Weihnachten 2012

„…und wärst du selbst dem ärmsten Bettler gleich,

bleibt dir ein Freund, so bist du reich!“

 Zum Fest der Liebe

 von Co-Autor

„He Kleiner, kannst du mir mal helfen? Diese Lichterkette ist dermaßen verwurstelt, ich bringe sie einfach nicht auseinander! Möchte bloß wissen, wer die letztes Jahr nach Weihnachten so deppert zusammengelegt hat!“

Vorwurfsvoll sieht er mich mit seinen einmalig hübschen blauen Augen an und hält mir eine tatsächlich hoffnungslos verknotete Kette vors Gesicht. „Er“ – das ist natürlich mein Freund und Lebenspartner, mit dem ich, wie heißt es doch so schön, Tisch und Bett teile.

Ich hasse es, wenn er mich Kleiner nennt, vor allem dann, wenn es auch andere Personen hören. Aber, ich kann es ihm noch so oft verbieten, ich bleibe einfach sein Kleiner. Dieser Angeber, nur weil er einen halben Kopf größer ist! Böse kann ich ihm aber deshalb ohnehin nie sein. Schon gar nicht, wenn er mich mit seinen – wie ich sie immer nenne – seeblauen Augen so lieb ansieht. Ja seeblau, und das deshalb, weil sie fast genau so blau schimmern wie unser Ammersee, den wir von unserem Haus hoch über Herrsching tagtäglich vor Augen haben.

Der Ammersee, der drittgrößte See nach Chiemsee und Starnberger See in Bayern, ist sicher nicht so bekannt, wie eben die beiden Genannten, für mich aber, da ich ja hier beheimatet bin, der schönste aller Seen.

„Also was ist jetzt, Kleiner, hilfst du mir?“

Da – schon wieder!

„Die Kette hat kein anderer angerührt als du selber, du Großer, also hast du sie so deppert zusammengetan nach dem letzten Weihnachten. Aber komm, lass mal sehen!“

„Ach so, ich war das, naja, was heißt deppert zusammengetan, so schlimm ist es ja auch wieder nicht, sie hat sich halt, naja durch das lange Liegen und so ein bisschen verhakelt oder so…“

„Oder so, ja ja…“

Lächelnd nehme ich ihm die Kette ab und versuche mein Glück.

Wir haben heute den 23. Dezember, also einen Tag vor Heiligabend. Und während ich im Büro noch was zu erledigen habe, hat mein Großer mit dem Schmücken unseres Christbaumes begonnen und ist eben auf die verwurstelte Lichterkette gestoßen. Zwar habe ich ihm gesagt, dass wir den Baum morgen gemeinsam schmücken. Aber er konnte halt mal wieder nicht warten. Ist ja jedes Jahr dasselbe! Schon zu Beginn der Adventszeit fragt er mich zum Beispiel bei jeder Gelegenheit, was für einen Baum wir dieses Jahr als Christbaum in unser großes Wohnzimmer stellen, welchen Schmuck wir verwenden, ob wir wohl heuer Schnee haben werden, was ich mir wünsche, wie wir Weihnachten gestalten, wen wir besuchen, wen wir einladen, und so weiter und so weiter.

Dabei weiß er doch ganz genau, wie bei uns Weihnachten abläuft, schließlich sind wir nicht erst seit ein paar Monaten beisammen. Aber wenn es um Weihnachten und die Adventszeit geht, da ist er wie ein kleines Kind, „Großer“ hin oder her. Er kann es kaum erwarten und steckt auch mich mit seinem weihnachtlichen Enthusiasmus an.

Ja, ich gebs ja zu, wir mögen beide die Weihnachtszeit mit allem was dazu gehört, vor allem aber auch die gemütlichen Stunden vor dem knisternden Kaminfeuer bei Kerzenschein, bei Glühwein und selbst gebackenen Plätzchen. Und wenn es dann, so wie heuer, draußen richtig winterlich ist, der Wald, der direkt hinter unserem Haus beginnt, tief verschneit ist, alle Bäume und Sträucher in unserem Garten ihr Winterkleid angezogen haben und wir durch das große Fenster in unserem Wintergarten die winterliche Landschaft bis hinunter zum See betrachten und dem Flockentreiben zusehen, zusehen vom gut geheizten Zimmer aus, wie sollte dann keine weihnachtliche Stimmung aufkommen!

Noch dazu, wenn der Mensch, den ich liebe und von dem ich geliebt werde, direkt neben mir ist, seinen Arm um mich legt und mich mit seinen seeblauen Augen anstrahlt. Ja, ich liebe ihn wie noch nie einen Menschen vorher und ich kann mir seiner Liebe gewiss sein.

„Siehst du und schon ist die depperte Lichterkette wieder auseinander und du kannst sie aufhängen. Aber warte, ich bin eh fertig hier, ich helfe dir ein bisschen.“

Mit diesen Worten gebe ich ihm die heile Kette zurück und gemeinsam machen wir uns auf den Weg ins Wohnzimmer im ersten Stock zum Baumschmücken.

Während ich so hinter ihm die Treppe hoch steige, da kann ich gar nicht anders, als einen Blick auf sein wohlgestaltetes Hinterteil zu werfen. Ja, ohne Zweifel, mein Großer ist gerade auch von hinten immer noch eine Augenweide. Nun gut, schlank bin ich auch, aber mein Hintern ist bestimmt nicht so knackig anzusehen wie seiner. Und dann trägt er meist so enge Jeans, die seinen Arsch noch geiler aussehen lassen. Fast bin ich geneigt, mal kurz das Objekt meiner Begierde anzufassen, wenn er es mir schon so anzüglich vor der Nase vorführt, besinne mich dann aber doch und folge ihm, so schwer es auch fällt, ganz sittsam auf den Weg zum Baum im Wohnzimmer. Es ist ja Weihnachten, zumindest in 24 Stunden, da hat man nicht an Knackärsche zu denken, basta!

Aber mein Großer ist natürlich auch von vorne gesehen ein hübscher Kerl. Beide sind wir nun bereits achtundzwanzig, aber ich muss sagen, ihm sieht man das „Alter“ bestimmt nicht an, was, wie ich finde, vor allem sein „Lausbubengesicht“ macht und sein stets freundliches Lächeln. Ja, er sieht wirklich um einige Jahre jünger aus. Auf alle Fälle liebe ich ihn und würde ihn um nichts in der Welt eintauschen.

Mein Name ist übrigens Thomas, was ich selber oft nicht auf Anhieb weiß, Kunststück, wenn man dauernd nur ein „Kleiner“ hört.

Wir sind längst im Wohnzimmer angekommen, wo die bereits halb geschmückte große Tanne steht. Es ist ein Baum, der bis vor wenigen Tagen noch in unserem Garten stand, zusammen mit unzähligen anderen Bäumen. Wir haben ja einen sehr großen Garten, der sich an einem Hang hinaufzieht und in dem es an Laub- und Nadelgehölzen nicht mangelt, dazu Sträucher und Blumen jeder Art. Das hört sich alles wunderschön an, macht aber natürlich auch jede Menge Arbeit, wie man sich denken kann, die wir aber gerne machen.

Ich habe das Haus mit diesem großen Grundstück oben im Strittholz, wo sich der Berg gegen Andechs hinzieht, von meinen Eltern geerbt. Ich habe noch eine ältere Schwester, die mit ihrer Familie in der Nähe von München lebt. Unsere Eltern haben uns ein ganz beträchtliches Vermögen hinterlassen, das aufzubrauchen höchstens meinen Enkelkindern, die ich logischerweise nie haben werde, gelingen könnte.

Aber das Wichtigste ist doch, trotz allen Besitzes und allem Vermögen, einen Menschen an meiner Seite zu haben, den ich liebe und der mich liebt. Ist das nicht der größte Schatz und mehr wert als alles andere? Und wie heißt es doch in dem kleinen Sprüchlein, das ich neulich auf einem Kalenderblatt las: „… und wer die höchste Königskron errang und keinen Freund hat, ist ein armer Mann!“

Oje, mein Schatz, dem ich jetzt ein bisschen helfen durfte, er meckert gerade mal wieder, weil sich angeblich die bewusste Lichterkette schon wieder….Kann doch eigentlich gar nicht sein, war doch eben noch alles in Ordnung mit ihr! Richtig, passt ja auch schon wieder und er ist zufrieden und widmet sich voller Hingabe der richtigen Platzierung der Kette.

Na, da soll er sie mal um den Baum drapieren, wie er es für richtig hält, ich kann ihm da jetzt eh nicht helfen und rede ihm auch bestimmt nicht drein, würde er sich auch gar nicht gefallen lassen. Ich sehe mal lieber aus dem großen Fenster im Wohnzimmer hinaus in die winterliche Landschaft, hinunter zum See.

Ja, wenn es nicht schneien würde und wir einen klaren Himmel hätten, könnten wir jetzt sehen, wie die glutrote Sonne im See versinkt. Meine Eltern haben immer gesagt, es gibt keinen anderen vergleichbaren Ort am See, wo die Sonnenuntergänge so herrlich anzusehen sind, wie von hier oben. Und wie viele solcher wunderbaren Sonnenuntergänge haben wir schon zusammen beobachtet.

„Sag mal Kleiner, wie wäre es, wenn du mir ein bisschen hilfst, anstatt dauernd aus dem Fenster zu sehn, so interessant ist der Schnee ja nun auch wieder nicht. Und hier ist noch soviel zu tun!“

„Ach du Großer, du mit deinem Weihnachtsstress, wir haben doch morgen noch soviel Zeit. Im übrigen habe ich mich jetzt auf Glühwein und Plätzchen gefreut, oder sollten wir nicht endlich unser Früchtebrot anschneiden, das du mit soviel Liebe gebacken hast? Oder magst du nicht?“

Wusste ich es doch! Wenn ich mit so Sachen komme, dann lässt er doch tatsächlich alles stehen und liegen und die ganze Weihnachtshektik ist vorerst vorbei.

„Aber morgen fange ich ganz früh an, ich muss unbedingt noch….und dann müssen wir noch….und das gehört auch noch….und dann…“

„Stopp, du Großer du, wenn du so weiter machst, dann bist du morgen bis zum Abend nur noch ein Nervenbündel. Lass uns doch diesen Abend genießen, den Glühwein, die Plätzchen…“

„Hast ja recht, Kleiner!“

Und schon schmiegt er sich an mich und sieht mich mit seinen seeblauen Augen an. Und so sitzen wir beide dann aneinander gelehnt auf dem Sofa und genießen fern aller Weihnachtshektik unsere Zweisamkeit.

„He, lass das!“ Ist doch wahr, knabbert der Kerl doch tatsächlich an meinem Ohrläppchen rum, „da auf dem Tisch stehen die Knabbersachen, die sind viel besser als meine dummen Wascheln!“

„Ich will aber jetzt keine Plätzchen mehr, ich will dich, Kleiner!“ schnurrt er mir ins eben noch angeknabberte Ohr.

Oje, wo führt das wohl hin, bestimmt zu keinen Weihnachtsvorbereitungen!

„Du bist viel süßer als alle die Plätzerl hier, Kleiner!“ lässt er alle seine Verführungskünste spielen.

„Aber von mir wirst du doch nicht satt!“

„Na hoffentlich nie, Kleiner, wäre ja noch schöner!“

Ja, so geht das noch eine Weile dahin, bis wir schließlich….aber das geht wirklich keinem was an!

Lustvoll ermattet, aber auch unbändig glücklich liege ich nun im Bett. Mein Großer schläft bereits, wie ich seinen regelmäßigen Atemzügen entnehme. Er hatte ja auch einen schweren Tag bei all seiner Hektik und den ganzen Vorbereitungen für Weihnachten.

Weihnachten – geht nicht immer noch eine großartige Faszination von diesem Fest aus? Man muss sich das mal vorstellen, da ist vor mehr als 2000 Jahren in einem Stall oder, wie neuere Berichte sagen, in einer Höhle ein Kind geboren. Keinerlei Medien haben darüber berichtet, gab es ja gar nicht. Und es war das Kind einfacher Leute, also kein Königskind der Windsor oder ein Fürstenkind von Monaco. Und doch spricht heute noch alle Welt von diesem Kind und feiern wir seinen Geburtstag, eben Weihnachten, ja die ganze Zeitrechnung ist auf dieses Ereignis aufgebaut. Also muss es doch etwas Besonderes sein um dieses Kind, sonst würde doch heute kein Mensch mehr davon wissen, würde es gar kein Weihnachten geben.

All diese Gedanken gehen mir so durch den Kopf, während ich neben meinem schlafenden Prinzen liege und selber hellwach bin.

Ich habe Weihnachten immer gerne gemocht, auch wenn ich gerade an Weihnachten nicht immer nur schöne Stunden erlebt habe. Aber ich freue mich nach wie vor jedes Jahr auf das Fest. Freilich ist es heute eine etwas andere Freude als noch vor zwanzig Jahren etwa, als ich noch ein Kind war, ist ja klar. Damals konnte man es kaum erwarten, bis es endlich soweit war.

Man könnte leicht annehmen, dass uns unsere Eltern, die ja nicht gerade unvermögend waren, mit Geschenken zu Weihnachten überhäuft hätten. O nein, das war gewiss nicht so. Ich kann mich erinnern, dass manche meiner Schulkameraden weit mehr und größere Geschenke bekamen, als ich oder meine Schwester. Ich war damals oft neidisch auf so manchen Mitschüler, wenn sie von ihren Geschenken erzählten.

Aber ich rechnete es meinen Eltern hoch an, und schon als Kind war mir das bewusst, dass sie sich Zeit für uns nahmen, gerade in der Weihnachtszeit und an den Festtagen. Wenn ich da an manche Erzählungen meiner Schulfreunde denke, die auch an Weihnachten meist sich selbst überlassen waren, da kann ich nur ein Hoch auf unsere Eltern anstimmen! Und dabei hatten sie ja auch ihre Arbeit und waren ganz dick im Geschäft, von nichts kommt ja nichts. Aber für uns Kinder waren sie immer da.

Unvergesslich für mich ist, auch wenn es jetzt über zwanzig Jahre her ist, wie ich zum ersten Male mit durfte hinauf nach Andechs zur Mitternachtsmette. Ich war damals vielleicht sechs oder sieben und hab so lange gebettelt, bis ich mit durfte. Ganz in der Nähe unseres Anwesens führt ja der Fußweg durch den dichten Mischwald hinauf zum Kloster Andechs.

Wenn auch die meisten des süffigen Bieres wegen den Berg erklimmen, Andechser Bier ist ja weltbekannt, es gibt auch schon noch anderes, das den Weg wert ist. So wird die Klosterkirche als Juwel des Barock bezeichnet und ist auch wirklich sehenswert, schon der wunderbaren Stuckarbeiten wegen.

Freilich hab ich damals weder an das gute Bier noch an das Juwel des Barockzeitalters gedacht, als ich zum ersten Mal mit meinen Eltern und der Schwester brav mithielt, wie wir in der Nacht, ganz romantisch mit Laternen bewaffnet, zur Mette gingen. Und es ist ja immerhin ein Fußweg von knapp einer Stunde, zumindest im Winter, wenn man durch den Schnee stapfen muss. Aber ich war tapfer, hab durchgehalten bis zur Kirche hinauf. Freilich, so erzählten zumindest meine Eltern, hab ich dann die halbe Mette verschlafen. Ich kann mich zwar überhaupt nicht daran erinnern, aber wenn sie es sagen, wird es schon stimmen. Jedenfalls war ich hellwach, als es wieder hinabging, durch den Wald, heim in die warme Stube.

Ja, es waren immer wunderschöne Weihnachten zusammen mit den Eltern und der Schwester. An ein Fest erinnere ich mich noch besonders, als ich nämlich einen Schulfreund, Manuel hieß er, einladen durfte, mit uns Weihnachten zu feiern.

Manuel hatte alles andere als Glück mit seinen Eltern. Der Vater war schon ein paar Mal im Knast, die Mutter, sicher auch deshalb, oft krank und im Krankenhaus. Geschwister hatte er keine. Wie hat sich der Kerl gefreut, als er dann bei der Bescherung auch Geschenke für ihn unterm Christbaum fand. Nie werde ich das Leuchten in seinen Augen vergessen, als er zum ersten Mal unseren großen Christbaum mit den glänzenden Kugeln, den wundervoll gestalteten Strohsternen, den vielen roten Äpfeln und den unzähligen Lichtern sah. Unser Baum war aber auch wirklich eine Augenweide und sicher auf seine Art einmalig und wurde von unserem Vater eigenhändig jedes Jahr so festlich geschmückt.

Für mich war das ja nichts so Außergewöhnliches mehr, auch wenn ich mich jedes Jahr ganz bestimmt auch auf den geschmückten Baum freute. Aber für Manuel, der von zu Hause, der kleinen Wohnung wegen, nur ein kleines Bäumchen auf dem Tisch gewohnt war, da war der Baum natürlich ein kleines Wunder, an dem er sich nicht sattsehen konnte.

Von da an war Manuel öfter bei uns zu Gast, natürlich vor allem bei mir. Oft durfte er ein ganzes Wochenende bleiben und wir haben es beide genossen. Ja, ich fühlte mich sehr wohl in seiner Nähe, ich mochte ihn wirklich sehr gerne. Wenn ich heute so zurückdenke, dann kann ich wohl sagen, Manuel war nicht nur mein Freund. Ich meine schon, dass ich verliebt in ihn war, soweit man das mit den zwölf oder dreizehn Jahren, wie wir damals waren, von Verliebtsein reden kann. Aber damals hab ich mir darüber keine Gedanken gemacht, Manuel war bei mir und er war mein bester Kumpel und es war alles in Ordnung.

Ich sehe ihn noch deutlich vor mir, Manuel mit dem dunkelblonden Wuschelkopf, die Haare meist arg zersaust vom Wind oder vom Herumgerenne oder hin und wieder auch von mir. Manuel mit immer einem kleinen Lächeln im Gesicht, dazu ein paar Sommersprossen und einem Stupsnäschen – einfach niedlich sah er aus. Ja, wir steckten oft beisammen, spielten zusammen in unserem großen Garten, heckten manchen Streich aus und lachten über die albernen Gänse, sprich Mädchen, in unserer Klasse.

Wir waren wirklich unzertrennlich, deshalb traf es mich auch besonders, als er mit seiner Mutter von hier weg zog. Die Eltern hatten sich getrennt, seine Mutter wollte einen Neuanfang in einer anderen Stadt wagen. Weg war er, es war aus mit unserer Freundschaft, vorbei!

Ja und erst da merkte ich, wie viel mir der Kerl bedeutet hatte, jetzt wo er nicht mehr hier war. Ich war inzwischen vierzehn und machte mir schon Gedanken, wieso mich ein anderer Junge so gefangen nahm, wenn ich auch damals nicht sofort ans Schwulsein dachte. Aber wenn die anderen Jungs von den Weibern schwärmten, da konnte ich beim besten Willen nicht mithalten.

Aber so recht bewusst, dass ich mich in erster Linie mehr für das gleiche Geschlecht interessiere, wurde es mir dann im darauf folgenden Sommer, als ich nämlich feststellte, dass ich beim Spaziergang am See eindeutig mehr den männlichen Badegästen hinterher sah als etwa den weiblichen. Nun gut, mich hat über diese Erkenntnis nicht der Schlag getroffen, es war nun mal so und nicht zu ändern.

Auch meine Eltern und meine Schwester, denen ich es nach und nach gestand, nahmen es verhältnismäßig gelassen auf. Jedenfalls ändert sich nichts an meinem guten Verhältnis zu meiner Familie und wir feierten weiter gemeinsam Weihnachten und es war jedesmal wunderschön.

Jedes Jahr zu Weihnachten haben meine Eltern ein Kinderheim hier am Ort besucht und brachten viele Geschenke für die Kleinen mit. So etwa mit zehn Jahren durfte ich auch dabei sein. Ich werde nie die strahlenden Kinderaugen vergessen, die echte Freude und Begeisterung über die erhaltenen Spielsachen, Kleidungsstücke oder die Leckereien. Und meine Eltern nahmen sich wirklich Zeit. Sie lieferten nicht einfach nur die Pakete ab, nein, sie blieben schon ein paar Stunden im Heim und spielten mit den Kindern, lasen ihnen vor oder sangen mit ihnen.

Und gerade wenn ich bei dieser Bescherung im Heim dabei sein durfte, wenn ich die vielen Kinder sah, die auf der Schattenseite des Lebens standen, die keine Eltern mehr hatten oder aber aus völlig zerrütteten Familien stammten, da wurde mir jedesmal aufs Neue bewusst, wie dankbar ich sein muss, solche Eltern zu haben. Ein bisschen ist mir schon damals der Sinn von Weihnachten aufgegangen, von Weihnachten dem Fest der Liebe, vom Sinn des Schenkens und Beschenktwerdens.

Leider konnte die glückselige Kinderzeit nicht ewig währen, die Schule war vorbei, ich studierte in München, hatte dort auch eine kleine Wohnung und kam nur mehr übers Wochenende heim. Natürlich hatte ich schon vor meiner Studentenzeit und dann auch in München Freunde und auch Freundinnen. Aber es war halt kein spezieller Freund dabei, eine spezielle Freundin aus verständlichen Gründen schon gleich gar nicht.

Weihnachten wurde aber immer noch wie in den Kindertagen zu Hause bei den Eltern am wunderschönen Ammersee gefeiert. Inzwischen hatte meine Schwester geheiratet und ich war schließlich zweimal Onkel geworden. Meine Schwester hatte zwar mit ihrer Familie eine eigene Wohnung in München, aber am Heiligen Abend da waren wir alle zusammen bei den Eltern in Herrsching.

Nun liege ich schon über eine Stunde wach im Bett, während mein Großer schlummert wie ein Baby. Ich weiß schon, ich hab zu spät noch Kaffee getrunken, hätte mir ja denken können, dass ich dann schlecht einschlafen kann. Aber jetzt ist das nicht mehr zu ändern.

So leise wie ich möglich schlüpfe ich aus dem warmen Bett und schleiche mich aus dem Schlafzimmer hinunter in die Küche. Ein warmes Glas Milch mit Honig wird mir gut tun, hab ich ja schon öfter als Einschlafhilfe probiert. So setze ich mich an den Küchentisch und nippe an der etwas zu heiß gewordenen Milch.

Ja, hier saß ich auch, damals vor genau sieben Jahren am Tag vor Heiligabend und wartete voll Ungeduld auf meine Eltern. Sie waren für ein paar Tage in die Schweiz gefahren und wollten an eben diesem 23. Dezember wieder zurück sein. Ausnahmsweise hat mir Vater erlaubt, schon mal mit dem Schmücken der großen Tanne im Wohnzimmer zu beginnen, weil er es sonst nach seiner Rückkehr nicht mehr schaffen würde, den unscheinbaren grünen Nadelbaum aus unserem Garten in einen funkelnden und glitzernden Christbaum zu verwandeln.

Vor ihrer Abreise in der Schweiz haben sie noch angerufen und ich rechnete mir aus, dass sie so gegen drei Uhr am Nachmittag wieder hier sein werden. Als ich gegen fünf Uhr immer noch nichts von ihnen hörte, wurde ich langsam nervös. Meine Schwester, die ich dann anrief, meinte zwar, ich solle mir keine Sorgen machen, sie werden bestimmt bald kommen. Aber sie kamen nicht und die Befürchtung, dass etwas passiert sein muss, die steigerte sich ins Unendliche.

Ja, hier an diesem Tisch saß ich und wartete und dann kam schließlich der Anruf, vor dem ich mich so sehr gefürchtet hatte. Unsere Eltern hatten noch in der Schweiz einen Unfall, ein betrunkener Geisterfahrer auf der Autobahn….Aber sie lebten, wenn auch schwerstverletzt, wie mir die Polizei und später das Krankenhaus bestätigten. Es gab also Hoffnung und an diese klammerte ich mich.

Noch in der Nacht fuhren meine Schwester, ihr Mann und ich in die Schweiz ins Krankenhaus. Immer wieder während der Fahrt ermunterte mich meine Schwester ja den Glauben und die Hoffnung nicht aufzugeben, dass sie wieder gesund werden, schließlich sei ja Weihnachten. Inzwischen war ja schon der 24. Dezember und so gegen 5 Uhr in der Früh erreichten wir das Krankenhaus.

An der Pforte wurden wir auf die Intensivstation verwiesen. Dort ließ man uns erstmal warten und mir war klar, das konnte nichts Gutes bedeuten. Und so war es auch! Als endlich ein Arzt zu uns kam, da konnten wir es schon an seinem Gesichtsausdruck ansehen, dass er eine Schreckensnachricht für uns bereithielt: Vater war gegen ein Uhr verstorben, die Mutter vor einer Stunde. Ihre inneren Verletzungen waren so schlimm, dass alle ärztliche Kunst vergeblich war.

Für mich brach eine Welt zusammen, Vater und Mutter mit einem Schlag zu verlieren, noch dazu Eltern, die immer für mich da waren, die mich eine wundervolle Kinder- und Jugendzeit erleben ließen, das ist mit das Schlimmste, was man sich vorstellen kann! Wir konnten uns nicht verabschieden, konnten sie nicht ein letztes Mal umarmen. Ein betrunkener Verkehrsteilnehmer hat zwei Menschenleben ausgelöscht. Dass er dabei auch selber „draufgegangen“ ist, macht die Sache nicht leichter. Und das alles am Fest der Familie, am Fest der Freude, an Weihnachten.

Ich hab Weihnachten keinen Fuß mehr in unser Haus gesetzt, bin zum Teil bei meiner Schwester, zum Teil bei Freunden gewesen. Alle haben sich sehr bemüht, mir Trost zu spenden, mich abzulenken und einfach für mich da zu sein. Es war sicher nicht ihre Schuld, dass es nicht gelang.

Am letzten Tag des Jahres haben wir unsere Eltern zu Grabe getragen. Es war ein kleiner Trost, dass eine Unmenge von Leuten zur Beerdigung gekommen sind. Auch die Kinder vom Heim waren dabei und haben sich mit einem Lied von ihren Wohltätern verabschiedet. Es war ein trüber Silvestertag, nasskalt und absolut ungemütlich, so als trauere die Natur mit uns mit.

Es gab nach dem Tod meiner Eltern soviel zu erledigen, dass ich gar nicht viel zum Nachdenken kam. Und das war auch gut so! Das Studium habe ich aufgegeben, ich musste mich ja jetzt intensiv um die Geschäfte meiner Eltern kümmern. Zum großen Glück hatten meine Eltern sehr gute Mitarbeiter, denen man absolut vertrauen konnte und die mir eine große Hilfe, gerade in der ersten Zeit, waren. So grausam es auch klingt, aber das Leben musste weitergehen.

Ja, es war gut, dass ich soviel um die Ohren hatte, andererseits hatte ich aber auch gar keine Zeit, neue Freunde kennenzulernen, vor allem einen Freund, mit dem ich mein Leben teilen wollte.

Meine Schwester erinnerte mich immer wieder an den wohl wahren Bibelspruch, dass es nicht gut sei, wenn der Mensch allein bleibt. Ich erwiderte dann darauf, dass ich ja noch jung sei, irgendwann komme schon der Richtige. Sie meinte dazu, ob ich denn glaube, dass dieser Richtige einfach so zu mir kommt und behauptet, er sei derjenige, auf den ich warte. Da müsse ich schon auch etwas dazu tun, erklärte sie mir bei jeder Gelegenheit. Na ja, irgendwann passiert es schon mal, so dachte ich für mich.

Aber wenn ich dann am Abend zurückgekommen bin in unser großes Haus, in dem ich ja jetzt ganz alleine war, da dachte ich mir schon manchmal, ich solle auf meine Schwester hören und mir endlich einen Freund suchen. Ich hatte für den Garten einen pensionierten Gärtner, der sich um alles kümmerte, ich hatte eine Putzfrau, die auch für mich einkaufte, sodass ich von diesen Dingen entlastet war. Ich hatte gute Freunde und Bekannte, mit denen ich mich gelegentlich, wenn die Zeit blieb, traf, ein bisschen quatschen, ein bisschen was trinken. Ja, das war alles wunderschön und gut, aber ich hatte halt niemanden fürs Herz! Natürlich war es auch schwierig, jemanden zu finden, wenn man beruflich so eingespannt ist und außerdem angst hat, auf jemanden zu treffen, der nur auf mein Geld aus ist. Solche Typen gibt es ja genügend.

Aber irgendwas muss im nächsten Jahr geschehen, nahm ich mir fest vor. Ich möchte nächstes Weihnachten nicht mehr allein sein, wenigstens im nächsten Jahr dann! Für das Weihnachten, ein Jahr nach dem Unfalltod meiner Eltern, da blieb mir gar nichts anderes übrig, als entweder die Feiertage alleine oder bei meiner Schwester zu verbringen

„Ach hier bist du, ich suche dich schon überall, kannst du wieder nicht schlafen, Kleiner?“

„Du ja scheinbar auch nicht, Großer, sonst wärst du im Bett!“

„Ach, ich bin gerade wach geworden und da war der Platz neben mir leer, da hab ich dich natürlich gesucht, ist doch klar.“

Und dabei streicht er mir über die Haare, wuschelt sie durcheinander, was ich ja so sehr mag, lächelt mich lieb an und küsst mich ganz spontan. Als er dann aber mit einer Hand unter mein T-Shirt greift, um dort über meine Brust zu streichen, mit der anderen Hand einen Griff hinunter in meine Hose wagt, um dort…Da muss ich ihn ganz abrupt stoppen:

„Und du glaubst tatsächlich, wir können dann einschlafen, wenn du so was anfängst, du weißt genau, wohin das führt, Großer!“

„Haha, mein Kleiner hat einen Großen bekommen, wie süß!“

„Fühl dich geschmeichelt, dass ich immer noch so auf dich abfahre, Großer!“

„Das will ich dir aber auch geraten haben, dass du auf mich und nur auf mich abfährst, Kleiner!“

„Naja, so ein klitzekleines Bisschen darf ich doch auch….“

„Untersteh dich, ich kratze dem die Augen aus!“

„Aber du weißt ja gar nicht, was ich sagen….“

„Egal, ich kratze jedem die Augen aus, merk dir das, Kleiner!“

„Ist ja schon gut, jetzt lass uns aber ins Bett gehen, du hast doch morgen, ja gut, ist ja schon heute, noch soviel zu tun, nicht wahr, Großer?“

„Ha, gut dass du mich daran erinnerst, gleich nach dem Aufstehen muss ich noch hinunter in den Ort, muss noch was einkaufen, dann muss ich unbedingt…..und dann….“

Mit einem Kuss verschließe ich seinen Mund und ziehe ihn die Treppe hinauf ins Schlafzimmer.

„Alles der Reihe nach, Großer, es ist Weihnachten, es soll doch nicht in Stress ausarten, oder?“

„Ja, hast ja recht, Kleiner!“

Nach einer Weile, wir liegen bereits ein paar Minuten im Bett:

„Aber ich darf nicht vergessen, Kleiner, dass ich unbedingt noch….“

„Gute Nacht, Großer!“

„Gute Nacht, Kleiner!“

Endlich Ruhe!

*-*-*

Wintermärchenland – genauso sieht es heute am Heiligen Abend draußen aus. Alles ist mit der glitzernden Pracht zugedeckt und es schneit weiter. Ja, genauso wollen wir es heute haben! Mein Großer ist soeben zum Einkaufen gefahren, wie er es ja in der Nacht schon angekündigt hat.

Nun, ich lasse mich heute keinesfalls stressen, zumindest jetzt am Vormittag nicht, am Nachmittag sind dann zwei wichtige Termine, die ich zusammen mit meinem Freund erledigen werde, aber bis dahin ist noch viel Zeit. Ich mache mir erstmal noch eine Tasse Kakao, mit Zimt versteht sich, und setze mich in den Wintergarten, von dem aus man einen wunderbaren Blick nach draußen in die Winterlandschaft hat.

*-*-*

Ja, so ein Bilderbuchwinter war es auch, vor genau sechs Jahren, also das erste Weihnachten nach dem schrecklichen Unfalltod meiner Eltern. Ich hatte mit meiner Schwester ausgemacht, dass ich am ersten Feiertag zu ihr komme. Sie wollte zwar unbedingt, dass ich schon am Heiligen Abend bei ihr bin, aber ich lehnte das ab. Ich wollte den Tag, dem Sterbetag meiner Eltern, alleine sein, wollte am Friedhof Blumen auf das Grab legen und dann einfach schlafen und an nichts mehr denken müssen.

*-*-*

Es war der 23. Dezember. Ich bin spät heimgekommen, müde, gestresst von der Arbeit. Als ich die Hofbeleuchtung anmachte, entdeckte ich frische Fußspuren im neu gefallenen Schnee. Meine waren das nicht, soviel war klar. Na gut, dachte ich, vielleicht ist es der Gärtner gewesen, er hat einen Schlüssel für das Gartentor, wer sollte es sonst gewesen sein. Nein, die Putzfrau, das wusste ich, war seit gestern bei ihrer Tochter, die kommt erst nach Neujahr wieder. Und es sind auch eindeutig Männerlatschen, die sich im Schnee abzeichneten. Aber ich war zu müde, um der Sache weiter Beachtung zu schenken.

Wie erstaunt und überrascht war ich, als ich ins Wohnzimmer kam und einen fertig geschmückten großen Christbaum vorfand. Muss meine Schwester während des Tages gewesen sein! Sie hatte letzte Woche schon mal gefragt, wie es heuer mit einem Baum ist, sie würde mir gerne helfen, ihn zu schmücken. Ich habe es ihr auszureden versucht, ich hätte keine Zeit und überhaupt, so wunderschön, wie unser Vater ihn immer schmückte, könnten wir es ohnehin nicht. Außerdem wecke es einfach zu viele Erinnerungen an die Eltern. Nun hat sie also doch nicht auf mich gehört und den Baum im Laufe des Tages sicher zusammen mit ihrem Mann und noch einer Hilfe aufgestellt und wunderbar geschmückt. Nein, ich konnte ihr darüber nicht böse sein, ganz im Gegenteil, sie meinte es doch nur gut.

Das habe ich ihr dann auch am Telefon gesagt und mich herzlich bedankt. Es sei ja auch nicht ganz uneigennützig geschehen, meinte sie, schließlich wollte sie ja mit der ganzen Familie am zweiten Feiertag hier sein. Und gerade die Kinder freuten sich doch schon so sehr, den Baum in „Onkel Toms Hütte, wie sie meine Behausung liebevoll zu nennen pflegten, bewundern zu dürfen. Im letzten Jahr mussten sie ja darauf aus den bekannten Gründen verzichten.

Ich hatte ihr dann auch von den Fußspuren im Schnee vor dem Haus erzählt und dass ich ja jetzt wisse, dass sie von den Leuten der Christbaumaktion stammten. Sie schwieg eine Weile und erklärte mir dann, dass sie bereits um drei Uhr am Nachmittag das Haus verlassen hätten und da habe es ganz fest geschneit. Das könnten ihre Spuren somit gar nicht mehr gewesen sein, die müssten doch längst zugeschneit gewesen sein, meinte sie.

„Naja, dann ist es schon so, wie ich anfangs dachte, es ist der Rupert, der Gärtner gewesen, der wird sicher wegen irgendwas nachgesehen haben, ist ja auch nicht so wichtig“ erklärte ich.

„Ich hab dir schon so oft gesagt, dass du dir einen Hund zulegen sollst, der ein wenig für dich aufpasst. Das große Haus und das riesige Grundstück, ist ja klar, dass so was gewisse Individuen anzieht, weil sie jede Menge Wertsachen vermuten!“

„Ach was hab ich hier schon, das rentiert sich doch gar nicht, einzubrechen. Aber jedenfalls danke, dass du so um mich besorgt bist, aber mir passiert schon nichts.“

Als ich dann das Gespräch mit meiner Schwester beendet und es mir im Wohnzimmer gemütlich gemacht hatte, da kamen mir schon Zweifel, ob es nicht doch besser gewesen wäre, einen Wachhund zu kaufen. Aber wenn den ganzen Tag niemand zu Hause ist, dann ist das auch nicht so ideal für einen Vierbeiner. Nein, gefürchtet habe ich mich in dem Haus eigentlich noch nie, auch jetzt nicht, wo ich allein war.

Ich hatte die Gedanken an einen Hund, an das Alleinsein und die Schneespuren längst beiseitegeschoben, wäre auf dem Sofa im Wohnzimmer beinahe eingenickt, als mich ein lautes Geräusch hellwach werden ließ. Ich konnte es im ersten Moment nicht zuordnen, war es draußen oder unten in der Küche.

Und dann ging alles sehr schnell! Wie aus dem Nichts tauchten plötzlich zwei vermummte Gestalten vor mir auf. Ich war so erschrocken, dass ich nicht mal schreien konnte. Was hätte es auch genutzt, war ja ganz allein im Haus und der nächste Nachbar ein paar Hundert Meter weit weg.

Ich konnte die beiden Männer, ich nahm jedenfalls an, dass es Männer waren, nur entsetzt anstarren. Und sie starrten mich an, ein paar Sekunden lang ohne ein Wort zu sagen. Ich meine im Fernsehen, bei Aktenzeichen XY, ja da sieht man solche Szenen sehr häufig oder man liest von solchen Überfällen, aber wer denkt schon daran, dass einem das persönlich passiert, sozusagen live und frei Haus!

Dann fing sich der eine der ungebetenen Gäste und gab seinem Kumpanen einen Wink und deutete ihm an, an der Tür stehen zu bleiben. Wahrscheinlich soll er achtgeben, ob jemand kommt. Ich hätte ihm schon sagen können, dass er sich das sparen kann, die nächsten zwei Tage wird hier niemand auftauchen. Aber das können die ja nicht wissen und von mir werden sie es bestimmt nicht erfahren.

Jedenfalls kam dann der eine der vermummten Gesellen auf mich zu. Er schien mir beleibter zu sein als sein zwielichtiger Kollege, er trug schwarze Klamotten und hatte eine Pudelmütze mit Sehschlitzen auf, auch trug er schwarze Handschuhe. Ich konnte also außer seinen Augen, die mich regelrecht anstarrten, sonst nichts von ihm sehen. Er hielt eine Pistole in der Hand und fuchtelte damit vor meiner Nase rum. Ich kenn mich ja mit so Mordinstrumenten gleich gar nicht aus, es hätte auch eine Spielzeugpistole sein können, ich hätte es nicht gemerkt und mich trotzdem gefürchtet. Ja, ich hatte eine Riesenangst, wie eigentlich kaum zuvor in meinem Leben. Der anfängliche Schrecken über die plötzlichen Eindringlinge war nun in eine unheimliche Angst umgeschlagen.

„Wo haben du Geld?“ fragte mich der mit der Pistole, mit der er mal auf meinen Kopf, mal auf meinen Bauch, mal auf meine Füße zielte, so als wolle er sich erst ein interessantes Ziel aussuchen.

`Wo haben du`, das klang in meinen Ohren so gekünstelt, das war nicht ´echtes Ausländerdeutsch`. Ich sollte wohl annehmen, keine deutschen Einbrecher vor mir zu haben. Ich konnte nicht gleich antworten, mein Mund war vor Angst und Schrecken ganz trocken.

Nur mühsam brachte ich ein „kein Geld im Haus“ zustande. Wieder fuchtelte er mit seinem Gerät vor meinem Kopf rum und konnte sich abermals nicht entscheiden, wohin er seine Kugel zuerst abfeuern sollte.

„Natürle host du….ähm…du haben Geld hier, bestimmt!“

Jaja, jetzt hätte er sich beinahe selbst aufgebracht und mit Dialekt angefangen. War meine Vermutung also doch richtig.

Nach dem ersten Schrecken hatte ich mich doch soweit erholt, dass ich ihm mit zitternder Stimme erklärte, dass ich außer dem bisschen Bargeld in der Brieftasche tatsächlich nichts im Haus habe. Auf der Bank ja, aber doch nicht hier.

Ich merkte, wie sich die beiden Gängster Blicke zuwarfen, der Aufpasser an der Tür zuckte mit den Schultern und starrte weiterhin mich an. Der sollte doch aufpassen, dass von draußen niemand kommt, aber nein, der Spinner muss ja dauernd mich anglotzen. Nervös schienen sie mir beide, das waren ohne Zweifel blutige Anfänger, wie die sich anstellten.

Der Pistolenmann ging ein paar Schritte von mir weg, sah sich mit hektischen Bewegungen im Raum um, kam dann wieder zu mir und drohte mit der Pistole.

„Aber Schmuck du haben, wo?“

Ich habe noch nie Schmuck besessen, meiner Mutter ja, aber seit die nicht mehr hier ist, gibt es auch keinen Schmuck mehr im Haus. Das hab ich ihm auch gesagt, was ihn noch fahriger und nervöser machte. Schließlich winkte er seinem Einbrecherkollegen herbei, gab ihm die Pistole, musste ihm aber erst durch einen Wink zu verstehen geben, dass er damit auch mich zu zielen habe, nicht auf den Fernseher, auf den die Pistole zuerst gerichtet war. Ich sagte es ja – Anfänger!

Der Anführer der Banditen, ich nahm jedenfalls an, dass er es war, holte aus seiner Jacke eine Rolle Klebeband, umwickelte damit meine Hände am Rücken und meine Füße, um schließlich auch noch meinen Mund zu verschließen. Das ging alles so schnell, ich kam gar nicht dazu, mich groß zu wehren.

„Du passen gut auf, ich seh in andere Raum, was zu holen!“ und schon war er verschwunden.

Nun war ich also verklebt und verpackt wie ein Weihnachtspaket, halb sitzend, halb liegend auf dem Sofa, und vor mir mein neuer Pistolenmann, der, der vorhin den Aufpasser an der Tür spielen sollte, aber die ganze Zeit mich anstarrte. Ich hätte ihn ja gerne gefragt, warum er mich so ansieht. Aber wer hat schon mal ein verschnürtes und zugeklebtes Päckchen reden hören!

Er stand knapp einen Meter vor mir und ich konnte ihn zum ersten Mal näher betrachten. Freilich sah ich auch von ihm fast gar nichts, war ja alles bedeckt. Nur die Schlitze in der Haube ließen einen Blick auf die Augen zu. Und je länger ich diese Augen sah, desto mehr glaubte ich, sie zu kennen, sie kamen mir einfach bekannt vor, konnte sie aber nicht zuordnen. Sein ganzes Auftreten und seiner Figur nach, so glaubte ich, müsse es sich bei ihm um einen jüngeren Mann handeln, jedenfalls war er schlanker und athletischer als sein Kollege.

Ich ließ ihn nicht aus den Augen, während ich nebenbei hörte, wie sein Kamerad von Zimmer zu Zimmer ging und immer lauter fluchte, nicht fremdsprachig sondern eindeutig im Dialekt. Ich hätte es ihm ja gleich sagen können, bei mir gibt’s nichts zu holen, wertvolle Möbel ja, ein paar Bilder, aber dazu sind die Herren Gängster wohl nicht vorbereitet. Außer einem alten Fernseher gibt es auch an Elektrik oder Elektronik nichts Besonderes im Haus. Nun ja, es gäbe schon was, Münzsammlungen, Briefmarkenalben, Wertpapiere und dergleichen, aber die stecken im Wandtresor und der ist schön versteckt hinter einem Schrank. Ich werde mich hüten, das den beiden Helden zu sagen!

Jedenfalls hatte mein Aufpasser sein ständiges Starren aufgegeben und sah sich stattdessen im Wohnzimmer um. Wenn ich nicht so unbeweglich gemacht worden wäre, das könnte jetzt der Augenblick sein, ihn zu entwaffnen. Na ja, ich bin nun mal kein Held und außerdem schön verschnürt. Also was blieb mir schon übrig?

Ja, er sah sich um. Will er auskundschaften, ob es hier drinnen doch noch was zum Klauen gibt, das sich rentiert? Wo starrte er denn hin? Ja klar, den großen Christbaum im hinteren Teil des Zimmers, den hatte er erst jetzt entdeckt, dem widmete er nun seine ganze Aufmerksamkeit.

Ja, ich glaubte es ja kaum, er ging sogar von mir weg, näher hin zum Baum und sah ihn von oben bis unten an. Ich weiß ja, mein Christbaum ist schon etwas Besonderes. Aber sollte ich den Einbrecher daran erinnern, dass er eigentlich zu was anderem hier ist, als zum Baumbewundern?

Was sucht er denn jetzt hinter dem Fenstervorhang? Klar, den Schalter für die Baumbeleuchtung! Er wird doch nicht…Aber er tat es, er schaltete die Beleuchtung ein! Und auch ich sah so von meinem Lager aus zum ersten Mal in diesem Jahr meinen hell erleuchteten Christbaum mit bestimmt ein paar Hundert Lichtern, wirklich faszinierend und wunderschön!

Und auch dem Herrn Einbrecher schien der Baum mehr als zu gefallen. Er stand einfach da und sah auf das Lichtwunder. Die Pistole hatte er gar nicht mehr in der Hand, wahrscheinlich hatte er sie eingesteckt, war auch gar nicht mehr wichtig für ihn, so sehr hatte es ihm der Baum angetan.

Nun hatte er scheinbar auch die Krippe entdeckt, die, wie ich auch da erst sah, neben dem Baum aufgebaut worden ist. Da hatten sich ja meine Heinzelmännchen von heute Vormittag und Mittag wirklich enorm angestrengt und haben ein kleines Weihnachtswunderland geschaffen. Es leuchteten ja nicht nur die Kerzen am Baum, sondern der ganze hintere Teil des Wohnzimmers war weihnachtlich geschmückt mit Tannengirlanden, glitzernden Kugeln in allen Farben, mit Lametta und Hunderten von Lichtern, die zusammen mit den Lichtern am Baum aufleuchteten. Ja, es war wirklich eine Weihnachtswunderwelt, die sich da in diesem Teil des Wohnzimmers auftat.

Ich war ja selbst ganz überwältigt von der glitzernden Pracht und all den vielen Lichtern, denn das war ja noch nie so! Der Baum ja und vielleicht das eine oder andere weihnachtliche Gesteck. Aber was meine Schwester und ihre weihnachtlichen Wichtelmänner und –frauen da geschaffen hatten, das war selbst für mich überraschend und einfach umwerfend!

Ja, für einen Moment hatte ich doch tatsächlich meine missliche Lage vergessen, dass ich nämlich Besuch von zwei Einbrechern hatte und ich verschnürt und wehrlos da saß. Aber mein nächtlicher Besucher, zumindest der, der für ein paar Minuten die ganze Pracht bewundert hatte, er brachte mich wieder in die Realität zurück. Scheinbar ist ihm plötzlich wieder eingefallen, dass er ja nicht zum Vergnügen hier ist und eigentlich auf mich aufpassen soll. Was natürlich eh Unsinn ist, so wie ich verpackt war, kann ich wohl kaum davonlaufen und kann keinen Pips sagen.

Abrupt zog er den Stecker raus und die ganze weihnachtliche Lichterpracht war dahin. Er drehte sich um und kam wieder auf mich zu. Ach ja, dann fiel ihm die Pistole wieder ein und er angelte sie aus der Tasche, zielte aber nicht mehr auf mich. Und wieder sah er mich unverwandt an. Da er ganz in meiner Nähe stand, glaubte ich zu erkennen, dass seine Augen, und nur sie konnte ich ja erkennen, schimmerten, so als hätte er geweint. Sein rasches Augenzwinkern und ein leichtes Schniefen der Nase bestätigte wohl meine Vermutung.

Aber warum? Er ist doch ein hartgesottener Kerl, den nichts aus der Ruhe bringt! Ein anderer würde doch wohl kaum in fremde Häuser einbrechen. Aber warum dann diese Emotion beim Anblick des weihnachtlichen Wohnzimmers?

Er starrte mich weiter an und ich war am Grübeln, wieso mir der Kerl ja irgendwie bekannt vorkam. Es waren ja nicht nur seine Augen, sondern seine ganzen Bewegungen, seine Gesten, sein Gang – er erinnert mich einfach an jemanden!

Dann aber wandte er sich von mir ab und eilte aus dem Zimmer, nicht ohne nochmals einen Blick auf mich und anschließend auf den Christbaum im Hintergrund zu werfen. Draußen war er. Ich hörte die beiden Herrn Einbrecher miteinander diskutieren, ziemlich lautstark, trotzdem verstand ich kein Wort. Der Diskurs dauerte eine Weile und dann hörte ich nur noch eine Tür zuschlagen, dann war Ruhe, gespenstische Ruhe.

Und jetzt? Ich nahm an, dass sie sich davon gemacht haben, denn auch nach mehreren Minuten gab es keinen Laut von draußen. Wie das jetzt? Ja nicht mal meine Brieftasche haben sie verlangt. Ob sie überhaupt was mitgehen haben lassen? Oder sind sie vielleicht um ein Fahrzeug, um doch noch Möbel abtransportieren zu können, oder die Bilder?

Wo werden sie überhaupt hereingekommen sein? Ich habe keine splitternde Fensterscheibe gehört oder sonst was von einem gewaltsamen Einbruch. Dann käme nur der Eingang durch den Keller infrage. Die Kellertüre, von außerhalb des Gebäudes erreichbar, ist nur mit einem kleinen Schnapper versehen. Man braucht nur einen kleinen Stecken oder Ähnliches, um diesen Schnapper hochzuheben und schon ist man im Haus. Hab ich selber schon öfter getan, vor allem in der Kinder- oder Jugendzeit ist das gelegentlich vorgekommen.

Da kann ich mich noch an eine Begebenheit in der Kinderzeit erinnern. Ich hab mit Manuel draußen herumgetobt und…..mein Gott….natürlich Manuel….an ihn hat mich der Kerl im Wohnzimmer erinnert! Ich hab ihn zwar jetzt schon einige Jahre nicht mehr gesehen, weiß nicht mal, wie er heute aussieht. Aber das waren seine Augen, die ich in den Schlitzen seiner Vermummungshaube gesehen habe, ohne Zweifel!

Oder doch nicht? Manuel würde doch nicht bei mir….und überhaupt, er wohnt doch gar nicht mehr am Ort! Aber andererseits – wir haben damals ganz unten im Garten gespielt und gewettet, wer als Erster oben am Haus ist. Manuel war eindeutig der bessere Läufer und war weit vor mir an der offenen Haustüre. Und er hat, aus Spaß natürlich, die Türe von innen abgesperrt, sodass ich nicht hinein konnte.

Aber da hab ich mich eben über den Keller ins Haus geschlichen und ihm einen gewaltigen Schreck eingejagt. Er starrte immer noch durch das Fenster der Haustüre, konnte sich wahrscheinlich nur wundern, wo ich abgeblieben bin, da stand ich hinter ihm und berührte ihn. Er zuckte zusammen wie vom Blitz getroffen und konnte sich nicht erklären, wie ich ins Haus gekommen bin. Ja und da hab ich es ihm gezeigt. Aber ob er das nach so vielen Jahren noch wusste?

Nein, ich konnte es nicht glauben, doch nicht Manuel, meine erste, ja wie soll ich sagen, Liebe? Natürlich, jetzt fällt mir auch auf, er hat auf Anhieb gewusst, wie und wo er den Christbaum einschalten kann. Er war ja damals an Weihnachten bei uns und hat selber ein paar Mal aus- und einschalten dürfen. Ja, es ist so, so Vieles spricht für ihn, aber ich kann es trotzdem nicht glauben! Manuel, mein Manuel, der immer freundliche Wuschelkopf…..?

Aber was half mir jetzt diese ganze Überlegung? Ich saß nach wie vor unbeweglich auf dem Sofa im Wohnzimmer und es bestand keine Aussicht, dass ich das selbst ändern könnte. Hab zwar schon versucht, die Klebestreifen zu lockern, aber vergeblich. Und wann soll mich hier jemand finden? Die im Kinderheim werden sich morgen am Heiligen Abend wundern, wenn ich nicht mit den Geschenken auftauche. Denn ich habe selbstverständlich die schöne Gepflogenheit meiner Eltern übernommen, die Kinder zu beschenken.

Gut, meine Schwester wird sicher morgen mal anrufen, aber bestimmt denkt sie sich nicht viel dabei, wenn ich nicht ans Telefon gehe, ist er halt unterwegs, wird sie meinen. Erst am ersten Weihnachtstag, wenn ich nicht, wie ausgemacht, bei ihr erscheine, dann, nehme ich jedenfalls an, werden sie hier nachschauen. Meine Schwester hat ja einen Schlüssel zum Haus.

Also standen mir wundervolle Weihnachten bevor! Nach dem traurigen Fest im letzten Jahr mit dem Tod meiner Eltern nun also ein gefesselter Heiliger Abend! So konnte ich also nur liegen bleiben und warten, wenigstens war es warm im Zimmer. Aber ich kann auch nicht zur Toilette gehen, dabei müsste ich jetzt schon so dringend! Irgendwann, wenn es gar nicht mehr anders geht, muss ich es halt laufen lassen. Ist zwar alles andere als angenehm, dann mit nasser Hose rumzuliegen, aber was konnte ich tun? Außerdem tat mir alles weh, vor allem die beiden Arme, die ja hinter meinem Rücken zusammengebunden waren.

Es dürfte so etwa eine Stunde vergangen sein und ich war inzwischen echt am Verzweifeln mit meiner misslichen Lage. Da hörte ich wieder ein Geräusch von unten und dann Tritte auf der Treppe herauf. Mein Gott, kommen die etwa zurück, um doch noch was zu holen?

Und dann stand er auch schon vor mir, wieder mit der Pudelmütze und den Schlitzen. Der Figur nach war mir sofort klar, dass es mein Christbaumbewunderer war. Er kam direkt auf mich zu und ich sah, dass ich mich mit den Augen nicht geirrt hatte. Das mussten einfach die Augen von Manuel sein!

Ganz sachte löste er den Klebestreifen von meinem Mund. Er tat es zwar vorsichtig, aber es tat trotzdem weh. Ich sah ihn an und meinte nur „Manuel?“

Und er drehte sich von mir weg und ich sah, dass er die Mütze abnahm. Klar, warum jetzt noch Versteck spielen? Zuerst fiel mir natürlich sein Wuschelkopf auf und die arg zersausten Haare. Da hatte sich also in den letzten Jahren nichts geändert. Er stand da, immer noch von mir abgewandt und ich bemerkte, dass er zitterte, ja sein Oberkörper wurde regelrecht durchgeschüttelt. Mir war klar, er weinte bitterlich.

„Manuel, sieh mich an und sag mir, warum? Warum habt ihr bei mir eingebrochen, ausgerechnet bei mir? Waren wir nicht mal die besten Freunde?“

Und dann drehte er sich zu mir um und ich sah seine nassen Augen, die Tränen rannen ihm nur so über die Wangen. Ich stellte fest, dass er sich vom Äußeren kaum verändert hatte. Noch immer zeichnet ihn das Lausbubengesicht aus, das ich von früher kannte, dazu das niedliche Stupsnäschen.

Freilich erinnert mich sein jetziges verweintes Gesicht an damals, als er von seinem Vater Schläge bekommen hat, nur weil er sich beim Einkaufen ungeschickt anstellte und ihm eine Flasche Bier aus der Hand fiel und zerbrach. Mit diesem verheulten Gesicht kam er damals zu mir und ich habe ihn umarmt und zu trösten versucht. Zwölf werden wir gewesen sein.

Ja, das fiel mir spontan jetzt wieder ein, wo er vor mir stand und es ihn immer noch schüttelte. Ehrlich gesagt, hätte ich ihn jetzt ebenso wie damals in die Arme genommen und getröstet. Aber erstens wäre das dann doch paradox gewesen, wenn ich meinen Einbrecher, der mir Schaden zufügen wollte, trösten würde. Und zweitens war ich ja immer noch verschnürt und so gar nicht in der Lage, jemanden zu umarmen.

„Tut mir alles so leid, Thomas!“ war dann das Erste, das er von sich gab, jedes Wort von Schluchzen unterbrochen.

„Bitte, Thomas…“

„Du Manuel, wie wäre es, wenn du mir zuerst mal die Klebestreifen abschneiden würdest, mir tun inzwischen die Hände schon sehr weh und außerdem müsste ich mal dringend….“

„O entschuldige, hab ich ganz vergessen, tut mir leid!“

„Ja, das sagtest du schon!“

Und er nahm sein Taschenmesser und erlöste mich von meinen Fesseln. War das eine Wohltat, als ich endlich meine Hände und Füße wieder gebrauchen konnte. Und die zweite Wohltat war dann der Gang zur Toilette und die Erleichterung dort. Wie neugeboren fühlte ich mich, als ich wieder ins Wohnzimmer kam, wo Manuel noch genau so dastand, wie ich ihn vor wenigen Minuten verlassen hatte.

„Hast du…hast du jetzt…die Polizei angerufen?“ fragte er mich ganz zögerlich.

„Auf dem Klo? Nein, ich hab wirklich nur…naja, was man halt so….Aber jetzt zieh erst mal deine Jacke aus, sie ist ja ganz nass, schneit es immer noch?“

Er nickte nur, zog dann aber doch die Jacke aus.

 

„Und nun setz dich, Manuel, ich glaube schon, dass du mir Einiges zu erzählen hast, oder? Ja vor allem würde mich interessieren, ob wir sicher sein können, dass heute keine Einbrecher mehr auftauchen, ich denke da vor allem an deinen Kollegen. Wer war das überhaupt?“

„Das ist ein Freund meins Vaters, Norbert heißt er. Und nein, er taucht hier nicht mehr auf. Ich bin ja mit ihm bis zur S-Bahn, er ist wirklich nach München zurückgefahren. Und ich hab ihm klar machen können, dass es besser sei, wenn wir getrennt fahren, dass ich also erst mit dem nächsten Zug fahre.“

„Aber wie hast du es geschafft, dass er so schnell aufgegeben hat? Das ist doch dir zu verdanken, dass ihr so schnell davon seid und ganz ohne Beute, oder?“

„Ja, er hat nichts mitgenommen, ich natürlich auch nicht. Ich hab ihm einfach gesagt, dass ich in dem Haus schon mal war und ich daher weiß, dass es hier eine Alarmanlage mit stiller Alarmierung der nächsten Polizeidienststelle gibt, das sei mir eben wieder eingefallen. Und dass ein Streifenwagen sicher schon unterwegs hierher sei. Er hat es mir nicht gleich abgekauft, aber nach einigem hin und her, du hast vielleicht den Streit mitbekommen, hat er dann gemeint, es sei wohl besser, wir verschwinden, es gäbe eh kein Geld oder Schmuck und an anderes ist er nicht interessiert. Und wegen nichts und wieder nichts dann doch von der Polizei ergriffen zu werden, das wäre doch Blödsinn, meinte er. Naja, der Hellste ist dieser Norbert noch nie gewesen, ein anderer hätte mir wahrscheinlich das mit der Alarmanlage nicht geglaubt.

Aber was anderes, wie hast du mich trotz Pudelmütze erkannt?“

„Ich war mir nicht sicher, aber die Augen, mehr hab ich ja von dir nicht gesehen, die waren mir einfach bekannt, auch wenn ich sie nicht gleich zuordnen konnte. Aber als du mich immer angestarrt hast und vor allem, als du sofort wusstest, wie du den Christbaum zum Leuchten bringst….Und ihr seid doch durch die Kellertüre herein, richtig?“

Wieder nickte Manuel und sah mich mit seinen wundervollen Augen an.

„Siehst du, als ich mir das alles zusammenreimte, da konnte ich nur auf dich kommen, Manuel!“

„Es tut mir alles so leid, Tom, ich….“

Ja, Tom, so hat er mich früher immer genannt und ich hab es gemocht.

Und dann begann Manuel zu erzählen von der Zeit mit etwa vierzehn Jahren, als er mit seiner Mutter weg von hier zog und wir getrennt wurden. Es war ein erschütternder Bericht und noch heute kommen mir beinahe die Tränen, wenn ich an all das denke, was der Junge erleben musste.

Er konnte nicht lange bei der Mutter bleiben, sie wurde wieder krank und Manuel kam zum Vater. Anfangs ging es ihm dort noch gut, aber schon bald wurde es anders. Sein Vater hatte da noch eine feste Arbeit, aber er traf immer öfter mit ehemaligen Knastkollegen zusammen. Er war ja, als Manuel noch klein war, längere Zeit wegen Betrügereien und kleinen Diebstählen, eingesperrt. Schließlich gab er seine Arbeit auf und verbrachte die meiste Zeit bei seinen Freunden. Auf Taschendiebstähle hatten sie sich spezialisiert, vor bei größeren Menschenansammlungen waren sie in ihrem Metier.

Es ging nicht lange gut und die Bande, sie arbeiteten ja zusammen, flog auf. Manuels Vater landete wieder hinter Gittern. Inzwischen war die Mutter verstorben und so schob man das Kind in ein Heim. Er war mit einem älteren Jungen auf einem Zimmer, der ihm das Leben zur Hölle machte, ihn drangsalierte und sogar sexuell missbrauchte.

So war Manuel recht froh, als ihn sein Vater, inzwischen entlassen, zu sich holte. Ja er konnte sogar eine Lehre als Koch beginnen, aber nicht vollenden, da der Betrieb in Konkurs ging. Ein anderer Ausbildungsplatz war auf Anhieb nicht zu finden.

Dafür ließ ihn sein Vater eine andere Ausbildung angedeihen – zum Taschendieb. Manuel sträubte sich anfangs vehement dagegen, aber was sollte er machen, wenn ihm sein „Lehrherr“ andernfalls mit Schlägen oder dem Heim drohte? Er war ja noch minderjährig und hätte auch gar kein Geld gehabt, eine eigene Wohnung zu nehmen. So musste er notgedrungen in den sauren Apfel beißen und dem Willen seines Vaters erfüllen. Natürlich wurde Manuel gleich beim ersten eigenen Versuch, jemanden zu beklauen, erwischt. Das ging dann noch einigermaßen glimpflich ab.

Aber beim nächsten Versuch wurde er wieder gefasst und nun landete er im Jugendgefängnis und kam wieder mit älteren Jungs zusammen. Denen musste er nun nach deren Lust und Laune seinen Hintern hinhalten. Und wehe er wehrte sich oder verpetzte sie, dann drohten sie ihm gar Schlimmeres an. Zum Glück dauerte sein Aufenthalt hinter Gittern nur ein paar Wochen, aber für ihn waren es die schlimmsten Wochen seines Lebens bisher, wie man sich denken kann.

Endlich entlassen wohnte er wieder bei seinem Vater und das Grauen ging jetzt erst richtig los. Sein eigener Vater „verkaufte“ seinen Sohn an sogenannte Freunde, für Bares konnten sie mit Manuel schlafen. Wieder hatte Manuel Glück, dass sein Vater bald darauf eingesperrt wurde.

Da Manuel inzwischen achtzehn war, konnte er in der Wohnung bleiben und mit Gelegenheitsarbeiten etwas verdienen. Wenigstens hatte er Ruhe von seinem Vater und seinen Knastbrüdern.

Das änderte sich nach ungefähr einem Jahr, als sein Vater auf Bewährung entlassen wurde und sofort wieder mit der Zuhälterei anfangen wollte. Manuel lief davon, schließ mal im Freien, mal im Obdachlosenasyl. Ein paarmal, so erzählte er, war er hier im Ort und ist sogar drauf und dran gewesen, zu mir zu kommen. Aber letztendlich hat er sich dann doch nicht getraut. Hätte er es doch nur getan!

Er war so verzweifelt, dass er sogar freiwillig zu seinem Vater zurückging. Dieser bestand nun gar nicht mehr darauf, dass Manuel seinen Freunden zur Verfügung stehen muss. Wahrscheinlich, so vermutete Manuel, war er jetzt zu alt, die standen doch mehr auf „Frischfleisch“. Manuel hatte anfangs wieder Gelegenheitsjobs, aber dann gabs nichts mehr, niemand wollte ihn. Sein Vater bestand aber darauf, dass Manuel Geld verdient, denn er selbst konnte sich ja wegen der Bewährungsfrist keine krummen Dinger mehr leisten.

Manuel sollte wieder mal in Vaters Fußstapfen treten, sprich mit Taschendiebstählen zum Lebensunterhalt beitragen. Mit Norbert, dem Einbrecher von heute, musste er auf Opfersuche gehen. Norbert konnte das sehr gut, nämlich Taschen ausrauben, aber Manuel konnte und wollte das auch nicht. Anfangs deckte ihn dieser Norbert und lieferte die geklauten Dinge als beiderseitige Beute ab und Manuels Vater war zufrieden. Aber dann kam es eines Tages doch raus, dass nämlich Manuel gar nichts zu den Diebstählen und zur Beutesammlung beitrug.

Und nun kam Manuels Vater auf die glorreiche Idee, wenn sein Sohn schon nicht für kleine Diebstähle taugte, so soll er es eben mit größeren Sachen, sprich Einbrüchen, probieren. Manuel wurde mitgeschleift, ob er wollte oder nicht. Sie sind zu dritt in der Gegend rumgefahren und haben Häuser ausgesucht, wo sie dachten, hier müsse es was zu holen geben. Und so sind sie schließlich auch bei meinem Anwesen vorbei gekommen, das ja von außen wirklich einen imposanten Eindruck macht.

Manuel wollte gar nichts davon wissen, als nämlich sein Vater und Norbert ausgerechnet mein Haus für den geplanten Einbruch aussuchten. Doch nicht das Haus von seinem ehemaligen besten Freund, das Haus, in dem er so viele glückliche Stunden verbracht hat. Aber sein Vater bestand darauf, dass es eben dieses Haus sein müsse, wo es bestimmt einiges zu holen gibt. Außerdem, so versicherte er Manuel, stehe das Haus meist leer, wie er von Bekannten von früher erfahren hatte.

Und so haben eben Manuel und dieser Norbert das Ding durchgezogen. Zwei absolute Anfänger auf diesem Gebiet, denn, wie ich richtig vermutet hatte, war auch Norbert noch nie auf Einbruch aus. Ist halt doch eine Nummer größer als ein Handtaschenraub oder Ähnliches. Jedenfalls hat Manuels Vater diesen vor die Wahl gestellt, entweder er bringt heute von dem Einbruch Geld oder sonstige verwertbare Sachen mit oder aber er braucht bei ihm gar nicht mehr auftauchen.

Jedenfalls sind dann Manuel und Norbert am frühen Abend mit der S-Bahn von München nach Herrsching gefahren, sind zu Fuß den Weg herauf ins Strittholz gegangen. Sie haben eine Zeit lang vor dem Tor gewartet, natürlich versteckt hinter Sträuchern, und haben das Grundstück beobachtet. Über den Zaun auf der Seite des Grundstücks, der an den Wald grenzt, sind sie geklettert und zum Haus hochgelaufen. Sie sahen sich dieses von allen Seiten an, merkten, dass nirgends Licht brannte, und wollten sich gerade daran machen, über den Keller ins Haus zu gelangen, als sie mein Auto hörten. Sofort versteckten sie sich hinter einem Gebüsch. Deshalb hab ich also die frischen Fußspuren gesehen. Sie warteten eine Zeit lang heraußen und gingen dann durch den Keller ins Haus und zu mir ins Wohnzimmer.

„Und warum hast du mich eigentlich die ganze Zeit so angestarrt, Manuel?“

Da sah er verlegen zu Boden und meinte dann:

„Naja, ich hab dich ja schon einige Jahre nicht mehr gesehen, und als ich dich dann so plötzlich vor mir hatte, ich hatte ja überhaupt nicht damit gerechnet, hier jemanden anzutreffen, jedenfalls konnte ich nicht anders, als dich dauernd anzusehen und all die schönen Erinnerungen an unsere gemeinsame Kinderzeit kamen mir wieder so richtig zum Bewusstsein.“

„War das eigentlich eine echte Pistole, mit der ihr mich bedroht habt?“

„Ach wo, das war ein Spielzeug, dieser Norbert könnte doch mit einer echten gar nicht umgehen und ich schon gleich gar nicht. Nicht mal mein Vater, der ja schon einiges angestellt hat, besitzt eine.“

„Und wie war das mit dem Christbaum, der hat es dir ja besonders angetan, oder Manuel?“

Wieder wurde er verlegen, ja ich glaubte, eine leichte Röte in seinem Gesicht zu erkennen.

„Der ist aber auch wunderschön der Baum, ich hab nur einmal Ähnliches gesehen, damals ebenfalls hier in diesem Wohnzimmer, als wir noch Kinder waren, und ich bei euch sein durfte. Und als ich so vor dem Baum stand, ich musste einfach die Lichter sehen und deshalb hab ich eingeschaltet. Ich war ganz weg von dem Lichterglanz, nicht nur am Baum, sondern überall hier im Wohnzimmer. Natürlich musste ich unwillkürlich an das Weihnachtsfest denken, das ich mit dir und deiner Familie feiern durfte. So schön und festlich hatte ich Weihnachten vorher nicht und hab es nachher nie mehr erlebt.

Wie oft hab ich in den vergangenen Jahren an den trostlosen Weihnachtstagen, die ich hatte, an eben dieses Fest bei euch gedacht. Es war wirklich wunderschön damals! Weißt du, Tom, mein Vater hatte überhaupt nichts für Weihnachten übrig. Geschenke bekam ich nicht, höchstens mal ein Packung Lebkuchen oder eine Flasche Glühwein. Die aber auch nicht von ihm, sondern von seinen Freunden, die vielleicht Mitleid mit mir hatten. Weihnachten sei was für kleine Kinder, waren immer die Worte meines Vaters. Was ihn aber nie daran hinderte, auf den Weihnachtsmärkten, die es ja überall gibt, aufzutauchen und den Leuten die Geldbörsen zu stehlen, die ja in dieser Zeit meist prall gefüllt waren.

Als meine Mutter noch lebte, da hat es schon Weihnachten bei uns gegeben. Aber es waren halt meist recht arme Festtage, denn Geld war nie genügend da und reichte nur für das Nötigste. Aber in den letzten Jahren fand Weihnachten für mich nur auf dem Kalender statt. Vater hat mit Freunden irgendwo gezecht und ich hab mich ins Bett verkrochen, hoffte, möglichst schnell und lange schlafen zu können, und an nichts anderes denken zu müssen.

Ach ja, das fällt mir ein, vor ungefähr vier Jahren etwa, da bin ich am 24.Dezember spätabends mit der S-Bahn hier hergefahren, bin zu Fuß rauf zu euch gegangen, bin über den Zaun geklettert und hab mich bis vors Haus geschlichen. Ich wollte doch so gerne nochmals euern herrlich geschmückten Baum sehen, wenn auch nur durchs Fenster, um einen kleinen Zipfel vom Weihnachtsglück zu erhaschen. Und so bin ich halt da draußen gestanden, hab hinaufgesehen zum Wohnzimmerfenster und hab wenigstens einen kleinen Teil des Baumes bewundern dürfen, soweit er halt im Fenster zu sehen war.

Ich hab euch oben Weihnachtslieder singen hören, dann ab und zu ein Lachen, Musik. Es duftete nach Glühwein und gutem Essen. Und ich stand da, hungrig, zitternd von der Kälte, nur wenige Meter vom absoluten Weihnachtsglück weg und doch meilenweit davon entfernt.

Es war bestimmt keine gute Idee gewesen, hier herzukommen, das hab ich dann schon gemerkt, denn jetzt fühlte ich mich erst recht arm und ein einsam. Ich weiß noch, dass ich den ganzen Weg hinunter zum Bahnhof und auch auf der Fahrt in der Bahn geheult habe.“

*-*-*

Manuel konnte nicht mehr weitererzählen, wieder hatte er Tränen in den Augen. Und ich muss sagen, auch ich hatte zu kämpfen, die Tränen zu unterdrücken. Wenn ich mir das vorstelle, da haben wir hier herinnen, nichts ahnend den Heiligen Abend festlich begangen, mit Musik, Essen und Trinken, es hat uns an nichts gefehlt und nur wenige Meter entfernt steht Manuel und….

„Warum um alles in der Welt, Manuel, bist du nicht hereingekommen, du wärst uns doch immer willkommen gewesen, das weißt du doch!“

„Ach Tom, ich hätte mich zu Tode geschämt, dir oder deiner Familie unter die Augen zu treten, einmal schon meiner ärmlichen Kleidung wegen, ich hatte ja nicht mal eine warme Winterjacke, für so was war ja nie Geld da. Und dann natürlich wegen meines Vaters, es war ja auch hier allgemein bekannt, dass er ein Knastbruder war und ist. Und ich war ja selber wegen dieser Dummheiten, von meinem Vater angetrieben, im Jugendknast, wenn auch nicht lange, aber ich befürchtete, es war ebenfalls bekannt.“

„Nein, ich wusste das wirklich nicht, hör es von dir zum ersten Mal. Ach Manuel, mir tut das alles entsetzlich leid, was dir widerfahren ist. Du hattest in deinem Leben, nicht nur einmal, wie sagen die Kids von heute, die Arschkarte gezogen, aber wirklich.“

„Nein Tom, nicht immer, denn die Zeit, die ich hier bei dir und deiner Familie verbringen durfte, das war eine glückliche Zeit, für die ich immer dankbar bin!“

Ich konnte nicht anders, ich musste Manuel über den Handrücken streichen und er lächelte mich an.

„Und wie geht es nun weiter, Tom….?“

„Was meinst du?“

„Nun ja, ich hab bei dir eingebrochen, wir haben dich geknebelt und so….wirst du mich….anzeigen?“

„Nein Manuel, ich hatte das nie vor und jetzt, nach allem, was ich von dir gehört habe, schon gleich gar nicht.“

Man konnte direkt sehen, wie erleichtert er über meine Aussage war.

„Danke Tom, das vergess ich dir nie! Aber ich hab dich jetzt lange aufgehalten, ich muss dann gehen. Aber wie ist es, darf ich dich wieder mal besuchen?“

„Aber wohin willst du denn gehen? Du hast doch selbst gesagt, deinem Vater darfst du ohne Beute nicht unter die Augen treten und du hast doch nichts erbeutet, oder?“

„Nein, ich hab absolut nichts. Naja, ich werd schon irgendwo unterkommen, bin ich immer, irgendwie…Ich weiß Tom, es war absolut falsch, heute hier bei dir und ausgerechnet bei dir, einzubrechen. Das tut mir wirklich leid, Tom! Aber andererseits – ich hab dich endlich wieder mal gesehen und mit dir reden können, wie mit keinem anderen Menschen vorher, und ich hab deinen wunderschönen Christbaum bewundern dürfen. Fast wäre ich geneigt zu sagen, es war nicht verkehrt, heute bei dir einzubrechen.“

Bei diesen Worten mussten wir beide lachen.

„Jetzt pass mal auf, Manuel, du bleibst heute Nacht hier bei mir! Ich lasse dich doch jetzt mitten in der Nacht nicht in die Stadt zurückfahren, noch dazu, wo du gar nicht weißt, wohin. Außerdem dürfte um die Zeit auch gar keine Bahn mehr fahren. Nein, du bleibst hier, kannst im Gästezimmer schlafen, das ist überhaupt kein Problem. Ich muss das alles, was heute geschehen ist und was ich von dir gehört habe, erst mal überschlafen. Und morgen beim Frühstück reden wir weiter. Irgendeine Lösung finden wir für dich. Zu deinem Vater jedenfalls lasse ich dich auf keinen Fall mehr zurück!“

„Ich kann das alles gar nicht glauben, Tom! Ich bin heute hier hergekommen, um bei dir einzubrechen, ich wollte dir Schaden zufügen. Und du hörst dir meine ganze Lebensgeschichte an, lässt mich bei dir schlafen, willst mir helfen, anstatt mich der Polizei zu übergeben, wie ich es verdient hätte….ich….ich“

Und dann kam er auf mich zu und hat mich umarmt und ich habe es mir gerne gefallen lassen.

„Schau Manuel, wir waren mal die besten Freunde und ich hatte dich sehr gerne, ja, ich mag dich immer noch. Da ist es doch selbstverständlich, dass ich dir helfe und nicht noch tiefer fallen lasse! Aber jetzt lass uns schlafen gehen, es ist wirklich schon sehr spät!“

*-*-*

„He Kleiner, ich bin wieder da! Hast du wieder von früher geträumt, wie immer, wenn du so alleine rumsitzt? Du hast so ganz abwesend ausgesehen.“

Hat er mich jetzt erschreckt, klar, wenn er so plötzlich in meine gedanklichen Ausflüge zu vergangenen Weihnachten platzt, da muss man ja erschrecken.

„Du warst aber lange weg, was hattest du denn so Wichtiges zu erledigen?“

„Naja, ich hab noch ein paar Sachen eingekauft. Und überall sind so viele Leute, stundenlang musst du an den Kassen warten. Warum die Leute immer bis zum letzten Tag mit ihren Einkäufen warten, das ist mir ein absolutes Rätsel!“

„A ha, und du hast ja auch heute noch eingekauft….“

„Ach das ist was ganz anderes, ich hab ja nur noch ein paar Kleinigkeiten….aber unbedingt muss ich jetzt den Baum fertig machen, weil ich dann noch….“

Schon ist er wieder in seinem Element, er kann halt nicht anders.

„Hilfst du mir Kleiner? Bitte, bitte!“

Wer könnte da schon widersprechen! Und so hängen wir gemeinsam die letzten Kugeln und Sterne an den Baum, der jetzt, vollständig geschmückt, wundervoll aussieht. Dann noch die letzten Figuren in die Krippe gestellt und unser Weihnachtszimmer ist komplett.

Nach einem kleinen Mittagsessen, das traditionelle Essen am Heiligen Abend gibt es ja erst am Abend, muss ich meinen Großen alleine lassen, er möchte beim Verpacken einiger Geschenke nicht gestört werden. Und da ich meine Geschenke längst verpackt habe, das Essen für heute Abend vorbereitet ist, und auch sonst nichts mehr zu tun ist, vorerst wenigstens, setze ich mich wieder an meinen Lieblingsplatz im Wintergarten mit Blick auf die winterliche Wunderwelt draußen und nehme unwillkürlich den Faden meiner Gedankengänge wieder auf, als ich vorhin so plötzlich vom heimkehrenden gestressten Lebenspartner gestört wurde.

*-*-*

Manuel hat also hier übernachtet. Ich konnte lange nicht einschlafen, weil mir zu viel durch den Kopf ging. Ich überlegte so manches, wägte das Für und Wider ab. Aber eigentlich stand mein Entschluss von Anfang an fest. Irgendwann hab ich dann doch schlafen können und bin so gegen acht Uhr aufgestanden.

Als ich die Küche betrat, da kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mit Vielem hatte ich gerechnet, nur nicht, dass Manuel ein Frühstück für uns hergerichtet hat. Der Tisch war gedeckt, frischer Kaffeeduft lag in der Luft, Brot, Marmelade, Butter, Wurst, Käse, also alles, was zu einem ausgiebigen Frühstück gehört, war auf dem Tisch.

Manuel selbst war aber nicht zu sehen. Ich suchte das ganze Haus ab, aber er war nirgends. Erst ein Blick aus der Haustüre zeigte mir, wo er war. Er war draußen und hatte bereits den ganzen Schnee im Hof vorm Haus weggeräumt. Und dabei hat er weder Handschuhe noch eine ordentliche warme Bekleidung an.

„Aber jetzt schnell ins Haus, Manuel, du erfrierst mir ja hier draußen!“ rief ich ihm zu, während er mir lächelnd zuwinkte.

Er stellte den Schneeschieber zur Seite und kam herein, natürlich völlig durchgefroren mit geröteten Wangen und klammen Fingern. Wie er mir dann erzählte, war er schon gegen sechs wach geworden, ist aufgestanden und hat sich überlegt, was er für mich tun könne. Er wollte mir einfach eine Freude machen, als Dankeschön, dass ich ihm gestern zugehört und nicht der Polizei übergeben habe und ihn sogar hier übernachten ließ.

„Wie hast du dich nur in der Küche so zurechtgefunden, Manuel?“

„Ach, das war gar nicht so schwierig, du weißt doch, wie oft ich bei dir war, und wir haben uns in der Küche was gekocht, wenn wir alleine waren. Ich hab das nie vergessen!“

„Aber du hättest das wirklich nicht tun müssen, Manuel, genauso das Schneeräumen. Und die Schaufel hat du auch gleich gefunden?“

„Natürlich, ich war ja doch auch oft im Winter hier. Und ich hab es immer so eigenartig empfunden, dass ihr hier heroben am Berg so viel Schnee liegen habt, während es bei uns unten im Ort nur wenige Zentimeter waren. Und erinnerst du dich noch, wie mal so viel Schnee lag, dass er uns bis zum Bauch herauf reichte und ich dich beinahe im Schnee verloren hätte. Ich hab geschrien und geheult, weil ich glaubte, du seiest im Schnee erstickt. Ach Tom, was waren das für Zeiten, damals….“

„Ja Manuel, ich weiß es schon noch, auch für mich sind das schöne Erinnerungen, die Zeit mir dir.“

Ich sah ihn an, sah in seine wunderschönen Augen, sah seine Lippen, die ich so gerne mal geküsst hätte. Aber wie sollte ich wissen, wie er darauf reagiert? Ja, ich war mir ziemlich sicher, dass ich Manuel nicht nur gern hatte, ich glaubte schon sagen zu können, dass ich ihn liebte.

„Du Tom“ meinte er dann nach einem Schluck Kaffee, „darf ich hernach nochmals deinen Christbaum einschalten, ich möchte ihn so gerne nochmals sehen, bevor ich dann gehe?“

„Auf keinen Fall, die Kerzen des Christbaumes werden erst heute Abend eingeschaltet, das war immer so. Gut, das gestern Abend war eine ….erzwungene Ausnahme.“

Sichtlich enttäuscht senkte Manuel den Blick, stellte die Tasse ab und meinte ganz kleinlaut:

 „Aber ich bin doch heute Abend gar nicht mehr….“

„Stopp Manuel, natürlich bist du…!“

„Was? fragte er ganz leise.

„Hör mal Manuel, ich hab vorm Einschlafen und auch heute Morgen lange über alles nachgedacht.“

Ich sah zu ihm, seine großen Augen sahen mich erwartungsvoll und gespannt an. Ich räusperte mich und sprach dann ganz theatralisch:

„Im Namen seiner königlichen Majestät bzw. seiner königlichen Hoheit des Prinzregenten ergeht folgendes Urteil: Der angeklagte Manuel wird wegen eines schweren Einbruchs….in das Herz von Thomas für schuldig befunden. Er wird dazu verurteilt, die Weihnachtsfeiertage beim Opfer zu verbringen. Die Kosten des Verfahrens kann der Angeklagte dadurch und sofort begleichen, in dem er seinem Opfer einen Kuss gibt. Die Sitzung ist geschlossen!“

Ich hatte deshalb diesen Ausflug in das „Königlich Bayerische Amtsgericht“ gewählt, weil wir die Sendung früher immer so gerne im Fernsehen angeschaut und uns über die urigen Typen köstlich amüsiert haben. Der letzte Satz mit dem Kuss war gemein von mir, aber was tut ein verliebter Kerl nicht alles, um an sein Ziel zu kommen. Die Frage war natürlich jetzt, wie Manuel darauf reagieren würde.

Manuel, der anfangs meines Vortrages nicht recht wusste, soll er lachen oder weinen, sah mich schließlich strahlend an und meinte nur:

„Ist das dein Ernst? Entschuldigung Herr Rat, ich nehme selbstverständlich das Urteil an, mit dem größten Vergnügen und will die Kosten umgehend begleichen dürfen.“

Und auf der Stelle zieht mich Manuel vom Tisch weg, nimmt mich in seine Arme und drückt mir einen Kuss auf, dass mir Hören und Sehen vergeht. Wo hat denn der das gelernt?

„Danke Tom, und ich darf wirklich Weihnachten bei dir bleiben? Endlich wieder ein echtes Fest mit Christbaum, Krippe, mit ….“

„Langsam Manuel, leider habe ich kein passendes Geschenk für dich, wie es sich halt für heute gehört hätte. Aber ich hab ein Idee, wir gehen hernach zusammen in mein Schlafzimmer und….“

„Ja?“ Manuel sieht mich mit rotem Kopf und fragenden Blick an.

„Nein, nicht um mit dir…ähm….ich möchte dir mit Bekleidung aushelfen. Schau, ich hab so viele Sachen, vor allem jetzt im Winter, und du musst mit so dünnem Zeug rumlaufen. Wir suchen zusammen von meinen Sachen einiges aus, so ungefähr müsste dir alles passen, schon gar die Wintersachen, die eh ein wenig größer sind. Schließlich möchte ich wirklich gerne heute Nacht mit dir den Wald hinauf nach Andechs zur Christmette gehen und da brauchst du unbedingt warme Sachen. Und du magst doch mitgehen, oder?“

„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, Tom, natürlich gehe ich gerne mit dir hinauf nach Andechs. Ich weiß ja noch, wie ich damals mit dir und deiner Familie zur Christmette gegangen bin, weil ich einfach noch alles vom damaligen Weihnachten weiß, war es doch mein bisher schönstes Fest. Und wie oft hab ich in den vergangenen Jahren, wenn ich am Heiligen Abend mutterseelenallein war und vor mich hin weinte, an die schönen Stunden hier bei euch gedacht und hab im Stillen gebetet, dass ich wenigstens noch einmal ein solches Fest erleben darf. Und dass mein Bitten gerade heuer nach diesem blöden Einbruchsversuch erhört wird…. ich kann es immer noch kaum glauben. Und weißt du, was ich jetzt möchte?“

„Was denn Manuel?“

„Ich möchte nochmals meine Gerichtskosten begleichen, ginge das?“ fragte er ganz schüchtern.

Ich brauchte einen Augenblick, bis ich begriff, was er damit meinte. Und als ich dann nur stumm nickte, da küsste er mich wieder, stürmischer als zuvor. Ich musste aber dann doch nachfragen:

„Manuel, du hast mit in der letzten Nacht zwar viel von dir erzählt, aber was ich überhaupt nicht weiß, hast du oder hattest du eine Freundin, oder einen…?“

„Nein Tom, ich habe und hatte auch keine, weil ich…naja, wie soll ich es sagen…also weil ich die Art Mensch lieber mag, die oben etwas weniger, dafür unten um so viel mehr haben, wenn du verstehst, was ich meine!“

„O ja, ich verstehe sehr gut, dann sind wir uns ja in der Beziehung einig, bei mir ist es doch nicht anders, auch ich mag die Leute, die, wie du es nanntest, unten mehr haben, viel lieber. Aber trotzdem habe ich bisher keinen festen Freund gefunden und du?“

Er schüttelt nur den Kopf, was mich nun doch mutiger werden ließ.

„Manuel, ich hoffe, du bist mir nicht böse, wenn ich es so direkt sage…ach was, ich sag es einfach gerade heraus: Manuel, ich liebe dich!“

Da sah er mich mit seinen wundervollen seeblauen Augen strahlend an und meinte:

„Ich auch!“

„Was?“ fragte ich ungläubig, „du liebst dich auch?“

„Dummkopf, ich meinte, dass ich dich auch liebe, eigentlich schon damals, als wir noch Kinder waren, aber so recht bewusst wurde mir das erst gestern Abend, als du so zusammengebunden auf dem Sofa lagst, so hilfebedürftig und allein gelassen…“

„Ja dann rede nicht lang, ich glaube die Gerichtskosten sind noch lange nicht beglichen!“

*-*-*

Ich hatte mich auf einen einsamen Heiligen Abend eingestellt, dem ersten nach dem Unfalltod meiner Eltern. Nun aber war Manuel bei mir und wir erlebten einen wundervollen Weihnachtstag.

Am späten Nachmittag sind wir auf den Friedhof, ich habe zum Todestag einen Strauß weißer Rosen auf das Grab gelegt. Manuel stand neben mir, und als er merkte, wie ich zu zittern und zu weinen begann, da legte er einen Arm um mich, zog mich zu sich und meinte:

„Nicht weinen Tom, sie haben es gut, glaub mir. So hab ich mich damals am Grab meiner Mutter auch getröstet. Und ich bin ja bei dir.“

Ja, es tat gut, Manuel neben mir zu haben. Später waren wir dann im Kinderheim und haben die Geschenke für die Kleinen überbracht. Ich hatte mir fest vorgenommen, diesen schönen Brauch meiner Eltern unbedingt fortzuführen.

Und auch Manuel war sichtlich beeindruckt von den strahlenden Kinderaugen. Wir blieben eine ganze Weile unter den Kindern, sahen zu, wie sie auspackten und sich an ihren Geschenken erfreuten. Manuel hat mir später gestanden, dass es eine ganz neue Erfahrung für ihn gewesen sei, wie die Freude der Beschenkten auf die Schenkenden übergeht. Er habe sich selten so wohl gefühlt, war so glücklich und zufrieden, wie in den Stunden im Heim.

Manuel war es auch, der mich auf die Idee brachte, ob es nicht möglich wäre, neben den Kindern im Heim, auch an die Obdachlosen zu denken. Er selbst hat ja hin und wieder in den letzten Jahren zu ihnen gezählt und mit ihnen unter Brücken geschlafen. Rudolf Mooshammer hat ja die Obdachlosen jedes Jahr zu Weihnachten besucht und mit Geschenken bedacht. Ich glaube, es wäre eine gute Idee, die ich im nächsten Jahr umsetzen werde, ganz im Sinne von „Moosi“, die Obdachlosen zu beschenken. Viele von ihnen, so hat mir Manuel erzählt, sind wirklich ohne eigenes Verschulden in dieser trostlosen Lage.

Es ist doch so, dass es den meisten von uns recht gut geht, wir haben doch alles, was man zum Leben braucht, keiner muss hungern oder frieren. Und da ist es leider so, dass man gerne die vergisst, für die das alles nicht selbstverständlich ist. Da muss erst ein Manuel kommen, damit man daran erinnert wird.

Es war niemand Geringerer als Mutter Theresa, die einmal sinngemäß gesagt hat, dass es viel leichter ist, an all die Armen und Hungrigen in fernen Ländern zu denken und für sie zu spenden, als an die zu denken, die mitten unter uns leben und arm und allein sind und für die wir nicht mal ein Lächeln übrig haben.

Als wir dann vom Heim zurückgekehrt sind, merkte ich, dass Manuel irgendetwas auf dem Herzen hatte und es dauerte auch nicht lange und er rückte mit der Sprache heraus: Es täte ihm einfach so leid, dass er kein Geschenk für mich hätte. Und so überlege er schon die ganze Zeit, wir er mir dennoch eine kleine Freude machen könne. Aber dann hatte er plötzlich doch eine Idee und bat mich, ob er sich mal in der Küche und Speisekammer ein wenig umsehen dürfe. Ich erlaubte es ihm natürlich.

Nach ein paar Minuten kam er freudestrahlend aus der Küche.

„Alles da, was ich brauche! Lässt du mich bitte die nächste Stunde allein in der Küche? Soll doch wenigstens eine kleine Überraschung werden.“

 Natürlich ließ ich ihn allein, überlegte aber, was das für eine Überraschung werden wird. Will er mir was kochen oder backen? Was sollte man auch sonst in der Küche tun.

Naja, mir kam es jedenfalls gelegen, nochmals alleine zu sein, weil ich ja immer noch am Überlegen war, ob mir nicht doch noch ein Geschenk für Manuel einfällt. Kaufen konnte ich jetzt nichts mehr, das war klar. Ein Gutschein vielleicht für irgendwas? Nein, ich halte nicht viel von Gutschein-Geschenken. Geld? Könnte er sicher gut brauchen, aber wäre das nicht zu protzig?

Ich dachte an unsere gemeinsame Kinderzeit zurück, was er denn damals gerne mochte oder tat. Ja und da fiel mir plötzlich wieder etwas ein. Ja, das ist es! Ich hatte damals für Manuel eine Kette mit einem goldenen Kreuzchen gekauft. Ich hatte das gleiche und es hat Manuel so gut gefallen. Ich wollte es ihm zum Geburtstag schenken. Aber es kam eben dazwischen, dass er an seinem Geburtstag gar nicht mehr hier wohnte. Er war doch so plötzlich mit seiner Mutter weggezogen.

Ja, das Kettchen müsste irgendwo noch hier sein. Und so machte ich mich auf die Suche und war selber überrascht, dass ich es in relativ kurzer Zeit tatsächlich gefunden habe. Es war nach wie vor in einer kleinen Schatulle verpackt. So brauchte ich nur noch ein wenig Weihnachtspapier, eine rote Schleife und ein kleines Kärtchen und fertig war mein Geschenk.

Nach einer Weile duftete es im ganzen Haus nach frischgebackenen Kuchen. Also das ist es, er bäckt mir einen Kuchen! Wie war ich gespannt auf das Ergebnis seiner Backbemühungen. Wenn ich da an meine Erfolge bezüglich Kuchenbäckerei denke – naja, Manuel wird wohl wissen, auf was er sich einlässt.

„Du hast es ja sicher eh schon gerochen, dass ich einen Kuchen gebacken habe, aber noch dauert es ein bisschen, muss noch auskühlen und er muss noch verziert werden, erst dann bekommst du ihn!“

Mit diesen Worten erschien Manuel wieder bei mir und nun wurde es auch Zeit für unser Abendessen. Und da hielt ich es, wie in all den Jahren zuvor als meine Eltern noch lebten, es gab Würstl mit Kraut. Also nichts Außergewöhnliches, nicht unbedingt ein Festessen, aber eben unser traditionelles Essen an Heiligabend.

Nie werde ich den Moment vergessen, als Manuel dann die Christbaumbeleuchtung einschaltete, denn das hab ich natürlich ihm überlassen. Das Strahlen seiner Augen dabei, ja es erinnerte mich ein wenig an die Begeisterung der Kinder im Heim, als sie die vielen Geschenke sahen und auspacken durften. Immer wieder sah er den Baum von oben bis unten an, dann blickte er zu mir her und lächelte. Schließlich kam er auf mich zu und umarmte mich und ich sah Tränen in seinen Augen.

„Aber Manuel, du weinst ja!“

„Freudentränen, Tom, Freudentränen!“

Er hatte inzwischen Sachen von mir angezogen, einen warmen Pullover, der ihm ohnehin besser passte als mir und eine dazu passende Cordhose. Natürlich hat er auch Unterwäsche und Socken von mir bekommen, denn was er da am Leib getragen hatte – reden wir nicht mehr davon!

Und dann war Zeit für mein Geschenk und wie sehr hat er sich doch über die Kette gefreut, die ich ihm gleich umhängen musste. Nun bekam ich auch seinen Kuchen, einen Glühweinkuchen, wie er mir erklärte, den er sehr hübsch verziert hatte. Ja, da hat er sich wirklich sehr viel Mühe gemacht. Und das sag ich ihm auch.

„Aber es ist doch nur eine winzige Kleinigkeit, die ich für dich habe, ganz im Gegensatz zu dem, was du für mich getan hast und mir gibst.“ meinte er daraufhin.

„Ach Manuel, es kommt doch gar nicht auf die Größe oder den Wert eines Geschenkes an, sondern darauf, dass man mit Liebe schenkt. Und dass du das tust, das weiß ich.“

Spät in der Nacht sind wir dann hinauf durch den Winterwald nach Andechs zur Mitternachtsmette, Manuel mit einer gut gefütterten Winterjacke, einer wärmenden Haube und festen Winterstiefeln. Gut, dass ihm meine Sachen so passten. Er sollte wirklich nicht mehr frieren müssen!

Hand in Hand sind wir den Berg hinauf und ich muss sagen, ich war glücklich, wie kaum zuvor, Manuel an meiner Seite zu wissen. Und irgendwo, mitten im Wald, bin ich stehen geblieben, hab Manuel in den Arm genommen und ihn gefragt:

„Manuel, willst du bei mir bleiben?“

„Aber natürlich bleib ich bei dir, glaubst du, ich laufe alleine durch den Wald? Auch wenn jetzt der Mond durch die Wolkendecke rauslugt, alleine möchte ich hier trotzdem nicht sein!“

 

„Ach du Dummerchen, ich meine doch nicht jetzt und hier. Ich möchte, dass du für immer bei mir bleibst, könntest du dir das vorstellen?“

„Ich weiß gar nicht was ich dazu sagen soll, Tom, ich…du…Jetzt habe ich all die Jahre keine echten Weihnachten erlebt und heute bekomm ich ein Geschenk nach dem andern. Ich kann es einfach gar nicht glauben, es ist alles wie ein Wunder, ein Weihnachtswunder für mich. Du machst mich wirklich sehr glücklich, Tom! Und ja, tausendmal ja, ich möchte gerne bei dir bleiben, weil ich dich liebe!“

*-*-*

Am ersten Feiertag war ich ja bei meiner Schwester eingeladen. Ich hab sie übrigens gleich am Morgen des Heiligen Abend noch angerufen, um sie zu beruhigen. Ich hatte ihr doch von den Spuren im Schnee erzählt und sie machte sich Sorgen. Ich hab ihr natürlich nichts vom Einbruch erzählt, sondern nur, dass ich Besuch von Manuel bekommen habe. Und da sie ihn von früher gut kannte und sympathisch fand, hatte sie überhaupt nichts dagegen, dass ich ihn mitbringe.

Bei unserem Besuch habe ich ihr dann unter vier Augen in groben Zügen von Manuels schlimmen Schicksal erzählt. Sie war genau so erschüttert wie ich, als ich es in der Nacht von Manuel hörte.

„Kümmere dich um ihn, lass ihn nicht mehr allein, ich glaube, einen besseren Freund könntest du nicht kriegen, das sag ich dir!“ so waren ihre Worte.

*-*-*

Tags darauf war dann die Familie meiner Schwester bei uns zum Essen. Manuel hat uns mit seinen Kochkünsten wahrlich überrascht. Ich hab schon ein bisschen bei den Vorbereitungen mithelfen dürfen, aber die Ehre für das vorzügliche 3-Gänge-Menü, die gebührt allein Manuel. Und da er mit Kindern sehr gut umgehen kann, hingen die Kleinen meiner Schwester ständig an ihrem „Onke Manu“.

Es war schön, die ganze Familie hier zu haben, aber dennoch waren wir froh, als wir abends endlich allein waren und Zeit füreinander hatten. Immer wieder wollte Manuel seine angeblichen Gerichtskosten einlösen. Ich verwehrte ihm diese nicht, meinte aber auch, dass er sich das Gerede sparen könne. Ist ja auch wahr, er will mich küssen, ich will ihn küssen, also wo ist da das Problem? Dann küssen wir uns eben so oft wie wir mögen und brauchen keine Ausrede von wegen Gerichtskosten.

Manuel frage mich dann auch, wie er sich in Zukunft hier nützlich machen könne oder ob ich ihn im Betrieb brauchen könne.

„Ich möchte gerne, Manuel, dass du in Zukunft hier den Haushalt führst. Hört sich jetzt hochtrabend an, wir sind ja nur zwei Personen, außer wir haben Besuch so wie heute. Aber ich glaube, dass dir das am ehesten liegt, vor allem deine Kochkünste, die haben es mir angetan. Die Küche ist in Zukunft dein Revier, da hat dir niemand, auch ich nicht, etwas dreinzureden. Du kaufst ein, was du brauchst, du kochst, was du willst. Ich bin beim Essen überhaupt nicht wählerisch, ich esse alles, was du auch magst, das weißt du ja von früher und das wird sich kaum geändert haben. Und dass du ein guter Koch bist, das hast du heute wahrhaft bewiesen. Das Wichtigste für mich aber ist, dass jemand da ist, wenn ich heimkomme, der auf mich wartet und für den es ich lohnt, heimzukommen. Das war ja das Trostlose im vergangenen Jahr, seit meine Eltern tot sind, keiner hat auf meine Heimkehr gewartet, das Haus war leer und kalt.“

„Ich werde mein Möglichstes tun, Tom, dass du immer gerne heimkommst und nie mehr einsam bist. Aber nach dem Winter, wenn es dann auch im Garten viel zu tun gibt, da kann ich doch auch mithelfen, oder?“

„Wenn du das gerne magst, selbstverständlich kannst du das dann. Mein Gärtner ist eh nicht mehr der Jüngste und jammert dauern über Rückenprobleme, lange werden wir ihn sowieso nicht mehr haben. Aber ich habe ja auch vor, in spätestens einem Jahr im Betrieb, den ich ja von den Eltern übernommen habe, soviel Arbeit delegiert zu haben, dass ich öfter und nicht nur am Wochenende daheim sein kann. Ich mag doch auch gerne im Garten werkeln, aber im letzten Jahr habe ich dort überhaupt nichts tun können, blieb einfach keine Zeit. Und das muss jetzt anders werden! Ich hab gute Leute, denen ich vertrauen kann, dass der Betrieb läuft, auch wenn ich nicht da bein. Dafür wirst halt du, Manuel, mit mir vorlieb nehmen müssen, da ich dann öfter zu Hause und bei dir sein werde. Ja, ich möchte dann viel Zeit mir dir verbringen, möchte dich ein bisschen entschädigen für die verlorenen letzten Jahre.“

„Das hast du mit diesem Weihnachtsfest bereits getan, Tom!“

„Und ich hoffe, es werden noch viele schöne gemeinsame Feste, Manuel! Aber jetzt was ganz anderes, ja, ist nicht gerade das Naheliegendste, vom Wunsch auf viele gemeinsame Feste auf so was profanes wie Unterhosen zu kommen. Ja, lach nicht, aber mir ist gerade eingefallen, dass ich noch etwa ein Dutzend originalverpackte Unterhosen in meinem Wäscheschrank habe. Hab sie nie ausgepackt, weil ich eh so viele habe, Boxer, Retroshorts oder wie sie alle heißen. Ich suche sie gleich mal raus, warte hier auf mich, bin gleich wieder bei dir!“

 

Und ich kam mit einem Stapel Unterhosen zurück und Manuel musste sie anprobieren, eine nach der anderen und sie mir vorführen. Es war zwar von vornherein klar, sie ihm alle passen, aber wer will sich schon die Gelegenheit einer Unterhosen-Modenschau entgehen lassen, noch dazu von einem für diese Zwecke bestens geeigneten Modell vorgeführt, von meinem Manuel.

Freilich merkte man seinem Körper schon an, dass er nicht immer genügend zu essen bekommen hat. Einige Pfunde mehr könnte er schon vertragen, aber das wird sich in Zukunft ändern, dafür werde ich schon sorgen, ganz bestimmt werde ich das.

Als Manuel dann die letzte Hose vorgeführt hatte, wobei die Ausbuchtung von Hose zu Hose immer stärker wurde, da kam er aufreizend auf mich zu und setzte sich auf meinen Schoß. Ich konnte nun direkt feststellen, dass die Wölbung real war und eventuelle weitere Anprobehosen wahrscheinlich den Rahmen gesprengt hätten, im wahrsten Sinn des Wortes.

Da saß er also auf meinem Schoss und flüsterte mir ins Ohr, ob ich ihm denn nichts vorführen wolle. Nun, ich hatte selbstverständlich auch was zum Vorführen und so dehnte sich dieser Abend bis in die späte Nacht aus.

*-*-*

Ein paar Tage nach Weihnachten sind wir dann zusammen zu der Wohnung von Manuels Vater gefahren. Manuel packte ein paar Sachen, die ihm gehörten, zusammen. Sein Vater war zwar anwesend, hat aber kaum Notiz von uns genommen. Er starrte auf den Fernseher, als ob sein Leben davon abhinge. Dabei war es ein normales Skispringen, das ihn so faszinierte.

Nur einmal, als ihm nämlich Manuel den Schlüssel gab und erklärte, dass er ausziehe und eine andere Wohnung hat, da gab er ein paar Grunzer von sich, was sich so anhörte als wie, Manuel solle sich hier bloß nicht mehr blicken lassen, weil er eh zu nichts tauge. Nun gut, dieses Kapitel war damit abgeschlossen, sein Vater war für ihn Geschichte. Ich war froh, dass es so abgegangen war.

*-*-*

„So Kleiner, hab alles erledigt, wir können dann los, wenn du auch mal fertig bis!”

Ah ha, da schau her, mein Großer lässt sich auch mal wieder sehen.

„Was heißt da, wenn du auch mal fertig bist, schließlich warte ich schon die ganze Zeit auf dich!“

Ja, wir haben heute Nachmittag noch ein volles Programm vor uns. Zuerst müssen wir nach München. Dort im Saal einer größeren Gaststätte ist die Weihnachtsfeier für Obdachlose, von der Caritas und anderen Hilfsorganisationen ausgerichtet und von mir großzügig finanziell unterstützt. Es gibt zuerst ein warmes Essen, Suppe, Braten und Nachspeise, dann Kaffee oder Früchtepunsch, dazu Plätzchen und Stollen. Es werden Weihnachtsgeschichten vorgelesen, eine Münchner Stubenmusi spielt weihnachtliche Weisen und alle zusammen singen wir die bekannten Weihnachtslieder. Zum Schluss bekommt jeder Anwesende eine große Tüte mit viel Gebäck, Säften, sonstigen Lebensmitteln. Auch für die, die sich aus irgendwelchen Gründen genieren, zur Feier zu kommen, ist gesorgt. So nehmen ihre „Kollegen“ für sie die Tüten mit und wir vertrauen darauf, dass sie auch wirklich an die rechtmäßigen Leute kommen.

Wir nehmen uns viel Zeit für die Menschen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen. Wir reden mit jedem, der reden will, hören uns ihre Sorgen an, versuchen, eine Hilfe anzubieten, soweit es uns möglich ist. Wir sind aber auch sehr glücklich, wenn wir die Freude der Obdachlosen über diesen Nachmittag miterleben.

Allerdings haben wir nie soviel Zeit, wie wir eigentlich gerne hätten, denn auf 17 Uhr ist ja die Bescherung im Kinderheim angesetzt. So war es immer schon, auch als meine Eltern noch lebten. Und es gibt für mich nichts Beglückenderes als diesen Termin an Heiligabend im Heim. Wer einmal diese leuchtenden Kinderaugen gesehen hat, wird das nie vergessen können. Diese Kinder, die vom Schicksal nicht gerade mit Glaceehandschuhen angefasst wurden, die können sich noch freuen, auch über kleine Geschenke, wozu unsere Wohlstandskinder doch gar nicht mehr in der Lage sind.

Wir sind wieder zurück in unserem Haus, etwas müde, aber ausgesprochen glücklich darüber, hilfebedürftigen Menschen so viel Freunde bereitet zu haben. Und diese Freude kommt ja auf uns zurück.

„Ich weiß nicht, aber irgendwie ist mir das heute im Kinderheim ein wenig zu schnell gegangen, so als wollten sie uns nicht mehr dabei haben, ist dir das auch aufgefallen, Großer?“

„Ja, ich hab was gehört, dass die Kinder heute Abend noch irgendwo singen müssen, vielleicht deshalb der Stress, Kleiner, aber mach dir nichts draus, schön war es trotzdem wieder!“

„Heute müssen die noch wo singen? Schon komisch, dass man den Kleinen das antut, am Heiligen Abend!“

„Ja, komisch. Aber was anderes, Kleiner, tust du mir einen Gefallen?“

„Gerne, aber welchen?“

„Kannst du jetzt vielleicht eine halbe Stunde oder so….ähm…verschwinden?“

„Was…. verschwinden?“

„Ja, also ich möchte, dass du drinnen bleibst, in der Küche vielleicht, ja? Aber bitte nicht rausschauen, bitte, bitte! Soll doch eine Überraschung werden!“

„Überraschung?“

„Ja, ist ja Weihnachten, da gehören doch Überraschungen dazu, oder?“

Nun, ich gehorche und begebe mich in die Küche und bin sehr gespannt, was jetzt kommen wird.

Es dauert dann doch mehr als dreißig Minuten, bis mein Großer in der Küche erscheint und mich bittet, mit nach draußen vor das Haus zu kommen.

„Aber zieh dir was Warmes an, es ist bitterkalt draußen!“

Nachdem auch diese Bitte erfüllt ist, treten wir gemeinsam hinaus. Und ich traue kaum meinen Augen: Stehen doch da in einer Art Halbkreis jede Menge Kinder, bestimmt zwanzig oder noch mehr. Und, ja klar, das sind Kinder vom Heim, wo wir eben zur Bescherung waren, ich kenn doch die Gesichter. Freilich sind die Kinder jetzt alle hübsch verpackt mit Wintermäntelchen, Pudelmützen und warmen Stiefelchen, alles neu und ein Teil der heute von uns bekommenen Weihnachtsgaben.

In den Schneehaufen, die links und rechts von der Einfahrt aufgetürmt sind, sind brennende Fackeln eingesteckt, die mit ihrem Feuerschein alles erhellen und dem Ganzen ein festliches Gepräge geben.

Kaum sind wir aus dem Haus getreten, fangen die Kinder zum Singen und Musizieren an. Ja, sie haben Instrumente dabei, ich sehe auf einem Tischchen eine Zither, ein Hackbrett, ich sehe Geigen, Flöten und Klarinetten. Ich wusste, dass in diesem Heim viel Wert auf eine musikalische Ausbildung gelegt wird, hatte aber keine Ahnung, wie gut sie schon sind.

Und sie lassen all die bekannten weihnachtlichen Weisen erklingen, die jeder seit Kindertagen kennt und die wir doch immer wieder gerne hören. Das ist also ihr Auftritt heute Abend und das hat alles mein Großer arrangiert! Ich sehe zu ihm, der neben mir der Darbietung der Kinder lauscht, und lächle ihm zu. Und er nickt und sieht absolut zufrieden aus, weil er weiß, dass die Überraschung gelungen ist und er mir eine große Freude bereitet, eine echte Weihnachtsfreude.

Doch was ist das? Hinter uns vom Wald her ist der Klang einer Trompete zu hören, erst eine, dann sind es deren Zwei. Und sie sind immer lauter zu hören, sie nähern sich uns und sind nun direkt bei den anderen Musikanten und Sängern angekommen. Es sind auch zwei Buben aus dem Heim, wie ich jetzt erkenne, beide dürften so um die Vierzehn sein und beherrschen ihr Instrument fast so gut wie die Großen. Wer weiß, vielleicht tritt einer in die Fußstapfen eines Stefan Mross oder eines Walter Scholz?

„Fröhliche Weihnacht überall, tönt es durch die Lüfte froher Schall…“so spielen die beiden und die übrigen Kinder singen dazu mit. Und man merkt, mit welcher Begeisterung die Kinder bei der Sache sind. Wenn sich auch mal ein Ton etwas schief anhört, der Klang eines der Instrumente ein bisschen daneben liegt, was macht das schon. Den Kindern macht es Spaß und mir bereiten sie eine große Freude.

„Ja, Großer, die Überraschung ist dir gelungen! Mit Vielem habe ich gerechnet, aber nicht damit!“ flüstere ich ihm zu. Und er strahlt übers ganze Gesicht.

Zum Abschluss bedankt sich die Heimleiterin, die mit zwei Schwestern gekommen ist, im Namen der Kinder und in ihrem Namen nochmals bei uns für die vielen Geschenke. Und ich erwidere den Dank für diese wundervolle Überraschung.

Schließlich singen wir alle zusammen das Lied von der Stillen und Heiligen Nacht und es ist nicht zu übersehen, wie manche Träne weggewischt wird.

Bevor sich die Kinder auf den Heimweg machen, das heißt, sie brauchen nur bis zum Tor runter gehen, dort wartet ein Bus auf sie, bekommen alle noch ein Glas Früchtepunsch. Ich weiß auch nicht, wo den mein Großer so schnell hergezaubert hat. Muss er alles vorbereitet haben, darum die Hektik schon am Morgen. Und alles, um mir eine Freude zu bereiten.

Es war wunderschön mit den Kindern da draußen, festlicher und feierlicher kann man den Heiligen Abend kaum gestalten. Trotzdem sind wir beide jetzt froh, allein zu sein um unser privates Weihnachten zu feiern, bevor wir uns in der Nacht aufmachen, hinauf nach Andechs wandern.

Ich sitze mit meinem Großen eng umschlungen auf dem Sofa im Wohnzimmer. Vor uns im Blickpunkt der Christbaum mit den unzähligen Lichtern, daneben, ganz im Kontrast, das winzige Stalllichterl der Krippe.

„Du übrigens Kleiner, wann müssen wir….“

„Sag mal, Großer,“ unterbreche ich ihn, „müssen wir uns denn immer mit Kleiner und Großer anreden? Ist doch irgendwie blöd, findest du das nicht auch?“

„Hast recht, Kleiner! Autsch, Kleiner soll ich ja nicht mehr sagen, also hast recht Tom!“

„Ja, so heiße ich, hast ja früher auch gewusst, du Großer du, Manuel!“

Jawohl Manuel ist mein „Großer“, wir sind nun schon einige Jahre beisammen und immer noch sehr glücklich miteinander. Freilich gibt es auch Probleme, gibt es hin und wieder Streit, wie eben in jeder Beziehung. Aber wenn man sich liebt, findet man für alles eine Lösung und endet jeder Streit mit einer Versöhnung.

„Du Klei….ähm Tom, wie wäre es eigentlich gekommen, wenn ich nicht bei dir, na du weißt schon, damals am Tag vor Heiligabend….“

„Ich weiß es nicht, Manuel, ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß aber, dass ich sehr froh bin, dass du es getan hast und wir uns so wieder gefunden haben. Ja, es ist schon so, das Schicksal geht oft seltsame Wege, um zwei Menschen, die füreinander bestimmt sind, zusammenzubringen!“

„Und ausgerechnet an Weihnachten, ist schon sonderbar, aber dafür wird ja Weihnachten auch das Fest der Liebe genannt, nicht wahr Tom?“

„Und daher ist es bestimmt nicht verkehrt, wenn ich dir an diesem Fest der Liebe wieder mal sage, wie sehr ich dich liebe, mein Manuel, mein Alles!“

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1 Kommentar

    • Michael auf 22. Dezember 2013 bei 22:01
    • Antworten

    hab jetzt schon zum 2. Mal deine Geschichte gelesen…..

    nett, hat mich gerührt, saß da und musste Pausen einlegen, die Tränen hatten mir die Sicht versperrt.
    Ein gesegnetes besinnliches Weihnachtsfest
    Gruß Michael

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