deswegen mochte er dich mehr.“

„Es geht also um dein Ego“, meinte Rob.

„Nein, darum geht es nicht. Es geht um dich. Du hast ihm nie gedankt. Er gab dir zwar keine Macht, kein Geld, aber er hat deinen Ausbildungsbescheid fälschen lassen. Damit du auf die Piloten-Akademie gehen kannst.“

„Ich weiß“, stöhnte Spato.

„Was ist nur mit dir los? Was ist mit dir los, Rob? Du kapierst es nie. Du merkst nicht einmal, wenn du geliebt wirst.“

„Ich habe Ihnen doch davon abgeraten, selbst mit ihm zu sprechen“, meinte Berg-Mossbauer. „Nun ist er wieder völlig apathisch.“

„Ich weiß, was ich tue!“, knurrte O’Connor. „Er wollte mir irgendetwas mitteilen, aber ich verstehe nicht was. Über die Ghosts. Über Troy. Eine Illusion? Verdammt, ich hätte seinen Code fast geknackt! Aber dann…glitt es ins persönliche ab. Uralte, verdrängte Vorwürfe!“

„Zweifeln Sie meine Kompetenz an?“, fragte der weibliche Doktor.

„Wenn ich das tun würde, hätte ich längst einen besseren als sie gefunden!“

Chaos-Theorie, dachte Spato und beobachtete die tanzenden Staubpartikel über dem Heizkörper. Auch wenn er es sich nicht anmerken ließ, seine Gedanken rasten wie die einzelnen Staubteilchen in der Luft.

Er war nur ein Traum, dachte er. Chris kann mich nicht verwirren. Natürlich merke ich, wenn ich geliebt werde. Aber das gab es noch nie. Troy war nur ein Traum.

Die Tür öffnete sich. Sein Pfleger betrat das Zimmer. Drei Tage kümmerte sich der Junge jetzt schon um seine Mahlzeiten, begleitete ihn auf seinen Spaziergängen.

Er war hübsch. Seine Augen waren tief und braun, seine Haare mittellang und fielen oft in Strähnen über sein Gesicht. Manchmal erwischte er ihn dabei, wie er ihn musterte. Und fühlte sich dann sofort schuldig. Und verraten!

Ich merke es noch nicht einmal…

„Was gibt es heute?“, fragte er. Es war das erste Mal, das er den Jungen angesprochen hatte.

Der Pfleger ließ sich seine Verwunderung nicht anmerken.

„Den üblichen Fraß“, antwortete er lächelnd. „Hühnermus in Kartoffelpappe. Wenn Sie mich höflich bitten, kann ich Ihnen ja mal etwas ordentliches in dieses Irrenhaus reinschmuggeln.“

„Alles nur keine Pizza!“, krächte er. „Ich werde nie wieder Pizza sehen können. Aber auf das Angebot komme ich sicher einmal zurück.“

Er machte eine kleine Pause.

„Wie heißt du überhaupt?“

„Daniel“, antwortete der Junge. Ihre Augen trafen sich.

Daniel, dachte Spato. Rafael oder Gabriel oder Tadzio würde dir viel besser stehen. Aber Daniel ist in Ordnung.

„Rob“, antwortete er, dann streckte er seine Hand aus.

„Angenehm, Rob“, lachte der Junge. „Ich muß jetzt weiter. Gibt noch ne Menge anderer Durchgedrehte zu füttern hier.“

Spato musste gegen seinen Willen lächeln. Er schaute dem Pfleger hinterher, in der Tür drehte er sich noch einmal herum.

„Ich sollte Ihnen das nicht verraten“, flüsterte er, „Es ist zwar verboten, aber ich habe ihre Krankenakte gelesen. Ich weiß nicht warum, da war etwas, was sie für mich interessant machte!“

Seine Augen blitzten für einen Sekundenbruchteil auf..

„Wir beide haben etwas gemeinsam, Rob!“

Dann war er mit einem Augenzwinkern verschwunden. Spatos Herz raste.

Eden, Hailespond-System, 13. Februar 2085, vier Jahre zuvor

Troy saß im Aufenthaltsraum des Habitats und betrachtete den Sternenhimmel.

Er war angespannt und nervös. Plötzlich schlichen sich unangenehme Erinnerungen in sein Bewusstsein.

…Ullus Major. Seine Pilotenprüfung an der Akademie. In seinem ganzen Leben hatte er nie einen Menschen mehr gehasst als seinen Ausbilder. Er erinnerte sich gut, den Tag vor seiner Prüfung hatte er nicht essen und die ganze Nacht darauf nicht schlafen können. Mit gummiartigen Gelenken hatte er sich zur Jäger-Abschußbasis geschleppt…

Jetzt ging es ihm schlechter. Eine Faust hatte sich in seinem Magen geballt. Er fühlte sich kraftlos. Er konnte nichts tun, bis Spato endlich aus dem Shuttle kommen würde.

Er entdeckte einen Kometen, nur ein winziger heller, sich bewegender Fleck in der tiefen Schwärze. Ob ich die Zerstörung der Armageddon wohl auch so sehen könnte, hier, fragte er sich. Sie waren 4 ½ Lichtjahre von den Koordinaten entfernt, an dem sie die Armageddon mit dem Shuttle verlassen hatten. Wenn sie kurze Zeit später mit dem Rest der terranischen Flotte zerstört worden wäre…in ca. 13 Monaten müssten wir ihr Explosionshalo sehen können. Ein gruseliger Gedanke.

Wo blieb Rob nur? Sie hatten vor einer Stunde eine Blutprobe von Troy genommen. Der Diagnostik-Computer in der MedBox des Shuttle bräuchte normalerweise höchstens 20 Minuten für eine komplette Untersuchung. Was sollte die Verzögerung? Er hatte ein übles Gefühl im Bauch.

…Der Tag der Prüfung an der Akademie war desaströs verlaufen. Aus Nervosität hatte er einen Fehler nach dem anderen gemacht. Als er sich endlich schweißgebadet aus dem Jäger geschält hatte, musste er eine halbe Stunde lang eine wütende Kanonade seines Ausbilders über sich ergehen lassen. Doch er erhielt den Abschluß. Und damit war er auf die Armageddon gekommen. Ein schwieriger Tag, eine harte Probe für seine Nerven. Doch er hatte sich im Endeffekt gelohnt….

Beruhige dich, sagte er sich, es wird alles gut gehen.

Er veränderte den Fokus seiner Augen und sofort verschwamm der Komet. Stattdessen sah er die Reflektion seines Körpers in den Scheiben.

Ich sehe aus wie ein verfluchtes Unterwäschemodel, grinste er zynisch. Tatsächlich machte es in seinem engen weißen Unterhemd und den strahlend hellen Retro-Boxern den Anschein, er hätte den perfekten, durchstilisierten Körper. Seine Oberarme waren durchtrainiert, er hatte Gewicht an Schenkeln und Bauch verloren, seine Muskeln traten stärker zum Vorschein.

Die Krämpfe haben auch ihre gute Seiten, dachte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er meinte es nicht eine Sekunde ernst. Sie waren häufiger und schlimmer geworden. Erst seine Arme, einmal die Woche. Dann auch Beine, Oberkörper und schließlich alle Muskeln in seinem Körper. Unkontrolliert begannen sie jetzt einmal stündlich sich zu schütteln, und dabei setzen unerträgliche Schmerzen ein. Nachts musste er die Zähne zusammenbeissen, sich in die Matratze krallen, um nicht zu schreien und seinen Geliebten aufzuwecken.

Vor einer Woche hatte er sich noch vehement dagegen geweigert, das Habitat zu verlassen, eine Rückkehr zur Erde zu wagen. Man würde sie verhaften, Rob würde in eine Strafanstalt, er in ein Militärkrankenhaus gebracht werden. Aber jetzt…

„Jetzt bist du am Ende, Sexy!“, sprach er zu seinem Spiegelbild.

Endlich hörte er das Zischen der Shuttleschleuse. Er warf einen panischen Blick auf seinen Geliebten.

Fuck, dachte er und bekam jetzt richtige, klammernd zittrige Angst.

Spato sah blass und eingefallen aus. Aber das war nicht das schlimmste. Er reagierte nicht mehr auf seinen Partner. Troy konnte es kaum ertragen, wie er seinen Blicken auswich.

„Was ist?“, fragte er schrill, „Was ist mit mir los!“

Spato warf wortlos eine frisch ausgedruckte Folie auf den Tisch. Troy schnappte sie sich, überflog die Daten, zischte auf.

Die Welt brach zusammen. Er ließ die Augen über die Daten flattern, ignorierte das Resultat, versuchte die flimmernden Zahlen zu verstehen. Aber es war zu groß für seinen Kopf. Was er las, passte nicht hinein in seine Welt.

Er las das Resultat wieder und wieder. Dreimal. Die Worte passten nicht. Sie beraubten ihn seiner Existenz!

„Rob“, krächzte er endlich. „Du musst mir glauben. Ich habe es nicht gewusst…bitte. Es tut mir so leid.“

Spato hob seinen Blick und Troy schaute direkt hinein. Es lag viel Schmerz, viel Trauer und eine unendliche Hoffnungslosigkeit in ihnen. Aber da war auch noch mehr, ein Funken nur, aber dennoch deutlich erkennbar für ihn. Zorn!

„Ich kann dich nur anflehen mir zu vergeben!“, flüsterte Troy kraftlos.

Er hörte nur noch, wie sie dich Tür hinter Spato schloss.

Tokyo, Datacore, 13. Mai 2088, vier Jahre später

Chris O’Connor saß in der Empfangshalle und kämpfte mit sich selber.

Er schmachtete nach einer Zigarette, wippte nervös mit den Zehenspitzen, warf hektische Blicke nach der Sekretärin hinter dem Glaskasten. Er war nervös und aufgeregt, beherrschte sich aber, er würde sich keine anzünden. Jede weitere Zigarette würde ihn nur schwächer machen, ihn mehr der Sucht ausliefern.

Vorgestern hatte er die Schweiz verlassen. Etwas in Spatos Worten hatte ihn hierher gezogen. Der Hauch eines Verdachts.

Du hast jeden Grund dazu, nervös zu sein, sagte er sich. Das hier ist DATACORE. Jeder kannte den Namen. Aber niemand wusste, was alles dahintersteckte. Wo die Server versteckt waren, wieviel Datenmengen Datacore verwalten konnten.

„Mr. Connor?“, unterbrach ihn eine Stimme und eine freundliche Dame nahm ihn in Empfang. Er schenkte ihr einen seiner charmantesten Blicke und ließ sich zu einer weiteren Tür führen. ‚Starr’, stand auf der Silberplakette über dem Türgriff.

Er trat ein, die Hände in den Hosentaschen.

„Hallo!“, meinte er, warf einen Blick auf den hageren, glatzköpfigen Menschen hinter dem Schreibtisch.

Verdammt, fluchte er, genau so jemanden habe ich erwartet. Das wird nicht einfach werden.

„Mr. O’Connor?“, vergewisserte sich der Herr, vermutlich Mr. Starr, mit einer gelangweilten, überheblichen Stimme.

„Ich begrüße Sie bei Datacore. Ich finde jedoch erstaunlicherweise keinen Anlaß, der mir ihr Kommen hierher erklären dürfte? Darum denke ich, unser Gespräch wird bemerkenswert kurz verlaufen!“

Chris räusperte sich.

„Ich brauche einige Informationen, Mr. Starr. Direkt von Datacore. Über ein Mitglied der SFF. Sie wissen, als die Starfleet Force noch existierte, war ich der Präsident der SFF, es sind also meine eigenen Daten, die ich einsehen möchte und…“

„Dann schauen Sie sich ihre Daten in ihren eigenen Datenbanken an, Mr. O’Connor. Datacore ist vor 63 Jahren aus einem einzigen Grund gegründet wurden…“

Jetzt beginnt der ewige Sermon, dachte O’Connor frustriert. Aus, mit so einem Korinthenkacker komme ich nicht weiter.

„… zur Bewahrung der wichtigsten Daten der Menschheit bei einem vollständigen, totalen Server- und Netzausfall, sei es durch Hacker, Viren, Würmer oder physische Zerstörung. Meines Wissens nach gab es nie einen vollständigen Datenbankverlust bei der SFF. Ihre Daten sind vorhanden, Datacore hat also keinerlei Verpflichtung, darf Ihnen keinerlei Daten aushändigen. Nun, auf Wiedersehen Mr. O’Connor.“

„Ich fürchte, meine Daten sind manipuliert worden“, gab er zu. „Spurlos. Ich kann ihnen auf jeden Fall nicht trauen. Ich brauche eine Kopie derselben Daten, aber auf dem Stand vor 20 Jahren. Nur so kann ich sicher gehen…“

„Das ist allein ihr Problem, Mr. Connor“

Chris seufzte gespielt auf.

„Ich bitte Sie doch nur um einen kleinen Gefallen!“

Starrs Blick blieb erbarmungslos.

Okay, dachte Chris, verloren. Er brauchte nur in diese grauen Augen zu schauen, um zu wissen, ein Bestechungsversuch, sein eigentlicher Plan, würde nicht fruchten. Er könnte 100 Millionen Kredits anbieten, dieser Mann würd nie von seiner Ethik abweichen.

„Es ist wirklich wichtig, Mr. Starr“, flüsterte er drängend. „Ich würde meine gesamte Firma, die ganze COC dafür in die Waagschale werden!“

Der Mann hinter dem Schreibtisch erhob erstaunt eine Augenbraue. Ich bin zu ihm durchgedrungen, dachte Chris. Der Kerl würde nur zu gerne sehen, dass ich meine Mittel für sein DATCORE-Idol opfere. Aber trotzdem…Starr schwieg unverändert.

Langsam erhob er sich schulterzuckend von seinem Stuhl. Er wollte sich gerade zum Gehen herumdrehen, da schoß ihm eine Inspiritation ins Gehirn. Eine kleine funkelnde Idee. Ein Haken, an dem er Starr erwischen konnte.

„Und wenn ich Ihnen sage, dass nicht nur die SFF-Daten sondern auch Ihre manipuliert worden sind?“

Starr lachte.

„O’Connor, Sie sind mir ein Spaßvogel. Datacores Daten sind unfälschbar.”

„So?“, fragte er nach. „Was verwenden Sie? SOD? Diamant-Substrate? Sie wissen selbst, es gibt kein System, das nicht eines Tages geknackt werden kann.”

Er beugte sich nach vorne, griff sich einen Zettel und einen Stift von Starrs Schreibtisch, schrieb einen Namen auf.

„Hier!“, sagte er aufgeregt, „Das hier ist der Name eines Piloten! Schauen Sie sich seine Krankenakte an. Seinen PK! Ich wette, auch an Ihren Daten ist herumgepfuscht worden!“

Starr lächelte nicht mehr. Wortlos nahm er den Zettel an sich, zerknüllte ihn und warf ihn in den Papierkorb.

„Auf Wiedersehen!“, sagte er mehr als energisch.

Chris schüttelte fassungslos den Kopf. Seine Lippen formten lautlos das Wort ‚Bastard!’. Dann verließ er das Büro.

Kaum aus der Tür heraus, trat er gegen die Teppichleiste des Bodens, bis ihn der Schmerz in seinem Fuß wieder zur Besinnung brachte.

„Sturköpfiges Arschloch!“, fluchte er, ließ sich dann mit dem Rücken gegen die Korridorwand fallen, zündete sich eine Zigarette an. Wie ein Ertrinkender inhalierte er den schweren Rauch. Er hatte die Zigarette zu zwei Dritteln aufgeraucht, als sich Starrs Bürotür öffnete.

Der Kopf schob sich aus der Türöffnung, Starr sah nervös aus, Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gebildet.

„Mr. O’Connor?“, fragte er mit schwankender Stimme, „Könnten Sie bitte wieder hineinkommen? Ich…ich müsste Ihnen etwas zeigen!“

Chris ließ die Zigarette zu Boden fallen und grinste.

Schweiz, Leuwenstein, 13. Mai 2088

„Ach hier bist du“, meinte Daniel und schob sich schweratmend durch die Dachluke.

Spato stand am Rand des Klinik-Flachdachs. Seine Arme hingen schlaff herunter, aber sein Kopf war nach oben gereckt, sein Mund leicht geöffnet, die Augen wach und strahlend in den Nachthimmel gerichtet.

„Was machst du?“, fragte Daniel, schob sich vorsichtig näher heran.

„Ich beobachte nur die Sterne“ meinte Spato, seine Stimme klang sanft, freundlich.

Daniel entspannte sich sofort, bewegte sich lockerer, stellte sich neben den Patienten.

„Wie hast du das geschafft?“, fragte er mit einem unterschwelligen Lachen in der Kehle, „Wie bist du aus deinem Zimmer ausgebrochen?“

Spato antwortete nicht sofort.

„Ist es nicht merkwürdig?“, fragte er seinen Pfleger. „Ich habe Platzangst. Mein schlimmster Albtraum ist es, einmal in einem sehr engen Raum festzusitzen, bewegungsunfähig. Wie zum Beispiel in einem Sarg unter der Erde. Und doch gab es für mich nie etwas befreienderes, als mich in ein enges JJägercockpit zu zwängen und ins All katapultiert zu werden. Es ist, als ob die Wände nicht vorhanden wären. Als wenn ich direkt durch die Leere treiben würde.“

Der Junge lächelte verstehend.

„Vermisst du den Weltraum?“, fragte er.

Spato nickte. Er streckte einen Finger aus, zeigte von Stern zu Stern.

„Dort oben war ich überall. Ich weiß, wie diese Sonnen aussehen, nicht nur als kleiner funkelnder Diamant am Himmel, so wie jetzt. Gigantische, träge Riesen. Es gibt nichts Schöneres. Alles ist zeitlos.“

„Darum musstest du mitten in der Nacht hier heraufkommen?“

Er lachte auf.

„Platzangst habe ich“, sagte er friedlich, „Höhenangst aber nicht! Ich bin einfach aus dem Fenster die Wand empor geklettert!“

Daniel stieß einen bewunderten Pfiff aus. Er wisch sich eine verschwitze Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Na, du hältst uns ganz schön auf Trab. Die Doktorin geht auch schon wegen dir die Wände hoch. Warum machst du es ihr nicht ein wenig einfacher? Warum redest du zu ihr nicht so wie zu mir? Sie will dir doch nur helfen?“

„Will sie das? Ich dachte, sie will nur ihren Job machen, meine Krankenakte möglichst schnell schließen und ein fettes Honorar einsacken.“

Daniel schluckte. Er trat näher, streckte seine Hand aus, legte sie Spato auf die Brust.

„Warum bist du so verflucht zynisch?“, fragte er.

„Und warum hasst ihr mich nicht?“, entgegnete Spato. „Ich habe euch im Stich gelassen. Ich bin vor der wichtigsten Schlacht der Menschheit geflohen. Ich denke immer noch darüber nach. Hatte ich überhaupt eine Wahl? Ich musste desertieren. Wäre ich nicht geflohen, dann wäre ich auch nicht der Mensch gewesen, den er geliebt hat“

„Und das war dir wichtiger?“, fragte Daniel nach. „Seine Liebe war dir wichtiger, als was dein Bruder, oder die Mossbauer oder sonst irgendein Mensch von dir denken mochte?“

Eine Träne schälte sich aus Robs Auge herab.

„Er hat mich betrogen“, gab er endlich zu. „All diese Liebe war nur eine Farce. Verstehst du nicht? Es war nur ein Schwindel!“

„Rob…“, meinte Daniel betörend.

„…das passiert JEDEM von uns. Natürlich tut es weh. Natürlich tötet es uns! Aber das heißt nicht, dass es an dir liegt. Oder dass es keine Menschen gibt, die dich lieben!“

Er griff nach Spatos Hand, griff sie fest, zog ihn.

„Komm“, sagte er. „Es wird Zeit wieder herunterzugehen!“

Eden, Hailespond-System, 21. Juni 2085, vier Jahre zuvor

„Rise up, my love, my fair one, and come away“, sagte Rob und stellte ein Tablett eines Frühstück-Äquivalents auf den Tisch.

„Früher hätte es einen Kuss am Morgen gegeben, jetzt gibt es Shakespeare?“, krächzte Troy verschlafen.

„Wird nachgeholt“, sagte Rob leise, trat an das Bett und küsste ihn sanft auf die Stirn. Er sah schlecht aus. Tiefe Augenringe, blasse Haut. Aber das muß nichts sein im Vergleich mit mir, dachte Troy.

Sein Körper gab jeden Tag ein wenig mehr auf. Er konnte sich unter Aufwendung alle Konzentration vielleicht noch aufstemmen, einige Schritte gehen, aber seine Feinmotorik funktionierte nicht mehr. Sein Körper war ausgemergelt, unter der eingefallenen Haut konnte man deutlich einzelne Muskelstränge beobachten. Das wenige Haar, das ihm noch nicht ausgefallen war, hatte seine dunkle Farbe verloren.

Er beobachtete seinen Liebhaber genau. In den letzten Wochen hatte sich das Klima zwischen den beiden wieder verbessert, sicherlich eine Kombination aus Reue und Mitleid. Aber noch immer wich Spato seinen Blicken aus. Und heute kam noch etwas undefinierbares dazu.

„Was hast du?“, fragte er ärgerlich, „Etwas stimmt doch heute nicht mit dir!“

Und diesmal sah ihm Rob wieder direkt in die Augen.

„Es…es tut mir leid“, schluckte Spato, „ Ich habe lange Zeit darüber meinen Kopf zerbrochen…Troy, ich halte es nicht mehr aus. Ich kann dich nicht jeden Tag mehr vor meinen Augen zerfallen sehen.“

Sein Blick wurde flehend.

„Ich muß fort von hier“, flüsterte er.

„So!“, krächzte Troy mit scharfer Stimme. „Du mußt also…“

Dann brach es aus ihm heraus, leise, bettelnd, als würde eine andere Person sprechen als das zynische Miststück, das er die letzten Wochen gewesen war.

„Bitte, Rob, töte mich!“

Sein Partner wich erschreckt einen Schritt zurück. Seine Augen waren weit aufgerissen.

„Ich habe auch schon daran gedacht. Aber das kannst du nicht von mir verlangen!“, stammelte er. „Natürlich, für dich ist es die Lösung, dann ist alles vorbei, aber ich muß den Rest meiner Zeit mit der Tatsache leben, dich getötet zu haben.“

Troy hatte nicht erwartet, eine positivere Antwort zu bekommen. Plötzlich war der Gedanke da, Erlösung, es gab eine Spritze mit Sedidativum in der MedBox, dann ein Kissen auf seinen Mund, wie einfach das doch alles wäre…

„Du tust gerade so, als ob du das Opfer wärest, Rob. Natürlich, ich bin der Egoist, ich versaue dir deine Zeit im Paradies und füge dir mit meinem langsamen Verrecken furchtbare Traumata zu. Verdammt Rob, ICH bin es. ICH bin es, der stirbt.!“

Die Tränen schossen ihm in die Augen.

Sein Blickfeld verschwamm, er hörte nur noch, wie sich Rob bewegte, wie sich seine Schritte langsam, stolpernd entfernten.

Verdammt, verfluchte er sich innerlich, warum habe ich das gesagt? Wo inzwischen alles schon schwierig genug ist.

„Ich ertrage das nicht mehr“, hörte er ihn stammeln, „Es tut mir leid, Troy…aber, ich krieg das nicht mehr auf die Reihe“

Er wich immer zögerlicher auf die offene Tür zurück.

„Na los, verschwinde!“, hörte Troy sich selber brüllen. „Verschwinde, du großer Held!“

Grausames Lachen strömte aus seiner Kehle heraus.

„Großer Held der Menschheit! Du Feigling“

Die Tür schloß sich, Troy sackte auf dem Bett zusammen.

„Warte!“, flüsterte er, „Warte doch, Rob!“

Aber da hörte er schon schwach das Zischen der Außenschleuse. Kurze Zeit später gab es einen Lichtblitz, als die Antriebe des Shuttles zündeten.

Tokyo, Datacore, 13. Mai 2088, vier Jahre später

„Ich muß zugeben, ich bewundere Sie ein wenig“, grinste ihn Starr an. „Sie sind ein gewitztes Bürschlein, Mr O’Connor. Beinahe hätten Sie mich aufs Kreuz gelegt.“

Chris lächelte zurück. Er war beruhigt. Das Eis zwischen den beiden war gebrochen. So wie er, liebte auch Starr ein gutes Rätsel. Und Chris hatte ihm ein erstklassiges geboten.

Starr breitete einige frisch ausgedruckte Datenfolien aus.

„Mr. Troy Parker hatte seine letzte medizinische Untersuchung im April 2083“, las Starr vor. „Sein Paulsen-Kurth-Koeffizient wurde dabei zu 99% bestimmt.“

Er hob diesen Fakt betonend die Augenbrauen.

„Anfang des 21. Jahrhunderts wäre dieser Wert wohl noch wahrscheinlich gewesen. Aber heutzutage? Unmöglich!”

“Noch interessanter wird es, wenn man sich seinen PK-Wert in den Original-Datacore-Daten von vor 20 Jahren bei seine Geburt 2064 ansieht. Eine saubere Null. Zu 100% ein sauberer, amerikanischer, heterosexueller Junge. Also…was ist passiert? Sie wollten mir glauben machen, Mr. O’Connor, jemand habe die Daten manipuliert. Den PK-Wert sämtlicher SFF-DocFiles geändert. In Ihren und in unseren Datenbanken. Vielleicht eine Diffamierungskampagne? Um einen Piloten der SFF zu diskreditieren, ihn als Homo hinzustellen? Wenn man diese Daten oberflächlich betrachtet, sieht es genau so aus, wie ich mit Schrecken feststellen muss…aber!“

Er hob theatralisch seinen Zeigefinger.

„Datacores Daten sind nun einmal definitiv unverfälschbar! Also! Wenn man den PK-Wert nicht verändert hat…“

„…dann den Piloten!“, vollzog Chris atemlos den Schritt.

Starr lächelte.

„Genau. Also, wie schon gesagt, nicht Datacores Problem. Ihres!“

„Ein Retro-Virus!“, flüsterte Chris in Gedanken verloren. „Genetische Umprogrammierung. MedCorps Spezialgebiet. Darum sein Misstrauen. Darum sein Hass auf mich!“

Starrs Lächeln wurde breiter.

„Richtig und falsch. Kein Retrovirus, aber der Fehler würde jedem passieren, schließlich ist es die gängige Methode, bei einem Menschen den genetischen Code umzuprogrammieren. Wenn man sich die Daten allerdings genauer ansieht, fallen einem Experten jedoch noch andere winzige Veränderung im Code auf.“

Natürlich nur einem genialen Experten wie dir, du arrogantes Arschloch, dachte Chris, lächelte aber weiter.

„Hier, hier und hier!“, meinte Starr und tippte auf Zahlenwerte auf den Folien. „Man hat den Piloten nicht verändert. Man hat ihn getötet!“

Chris schrak auf. Die Erkenntnis traf ihn völlig unerwartet wie ein Blitz.

„Der File des Piloten Troy Parker, der 2083 von der SSF medizinisch untersucht worden ist“, erläuterte Starr mit einem überheblichen Grinsen, „ist der File eines Klons!“

Chris schüttelte ungläubig den Kopf. Nein, dachte er, nein, das kann nicht sein.

Troy war nie real.

„Eine einfache Zellprobe des toten Piloten. Zwei Monate im Becherglas. Dann Force-Growth. Der Mann in der SFF wurde einfach durch ein schwules Pendant seiner selbst ausgetauscht.”

Chris war kreidebleich geworden.

„Wie lang…ist die Lebenserwartung eines zwangsbeschleunigten Klons?“, fragte er, obwohl er die Antwort genau kannte.

Starr hob erstaunt die Augenbrauen.

„Nun, ich denke maximal sechs Jahre? Dann beginnen die Zellen ihre Kohärenz zu verlieren. Der Körper verfällt.“, meinte er.

Er schloß die Augen.

Glückwunsch Chris, dachte er, du hast das Rätsel gelöst. Das Puzzle ergibt ein logisches Bild. Wieder einmal gewonnen.

Nur warum fühle ich mich jetzt so jämmerlich?

Schweiz, Leuwenstein, 26. Mai 2088

Dr. Berg Mossbauer griff zum Whiskyglas und schenkte es sich randvoll.

Glückwunsch, dachte sie und nahm den ersten Schluck, heute morgen hast du den Durchbruch erreicht.

Spato hatte sich endlich geöffnet. Er hatte sie mit seinen verdammt strahlenden blauen Augen gemustert und dann endlich das Wort an sie gerichtet. Sobald er die anfängliche Scheu verloren hatte, waren die Worte aus seinem Mund herausgesprudelt.

Was für eine Geschichte, dachte sie, nahm den nächsten Schluck. Wie konnte man ihm das antun? Wer hatte ihm das angetan? Und warum? Einen Menschen zu klonen, ein exaktes Pendant zu der Wunschvorstellung eines Partners. Wie ein Teddybär aus Fleisch und Blut, ein Ding, das man geschaffen hatte, damit er etwas zu lieben hatte. Mit einem Haltbarkeitsdatum.

Troy hat nicht gewusst, dass er ein Klon war, hörte sie Spatos Worte noch. Er war das eigentliche Opfer. Er verriet mich, ohne eigentlich etwas dafür zu können.

Wie grausam diese Welt doch war.

Sie konnte verstehen, warum Spato an dieser Liebe zerbrochen war. Er war zu ihr durchgedrungen, und dafür hasste sie ihn jetzt. Sie hatte sich Spatos Geschichte angehört, voll Wunder über diese starke Liebe zwischen zwei Männern. Als er mit Tränen in den Augen von Troys Ende erzählte, spürte sie auch in sich das Bedürfnis zu weinen, hatte es eisenernst unterdrückt.

Aber vielleicht ist das gut, dachte sie. Wenn einmal einer der Patienten durch die Fassaden bricht? Wenn mir gezeigt wird, dass auch ich noch ein Mensch bin?

Sie beendete das Glas, schaute aus dem Fenster.

Spato und Daniel waren auf dem Grünareal. Sie hatte vor einer Woche den Klimaformer umgestellt, eine riesige Wiese aus schulterhohem afrikanischen Savannengras im Park erzeugt. Die einfachsten Ideen zeigen die erstaunlichsten Wirkungen, dachte sie. Zusammen mit Daniel war die Natur der Weg zu Spatos Innersten gewesen. Sie hatte sich erinnert, wie er sich für das Gras bedankt hatte. Sie hatte ihm mehr Gras besorgt, er hatte sich aus Dankbarkeit geöffnet, ihr sein Vertrauen geschenkt. Fall geschlossen.

Gegen Mittag war O’Connor bei ihr aufgetaucht. Hatte ihr einen riesigen Scheck ausgestellt. Er lag immer noch unangetastet auf dem Schreibtisch. Sie fühlte sich schmutzig, sobald er in ihr Blickfeld geriet.

Sie hörte Daniel draussen lachen. Er lief in die Wiese hinein, Spato folgte ihm.

Spato wird es schaffen, dachte sie. Wir haben es doch alle irgendwie geschafft.

Lachend lief Rob ihm durch das Gras hinterher, holte ihn endlich ein, stürzte mit ihm zu Boden. Schwer atmend lag er auf ihm, genoss sein hämmerndes Herz, atmete den herrlichen Duft des afrikanischen Gras ein.

„Gib sie mir zurück“, sagte er.

Daniel lag unter ihm, eingekeilt, grinste ihn an. In der Hand hielt er die Kette, die er Spato zum Spass entrissen hatte. Ein einfaches dünnes Metallband mit einem Kristallsplitter. Er hielt den Kristall in das Licht, sah das merkwürdige Objekt in ihm.

„Was ist das?“, fragte er.

„Ein ID“, antwortete Spato. „Eine eingegossene Probe genetischen Materials. Es gab eine SFF-Vorschrift, es immer zu tragen. Das transparente Material überlebt Temperaturen über 13.000 Grad Celsius. Es ist das einzige, was von einem Piloten übrig bleibt, falls es zu einer Plasmaexplosion kommt.“

Der junge Pfleger blickte mit neuer Ehrfurcht auf die Kette.

„Ein hübsches Ding“, meinte er, „Auch wenn der Sinn dahinter schrecklich ist!“

Spato nickte.

„Schenkst du es mir?“, fragte Daniel mit leuchtenden Augen. „Als Erinnerung! Du brauchst es nicht mehr!“

Spatos Herz machte einen kleinen Sprung. Die Kette fortzugeben wäre, wie sich seinen kleinen Finger abzuschneiden. Sie war immer bei ihm gewesen. Sie erinnerte ihn an die Armageddon, an seine Gefährten, an all die toten Piloten. An die Schwärze des Alls.

Dann nickte er lächelnd. Daniel hatte recht. Er brauchte sie nicht mehr.

Er spürte die Wärme des jungen Körpers unter ihm. Seine Hand war nur ein winziges Stück von Daniels Wange entfernt. Daniel betrachtete ihn mit grossen Augen.

„Was ist?“, fragte er lächelnd.

Rob erwiderte das Lächeln. Seine Hand glitt näher, sein Daumen strich über Daniels Wange.

Spontan beugte er sich herab, küsste die Stirn seines Pflegers.

„Ich kann bleiben“, sagte er sanft. „Ich suche mir einen Job hier. Dann brauchst du keine Erinnerung an mich. Sag mir, dass du mich liebst!“

Da war es. Das Funkeln in Daniels Augen. Der kleine, verkrampfte Atemzug, Die kurz erweiterten Pupillen.

„Rob…“, meinte er.

Spato lachte auf, unterbrach ihn. Er stand auf, klopfte sich das Gras und die lockere Erde von der Hose.

„Und damit ist die Scharade am Ende“, sprach er. „Ich danke dir sehr, du warst wirklich überzeugend. Chris hat eine gute Wahl getroffen!“

„Du…weißt?“, stammelte Daniel blass.

„Vom ersten Moment an“, meinte Spato trocken. Er reichte seine Hand herab, Daniel ergriff sie zögerlich, dann zog er ihn nach oben.

„Keine Angst, ich bin dir nicht böse!“, sagte er. „Wo hat Chris dich gefunden, Schauspielschule? Du bist kein Pfleger. Und ich war wirklich oft am zweifeln, du hast wirkliches Talent!“

Daniel stieß einen tiefen Stoßseufzer aus.

„O Gott, Rob, wenn du wüsstest, wie ich mich gefühlt habe. Ich bin so froh jetzt. Ich hatte grosse Befürchtungen dich zu verletzen. Es hätte mir sehr leid getan.“

Spato blickte zu Boden.

„Chris versteht so etwas nicht. Er hat keine Ahnung von Menschen. Von Gefühlen. Für ihn gibt es immer nur ein Mittel zum Zweck.“

„Er meinte, ich solle es wie eine Rolle sehen. O’Connor war sehr überzeugend, dass es gut für dich sei. Ich solle mich in dich verlieben. Dir Hoffnung machen. Bis du aus deinem Schneckenhaus kommst…“

„Er ist ein Idiot. Die größte Liebe meines Lebens hat mich verraten. Die Liebe an sich hat mich verraten. Darum war ich am Ende. Und was macht er? Er engagiert einen Menschen, der meine Liebe erneut verraten soll. Wenn ich nicht Zweifel gehabt hätte…“

Daniel sah ihn mitleidig an.

„Rob, wie geht es dir? Du hast glücklich ausgesehen, die letzten Tage…ist jetzt alles okay? Es war sicher nicht gespielt…dass ich dich mag!“

Spato lächelte sanft.

„Es geht mir gut, danke. Ich mag dich auch, aber ich liebe dich nicht. Die Enttäuschung war nicht sehr groß. Ich habe das Spiel genossen. Und du hast mir wirklich Mut gemacht. Wenigstens…habe ich wieder angefangen von Liebe zu träumen.“

„Das beruhigt mich!“, meinte Daniel erfreut.

„Es war zu auffällig“, erklärte Spato. „Wieviel homosexuelle Menschen gibt es noch auf der Welt? Nun, ich kenne nur mich. Und dann ein schwuler Pfleger? Unmöglich, eins zu einer Million. Wie hoch ist dein PK?“

„23%“, antwortete Daniel.

Spato lachte.

„Wow, gar nicht mal so schlecht! Gerade mal bi genug, um sich mit verbundenen Augen einen blasen zu lassen“

Daniel fiel in das Lachen ein.

„Dummkopf“, sagte er sanft, warf einen schelmischen Seitenblick in Spatos Richtung.

Der plötzlich wieder ernst wurde.

„Ich sollte Chris den Hals umdrehen. In was für einer Gedankenwelt lebt. Steck zwei Schwule zusammen in eine kleine heile Welt und sie werden sich ineinander verlieben? So ein Narr. Als ob…“

Er erstarrte. Sämtliches Blut war aus seinem Gesicht gewichen.

„Fuck!“, fluchte er, „Oh Fuck!“

Er ließ sich zu Boden fallen, setzte sich auf das weiche Gras, schaute mit aufgerissenen Augen in den Himmel.

„Ich bin der Narr. Ich hätte es nie kapiert. Verdammt, mein verfluchter Bruder ist ein Genie!“

Tibet, SFF-Base N1, 1. Juni 2088

Er stiess einen erstaunten Pfiff aus.

„Unglaublich – Was ist das für ein Ort?“

Chris O’Connor lag mit unbekleidetem Oberkörper auf dem Sonnenstuhl. Seine Hände waren wie zum Gebet gefaltet und eine dickglasige, grüne, kreisrunde Sonnenbrille stak auf seiner Nase.

„Mein letzter gescheiterter Traum“, antwortete er endlich, „Eine kleine Jägerabschußbasis. Wir haben sie fertiggestellt, einen Tag bevor Hailespond fiel und die Warp-Punkt-Blockaden errichtet wurden. Nun taugt sie nur noch als Sonnendeck. Aber für diesen Zweck ist sie formidabel!“

Spato ließ seine Blicke über das Bergpanorama gleiten. Selten hatte er so einen majestätischen Anblick genossen. Es war kalt, gerade mal um die 10° Celsius, aber die starke Sonneneinstrahlung heizte die obersten Hautschichten in seinem Gesicht sofort auf.

„Du hast einen Fahrstuhl durch einen der höchsten Gipfel des Himalayas getrieben? Nur für eine Jägerabschussbasis?“

„Es hat viele Vorteile. Der Kern der Basis ist gut versteckt und abgeschirmt. Und die Jäger kommen mit Minimal-Aufwand in die Stratosphäre. Und nun schnapp dir einen Stuhl und geniess die Sonne!“

Spato scharrte mit seinen Schuhen über das Bergplateau.

„Ich wollte dir nur danken!“, meine er kleinlaut.

„Hey, hör auf mit dem Scheiß“, meinte O’Connor nur. „Du brauchst mir nicht zu danken. Nach dem, was dir passiert ist. Ich hab alles rausgekriegt. Darin bin ich gut! Naja, fast alles.“

Spato nickte, ging die Plattform auf dem Gipfel entlang. Er musterte die schneebedeckten Bergkämme.

„Ich hatte nichts damit zu tun, Rob“, flüsterte Chris leise. „Ich weiß nicht, wer deinen Troy geklont hat. Warum man ihn dir geklont hat. Natürlich, wenn man mir so etwas erzählen würde, wär mein erster Gedanke MedCorp. Aber wir waren es nicht. Warum auch? Warum hätte ausgerechnet ich dich dazu bringen wollen, aus der Flotte zu desertieren?“

„Es macht keinen wirklichen Sinn“, gab Spato zu. „Es sei denn, du wolltest mich weglocken. Ihr von der SFF ahntet doch alle, dass wir die Hailespond-Schlacht verlieren würden. Troy und die Desertation haben mir mein Leben gerettet. Irgendwer wollte mich von der Armageddon weglocken, aus welchen Gründen auch immer.“

Er warf Chris einen misstrauischen Blick zu.

„Ich stelle mir immer dieselbe Frage. Wollte man mich zerstören oder wollte man mich retten. War Troy gut oder schlecht für mich? Er war alles für mich. Wie ein Farbklecks auf einer grauen Leinwand. Immerhin ein paar Farben. Wenn er auch nur eine Fälschung war.“

Er trat näher an den Rand der Platform. Unter sich, in schwindelerregender Tiefe sah er ein Tal. Ein reissenden Bach hatte sich durch die Schlucht hindurchgefressen.

„Ich habe es jetzt erst kapiert. Er war nicht nur ein für mich hergestelltes willenloses Püppchen. Man kann nicht zwei beliebige Schwule in ein Habitat stecken und erwartet, dass sie sich ineinander verlieben. Der echte, der getötete Pilot Troy Parker hätte mich geliebt, so wie mein Troy. Wenn er schwul gewesen wäre. Nur ein einziges kleines Gen stand der Realität dieser Liebe im Wege.“

Er lächelte.

„Also war alles echt. Unsere Liebe war echt. Es gab keinen Verrat, kein falsches Spiel. Troy war kein Schwindler. Ich erkenne es noch nicht einmal, wenn ich geliebt werde…“

Er drehte sich herum, warf seinem Bruder einen dankbaren Blick zu.

Chris nahm seine Sonnenbrille ab, schaute ihm grinsend die Augen.

„Es ist schön, dass du wieder lächeln kannst, Rob! Ich habe das vermisst. Aber…ich habe Angst. Bist du wirklich schon zurück?“

Er schluckte.

„Berg-Mossbauer hat mir erzählt, was geschehen ist. Du hast Troy verlassen. Und das ist der Schmerz, an den keiner von uns je herankommen kann. Wie kannst du damit leben?“

Spato lächelte trotz der Tränen, die ihm jetzt über die Wangen schossen.

„Ich habe ihr die Geschichte nicht zuende erzählt“, lachte er. „Ich bin zurückgekehrt. Zurück zu Eden!“

Eden, Hailespond-System, 21. Juni 2085, vier Jahre zuvor

Troy hatte sich augerafft, aus dem Bett gestemmt, war zu Boden gefallen. Beinahe eine Stunde war er über den Fussboden gekrochen, inzwischen war er im Wohnbereich des Habitats angekommen. Mit letzter Kraft hatte er sich auf den Liegestuhl unter der Sternkuppel gezogen.

„Dummkopf“, beschimpfte er sich selber, „Du wärst längst am Med-Kit angekommen.“

Dort drinnen befand sie sich, die Spritze mit dem Sedativum. Seine letzte Hoffnung auf einen Ausweg.

Er hatte Angst.

Er schaute nach oben in den Himmel. Dieselbe Angst wie damals, als er hier nach oben geschaut hatte. Damals hatte er noch Sterne gesehen. Er kniff die Augen zusammen, konzentrierte sich, langsam verdichtete sich die graue Fläche, er konnte einzelnd verwaschene Lichtpunkte ausmachen.

Plötzlich ein einziger heller Lichtblitz. Die Armageddon, dachte er wie im Wahn, tatsächlich, ich habe ihre Explosion gesehen. IceMan, Calimero, Dekker. Es dauert nicht mehr lange…

Doch plötzlich hörte er Laute, metallisches Schaben.

Nein, dachte er, das ist der Wahnsinn, das ist nur ein winziges Aufflackern von Hoffnung, es war eine Explosion, keine Triebwerke, ich bin allein…

Doch dann stand Rob vor ihm im Habitat. Seine Haare waren zerzaust, der Raumanzug hing schlaff an ihm herunter, Tränen strömten über sein Gesicht.

„Es…es tut mir leid!“, heulte sein ehemaliger Geliebter.

„Ich hatte es fast geschafft. Ich war schon am Warp-Punkt zur Erde. Und dann…in dem Moment als ich die Koordinaten eingeben wollte…“

Spato stockte.

„Mir wurde klar, dass ich niemals wieder in die Sterne schauen könnte, ohne mich wie ein Verräter zu fühlen.“

Jetzt kämpften sich auch Tränen in Troys Gesicht.

„Ich denke, ich muss es schaffen. Ich muss damit klarkommen, dein Mörder zu sein. Es ist viel erträglicher, als sich vorzustellen, dass ich dich im Stich gelassen habe…“

„Komm…“, flüsterte Troy.

Schon spürte er Robs Arme um seinen Oberkörper, hörte das Schluchzen an seiner Seite.

Ein letztes Mal streichelte er die Wange seines Geliebten.

„Ich liebe dich, Rob“, flüsterte Troy.

Spato schluckte, lächelte unter Tränen.

„Ich hole jetzt das MedKit“, sagte er.

Troy nickte.

Als Spato mit der Spritze in der Hand zurückkam, schlug sein Herz schon nicht mehr.

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