Space – Teil 4

Human Nature

Prolog:

Schwärze, undurchdringliche Schwärze!

Zuerst hätte man es niemals wahrgenommen, die Leere unterschied sich in keiner Weise von dem umgebenden, nimmerendenden Weltraum. Doch dann erschien plötzlich ein Licht in dieser totalen Finsternis, eine winzige Stichflamme wie ein Türspalt im Raum, nicht breiter als ein Haar und doch intensiv leuchtend wie das Innere einer Sonne. Nur Sekundenbruchteile später brach der Warp-Point auf, die typische violette Korona entlud sich, gleißende Photonenbündel ergossen sich ins All.

Am Ende des Singularitätstunnel materialisierten sich drei terranische Raumschiffe. Sie brachen in den Vega-Sektor, zwei leichte schnelle Jäger und ein mittlerer gut gepanzerter Frachter. Keinesfalls unbemerkt. Die Jalkethi-Jäger der Tronar stürzten sich wie Raubvögel auf die ankommenden Schiffe, schon entluden sich Energiesalven in das größere Schiff, nach nicht einmal vier Sekunden explodierte der Frachter in einem lautlosen Feuerball.

Die wendigen Jäger hielten den Blockadeschiffen länger stand. Unter vollem Beschuß stehend jagten sie in den Weltraum hinaus. Die Tronar-Jäger setzten ihnen unerbittlich nach.

Seit der Blockade der Warp-Points hatten sich nur wenige Schmuggler in den Vega-Sektor gewagt. Es lockte der Reichtum der aufgegebenen Kolonien, ganze Weltraumstationen standen den Plünderern offen. Aber nachdem es immer wieder terranische Schiffe gegeben hatte, die den Durchbruch durch die Blockade gewagt und sogar überlebt hatten, war die Anzahl der bewachenden Tronarschiffe stetig gewachsen. Seit Monaten hatte es kein Schmuggler zurück zur Erde geschafft.

Der Frachter bestand nur noch aus Metalltrümmern und schmorender Schlacke. Der Pilot hatte wohl versucht, seine Fluchtkapsel zu zünden, aber die war im Feuersturm beschädigt worden und hatte sich im Cockpitrahmen verfangen. Jetzt trieb die Leiche des Erdbewohners inmitten der Trümmer langsam vom Warp-Point weg.

Hätte man den unglücklichen Piloten geborgen und identifiziert, wären sicherlich einige Menschen sehr erstaunt gewesen. Sein neuer ID baumelte immer noch an der Kette um den leblosen Hals. Es war Rob Spato.

Major Rob Spato war also tot. Als einst bester Jägerpilot der inzwischen aufgelösten StarFleet Force hatte er sein Ende bei einem wahnwitzigen, irrsinnigem Fluchtmanöver von der belagerten Erde gefunden.

Die Blockade-Station scannte die Überreste des Frachters ab. Wie erwartet war der Innenraum des Raumschiffes noch leer gewesen. Es gab keine Lebenszeichen oder elektronischen Impulse mehr in den Trümmern.

Die Jalkethis kehrten zurück, nachdem auch die beiden anderen terranischen Jäger aufgebracht und zerstört worden waren. Inzwischen war die Leiche des toten Frachterpiloten schon ein etliches Stück von der Blockadestation fortgetrieben. Wenn man genau hinsah, konnte man feststellen, dass der schwarze Polymeranzug des Piloten von der Frachterexplosion weder verschmort noch aufgerissen worden war. Auch die Gesichtsmaske war unversehrt. Unter der Hautoberfläche konnte man nicht erkennen, wie das kleine Implantat in Rob Spatos Unterarm plötzlich irrsinnige Mengen an Hydroxil und Kortophen freisetzte. Die Narbe am Handgelenk war seit Jahren verheilt, aber es gab eine neue, direkt oberhalb seines Herzens. Dort wo ein weiteres MedCorp-Implantat gerade einen 380 Volt Spannungsstoß freisetzte.

Rob Spato schlug jäh die Augen auf. Er wollte schreien, der Schmerz war unerträglich, aber ein Schlauch in seinem Hals erstickte den Laut. Sein Herz raste, panisch versuchte er sich zu bewegen, dann setzte langsam die Erinnerung ein, begriff er, wo und wer er war.

Er orientierte sich an den funkelnden Sternen. Dann setzte er einen Kurs und aktivierte die Miniaturdüsen in seinen Stiefeln.

Acht Tage bis zum Hailespond. Acht Tage bis zu dem System, in dem er all seine Freunde und auch seinen Geliebten verloren hatte. Wie sollte er diese acht Tage voller düsterer Erinnerungen überstehen?

***

Kellja Rashement

Der Führer saß auf einem Felsen in der Nähe des Terminals und betrachtete das langsam niedersinkende Shuttle.

Er war erst 17 Jahre alt, aber niemand kannte die Gegend um das Rashement Plateau besser als er. Seine mandelförmigen violetten Augen und die blau-weiß gefärbte Zottelmähne gaben ihm ein exotisches Aussehen. Er trug eine einfache graue Leinenhose und ein weites, schulterfreies Hemd, unter dem seine gebräunte Haut gut zur Geltung kam.

Nachdem das Shuttle gelandet war, stand er auf und ging den Weg hinunter. Gleichzeitig mit den Insassen des Shuttles gelangte er auf den Vorplatz des Terminals.

„Willkommen auf Noris Kellja“, begrüßte er die Gruppe und lächelte.

Die Pilgergruppe war angenehm klein. Er zählte fünf Personen, davon erwiderten Drei sein Lächeln. Zwei davon schienen ein älteres Ehepaar zu sein, er erkannte sofort ihre gegenseitige Vertrautheit aus der Körpersprache und dem geringen Abstand, den die beiden zueinander hielten. Vielleicht feierten sie ihre zweiten Flitterwochen, Noris Kellja war für seine Schönheit und die romantischen Aussichten berühmt. Der Dritte war ein junger, hochgewachsener Mann in der schwarzen Kutte der Neu-Katonischen Katholiken. Sein Lächeln schien durchaus ehrlich zu sein, während das Ehepaar eher leicht verängstigt griente.

„Mein Name ist Per“, meinte der Junge. Ich bin ihr Führer und werde sie die nächsten drei Tage begleiten. Ich weiß, die Reise von der Erde war lang und sie erwarten viel von Noris Kellja, aber glauben sie mir…kein Hologramm und keine Videoaufnahme kann die Majestät dieses Planeten wiedergeben.“

Er hatte den Moment richtig gewählt. Denn während der Kalebmond gerade unterging und die Nordostseite des Horizontes in ein rot-orangenes Licht tauchte, ging im Nordwesten die zweite Sonne, Fellamia, auf. Der ganze Himmel war in einem rosa-orangenen Farbenrausch erleuchtet, die Kristallbäume glitzerten in all ihren Facetten. Der Terminal, dieser graue massive Betonklotz, war der einzige Fremdkörper im Tal. Ansonsten gab es hier nur Natur, den Kristallwald, die Kiefergrassteppen und das imposante Bergmassiv.

„Wann sehen wir Rangun?“, fragte der Priester.

Der Junge lächelte. Immer dieselbe Ungeduld, dieselben Fragen.

„Morgen nachmittag erreichen wir die Tempelstadt. Wir werden heute nacht in den Ruinen einer Kenso-Siedlung übernachten. Glauben Sie mir, Rangun wird nicht das einzige sein, was sie hier begeistern wird. Ich hoffe, ich kann Ihnen viel von den Kenso vermitteln.“

Der andere Mann, der ein wenig abseits gestanden hatte, schnaufte verächtlich auf. Per musterte ihn gründlich. Er musste um die 50 Jahre sein, sein Gesicht war scharf geschnitten, sein Körper groß und hager. Seine grauen Augen funkelten aggressiv, aber intelligent.

Ein Militär, dachte Per unvermittelt. Alles an der Körperhaltung des Fremden wies darauf hin. Wahrscheinlich ein Veteran aus den Tronar-Kriegen, dachte der Junge. Kein Wunder, dass er verärgert wirkt. Mit dem wird es noch einen Haufen Reibereien geben.

„Diese Bäume sind nicht echt, oder?“, ertönte die helle Stimme des letzten Pilgers. Es war ein blonder Junge, den Per als gleichaltrig einschätzte, höchstens ein oder zwei Jahre jünger. Er war kleiner als Per und vielleicht ein wenig pummelig unter seinem weiten Hemd, aber das Gesicht wirkte angenehm und natürlich. Eventuell war er der Sohn des Ehepaars, aber Per glaubte das nicht. Eher ein alleinreisender Jugendlicher, wenn er auch dafür einen etwas zu schüchternen Eindruck vermittelte. Er war an einen der Kristallbäume am Waldrand getreten, berührte das harte Glas.

Per lächelte den Jungen eine Spur freundlicher an.

„Du hast ein gutes Auge!“, meinte er, winkte dann die Gruppe näher heran.

„Schauen Sie sich bitte die Bäume an. Sie bestehen aus Quartzkristallen, die natürlich zu Säulen emporgewachsen sind. Aber diese Riefen, diese Struktur, alles das ist von den Kenso nachträglich hineingearbeitet worden, so dass der Eindruck einer Palme entsteht. Dieser Wald ist in Wirklichkeit ein gigantisches Kunstobjekt. Für die Herstellung eines einzigen dieser Bäume würde ein Mensch mit modernster Laserfrästechnologie mehr als 40 Tage benötigen. Und das, wenn er Tag und Nacht arbeiten würde. Beeindruckend, nicht wahr?“

Die Pilgerfrau nickte ergriffen. Ihr Mann hatte bei Pers Worten die Augen skeptisch zusammengekniffen, fragte nach:

„Aber wie haben die Ureinwohner das bewerkstelligen können. Meines Wissens nach hatten die noch nicht einmal Elektrizität, geschweige denn Laserbohrgeräte.“

„Sie dürfen die Kenso nicht unterschätzen“, meinte Per selbstsicher. „Wir werden jetzt eine Stunde durch das Tal wandern bis wir die Einschienenbahn erreichen. Auch der Schienenstrang der Bahn ist aus Quarz und von den Kenso gefertigt. Wir haben noch nicht ergründet, was für Gondeln die Kenso benutzt haben und wie man sie angetrieben hat. Glauben Sie mir, die Menschheit hätte eine Menge von der Kenso-Kultur lernen können…“

Er warf einen scharfen Blick in Richtung des Militärs.

„…wenn wir sie nicht vor fünfzehn Jahren ausgerottet hätten!“

***

Vega-Sektor:

Spato schreckte auf. Wieder fühlte er sich panisch und desorientiert, er konnte kein Bett unter sich spüren, etwas stak tief in seinem Hals und vor seinen Augen befand sich nur eine undurchdringliche Schwärze. Dann fokussierte sich sein Blick und er erkannte die Sternbilder, unter denen er dahinglitt. Er war während seines traumlosen Schlafes kaum vom Kurs abgewichen, zwei Tage glitt er jetzt schon durch die Leere. Sein Körper fühlte sich immer schlaffer, er befürchtete innerhalb der nächsten sechs Tage so schwach zu sein, dass er niemals wieder in der Lage wäre, einen Schritt in einer Schwerkraftumgebung zu vollziehen. Aber wenn alles wie geplant verlief, brauchte er das ja auch gar nicht mehr.

Es gab nichts zu tun, außer zu schlafen, und jede Schlafperiode brachte ihn ein klein wenig vom Kurs ab. Er versuchte sich an seine Lieblingsgeschichten zu erinnern, verschwommene Erinnerungen an Bücher und Kinofilme, führte in Gedanken fruchtlose Diskussionen mit den Hauptcharakteren.

Und dann glitt er wieder ab. Erinnerungen. Troy!

Es tat immer noch weh, an ihn zu denken. Ich werde ihn nie überwinden, schwor er sich. Immer wenn ihn die Schwärze seiner Gedanken in die Besinnungslosigkeit ziehen wollte, kämpfte er sich hervor, zwang sich, nicht mehr an den verlorenen Liebhaber zu denken.

Such dir andere Erinnerungen, sagte er sich. Lebendigere. Etwas was nicht so lange zurückliegt. Etwas Buntes. Chris und die Party vor zwei Wochen, zum Beispiel…

Alle Menschen lachten oder lächelten oder tranken oder redeten oder sahen sich tief in die Augen oder erhaschten sich Canapees oder tanzten oder prosteten sich zu.

Rob Spato stand alleine in der Ecke des Areals und beobachtete schweigsam seine Mitmenschen. Er trug einen eleganten schwarzen Smoking und lehnte sich an den Rand des Kamin-Imitats an. Manchmal erhaschte er einen Blick auf sich selbst in der riesigen schrägen Fensterfront, die zur Terrasse herausführte, dann griente er sich ein wenig an. Ihm gefiel sein Aufzug, es erinnerte ihn an seinen Lieblings-Action-Comichelden aus seiner Kindheit.

Er fühlte sich einsam.

Jemand näherte sich ihm, natürlich, es war nur Chris. Sein Bruder hatte ein halbleeres Glas Champagner in der Hand und belächelte ihn.

„Warum stehst du hier allein rum?“, alberte sein Bruder. „Ich schmeiße die Party hier für dich. Es gibt ein paar wichtige Leute, die ich dir später einfach vorstellen muss. Langweilige Bürokraten, aber einflussreich. Die anderen hab ich nur zum Spaß eingeladen. Schau dir all die hübschen Männer an!“

Rob schnitt eine Grimasse.

„Was soll das?“, flüsterte er gereizt, „Was habe ich davon, mir Menschen anzuschauen, die nie im Leben ein Interesse an mir hätten.“

„Gott, was bist du verkniffen“, meinte Chris. Rob hielt ihn für leicht angetrunken. „Denkst du, ich hätte ein Interesse daran, mit jeder netten Frau, die mich hier anlächelt, etwas anzufangen? Warum kannst du nicht einfach eine seichte Plauderei und ein paar flirtende Blicke genießen? Die Menschen haben ein Interesse an dir! Du bist ein Held!“

„Ich war ein Held!“, spuckte er die Worte zornig aus. „Jetzt bin ich ein Verräter. Selbst die, die nicht wissen, dass ich mir einen männlichen Piloten als Geliebten hielt, verachten mich. Ich bin der einzige, der vom Hailespond zurückgekehrt ist. Niemand sonst hat es überlebt.“

O’Connor schwieg erst. Er schaute seinen Halbbruder kritisch an.

„Immer dieselben Worte“, meinte er sarkastisch. „Leg mal eine andere Platte auf, Rob. Dein Selbstmitleid ödet mich an.“

Er schaute zu Boden, dann meinte er leiser.

„Ich weiß, dass du anders sein kannst. Wenn du nur willst, kannst du Menschen begeistern. Stattdessen ziehst du dich zurück, machst anderen Vorwürfe, dass sie sich dir nicht nähern.“

Spato wusste, dass er den falschen Menschen angegriffen hatte. Den einzigen, der noch zu ihm stand.

„Es tut mir leid, Chris. Ich weiß nicht, was es ist. Ich kann einfach nicht unbefangen auf die Menschen zugehen. Manchmal denke ich, wenn sie mein wahres Ich erkennen, bekommen sie Angst vor mir. Alles das, was ich an mir liebe, fürchten sie.“

Chris schüttelte den Kopf.

„Nein, Rob“, meinte er traurig. „Du hast Angst vor ihnen. Du denkst, sie würden dich niemals akzeptieren können, weil du anders bist als sie. Dummkopf! Jeder von uns ist anders. Wir haben das alle in unserer Adoleszenz begriffen, ja gerade die Unterschiede machen doch den Reiz aus. Aber du bist immer noch genau so, wie ich dich als Teenager kennengelernt habe. Du hast kein Vertrauen in dich und kein Vertrauen in sie. Das tut mir leid. Vielleicht bin ich schuld daran. Vielleicht hätte ich mir mehr Zeit für dich nehmen sollten.“

Robs Blicke fuhren über die Menge. Es waren so viele Gesichter dort, die er neidete, Menschen, die er gern kennengelernt hätte. Aber Chris hatte recht. Sein Zynismus diente nur dazu, seine eigene Angst vor ihnen zu überdecken.

„Komm!“, meinte Chris und nahm ihn am Arm. „Ein wenig Zeit bleibt uns noch. Ich stelle dir ein paar Freunde vor. Versuch noch ein wenig Spaß zu haben. Die Party dauert nicht ewig.“

Obwohl seine Worte leicht und unbeschwert klangen, vermeinte Rob einen zweiten, düsteren Beiklang darin zu vernehmen. Er wusste noch nicht, dass Chris bereits seinen Tod plante….

***

Kellja Rashement:

„Du mischst dich nicht gerne unter Menschen, oder?“

Der blonde Junge erschrak. In der Ruinenstadt angekommen hatte er sich von den anderen Pilgern abgesetzt, war allein durch die Häuser geschlendert. Er hatte Per nicht bemerkt, bis dieser unmittelbar neben ihm aufgetaucht war. Der Junge mit den blau-weißen haaren grinste ihn an.

„Ich bin etwas niedergeschlagen!“, antwortete der Junge zögerlich, „Es ist so schön hier“. Seine Blicke streiften über die transparente Kristallschiene, an der die Gondel hing, mit der sie an den Ruinen angekommen waren. Im Gegensatz zu den ästhetischen Gebäuden der Kenso wirkte die terranische Metallbahn wie ein hässliches Relikt aus einer barbarischen Vergangenheit. Dabei sind wir die modernen Lebewesen, und die Kenso die Ausgestorbenen, dachte er betrübt. „Es ist so traurig, dass diese ganze Rasse sterben musste. Ohne dass wir sie kennengelernt haben.“

„Ja!“, meinte Per mit einem leisen Lächeln, „Diesen Eindruck gewinnen die meisten Pilger hier. Achtzig Prozent der Menschen, die ich nach Rangun führe, treten hinterher in den Heritage Fond ein. Ich denke, diesmal wird es ähnlich sein. Obwohl ich nicht glaube, dass ich diesen Armee-Fritzen herumkriege.“

„Wie lange bist du schon hier?“, fragte der Junge nach.

„Auf Noria? Schon immer, meine Eltern haben mich hierhin mitgenommen, als ich drei Jahre alt war. An die Erde kann ich mich nicht mehr erinnern.“

„Deine Eltern müssen echt locker sein, dass sie dir die bunten Haare durchgehen lassen. Und die Farblinsen sehen ultracool aus!“

Per grinste wieder und der Junge erwiderte das Lächeln zaghaft.

„Warum bist du hier? Welche Erlösung erhoffst du dir von Rangun?“, meinte der Führer in scherzhaftem Ton.

Die Blicke des Jungen wurden starr. Dann schüttelte er nur den Kopf.

Per wechselte schnell das Thema, als ihm auffiel, dass er tatsächlich einen unangenehmen Punkt berührt hatte.

„Wir müssen zurück zu den anderen. Komm jetzt! Wir schlagen ein Lager auf!“

Die ganze Pilgergruppe saß um das Lagerfeuer herum, das Per geschickt in weniger Zeit zum Brennen gebracht hatte. Sie aßen die in Alufolie mitgebrachten Sauerteigtaschen, der blonde Junge genoss die Stimmung. Obwohl hier fremde Erwachsene saßen, war es friedvoll und harmonisch wie auf einem Pfadfinderausflug.

Ihr Führer hatte ihnen nicht zuviel versprochen. Auf dem Weg in die Ruinen hatten sie noch einen Wasserfall gesehen, in dem die Kenso eine aufwendige und filigrane Wasserkraftenergieanlage errichtet hatten. Auf den Steppen hatten riesige büffelartige Kreaturen gegrast und die Ruinen selbst mit ihren schwarzen Steinpalästen waren einfach atemberaubend. Dieser Planet hatte viel mehr Schönheit zu bieten, als nur die berüchtigte Kathedrale von Rangun.

Es war heiß am Feuer. Per hatte sich seines Hemdes entledigt, während er das Feuer anfachte, und schnell bildeten sich Schweißperlen und Rußmarkierungen auf seinem nackten Oberkörper. Er lächelte kurz ermutigend in die Runde, dann verschwand er für einige Minuten. Er kam mit zwei Tontafeln wieder und gab sie herum.

„Das sind Aufzeichnungen!“, meinte er. „Kenso-Kartuschen. Die Schriftzeichen sind unglaublich präzise und fließend, finden Sie nicht? Wir sind schon ziemlich weit gekommen, die Kenso-Sprache zu entschlüsseln.“

„Es erinnert mich an ägyptische Hieroglyphen“, meinte die ältere Pilgerfrau eifrig.

„Stimmt“, bestätigte Per sie, „Aber nur auf den ersten Blick. Die Ägypter hatten eine Bildsprache mit nur wenigen hundert Symbolen. Die Kenso haben Hunderttausende. Und wissen wie, was erstaunlich ist? Die Kenso kannten kein Wort für Krieg. Wir sind in ihren Aufzeichnungen nicht einmal auf eine kriegerische Auseinandersetzung gestoßen. Dieses Volk hat von Anbeginn seiner Entwicklung in friedlicher Koexistenz existiert.“

Per bemerkte befriedigt, dass alle Augenpaare gefesselt auf seine Lippen gerichtet waren. Bis auf eines. Und schon erklang die tiefe, rauhe Stimme des Soldaten.

„Worauf wollen Sie eigentlich hinaus? Lassen Sie doch endlich ihre Andeutungen und reden Sie Klartext.“

Das Lager war totenstill. Die Harmonie war schneller als ein Schmetterlingsflügelschlag verflogen. Per sagte nichts. Sein Gesicht war angespannt.

„Wir mussten doch vor fünfzehn Jahren die Bombe zünden!“, krächzte der Soldat eine Spur leiser. „Die Tronar hatten uns in der Falle. Unsere Flotte war im Hailespond aufgerieben worden, die Kolonien verloren. Ihre Schiffe kontrollierten die Warp-Punkte, unsere Werften und Abschußbasen waren zerbombt. Die Menschheit saß wie gefangene Ratten auf der Erde zusammengepfercht. Jederzeit hätten ihre Bomber herunterstoßen und uns vernichten können! Es gab keinen Menschen auf der Erde, der nicht täglich mit seinen Überlebensängsten kämpfen musste.“

„Aber die Tronar griffen die Erde nicht an!“, entgegnete Per, „Sie hielten die Blockade aufrecht, aber nach der Zerstörung der Werften ließ sich kein einziges Raumschiff mehr sehen. Dreieinhalb Jahre lang griffen sie nicht mehr an. Wieso glauben Sie, die Menschheit hat ein Recht auf den Weltraum? Haben Sie sich je gefragt, was aus der Erde geworden wäre, wenn jemand Kolumbus aufgehalten hätte? Wie sich die Azteken, Mayas, Sioux weiterentwickelt hätten? Vielleicht kannten die Tronar die menschliche Natur. Ich denke, sie waren nur Wächter! Und wir haben genau so reagiert, wie sie befürchtet hatten. Wir haben ein ganzes Sonnensystem zerstört. Und in zwei anderen Systemen sämtliches Leben vernichtet. Nur für unsere Freiheit. Für unser Recht auf Rohstoffe, Wohlstand und Ausbreitung!“

„Ich mag dieses Gespräch nicht!“, erklang die schrille Stimme der Pilgerfrau. „Können Sie uns nicht lieber etwas über Rangun erzählen?“

Der Soldat hörte nicht auf sie, debattierte einfach weiter.

„Hinterher ist es immer einfach, so etwas zu behaupten. Ohne einen Kolumbus würden wir noch nicht einmal unseren eigenen Planeten kennen. Wir säßen nicht mit vollen Mägen hier auf Noria, ohne einen Rob Spato. Wenn du hungrig in den Slums der Erde aufgewachsen wärest, würdest du nicht so noble Worte schwingen, Kleiner. Und deine freundlichen Wächter haben uns abgeschlachtet. Ohne Skrupel oder Mitleid. Unsere Piloten sind zu Tausenden massakriert worden. Und diese Biester dachten noch nicht einmal daran, mit uns zu kommunizieren. Wir haben es oft genug versucht.“

„Vielleicht haben wir sie nur nicht verstehen können!“, unterbrach die niedergeschlagene Stimme des blonden Jungen plötzlich den Disput. Er hatte die ganze Zeit nachdenklich und bedrückt zugehört, aber jetzt ergriff er das Wort, und tatsächlich lauschten ihm alle.

„Die erste Welle der Tronars bestand nur aus Halluzinationen. Die Piloten stießen auf fremdartige, transparente Raumschiffe. Es saßen Leichen in den Cockpits. Tote Indianer. Afrikaner. Kanainiten. Einige behaupten sogar, sie hätten Menschen mit Judensternen an den Mänteln erkennen können. Es war nicht nur der Anblick der Toten. Es war eine unheimliche Panik, die von diesen Schiffen ausging. Sie attackierten uns nicht, sie jagten uns nur Angst ein. Darum nannten wir sie Ghosts. Darum nannten wir sie Schrekken.“

Der Soldat stand ruckartig auf.

„Woher weißt du das, Junge?“, kreischte er aufgebracht, „Das ist nie an die Öffentlichkeit gedrungen. Kein Pilot hat jemals ein Wort darüber verloren. Es war die einzige Möglichkeit, die Panik unter Kontrolle zu halten.“

„Halluzinationen?“, flüsterte Per leichenblass. „Davon habe ich auch noch nie zuvor gehört. Tote Menschen? Aber das klingt doch einwandfrei…wie eine Warnung?“

„Vielleicht hat Per Recht!“, meinte der Junge und blickte ihm tief in die Augen, „Vielleicht war es nur eine Warnung. Und was taten wir? Wir verdunkelten die Bildschirme der Jäger. Wir ließen auf Radarsignale feuern. Wir versteckten den Feind vor den Augen unserer eigenen Piloten. Wir verdoppelten die Anzahl unserer Jäger. Und die Tronar schickten ihre zweite Angriffswelle. Materielle Jäger. Und der Krieg begann.“

Alle waren still. Der blonde Junge hob den Blick und bemerkte, dass Per ihn bewundernd durch die Flammen anlächelte. Sein Herzschlag verdoppelte sich.

Der Soldat stand auf und trat ein paar glimmende Kohlestücke zurück in die Flammen.

„Wir hatten doch nur Angst!“, sagte er entschuldigend.

Der Junge nickte. Wie Per gemeint hatte, schlug Noria Kellja sie alle in seinen Bann. Die Schönheit dieser ausgelöschten Kultur machte ihnen allen zu schaffen.

„Wir sollten jetzt schlafen gehen!“, meinte Per. „Es tut mir leid, wenn einige Worte heute abend einen etwas zu harschen Unterton enthielten. Ich verspreche Ihnen einen wunderschönen Tag morgen. Immerhin liegt Rangun vor uns!“

Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht, wieder bildete sich Lächeln auf den Gesichtern der Pilger aus.

Sie ließen das Feuer brennen, der blonde Junge trat noch etwas Erde um die Feuerstelle fest, während sich die anderen entfernten. Als er gerade gehen wollte, bemerkte er, dass Per noch im Feuerschein auf ihn wartete.

„Das war sehr mutig von dir. Ich mag es, wie du deine Worte wählst. Kommst du mit in mein Zelt?“, fragte er.

„Was?“, erwiderte der Junge ungläubig.

„Ich mag dich einfach!“, lächelte Per. „Also warum kommst du nicht mit zu mir?“

Er ließ sich an der Hand nehmen und ins Dunkle führen.

***

Vega-Sektor:

Der Hunger wurde unerträglich. Natürlich war es nur ein psychischer Effekt, das Implantat in seinem Handgelenk versorgte seinen Körper mit einer Nährstofflösung, aber sein Magen war leer und zusammengeschrumpelt. Wenn er sich nicht beherrschte, wand er sich unterbewußt in seinem Anzug, versuchte den Arm aus dem Ärmel zu ziehen, um wenigstens an seinen Fingernägeln zu kauen. Aber das Molkeb saß viel zu eng.

Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Befand er sich jetzt sieben Tage unterwegs, oder waren die Düsen an seinem Anzug nicht so effektiv wie versprochen, trieb er vielleicht schon Wochen durch den Weltraum? Eine einfache Digitaluhr wäre hilfreich gewesen, fluchte er. Jahre der Vorbereitung und an so etwas einfaches hatte niemand gedacht?

Seine größte Angst war, dass er vielleicht erst gestern gestartet war, dass sich die Zeit unerträglich verlangsamte…und dass er langsam verrückt wurde.

Wenn ich das vorher gewusst hätte…dachte er…ich hätte eine andere Entscheidung getroffen an jenem Abend…

„Also war das alles nur eine Täuschung?“, fragte Rob und betrat hinter seinem Bruder den Raum. „Die Starfleet-Force ist nie aufgelöst worden?“.

Das Anwesen seines Bruders war eine Festung. Unter der Party gab es Konferenz- und Einsatzräume. Soeben hatte sich Rob mit fünf der einflussreichsten Menschen der Erde unterhalten. Alles ehemalige Mitglieder des SFF-Vorstandes.

„Nein!“, antwortete Chris. „Die SFF ist aufgelöst worden. Aber ich habe am selben Tag eine neue Organisation erschaffen. Nur für ein einziges Ziel. Projekt ‚New Hope’. Alles was wir in drei Jahren erschaffen haben, findest du hier!“

Spato sah sich um. Hinter einem riesigen schwarzen Glasschreibtisch befand sich eine projizierte Sternsystemkarte. Auf einem Kleiderständer befand sich ein schwarzer Anzug. Neugierig trat er näher, berührte ihn.

„Molkeb!“, antwortete Chris. „Ein neues Polymer. Die Wärmedämmung ist erstaunlich. Dieser Anzug…es ist nahezu alles integriert, was einen modernen Jäger ausmacht!“

„Was?“, fragte Rob erstaunt.

„Ja!“, meinte Chris. „Energie- und Lebenserhaltung für acht Tage. Navigation. Steuer- und Antriebsdüsen in den Stiefeln. Mögliche Reichweite: 80.000 Kilometer.“

„Das ist nichts!“, meinte Spato verärgert.

„Weißt du, was 80.000 km auseinanderliegt?“, lächelte Chris geheimnisvoll. Er drehte sich, trat einen Schritt zu der Sternenkarte. „Sieh selbst. Zwei Warp-Punkte. Vega01 und Vega09. Die Verbindung zwischen der Erde und dem Hailespond!“

Rob zuckte. Schweigend betrachtete er die Karte.

„Was habt ihr getan?“, flüsterte er. „Warum habt ihr vor dreieinhalb Jahren die gesamte Flotte in den Hailespond geschickt?“

Chris lächelte genüsslich.

„Siebenundvierzig!“, antwortete er. „So viele Warp-Punkte gibt es im Hailespond-System. Hast du eine Ahnung, wie unstabil dieses System ist, Rob? Kannst du erahnen, wie sich auch nur kleinste Veränderungen in der Massenverteilung dort ausmachen?“

Sein Bruder tippte mit dem Finger auf einen Planeten.

„Hailespond Prime. Wir haben einen Planeten-Energiekonverter aufgestellt und gezündet. Auch wenn unsere Flotte vernichtet worden ist, die Operation verlief erfolgreich. Sämtliche Materie des Planeten wird nach und nach in Energie umgewandelt, dann in Wasserstoff umgesetzt und gezündet. Der Kernbrand setzte vor 31 Monaten ein. Unumkehrbar. Wir haben Spione unter den Schmugglern gehabt. Seit drei Monaten ist Hailespond Prime eine glühende Supernova! Und in vierzehn Tagen erreicht sie ihre maximale Ausdehnung!“

Rob schüttelte ohnmächtig den Kopf.

„Das ist ‚New Hope’? Ihr habt das alles seit Jahren geplant? Die Vernichtung der Flotte war euch egal? Alles für ein System? Um den Schlüsselpunkt aller Warp-Punkte zu zerstören?“

Chris lächelte geheimnisvoll.

„Selbst wenn Hailespond instabil wird und das System und die Warp-Punkte zerstört werden“, fuhr Rob fort, „Die Tronars werden einen anderen Weg zur Erde finden. Es mag fünfzig Jahre dauern. Aber sie werden wiederkommen!“

Chris Lächeln wurde breiter.

„Es geht nicht darum, das Hailespond System zu zerstören, Rob. Hailespond Prime liegt direkt vor einem weiteren Warp-Punkt. Rate mal, wohin dieser führt! Wir brauchen nur noch einen Piloten in das System zu bringen, der den Warp-Knoten aktiviert…und dann schicken wir den verdammten Tronars eine glühende Supernova in ihr Heimatsystem!“

Er brauchte mehrere Minuten, um sich zu erholen.

„Das ist möglich?“, krächzte er dann. „Man kann eine ganze Sonne durch einen Warp-Punkt schicken?“

Chris nickte.

„Die Theoretiker haben alles durchgerechnet. Bei einer so riesigen Masse im Kanal wird sich der gesamte Raum umstülpen. Der Hailespond wird implodieren. Das Tronar-System ebenfalls. Es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, das auch benachbarte Systeme betroffen werden, aber der Preis hält sich im Rahmen…“

„Wahrscheinlichkeit?“, meinte Rob heiser.

„91,5 Prozent. Dass wir die Tronars vernichten!“

„Und die restlichen 9,5?“

„Der Bruch des Raum-Zeit-Kontinuums. Die Vernichtung unseres Universums.“

Rob schluckte.

„Ihr habt euch schon vor dreieinhalb Jahren entschieden, oder?“

Chris nickte.

„Und ihr braucht einen Piloten!“, flüsterte er und strich abwesend mit seiner Hand über den Polymeranzug.

Chris wendete den Blick ab.

„Den Besten!“, sagte er leise. „Wir haben einen Plan, um ihn durch die Tronarblockade zu schleusen. Wir versetzen ihn in einen todesähnlichen Zustand. Die Drogen werden über MedCorp-Implantate verabreicht!“

Rob betrachtete seinen eigenen Unterarm, dort wo sich unter der Haut sein Implantat befand. Es hatte ihm vor mehr als zehn Jahren nach einem Tauchunfall das Leben gerettet. Chris hatte es persönlich eingesetzt. Damals rettete er ihm das Leben…

„Also…“, fragte er mit brennenden Tränen in den Augen, „…hast du mich nur aus der Psychiatrie zurückgeholt, um mich auf eine Selbstmordmission zu schicken?“

Als Chris sich heftig umdrehte, sah er ebenfalls Tränen in dessen Augen. Der Anblick ließ ihn einen Schritt zurücktaumeln. Selbst als Kind hatte er Chris nie weinen gesehen.

„Rob, vor vier Jahren war alles anders. Wir waren Brüder, aber keine Freunde. Damals…du hättest mich für diese Chance geliebt! Dein Leben für die Menschheit aufzugeben! Ich sage es ungern so deutlich, aber…Rob…erst seit Troy hast du angefangen, dein Leben zu schätzen anstatt es zu verdammen!“

Er nahm seine Hand, schaute ihm tief in die Augen.

„Wir finden einen anderen Piloten, Rob. Es muss Hunderte geben, die mit MedCorp-Implantaten kompatibel sind.“

Die Tränen in Robs Augen schienen wie festgebrannt. Er schüttelte den Kopf, dachte nach.

„Du hast recht“, antwortete er trocken. „Es ist ein Ausweg! Und ich gehe wenigstens als Held, nicht als Verräter.“

***

Kellja Rashement:

„Warte!“, lachte Per, „Warte doch, nicht so stürmisch!“

Der blonde Junge hatte ihm fast das Hemd vom Oberkörper gerissen, mit glühenden Augen starrte er ihn jetzt an, beinahe zornig.

„Wir haben doch die ganze Nacht Zeit“, flüsterte Per sanft, strich ihm das Hemd herunter. Er spürte die Arme, die nackte Haut des Jungen an seiner, die feste, verschlingende Umarmung.

„Du bist ja richtig ausgehungert danach!“, meinte er mit spöttischem Unterton, strich ihm dann aber zärtlich durch die Haare. Er nahm das Gesicht des Jungen in beide Hände, führte ihn näher an seins, küsste ihn lange.

Erst jetzt beruhigte der Junge sich langsam. Ihre Lippen lösten sich voneinander, der Junge küsste ihn, erst den Hals, dann den Nacken, daraufhin die Brust. Jeder einzelne Kuss war etwas besonderes, etwas liebevolles.

‚Warum nicht’, dachte er sich, ‚Wenn er Liebe sucht…?’

Er ließ sich entspannt fallen. Sie glitten auf die Decken im Inneren des Zeltes. Während ihre Münder und Finger sich überall erkundeten, verschwanden wie von selbst störende Kleiderstücke, bis sie nackt aufeinander lagen.

Der blonde Junge nahm Pers Hand, führte sie an sein Gesicht, streichelte sich selbst damit und lutsche dann an einen von Pers Fingern.

„Das ist nicht das erste Mal für dich, oder?“, fragte Per neugierig.

„Nein!“, meinte der Blonde ernst. „Aber es ist lange her. Viel zu lange!“

Das erklärt seine Gier, dachte er. Dann betrachtete er ihn im Halbdunkel. Nur die östliche Zeltwand ließ etwas von dem Lagerfeuerlicht hindurch, beleuchtete das Innere schwach orange.

„Du bist wunderschön, wenn du nackt bist!“, meinte er ernst. Der Junge lächelte.

„Auch das ist lange her!“, meinte er heiter. Er legte seinen Kopf in Pers Armhöhle, schmiegte sich dort hin und her. „Und jetzt?“, fragte er geheimnisvoll. „Bist du bereit für den versauten Kram?“

Per lachte. „Gleich, mein Süßer“, meinte er, drückte dann den fremden Körper wieder fester an sich um ihn noch einmal zu küssen. „Ich meinte es ernst, als ich sagte, wir haben die ganze Nacht!“

Sie liebten sich die folgenden Stunden mit der Eifrigkeit und Ausdauer der Jugend. Als es zwei Stunden vor der Morgendämmerung war, lagen sie ermattet und voneinander verklebt in ihren Armen.

Per stand auf, nahm in an der Hand, führte ihn aus dem Zelt heraus, hinunter zum Fluss. Wortlos begannen sie sich zu waschen, das Wasser war eisig kalt, aber sie nahmen sich trotzdem Zeit sich zu necken.

Danach tapsten sie bibbernd und frierend an das sterbende Feuer zurück. Vor den Flammen rieben sie sich gegenseitig ab, umarmten sich wieder. Sie blieben vor dem Feuer im weichen Waldboden liegen, störten sich nicht an den anderen Pilgern in ihren Zelten. Es war eine perfekte Nacht. Perfekte Nächte konnten nicht durch andere getrübt werden.

Erst als die Sonne über dem Wald aufging, sprach der blonde Junge wieder.

„Eigentlich ist es gar nicht so übel, das Leben, oder?“, meinte er und schaute Per fragend an, der ihn von hinten umfasst hielt.

„Natürlich nicht, Kleiner!“, antwortete er erstaunt und blies ihm eine Strähne aus den Augen.

***

Vega-Sektor:

‚Das Leben ist zum Kotzen!’, dachte Spato.

‚Man hängt nutzlos unter nutzlosen Mitmenschen herum, sucht nach einem Sinn und verliert sich in der Hoffnungslosigkeit. Sogar Buddha meint, Leben ist Leiden! Und dann treibt man eines Tages eine Ewigkeit durch den Weltraum, hat nichts außer Langeweile und Hunger und das Gefühl eines langsamen Dahinsiechens…und dann ist auf einmal alles anders. Dann kommen die Erinnerungen. Schönheit. Berührungen. Genuss. Ein einfaches Stück Schokolade…und auf einmal schreit man nach Leben! Und will alles, nur nicht sterben!’

Sein Mund war ausgetrocknet. Er versuchte zu schlucken, aber es fiel ihm zu schwer.

„Scheisse“, fluchte er verzweifelt, „Alles Scheiße!“

Auf einmal bemerkte er ein Flimmern, ca. zwei Kilometer vor sich und schlagartig war die Langeweile verflogen.

Der Warp-Punkt. Vega09. Mit zusammengekniffenen Augen wurde er besser erkennbar.

Ich könnte nah genug heransein, dachte er, bewegte steif seine Gelenke um auf das festgeschnallte Gerät auf seinem Unterarm zu schauen. Er betätigte die Sendevorrichtung, ein elektronischer Impuls wurde ausgesendet.

Tatsächlich öffnete sich vor ihm die Korona eines Warp-Punktes. Er wurde von einer unsichtbaren Kraft ergriffen, beschleunigt, durch die Singularität in das andere Sternensystem gezerrt.

‚Dasselbe noch im Hailespond!’, dachte er. ‚Und dann bricht die Hölle herein. Und dann geht die Welt unter!’

Er kam zu sich in brennender Helligkeit. Hailespond Prime, die Supernova, brannte vor ihm. Er spürte die Hitze trotz der extremen Wärmedämmung des Molkeb. Oder bildete er sie sich nur ein?

‚Warum ich?’, fragte er sich auf einmal. ‚Warum bin auf einmal ich es, der das Ende der Welt einleiten soll? Mein ganzes Leben wollte ich doch nur vor einem Moment wie diesem davonlaufen…?’

***

Kellja Rashement:

Die Schönheit war übermächtig.

Schon draußen vor der Kathedrale von Rangun war den Pilgern der Atem gestockt. Der riesige Tempelkomplex sah aus wie eine organische Ansammlung aus Kristallsplittern, der sich perfekt harmonisch der umgebenden Natur anpasste. Aber sah man genauer hin, betrachtete die Türme aus bunt reflektierendem Glas, die verschieden spiegelnden Strukturen, dann erkannte man die Symmetrie, die gewollte Ästhetik der Schöpfer.

Als haben sie den Regen zu Glas eingefroren, dachte der blonde Junge ergriffen. Als ob die Struktur wie ein Pilz aus dem Boden geschossen wäre.

Er war einmal auf der Erde in Angkor Wat gewesen. Er hatte den Tempelkomplex geliebt, war stundenlang auf den riesigen Steinquadern gesessen und hatte das Gesamtbild in sich aufgenommen. Aber die Kathedrale von Rangun schlug Angkor bei weitem. Sowohl in Schönheit als auch in Dimensionen.

„Unfassbar“, meinte die ältere Pilgerfrau. „Wie haben sie das nur gemacht?“

Niemand hatte die Kraft, zu antworten. Der blonde Junge schaffte es als Zweites, sich von dem Anblick loszureissen. Nur der Priester hatte die Kathedrale bereits vor ihm betreten. Er folgte ihm.

Ergriffen betrat er den Dom. Der Fußboden war als Einziges nicht aus Glaskristallen, sondern aus matten, schwarzen Onyxplatten geformt. Sie strahlten eine behagliche Wärme aus und funkelten wie Sterne unter der Oberfläche. Seine Füße tapsten zögerlich voran.

In der Haupthalle erkannte er das Kreuz. Es war riesig, ungefähr 50 Meter hoch. Darunter vor dem Altar kauerte der Priester. Er hörte ihn bis hierher schluchzen.

„Es war die Entdeckung des Jahrtausends!“, hörte er auf einmal Pers geliebte Stimme hinter sich. „Ein Kreuz, inmitten einer Kathedrale einer außerirdischen Rasse. Und dazu die Kartuschen mit den Geschichten. Die Ähnlichkeiten waren zu groß, als dass es ein Zufall hätte sein können. Ein Gott, ein Schöpfer. Der als Fleisch und Blut unter die Lebewesen tritt. Der einen schrecklichen, leidenden Tod am Kreuze stirbt. Um seine Schöpfung zu retten. Um sie von den Sünden zu erlösen!“

Per trat näher zu den anderen beiden Personen vor dem Kreuz. Der blonde Junge beobachtete ihn und den Priester ein wenig ängstlich. Fast erwartete er ein zynisches Lächeln auf Pers Gesicht, aber der Junge blieb emotionslos.

„Aber die Kenso haben mit dem Geschenk umgehen können!“, flüsterte Per dem Priester ins Ohr. „Sie haben sich an die Regeln ihres Schöpfers gehalten. Sie haben das Opfer so sehr zu schätzen gewusst, dass kein Kenso je wieder eine Todsünde begangen hat. Keine Lügen! Kein Mord! Können Sie sich so eine Welt überhaupt vorstellen?“

Der Priester zuckte. Der blonde Junge wandte sich angewidert ab.

‚Warum tun wir uns nur gegenseitig so gerne weh?’, fragte er sich. Er ging einige Schritte nach Osten, zu einem der gewaltigen Mosaikfenstern. Dann wanderte er weiter in eine versteckte Altarnische. Er war von Glaskristallen umgeben. Überall sah er seine eigene Reflektion, sein Gesicht, mal gespiegelt, mal nicht, mal von der Seite.

Sie sagen, in den Kristallen von Rangun, sieht man sich selbst, erinnerte er sich. Jeder Mensch, egal wie verdorben, egal wie zweifelnd, erkennt das Gute in sich. Findet Hoffnung. Kein Wunder, nach dieser Tour.

Er suchte seine eigenen Augen, sah fest hinein. Minutenlang betrachtete er sich. Dann endlich, nach einer Ewigkeit, begann er friedlich zu lächeln.

Es war still in der Kathedrale. Der Priester war verschwunden, auch Per war nicht zu sehen. Zielsicher betrat er die Stufen, die zu dem Hauptturm heraufführten. Es ging im Kreise, Stufe für Stufe, aber er sah weder auf noch herab. Dann endlich hatte er die Turmspitze erreicht.

Die Figur des Priesters hob sich vor der Sonne ab. Er stand an der Plattformbrüstung, seine schwarze Robe und seine Haare flatterten unruhig im Wind.

Er sieht auch jünger aus, jetzt, dachte der blonde Junge. Friedlicher.

Er trat näher.

„Sie sind nach Rangun gekommen um zu sterben, habe ich recht?“, fragte er in den Wind hinein.

Der Priester bemerkte ihn erst jetzt. Er zuckte zusammen, drehte sich rasch herum. Sein Blick war ängstlich, wie bei einer Sünde ertappt.

„Ich verstehe, was in Ihnen vorgeht“, schrie der Junge gegen den Wind an. „Immer auf der falschen Seite zu stehen. Ihr lehrt den kleinen Leuten euren Glauben. Den Verzicht auf Laster, den Glauben an eine Belohnung nach einem elenden Leben. Aber wenn es um die großen Entscheidungen geht…wenn es darum geht, der falschen Politik in den Arm zu fallen…da habt ihr immer versagt. Jahrtausende. Da habt ihr dann die kleinen Menschen leiden und sterben lassen.“

Der Priester schaute ihm entsetzt in die Augen.

„Und dieses Mal ist es nicht anders“, fuhr der Junge fort. „Wir haben dieses Volk ausgerottet, eine Rasse, die wirklich in christlicher Ethik gelebt hat. Und auf wessen Anweisung? Fünf Menschen gaben den Befehl. Das verfluchte Projekt ‚New Hope’. Und einer von diesen Fünfen war niemand anderes als eine Marionette des Heiligen Vater. Natürlich. Die Menschheit durfte ja nicht untergehen. Der Glaube durfte nicht verloren gehen. Um keinen Preis. Nichts hat sich je geändert!“

Er trat näher, legte seine Hände auf die Kutte des Priesters.

Ohne ein Wort drückte er ihn von sich ab. Der junge Kirchenmann riß seine Augen im Entsetzen auf, als er rücklings über die Brüstung fiel. Bevor er einen Schrei ausstoßen konnte, prallte er hart gegen einen der seitlichen Vorschiffausläufer, wenige Sekunden später zerschellte sein zuckender Körper auf den Onyxplatten des Vorhofes.

Der blonde Junge schaute ohne ein Zeichen des Bedauerns auf den entstellten Körper. Dann schwang er sich auf die Brüstung, hoch über dem Abgrund taumelnd.

Menschen liefen unter ihm auf den Vorhof. Einer schrie entsetzt auf, als er die Leiche des Priesters erkannte. Es war der Rest der Pilgergruppe. Der Soldat, das Ehepaar, alle außer…

„Warum hast du das getan?“, fragte Per erstaunt in seinem Rücken.

Der Junge drehte sich mild lächelnd um.

„Es hatte keine Bedeutung“, sagte er. „Er wollte sterben. Und er war eh nur ein Symbol. Für den Glauben, den ich verloren habe!“

Per trat einen vorsichtigen Schritt näher.

„Ich verstehe kein Wort“, sagte er. „Warum kommst du nicht herunter und erklärst es mir? Bitte komm. Ich mag dich doch!“

Der Junge lächelte gequälter.

„Es tut mir leid, Per! Ich hätte diese Nacht nicht mit dir verbringen dürfen. Ich habe dich betrogen. Du weißt nicht, wer ich bin. Du hast keine Vorstellung! Du würdest mich hassen!“

Per schüttelte seine blaue Mähne.

„Ich weiß, wer du bist!“, meinte er. „Vertrau mir, ich habe in dieser einzigen Nacht erkannt, was du bist! Und ich könnte dich niemals hassen!“

„Ich bin Rob Spato!“, sagte der blonde Junge endlich und lehnte sich ein Stückchen in den Wind hinaus.

„Ich bin der Pilot von ‚New Hope’. Ich bin der Mensch, der die Supernova-Bombe gezündet hat. Ich habe die Tronar, die Kenso, und wer weiß noch wie viele Wesen ausgerottet!“

Per wirkte keinesfalls überrascht.

„Ich weiß, wer du bist, Rob!“, meinte er mit festem, beharrlich gütigem Blick.

Rob Spato sah ihn überrascht und gekränkt an. Er blickte noch einmal nach unten, auf die Pilger. Der Priester war einfach zu durchschauen gewesen. Auch das Ehepaar war nicht schwierig zu erschließen, sie waren ihm auf seinem Weg nie eine Hilfe gewesen. Aber der Soldat…vielleicht sein einziger Vertrauter? Vielleicht er selber?

„Es ist noch nicht geschehen, Rob“, meinte der Junge mit den Katzenaugen und den blauweißen Haaren. „Das hier ist nur eine Zukunft von vielen. Du hast die Bombe noch nicht gezündet. Du hast immer noch die freie Wahl!“

Rob legte seinen Kopf mißtrauisch schief.

„Du!“, meinte er und sprang von der Brüstung zu Per. „Du bist der einzige hier, der nicht ich bin!“

Er erwachte lautlos schreiend. Um ihn herum toste die Feuerhölle von Hailespond Prime. Er mußte auf dem Weg zum Tronar-Warppunkt noch einmal eingeschlafen sein.

Sein Puls raste, sein Atemrhythmus hatte sich verdoppelt.

Ein Traum? Eine Vision?

Per!

Die erste Welle der Tronars bestand nur aus Halluzinationen. Darum nannten wir sie Ghosts. Darum nannten wir sie Schrekken!

Er schaute sich panisch um. Bis auf die brennende Supernova war der Weltraum leer. Außer ein kleines Flimmern. Der Warp-Punkt. Er war angekommen.

Seine Finger fuhren hastig nach vorne, berührten den Schalter, der den Warppunkt öffnen würde.

Vielleicht haben wir sie nur nicht verstehen können! Vielleicht war es nur eine Warnung!

Er hielt inne. Etwas fühlte sich verkehrt an. Er … er war nicht allein!

„Per?“, fragte er in die Schwärze.

Es war, als ob sich ein Grinsen auf seinem Herzen ausbreiten würde. Er fühlte sich gleichzeitig erleichtert als auch panisch verschreckt. „Du bist da!“, flüsterte er. „Per, war das die Zukunft? Sterben die Kenso, wenn ich diesen Schalter umlege?“

Er lauschte der Stimme in seinem Kopf. Sein Finger auf dem Schalter begann zu zittern.

„Aber wie kann ich dir trauen? Warum sollte ich glauben, dass es wirklich ein Volk wie die Kenso geben sollte? Oder spielt das keine Rolle? Ist es nur wesentlich, dass es sie geben könnte?“

Er begann seinen Kopf vehement zu schütteln.

„Nein“, schrie er. „Nein, das glaube ich nicht. Du bist ein Tronar. Du bist ein Feind. Es ist egal, dass ich keine Freunde unter den Menschen habe. Und Chris hat mich ganz sicher nicht belogen. Das kann ich nicht glauben. Ich kann nicht glauben, dass er es war, der mich mit Troy von der Armageddon fortgelockt hat. Damit ich auf diese Mission gehen kann. Er ist zu vielem fähig, aber dazu…?“

Er begann zu wimmern.

„Natürlich möchte ich nicht schuld sein…dass dein Volk vernichtet wird. Dass die Welt zerstört wird…aber…sie verlassen sich auf mich! Es ist doch nicht meine Entscheidung. Es ist die Entscheidung meiner ganzen Spezies.“

Tränen schossen aus seinen Augen.

„Du hast recht. Die Menschheit ist nicht perfekt. Niemand mochte mich, weil ich anders war…niemand konnte mich akzeptieren. Aber dennoch…auch wenn ich meistens Angst vor ihnen hatte…auch wenn mich niemand von IHNEN je geliebt hat…das kannst du nicht verstehen…ich habe SIE geliebt.“

Sein Finger drückte hart auf den Schalter. Ein kleines Relais schaltete sich ein.

„Jeden einzelnen von ihnen!“, flüsterte er. „Es tut mir leid, Per. Ich mochte dich sogar sehr. Aber ich muß es tun…trotz allem!“

Vor Rob Spato öffnete sich der Warp-Punkt. Er spürte, wie er in seinem Anzug nach vorne gezogen wurde. Der Sog erfasste ebenfalls die Sonne in seinem Rücken.

„Es ist einfach meine menschliche Natur!“, flüsterte er verzweifelt.

***

Helligkeit, intensive, gleißende Helligkeit.

Er schloß die Augen so schnell er konnte, kämpfte gegen die Phantome in seinen Augenlidern und den Schmerz in seinem Schädel. Mühsam die Augen nur einen winzigen Spalt öffnend, versuchte er sich an das grelle Licht zu gewöhnen.

Es war überall. Er lag auf einer weißen, weichen Matte. Er konnte keine Wände erkennen, keinen Boden, nichts außer Licht.

„Es war eine effektive Täuschung“, meinte eine Stimme aus dem Nichts. „Die Tronar planen gründlich!“

„Was? Bin ich tot?“, krächzte Rob Spato.

Er konnte nicht erkennen, ob die Stimme zu ihm sprach, blinzelte panisch, bis sich endlich aus der Helligkeit eine Silhouette abzeichnete.

Er drehte sich, kämpfte sich auf die Knie. Schmerzen zuckten durch seinen gesamten Körper, seine Unterschenkel zitterten in Krämpfen.

Schwerkraft, begriff er. Er legte eine Hand auf den weißen Fußboden. Er vibrierte leicht. Ich bin auf einem Raumschiff, erkannte er.

„Wir sind Snirvellin!“, sprach dieselbe Stimme und die Person näherte sich ihm.

Es war ein Außerirdischer. Auch wenn er auf zwei Beinen stand, ähnelte er kaum einem Menschen, eher einem Meeresbewohner. Er hatte riesige schwarze Pupillen und ein ausdrucksloses Gesicht, wirkte aber auf eine betörende Weise unbeschreiblich ästhetisch.

„Wo bin ich?“, stammelte Rob Spato. „Was ist geschehen?“

Der Raum war beinahe leer. Licht strahlte sogar von den Wänden aus. Nur ein einziges dunkles Quadrat war an der Stirnseite des Raums zu erkennen. Ein Fenster in den Weltraum.

„Was wurde aus der Supernova? Sind die Tronar…“

„Triebst im Weltraum, allein. Bewusstlos. Opfer der Tronar-Täuschung. Snirvellin sind Retter. Dumme Menschlinge. Es bestand nie eine Chance auf Erfolg!“, antwortete der Außerirdische kühl. „Tronar hätten eurer begrenzten Rasse nie die Möglichkeit eingeräumt, eine so große Dummheit zu begehen. Wir ebenfalls nicht. Die Wahrscheinlichkeit, das gesamte Raum-Zeitkontinuum zu zerstören viel zu groß. Vier Prozent. Wie wahnsinnig ihr seid?“

‚Vier’, dachte er benommen. ‚Ich dachte Neuneinhalb. Unsere Theoretiker waren wohl doch ein wenig pessimistisch. Oder sie benutzten die falschen Modelle’.

Langsam humpelte er auf das Fenster zu. Es zog ihn beinahe hypnotisch an, wie das Licht eine Motte.

„Du solltest dir das nicht anschauen“, meinte der Snirvellin, „Du verursachst dir nur unnötigen Schmerz!“

Aber das Wesen machte keine Anstalten, Rob aufzuhalten. Im Gegenteil, er fühlte sich wie neugierig belauert von den kalten, schwarzen Augen des Alien.

„Aber ich habe den Warp-Punkt geöffnet!“, meinte Spato, „Ich habe die Supernova auf den Weg geschickt!“.

„Nur eine Halluzination!“, erklärte der Snirvellin. „Große Stärke der Tronar. Der wirkliche Warp-Punkt im Hailespond wurde nicht erreicht. Alles nur ein Spiel!“

„Ein Spiel?“, krächzte Rob.

Endlich hatte er das Fenster erreicht. Entsetzt schaute er hindurch.

Vor ihm lag die Erde. Sein majestätischer Heimatplanet lag ruhig im All, umgeben von einer Welle aus Tronar-Bombern. Vereinzelt sah er Lichtblitze auftauchen, alles gespenstisch still.

„Nein!“, flüsterte er benommen.

„Sie mussten herausfinden, wie weit ihr geht. Zu kriegerisch, euer Volk. So emotional. So selten Vernunft. Ob ihr lernfähig seid? Bewachen oder zerstören, das war ihre Entscheidung. Sie wählten einen von Euch, die Entscheidung zu fällen!“

„Nein!“, schrie er, trommelte seine Fäuste gegen die Lukenwand.

Die Blitze wurden intensiver, die Feuer brachen aus. Der gesamte Erdball wurde durchschüttelt. Dann geschah etwas Unglaubliches. Die Erdkruste brach auf, Lavaströme brachen wie Sonnenwinde in das All hinaus.

Die Erde zersplitterte vor seinen Augen.

„Nicht lernfähig“, meinte der Snirvellin emotionslos. „Deine Entscheidung, deine Natur. Der Test war fair. Die richtige Antwort naheliegend. Trotzdem wurde Zerstörung gewählt. Deine Entscheidung!“

Spato brach zusammen. Weinend sackte er vor dem Fenster auf den Boden.

„Nur noch wenige terranische Schiffe im Orbit!“, meinte der andere kalt. „Tronar werden sie jagen. Deine Rasse ist ausgelöscht!“

Der Snirvellin drehte seinen Kopf von dem Anblick der langsam zerplatzenden Erde ab, betrachtete das Häufchen Mensch zu seinen Füßen.

„Snirvellin Beobachter. Forscher. Wir wollen lernen. Von deinem Volk. Viel Interessantes. Du wirst uns Geschichten erzählen? Du wirst uns helfen, zu verstehen?“

Er legte seine Hand auf den weinend zuckenden Kopf.

„Wir brauchen dich, Mensch. Deine Geschichte beginnt erst jetzt!“

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